DER CHRONIST

Zum Geleit

Kaum war das Jahr zwei Monate alt, da verlor die Republik ihren ersten Reichspräsidenten, und noch ehe man ihn zu Grabe getragen hatte, meldete sich in einem Münchener Bierkeller eine totgeglaubte Partei zu neuem Leben zurück. Im Frühjahr entschied das Volk in zwei Wahlgängen über die Nachfolge im höchsten Staatsamt, und mit Generalfeldmarschall von Hindenburg zog ein Mann ins Schloss Wilhelmstraße ein, dem vor Jahresfrist kaum jemand diese Rolle zugetraut hätte. Der Sommer brachte die Räumung der Ruhrzone durch die einstigen Besatzer, aber auch einen neuen Handelskrieg mit Polen. In Dayton, Tennessee, focht ein Lehrer vor Gericht für die Lehre Darwins, während auf Helgoland ein junger Göttinger Physiker mit einer neuen Mechanik der kleinsten Dinge rang. Chaplins Goldgräber eroberten die Leinwände, ein Schotte übertrug erstmals ein Menschengesicht mit allen Schattierungen über den Äther, und im Oktober trafen sich in einem Schweizer Städtchen am See die Aussenminister der grossen Mächte zu einem Werk, das Europa den ersehnten Ausgleich bringen soll. Das Jahr endet mit einer feierlichen Unterzeichnung in London, einer neuen Oper in der Staatsoper Unter den Linden und der leisen Hoffnung, dass dem Deutschen Reich nach Inflation, Ruhrkampf und Bürgerkriegsjahren nun endlich ruhigere Zeiten bevorstehen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Hindenburg löst Ebert als Reichspräsident ab — ein Jahr der Wahlen

Paul von Hindenburg bei einem Fototermin, 1925
Generalfeldmarschall a. D. Paul von Hindenburg bei einem Fototermin, 1925 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem plötzlichen Tod des Reichspräsidenten Friedrich Ebert musste das Reich im Frühjahr zum zweiten Mal in seiner jungen Geschichte über die Besetzung des höchsten Staatsamtes entscheiden. Im ersten Wahlgang am 29. März traten sieben Bewerber an: Karl Jarres (Reichsblock aus DNVP und DVP) kam mit 10.416.658 Stimmen auf 38,8 Prozent, Otto Braun (SPD) folgte mit 7.802.497 Stimmen (29,0 Prozent), Wilhelm Marx (Zentrum) erreichte 3.887.734 Stimmen (14,5 Prozent), Ernst Thälmann (KPD) 1.871.815 Stimmen (7,0 Prozent), Willy Hellpach (DDP) 1.568.398 Stimmen (5,8 Prozent), Heinrich Held (BVP) 1.007.450 Stimmen (3,7 Prozent) und Erich Ludendorff für die Völkischen 285.793 Stimmen (1,1 Prozent). Da niemand die absolute Mehrheit erreichte, war ein zweiter Wahlgang nötig.

Zur allgemeinen Überraschung verzichtete Jarres auf eine erneute Kandidatur; an seiner Stelle bewarb sich für den nunmehr erweiterten Reichsblock der 77-jährige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der greise Sieger von Tannenberg. Im zweiten Wahlgang am 26. April einigten sich die bürgerlichen Mittelparteien und die Linksparteien nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten gegen ihn: Hindenburg erhielt 14.655.641 Stimmen (48,3 Prozent), der nun von einem "Volksblock" aus SPD, Zentrum und DDP getragene Wilhelm Marx 13.751.605 Stimmen (45,3 Prozent) und Thälmann für die KPD 1.931.151 Stimmen (6,4 Prozent). Am 12. Mai trat Hindenburg sein Amt als zweiter Reichspräsident der Republik an und leistete den Eid auf die Verfassung, deren monarchistischer Gegner er einst gewesen war.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres — in fünf deutschen Ländern wurde 1925 der Landtag neu bestellt:

