DER CHRONIST

Zum Geleit

Mit dem Nichtangriffspakt vom Januar sucht Berlin die Beruhigung an der Ostgrenze, ehe Ende Juni die blutige Abrechnung mit der SA-Führung und im August der Tod des Reichspräsidenten Hindenburg den Weg zur uneingeschränkten Führergewalt Hitlers frei machen — eine Volksabstimmung nickt sie im Nachhinein ab. In Wien scheitert im Februar der Aufstand der Sozialdemokraten, im Juli wird Bundeskanzler Dollfuß von nationalsozialistischen Putschisten ermordet. In Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit mit Sorge, wie Warschau den Minderheitenschutzvertrag aufkündigt, während sich ihre eigenen Organisationen neu ordnen. Draußen in der Welt bricht in China der Lange Marsch auf, in Leningrad fällt Kirow einem Attentat zum Opfer — und in Berlin ringt eine Bekennende Kirche der Vereinnahmung durch das Regime.

Die Schlagzeilen des Jahres

Deutsch-polnischer Nichtangriffspakt unterzeichnet

Józef Lipski, polnischer Botschafter in Berlin, unterzeichnet den Nichtangriffspakt
Józef Lipski, polnischer Botschafter in Berlin, unterzeichnet den Nichtangriffspakt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Berlin unterzeichnen Reichsaußenminister Konstantin Freiherr von Neurath und der polnische Botschafter Józef Lipski die „Deutsch-Polnische Erklärung" — einen auf zehn Jahre befristeten Nichtangriffspakt, oft auch Pilsudski-Hitler-Pakt genannt. Vorausgegangen waren seit Mai 1933 geführte Sondierungsgespräche: Hitler sucht die Beruhigung der Ostgrenze aus taktischen Gründen, Warschau fühlt sich zwischen Deutschland und der Sowjetunion bedrängt und greift nach jedem Angebot einer Entspannung. Beide Seiten verpflichten sich, künftige Streitfragen — allen voran die nach dem Versailler Vertrag an Polen gefallenen Gebiete Danzig und Korridor sowie Oberschlesien — ausschließlich friedlich zu lösen, und sagen sich gegenseitige Nichteinmischung zu. Eine förmliche Anerkennung der bestehenden Grenzen enthält der Text ausdrücklich nicht.

Für die deutsche Minderheit in Bromberg und der Wojewodschaft Posen ist der Pakt ein zwiespältiges Signal: Einerseits verspricht er eine Atempause im jahrelang aufgeheizten deutsch-polnischen Verhältnis, andererseits bleibt offen, welchen Preis Berlin dafür von Warschau in der Minderheitenfrage verlangt — oder eben nicht verlangt.

Bürgerkrieg in Österreich — die Februarkämpfe

Soldaten des österreichischen Bundesheeres während der Februarkämpfe in Wien
Soldaten des österreichischen Bundesheeres während der Februarkämpfe in Wien (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Seit dem März 1933, als Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament mit einem umstrittenen Verfahrenstrick ausgeschaltet hatte und den Republikanischen Schutzbund der Sozialdemokraten verbot, staut sich die Spannung in Österreich. Am Morgen des 12. Februar durchsucht die Polizei die Linzer Parteizentrale der Sozialdemokraten im Hotel „Schiff" nach Waffen; Mitglieder des bereits verbotenen Schutzbunds leisten bewaffneten Widerstand. Binnen Stunden greift der Aufstand auf Wien, Graz, Steyr und weitere Industriestädte über. Gegen die Aufständischen setzt die Regierung Polizei, Gendarmerie, das Bundesheer und die faschistoide Heimwehr ein — in Wien wird sogar Artillerie gegen die sozialdemokratischen Gemeindebauten wie den Karl-Marx-Hof eingesetzt.

Nach drei Tagen ist der Aufstand niedergeschlagen: Mehr als 300 Tote und rund 800 Verletzte sind zu beklagen. Neun von 21 zum Tode verurteilten Schutzbund-Führern werden hingerichtet, darunter Koloman Wallisch und der schwerverletzte Karl Münichreiter. Die Sozialdemokratische Partei und ihre Organisationen werden verboten, Dollfuß nutzt den Sieg, um den autoritären Ständestaat endgültig zu errichten. Die Republik ist damit politisch am Ende — doch dem Bundeskanzler bleiben nur noch wenige Monate, ehe er selbst einem Anschlag zum Opfer fällt (siehe Story 7).

