DER CHRONIST
Ein Jahr der Fanfaren und der Feldzeichen: Das Reich zeigt sich der Welt mit der Rheinlandbesetzung und den Berliner Olympischen Spielen von seiner kühnsten und glänzendsten Seite, während es mit Vierjahresplan und verlängerter Wehrdienstzeit zugleich unübersehbar für kommende Konflikte rüstet. In Spanien bricht der Bürgerkrieg aus, in den sich Berlin erstmals offen an der Seite Roms einmischt, das kurz zuvor mit der Eroberung Abessiniens sein eigenes Kaiserreich ausgerufen hat — die Achse der Diktaturen ist geboren. Anderswo behauptet sich die Demokratie: Roosevelt gewinnt in Amerika die Wiederwahl mit historischer Mehrheit, in Frankreich übernimmt mit Léon Blum erstmals ein sozialistischer Ministerpräsident die Regierung, während Moskau eine neue Verfassung feiert und zugleich den Großen Terror entfesselt. In der Mark Brandenburg schließlich spürt auch das beschauliche Luckenwalde den Olympia-Boom des Sommers — und schweigt, wie das ganze Reich, zur stillen Entrechtung seiner jüdischen Bürger.
Deutsche Truppen besetzen das Rheinland

Vorausgegangen war der Bruch zweier Verträge: Der Versailler Vertrag von 1919 hatte das Rheinland entmilitarisiert, das Locarno-Abkommen von 1925 hatte diesen Status auch von deutscher Seite freiwillig bekräftigt. Als Vorwand dient Hitler die Ratifizierung des französisch-sowjetischen Beistandspakts durch die französische Nationalversammlung am 27. Februar, die er als Bruch von Locarno durch Frankreich selbst umdeutet. Am Morgen des 7. März überschreiten 19 Infanteriebataillone und 13 Artillerieabteilungen der Wehrmacht — rund 30.000 Soldaten — begleitet von ebenso vielen Landespolizisten die Rheinbrücken; nur drei Bataillone mit knapp 3.000 Mann rücken bis nach Aachen, Trier und Saarbrücken vor, dicht an die französische Grenze heran. Der Schritt bricht offen Versailles und Locarno. Frankreich und Großbritannien protestieren, greifen aber nicht ein — Paris scheut, mitten in eigener innenpolitischer Krise, den militärischen Ernstfall. Für Hitler ist der Einmarsch ein gewagtes Pokerspiel, das aufgeht und ein außenpolitischer Triumph. Das industrielle Ruhrgebiet — Herzkammer der Rüstung — steht damit wieder unter voller militärischer Kontrolle. Der Coup verändert das Kräftegleichgewicht in Europa und ermutigt Hitler zu weiteren einseitigen Schritten.
Wenige Wochen später, am 29. März, lässt sich Hitler die Tat nachträglich bestätigen: Der Reichstag wird neu „gewählt", doch zur Wahl steht einzig die Einheitsliste der NSDAP — eine echte Alternative gibt es nicht. Die Propaganda gibt den Wahlgang zugleich als „Volksabstimmung über die Rheinlandbesetzung" aus, ein eigener Stimmzettel oder eine gesonderte Abstimmungsfrage dazu existiert jedoch nicht; wer die Liste ankreuzt, gilt zugleich als Ja-Stimme zum Rheinland-Einmarsch. Amtlich entfallen 98,8 Prozent der gültigen Stimmen auf die Liste, die Wahlbeteiligung wird mit 99,0 Prozent angegeben. Beide Zahlen taugen wenig als Stimmungsbild: Der Urnengang gilt unter dem Druck von Partei, Betrieb und Nachbarschaft faktisch als Pflicht, in vielen Wahllokalen wird die Stimme unter den Augen von Blockwarten und Wahlhelfern abgegeben statt in einer verschlossenen Kabine, und die Stimmzettel selbst sind so gestaltet, dass ein vorgedrucktes „Ja" den bequemeren Weg weist. Aus mehreren Wahlkreisen sind überdies gefälschte Auszählungen dokumentiert. Von einer Wahl im überkommenen Sinn — mit konkurrierenden Parteien und echter Wahlfreiheit — bleibt nach diesem 29. März nichts.
Berlin richtet die Olympischen Spiele aus

