DER CHRONIST
Kaum war das Jahr zwei Monate alt, da verlor die Republik ihren ersten Reichspräsidenten, und noch ehe man ihn zu Grabe getragen hatte, meldete sich in einem Münchener Bierkeller eine totgeglaubte Partei zu neuem Leben zurück. Im Frühjahr entschied das Volk in zwei Wahlgängen über die Nachfolge im höchsten Staatsamt, und mit Generalfeldmarschall von Hindenburg zog ein Mann ins Schloss Wilhelmstraße ein, dem vor Jahresfrist kaum jemand diese Rolle zugetraut hätte. Der Sommer brachte die Räumung der Ruhrzone durch die einstigen Besatzer, aber auch einen neuen Handelskrieg mit Polen. In Dayton, Tennessee, focht ein Lehrer vor Gericht für die Lehre Darwins, während auf Helgoland ein junger Göttinger Physiker mit einer neuen Mechanik der kleinsten Dinge rang. Chaplins Goldgräber eroberten die Leinwände, ein Schotte übertrug erstmals ein Menschengesicht mit allen Schattierungen über den Äther, und im Oktober trafen sich in einem Schweizer Städtchen am See die Aussenminister der grossen Mächte zu einem Werk, das Europa den ersehnten Ausgleich bringen soll. Das Jahr endet mit einer feierlichen Unterzeichnung in London, einer neuen Oper in der Staatsoper Unter den Linden und der leisen Hoffnung, dass dem Deutschen Reich nach Inflation, Ruhrkampf und Bürgerkriegsjahren nun endlich ruhigere Zeiten bevorstehen.
Hindenburg löst Ebert als Reichspräsident ab — ein Jahr der Wahlen

Nach dem plötzlichen Tod des Reichspräsidenten Friedrich Ebert musste das Reich im Frühjahr zum zweiten Mal in seiner jungen Geschichte über die Besetzung des höchsten Staatsamtes entscheiden. Im ersten Wahlgang am 29. März traten sieben Bewerber an: Karl Jarres (Reichsblock aus DNVP und DVP) kam mit 10.416.658 Stimmen auf 38,8 Prozent, Otto Braun (SPD) folgte mit 7.802.497 Stimmen (29,0 Prozent), Wilhelm Marx (Zentrum) erreichte 3.887.734 Stimmen (14,5 Prozent), Ernst Thälmann (KPD) 1.871.815 Stimmen (7,0 Prozent), Willy Hellpach (DDP) 1.568.398 Stimmen (5,8 Prozent), Heinrich Held (BVP) 1.007.450 Stimmen (3,7 Prozent) und Erich Ludendorff für die Völkischen 285.793 Stimmen (1,1 Prozent). Da niemand die absolute Mehrheit erreichte, war ein zweiter Wahlgang nötig.
Zur allgemeinen Überraschung verzichtete Jarres auf eine erneute Kandidatur; an seiner Stelle bewarb sich für den nunmehr erweiterten Reichsblock der 77-jährige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der greise Sieger von Tannenberg. Im zweiten Wahlgang am 26. April einigten sich die bürgerlichen Mittelparteien und die Linksparteien nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten gegen ihn: Hindenburg erhielt 14.655.641 Stimmen (48,3 Prozent), der nun von einem "Volksblock" aus SPD, Zentrum und DDP getragene Wilhelm Marx 13.751.605 Stimmen (45,3 Prozent) und Thälmann für die KPD 1.931.151 Stimmen (6,4 Prozent). Am 12. Mai trat Hindenburg sein Amt als zweiter Reichspräsident der Republik an und leistete den Eid auf die Verfassung, deren monarchistischer Gegner er einst gewesen war.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres — in fünf deutschen Ländern wurde 1925 der Landtag neu bestellt:
- Lippe, 18. Januar — SPD 34,3 % (8 Sitze) vor DNVP 25,4 % (6 Sitze) und DVP 15,7 % (3 Sitze). Die Sozialdemokraten blieben stärkste Kraft, verloren aber ihre einstige absolute Mehrheit.
- Schaumburg-Lippe, 3. Mai — SPD 45,4 % vor einer Einheitsliste aus DNVP, DVP und Landbund mit 34,4 %; 15 Sitze insgesamt.
- Waldeck, 17. Mai — der bürgerlich-bäuerliche Landbund wurde mit 33,5 % stärkste Kraft (7 von 17 Sitzen) vor der SPD mit 18,6 % (3 Sitze); DNVP 16,1 % (3 Sitze).
- Oldenburg, 24. Mai — der "Landesblock" aus DNVP und DVP siegte mit 34,6 % (15 von 40 Sitzen) vor dem Zentrum (24,4 %, 10 Sitze) und der SPD (22,5 %, 9 Sitze).
- Baden, 25. Oktober — das Zentrum blieb mit 36,8 % (28 von 72 Sitzen) stärkste Partei, die SPD kam auf 20,8 % (16 Sitze); im November bildeten Zentrum und SPD unter dem Zentrumsmann Gustav Trunk erneut die Regierung.
Reichsweite Volksbegehren oder Volksentscheide fanden 1925 nicht statt.
Reichspräsident Friedrich Ebert gestorben

