DER CHRONIST

Zum Geleit

Mit der Saarabstimmung im Januar und der Rückgliederung im März gewinnt das Reich sein erstes Gebiet seit Versailles zurück — noch im selben Monat bricht Berlin mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht offen mit dem Vertrag von Versailles, im Juni besiegelt ein Flottenabkommen mit London stillschweigend diesen Bruch. Im September ziehen die Nürnberger Gesetze jüdischen Bürgern des Reichs endgültig den Rechtsboden unter den Füßen weg, während Italien im Oktober über Abessinien herfällt. In Bromberg trauert die deutsche Minderheit im Mai um den polnischen Marschall Piłsudski und stellt sich im September auf neue Wahlregeln ein; in Berlin flimmert seit März die Welt erstmals über einen regelmäßigen Fernsehprogrammdienst, und im November öffnet die neue Deutschlandhalle ihre Tore. Draußen in der Welt sichert Washington seine Alten und Arbeitslosen erstmals sozialstaatlich ab, und in China endet nach einem Jahr der Marsch der Kommunisten durchs eigene Land.

Die Schlagzeilen des Jahres

Das Saargebiet stimmt heim ins Reich

Stimmzettel der Saarabstimmung 1935

Stimmzettel der Saarabstimmung 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Fünfzehn Jahre nach Versailles entscheidet das seit 1920 vom Völkerbund verwaltete Saargebiet über seine Zukunft: Rückkehr zum Deutschen Reich, Beibehaltung des Status quo unter Genfer Verwaltung oder Anschluss an Frankreich. Am 13. Januar gehen bei einer Wahlbeteiligung von rund 97 Prozent knapp 540.000 Stimmberechtigte an die Urnen; 90,7 Prozent votieren für das Reich, nur 8,8 Prozent für den Status quo und 0,4 Prozent für Frankreich. Reichskommissar Josef Bürckel organisiert im Vorfeld eine massive Propagandakampagne der „Deutschen Front"; die katholische Kirche und Teile der Arbeiterbewegung hatten für den Status quo geworben, ohne den Ausgang zu ändern. Der Völkerbundsrat bestätigt das Ergebnis umgehend, und am 1. März wird das Saargebiet offiziell in das Deutsche Reich rückgegliedert — der erste territoriale Gewinn seit dem Weltkrieg. Für Hitler ist der überwältigende Sieg ein propagandistischer Triumph, den er als Bestätigung seiner Politik gegenüber dem Ausland wie im Innern nutzt; die im Saargebiet lebenden Regimegegner und jüdischen Bürger sehen sich fortan denselben Verfolgungen ausgesetzt wie im übrigen Reich.

Aus heutiger Sicht

Der Saarabstimmung folgt binnen Jahresfrist die Wiedereinführung der Wehrpflicht und im Herbst die Nürnberger Gesetze — für das Regime ist der Abstimmungssieg im Rückblick weniger ein Ausdruck freien Willens als ein früher Baustein einer Propagandamaschine, die außenpolitische Erfolge systematisch zur Festigung der Diktatur im Innern nutzt.

Das Reich führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein

Musterung für die Wehrmacht in Potsdam, Juni 1935

Musterung für die Wehrmacht in Potsdam, Juni 1935 (Bundesarchiv, Bild 183-R96908 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Nur drei Wochen nach der Saar-Rückgliederung und wenige Wochen nach der am 26. Februar bekanntgegebenen Existenz einer deutschen Luftwaffe bricht Hitler offen mit dem Vertrag von Versailles: Mit einer Proklamation vom 16. März verkündet die Reichsregierung das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht" und führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein, ergänzt am 21. Mai durch das Reichswehrgesetz. Vorgesehen ist der Aufbau eines Friedensheeres von 36 Divisionen — rund einer halben Million Soldaten, ein Vielfaches der im Vertrag von Versailles erlaubten 100.000-Mann-Reichswehr. Frankreich und Großbritannien protestieren scharf, ohne Konsequenzen zu ziehen; wenige Wochen später treffen sich Vertreter beider Mächte mit Italien in Stresa, um ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Für das Reich markiert der Schritt den offenen Übergang von der heimlichen zur offenen Aufrüstung — ein weiterer Baustein auf dem Weg, den seit Jahresbeginn schon die Saarabstimmung und noch im Sommer das Flottenabkommen mit London säumen werden.

Berlin sendet regelmäßiges Fernsehen — eine Weltpremiere

Frühes deutsches Fernsehempfangsgerät der Bauart AEG/Telefunken

Frühes deutsches Fernsehempfangsgerät der Bauart AEG/Telefunken (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE)

Von der Berliner Rundfunkanstalt aus nimmt am 22. März der Fernsehsender „Paul Nipkow" — benannt nach dem Erfinder der Bildzerlegerscheibe, dessen 75. Geburtstag im Mai gefeiert wird — den weltweit ersten regelmäßigen Fernsehprogrammdienst auf. Die Reichspost richtet in Berlin öffentliche Fernsehstuben ein, in denen 20 bis 40 Zuschauer gemeinsam auf kleinen Bildschirmen von 18 mal 22 Zentimetern das noch grobkörnige Bild mit rund 180 Zeilen verfolgen können — der Eintritt ist frei. Die Sendereichweite beträgt 60 bis 80 Kilometer um Berlin; private Empfänger bleiben vorerst der Regime- Prominenz vorbehalten. Zum Vergleich: Die britische BBC nimmt ihren regulären Fernsehdienst erst sieben Monate später auf. Für die Reichshauptstadt ist die neue Technik zugleich Prestigeobjekt und Propagandainstrument — im Jahr darauf werden über denselben Sender erstmals Olympische Spiele annähernd live in Fernsehstuben übertragen.

Die Stresa-Front — ein kurzes Bündnis gegen Berlin

Palazzo Borromeo auf der Isola Bella im Lago Maggiore, Tagungsort der Stresa-Konferenz

Palazzo Borromeo auf der Isola Bella im Lago Maggiore, Tagungsort der Stresa-Konferenz (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Als Reaktion auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht treffen sich vom 11. bis 14. April am Lago Maggiore Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und Italiens: Premierminister Ramsay MacDonald und Außenminister John Simon für London, Premierminister Pierre-Étienne Flandin und Außenminister Pierre Laval für Paris, Gastgeber Benito Mussolini für Rom. Am 14. April verabschieden sie eine Resolution, die Deutschlands einseitiges Aufrüsten verurteilt und die Unabhängigkeit Österreichs garantiert — die drei Mächte demonstrieren mit der „Stresa-Front" Geschlossenheit gegen weitere deutsche Vertragsbrüche. Das Bündnis hält jedoch nur rund zwei Monate: Unterschiedliche Interessen — Frankreichs Fixierung auf Locarno, Londons Kompromissbereitschaft gegenüber Berlin, Roms koloniale Ambitionen in Abessinien — zerreißen die gemeinsame Front rasch wieder. Endgültig besiegelt wird ihr Ende durch das deutsch-britische Flottenabkommen vom Juni, mit dem London im Alleingang von der gemeinsamen Linie abweicht.