Das Ereignis des Jahres vor der eigenen Haustür: Vor rund 100.000 Zuschauern eröffnet Hitler am 1. August im neuen Olympiastadion die XI. Olympischen Sommerspiele. Mit 49 teilnehmenden Nationen — darunter Debütanten wie Afghanistan, Bolivien, Costa Rica und Liechtenstein — und 3.961 Athletinnen und Athleten (3.633 Männer, 328 Frauen) stellen die Spiele einen neuen Teilnehmerrekord auf; in 129 Wettbewerben aus 19 Sportarten sowie 15 Kunstwettbewerben werden Medaillen vergeben. Erstmals in der olympischen Geschichte trägt ein Fackellauf die Flamme auf dem Landweg von Olympia bis Berlin — eine von Carl Diem ersonnene Zeremonie, die bis heute zu jeden Spielen gehört. Die Nationalsozialisten inszenieren das Ereignis mit gewaltigem Aufwand als Schaufenster des Regimes: geglättete Straßen, verschwundene Hetzschilder gegen jüdische Bürger, modernste Technik und weltweite Rundfunkübertragung, dazu die Regisseurin Leni Riefenstahl, die im Auftrag des Regimes den zweiteiligen Film „Olympia" dreht. Zum überragenden Held der Spiele aber wird der amerikanische Läufer Jesse Owens, der mit Siegen über 100 und 200 Meter, im Weitsprung und mit der 4×100-Meter-Staffel vier Goldmedaillen gewinnt und die Rassenideologie der Gastgeber vor aller Welt widerlegt. Zuvor hatte bereits Garmisch-Partenkirchen im Februar die Winterspiele als Generalprobe für die propagandistische Inszenierung ausgerichtet.
Bürgerkrieg in Spanien — und deutsche Einmischung

Vorausgegangen war die scharfe Polarisierung Spaniens seit dem Wahlsieg der Volksfront im Februar 1936; die Ermordung des Monarchisten José Calvo Sotelo am 13. Juli durch regierungsnahe Polizisten liefert den unmittelbaren Anlass. Nach den Plänen des Generals Emilio Mola sollte der Aufstand erst am 18. Juli losbrechen, wird aber, nachdem die Verschwörung in Melilla vorzeitig auffliegt, bereits am 17. Juli in Spanisch-Marokko ausgelöst; tags darauf ruft Franco per Rundfunk zum Losschlagen auf dem Festland auf. Nominell führt zunächst der aus dem Exil zurückkehrende General José Sanjurjo, der am 20. Juli bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt — die Führung übernimmt ein Triumvirat aus Mola, Franco und Queipo de Llano, das am 24. Juli in Burgos eine Gegenregierung ausruft. Rasch greift das Deutsche Reich zugunsten Francos ein: Nach einer ersten Bitte um Transportflugzeuge am 22. Juli entscheidet Hitler binnen weniger Tage für die Unterstützung; bereits am 1. August verlässt ein erstes Kontingent von 86 Mann mit Jagdflugzeugen das Reich. Im November wird daraus unter General Hugo Sperrle offiziell die „Legion Condor" mit rund 100 Flugzeugen und 5.000 Mann — sie wird zum Testfeld für Waffen und Luftkrieg. Spanien wird zum Vorboten der großen europäischen Konfrontation und zum Bündnisstifter der Diktaturen.
Görings Vierjahresplan — das Reich rüstet

Grundlage ist eine geheime Denkschrift, die Hitler im August eigenhändig verfasst — nur drei Exemplare existieren, für ihn selbst, für Göring und für Kriegsminister Werner von Blomberg. Am 2. September übergibt er sein Exemplar Göring auf dem Obersalzberg, am 4. September trägt dieser die Kernthesen einer Kabinettssitzung vor, an der neben Blomberg auch Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, Finanzminister Graf Schwerin von Krosigk und der preußische Finanzminister Popitz teilnehmen. Öffentlich verkündet wird der Plan wenig später auf dem Nürnberger „Reichsparteitag der Ehre", im Herbst tritt er in Kraft: der Vierjahresplan unter Hermann Göring. Die Denkschrift geht von der Prämisse aus, ein Krieg mit der Sowjetunion sei unausweichlich, und formuliert zwei Kernforderungen: „Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein" und „die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein." Damit setzt sich diese Linie gegen den vorsichtigeren Schacht durch, der auf außenhandelsfinanzierte Devisenpolitik gesetzt hatte. Ziel ist es, Deutschland binnen vier Jahren von ausländischen Rohstoffen unabhängig zu machen — durch Autarkie, künstliche Ersatzstoffe wie Buna-Kautschuk und synthetisches Benzin sowie den forcierten Ausbau der Schwerindustrie. Hinter dem olympischen Glanz zeigt sich damit die eigentliche Richtung des Jahres: die systematische Vorbereitung auf den Krieg.
Die Achse Berlin–Rom und der Pakt mit Japan