  • Lippe, 18. Januar — SPD 34,3 % (8 Sitze) vor DNVP 25,4 % (6 Sitze) und DVP 15,7 % (3 Sitze). Die Sozialdemokraten blieben stärkste Kraft, verloren aber ihre einstige absolute Mehrheit.
  • Schaumburg-Lippe, 3. Mai — SPD 45,4 % vor einer Einheitsliste aus DNVP, DVP und Landbund mit 34,4 %; 15 Sitze insgesamt.
  • Waldeck, 17. Mai — der bürgerlich-bäuerliche Landbund wurde mit 33,5 % stärkste Kraft (7 von 17 Sitzen) vor der SPD mit 18,6 % (3 Sitze); DNVP 16,1 % (3 Sitze).
  • Oldenburg, 24. Mai — der "Landesblock" aus DNVP und DVP siegte mit 34,6 % (15 von 40 Sitzen) vor dem Zentrum (24,4 %, 10 Sitze) und der SPD (22,5 %, 9 Sitze).
  • Baden, 25. Oktober — das Zentrum blieb mit 36,8 % (28 von 72 Sitzen) stärkste Partei, die SPD kam auf 20,8 % (16 Sitze); im November bildeten Zentrum und SPD unter dem Zentrumsmann Gustav Trunk erneut die Regierung.

Reichsweite Volksbegehren oder Volksentscheide fanden 1925 nicht statt.

Reichspräsident Friedrich Ebert gestorben

Friedrich Ebert, Reichspräsident 1919–1925
Friedrich Ebert, erster Reichspräsident der Republik (Bundesarchiv Bild 102-00015, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 28. Februar ist der erste Reichspräsident der Republik, Friedrich Ebert, im Alter von 54 Jahren in Berlin gestorben. Der frühere Sattlergeselle und SPD-Vorsitzende hatte sich seit Wochen mit heftigen Bauchschmerzen durch seine Amtsgeschäfte gequält, ohne sich der dringend gebotenen Operation zu unterziehen; ein Blinddarmdurchbruch mit nachfolgender Bauchfellentzündung setzte seinem Leben ein Ende. Nahestehende führen sein Zögern auch auf die Erschöpfung durch einen Beleidigungsprozess vor dem Magdeburger Landgericht zurück, in dem Ebert sich gegen den Vorwurf des "Landesverrats" wegen seiner Rolle bei den Munitionsarbeiterstreiks des Krieges zur Wehr setzen musste und in dessen Urteil das Gericht ihm, obgleich es ihn selbst freisprach, gleichwohl "Landesverrat im staatsrechtlichen Sinne" attestierte — ein Verdikt, das ihn tief getroffen haben soll.

Ebert war 1919 von der Weimarer Nationalversammlung zum ersten Reichspräsidenten gewählt worden und hatte das Amt durch die Wirren der Nachkriegsjahre, Inflation, Ruhrkampf und zahlreiche Regierungskrisen gesteuert. Die Beisetzung fand unter grosser Anteilnahme in seiner Heidelberger Wahlheimat statt. Reichstagspräsident Paul Löbe übernahm bis zur Neuwahl kommissarisch die Amtsgeschäfte des Reichspräsidenten.

Die NSDAP meldet sich zurück

Bürgerbräukeller in München, Versammlungsort der NSDAP
Versammlung im Münchener Bürgerbräukeller, jenem Saal, in dem die NSDAP im Februar 1925 neu gegründet wurde (Bundesarchiv Bild 146-1978-004-12A, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Im selben Münchener Bürgerbräukeller, in dem sie vor gut zwei Jahren ihren gescheiterten Marsch auf die Feldherrnhalle begonnen hatte, ist die seit dem Putschversuch verbotene NSDAP am 27. Februar neu gegründet worden. Adolf Hitler, seit seiner vorzeitigen Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg Ende vergangenen Jahres wieder auf freiem Fuss, sprach vor überfülltem Saal und erklärte die zerstrittenen völkischen Gruppen, in die sich seine Anhängerschaft während des Verbots aufgesplittert hatte, für aufgelöst; die Führung der wiedererstandenen Partei beanspruchte er allein für sich. Die bayerische Regierung hatte das Redeverbot gegen ihn erst wenige Tage zuvor aufgehoben.