Bekenntnissynode in Barmen — die Kirche widersteht

Der reformierte Theologe Karl Barth, Hauptverfasser der Barmer Theologischen Erklärung
Der reformierte Theologe Karl Barth, Hauptverfasser der Barmer Theologischen Erklärung (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf Einladung des westfälischen Präses Karl Koch versammeln sich vom 29. bis 31. Mai in der Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen 139 Synodale aus fast allen deutschen Landeskirchen zur ersten „Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche". Anlass ist der Vormarsch der regimetreuen „Deutschen Christen", die die evangelische Kirche der NS-Diktatur und dem „Führerprinzip" unterwerfen wollen. Unter maßgeblicher Feder des reformierten Theologen Karl Barth, unterstützt von den lutherischen Theologen Thomas Breit und Hans Asmussen, verabschiedet die Synode die „Barmer Theologische Erklärung" — erstmals seit der Reformation einigen sich Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen auf ein gemeinsames Glaubenszeugnis.

In sechs Thesen weist die Erklärung jede Irrlehre zurück, die neben dem Wort Gottes noch andere Ereignisse und Mächte als Quelle kirchlicher Verkündigung anerkennen will — eine unmissverständliche Absage an die Vereinnahmung der Kirche durch den Staat, formuliert freilich vorsichtig theologisch, nicht politisch. Aus der Synode geht die „Bekennende Kirche" hervor, die sich fortan als eigene, um Unabhängigkeit ringende Strömung innerhalb der evangelischen Kirche versteht — ein Widerstand, der im Herbst mit einer eigenen Bekenntnissynode auch in Berlin-Dahlem Gestalt annimmt (siehe Story 10).

Fußball-Weltmeisterschaft in Italien — Deutschland wird Dritter

Die italienische Nationalmannschaft feiert den WM-Titel 1934
Die italienische Nationalmannschaft feiert den WM-Titel 1934 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Gastgeber Italien unter dem faschistischen Regime Mussolinis nutzt die zweite Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte als Propagandaschau. Im Finale in Rom setzt sich die „Squadra Azzurra" am 10. Juni nach Verlängerung mit 2:1 gegen die Tschechoslowakei durch und krönt sich zum Weltmeister im eigenen Land. Für Deutschland verläuft das Turnier weniger glanzvoll, aber respektabel: Im kleinen Finale um Platz drei bezwingt die deutsche Elf am 7. Juni in Neapel Österreich mit 3:2 — zwei Tore erzielt Ernst Lehner, eines Edmund Conen — und sichert sich den dritten Platz.

Das Turnier ist von der politischen Großwetterlage überschattet: Mussolini lässt seine Auswahl unter enormem Druck antreten, mehrere Schiedsrichter- entscheidungen zugunsten der Gastgeber sorgen international für Kritik. Für das Reich, das erst kurz zuvor mit dem Nichtangriffspakt und dem Röhm-Blutbad Schlagzeilen macht, ist der dritte Platz ein willkommener sportlicher Achtungserfolg — und ein Vorgeschmack auf die Rolle, die der Sport im nationalsozialistischen Selbstverständnis bald spielen wird.

Schalke 04 wird erster Deutscher Meister im Berliner Poststadion

Das Berliner Poststadion, Schauplatz des Endspiels um die Deutsche Fußballmeisterschaft 1934 (heutige Ansicht)
Das Berliner Poststadion, Schauplatz des Endspiels um die Deutsche Fußballmeisterschaft 1934 — heutige Ansicht (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vor 45.000 Zuschauern im Berliner Poststadion gewinnt der FC Schalke 04 das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft mit 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg und krönt sich zum ersten Mal in seiner Geschichte zum Deutschen Meister — der Auftakt zu einer Serie, die die Gelsenkirchener bis in die vierziger Jahre zum dominierenden Klub im Reich machen wird. Die Entscheidung fällt spät: Fritz Szepan trifft in der 88. Minute zum Ausgleich, Ernst Kuzorra in der 90. Minute zum umjubelten Siegtreffer. Beide Torschützen — Szepan und sein Schwager Kuzorra — bilden über Jahre das Herzstück des legendären „Schalker Kreisels", des kurzpassorientierten Kombinationsspiels, das die Mannschaft aus dem Ruhrgebiet berühmt macht.