Marschall Piłsudski stirbt — Trauer auch in Bromberg

Trauerfeierlichkeiten für Marschall Józef Piłsudski in Krakau, Mai 1935

Trauerfeierlichkeiten für Marschall Józef Piłsudski in Krakau, Mai 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach langer Krankheit stirbt am 12. Mai im Warschauer Belvedere-Palais Marschall Józef Piłsudski, Staatsgründer und seit dem Mai-Umsturz von 1926 starker Mann der Zweiten Polnischen Republik, an Leberkrebs. Sein einbalsamierter Leichnam wird in der Krypta der Wawel-Kathedrale in Krakau beigesetzt, sein Herz — seinem Testament gemäß ein Jahr später — auf dem Rasos-Friedhof in Wilna. Auch in Bromberg (Bydgoszcz) verharrt das öffentliche Leben: Behörden, Schulen und Kirchengemeinden der Woiwodschaft Posen begehen Trauertage, Betriebe hissen Trauerflor. Für die deutsche Minderheit der Stadt, organisiert in der Deutschen Vereinigung unter Hans Kohnert und der konkurrierenden Jungdeutschen Partei, ist der Tod des Marschalls mit gemischten Gefühlen verbunden: Piłsudski hatte, anders als Teile der polnischen Nationalbewegung, eine gemäßigtere Minderheitenpolitik verfolgt. Mit seinem Tod verliert das Land seine prägende Integrationsfigur — die Nachfolge im „Sanacja"-Regime bleibt zunächst offen, während im Herbst mit der neuen Aprilverfassung und den ersten Wahlen unter ihrer Geltung ein autoritäreres Kapitel beginnt.

Flottenabkommen mit London — Bruch der Front, Bruch von Versailles

Erich Raeder, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, um 1935

Erich Raeder, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, um 1935 (Bundesarchiv, Bild 146-1980-128-63 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Nur zwei Monate nach der gemeinsamen Protestresolution von Stresa schließt Großbritannien im Alleingang mit dem Reich ein Flottenabkommen: Am 18. Juni unterzeichnen der britische Außenminister John Simon und Lordsiegelbewahrer Anthony Eden mit der deutschen Delegation unter Joachim von Ribbentrop und Marinechef Erich Raeder eine Vereinbarung, die der deutschen Kriegsmarine den Ausbau auf 35 Prozent der britischen Tonnage gestattet — bei U-Booten sogar bis zu 100 Prozent britischer Stärke. Das Abkommen umgeht das Unterhaus per diplomatischem Notenwechsel und ersetzt faktisch die Flottenbestimmungen von Versailles, die dem Reich seit 1919 nur eine Rumpfmarine erlaubt hatten. Hitler feiert den Tag als „schönsten Tag seines Lebens" und sieht darin den ersten Schritt zu einem deutsch-britischen Bündnis. In Frankreich löst der britische Alleingang „große Empörung" aus; Botschafter André François-Poncet spricht später von der „ersten Bresche in der Mauer der Solidarität gegen Hitler". Die erst im April beschworene Stresa-Front ist damit endgültig zerfallen.

Aus heutiger Sicht

Das Flottenabkommen gilt Historikern rückblickend als frühes Muster der britischen Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler: London akzeptiert einseitig einen Vertragsbruch, um das Reich einzubinden, und ermutigt damit ungewollt weitere Alleingänge — bis hin zum Münchner Abkommen von 1938. Großbritannien kündigt die Vereinbarung erst 1939 nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei auf.

Washington sichert Alte und Arbeitslose erstmals sozialstaatlich ab

Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnet den Social Security Act, 14. August 1935

Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnet den Social Security Act, 14. August 1935 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Im Beisein der Senatoren Robert Wagner, Robert La Follette und Alben Barkley unterzeichnet Präsident Franklin D. Roosevelt am 14. August in Washington den „Social Security Act" — den Geburtsakt des amerikanischen Sozialstaats. Das Gesetz führt eine staatliche Altersrentenversicherung, ein bundesweites Arbeitslosenversicherungssystem sowie erstmals eine Unterstützung für Familien mit alleinerziehenden Müttern ein, finanziert über eine neue Lohnsteuer nach dem Umlageverfahren. Für Roosevelt, der von einer sozialen Absicherung „von der Wiege bis zur Bahre" spricht, ist es das Herzstück des zweiten New-Deal-Jahrgangs im sechsten Jahr nach dem Börsenkrach von 1929 — ein Gegenentwurf zur europäischen Krisenpolitik, wo Deutschland seine Arbeitslosigkeit vor allem durch Aufrüstung und Arbeitsdienst bekämpft. Der Historiker Kenneth S. Davis nennt es später „das wichtigste einzelne Sozialgesetz der amerikanischen Geschichte"; die Ausgaben des Programms, 1940 noch bei 35 Millionen Dollar, sollen binnen weniger Jahrzehnte auf ein Vielfaches anwachsen. Für die Vereinigten Staaten markiert der 14. August den Beginn einer sozialstaatlichen Tradition.

Die Nürnberger Gesetze — jüdischen Bürgern wird die Gleichberechtigung entzogen

Massenappell auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 1935

Massenappell auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 1935 (National Archives / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf dem eigens einberufenen Reichsparteitag in Nürnberg verkündet Hitler am 15. September zwei Gesetze, die den jüdischen Bürgern des Reichs endgültig den Rechtsboden entziehen: Das „Reichsbürgergesetz" schafft zwei Klassen von Staatsangehörigen — nur wer „deutschen oder artverwandten Blutes" ist, kann noch vollberechtigter „Reichsbürger" sein, während Juden zu bloßen „Staatsangehörigen" ohne politische Rechte herabgestuft werden. Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verbietet Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen Juden und „Deutschblütigen". Ausgearbeitet unter Federführung von Innenminister Wilhelm Frick und dem Ministerialbeamten Bernhard Lösener, billigt Hitler persönlich die — im Vergleich zu radikaleren Entwürfen — noch „gemäßigtere" Fassung. Reichsärzteführer Gerhard Wagner verkündet die Blutschutz-Bestimmungen öffentlich. Die Gesetze machen die rechtliche Ausgrenzung, die seit 1933 in zahllosen Einzelmaßnahmen begonnen hatte, systematisch und unwiderruflich — ein Rechtsbruch mit Gesetzeskraft, der bis zur Aufhebung durch den Alliierten Kontrollrat 1945 in Kraft bleibt.