Die außenpolitische Wende festigt sich in zwei Schritten. Bereits am 25. Oktober unterzeichnen Außenminister Ciano und von Neurath in Rom ein geheimes Kooperationsprotokoll, das gemeinsame Interessensphären absteckt — Italien signalisiert stillschweigendes Verständnis für deutsche Ambitionen in Österreich, das Reich lässt Italien im Mittelmeerraum freie Hand. Öffentlich macht Mussolini das Bündnis erst am 1. November in einer Rede in Mailand, in der er erstmals von der „Achse Berlin–Rom" spricht: Deutschland und Italien rücken zusammen, geeint durch das gemeinsame Eingreifen in Spanien und die vorangegangene diplomatische Isolation beider Regime. Wenige Wochen später, am 25. November, unterzeichnen in Berlin Joachim von Ribbentrop für das Reich und der außerordentliche Botschafter Kintomo Mushakoji für Japan den Antikominternpakt — offiziell ein Abkommen zur Bekämpfung der Kommunistischen Internationale, in einem geheimen Zusatzprotokoll aber auch eine Neutralitätszusage für den Fall eines sowjetischen Angriffs auf einen der Vertragspartner. Die Blöcke des kommenden Weltkriegs beginnen sich zu formen.
Ende des Abessinienkriegs — Mussolini ruft das italienische Kaiserreich aus

Der am 3. Oktober 1935 begonnene Angriff Italiens auf das ostafrikanische Kaiserreich Abessinien erreicht im Frühjahr 1936 sein Ziel. Unter Marschall Pietro Badoglio, der den glücklosen General De Bono im Winter abgelöst hatte, brechen italienische Verbände unter offenem Einsatz von Giftgas — entgegen dem Genfer Protokoll von 1925 — den letzten organisierten Widerstand. Kaiser Haile Selassie verlässt am 2. Mai die Hauptstadt und geht ins englische Exil; am 5. Mai ziehen italienische Truppen in Addis Abeba ein. Vier Tage später, am 9. Mai, verkündet Benito Mussolini von einem Balkon des Palazzo Venezia in Rom die Gründung des „Italienischen Kaiserreichs": König Viktor Emanuel III. wird zugleich Kaiser von Äthiopien, das Land wird der neuen Kolonie Italienisch-Ostafrika einverleibt.
Der Völkerbund, der Italien zuvor halbherzige Wirtschaftssanktionen auferlegt hatte — ein Ölembargo blieb aus —, erweist sich als machtlos; die Genfer Organisation verliert entscheidend an Ansehen. Noch im Juni tritt Haile Selassie selbst vor die Völkerbundsversammlung und warnt eindringlich vor der Bedrohung durch die Diktaturen — vergeblich. Für Mussolini ist der „Sieg" der Auftakt zur engeren Anlehnung an Hitlerdeutschland, die im Herbst in der Achse Berlin–Rom mündet.
Volksfront-Sieg in Frankreich — Léon Blum wird Ministerpräsident

Nach dem klaren Sieg der „Front populaire" — dem Wahlbündnis aus Sozialisten, Radikalsozialisten und von den Kommunisten unterstützt — in der Stichwahl vom 3. Mai übernimmt der Sozialist Léon Blum am 4. Juni als erster jüdischer und erster sozialistischer Ministerpräsident Frankreichs die Regierung. Sein Amtsantritt löst eine beispiellose Streikwelle aus: Rund zwei Millionen Arbeiter besetzen landesweit Fabriken, um sozialen Fortschritt einzufordern. Die Regierung reagiert rasch: In den Matignon-Abkommen vom 7./8. Juni einigen sich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften auf Lohnerhöhungen von 7 bis 15 Prozent sowie erstmals verbindliche Kollektivverträge; ein Gesetz vom 20. Juni führt die 40-Stunden-Woche und den bezahlten Jahresurlaub von zwei Wochen — die „congés payés" — ein, die zu einem bleibenden Symbol sozialer Errungenschaften werden.
Politisch markiert der Wahlsieg eine tiefe Spaltung Europas: Während sich Berlin und Rom zur Achse zusammenschließen und gemeinsam in den spanischen Bürgerkrieg eingreifen, hält Blums Regierung trotz ideologischer Sympathie für die spanische Republik offiziell an einer Politik der Nichteinmischung fest — aus Furcht, den Konflikt zu einem europäischen Krieg auszuweiten.
Die Wehrdienstzeit wird auf zwei Jahre verlängert