Für die Reichshauptstadt ist das Endspiel ein sportliches Großereignis vor eigenem Publikum, wenige Tage bevor die politische Gewalt der „Nacht der langen Messer" die Schlagzeilen wieder ganz anders füllt (siehe Story 6).

Die „Nacht der langen Messer" — Hitler lässt Röhm und Gegner ermorden

Der frühere Reichskanzler Kurt von Schleicher, in Neubabelsberg zusammen mit seiner Frau erschossen
Der frühere Reichskanzler Kurt von Schleicher, in Neubabelsberg zusammen mit seiner Frau erschossen (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Unter dem Vorwand eines angeblich bevorstehenden SA-Putsches lässt Hitler in den Tagen um den 30. Juni die Führungsspitze der Sturmabteilung um Stabschef Ernst Röhm verhaften und erschießen — die Aktion in Berlin und Umgebung leitet Hermann Göring. Röhm selbst wird am 1. Juli im Gefängnis München-Stadelheim erschossen, nachdem er sich weigert, sich selbst zu richten. Das Regime nutzt die Gelegenheit, weit über die SA hinaus alte Rechnungen zu begleichen: In Neubabelsberg bei Berlin werden der frühere Reichskanzler Kurt von Schleicher und seine Frau in ihrer Villa erschossen, im Reichsverkehrsministerium in Berlin wird der katholische Organisationsleiter Erich Klausener erschossen. Insgesamt kommen nach gesicherten Zählungen rund 90 Menschen ums Leben, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

Rückwirkend legalisiert das Regime die Morde mit dem am 3. Juli verkündeten „Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr" — ein einziger Satz erklärt die Taten „zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe" für rechtens. Die Reichswehr, erleichtert über die Entmachtung der als Konkurrenz gefürchteten SA, hält still; wenige Wochen später schwört sie nach Hindenburgs Tod Hitler persönlich den Eid. Die „Nacht der langen Messer" markiert den endgültigen Übergang zur Diktatur ohne jede Bindung an Recht und Gesetz.

Juliputsch in Wien — Bundeskanzler Dollfuß ermordet

Engelbert Dollfuß, österreichischer Bundeskanzler, am 25. Juli 1934 bei einem NS-Putschversuch ermordet
Engelbert Dollfuß, österreichischer Bundeskanzler, am 25. Juli 1934 bei einem NS-Putschversuch ermordet (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur fünf Monate nach der blutigen Niederschlagung der Sozialdemokraten versucht die österreichische NSDAP selbst den Umsturz: Angehörige der SS-Standarte 89, als Soldaten und Polizisten verkleidet, dringen am Mittag des 25. Juli in das Wiener Bundeskanzleramt ein und besetzen zugleich den Rundfunksender RAVAG, über den sie fälschlich den Rücktritt der Regierung verkünden. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wird bei dem Handstreich durch zwei Schüsse — abgegeben von Otto Planetta — schwer verwundet und stirbt Stunden später, ärztliche wie priesterliche Hilfe wird ihm von den Putschisten verweigert. Der Umsturz selbst scheitert: Bundesheer und Polizei umstellen das Kanzleramt, und aus Italien signalisiert Mussolini, der Dollfuß als Verbündeten schätzt und Truppen an die Brennergrenze verlegt, unmissverständlich seine Bereitschaft, die österreichische Unabhängigkeit notfalls militärisch zu schützen.

Nachfolger als Bundeskanzler wird der bisherige Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg, der den autoritären Ständestaat Dollfuß' fortführt. Für Hitler, der von dem Putschversuch nach eigenem Bekunden überrascht wird, bedeutet das Scheitern einen außenpolitischen Rückschlag — die „Anschluss"-Frage bleibt vorerst ungelöst, ein internationaler Vertrauensverlust für Berlin.