Am 28. Februar ist der erste Reichspräsident der Republik, Friedrich Ebert, im Alter von 54 Jahren in Berlin gestorben. Der frühere Sattlergeselle und SPD-Vorsitzende hatte sich seit Wochen mit heftigen Bauchschmerzen durch seine Amtsgeschäfte gequält, ohne sich der dringend gebotenen Operation zu unterziehen; ein Blinddarmdurchbruch mit nachfolgender Bauchfellentzündung setzte seinem Leben ein Ende. Nahestehende führen sein Zögern auch auf die Erschöpfung durch einen Beleidigungsprozess vor dem Magdeburger Landgericht zurück, in dem Ebert sich gegen den Vorwurf des "Landesverrats" wegen seiner Rolle bei den Munitionsarbeiterstreiks des Krieges zur Wehr setzen musste und in dessen Urteil das Gericht ihm, obgleich es ihn selbst freisprach, gleichwohl "Landesverrat im staatsrechtlichen Sinne" attestierte — ein Verdikt, das ihn tief getroffen haben soll.
Ebert war 1919 von der Weimarer Nationalversammlung zum ersten Reichspräsidenten gewählt worden und hatte das Amt durch die Wirren der Nachkriegsjahre, Inflation, Ruhrkampf und zahlreiche Regierungskrisen gesteuert. Die Beisetzung fand unter grosser Anteilnahme in seiner Heidelberger Wahlheimat statt. Reichstagspräsident Paul Löbe übernahm bis zur Neuwahl kommissarisch die Amtsgeschäfte des Reichspräsidenten.
Aus heutiger Sicht
Hindenburg, Eberts gewählter Nachfolger, amtiert bis zu seinem Tod 1934; am 30. Januar 1933 ist es ausgerechnet er, der Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt — ein Schritt, den im Jahr dieser Wahl kaum jemand für möglich gehalten hätte. Die Hoffnung, ein Feldmarschall ohne Parteibindung könne die Republik stabilisieren, erweist sich im Rückblick als folgenschwerer Irrtum.
Die NSDAP meldet sich zurück

Im selben Münchener Bürgerbräukeller, in dem sie vor gut zwei Jahren ihren gescheiterten Marsch auf die Feldherrnhalle begonnen hatte, ist die seit dem Putschversuch verbotene NSDAP am 27. Februar neu gegründet worden. Adolf Hitler, seit seiner vorzeitigen Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg Ende vergangenen Jahres wieder auf freiem Fuss, sprach vor überfülltem Saal und erklärte die zerstrittenen völkischen Gruppen, in die sich seine Anhängerschaft während des Verbots aufgesplittert hatte, für aufgelöst; die Führung der wiedererstandenen Partei beanspruchte er allein für sich. Die bayerische Regierung hatte das Redeverbot gegen ihn erst wenige Tage zuvor aufgehoben.
Im Juli erschien im Verlag Franz Eher Nachfolger der erste Band von Hitlers während der Festungshaft verfasstem Buch „Mein Kampf", in dem er seinen Werdegang und seine politischen Anschauungen darlegt. Ob der neu gegründeten Partei über die bayerischen Grenzen hinaus eine Zukunft beschieden ist, mag am Jahresende dahingestellt bleiben; bei den Reichstagswahlen spielte sie zuletzt keine nennenswerte Rolle.
Aus heutiger Sicht
Was hier wie die Neugründung einer bayerischen Splitterpartei ohne Reichstagsfraktion wirkt, wird binnen acht Jahren zur Grundlage der nationalsozialistischen Diktatur: 1933 übernimmt Hitler die Macht, es folgen die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, der Zweite Weltkrieg und der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die hier vermeldete Neugründung markiert damit einen der folgenreichsten Wendepunkte der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Das Ruhrgebiet wieder frei — Räumung durch Frankreich und Belgien

Nach dem im Dawes-Abkommen vom Vorjahr vereinbarten Zeitplan haben die französischen und belgischen Besatzungstruppen im Verlauf dieses Sommers die letzten Zonen des seit Januar 1923 besetzten Ruhrgebiets geräumt. Bereits am 31. Juli verliessen die letzten französischen Verbände das Gebiet, bis Ende August war der Abzug auch aus den zuletzt noch gehaltenen Landkreisen vollzogen. Damit endet, mehr als zwei Jahre nach seinem Beginn, das schmerzlichste Kapitel der Reparationsstreitigkeiten der Nachkriegszeit — jene Besetzung, in deren Verlauf das Ruhrgebiet unter dem Schlagwort des "passiven Widerstands" stillgelegt wurde und die Reichsmark ihren Wert vollends verlor.
Die Räumung gilt als eine der greifbarsten Früchte der auf dem Dawes-Plan beruhenden Verständigungspolitik und dürfte, wie man in Berlin hofft, den in Locarno begonnenen Weg weiterer Vereinbarungen zwischen dem Reich und seinen westlichen Nachbarn erleichtern.
Zollkrieg mit Polen — Deutschland verhängt Kohleembargo