Aus heutiger Sicht

Die Nürnberger Gesetze markieren den Übergang von antisemitischer Diskriminierung zu einer rassistisch fundierten Rechtsordnung und liefern die juristische Grundlage für alle folgenden Verschärfungen bis hin zu Deportation und Völkermord ab 1941/42. Über 30 Durchführungsverordnungen bauen das „Reichsbürgergesetz" in den kommenden Jahren zu einem immer engmaschigeren Ausgrenzungssystem aus; die internationale Reaktion auf die Gesetze bleibt 1935 verhalten.

Erste Wahlen unter der neuen Verfassung — Polens Opposition boykottiert

Der Sejm in Warschau in den 1930er Jahren

Der Sejm in Warschau in den 1930er Jahren (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am selben 15. September, an dem in Nürnberg die Rechte der jüdischen Bürger des Reichs beschnitten werden, wählt Polen erstmals unter seiner im April verabschiedeten neuen Verfassung einen Sejm. Die „Aprilverfassung" hatte dem Staatspräsidenten weitreichende Vollmachten übertragen und Sejm wie Senat entmachtet; aus Protest gegen das neue, restriktive Wahlrecht — das Kandidatenlisten faktisch der Regierung unterstellt — boykottiert die gesamte Opposition, von Bauernpartei bis Sozialisten, die Wahl. Die Wahlbeteiligung fällt entsprechend niedrig aus: Nur 45,95 Prozent der Berechtigten gehen zur Urne. Der „Parteilose Block der Regierungsunterstützer" (BBWR), der politische Arm des seit 1926 herrschenden „Sanacja"-Lagers, erhält 86,6 Prozent der Stimmen und 181 von 206 Sitzen; der „Block der nationalen Minderheiten" — in dem auch deutsche Wähler der Woiwodschaft Posen vertreten sind — kommt auf gut 13 Prozent. In Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit, zwischen Deutscher Vereinigung und Jungdeutscher Partei gespalten, die erste Wahl nach Piłsudskis Tod mit Sorge: Ohne den einigenden Marschall verschärft sich der autoritäre Kurs Warschaus spürbar.

Italien fällt über Abessinien her

Kaiser Haile Selassie von Abessinien, 1935

Kaiser Haile Selassie von Abessinien, 1935 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ohne Kriegserklärung überschreiten am 3. Oktober rund 330.000 italienische Soldaten und 87.000 einheimische „Askari"-Hilfstruppen unter Marschall Emilio De Bono von der Kolonie Eritrea aus die Grenze zum unabhängigen ostafrikanischen Kaiserreich Abessinien (Äthiopien). Als Vorwand dient ein Grenzzwischenfall bei der Oase Wal Wal vom Dezember 1934, bei dem italienische Truppen auf Befehl Benito Mussolinis mit abessinischen Grenzsoldaten zusammengestoßen waren. Kaiser Haile Selassie ruft die Generalmobilmachung aus und wendet sich an den Völkerbund in Genf, der Italien zwar formell zum Aggressor erklärt und Wirtschaftssanktionen verhängt — ein Ölembargo bleibt jedoch aus, ebenso die Sperrung des Suezkanals, über den italienischer Nachschub läuft. Für Mussolini ist der Feldzug der Beginn eines neuen „Römischen Imperiums" in Ostafrika; für den Völkerbund wird die Halbherzigkeit der Reaktion zur Nagelprobe, an der die Genfer Organisation sichtbar zu zerbrechen beginnt. Der Krieg, der bis zum Frühjahr 1936 andauern wird, treibt zugleich Italien und das Deutsche Reich diplomatisch näher zueinander.

Der Lange Marsch der chinesischen Kommunisten endet

Karte des Langen Marsches der chinesischen Kommunisten 1934/35

Karte des Langen Marsches der chinesischen Kommunisten 1934/35 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Ein Jahr nach dem Aufbruch aus ihrem von Chiang Kai-sheks Truppen eingeschlossenen Rückzugsgebiet in Jiangxi erreichen die Reste der chinesischen Kommunisten am 20. Oktober ihr neues Refugium in der Provinz Shaanxi. Von den rund 90.000 Soldaten, die im Oktober 1934 aufgebrochen waren, haben nur etwa 7.000 die gut 12.000 Kilometer lange Odyssee über Gebirge, Sümpfe und feindliches Gebiet überlebt. Auf der „Konferenz von Zunyi" im Januar 1935 hatte sich Mao Zedong gegen seine bisherigen Rivalen in der Parteiführung durchgesetzt und seine Kontrolle über die Kommunistische Partei Chinas gefestigt. Der „Lange Marsch" wird später zum Gründungsmythos der siegreichen Volksrepublik stilisiert — als Beweis für die Widerstandsfähigkeit der kommunistischen Bewegung, die trotz nahezu vollständiger militärischer Zerschlagung ein neues Machtzentrum aufbauen kann. Vorerst bleibt China indes von zwei Fronten zugleich bedroht: dem fortgesetzten Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten und dem seit 1931 immer weiter in die Mandschurei und Nordchina vordringenden Japan.

Berlin eröffnet die Deutschlandhalle

Die Deutschlandhalle in Berlin, kurz nach ihrer Eröffnung

Die Deutschlandhalle in Berlin, kurz nach ihrer Eröffnung (Bundesarchiv, Bild B 145 Bild-P018933 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

In nur neun Monaten Bauzeit errichtet, öffnet am 29. November im Berliner Ausstellungsgelände am Funkturm die neue Deutschlandhalle ihre Tore — mit Hitler selbst als Ehrengast der Eröffnungsfeier. Mit 117 Metern Länge und 83 Metern Breite gilt die von Fritz Wiemer errichtete Mehrzweckhalle als größte ihrer Art weltweit: Bis zu 10.000 Zuschauer finden auf regulären Sitzplätzen Platz, bei voller Nutzung des Innenraums sogar bis zu 16.000. Gebaut wurde die Halle mit Blick auf die Olympischen Spiele des kommenden Jahres, für die sie als Austragungsort für Ringen, Gewichtheben und Boxen dienen soll. Für die Reichshauptstadt reiht sich der Neubau in eine Serie von Prestigeprojekten des Jahres — vom Fernsehsender Paul Nipkow bis zu den fortschreitenden Arbeiten am Reichssportfeld —, mit denen sich Berlin für die Weltöffentlichkeit als moderne, leistungsfähige Metropole inszeniert, während die politische Realität des Regimes im selben Jahr mit den Nürnberger Gesetzen ihr hässlichstes Gesicht zeigt.