Reichspräsident Hindenburg stirbt — Hitler vereint die Staatsämter

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Reichspräsident der Weimarer Republik, gestorben am 2. August 1934 in Neudeck
Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, Reichspräsident der Weimarer Republik, gestorben am 2. August 1934 in Neudeck (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Reichspräsident Paul von Hindenburg stirbt am 2. August auf seinem ostpreußischen Gut Neudeck im Alter von 86 Jahren. Bereits am Vortag, mit Blick auf das absehbare Lebensende, hatte das Kabinett das „Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs" beschlossen, das die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler in der Person Adolf Hitlers vereint — nach der Ausschaltung der SA-Führung im Juni ist damit auch die letzte formal unabhängige Instanz der Weimarer Verfassung beseitigt. Noch am Todestag selbst leistet die gesamte Reichswehr einen neuartigen Eid, der nicht mehr der Verfassung, sondern Hitler persönlich als „Führer und Reichskanzler" bedingungslosen Gehorsam schwört — ein Schritt, der die Armee endgültig an die Person des Diktators bindet.

Nachträglich lässt sich Hitler die Ämterzusammenlegung am 19. August in einer „Volksabstimmung" bestätigen: Bei einer amtlich mit 95,65 Prozent angegebenen Beteiligung stimmen offiziell 89,93 Prozent mit Ja. Eine Ablehnung der Ämterzusammenlegung als solche stand nicht zur Wahl, gestimmt wurde nur über das bereits beschlossene Gesetz; vielerorts wird zudem offen und unter den Augen von Partei- und Betriebsfunktionären abgestimmt, begleitet von massivem propagandistischem Druck. Selbst unter diesen Bedingungen verweigern gut zehn Prozent der Abstimmenden Zustimmung oder geben einen ungültigen Stimmzettel ab. Mit Hindenburgs Tod verschwindet die letzte Symbolfigur, die dem Regime noch äußerlich staatliche Kontinuität verlieh; der Weg zur uneingeschränkten Führerdiktatur ist frei.

Bromberg: Deutsche Vereinigung gegründet — und Warschau kündigt den Minderheitenschutz

Bromberg (Bydgoszcz) um die Jahrhundertwende — Stadtbild der Netze-Stadt, in der die deutsche Minderheit lebt
Bromberg (Bydgoszcz) um die Jahrhundertwende — Stadtbild der Netze-Stadt, in der die deutsche Minderheit lebt (Wikimedia Commons, gemeinfrei; historische Ansicht, thematisch)

In Bromberg (poln. Bydgoszcz), das seit 1920 zur Republik Polen gehört, gründet Hans Kohnert am 8. September die „Deutsche Vereinigung" — eine neue politische Organisationsstruktur der deutschen Minderheit, die vor allem in Konkurrenz zur bereits etablierten Jungdeutschen Partei unter Rudolf Wiesner tritt, welche seit diesem Jahr ihrerseits von ihrer schlesischen Basis aus in die Wojewodschaft Posen und nach Pommerellen expandiert. Für die schrumpfende deutsche Minderheit — mit ihren Schulen, Kirchengemeinden, Vereinen und Handelshäusern rund um den Bromberger Kanal — bedeutet die neue Konkurrenz eine Zersplitterung der eigenen politischen Vertretung, gerade in einem Moment, in dem die Zeitung „Deutsche Rundschau in Polen" (Chefredakteur Gotthold Starke, Redaktion in der ul. Dworcowa) täglich über die Sorgen der Minderheit berichtet.

Nur fünf Tage später, am 13. September, verkündet Außenminister Józef Beck vor der Vollversammlung des Völkerbunds in Genf, dass Polen die praktische Mitwirkung an den internationalen Minderheitenschutzverträgen einstellt — jenen völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der Pariser Friedenskonferenz von 1919, die insbesondere den Deutschen und anderen Minderheiten in Polen zugutegekommen waren. Warschau, das sich seit Langem als aufstrebende Großmacht versteht, wertet den Minderheitenschutz als diskriminierende Sonderauflage. Für die deutsche Minderheit in Bromberg bedeutet die Genfer Erklärung den Wegfall einer wichtigen internationalen Beschwerdeinstanz — gerade während die eigenen Organisationen sich neu sortieren.