Mit dem 15. Juni ist die im Versailler Vertrag für Oberschlesien vorgesehene fünfjährige Übergangsfrist des zollfreien Warenverkehrs zwischen dem Reich und Polen ausgelaufen. Warschau nutzte dies, um bereits am 20. Juni weitreichende Einfuhrverbote gegen deutsche Waren zu verhängen; die Reichsregierung antwortete ihrerseits mit einem Embargo gegen polnische Kohle, die bislang in erheblichem Umfang aus den einst deutschen, nun polnischen Teilen Oberschlesiens ins Reich floss. Beobachter sehen hinter dem Zollstreit auch den unausgesprochenen deutschen Wunsch nach einer Revision der 1922 gezogenen oberschlesischen Grenze.
Der nun schwelende Handelskrieg trifft auf beiden Seiten der Grenze die Kohle- und Textilindustrie hart und wird, wie man in Wirtschaftskreisen befürchtet, kaum binnen weniger Monate beigelegt werden können.
Chaplins „Goldrausch" begeistert Amerika

Der englische Filmkomiker Charlie Chaplin hat mit seinem neuen, selbst produzierten und inszenierten Streifen „The Gold Rush" (Der Goldrausch) in Hollywood einen der grössten Erfolge seiner Karriere gefeiert. Uraufgeführt am 26. Juni im dortigen Egyptian Theatre, zeigt der Film Chaplins bekannte Figur des kleinen Landstreichers als glücklosen Goldsucher im winterlichen Alaska der Fieberjahre 1897/98 — Verzweiflung und Hunger, aber auch die berühmte Szene, in der der Landstreicher aus purer Not seinen eigenen Lederstiefel verspeist, mischen sich mit Chaplins unverwechselbarem Humor. Auch in Berlin wird der Film mit Spannung erwartet, wo er, wie es in Filmkreisen heisst, in den kommenden Monaten anlaufen soll.
Heisenberg und die neue Mechanik des Kleinsten

Von einem schweren Heuschnupfenanfall geplagt, zog sich der 23-jährige Göttinger Physiker Werner Heisenberg im Juni auf die pollenarme Nordseeinsel Helgoland zurück — und legte dort in wenigen Wochen die Grundzüge einer gänzlich neuen Beschreibung der Vorgänge im Innern der Atome vor. Nach seiner Rückkehr nach Göttingen Ende Juni arbeitete er die Gedanken zu einer Abhandlung aus, die Ende Juli in der „Zeitschrift für Physik" eingereicht wurde: Statt der anschaulichen Bahnen, wie sie die ältere Atomtheorie annahm, rechnet Heisenberg fortan nur noch mit unmittelbar beobachtbaren Grössen — eine Methode, die er selbst als vorläufig und tastend bezeichnet, der Fachkollegen jedoch bereits jetzt weitreichende Bedeutung beimessen. Gemeinsam mit seinen Göttinger Lehrern Max Born und Pascual Jordan arbeitet Heisenberg seither an der mathematischen Ausarbeitung dessen, was in Physikerkreisen bereits als „neue Quantenmechanik" gehandelt wird; zwei weitere gemeinsame Abhandlungen sind bis in den November hinein erschienen. Wohin dieser Weg letztlich führt, vermag am Jahresende noch niemand mit Gewissheit zu sagen.
Aus heutiger Sicht
Heisenbergs Helgoländer Rechnungen vom Sommer 1925 gelten der Physik später als Geburtsstunde der Quantenmechanik; 1932 erhält er dafür, erst 31-jährig, den Nobelpreis für Physik. Die von ihm mitbegründete Theorie liefert die Grundlage für Transistor, Laser und Computerchip und damit für weite Teile der modernen Technik.
Der „Affenprozess" von Dayton

In der Kleinstadt Dayton im amerikanischen Bundesstaat Tennessee ist in der zweiten Julihälfte ein Gerichtsverfahren verhandelt worden, das weit über die Vereinigten Staaten hinaus Aufsehen erregt hat. Der junge Lehrer John T. Scopes hatte im Biologieunterricht Darwins Abstammungslehre vorgetragen und damit gegen ein erst kürzlich erlassenes Gesetz des Staates Tennessee verstossen, das die Lehre der Evolution an öffentlichen Schulen unter Strafe stellt. Für die Anklage trat der bekannte Politiker und dreimalige Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan auf, für die Verteidigung der renommierte Strafverteidiger Clarence Darrow — ihr Wortgefecht, in dessen Verlauf Darrow den greisen Bryan selbst als Zeugen für die wörtliche Auslegung der Bibel ins Kreuzverhör nahm, füllte tagelang die Spalten der amerikanischen und internationalen Presse.
Am 21. Juli wurde Scopes, wie von vornherein zu erwarten, für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 100 Dollar verurteilt. Bryan selbst starb, von den Strapazen des Prozesses gezeichnet, nur wenige Tage nach dessen Ende. Ob das Urteil in einer höheren Instanz Bestand haben wird, ist am Jahresende noch offen.
Zweite Grosse Deutsche Funkausstellung in Berlin

Vom 4. bis zum 13. September fand am Kaiserdamm zum zweiten Mal die Grosse Deutsche Funkausstellung statt, nachdem die erste Veranstaltung dieser Art im Dezember des vergangenen Jahres mehr als 170.000 Besucher angelockt hatte. Rundfunkempfänger, Röhrengeräte und Lautsprecher der heimischen Industrie werden einem Publikum vorgeführt, das sich seit der Aufnahme des regelmässigen Rundfunkbetriebs in Berlin vor gut zwei Jahren in stetig wachsender Zahl selbst ein Empfangsgerät anzuschaffen sucht. Der Rundfunk, so scheint es, hat sich endgültig vom technischen Kuriosum zur bürgerlichen Selbstverständlichkeit gewandelt.
Aus heutiger Sicht
Der hier gefeierte Aufstieg des Rundfunks zum Massenmedium hat eine Schattenseite, die 1925 niemand ahnt: Ab 1933 macht sich das NS-Regime unter Propagandaminister Joseph Goebbels genau dieses Medium — mit dem eigens verbilligten „Volksempfänger" — gezielt zunutze, um die Bevölkerung gleichzuschalten und zu indoktrinieren.
Locarno — Europa sucht den Ausgleich

