DER CHRONIST
Mit der Saarabstimmung im Januar und der Rückgliederung im März gewinnt das Reich sein erstes Gebiet seit Versailles zurück — noch im selben Monat bricht Berlin mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht offen mit dem Vertrag von Versailles, im Juni besiegelt ein Flottenabkommen mit London stillschweigend diesen Bruch. Im September ziehen die Nürnberger Gesetze jüdischen Bürgern des Reichs endgültig den Rechtsboden unter den Füßen weg, während Italien im Oktober über Abessinien herfällt. In Bromberg trauert die deutsche Minderheit im Mai um den polnischen Marschall Piłsudski und stellt sich im September auf neue Wahlregeln ein; in Berlin flimmert seit März die Welt erstmals über einen regelmäßigen Fernsehprogrammdienst, und im November öffnet die neue Deutschlandhalle ihre Tore. Draußen in der Welt sichert Washington seine Alten und Arbeitslosen erstmals sozialstaatlich ab, und in China endet nach einem Jahr der Marsch der Kommunisten durchs eigene Land.
Das Saargebiet stimmt heim ins Reich

Stimmzettel der Saarabstimmung 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Fünfzehn Jahre nach Versailles entscheidet das seit 1920 vom Völkerbund verwaltete Saargebiet über seine Zukunft: Rückkehr zum Deutschen Reich, Beibehaltung des Status quo unter Genfer Verwaltung oder Anschluss an Frankreich. Am 13. Januar gehen bei einer Wahlbeteiligung von rund 97 Prozent knapp 540.000 Stimmberechtigte an die Urnen; 90,7 Prozent votieren für das Reich, nur 8,8 Prozent für den Status quo und 0,4 Prozent für Frankreich. Reichskommissar Josef Bürckel organisiert im Vorfeld eine massive Propagandakampagne der „Deutschen Front"; die katholische Kirche und Teile der Arbeiterbewegung hatten für den Status quo geworben, ohne den Ausgang zu ändern. Der Völkerbundsrat bestätigt das Ergebnis umgehend, und am 1. März wird das Saargebiet offiziell in das Deutsche Reich rückgegliedert — der erste territoriale Gewinn seit dem Weltkrieg. Für Hitler ist der überwältigende Sieg ein propagandistischer Triumph, den er als Bestätigung seiner Politik gegenüber dem Ausland wie im Innern nutzt; die im Saargebiet lebenden Regimegegner und jüdischen Bürger sehen sich fortan denselben Verfolgungen ausgesetzt wie im übrigen Reich.
Das Reich führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein

Musterung für die Wehrmacht in Potsdam, Juni 1935 (Bundesarchiv, Bild 183-R96908 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
Nur drei Wochen nach der Saar-Rückgliederung und wenige Wochen nach der am 26. Februar bekanntgegebenen Existenz einer deutschen Luftwaffe bricht Hitler offen mit dem Vertrag von Versailles: Mit einer Proklamation vom 16. März verkündet die Reichsregierung das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht" und führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein, ergänzt am 21. Mai durch das Reichswehrgesetz. Vorgesehen ist der Aufbau eines Friedensheeres von 36 Divisionen — rund einer halben Million Soldaten, ein Vielfaches der im Vertrag von Versailles erlaubten 100.000-Mann-Reichswehr. Frankreich und Großbritannien protestieren scharf, ohne Konsequenzen zu ziehen; wenige Wochen später treffen sich Vertreter beider Mächte mit Italien in Stresa, um ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Für das Reich markiert der Schritt den offenen Übergang von der heimlichen zur offenen Aufrüstung — ein weiterer Baustein auf dem Weg, den seit Jahresbeginn schon die Saarabstimmung und noch im Sommer das Flottenabkommen mit London säumen werden.
Berlin sendet regelmäßiges Fernsehen — eine Weltpremiere