Zweite Bekenntnissynode in Berlin-Dahlem — die Kirche erklärt sich für unabhängig

Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, Tagungsort der Zweiten Bekenntnissynode im Oktober 1934
Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, Tagungsort der Zweiten Bekenntnissynode im Oktober 1934 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In der Jesus-Christus-Kirche im Berliner Ortsteil Dahlem tagt am 19./20. Oktober die Zweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche und zieht die kirchenrechtlichen Konsequenzen aus der im Mai in Barmen verabschiedeten Erklärung (siehe Story 3). Unter maßgeblicher Beteiligung des Dahlemer Gemeindepfarrers Martin Niemöller und des Theologen Karl Barth, die zu den führenden Köpfen der Synode zählen, stellt die Versammlung fest, dass die verfassungsmäßige Ordnung der Deutschen Evangelischen Kirche unter dem regimetreuen Reichsbischof Ludwig Müller „zerbrochen" sei — dessen Kirchenregiment gelte kirchenrechtlich als illegitim. Auf dieser Grundlage verkündet die Synode das „Kirchliche Notrecht von Dahlem": Fortan sollen eigene, von der Bekennenden Kirche eingesetzte Leitungsgremien die Kirchenverwaltung übernehmen, wo die offizielle Kirchenleitung dem Bekenntnis untreu geworden sei.

Mit dieser Erklärung vollzieht die Bekennende Kirche in der Reichshauptstadt selbst den institutionellen Bruch mit der gleichgeschalteten Kirchenleitung — „Barmen" und „Dahlem" werden fortan als die beiden Grundpfeiler des kirchlichen Widerstands gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung der evangelischen Kirche genannt, auch wenn die Radikalität des Dahlemer Notrechts unter den beteiligten Theologen selbst umstritten bleibt.

Chinas Kommunisten brechen zum „Langen Marsch" auf

Karte des Langen Marschs der chinesischen Kommunisten 1934/35
Karte des Langen Marschs der chinesischen Kommunisten 1934/35 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Von der Einkreisung durch die Truppen des Kuomintang-Führers Chiang Kai-shek in ihrem Rückzugsgebiet in der südchinesischen Provinz Jiangxi militärisch in die Enge getrieben, bricht die Rote Armee der Kommunisten am 16. Oktober bei Yudu zu einem monatelangen Rückzugsmarsch auf, der als „Langer Marsch" in die Geschichte eingeht. Rund 86.000 Mann, dazu Parteikader und wenige Frauen, verlassen ihre bisherige Basis und ziehen — verfolgt von nationalistischen Truppen und lokalen Kriegsherren — in einem gewundenen Kurs quer durch Gebirge und Flüsse Südwest- und Nordwestchinas. Der Aufbruch markiert das vorläufige Ende der kommunistischen „Jiangxi-Sowjetrepublik" und den Beginn eines der verlustreichsten Rückzüge der Militärgeschichte.

Erst im kommenden Jahr wird sich auf dem Marsch die Führungsrolle Mao Zedongs endgültig durchsetzen, und nur ein Bruchteil der ursprünglichen Truppe erreicht am Ende das neue Basisgebiet in Shaanxi — doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Bürgerkrieg in China trotz aller Rückschläge für die Kommunisten noch lange nicht entschieden ist.

Mord an Sergei Kirow — Auftakt zum Großen Terror

Sergei Kirow, Leningrader Parteichef, am 1. Dezember 1934 im Smolny-Institut erschossen
Sergei Kirow, Leningrader Parteichef, am 1. Dezember 1934 im Smolny-Institut erschossen (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Smolny-Institut, dem Leningrader Parteisitz, wird der dortige Parteichef Sergei Kirow — ein enger Weggefährte Stalins und Mitglied des Politbüros — am 1. Dezember von Leonid Nikolajew erschossen. Die genauen Hintergründe der Tat bleiben undurchsichtig: Ob es sich um die Tat eines Einzelnen aus persönlichen Motiven handelt oder ob der Kreml selbst die Fäden zog, um einen innerparteilichen Rivalen zu beseitigen, bleibt im Dunkeln. Stalin nutzt den Mord jedenfalls unverzüglich als Vorwand: Noch am selben Tag erlässt die Sowjetführung ein Dekret über Schnellverfahren gegen „Terroristen" — Ermittlung, Verhandlung und Vollstreckung von Todesurteilen sollen künftig binnen weniger Tage und ohne Rechtsmittel möglich sein.