Vom 5. bis zum 16. Oktober trafen sich in dem Schweizer Städtchen Locarno am Lago Maggiore die Aussenminister Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens, Italiens, Belgiens, Polens und der Tschechoslowakei zu Verhandlungen über eine dauerhafte Friedensordnung in Westeuropa. Für das Reich verhandelte Reichsaussenminister Gustav Stresemann, für Frankreich Aristide Briand, für Grossbritannien Austen Chamberlain. Am Ende der Beratungen einigte man sich auf ein Vertragswerk, dessen Kernstück der sogenannte Rheinpakt ist: Deutschland, Frankreich und Belgien erkennen darin die bestehende Westgrenze des Reiches sowie die Entmilitarisierung des Rheinlands als endgültig an; Grossbritannien und Italien übernehmen die Garantie dieser Abmachung. Über die deutsche Ostgrenze zu Polen und der Tschechoslowakei wurden hingegen lediglich Schiedsverträge vereinbart, keine Gebietsgarantien.
Am 1. Dezember wurden die Verträge in London feierlich unterzeichnet. In Berlin wird die Übereinkunft als Wendepunkt gefeiert, der dem Reich den Weg zurück in den Kreis der europäischen Grossmächte ebnen soll; ob ihr auch der Eintritt in den Völkerbund folgen wird, über den in Genf bereits verhandelt wird, muss die Zukunft erst noch erweisen.
Aus heutiger Sicht
Der „Geist von Locarno" währt keine zwölf Jahre: 1936 lässt Hitler entgegen dem hier vereinbarten Rheinpakt deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland einmarschieren, ohne dass Frankreich oder Grossbritannien eingreifen — ein früher Wendepunkt auf dem Weg zum Zweiten Weltkrieg.
Ein schottischer Ingenieur überträgt erstmals ein bewegtes Gesicht

In einem Dachkammerlabor in der Londoner Frith Street ist es dem schottischen Ingenieur John Logie Baird am 2. Oktober erstmals gelungen, ein Gesicht mit sauberen Grautönen — und nicht bloss, wie bei seinen bisherigen Versuchen, in groben Schwarz-Weiss-Umrissen — über eine Distanz von wenigen Metern zu übertragen. Als erstes Versuchsobjekt diente ihm die Bauchrednerpuppe „Stooky Bill", kurz darauf ein aus dem Treppenhaus herbeigeholter Bürojunge. Baird stützt sich auf ein mechanisches Abtastverfahren mittels rotierender, gelochter Scheiben nach dem älteren Prinzip Paul Nipkows. Ob sich aus dem Laborversuch dereinst eine praktisch nutzbare „Fernsehtechnik" für ein breiteres Publikum entwickeln lässt, ist gegenwärtig noch reine Spekulation, doch die Fachwelt verfolgt Bairds Fortschritte mit wachsendem Interesse.
„Panzerkreuzer Potemkin" — Eisensteins Film zum Jahrestag der Revolution

Zum zwanzigsten Jahrestag der gescheiterten russischen Revolution von 1905 ist im Moskauer Bolschoi-Theater der neue Film des jungen Regisseurs Sergej Eisenstein uraufgeführt worden: „Panzerkreuzer Potemkin" schildert die Meuterei der Matrosen des gleichnamigen Schlachtschiffs der zaristischen Schwarzmeerflotte und das Massaker der Kosaken an der Bevölkerung von Odessa, das sich daraus entwickelte. Der Film, im Auftrag der sowjetischen Regierung entstanden, arbeitet mit einer neuartigen, stark rhythmisierten Schnitttechnik, die auch unter westlichen Filmleuten bereits Aufsehen erregt, obgleich er hierzulande bislang nur vom Hörensagen bekannt ist.
Rütts letzter Sieg — Sechstagerennen im Sportpalast

Im Berliner Sportpalast ist am 20. Januar nach sechs Tagen und Nächten ununterbrochenen Rennens das diesjährige Sechstagerennen zu Ende gegangen — jene Traditionsveranstaltung, die 1909 in der Ausstellungshalle am Zoologischen Garten ihren Anfang nahm und seit 1911 im Sportpalast ausgetragen wird. Sieger wurde das Paar Walter Rütt und Emile Aerts (Belgien), die sich gegen ein internationales Feld durchsetzten. Für den 1913 zum Weltmeister im Sprint der Berufsfahrer gekrönten Rütt war es der neunte und, wie sich zeigen sollte, letzte Sieg bei einem Sechstagerennen seiner Laufbahn; auf insgesamt 933 Siege in 25 Jahren als Berufsfahrer bringt er es bis zum Ende seiner Karriere, dazu 173 schwere Stürze. Das Sechstagerennen selbst zieht auch in diesem Jahr wieder tausende Schaulustige in die überfüllte Halle am Potsdamer Bahnhof.
Die erste Rolltreppe rollt durchs Reich