Mit einem Erlass vom 24. August verlängert Adolf Hitler die aktive Dienstzeit in Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe einheitlich von einem auf zwei Jahre. Der Schritt folgt weniger als anderthalb Jahre nach der offenen Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 und nur wenige Monate nach der Rheinlandbesetzung — und fügt sich nahtlos in die im Herbst mit dem Vierjahresplan verkündete Linie, Armee und Wirtschaft binnen kürzester Frist kriegsfähig zu machen. Kriegsminister Werner von Blomberg begründet die Maßnahme mit der wachsenden Zahl junger Jahrgänge, die eingezogen werden müssen, sowie mit dem Bedarf an länger ausgebildeten, kampferprobten Soldaten für eine rasch wachsende Wehrmacht.
Für die betroffenen Jahrgänge bedeutet der Erlass ein weiteres Jahr fern der zivilen Arbeitswelt — für Rüstungsindustrie und Generalstab hingegen einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu jener Angriffsarmee, die schon zwei Jahre später in Österreich und im Sudetenland aufmarschieren wird.
Der Jarrow-Marsch — Protest gegen die Arbeitslosigkeit in England

Während sich das Deutsche Reich olympisch feiert, marschieren im Nordosten Englands rund 200 arbeitslose Männer aus der Werftstadt Jarrow — sie selbst nennen sich „Crusaders" — vom 5. bis 31. Oktober die 282 Meilen (rund 450 Kilometer) bis nach London. Angeführt von Ratsvorsitzendem David Riley und der Unterhausabgeordneten Ellen Wilkinson protestieren sie gegen die katastrophale Arbeitslosigkeit ihrer Heimatstadt: Seit der Schließung der Werft Palmer's im Jahr 1934 sind dort rund 70 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Arbeit. Eine von 12.000 Einwohnern unterzeichnete Petition, die um die Ansiedlung neuer Industrie bittet, wird dem Unterhaus übergeben — dort aber nicht einmal debattiert, und die Regierung lehnt eine Sonderförderung ab.
Der „Jarrow-Marsch" bleibt damit zunächst folgenlos, wird aber rückblickend zum bekanntesten Symbol des sozialen Elends der britischen Zwischenkriegszeit und trägt zu einem langsamen Umdenken bei, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den Aufbau des Sozialstaats mündet.
Roosevelt mit historischer Mehrheit wiedergewählt

Am 3. November wird US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit der bis dahin höchsten Mehrheit der amerikanischen Wahlgeschichte im Amt bestätigt. Gegen den republikanischen Herausforderer Alf Landon gewinnt er 46 der 48 Bundesstaaten — nur Maine und Vermont votieren für Landon — und siegt mit 523 zu 8 Wahlmännerstimmen sowie rund 60,8 Prozent der Stimmen (27,5 gegenüber 16,7 Millionen). Besonders blamiert sich dabei die Zeitschrift „Literary Digest", die nach einer breit angelegten, aber methodisch verzerrten Umfrage einen klaren Sieg Landons vorhergesagt hatte.
Für Roosevelt ist das Ergebnis ein überwältigendes Votum für seinen New Deal und dessen Sozial- und Konjunkturprogramme im achten Jahr der Weltwirtschaftskrise; für die europäischen Diktaturen bleibt die überzeugte Erneuerung des demokratischen Mandats in Washington ein Kontrastbild zur eigenen gleichgeschalteten Politik.
Neue sowjetische Verfassung — die „Stalin-Verfassung"