Im Juli erschien im Verlag Franz Eher Nachfolger der erste Band von Hitlers während der Festungshaft verfasstem Buch „Mein Kampf", in dem er seinen Werdegang und seine politischen Anschauungen darlegt. Ob der neu gegründeten Partei über die bayerischen Grenzen hinaus eine Zukunft beschieden ist, mag am Jahresende dahingestellt bleiben; bei den Reichstagswahlen spielte sie zuletzt keine nennenswerte Rolle.

Das Ruhrgebiet wieder frei — Räumung durch Frankreich und Belgien

Grenzkontrolle während der Ruhrbesetzung
Grenzkontrolle während der Ruhrbesetzung, hier auf einer Aufnahme von 1923 (Bundesarchiv Bild 102-09903, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach dem im Dawes-Abkommen vom Vorjahr vereinbarten Zeitplan haben die französischen und belgischen Besatzungstruppen im Verlauf dieses Sommers die letzten Zonen des seit Januar 1923 besetzten Ruhrgebiets geräumt. Bereits am 31. Juli verliessen die letzten französischen Verbände das Gebiet, bis Ende August war der Abzug auch aus den zuletzt noch gehaltenen Landkreisen vollzogen. Damit endet, mehr als zwei Jahre nach seinem Beginn, das schmerzlichste Kapitel der Reparationsstreitigkeiten der Nachkriegszeit — jene Besetzung, in deren Verlauf das Ruhrgebiet unter dem Schlagwort des "passiven Widerstands" stillgelegt wurde und die Reichsmark ihren Wert vollends verlor.

Die Räumung gilt als eine der greifbarsten Früchte der auf dem Dawes-Plan beruhenden Verständigungspolitik und dürfte, wie man in Berlin hofft, den in Locarno begonnenen Weg weiterer Vereinbarungen zwischen dem Reich und seinen westlichen Nachbarn erleichtern.

Zollkrieg mit Polen — Deutschland verhängt Kohleembargo

Kohlebergbau bei Kattowitz
Kohlebergbau bei Kattowitz in Oberschlesien — dem Kern des deutsch-polnischen Handelsstreits (undatierte Aufnahme, Bundesarchiv B 145 Bild-P014928, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Mit dem 15. Juni ist die im Versailler Vertrag für Oberschlesien vorgesehene fünfjährige Übergangsfrist des zollfreien Warenverkehrs zwischen dem Reich und Polen ausgelaufen. Warschau nutzte dies, um bereits am 20. Juni weitreichende Einfuhrverbote gegen deutsche Waren zu verhängen; die Reichsregierung antwortete ihrerseits mit einem Embargo gegen polnische Kohle, die bislang in erheblichem Umfang aus den einst deutschen, nun polnischen Teilen Oberschlesiens ins Reich floss. Beobachter sehen hinter dem Zollstreit auch den unausgesprochenen deutschen Wunsch nach einer Revision der 1922 gezogenen oberschlesischen Grenze.

Der nun schwelende Handelskrieg trifft auf beiden Seiten der Grenze die Kohle- und Textilindustrie hart und wird, wie man in Wirtschaftskreisen befürchtet, kaum binnen weniger Monate beigelegt werden können.