Frühes deutsches Fernsehempfangsgerät der Bauart AEG/Telefunken (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE)
Von der Berliner Rundfunkanstalt aus nimmt am 22. März der Fernsehsender „Paul Nipkow" — benannt nach dem Erfinder der Bildzerlegerscheibe, dessen 75. Geburtstag im Mai gefeiert wird — den weltweit ersten regelmäßigen Fernsehprogrammdienst auf. Die Reichspost richtet in Berlin öffentliche Fernsehstuben ein, in denen 20 bis 40 Zuschauer gemeinsam auf kleinen Bildschirmen von 18 mal 22 Zentimetern das noch grobkörnige Bild mit rund 180 Zeilen verfolgen können — der Eintritt ist frei. Die Sendereichweite beträgt 60 bis 80 Kilometer um Berlin; private Empfänger bleiben vorerst der Regime- Prominenz vorbehalten. Zum Vergleich: Die britische BBC nimmt ihren regulären Fernsehdienst erst sieben Monate später auf. Für die Reichshauptstadt ist die neue Technik zugleich Prestigeobjekt und Propagandainstrument — im Jahr darauf werden über denselben Sender erstmals Olympische Spiele annähernd live in Fernsehstuben übertragen.
Die Stresa-Front — ein kurzes Bündnis gegen Berlin

Palazzo Borromeo auf der Isola Bella im Lago Maggiore, Tagungsort der Stresa-Konferenz (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Als Reaktion auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht treffen sich vom 11. bis 14. April am Lago Maggiore Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und Italiens: Premierminister Ramsay MacDonald und Außenminister John Simon für London, Premierminister Pierre-Étienne Flandin und Außenminister Pierre Laval für Paris, Gastgeber Benito Mussolini für Rom. Am 14. April verabschieden sie eine Resolution, die Deutschlands einseitiges Aufrüsten verurteilt und die Unabhängigkeit Österreichs garantiert — die drei Mächte demonstrieren mit der „Stresa-Front" Geschlossenheit gegen weitere deutsche Vertragsbrüche. Das Bündnis hält jedoch nur rund zwei Monate: Unterschiedliche Interessen — Frankreichs Fixierung auf Locarno, Londons Kompromissbereitschaft gegenüber Berlin, Roms koloniale Ambitionen in Abessinien — zerreißen die gemeinsame Front rasch wieder. Endgültig besiegelt wird ihr Ende durch das deutsch-britische Flottenabkommen vom Juni, mit dem London im Alleingang von der gemeinsamen Linie abweicht.
Marschall Piłsudski stirbt — Trauer auch in Bromberg

Trauerfeierlichkeiten für Marschall Józef Piłsudski in Krakau, Mai 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Nach langer Krankheit stirbt am 12. Mai im Warschauer Belvedere-Palais Marschall Józef Piłsudski, Staatsgründer und seit dem Mai-Umsturz von 1926 starker Mann der Zweiten Polnischen Republik, an Leberkrebs. Sein einbalsamierter Leichnam wird in der Krypta der Wawel-Kathedrale in Krakau beigesetzt, sein Herz — seinem Testament gemäß ein Jahr später — auf dem Rasos-Friedhof in Wilna. Auch in Bromberg (Bydgoszcz) verharrt das öffentliche Leben: Behörden, Schulen und Kirchengemeinden der Woiwodschaft Posen begehen Trauertage, Betriebe hissen Trauerflor. Für die deutsche Minderheit der Stadt, organisiert in der Deutschen Vereinigung unter Hans Kohnert und der konkurrierenden Jungdeutschen Partei, ist der Tod des Marschalls mit gemischten Gefühlen verbunden: Piłsudski hatte, anders als Teile der polnischen Nationalbewegung, eine gemäßigtere Minderheitenpolitik verfolgt. Mit seinem Tod verliert das Land seine prägende Integrationsfigur — die Nachfolge im „Sanacja"-Regime bleibt zunächst offen, während im Herbst mit der neuen Aprilverfassung und den ersten Wahlen unter ihrer Geltung ein autoritäreres Kapitel beginnt.
Flottenabkommen mit London — Bruch der Front, Bruch von Versailles