Auf dem VIII. außerordentlichen Sowjetkongress verkündet Josef Stalin persönlich am 5. Dezember die neue Verfassung der Sowjetunion, rasch als „Stalin-Verfassung" bekannt. Ausgearbeitet hatte sie über Monate eine Kommission unter maßgeblicher Mitwirkung von Nikolai Bucharin und Karl Radek — beide werden wenig später selbst Opfer der Schauprozesse, die Stalin zeitgleich gegen die alte bolschewistische Garde führt. Auf dem Papier garantiert die neue Verfassung erstmals allgemeine, gleiche und geheime Wahlen sowie eine Reihe bürgerlicher Grundrechte und wird von der sowjetischen Propaganda als „demokratischste der Welt" gefeiert — ein Prestigeobjekt auch mit Blick auf den Westen, das die UdSSR als möglichen Partner eines antifaschistischen Bündnisses präsentabel machen soll.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Freie Wahlen finden unter dieser Verfassung nie statt, die reale Macht bleibt vollständig bei der kommunistischen Partei und ihrem Generalsekretär gebündelt, während der „Große Terror" gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner unvermindert weitergeht.
Der Zwischenfall von Xi'an — Chiang Kai-shek als Geisel

In der nordchinesischen Stadt Xi'an lassen die mandschurischen Generäle Zhang Xueliang und Yang Hucheng am 12. Dezember ihren eigenen Oberbefehlshaber, Generalissimus Chiang Kai-shek, in seinem Quartier an den heißen Quellen von Huaqing festsetzen. Die beiden Militärs, deren Truppen im Nordwesten gegen die Kommunisten kämpfen sollen, wollen Chiang zwingen, den Bürgerkrieg gegen Mao Zedongs Kommunistische Partei zu beenden und stattdessen eine gemeinsame Front gegen das seit 1931 in der Mandschurei und seither immer weiter vordringende Japan zu bilden. Nach zähen, von Zhou Enlai mitverhandelten Gesprächen und dreizehn Tagen Gefangenschaft lenkt Chiang ein; am 25./26. Dezember fliegt er mit seiner Frau Song Meiling nach Nanking zurück, wo er als unangefochtener Führer empfangen wird.
Aus der Geiselnahme geht die zweite Einheitsfront zwischen Kuomintang und Kommunisten hervor, die den fortan gemeinsamen Widerstand gegen Japan trägt und den Boden für den ein Jahr später ausbrechenden offenen Krieg zwischen China und Japan bereitet.
AM RANDE NOTIERT
- Großbritannien erlebt ein Dreikönigsjahr: König Georg V. stirbt im Januar, Eduard VIII. dankt im Dezember der Liebe wegen ab, Georg VI. folgt nach.
- In Luckenwalde und überall im Reich schreitet derweil die Entrechtung der jüdischen Bürger still voran — die unerzählte Schlagzeile des Jahres.
- Im August lässt Stalin in Moskau die frühere Führungsriege der Bolschewiki im ersten der großen Schauprozesse aburteilen und hinrichten — der Auftakt zum „Großen Terror" in der Sowjetunion.
- Der Eisenbahnknoten Luckenwalde spürt den Olympia-Boom: Sonderzüge nach Berlin machen auf der Strecke Station, und die heimische Hut- und Tuchindustrie beliefert die anreisenden Gäste mit Sommerhüten und leichten Stoffen.
- Am 1. August brennt auf dem Luckenwalder Marktplatz eine Weihestunde zum olympischen Feuer — auch die Kleinstadt in der Mark reiht sich in die reichsweite Inszenierung der Berliner Spiele ein.
SPORT · 1936
Die Olympischen Sommerspiele in Berlin sind bereits die Schlagzeile des Jahres (siehe oben) — doch schon im Februar hatte Garmisch-Partenkirchen den Auftakt gemacht: Bei den IV. Olympischen Winterspielen (6.–16. Februar) gehen mit 755 Athletinnen und Athleten aus 28 Ländern so viele Sportler wie nie zuvor bei Winterspielen an den Start, ausgetragen werden 17 Wettbewerbe. Erstmals ging eine alpine Kombination aus Abfahrt und Slalom ins olympische Programm — bei Männern wie Frauen gewinnen mit Franz Pfnür und Christl Cranz deutsche Skiläufer Gold. Die norwegische Eiskunstläuferin Sonja Henie sichert sich mit ihrem dritten Olympiasieg in Folge (nach 1928 und 1932) einen Platz in der Sportgeschichte. In der Nationenwertung dominiert Norwegen mit 7 Gold-, 5 Silber- und 3 Bronzemedaillen vor Deutschland (3-3-0) und Schweden. Für das Reich waren die Winterspiele die Generalprobe für die propagandistische Inszenierung, die im August in Berlin ihren Höhepunkt fand — an beiden Schauplätzen sorgt das Regime für geglättete Straßen, freundliche Gastgeberkulisse und internationale Aufmerksamkeit für die „neue" deutsche Sportnation.