Chaplins „Goldrausch" begeistert Amerika

Szene aus Chaplins „The Gold Rush"
Charlie Chaplin in einer Szene aus „The Gold Rush" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der englische Filmkomiker Charlie Chaplin hat mit seinem neuen, selbst produzierten und inszenierten Streifen „The Gold Rush" (Der Goldrausch) in Hollywood einen der grössten Erfolge seiner Karriere gefeiert. Uraufgeführt am 26. Juni im dortigen Egyptian Theatre, zeigt der Film Chaplins bekannte Figur des kleinen Landstreichers als glücklosen Goldsucher im winterlichen Alaska der Fieberjahre 1897/98 — Verzweiflung und Hunger, aber auch die berühmte Szene, in der der Landstreicher aus purer Not seinen eigenen Lederstiefel verspeist, mischen sich mit Chaplins unverwechselbarem Humor. Auch in Berlin wird der Film mit Spannung erwartet, wo er, wie es in Filmkreisen heisst, in den kommenden Monaten anlaufen soll.

Heisenberg und die neue Mechanik des Kleinsten

Werner Heisenberg, Göttingen 1924
Der Göttinger Physiker Werner Heisenberg (Aufnahme von 1924, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Von einem schweren Heuschnupfenanfall geplagt, zog sich der 23-jährige Göttinger Physiker Werner Heisenberg im Juni auf die pollenarme Nordseeinsel Helgoland zurück — und legte dort in wenigen Wochen die Grundzüge einer gänzlich neuen Beschreibung der Vorgänge im Innern der Atome vor. Nach seiner Rückkehr nach Göttingen Ende Juni arbeitete er die Gedanken zu einer Abhandlung aus, die Ende Juli in der „Zeitschrift für Physik" eingereicht wurde: Statt der anschaulichen Bahnen, wie sie die ältere Atomtheorie annahm, rechnet Heisenberg fortan nur noch mit unmittelbar beobachtbaren Grössen — eine Methode, die er selbst als vorläufig und tastend bezeichnet, der Fachkollegen jedoch bereits jetzt weitreichende Bedeutung beimessen. Gemeinsam mit seinen Göttinger Lehrern Max Born und Pascual Jordan arbeitet Heisenberg seither an der mathematischen Ausarbeitung dessen, was in Physikerkreisen bereits als „neue Quantenmechanik" gehandelt wird; zwei weitere gemeinsame Abhandlungen sind bis in den November hinein erschienen. Wohin dieser Weg letztlich führt, vermag am Jahresende noch niemand mit Gewissheit zu sagen.

Der „Affenprozess" von Dayton

Verhör im Scopes-Prozess, Dayton
Der Verteidiger Clarence Darrow verhört den Anklagevertreter William Jennings Bryan, Scopes-Prozess, Dayton, Tennessee, 20. Juli 1925 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Kleinstadt Dayton im amerikanischen Bundesstaat Tennessee ist in der zweiten Julihälfte ein Gerichtsverfahren verhandelt worden, das weit über die Vereinigten Staaten hinaus Aufsehen erregt hat. Der junge Lehrer John T. Scopes hatte im Biologieunterricht Darwins Abstammungslehre vorgetragen und damit gegen ein erst kürzlich erlassenes Gesetz des Staates Tennessee verstossen, das die Lehre der Evolution an öffentlichen Schulen unter Strafe stellt. Für die Anklage trat der bekannte Politiker und dreimalige Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan auf, für die Verteidigung der renommierte Strafverteidiger Clarence Darrow — ihr Wortgefecht, in dessen Verlauf Darrow den greisen Bryan selbst als Zeugen für die wörtliche Auslegung der Bibel ins Kreuzverhör nahm, füllte tagelang die Spalten der amerikanischen und internationalen Presse.

Am 21. Juli wurde Scopes, wie von vornherein zu erwarten, für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 100 Dollar verurteilt. Bryan selbst starb, von den Strapazen des Prozesses gezeichnet, nur wenige Tage nach dessen Ende. Ob das Urteil in einer höheren Instanz Bestand haben wird, ist am Jahresende noch offen.