Erich Raeder, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, um 1935 (Bundesarchiv, Bild 146-1980-128-63 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
Nur zwei Monate nach der gemeinsamen Protestresolution von Stresa schließt Großbritannien im Alleingang mit dem Reich ein Flottenabkommen: Am 18. Juni unterzeichnen der britische Außenminister John Simon und Lordsiegelbewahrer Anthony Eden mit der deutschen Delegation unter Joachim von Ribbentrop und Marinechef Erich Raeder eine Vereinbarung, die der deutschen Kriegsmarine den Ausbau auf 35 Prozent der britischen Tonnage gestattet — bei U-Booten sogar bis zu 100 Prozent britischer Stärke. Das Abkommen umgeht das Unterhaus per diplomatischem Notenwechsel und ersetzt faktisch die Flottenbestimmungen von Versailles, die dem Reich seit 1919 nur eine Rumpfmarine erlaubt hatten. Hitler feiert den Tag als „schönsten Tag seines Lebens" und sieht darin den ersten Schritt zu einem deutsch-britischen Bündnis. In Frankreich löst der britische Alleingang „große Empörung" aus; Botschafter André François-Poncet spricht später von der „ersten Bresche in der Mauer der Solidarität gegen Hitler". Die erst im April beschworene Stresa-Front ist damit endgültig zerfallen.
Washington sichert Alte und Arbeitslose erstmals sozialstaatlich ab

Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnet den Social Security Act, 14. August 1935 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)
Im Beisein der Senatoren Robert Wagner, Robert La Follette und Alben Barkley unterzeichnet Präsident Franklin D. Roosevelt am 14. August in Washington den „Social Security Act" — den Geburtsakt des amerikanischen Sozialstaats. Das Gesetz führt eine staatliche Altersrentenversicherung, ein bundesweites Arbeitslosenversicherungssystem sowie erstmals eine Unterstützung für Familien mit alleinerziehenden Müttern ein, finanziert über eine neue Lohnsteuer nach dem Umlageverfahren. Für Roosevelt, der von einer sozialen Absicherung „von der Wiege bis zur Bahre" spricht, ist es das Herzstück des zweiten New-Deal-Jahrgangs im sechsten Jahr nach dem Börsenkrach von 1929 — ein Gegenentwurf zur europäischen Krisenpolitik, wo Deutschland seine Arbeitslosigkeit vor allem durch Aufrüstung und Arbeitsdienst bekämpft. Der Historiker Kenneth S. Davis nennt es später „das wichtigste einzelne Sozialgesetz der amerikanischen Geschichte"; die Ausgaben des Programms, 1940 noch bei 35 Millionen Dollar, sollen binnen weniger Jahrzehnte auf ein Vielfaches anwachsen. Für die Vereinigten Staaten markiert der 14. August den Beginn einer sozialstaatlichen Tradition.
Die Nürnberger Gesetze — jüdischen Bürgern wird die Gleichberechtigung entzogen

Massenappell auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 1935 (National Archives / Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Auf dem eigens einberufenen Reichsparteitag in Nürnberg verkündet Hitler am 15. September zwei Gesetze, die den jüdischen Bürgern des Reichs endgültig den Rechtsboden entziehen: Das „Reichsbürgergesetz" schafft zwei Klassen von Staatsangehörigen — nur wer „deutschen oder artverwandten Blutes" ist, kann noch vollberechtigter „Reichsbürger" sein, während Juden zu bloßen „Staatsangehörigen" ohne politische Rechte herabgestuft werden. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verbietet Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen Juden und „Deutschblütigen". Ausgearbeitet unter Federführung von Innenminister Wilhelm Frick und dem Ministerialbeamten Bernhard Lösener, billigt Hitler persönlich die — im Vergleich zu radikaleren Entwürfen — noch „gemäßigtere" Fassung. Reichsärzteführer Gerhard Wagner verkündet die Blutschutz-Bestimmungen öffentlich. Die Gesetze machen die rechtliche Ausgrenzung, die seit 1933 in zahllosen Einzelmaßnahmen begonnen hatte, systematisch und unwiderruflich — ein Rechtsbruch mit Gesetzeskraft, der bis zur Aufhebung durch den Alliierten Kontrollrat 1945 in Kraft bleibt.
Erste Wahlen unter der neuen Verfassung — Polens Opposition boykottiert