Im Kaufhaus Tietz am Kölner Neumarkt ist am 11. Juli die erste Rolltreppe Deutschlands in Betrieb genommen worden. Das Warenhaus wirbt für die Neuheit mit dem Versprechen, die „rollende Treppe" spare den Kunden „Zeit und damit Geld" — für die dreissigsekündige Fahrt zwischen den Etagen bilden sich seither Schlangen von Schaulustigen, die das Fahren auf der Treppe mehr des Erlebnisses als der Ersparnis wegen suchen. Noch im selben Jahr ziehen Warenhäuser in Berlin und München nach; im Dezember nimmt auch ein Berliner Kaufhaus eine eigene Rolltreppe in Betrieb, wie die hier gezeigte Aufnahme belegt. Ob sich die Neuheit über die grossen Warenhäuser hinaus durchsetzen wird, bleibt vorerst offen.
AM RANDE NOTIERT
- 27. Januar — Das Deutsche Reich und die Sowjetunion unterzeichnen in Moskau ein neues Handelsabkommen.
- April — Das Bauhaus verlegt seinen Sitz von Weimar, wo ihm die thüringische Landesregierung die Mittel gekürzt hatte, nach Dessau.
- 28. April – 25. Oktober — In Paris zeigt die internationale Ausstellung „Arts Décoratifs" die neuesten Strömungen von Architektur und angewandter Kunst; der seither gebräuchliche Sammelbegriff für den Stil lautet nach ihr „Art déco".
- 2. Oktober — In Paris eröffnet die aus Amerika stammende Tänzerin Josephine Baker im Théâtre des Champs-Élysées ihre „Revue Nègre" und wird binnen weniger Wochen zum Stadtgespräch.
- November — Der Tanz „Charleston" erobert, von Übersee kommend, auch die Berliner Ballsäle und Vergnügungslokale.
- 14. Dezember — An der Staatsoper Unter den Linden wird unter Generalmusikdirektor Erich Kleiber Alban Bergs Oper „Wozzeck" uraufgeführt.
- Ganzjährig — Die Reichsmark, seit der Währungsreform des Vorjahres stabil, festigt das Vertrauen in Handel und Sparkassen; die Zahl der Arbeitslosen sinkt gegenüber den Krisenjahren spürbar.
- Ganzjährig — Die Wohnungsnot in Berlin bleibt trotz reger kommunaler Bautätigkeit in den neuen Siedlungen am Stadtrand ein drängendes Problem.
- 31. Mai – 19. Juni — Zum ersten Mal seit dem Kriegsverbot findet mit dem „Deutschlandflug" wieder ein grosser Motorflugwettbewerb statt: Vom Tempelhofer Feld aus fliegen die Teilnehmer 5.000 Kilometer über 34 Städte; der Ullstein-Verlag stiftet mit seinem „B.Z.-Preis der Lüfte" allein 100.000 Mark der insgesamt rund 195.000 Mark Preisgelder.
- Ganzjährig — Albert Einstein veröffentlicht in den Sitzungsberichten der Preussischen Akademie der Wissenschaften seine „Quantentheorie des einatomigen idealen Gases – Zweite Abhandlung" und liefert damit, aufbauend auf Vorarbeiten des indischen Physikers Satyendranath Bose, die theoretische Grundlage für das später sogenannte Bose-Einstein-Kondensat.
WIRTSCHAFT · 1925
Nach den Krisenjahren der Inflation und des Ruhrkampfs zeigt sich die Wirtschaft des Reiches 1925 in spürbarer Erholung: Handel und Gewerbe fassen neues Vertrauen in die seit der Währungsreform des Vorjahres stabile Reichsmark, die Arbeitslosigkeit sinkt gegenüber den Krisenjahren deutlich. Von den Vorkriegslöhnen ist man freilich noch weit entfernt — das Statistische Reichsamt rechnet erst für 1928 mit einer Rückkehr der Reallöhne auf das Niveau von 1913. Die Zeitung, die der Leser in den Händen hält, kostet unverändert 10 Reichspfennig.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 0,37 Reichsmark
- Butter (1 kg) — 4,51 Reichsmark
- Milch (1 l) — 0,31 Reichsmark
- Eier (1 Stück) — 0,15 Reichsmark
- Zucker (1 kg) — 0,71 Reichsmark
- Kartoffeln (1 kg) — 0,11 Reichsmark
- Benzin (1 l) — 0,34 Reichsmark
- Diese Zeitung — 10 Reichspfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1925
Zur Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten (siehe Story 1) meldet sich die Presse mit gegensätzlichen Stimmen zu Wort. Die liberale Frankfurter Zeitung kommentiert das Ergebnis mit unverhohlener Sorge:
„Die romantische Sehnsucht nach vergangenem Glanz und vergangener Grösse, das hat diese unpolitischen Schichten an die Urne und Hindenburg zum Siege geführt." — Frankfurter Zeitung, 27. April 1925
Das sozialdemokratische Parteiblatt Vorwärts wählt einen deutlich schärferen Ton:
„Hindenburg von Thälmanns Gnaden! Überrumpelungssieg der Reaktion, gewonnen durch kommunistischen Verrat an der Republik." — Vorwärts, 27. April 1925
SPORT · 1925
Der Fussball gewinnt in diesem Jahr weiter an Popularität; die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft ziehen zunehmend grosse Zuschauermengen an, wenngleich der Deutsche Fussball-Bund noch keine einheitliche Reichsliga unterhält, sondern der Meister im K.-o.-System der Bezirksbesten ermittelt wird. Im Boxsport bleibt der Berliner Publikumsliebling Max Schmeling ein aufstrebender Name im Halbschwergewicht. Der Automobilsport gewinnt an Bedeutung, seit auf der neu eröffneten AVUS regelmässig Rennen ausgetragen werden.
Auch der Wintersport erfreut sich wachsenden Zuspruchs: In den bayerischen und österreichischen Alpen füllen sich die Skihütten, und der Schlittschuhlauf auf den zugefrorenen Berliner Gewässern bleibt ein winterliches Vergnügen für Jung und Alt.
MODE · 1925
Der Bubikopf hat sich endgültig gegen das lange Haar durchgesetzt, und die Rocklänge der Damenmode rückt in diesem Jahr so weit über das Knie, wie es noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen wäre. Die schlanke, knabenhafte Silhouette bestimmt das Strassenbild; Perlenketten, Federboas und die neue Kunstseide runden das Bild der eleganten Berlinerin ab. Bei den Herren behaupten sich Anzug und steifer Hut, während der junge Charleston-Tänzer zunehmend zum Frackhemd mit weichem Kragen greift.
KINO & FUNK · 1925