MODE · 1936
Auf den Straßen dominiert weiterhin das von den Machthabern verordnete Ideal: Dirndl und Tracht gelten als „deutsche" Gegenentwürfe zur verpönten Pariser Mode. Das Deutsche Modeamt, bereits 1933 mit Magda Goebbels als Ehrenvorsitzender gegründet, wirbt weiter für heimische Stoffe und eine „unabhängige deutsche Mode" ohne jüdische und französische Einflüsse — ein Anspruch, an dem die Institution seit dem Eklat um jüdische Aussteller bei der ersten Stoffschau 1933 krankt und den die Regimeelite selbst unterläuft: Magda Goebbels trägt weiterhin Pariser Schnitte und maßgefertigte Schuhe. Zugleich lässt sich der Glanz Hollywoods nicht aussperren — mit den Olympiagästen aus aller Welt hält im August auch international geschnittene Eleganz kurzzeitig Einzug in Berlin, ehe die Straße rasch wieder zu Dirndl, Trachtenjanker und den vom Regime bevorzugten schlichten, hochgeschlossenen Silhouetten zurückkehrt.
LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft
- Friedensnobelpreis für einen Gefangenen des eigenen Regimes (November 1936). Der inhaftierte deutsche Publizist und Pazifist Carl von Ossietzky wird für die Enthüllung der heimlichen Wiederaufrüstung mit dem Friedensnobelpreis 1935 geehrt; das Regime verweigert ihm die Ausreise nach Oslo.
- Fairness im Olympiastadion (4. August). Der deutsche Weitspringer Luz Long gibt seinem amerikanischen Konkurrenten Jesse Owens den entscheidenden Tipp zur Finalqualifikation, gratuliert ihm nach dessen Sieg als Erster und geht mit ihm Arm in Arm durchs Stadion — eine Geste sportlicher Fairness gegen die Rassenideologie der Gastgeber.
- Chemie-Nobelpreis für Peter Debye (November 1936). Der Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin wird für seine Forschungen zu Dipolmomenten und Röntgenbeugung ausgezeichnet — Spitzenforschung mitten im Reich.
- Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der chemischen Nervenreizübertragung (Oktober 1936). Sir Henry Dale und Otto Loewi werden gemeinsam ausgezeichnet für den Nachweis, dass Nervenimpulse chemisch — durch Acetylcholin — von Zelle zu Zelle weitergegeben werden.
- Literaturnobelpreis für Eugene O'Neill (November 1936). Der US-amerikanische Dramatiker wird für sein eindringliches, tragödienhaftes Bühnenwerk geehrt — ein Lichtblick für die internationale Theaterwelt.
- Erste Fernsehübertragung Olympischer Spiele (1.–16. August 1936). Über den Sender „Paul Nipkow" verfolgen Zuschauer in eigens eingerichteten Fernsehstuben in Berlin und Potsdam die Wettkämpfe erstmals nahezu live auf dem Bildschirm — eine Weltpremiere des Fernsehens.
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1936
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Sag beim Abschied leise Servus — Willi Forst
- Ich wollt' ich wär ein Huhn — Lilian Harvey & Willy Fritsch
- Das Fräulein Niemand — Lilian Harvey
- Auf der Reeperbahn nachts um halb eins — Hans Albers
- Wozu ist die Straße da — Heinz Rühmann
- Du paßt so gut zu mir — Comedian Harmonists
- In meinem Herzen, Schatz — Hans Albers
- An der schönen blauen Donau — Marta Eggerth
- Herz, du kennst meine Sehnsucht — Marta Eggerth
- Ach, ich hab' ja soviel Rhythmus — Marika Rökk
- Früchte, die verboten sind — Marika Rökk & Hans Söhnker
- Frauen sind so schön, wenn sie lieben — Herbert Ernst Groh
- (Komm spiel mit mir) Blindekuh — Hilde Hildebrand
- Ein bißchen Talent muß man haben — Grethe Weiser
- Wenn ich vergnügt bin, muß ich singen — Peter Igelhoff
- Die Musik spielt ganz leise — Die Metropol Vokalisten
- Gebundene Hände — Zarah Leander
- Eine Frau von heut' — Zarah Leander
- Du sollst mein Glücksstern sein — Hans Emmé Schuhardt
- Auf Wiedersehn mein Fräulein, auf Wiedersehn mein Herr — Comedian Harmonists
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.