Der Sejm in Warschau in den 1930er Jahren (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Am selben 15. September, an dem in Nürnberg die Rechte der jüdischen Bürger des Reichs beschnitten werden, wählt Polen erstmals unter seiner im April verabschiedeten neuen Verfassung einen Sejm. Die „Aprilverfassung" hatte dem Staatspräsidenten weitreichende Vollmachten übertragen und Sejm wie Senat entmachtet; aus Protest gegen das neue, restriktive Wahlrecht — das Kandidatenlisten faktisch der Regierung unterstellt — boykottiert die gesamte Opposition, von Bauernpartei bis Sozialisten, die Wahl. Die Wahlbeteiligung fällt entsprechend niedrig aus: Nur 45,95 Prozent der Berechtigten gehen zur Urne. Der „Parteilose Block der Regierungsunterstützer" (BBWR), der politische Arm des seit 1926 herrschenden „Sanacja"-Lagers, erhält 86,6 Prozent der Stimmen und 181 von 206 Sitzen; der „Block der nationalen Minderheiten" — in dem auch deutsche Wähler der Woiwodschaft Posen vertreten sind — kommt auf gut 13 Prozent. In Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit, zwischen Deutscher Vereinigung und Jungdeutscher Partei gespalten, die erste Wahl nach Piłsudskis Tod mit Sorge: Ohne den einigenden Marschall verschärft sich der autoritäre Kurs Warschaus spürbar.
Italien fällt über Abessinien her

Kaiser Haile Selassie von Abessinien, 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Ohne Kriegserklärung überschreiten am 3. Oktober rund 330.000 italienische Soldaten und 87.000 einheimische „Askari"-Hilfstruppen unter Marschall Emilio De Bono von der Kolonie Eritrea aus die Grenze zum unabhängigen ostafrikanischen Kaiserreich Abessinien (Äthiopien). Als Vorwand dient ein Grenzzwischenfall bei der Oase Wal Wal vom Dezember 1934, bei dem italienische Truppen auf Befehl Benito Mussolinis mit abessinischen Grenzsoldaten zusammengestoßen waren. Kaiser Haile Selassie ruft die Generalmobilmachung aus und wendet sich an den Völkerbund in Genf, der Italien zwar formell zum Aggressor erklärt und Wirtschaftssanktionen verhängt — ein Ölembargo bleibt jedoch aus, ebenso die Sperrung des Suezkanals, über den italienischer Nachschub läuft. Für Mussolini ist der Feldzug der Beginn eines neuen „Römischen Imperiums" in Ostafrika; für den Völkerbund wird die Halbherzigkeit der Reaktion zur Nagelprobe, an der die Genfer Organisation sichtbar zu zerbrechen beginnt. Der Krieg, der bis zum Frühjahr 1936 andauern wird, treibt zugleich Italien und das Deutsche Reich diplomatisch näher zueinander.
Der Lange Marsch der chinesischen Kommunisten endet

Karte des Langen Marsches der chinesischen Kommunisten 1934/35 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Ein Jahr nach dem Aufbruch aus ihrem von Chiang Kai-sheks Truppen eingeschlossenen Rückzugsgebiet in Jiangxi erreichen die Reste der chinesischen Kommunisten am 20. Oktober ihr neues Refugium in der Provinz Shaanxi. Von den rund 90.000 Soldaten, die im Oktober 1934 aufgebrochen waren, haben nur etwa 7.000 die gut 12.000 Kilometer lange Odyssee über Gebirge, Sümpfe und feindliches Gebiet überlebt. Auf der „Konferenz von Zunyi" im Januar 1935 hatte sich Mao Zedong gegen seine bisherigen Rivalen in der Parteiführung durchgesetzt und seine Kontrolle über die Kommunistische Partei Chinas gefestigt. Der „Lange Marsch" wird später zum Gründungsmythos der siegreichen Volksrepublik stilisiert — als Beweis für die Widerstandsfähigkeit der kommunistischen Bewegung, die trotz nahezu vollständiger militärischer Zerschlagung ein neues Machtzentrum aufbauen kann. Vorerst bleibt China indes von zwei Fronten zugleich bedroht: dem fortgesetzten Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten und dem seit 1931 immer weiter in die Mandschurei und Nordchina vordringenden Japan.
Berlin eröffnet die Deutschlandhalle