Kirchenkampf: Kerrl wird Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten

Hanns Kerrl, ab Juli 1935 Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten

Hanns Kerrl, ab Juli 1935 Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten (Bundesarchiv, Bild 102-14899 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Um den seit 1933 schwelenden Konflikt zwischen dem Regime und den evangelischen Kirchen zu befrieden, beruft Hitler am 16. Juli den bisherigen preußischen Justizminister Hanns Kerrl zum ersten „Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten" — ein eigens neu geschaffenes Ministerium. Per Verordnung vom 3. Oktober setzt Kerrl einen „Reichskirchenausschuss" unter dem gemäßigten Kirchenpräsidenten Wilhelm Zoellner ein, der die zerstrittene Deutsche Evangelische Kirche befrieden soll. Die im Vorjahr entstandene „Bekennende Kirche", getragen unter anderem vom Pfarrernotbund um Pastor Martin Niemöller, spaltet sich daraufhin in einen gemäßigten Flügel, der auf Kooperation mit Kerrls Ausschuss setzt, und einen radikaleren, der jede staatliche Einmischung in Kirchenfragen ablehnt. Rund ein Drittel der evangelischen Pfarrer im Reich — etwa 7.000 Geistliche — hatte sich zuvor dem Pfarrernotbund gegen die Einführung des „Arierparagraphen" in den Kirchen angeschlossen. Der Kirchenkampf bleibt damit auch nach Kerrls Amtsantritt ungelöst — ein stiller Konflikt, der mit Verhaftungen von Pfarrern und Kirchenjuristen weiter zu eskalieren droht.

Aus heutiger Sicht

Die Bekennende Kirche hat sich nie geschlossen zum Widerstand durchgerungen — der gemäßigte Flügel um Kerrls Ausschuss ist kooperationsbereit, der radikalere um Niemöller besteht auf kirchlicher Eigenständigkeit, doch beide schweigen 1935 zu den Nürnberger Gesetzen und der Verfolgung der jüdischen Bürger des Reichs. Erst später, mit Niemöllers KZ-Haft und dem Freisler-Prozess gegen Bekennende-Kirche-Pfarrer, wird aus dem innerkirchlichen Streit für einzelne offener Widerstand.

Der Prozess um das Lindbergh-Baby endet mit dem Todesurteil gegen einen Deutschen

Bruno Richard Hauptmann, Fahndungsfoto von 1932

Bruno Richard Hauptmann, Fahndungsfoto von 1932 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach sechswöchigem Prozess in Flemington, New Jersey, spricht die Geschworenenjury am 13. Februar den aus Kamenz in Sachsen stammenden Zimmermann Bruno Richard Hauptmann im Mordfall des im März 1932 entführten und getöteten Babys von Flieger-Ikone Charles Lindbergh schuldig — das Urteil: Tod auf dem elektrischen Stuhl. Hauptmann, seit 1923 illegal in die USA eingewandert, war im September 1934 gefasst worden, nachdem ein Teil des Lösegelds — markierte Goldzertifikate — bei ihm auftauchte; er bestreitet die Tat bis zuletzt. Der Prozess, den amerikanische Zeitungen als „Jahrhundert- prozess" feiern und der Hunderte Journalisten nach Flemington zieht, macht Hauptmanns deutsche Herkunft in der US-Presse immer wieder zum Thema — für manche Kommentatoren ein willkommener Anknüpfungspunkt in Zeiten wachsender deutsch-amerikanischer Verstimmung über das Reich. Hauptmanns Berufungen scheitern; die Hinrichtung erfolgt erst im kommenden Jahr.

Die AEG stellt das Magnetophon vor — Geburtsstunde des Tonbandgeräts

AEG Magnetophon, Nachfolgemodell K4 von 1939

AEG Magnetophon, Nachfolgemodell K4 von 1939 — vom Ur-Gerät K1 von 1935 hat sich kein Exemplar erhalten (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auf der Deutschen Funkausstellung in Berlin präsentiert die AEG am 16. August das „Magnetophon K1" — das erste praxistaugliche Tonbandgerät der Welt. Es verbindet die von Fritz Pfleumer patentierte Idee eines mit Eisenoxid beschichteten Papier- bzw. Kunststoffbands mit einer von den BASF-Chemikern in Ludwigshafen entwickelten Bandbeschichtung und einer Aufnahmeelektronik der AEG-Ingenieure um Eduard Schüller. Anders als die bis dahin üblichen Stahlband- oder Wachswalzengeräte ist das Magnetophon leicht, verhältnismäßig günstig zu fertigen und liefert erstmals eine für Rundfunkzwecke brauchbare Klangqualität. Die ersten Seriengeräte gehen in kleiner Stückzahl an Rundfunkanstalten und Tonstudios; ein brauchbares Massenprodukt für den Privatgebrauch wird das Magnetophon erst Jahrzehnte später. Vom Ur-Modell K1 selbst ist kein Exemplar erhalten geblieben — die hier gezeigte Aufnahme zeigt den technisch verwandten Nachfolger K4 von 1939.

Hanna Reitsch fliegt den Erstflug des Segelflugzeugs „Seeadler"

Hanna Reitsch am Steuer eines Segelflugzeugs, hier 1934 in Helsinki

Hanna Reitsch am Steuer eines Segelflugzeugs, hier 1934 in Helsinki — ein Jahr vor dem Seeadler-Erstflug (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Seit Juni 1934 als Testpilotin an der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) in Darmstadt-Griesheim tätig, fliegt Hanna Reitsch im Sommer 1935 den Erstflug des neuen DFS-Segelflugzeugs „Seeadler" — als eine der ersten Frauen weltweit, die an vorderster Front der Flugzeugerprobung arbeitet. Die junge Fliegerin, die zuvor bereits als Kunstflugpilotin und mit Rekordflügen aufgefallen war, übernimmt bei der DFS riskante Erprobungsaufgaben, für die männliche Kollegen sie zunächst skeptisch beäugen. Ihre Erprobungsarbeit an Sturzflugbremsen und Rettungsfallschirmsystemen für Segelflugzeuge, die sie in den folgenden Jahren fortsetzt, bringt ihr 1937 als erster Frau weltweit den Titel „Flugkapitän" ein.