Zweite Grosse Deutsche Funkausstellung in Berlin

Eröffnung der Funkausstellung am Kaiserdamm
Nächtliche Aufnahme von der Eröffnung der Funk-Ausstellungshalle am Kaiserdamm, hier von der ersten Ausstellung im Dezember des Vorjahres (Bundesarchiv Bild 102-00876, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Vom 4. bis zum 13. September fand am Kaiserdamm zum zweiten Mal die Grosse Deutsche Funkausstellung statt, nachdem die erste Veranstaltung dieser Art im Dezember des vergangenen Jahres mehr als 170.000 Besucher angelockt hatte. Rundfunkempfänger, Röhrengeräte und Lautsprecher der heimischen Industrie werden einem Publikum vorgeführt, das sich seit der Aufnahme des regelmässigen Rundfunkbetriebs in Berlin vor gut zwei Jahren in stetig wachsender Zahl selbst ein Empfangsgerät anzuschaffen sucht. Der Rundfunk, so scheint es, hat sich endgültig vom technischen Kuriosum zur bürgerlichen Selbstverständlichkeit gewandelt.

Locarno — Europa sucht den Ausgleich

Teilnehmer der Konferenz von Locarno
Die Konferenz von Locarno, Oktober 1925 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 5. bis zum 16. Oktober trafen sich in dem Schweizer Städtchen Locarno am Lago Maggiore die Aussenminister Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens, Italiens, Belgiens, Polens und der Tschechoslowakei zu Verhandlungen über eine dauerhafte Friedensordnung in Westeuropa. Für das Reich verhandelte Reichsaussenminister Gustav Stresemann, für Frankreich Aristide Briand, für Grossbritannien Austen Chamberlain. Am Ende der Beratungen einigte man sich auf ein Vertragswerk, dessen Kernstück der sogenannte Rheinpakt ist: Deutschland, Frankreich und Belgien erkennen darin die bestehende Westgrenze des Reiches sowie die Entmilitarisierung des Rheinlands als endgültig an; Grossbritannien und Italien übernehmen die Garantie dieser Abmachung. Über die deutsche Ostgrenze zu Polen und der Tschechoslowakei wurden hingegen lediglich Schiedsverträge vereinbart, keine Gebietsgarantien.

Am 1. Dezember wurden die Verträge in London feierlich unterzeichnet. In Berlin wird die Übereinkunft als Wendepunkt gefeiert, der dem Reich den Weg zurück in den Kreis der europäischen Grossmächte ebnen soll; ob ihr auch der Eintritt in den Völkerbund folgen wird, über den in Genf bereits verhandelt wird, muss die Zukunft erst noch erweisen.

Ein schottischer Ingenieur überträgt erstmals ein bewegtes Gesicht

John Logie Baird mit seiner Puppe „Stooky Bill"
Der Erfinder John Logie Baird mit seiner Bauchrednerpuppe „Stooky Bill", die als erstes Versuchsobjekt seiner Fernseh-Apparatur diente (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In einem Dachkammerlabor in der Londoner Frith Street ist es dem schottischen Ingenieur John Logie Baird am 2. Oktober erstmals gelungen, ein Gesicht mit sauberen Grautönen — und nicht bloss, wie bei seinen bisherigen Versuchen, in groben Schwarz-Weiss-Umrissen — über eine Distanz von wenigen Metern zu übertragen. Als erstes Versuchsobjekt diente ihm die Bauchrednerpuppe „Stooky Bill", kurz darauf ein aus dem Treppenhaus herbeigeholter Bürojunge. Baird stützt sich auf ein mechanisches Abtastverfahren mittels rotierender, gelochter Scheiben nach dem älteren Prinzip Paul Nipkows. Ob sich aus dem Laborversuch dereinst eine praktisch nutzbare „Fernsehtechnik" für ein breiteres Publikum entwickeln lässt, ist gegenwärtig noch reine Spekulation, doch die Fachwelt verfolgt Bairds Fortschritte mit wachsendem Interesse.