Die Deutschlandhalle in Berlin, kurz nach ihrer Eröffnung (Bundesarchiv, Bild B 145 Bild-P018933 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
In nur neun Monaten Bauzeit errichtet, öffnet am 29. November im Berliner Ausstellungsgelände am Funkturm die neue Deutschlandhalle ihre Tore — mit Hitler selbst als Ehrengast der Eröffnungsfeier. Mit 117 Metern Länge und 83 Metern Breite gilt die von Fritz Wiemer errichtete Mehrzweckhalle als größte ihrer Art weltweit: Bis zu 10.000 Zuschauer finden auf regulären Sitzplätzen Platz, bei voller Nutzung des Innenraums sogar bis zu 16.000. Gebaut wurde die Halle mit Blick auf die Olympischen Spiele des kommenden Jahres, für die sie als Austragungsort für Ringen, Gewichtheben und Boxen dienen soll. Für die Reichshauptstadt reiht sich der Neubau in eine Serie von Prestigeprojekten des Jahres — vom Fernsehsender Paul Nipkow bis zu den fortschreitenden Arbeiten am Reichssportfeld —, mit denen sich Berlin für die Weltöffentlichkeit als moderne, leistungsfähige Metropole inszeniert, während die politische Realität des Regimes im selben Jahr mit den Nürnberger Gesetzen ihr hässlichstes Gesicht zeigt.
Kirchenkampf: Kerrl wird Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten

Hanns Kerrl, ab Juli 1935 Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten (Bundesarchiv, Bild 102-14899 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
Um den seit 1933 schwelenden Konflikt zwischen dem Regime und den evangelischen Kirchen zu befrieden, beruft Hitler am 16. Juli den bisherigen preußischen Justizminister Hanns Kerrl zum ersten „Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten" — ein eigens neu geschaffenes Ministerium. Per Verordnung vom 3. Oktober setzt Kerrl einen „Reichskirchenausschuss" unter dem gemäßigten Kirchenpräsidenten Wilhelm Zoellner ein, der die zerstrittene Deutsche Evangelische Kirche befrieden soll. Die im Vorjahr entstandene „Bekennende Kirche", getragen unter anderem vom Pfarrernotbund um Pastor Martin Niemöller, spaltet sich daraufhin in einen gemäßigten Flügel, der auf Kooperation mit Kerrls Ausschuss setzt, und einen radikaleren, der jede staatliche Einmischung in Kirchenfragen ablehnt. Rund ein Drittel der evangelischen Pfarrer im Reich — etwa 7.000 Geistliche — hatte sich zuvor dem Pfarrernotbund gegen die Einführung des „Arierparagraphen" in den Kirchen angeschlossen. Der Kirchenkampf bleibt damit auch nach Kerrls Amtsantritt ungelöst — ein stiller Konflikt, der mit Verhaftungen von Pfarrern und Kirchenjuristen weiter zu eskalieren droht.
AM RANDE NOTIERT
- 21. März — Der persische Gesandte in Berlin teilt mit, dass sein Land fortan offiziell Iran heißen soll — ein Wunsch des Schahs Reza Pahlavi, die alte Eigenbezeichnung des Landes zu betonen.
- 26. Februar — Der britische Physiker Robert Watson-Watt weist bei Daventry erstmals nach, dass Flugzeuge per Funkecho geortet werden können — die Geburtsstunde des Radars.
- In Bromberg hält die „Deutsche Rundschau in Polen" unter Chefredakteur Gotthold Starke die deutsche Minderheit über Wirtschaft, Kirche und Vereinsleben auf dem Laufenden — eine der letzten deutschsprachigen Stimmen in der Woiwodschaft Posen.
- Der Bromberger Kanal, seit 1774/1915 Bindeglied zwischen Weichsel und Netze, bleibt Rückgrat des regionalen Warenverkehrs — Holz, Getreide und Industriegüter der Stadt finden über ihn den Weg zur Ostsee.
- In Berlin schreiten die Bauarbeiten am künftigen Reichssportfeld für die Olympischen Spiele 1936 sichtbar voran, ebenso an neuen Abschnitten der Reichsautobahn, die als Prestige- und Beschäftigungsprojekt des Regimes gilt.
- Im November feiert Berlin den zehnten Jahrestag der Avus-Ehrenrunde mit einem stark besuchten Herbstrennen auf der Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße.
- Die jüdischen Bürger des Reichs — auch in den zurückgegliederten Saargebieten — erleben nach den Nürnberger Gesetzen eine Welle weiterer Boykotte und Ausgrenzungen aus Berufen und öffentlichem Leben.
- Zum Jahresende laufen in Berlin die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen und die Sommerspiele in der Reichshauptstadt auf Hochtouren.
SPORT · 1935
Der Sportsommer gehört dem Fußball und dem Boxring. Am 23. Juni verteidigt FC Schalke 04 vor 74.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion zu Köln mit einem 6:4-Sieg über den VfB Stuttgart seinen Titel als Deutscher Meister — das torreichste Endspiel der bisherigen Meisterschaftsgeschichte. Im Ring bleibt Max Schmeling das Aushängeschild des deutschen Sports: Am 10. März schlägt er in der Hamburger Hanseatenhalle den Amerikaner Steve Hamas durch K.o. in der neunten Runde, am 7. Juli bezwingt er im Berliner Poststadion den Spanier Paulino Uzcudun nach zwölf Runden nach Punkten. Auf der Tennisanlage von Roland-Garros in Paris scheitert Gottfried von Cramm im Finale der französischen Meisterschaften am Briten Fred Perry — nach seinem Titelgewinn 1934 diesmal nur Vizemeister. Im Winter dreht sich beim traditionsreichen Sechstagerennen im Berliner Sportpalast wieder alles um Ausdauer auf zwei Rädern; mit der neuen Deutschlandhalle steht der Stadt ab Jahresende eine zweite Großarena für solche Massenveranstaltungen zur Verfügung. In Bromberg spielt derweil Polonia Bydgoszcz in der polnischen Regionalliga um den Aufstieg — der Sport bleibt hier, anders als im Reich, weitgehend unpolitisch registrierte Freizeitbeschäftigung.
MODE · 1935