Nuvolari gewinnt den Großen Preis von Deutschland — und die vergessene Hymne

Tazio Nuvolari auf seinem Alfa Romeo P3, hier beim Rennen in Brünn 1935

Tazio Nuvolari auf seinem Alfa Romeo P3, hier beim Rennen in Brünn im selben Jahr 1935 — kein freies Bild vom Nürburgring-Rennen selbst überliefert (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Vor rund 300.000 Zuschauern und der versammelten NS-Prominenz auf der Nürburgring-Nordschleife gewinnt der Italiener Tazio Nuvolari am 28. Juli den „Großen Preis von Deutschland" — mit seinem technisch unterlegenen Alfa Romeo P3 gegen die favorisierten Mercedes-Benz- und Auto-Union-Silberpfeile. Der Sieg des Außenseiters trifft die Organisatoren so unvorbereitet, dass zur Siegerehrung keine Aufnahme der italienischen Nationalhymne aufzutreiben ist — ersatzweise lässt der verdutzte Rennleiter den faschistischen Parteimarsch „Giovinezza" spielen. Für die deutschen Zeitungen, die tagelang von einem Triumph der heimischen Rennwagen ausgegangen waren, wird das Rennen zur peinlichen Fußnote; für Nuvolari selbst gilt der Sieg auf fremdem Terrain als einer der größten seiner Karriere.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 21. März — Der persische Gesandte in Berlin teilt mit, dass sein Land fortan offiziell Iran heißen soll — ein Wunsch des Schahs Reza Pahlavi, die alte Eigenbezeichnung des Landes zu betonen.
  • 26. Februar — Der britische Physiker Robert Watson-Watt weist bei Daventry erstmals nach, dass Flugzeuge per Funkecho geortet werden können — die Geburtsstunde des Radars.
  • In Bromberg hält die „Deutsche Rundschau in Polen" unter Chefredakteur Gotthold Starke die deutsche Minderheit über Wirtschaft, Kirche und Vereinsleben auf dem Laufenden — eine der letzten deutschsprachigen Stimmen in der Woiwodschaft Posen.
  • Der Bromberger Kanal, seit 1774/1915 Bindeglied zwischen Weichsel und Netze, bleibt Rückgrat des regionalen Warenverkehrs — Holz, Getreide und Industriegüter der Stadt finden über ihn den Weg zur Ostsee.
  • In Berlin schreiten die Bauarbeiten am künftigen Reichssportfeld für die Olympischen Spiele 1936 sichtbar voran, ebenso an neuen Abschnitten der Reichsautobahn, die als Prestige- und Beschäftigungsprojekt des Regimes gilt.
  • Im November feiert Berlin den zehnten Jahrestag der Avus-Ehrenrunde mit einem stark besuchten Herbstrennen auf der Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße.
  • Die jüdischen Bürger des Reichs — auch in den zurückgegliederten Saargebieten — erleben nach den Nürnberger Gesetzen eine Welle weiterer Boykotte und Ausgrenzungen aus Berufen und öffentlichem Leben.
  • Zum Jahresende laufen in Berlin die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen und die Sommerspiele in der Reichshauptstadt auf Hochtouren.
  • 8. Januar — In Tupelo, Mississippi, wird Elvis Aaron Presley geboren — Sohn eines Farmarbeiters, ohne dass jemand ahnt, welchen Namen das Kind einmal tragen wird.
  • 28. Februar — Im Werkslabor der amerikanischen DuPont stellt der Chemiker Wallace Carothers mit seinem Team erstmals eine belastbare Faser aus einem vollsynthetischen Polymer her — den Grundstoff des später „Nylon" genannten Materials.
  • 31. Dezember — Der US-Patentanwalt Charles Darrow erhält das Patent auf ein Brettspiel namens „Monopoly", das er an den Verlag Parker Brothers verkauft hat — bis Weihnachten sind schon eine Viertelmillion Exemplare verkauft.

WIRTSCHAFT · 1935

Die Arbeitslosigkeit im Reich bleibt 1935 hoch, sinkt aber im Jahresverlauf weiter: Die amtliche Reichsanstalt zählt im Januar noch knapp 2,97 Millionen Arbeitslose, den saisonalen Winterhöchststand — ein Rückgang gegenüber dem Krisenjahr 1932, den das Regime vor allem der Aufrüstung, dem Autobahnbau und dem seit Juni 1935 gesetzlich verpflichtenden Reichsarbeitsdienst zuschreibt, der junge Männer in halbmilitärisch organisierten Lagern zu unbezahlter Arbeit heranzieht. Die Reichsmark bleibt durch Devisenbewirtschaftung und Preiskontrollen künstlich stabil gehalten; Löhne stagnieren dagegen weitgehend auf dem gedrückten Niveau der Weltwirtschaftskrise.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg) — rund 27 Reichspfennig
  • Butter (1 kg) — rund 2,80 Reichsmark
  • Vollmilch (1 Liter) — rund 22 Reichspfennig
  • Bier, Schankbier (1 Liter) — rund 40 Reichspfennig
  • Kraftstoff, Benzin (1 Liter) — 38–42 Reichspfennig
  • Miete für eine Kleinwohnung (Monat, Reichsdurchschnitt) — rund 30–40 Reichsmark
  • Der Chronist (Einzelverkauf) — 10 Reichspfennig

SPORT · 1935

Der Sportsommer gehört dem Fußball und dem Boxring. Am 23. Juni verteidigt FC Schalke 04 vor 74.000 Zuschauern im Müngersdorfer Stadion zu Köln mit einem 6:4-Sieg über den VfB Stuttgart seinen Titel als Deutscher Meister — das torreichste Endspiel der bisherigen Meisterschaftsgeschichte. Im Ring bleibt Max Schmeling das Aushängeschild des deutschen Sports: Am 10. März schlägt er in der Hamburger Hanseatenhalle den Amerikaner Steve Hamas durch K.o. in der neunten Runde, am 7. Juli bezwingt er im Berliner Poststadion den Spanier Paulino Uzcudun nach zwölf Runden nach Punkten. Auf der Tennisanlage von Roland-Garros in Paris scheitert Gottfried von Cramm im Finale der französischen Meisterschaften am Briten Fred Perry — nach seinem Titelgewinn 1934 diesmal nur Vizemeister. Im Winter dreht sich beim traditionsreichen Sechstagerennen im Berliner Sportpalast wieder alles um Ausdauer auf zwei Rädern; mit der neuen Deutschlandhalle steht der Stadt ab Jahresende eine zweite Großarena für solche Massenveranstaltungen zur Verfügung. In Bromberg spielt derweil Polonia Bydgoszcz in der polnischen Regionalliga um den Aufstieg — der Sport bleibt hier, anders als im Reich, weitgehend unpolitisch registrierte Freizeitbeschäftigung.