„Panzerkreuzer Potemkin" — Eisensteins Film zum Jahrestag der Revolution

Standbild aus „Panzerkreuzer Potemkin"
Das Schlachtschiff „Potemkin" in einer Aufnahme aus Eisensteins Film (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zum zwanzigsten Jahrestag der gescheiterten russischen Revolution von 1905 ist im Moskauer Bolschoi-Theater der neue Film des jungen Regisseurs Sergej Eisenstein uraufgeführt worden: „Panzerkreuzer Potemkin" schildert die Meuterei der Matrosen des gleichnamigen Schlachtschiffs der zaristischen Schwarzmeerflotte und das Massaker der Kosaken an der Bevölkerung von Odessa, das sich daraus entwickelte. Der Film, im Auftrag der sowjetischen Regierung entstanden, arbeitet mit einer neuartigen, stark rhythmisierten Schnitttechnik, die auch unter westlichen Filmleuten bereits Aufsehen erregt, obgleich er hierzulande bislang nur vom Hörensagen bekannt ist.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 27. Januar — Das Deutsche Reich und die Sowjetunion unterzeichnen in Moskau ein neues Handelsabkommen.
  • April — Das Bauhaus verlegt seinen Sitz von Weimar, wo ihm die thüringische Landesregierung die Mittel gekürzt hatte, nach Dessau.
  • 28. April – 25. Oktober — In Paris zeigt die internationale Ausstellung „Arts Décoratifs" die neuesten Strömungen von Architektur und angewandter Kunst; der seither gebräuchliche Sammelbegriff für den Stil lautet nach ihr „Art déco".
  • 2. Oktober — In Paris eröffnet die aus Amerika stammende Tänzerin Josephine Baker im Théâtre des Champs-Élysées ihre „Revue Nègre" und wird binnen weniger Wochen zum Stadtgespräch.
  • November — Der Tanz „Charleston" erobert, von Übersee kommend, auch die Berliner Ballsäle und Vergnügungslokale.
  • 14. Dezember — An der Staatsoper Unter den Linden wird unter Generalmusikdirektor Erich Kleiber Alban Bergs Oper „Wozzeck" uraufgeführt.
  • Ganzjährig — Die Reichsmark, seit der Währungsreform des Vorjahres stabil, festigt das Vertrauen in Handel und Sparkassen; die Zahl der Arbeitslosen sinkt gegenüber den Krisenjahren spürbar.
  • Ganzjährig — Die Wohnungsnot in Berlin bleibt trotz reger kommunaler Bautätigkeit in den neuen Siedlungen am Stadtrand ein drängendes Problem.

SPORT · 1925

Der Fussball gewinnt in diesem Jahr weiter an Popularität; die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft ziehen zunehmend grosse Zuschauermengen an, wenngleich der Deutsche Fussball-Bund noch keine einheitliche Reichsliga unterhält, sondern der Meister im K.-o.-System der Bezirksbesten ermittelt wird. Im Boxsport bleibt der Berliner Publikumsliebling Max Schmeling ein aufstrebender Name im Halbschwergewicht. Der Automobilsport gewinnt an Bedeutung, seit auf der neu eröffneten AVUS regelmässig Rennen ausgetragen werden.

Auch der Wintersport erfreut sich wachsenden Zuspruchs: In den bayerischen und österreichischen Alpen füllen sich die Skihütten, und der Schlittschuhlauf auf den zugefrorenen Berliner Gewässern bleibt ein winterliches Vergnügen für Jung und Alt.