Auf Berlins Straßen setzt sich weiter durch, was das Deutsche Modeamt unter der Schirmherrschaft von Magda Goebbels seit 1933 propagiert: Dirndl, Trachtenjanker und schlichte, hochgeschlossene Silhouetten als vermeintlich „deutsche" Gegenentwürfe zur verpönten Pariser Haute Couture. Der Anspruch auf eine „arisch reine" deutsche Mode bleibt jedoch Widerspruch in sich: Noch immer beziehen führende Berliner Modehäuser Schnitte und Stoffe aus Paris, und die Regime-Elite selbst — allen voran Magda Goebbels — trägt bei offiziellen Anlässen maßgeschneiderte, an internationalen Vorbildern orientierte Garderobe. In Bromberg orientiert sich die deutsche wie polnische Stadtgesellschaft an denselben mitteleuropäischen Modetrends wie Warschau und Posen — schlanke Silhouetten, kürzere Röcke, elegante Hüte —, unbeeindruckt von der Berliner Kulturkampfrhetorik gegen „welsche" Einflüsse.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1935
- Ein Wirkstoff gegen tödliche Infektionen (Februar, Berlin/Wuppertal). Der Bayer-Forscher Gerhard Domagk veröffentlicht seine Ergebnisse zum Farbstoff „Prontosil" — dem ersten wirksamen Sulfonamid gegen bakterielle Infektionen wie Kindbettfieber und Blutvergiftung, dem Wegbereiter der modernen Antibiotika-Ära.
- Die Geburtsstunde des Radars (26. Februar, Daventry, England). Der Physiker Robert Watson-Watt demonstriert erstmals, dass Flugzeuge über reflektierte Funkwellen geortet werden können — eine Erfindung, die später unzähligen Zivilflugzeugen und Schiffen die sichere Navigation ermöglicht.
- Physik-Nobelpreis für den Entdecker des Neutrons (November, Stockholm). Der Brite James Chadwick wird für den 1932 erbrachten Nachweis des Neutrons geehrt — ein Grundbaustein des modernen Verständnisses vom Atomkern.
- Chemie-Nobelpreis für ein Forscherehepaar (November, Stockholm). Frédéric und Irène Joliot-Curie erhalten die Auszeichnung für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität — sie können erstmals radioaktive Elemente im Labor selbst erzeugen.
- Medizin-Nobelpreis für die Erforschung der Embryonalentwicklung (Oktober, Stockholm). Der Freiburger Zoologe Hans Spemann wird für die Entdeckung des „Organisator-Effekts" geehrt, mit dem sich Gewebe im Embryo gegenseitig zur Ausdifferenzierung anregen — ein Meilenstein der Entwicklungsbiologie aus deutscher Forschung.
- Eine Messlatte für die Erde selbst (Januar, Kalifornien). Der Seismologe Charles Francis Richter stellt gemeinsam mit Beno Gutenberg die nach ihm benannte Richter-Skala vor — fortan lässt sich die Stärke von Erdbeben weltweit einheitlich vergleichen.
DAS WETTER · 1935 in Berlin
An diesem 13. Juli zeigt sich der Sommer über Berlin-Dahlem von seiner warmen Seite: Höchstwert 28,1 °C, nachts kühlt es auf 16,4 °C ab, kein Tropfen Regen fällt. Nach dem Tagesmittel der Station Berlin-Tempelhof liegt die Temperatur an diesem Tag bei 22,2 °C.
Das Jahr über: Der heißeste Tag ist der 26. Juni mit 33,8 °C, der kälteste der 9. Januar mit −13,2 °C. Dahlem zählt 77 Frosttage und 36 Sommertage (Höchstwert mindestens 25 °C); der Jahresniederschlag summiert sich auf 669 mm, das mittlere Tagesmaximum liegt bei 13,3 °C, das mittlere Tagesminimum bei 5,2 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1935
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Tausendmal war ich im Traum bei dir — Willy Fritsch
- Nur eine Stunde — Pola Negri
- Ein Kuß ist wunderbar — Erwin Hartung
- Trotzkopf — Marika Rökk
- Die Nacht, die Musik und dein Mund — Greta Keller
- Wie ein Wunder kam die Liebe über Nacht — Willi Forst
- Wenn vom Himmelszelt ein kleines Sternlein fällt — Die Belcantos mit Orchester Adalbert Lutter
- Was man vergessen kann, lohnt keine Tränen — Hilde Hildebrand
- Wer sich die Welt mit einem Donnerschlag erobern will — Rudi Schuricke
- Geständnis — Brigitte Horney
- Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau'n — Jan Kiepura
- Auf der Heide blühn die letzten Rosen — Herbert Ernst Groh
- Mazurka (Ich spür' in mir …) — Pola Negri
- Keinen Schritt ohne dich — Paul Kemp
- Die ganze Welt dreht sich um Liebe — Martha Eggerth
- Regentropfen — Rudi Schuricke
- Von meiner Heimat hab' ich geträumt — Marika Rökk
- Ungarischer Tanz Nr. 5 — Comedian Harmonists
- Heut ist der schönste Tag in meinem Leben — Joseph Schmidt
- Cheek to Cheek — Fred Astaire (aus „Top Hat")
Quellen: Schlager-Chroniken (spectre-media.com · musikhimmel.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.