An den deutschen Kinokassen zählt „Varieté" von Regisseur E. A. Dupont zu den grössten Erfolgen des Jahres: Emil Jannings spielt in dem im Zirkus- und Artistenmilieu angesiedelten Eifersuchtsdrama einen betrogenen Trapezkünstler, und Kameramann Karl Freund sorgt mit seiner „entfesselten Kamera" — freischwebenden Aufnahmen zwischen Himmel und Manege — für Aufsehen auch unter westlichen Filmleuten; der Film ebnet Jannings, seiner Partnerin Lya de Putti und Dupont selbst den Weg nach Hollywood. Auch Chaplins „Goldrausch" (siehe Story 6) wird hierzulande mit Spannung erwartet. Im Rundfunk wächst die Hörerschaft unterdessen sprunghaft: Von 548.749 angemeldeten Teilnehmern zum Jahresende 1924 überschreitet ihre Zahl im Laufe dieses Jahres die Millionengrenze — ein Tempo, das die zweite Grosse Funkausstellung im September (siehe Story 9) eindrücklich bestätigt.
GESTORBEN · 1925
- Robert Koldewey (69), deutscher Bauforscher und Ausgräber Babylons — 4. Februar, Berlin.
- Sun Yat-sen (58), chinesischer Revolutionsführer und erster Präsident der Republik China — 12. März, Peking.
- Rudolf Steiner (64), Begründer der Anthroposophie — 30. März, Dornach (Schweiz).
- Josef Breuer (83), österreichischer Arzt, Mitbegründer der Psychoanalyse — 20. Juni, Wien.
- Erik Satie (59), französischer Komponist — 1. Juli, Paris.
- Gottlob Frege (76), deutscher Mathematiker und Logiker — 26. Juli, Bad Kleinen.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1925
- Locarno-Verträge (Oktober/Dezember, Locarno und London). Erstmals seit Kriegsende einigen sich das Reich und seine westlichen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe über Grenzen und Sicherheit.
- Ende der Ruhrbesetzung (Sommer, Ruhrgebiet). Nach über zwei Jahren verlassen die letzten fremden Truppen deutschen Boden.
- Stabile Reichsmark. Das Vertrauen in die seit der Währungsreform gefestigte Währung wächst weiter, Handel und Gewerbe erholen sich spürbar.
- Neue Funktechnik für jedermann (September, Berlin). Die zweite Funkausstellung zeigt, wie rasch der Rundfunk zum Allgemeingut wird.
- Fortschritte der Wissenschaft (Juni/Juli, Helgoland/Göttingen). Ein junger deutscher Physiker legt die Grundlagen einer neuen Beschreibung der Atomwelt vor.
DAS WETTER · 1925 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Berlin-Dahlem einen Höchstwert von 22,0 °C, das Tiefstwert lag bei 11,8 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 17 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner.
Über das Jahr gesehen war der 10. August mit 33,5 °C der wärmste, der 5. Dezember mit −15,9 °C der kälteste Tag. Berlin verzeichnete 75 Frosttage und 19 Eistage mit Dauerfrost, dazu 25 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon fünf heisse Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 629 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,1 °C, das Tagesminimum 5,2 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1925
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die folgende Liste stützt sich auf Bühnenpremieren, dokumentierte Ersteinspielungen der Berliner Plattenhäuser und den Widerhall in Operette, Kabarett und internationaler Tanzmusik des Jahres.
- Sweet Georgia Brown — Ben Bernie and His Hotel Roosevelt Orchestra
- Dinah — Ethel Waters
- Manhattan (aus der Revue „The Garrick Gaieties") — Ensemble der Broadway-Revue
- If You Knew Susie — Eddie Cantor
- Show Me the Way to Go Home — Ella Shields
- Cecilia — Sam Lanin and His Orchestra
- Tea for Two (aus dem Musical „No, No, Nanette") — Louise Groody und Jack Barker
- Ukulele Lady — Vaughn De Leath
- Paganini (aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár) — Carl Clewing (Wiener Erstaufführung, 30. Oktober 1925)
- Der Vetter aus Dingsda („Ich bin nur ein armer Wandergesell") — Berliner Operette von Eduard Künneke
- Gräfin Mariza (Operette von Emmerich Kálmán) — Wiener Erfolgsoperette
- Wozzeck (Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden) — Leo Schützendorf und Sigrid Johanson unter Erich Kleiber
- Ich hab zu Haus ein Grammophon — Max Kuttner (erste Aufnahme, Berlin)
- Da nehm' ich meine kleine Zigarette (Zigarettenlied aus der Operette „Der Orlow" von Bruno Granichstaedten) — Georges Boulanger
- No One (Tanzorchester-Aufnahme für Grammophon, Berlin) — Efim Schachmeister und sein Jazz-Symphonie-Orchester
- Wenn die kleinen Mädchen nah an Sechzehn — Claire Waldoff
- Schatz, ach Schatz — Claire Waldoff
- Der Überzieher — Otto Reutter
- Das ist so einfach und man denkt nicht dran — Otto Reutter
- Jim Dandy Step (Tanzorchester-Aufnahme für Odeon, Berlin) — Kapelle Sándor Józsi (Dajos Béla)
Aus der Reichswerft wird die „Deutsche Werke Kiel AG“
In diesem Jahr bekommen die Kieler Reichsbetriebe „Werft Kiel“ und „Werk Friedrichsort“ eine eigene Gesellschaft: Der Reichstag beschließt, sie in eine reichseigene Aktiengesellschaft zu überführen, die Deutsche Werke Kiel AG. Das Unternehmen gehört dem Staat, das Aktienkapital beträgt 11 Millionen Reichsmark. Bisher gehörten beide Betriebe zur Deutsche Werke AG mit Hauptverwaltung in Berlin, die im Juni 1920 als Zentrale der übernommenen Rüstungsbetriebe gegründet worden war.
Ausgenommen bleibt das Gelände der Nordwerft, das die Reichsmarine für sich beansprucht. Zum 1. Oktober geht der nördliche Teil der früheren Kaiserlichen Werft endgültig an die Reichsmarine; sie nutzt ihn als Marinearsenal und lässt dort Schiffe der Ostseeflotte instand setzen.
Seit der Friedensvertrag die Flottenstärke beschnitten hat, lebt die Werft vom Bau von Handelsschiffen: In Gaarden-Ost laufen vor allem Tanker, Frachter und Fischdampfer vom Stapel, dazu kommen Triebwagen. Am anderen Ufer der Förde gehört das Werk Friedrichsort, die frühere Torpedowerkstatt, zum Betrieb.
Die „Buckau“ fährt mit Walzen statt Segeln