MODE · 1935

Auf Berlins Straßen setzt sich weiter durch, was das Deutsche Modeamt unter der Schirmherrschaft von Magda Goebbels seit 1933 propagiert: Dirndl, Trachtenjanker und schlichte, hochgeschlossene Silhouetten als vermeintlich „deutsche" Gegenentwürfe zur verpönten Pariser Haute Couture. Der Anspruch auf eine „arisch reine" deutsche Mode bleibt jedoch Widerspruch in sich: Noch immer beziehen führende Berliner Modehäuser Schnitte und Stoffe aus Paris, und die Regime-Elite selbst — allen voran Magda Goebbels — trägt bei offiziellen Anlässen maßgeschneiderte, an internationalen Vorbildern orientierte Garderobe. In Bromberg orientiert sich die deutsche wie polnische Stadtgesellschaft an denselben mitteleuropäischen Modetrends wie Warschau und Posen — schlanke Silhouetten, kürzere Röcke, elegante Hüte —, unbeeindruckt von der Berliner Kulturkampfrhetorik gegen „welsche" Einflüsse.

KINO & FUNK · 1935

Auch im sechsten Jahr der Weltwirtschaftskrise bleibt das Kino Massenvergnügen: Rund 250 Millionen Kinobesuche zählt die Spielzeit 1934/35 im Reich. Als erfolgreichste und aufwendigste Ufa-Produktion des Jahres gilt die von Reinhold Schünzel inszenierte Musikkomödie „Amphitryon" mit Willy Fritsch und Käthe Gold in den Hauptrollen — eine in Versen erzählte Bearbeitung des antiken Amphitryon-Stoffs. Am 28. März hat zudem Leni Riefenstahls Parteitagsfilm „Triumph des Willens", eine Auftragsproduktion über den Nürnberger Reichsparteitag von 1934, seine Uraufführung — ein Musterbeispiel dafür, wie die Filmindustrie im Reich zunehmend für die Propaganda des Regimes eingespannt wird. Im Rundfunk wächst die Zahl der angemeldeten Empfangsgeräte im Reich kontinuierlich weiter — von rund 4,3 Millionen im Jahr 1933 auf schließlich 12,5 Millionen bis 1939 —, getragen vor allem vom günstigen „Volksempfänger", über den das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels Nachrichten und Durchhalteparolen in möglichst viele Haushalte trägt.

GESTORBEN · 1935

  • Max Liebermann (87), Maler und langjähriger Präsident der Preußischen Akademie der Künste — 8. Februar, Berlin.
  • T. E. Lawrence („Lawrence von Arabien", 46), britischer Offizier und Schriftsteller — 19. Mai, Dorset (England), an den Folgen eines Motorradunfalls.
  • Astrid von Schweden (29), Königin der Belgier — 29. August, bei Küssnacht am Rigi (Schweiz), Autounfall.
  • Alban Berg (50), österreichischer Komponist der Wiener Schule — 24. Dezember, Wien, an Blutvergiftung.
  • Kurt Tucholsky (45), deutscher Satiriker und Publizist, seit 1933 im schwedischen Exil — 21. Dezember, Göteborg, an einer Überdosis Schlafmittel.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1935

  • Ein Wirkstoff gegen tödliche Infektionen (Februar, Berlin/Wuppertal). Der Bayer-Forscher Gerhard Domagk veröffentlicht seine Ergebnisse zum Farbstoff „Prontosil" — dem ersten wirksamen Sulfonamid gegen bakterielle Infektionen wie Kindbettfieber und Blutvergiftung, dem Wegbereiter der modernen Antibiotika-Ära.
  • Die Geburtsstunde des Radars (26. Februar, Daventry, England). Der Physiker Robert Watson-Watt demonstriert erstmals, dass Flugzeuge über reflektierte Funkwellen geortet werden können — eine Erfindung, die später unzähligen Zivilflugzeugen und Schiffen die sichere Navigation ermöglicht.
  • Physik-Nobelpreis für den Entdecker des Neutrons (November, Stockholm). Der Brite James Chadwick wird für den 1932 erbrachten Nachweis des Neutrons geehrt — ein Grundbaustein des modernen Verständnisses vom Atomkern.
  • Chemie-Nobelpreis für ein Forscherehepaar (November, Stockholm). Frédéric und Irène Joliot-Curie erhalten die Auszeichnung für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität — sie können erstmals radioaktive Elemente im Labor selbst erzeugen.
  • Medizin-Nobelpreis für die Erforschung der Embryonalentwicklung (Oktober, Stockholm). Der Freiburger Zoologe Hans Spemann wird für die Entdeckung des „Organisator-Effekts" geehrt, mit dem sich Gewebe im Embryo gegenseitig zur Ausdifferenzierung anregen — ein Meilenstein der Entwicklungsbiologie aus deutscher Forschung.
  • Eine Messlatte für die Erde selbst (Januar, Kalifornien). Der Seismologe Charles Francis Richter stellt gemeinsam mit Beno Gutenberg die nach ihm benannte Richter-Skala vor — fortan lässt sich die Stärke von Erdbeben weltweit einheitlich vergleichen.

DAS WETTER · 1935 in Berlin

An diesem 13. Juli zeigt sich der Sommer über Berlin-Dahlem von seiner warmen Seite: Höchstwert 28,1 °C, nachts kühlt es auf 16,4 °C ab, kein Tropfen Regen fällt. Nach dem Tagesmittel der Station Berlin-Tempelhof liegt die Temperatur an diesem Tag bei 22,2 °C.