MODE · 1925

Der Bubikopf hat sich endgültig gegen das lange Haar durchgesetzt, und die Rocklänge der Damenmode rückt in diesem Jahr so weit über das Knie, wie es noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen wäre. Die schlanke, knabenhafte Silhouette bestimmt das Strassenbild; Perlenketten, Federboas und die neue Kunstseide runden das Bild der eleganten Berlinerin ab. Bei den Herren behaupten sich Anzug und steifer Hut, während der junge Charleston-Tänzer zunehmend zum Frackhemd mit weichem Kragen greift.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1925

  • Locarno-Verträge (Oktober/Dezember, Locarno und London). Erstmals seit Kriegsende einigen sich das Reich und seine westlichen Nachbarn auf gleicher Augenhöhe über Grenzen und Sicherheit.
  • Ende der Ruhrbesetzung (Sommer, Ruhrgebiet). Nach über zwei Jahren verlassen die letzten fremden Truppen deutschen Boden.
  • Stabile Reichsmark. Das Vertrauen in die seit der Währungsreform gefestigte Währung wächst weiter, Handel und Gewerbe erholen sich spürbar.
  • Neue Funktechnik für jedermann (September, Berlin). Die zweite Funkausstellung zeigt, wie rasch der Rundfunk zum Allgemeingut wird.
  • Fortschritte der Wissenschaft (Juni/Juli, Helgoland/Göttingen). Ein junger deutscher Physiker legt die Grundlagen einer neuen Beschreibung der Atomwelt vor.

DAS WETTER · 1925 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Berlin-Dahlem einen Höchstwert von 22,0 °C, das Tiefstwert lag bei 11,8 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 17 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner.

Über das Jahr gesehen war der 10. August mit 33,5 °C der wärmste, der 5. Dezember mit −15,9 °C der kälteste Tag. Berlin verzeichnete 75 Frosttage und 19 Eistage mit Dauerfrost, dazu 25 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon fünf heisse Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 629 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,1 °C, das Tagesminimum 5,2 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1925

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die folgende Liste stützt sich auf Bühnenpremieren, dokumentierte Ersteinspielungen der Berliner Plattenhäuser und den Widerhall in Operette, Kabarett und internationaler Tanzmusik des Jahres.

  1. Sweet Georgia Brown — Ben Bernie and His Hotel Roosevelt Orchestra
  2. Dinah — Ethel Waters
  3. Manhattan (aus der Revue „The Garrick Gaieties") — Ensemble der Broadway-Revue
  4. If You Knew Susie — Eddie Cantor
  5. Show Me the Way to Go Home — Ella Shields
  6. Cecilia — Sam Lanin and His Orchestra
  7. Tea for Two (aus dem Musical „No, No, Nanette") — Louise Groody und Jack Barker
  8. Ukulele Lady — Vaughn De Leath
  9. Paganini (aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár) — Carl Clewing (Wiener Erstaufführung, 30. Oktober 1925)
  10. Der Vetter aus Dingsda („Ich bin nur ein armer Wandergesell") — Berliner Operette von Eduard Künneke
  11. Gräfin Mariza (Operette von Emmerich Kálmán) — Wiener Erfolgsoperette
  12. Wozzeck (Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden) — Leo Schützendorf und Sigrid Johanson unter Erich Kleiber
  13. Ich hab zu Haus ein Grammophon — Max Kuttner (erste Aufnahme, Berlin)
  14. Da nehm' ich meine kleine Zigarette (Zigarettenlied aus der Operette „Der Orlow" von Bruno Granichstaedten) — Georges Boulanger
  15. No One (Tanzorchester-Aufnahme für Grammophon, Berlin) — Efim Schachmeister und sein Jazz-Symphonie-Orchester
  16. Wenn die kleinen Mädchen nah an Sechzehn — Claire Waldoff
  17. Schatz, ach Schatz — Claire Waldoff
  18. Der Überzieher — Otto Reutter
  19. Das ist so einfach und man denkt nicht dran — Otto Reutter
  20. Jim Dandy Step (Tanzorchester-Aufnahme für Odeon, Berlin) — Kapelle Sándor Józsi (Dajos Béla)