Auf der Krupp-Germaniawerft in Kiel ist aus dem Dreimastschoner „Buckau“, 1920 vom Stapel gelaufen, ein Schiff ohne Segel geworden. An ihrer Stelle stehen zwei Rotoren nach dem Entwurf des Ingenieurs Anton Flettner, „Walzensegel“ von je 2,8 Metern Durchmesser, die 18,3 Meter über das Deck ragen. Jeden Rotor dreht ein Elektromotor von 7,5 Kilowatt, den Strom liefert ein Dieselmotor mit 33 Kilowatt. Der Wind, der gegen die rotierenden Walzen steht, soll das Schiff vorwärtstreiben.
Im November 1924 hat die „Buckau“ in der Ostsee ihre Probefahrt hinter sich gebracht. Im Februar geht sie auf die Jungfernfahrt von Danzig über Kiel und den Kaiser-Wilhelm-Kanal nach Leith in Schottland. Rund drei Tage braucht sie bis Kiel, drei weitere bis Leith. Sturm und Gegenwind setzen ihr zu, über weite Strecken läuft der Hilfsdiesel. Ein gewöhnlicher Frachtdampfer braucht für die Strecke etwa zwei Drittel der Zeit.
Die Pauluskirche wird wiedereröffnet

Nach Jahren des Verfalls wird die Pauluskirche am Niemannsweg in Düsternbrook feierlich wiedereröffnet. Die neugotische Kirche entstand 1878 bis 1882 als Garnisonkirche der preußischen Marinestation. Anlass war der Aufstieg Kiels zum Reichskriegshafen 1871: Die Zahl der Marine- und Heeressoldaten stieg bald auf 3.550 Mann, und die Marine kaufte 1876 am Niemannsweg ein Grundstück von 6.000 Quadratmetern. Die Grundsteinlegung war am 2. Oktober 1878; am 8. Oktober 1882 wurde die Kirche im Beisein von Prinz Heinrich von Preußen eingeweiht.
Nach dem Krieg und der Verkleinerung der Marine genügte der evangelischen Garnison die Petruskirche in der Wik; für die Pauluskirche fand die Marine keine Verwendung mehr. Die Pauluskirche wurde seit 1918 nicht mehr genutzt und verfiel. In diesem Jahr geht sie in den Besitz des Kirchgemeindeverbandes Kiel über. Mit der Wiedereröffnung wird sie Gemeindekirche der Heiligengeistgemeinde.
Neue Namen für 37 Straßen auf einen Schlag
Am 7. Juli erhalten in Kiel 37 Straßen an einem einzigen Tag ihren Namen. Anlass sind die Eingemeindungen: Nach Pries, Holtenau und Friedrichsort 1922 sowie Neumühlen-Dietrichsdorf 1924 gibt es im Stadtgebiet etliche Straßen doppelt.
Die Hebbelstraße in Pries wird nach der Eingemeindung zur Claudiusstraße, die Theodor-Storm-Straße zur Brinckmanstraße nach John Brinckman. Aus der Bebelstraße, bis 1921 Strandstraße, wird der Prieser Strand. In Friedrichsort wird die Gartenstraße zur Gorch-Fock-Straße und die Schulstraße zur Möhrkestraße. Aus der Banseestraße wird die Dänischenhagener Straße, nach dem Ort im Dänischen Wohld; der Probsteier Platz erinnert an die Landschaft Probstei. Und aus einer Bergstraße wird der „Eekberg“, ein Flurname: Eekberg heißt auf Hochdeutsch Eichberg.
Schon am 23. Juni haben Eichendorffstraße und Uhlandstraße ihre Namen bekommen. Am 10. November wird in Wellingdorf die Schönkirchener Straße zur Passader Straße, und am 1. Dezember folgt der Damaschkeweg nach Adolf Damaschke.
KURZ NOTIERT · Kiel 1925
- Januar — Vizeadmiral Erich Raeder wird Chef der Marinestation der Ostsee in Kiel.