Der Kirow-Mord wird damit zum unmittelbaren Auftakt des „Großen Terrors", der in den folgenden Jahren Millionen Sowjetbürger das Leben kostet und in dem auch zahlreiche alte Bolschewiki, denen die Beteiligung an einer angeblichen Verschwörung um den Mord unterstellt wird, in Schauprozessen abgeurteilt und hingerichtet werden.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 13. Februar — In Philadelphia verliert Max Schmeling nach Punkten gegen den Amerikaner Steve Hamas; die deutsche Boxöffentlichkeit fiebert bereits dem Rückkampf entgegen.
  • Seit März laufen in Berlin die Abbrucharbeiten an Rennbahn und Deutschem Stadion — der Baubeginn für das gewaltige Reichssportfeld mit dem neuen Olympiastadion nach Plänen von Werner March, das bis 1936 fertiggestellt werden soll.
  • Bis Oktober sind reichsweit bereits 1.500 Kilometer Reichsautobahn im Bau, darunter die Strecken Frankfurt–Heidelberg und Duisburg–Dortmund, weitere 1.200 Kilometer sind genehmigt.
  • Vom 17. bis 26. August zieht die „Große Deutsche Funkausstellung" in Berlin 325.000 Besucher an; die Deutsche Reichspost zeigt erste Laborversuche zum Fernsehen, in der „Halle der Arbeit" wird die Serienfertigung des Volksempfängers vorgeführt.
  • In Bromberg expandiert die schlesische Jungdeutsche Partei unter Rudolf Wiesner dieses Jahr erstmals gezielt in die Wojewodschaft Posen und nach Pommerellen — zur neuen Konkurrenz für die dort ansässigen deutschen Organisationen.
  • Zum Jahresende zählt das Deutsche Reich rund 5 Millionen angemeldete Rundfunkteilnehmer — ein neuer Höchststand.
  • In Berlin wie im ganzen Reich setzt sich die stille Verdrängung jüdischer Bürger aus Berufen und öffentlichem Leben fort — die unerzählte Schlagzeile des Jahres.

SPORT · 1934

Neben der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien und Schalkes erstem Meistertitel (siehe oben) bleibt der deutsche Sport 1934 im Zeichen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von 1936: In Berlin beginnt im März der Bau des Reichssportfelds, während im ganzen Land neue Sportstätten und Trainingszentren entstehen. Im Boxring erlebt Max Schmeling mit der Niederlage gegen Steve Hamas am 13. Februar in Philadelphia einen Rückschlag, der erst mit einem Rückkampf im kommenden Jahr korrigiert werden soll. Auf der Berliner Avus und beim traditionsreichen Sechstagerennen in der Deutschlandhalle sorgt der Motor- und Radsport weiter für volle Ränge, während der Wintersport mit Blick auf die Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen zunehmend staatlich gefördert wird.

MODE · 1934

Auch im vierten Jahr des „Dritten Reichs" bleibt die von den Machthabern favorisierte Tracht — Dirndl, Trachtenjanker, schlichte hochgeschlossene Silhouetten — das offiziell propagierte Ideal „deutscher" Kleidung, wie es schon das 1933 gegründete Deutsche Modeamt unter der Schirmherrschaft Magda Goebbels' bewirbt. In den Städten hält sich daneben, trotz aller Kampagnen gegen „welsche" Einflüsse, die international geschnittene Silhouette der frühen dreißiger Jahre: schmal in der Taille, mit betonten Schultern und wadenlangen Röcken. In Bromberg orientiert sich die deutsche wie die polnische Stadtgesellschaft weiterhin an Warschauer und mitteleuropäischer Konfektionsware, während einfache Baumwoll- und Leinenstoffe aus heimischer Produktion den Alltag der meisten Bürger prägen.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1934