Das Jahr über: Der heißeste Tag ist der 26. Juni mit 33,8 °C, der kälteste der 9. Januar mit −13,2 °C. Dahlem zählt 77 Frosttage und 36 Sommertage (Höchstwert mindestens 25 °C); der Jahresniederschlag summiert sich auf 669 mm, das mittlere Tagesmaximum liegt bei 13,3 °C, das mittlere Tagesminimum bei 5,2 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1935

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Tausendmal war ich im Traum bei dir — Willy Fritsch
  2. Nur eine Stunde — Pola Negri
  3. Ein Kuß ist wunderbar — Erwin Hartung
  4. Trotzkopf — Marika Rökk
  5. Die Nacht, die Musik und dein Mund — Greta Keller
  6. Wie ein Wunder kam die Liebe über Nacht — Willi Forst
  7. Wenn vom Himmelszelt ein kleines Sternlein fällt — Die Belcantos mit Orchester Adalbert Lutter
  8. Was man vergessen kann, lohnt keine Tränen — Hilde Hildebrand
  9. Wer sich die Welt mit einem Donnerschlag erobern will — Rudi Schuricke
  10. Geständnis — Brigitte Horney
  11. Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau'n — Jan Kiepura
  12. Auf der Heide blühn die letzten Rosen — Herbert Ernst Groh
  13. Mazurka (Ich spür' in mir …) — Pola Negri
  14. Keinen Schritt ohne dich — Paul Kemp
  15. Die ganze Welt dreht sich um Liebe — Martha Eggerth
  16. Regentropfen — Rudi Schuricke
  17. Von meiner Heimat hab' ich geträumt — Marika Rökk
  18. Ungarischer Tanz Nr. 5 — Comedian Harmonists
  19. Heut ist der schönste Tag in meinem Leben — Joseph Schmidt
  20. Cheek to Cheek — Fred Astaire (aus „Top Hat")

Quellen: Schlager-Chroniken (spectre-media.com · musikhimmel.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Marine-Volkswoche und Kieler Woche: Pokalwettfahrten mit fünf Nationen

Segelregatta der Wal-Klasse zur Kieler Woche 1935
Segelregatta der Wal-Klasse zur Kieler Woche, Juni 1935 (Ferdinand Urbahns, Stadtarchiv Kiel, gemeinfrei)

Vor der Kieler Woche feiert Kiel vom 11. bis 16. Juni die Marine-Volkswoche. Zur Eröffnung am Dienstagabend füllen rund 20.000 Besucher die Nordostseehalle; die Festrede hält Vizeadmiral Conrad Albrecht, Chef der Marinestation der Ostsee. Im Mittelpunkt des Sports stehen die ersten internationalen Marine-Pokal-Wettfahrten um den Hindenburg-Erinnerungspokal, den Reichspräsident von Hindenburg am 17. Januar 1934 gestiftet hat. Marineoffiziere aus fünf Nationen gehen an den Start: aus Deutschland, Polen, Schweden, Dänemark und den Niederlanden. Es gewinnt das deutsche Boot „Atair“, Zweiter wird Schweden. Die Preise verteilt am Samstag, dem 15. Juni, Admiral Raeder.

Am selben Abend begrüßt die Stadt die Gäste der Kieler Woche im Hotel Bellevue, unter den Fahnen von zehn Nationen. Der Oberbürgermeister gedenkt der Toten des Explosionsunglücks vom 13. Juni im Sprengstoffwerk Reinsdorf bei Wittenberg. Am Sonntagmorgen übergibt er das Olympia-Seglerheim, das nach Plänen des Hamburger Architekten Schmidt in kürzester Zeit entstanden ist, mit der Flaggenhissung. Am Donnerstag, dem 20. Juni, bei der fünften Wettfahrt der Kieler Woche, siegt in der 6-m-R-Klasse die Kieler „Irmi IV“ mit Dr. Lubinus am Ruder um 21 Sekunden vor der norwegischen „White Lady“ und der finnischen „Nica“; es ist der erste deutsche Sieg in dieser Klasse, seit deutsche Boote wieder in ihr starten.

Aus heutiger Sicht

Die Marine-Volkswoche begann zehn Tage nach der Umbenennung der Reichsmarine in Kriegsmarine und endete zwei Tage vor dem deutsch-britischen Flottenabkommen vom 18. Juni. Für Kiel war sie Werbung für die Aufrüstung; schon die Kieler Woche 1934 galt als Propagandainstrument der Nationalsozialisten. Die Segelwettbewerbe dienten zugleich der Vorbereitung auf die Olympia-Segelwettbewerbe 1936 in Kiel.

Die Lessinghalle: Kiel bekommt seine erste städtische Schwimmhalle

Am Samstag, dem 5. Oktober, wird am Lessingplatz im Stadtteil Schreventeich die erste städtische Schwimmhalle Kiels eröffnet, unter dem Namen „Zentrumsbad“. Nach den Plänen von Stadtbaurat Rudolf Schroeder wurde sie 1934/35 in nur 13 Monaten gebaut. Die Halle hat ein 25-m-Becken und ein quer gelegtes Lehrschwimmbecken; im Erdgeschoss liegen Wannen- und Duschbäder für Kieler, die zu Hause kein eigenes Bad haben. Fensterfronten an allen vier Seiten lassen Tageslicht herein, dazu kommen zwei Innenhöfe. Der Kieler Künstler Alwin Blaue hat die Keramik geschaffen, darunter eine Nixe über dem Becken.

Zehn Jahre liegen zwischen dem ersten Schritt und der Eröffnung: 1925 bildete sich ein Werbeausschuss für den Kieler Schwimmhallenbau, und ein Schwimmhallenfest am 27. Februar 1926 im Schlosshof sammelte Geld dafür. Bei der Übergabe dankt der Oberbürgermeister dem Architekten, der Kriegsmarine und der Universität. Für die Stadt erfüllt sich damit ein „langgehegter Wunsch der Bevölkerung der Kriegsmarinestadt“. Zum Eröffnungsprogramm gehören Staffelwettkämpfe und ein 200-m-Brustschwimmen mit Vorgabe. Der Hamburger Europameister Erwin Sietas startet dabei erstmals nach seiner schweren Verletzung und Operation wieder und gewinnt das 200-m-Brustschwimmen überlegen, obwohl er bis zu 12 Sekunden Vorgabe gewährt; den Schwimm-Städtekampf gegen Kiel, Lübeck und Schleswig gewinnt Hamburg.

Kiel baut wieder U-Boote: U 1 und U 2 bei den Deutschen Werken

U 2 in Kiel
U 2 in Kiel, 1935 (Urheber unbekannt, Quelle vesikko.fi, gemeinfrei)

Bei den Deutschen Werken Kiel entstehen die ersten U-Boote des Typs II A. Der Auftrag für U 1 geht am 2. Februar ein, am 11. Februar wird der Kiel gelegt, am 15. Juni läuft das Boot vom Stapel. Am 29. Juni stellt die Kriegsmarine U 1 unter Oberleutnant zur See Klaus Ewerth in Dienst. U 2 folgt: Kiellegung am 11. Februar, Stapellauf am 1. Juli, Indienststellung am 25. Juli. Sechs Boote des Typs II A gehen zwischen Juni und September in Dienst.