- 14. März — Bei den Deutschen Werken läuft der Frachter „Schwarzenfels“ für die Deutsche Dampfschifffahrts-Gesellschaft „Hansa“ vom Stapel: 148,8 Meter lang, 7.894 BRT, zwei Dieselmotoren mit zusammen 3.600 PS.
- 8. April — Die Straßenbahnlinie 1 wird von der Knorrstraße bis zum Kaiser-Wilhelm-Kanal verlängert.
- 16. Juni — Volkszählung: Kiel zählt 213.587 Einwohner.
- 5. Juli — Zur Kieler Woche liegen fremde Kriegsschiffe in Kiel, darunter die schwedischen Panzerschiffe „Drottning Victoria“ und „Gustaf V.“; der Kleine Kreuzer „Nymphe“ der Reichsmarine, am 30. November 1924 nach der Modernisierung wieder in Dienst gestellt, ist Flaggschiff des Befehlshabers der leichten Seestreitkräfte der Ostsee.
- 25. August — Das nach Plänen von Stadtbaurat Willy Hahn umgebaute Jugendheim im Werftpark wird eingeweiht.
- 15. September — Vor der Stadtgrenze, in der Gemeinde Meimersdorf im Kreis Bordesholm, geht der Verschiebebahnhof Meimersdorf in Betrieb.
RUND UM DIE FÖRDE · 1925
- 9. Februar, Gettorf — Die Eisenbahn-Genossenschaft Dänischer Wohld nimmt offiziell den Güterverkehr auf der Strecke von Gettorf bis Neu-Bülk auf, die 1922 auf Befehl der Alliierten bis dorthin zurückgebaut worden war. Befördert werden Dünger, Mais, Möbel, Kohle und Baumaterial, im Regelfall fährt täglich ein Güterzug mit bis zu zehn Wagen.
- 1925, Bülk — Das „Bülker System“ nimmt seine Arbeit auf: Durch die schon 1922 fertiggestellte Leitung pumpt die Stadt Kiel ihr Schmutzwasser rund 20 Kilometer weit, unter dem Kaiser-Wilhelm-Kanal hindurch, bis an die Ostsee etwa 150 Meter westlich vom Bülker Leuchtturm.
SPORT AN DER FÖRDE · 1925
- Holstein Kiel — In der Bezirksliga Schleswig-Holstein, Staffel Förde, wird Holstein Erster: zehn Spiele, zehn Siege, 49:6 Tore. Im Finale um die Bezirksmeisterschaft schlägt der Verein die FVgg Kilia Kiel 6:2. In der norddeutschen Endrunde wird Holstein Dritter der Siegerstaffel (zwei Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage, 11:6 Tore); Meister wird der Hamburger SV mit 2:1 im Entscheidungsspiel gegen Altona 93.
- Norddeutscher Pokal — Holstein Kiel gewinnt am 15. Februar den 1924 erstmals ausgeschriebenen Pokal des Norddeutschen Fußball-Verbandes, 7:0 gegen den Bremer SV.
- Kieler MTV — Bei der ersten von der Deutschen Turnerschaft ausgerichteten Fußballmeisterschaft gewinnt der Kieler MTV das Halbfinale 2:0 beim Harburger TB 1865 und verliert das Finale 0:5 gegen den MTV Fürth.
- Tischtennis — Kurt Entholt gründet den Kieler Tischtennis-Klub.
- Boxen — Der KSV Holstein gründet eine Box-Abteilung.
DAS WETTER · 1925 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 23,8 °C und eine Tiefsttemperatur von 6,8 °C bei einem Tagesmittel von 19,5 °C; es fiel kein Niederschlag (0,0 mm).
Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 8,6 °C. Der wärmste Tag war der 21. Juli mit 32,5 °C, der kälteste Tiefstwert wurde am 2. Dezember mit −16,4 °C gemessen. Die Station zählte 7 Hitzetage (Höchsttemperatur mindestens 30 °C), 22 Sommertage (mindestens 25 °C), 16 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 81 Frosttage (Tiefsttemperatur unter 0 °C). Im Jahr fielen 906 mm Niederschlag.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)