  • Künstliche Radioaktivität entdeckt (Januar, Paris). Dem Ehepaar Irène und Frédéric Joliot-Curie gelingt es, durch Beschuss von Aluminium mit Alphateilchen erstmals künstlich radioaktive Isotope herzustellen — eine bahnbrechende Entdeckung, für die beide 1935 mit dem Chemie-Nobelpreis geehrt werden.
  • Chemie-Nobelpreis für Harold Urey (November). Der amerikanische Chemiker wird für die Entdeckung des „schweren Wasserstoffs" Deuterium ausgezeichnet — ein Grundbaustein moderner Kernphysik.
  • Medizin-Nobelpreis für die Anämie-Therapie (Oktober). George Hoyt Whipple, George Minot und William Murphy werden gemeinsam für die Entwicklung einer Leberextrakt-Behandlung der perniziösen Anämie geehrt — eine bis dahin fast immer tödliche Blutkrankheit wird behandelbar.
  • Literaturnobelpreis für Luigi Pirandello (November). Der italienische Dramatiker und Erzähler wird für sein kühnes, formsprengendes Bühnen- und Erzählwerk ausgezeichnet.
  • Friedensnobelpreis für Arthur Henderson (Dezember). Der britische Politiker und langjährige Präsident der Genfer Abrüstungskonferenz wird für sein unermüdliches Engagement für internationale Verständigung geehrt — mitten in einem Jahr, das Europa immer tiefer in die Aufrüstung treibt.
  • Bekenntnis gegen die Gleichschaltung der Kirche (Mai/Oktober, Barmen/Berlin-Dahlem). Mit der Barmer Theologischen Erklärung und dem Dahlemer Notrecht setzt die Bekennende Kirche dem Anspruch des Regimes auf totale Vereinnahmung ein öffentliches „Nein" entgegen — ein seltener Akt organisierten Widerstands in einem Jahr der Gleichschaltung.

DAS WETTER · 1934 in Berlin

Am 13. Juli zeigt sich Berlin von seiner sommerlich milden Seite: Die Station Berlin-Dahlem meldet ein Tageshöchst von 23,2 °C und ein Tagestief von 11,5 °C, bei 0,0 mm Niederschlag bleibt es trocken; das Tagesmittel an der Station Berlin-Tempelhof liegt bei 18,8 °C — ein freundlicher Sommertag ohne Extreme.

Das Jahr über: 1934 geht als der bislang wärmste Sommer der noch jungen Messreihe in die Annalen ein. Der heißeste Tag wird am 19. Juli mit 31,6 °C gemessen, der kälteste am 2. Februar mit −11,0 °C. Mit nur 46 Frosttagen fällt der Winter auffallend mild aus, während gleich 59 Sommertage mit 25 °C oder mehr gezählt werden — Rekord für die Vergleichsjahre. Der Jahresniederschlag summiert sich auf 536 mm, das mittlere Tagesmaximum liegt bei 15,0 °C, das mittlere Tagesminimum bei 6,5 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1934

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Mein kleiner grüner Kaktus — Comedian Harmonists
  2. Ich liebe dich und kenn' dich nicht — Magda Schneider & Willi Forst
  3. Kannst du pfeifen, Johanna? — Erwin Hartung
  4. Wenn die Sonja russisch tanzt — Comedian Harmonists
  5. Mein Herz ruft immer nur nach dir, oh, Marita — Jan Kiepura
  6. Nun muß ich fort, Ade mein Kind — Hans Albers
  7. Hein spielt abends so schön auf dem Schifferklavier — Comedian Harmonists
  8. Wenn du jung bist, gehört dir die Welt — Joseph Schmidt
  9. Nur wer die Sehnsucht kennt — Joseph Schmidt
  10. Du bist meine Sonne — Franz Völker
  11. Ein bißchen Leichtsinn kann nicht schaden — Comedian Harmonists
  12. Du schwarzer Zigeuner — Harry Hiller Tanzorchester
  13. An einem Tag im Frühling — Renate Müller
  14. Ein Walzer für dich — Herbert Ernst Groh
  15. Wie wär's mit Lissabon — Comedian Harmonists
  16. Tausend rote Rosen blüh'n — Walter Ludwig
  17. O jag' dem Glück nicht nach — Martha Eggerth
  18. Schöne Lisa, süße Lisa — Comedian Harmonists
  19. Freunde, das Leben ist lebenswert — Franz Völker
  20. Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde — Herbert Ernst Groh

Quellen: Schlager-Chroniken (spectre-media.com · musikhimmel.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.