Am Freitag, dem 27. September, wird an der U-Boot-Brücke in Kiel-Wik die erste Front-U-Boot-Flottille in Dienst gestellt, die „U-Flottille Weddigen“, benannt nach Otto Weddigen, dem Kommandanten eines U-Bootes im Ersten Weltkrieg. Chef ist Fregattenkapitän Karl Dönitz. Zur Flottille gehören die sechs bei der Germaniawerft gebauten Boote U 7 bis U 12 und das Torpedoboot „T 23“ als Tender; im November kommt das Begleitschiff „Saar“ hinzu. Bei der Germaniawerft liegen weitere Aufträge: acht Boote des Typs II B, U 17 bis U 24.

Aus heutiger Sicht

Der Vertrag von Versailles hatte U-Boote verboten. Der Bau begann vor dem Flottenabkommen vom 18. Juni 1935 und wurde im Auftrag der Reichsmarine getarnt; die Deutschen Werke verschoben die Ablieferung des ersten Bootes aus politischen Rücksichten. Das Abkommen legalisierte die Boote erst nachträglich.

Gustav Garbe, der Gouverneur von 1919, stirbt mit 69 Jahren

Am 18. Januar stirbt in Kiel Gustav Garbe. Geboren am 29. März 1865 in Altona, war er Vorsitzender des Kieler Gewerkschaftskartells, Erster Bevollmächtigter des Metallarbeiter-Verbandes und Politiker der SPD. Am 5. November 1918, im Matrosenaufstand, bildeten die Obleute der Kieler Großbetriebe den Arbeiterrat und wählten Garbe zu seinem Vorsitzenden; er verhandelte für die Arbeiter mit den Werften und kämpfte um den Erhalt der Arbeitsplätze auf der Reichswerft. Zweimal übte er in Kiel das Amt des Gouverneurs aus: vom 11. Januar bis zum 10. März 1919 und noch einmal ab dem 19. März 1920, in den Tagen des Kapp-Putsches. Im Jahr 1920 organisierte er die Arbeiterwehr, die Ende April aufgelöst wurde. Von 1919 bis 1924 gehörte er als SPD-Stadtverordneter der Kieler Stadtvertretung an. Zuletzt lebte Garbe als Rentner in Kiel.

KURZ NOTIERT · Kiel 1935

  • 1. März — Am Tag der Rückgliederung des Saargebiets erhält in Kiel die Saarbrückenstraße ihren Namen.
  • 9. April — Bei der Friedrich Krupp Germaniawerft läuft der Motortanker „W. B. Walker“ vom Stapel.
  • 1. Juni — Aus der Reichsmarine wird die Kriegsmarine; Kiel ist Sitz der Marinestation der Ostsee.
  • 31. Juli/1. August — Vier finnische Kriegsschiffe besuchen den Reichskriegshafen Kiel; Abordnungen legen am Marine-Ehrenmal Laboe einen Kranz nieder.
  • 1. Oktober — Das Reichsfinanzministerium tritt das Aktienkapital der Deutschen Werke Kiel an das Reichskriegsministerium ab.
  • 2. November — Die Kriegsmarine stellt den bei den Deutschen Werken gebauten Leichten Kreuzer „Nürnberg“ in Dienst.

RUND UM DIE FÖRDE · 1935

  • 25. April, Stein und Wendtorf — Für die Gemeinden Stein und Wendtorf im Kreis Plön sowie Altenhof, Barkelsby, Dänischenhagen, Gammelby, Noer, Schwedeneck, Strande und Windeby im Kreis Eckernförde tritt eine Verordnung über Wohnsiedlungsgebiete in Kraft.
  • 8. Juni, Bordesholm — Der Landeskriminalpolizeistelle gelingt mit Hilfe der Gendarmerie in Bordesholm der Zugriff auf eine Einbrecherbande: Sieben Männer gestehen 56 Einbruchdiebstähle in der Provinz Schleswig-Holstein, darunter Butter, die sie zentnerweise aus Meiereien holten. Zwei zentnerschwere Geldschränke schafften sie aus den Häusern auf den Acker und zerschlugen sie dort mit schweren Hämmern. Drei der Täter stammen aus der Gegend um Bordesholm, vier wohnen in Kiel.

SPORT AN DER FÖRDE · 1935

  • Holstein Kiel — In der Gauliga Nordmark 1934/35 wird die Mannschaft Dritter mit 53:27 Toren und 25:11 Punkten. Die Meisterschaft entscheidet sich am 24. Februar auf dem Holstein-Platz: Der Eimsbütteler TV gewinnt 3:1 und ist damit Nordmark-Meister.
  • Feldhandball — In der Gauliga Nordmark enden Polizei SV Kiel und SV Polizei Hamburg punktgleich mit je 23:5 Punkten. Das Entscheidungsspiel am 31. März in Neumünster gewinnt Hamburg 11:2; Kiel zieht sich nach der Spielzeit aus der Gauliga zurück. Aufsteiger TV Hassee-Winterbek wird Siebter mit 8:18 Punkten, der Kieler MTV Fünfter.
  • Segeln — Bei den Olympia-Segelwettfahrten in Kiel geht es Ende August auch um die Meisterschaft der 6-m-R-Klasse. Am 31. August siegt bei Dauerregen die Kieler „Gustel“; im Entscheidungsrennen der drei bisherigen Sieger am Sonntag, dem 1. September, setzt sie sich gegen die Hamburger „Marianne“ und die Kieler „Irmi IV“ durch und ist Deutscher Meister der 6-m-R-Klasse.

DAS WETTER · 1935 in Kiel

An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 km südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, einen Höchstwert von 27,2 °C und einen Tiefstwert von 12,4 °C bei einem Tagesmittel von 20,9 °C. Es fielen 0,0 mm Niederschlag.

Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 8,8 °C. Der wärmste Tag war der 25. Juni mit 30,4 °C, der kälteste Tiefstwert wurde am 15. Januar mit −12,8 °C gemessen. Es gab 2 Hitzetage (Höchstwert mindestens 30 °C), 25 Sommertage (mindestens 25 °C), 8 Eistage (Höchstwert unter 0 °C) und 68 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Im Jahr fielen 835 mm Niederschlag.

(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)