DER CHRONIST
Ein Jahr, in dem sich die Gewalt von den Rändern Europas und Asiens bis tief ins eigene Land hineinfrisst: Draußen brennen Städte, drinnen wachsen die Lager — und aus Luckenwalde verschwindet ein weiterer alter Nachbar. In Spanien bombardiert die Legion Condor Guernica, tags darauf beschießt die Kriegsmarine vor Almería spanische Zivilisten, während in Ostasien aus einem nächtlichen Schusswechsel an der Marco-Polo-Brücke binnen Wochen ein offener Krieg wird, der im Winter im Grauen von Nanking mündet. Über dem Atlantik verglüht die „Hindenburg", über dem Pazifik verschwindet Amelia Earhart spurlos, und in München zeigt das Regime mit „Entartete Kunst" und der Eröffnung des Konzentrationslagers Buchenwald sein wahres Gesicht. Dazwischen blitzen auch leisere Zeichen auf: ein Thomas-Mann-Brief aus dem Exil, ein Nobelpreis für Vitamin C, ein neuer britischer Premierminister, eine Hochzeit im Loiretal — und zu Weihnachten, fernab aller Kriegsschauplätze, das erste abendfüllende Zeichentrickmärchen der Filmgeschichte. Ein Jahr der Extreme, irgendwo zwischen Weltuntergang und Weihnachtsmärchen.
Guernica — die baskische Stadt in Trümmern

Am Nachmittag des 26. April, einem Montag und Markttag, legt die deutsche Legion Condor unter dem Kommando von Oberst Wolfram Freiherr von Richthofen, verstärkt durch die italienische Aviazione Legionaria, die baskische Stadt Guernica in Schutt und Asche — unter dem Decknamen „Operation Rügen". Rund 30 Flugzeuge, unter ihnen Ju-52-Behelfsbomber, Heinkel He 111, eine Dornier Do 17 und italienische Savoia-Marchetti SM.79, werfen über Stunden Spreng- und Brandbomben auf die schutzlose Stadt, während Jagdflieger auf Menschen in den Straßen schießen. Es ist eines der ersten großen Flächenbombardements auf eine wehrlose Zivilbevölkerung in der Geschichte des modernen Krieges — ein Versuchsfeld für die deutsche Luftwaffe im Auftrag General Francos. Rund 85 Prozent der 271 Gebäude werden zerstört; über die Zahl der Toten streiten Historiker bis heute — Schätzungen reichen von 200 bis 300 Opfern nach jüngerer Forschung bis zu baskischen Angaben von weit über tausend Toten und Hunderten Verletzten. Franco und die deutsche Propaganda leugnen jede Beteiligung und schieben die Zerstörung „zurückweichenden roten Brandstiftern" in die Schuhe. Der Name der Stadt wird zum Fanal, das Pablo Picasso wenig später in seinem berühmten Gemälde festhält — im Sommer 1937 im spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung erstmals gezeigt. Der Spanische Bürgerkrieg zeigt der Welt, wozu die aufgerüstete deutsche Luftwaffe fähig ist.
Aus heutiger Sicht
Die deutsche und die spanisch-nationalistische Propaganda bestreiten die Beteiligung der Legion Condor jahrzehntelang; Franco verhindert bis zu seinem Tod 1975 jede Aufklärung. Erst am 60. Jahrestag des Angriffs, im April 1997, räumt Bundespräsident Roman Herzog in einer Botschaft an die Stadt Guernica offiziell die „schuldhafte Verstrickung deutscher Piloten" ein und bittet die Überlebenden um Versöhnung.
Feuerkatastrophe von Lakehurst — das Luftschiff „Hindenburg" verglüht

Am Abend des 6. Mai geht das deutsche Luftschiff LZ 129 „Hindenburg" unter Kapitän Max Pruss bei der Landung auf dem Marinefliegerhorst Lakehurst in New Jersey in Flammen auf. Wegen Gewitters über der Küste war die Landung um Stunden verschoben worden; das Schiff kreuzte derweil über Manhattan, ehe es zum Landeanflug ansetzte. Innerhalb von Sekunden steht das Heck des 245 Meter langen Zeppelins in Feuer, binnen rund 34 Sekunden stürzt das brennende Wrack zu Boden. Von 97 Menschen an Bord sterben 35, dazu ein Mitglied der Bodenmannschaft — insgesamt 36 Tote, doch 62 Passagiere und Besatzungsmitglieder überleben, darunter der schwer verbrannte Kapitän Pruss selbst. Weil die USA aus Sicherheitsbedenken den Export von nichtbrennbarem Helium nach Deutschland untersagt hatten, war das Luftschiff mit sieben Millionen Kubikfuß hochentzündlichem Wasserstoff gefüllt. Der spätere Untersuchungsbericht des US-Handelsministeriums nennt als wahrscheinlichste Ursache eine elektrostatische Entladung, die aus einer Gasleckage an den Zellen 4 und 5 austretenden Wasserstoff entzündete; Kapitän Pruss selbst hält Jahrzehnte später an einer Sabotage-Theorie fest. Der Ausruf „Oh, the humanity!" des Radioreporters Herbert Morrison, live mitgeschnitten, und die Wochenschauaufnahmen der Katastrophe gehen um die Welt und besiegeln das Ende des Zeppelin-Zeitalters als Verkehrsmittel.
Krieg in Ostasien — der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke

In der Nacht zum 7. Juli hält die japanische Garnisonsarmee bei der Marco-Polo-Brücke (Lugou-Brücke) nahe Peking ein nächtliches Manöver ab, ohne die chinesische Besatzung zu informieren. Als ein japanischer Soldat angeblich vermisst wird, verlangen die Japaner, die nahe gelegene Stadt Wanping zur Suche betreten zu dürfen — die chinesische 29. Armee unter General Song Zheyuan verweigert dies, es kommt zum Feuergefecht. Song, der sich zunächst fern der Front aufhält, sucht wie schon in früheren Konflikten eine lokale Einigung, und am 11. Juli wird tatsächlich ein Waffenstillstand unterzeichnet. Doch der japanische Brigadekommandeur General Kawabe missachtet die Order seiner eigenen Regierung und lässt Wanping weiter beschießen. Aus dem lokalen Zwischenfall wird binnen Wochen der offene Japanisch-Chinesische Krieg: Ende Juli fallen Peking und Tianjin, der Krieg weitet sich auf das ganze Land aus — ein Ringen, das später im Pazifikkrieg aufgehen und Millionen Opfer fordern wird. In Europa nimmt man das ferne Geschehen zunächst kaum wahr; erst rückblickend erweist sich der Tag als Anfang eines der blutigsten Kapitel des Jahrhunderts.
Terror und Kulturkampf im Reich — Buchenwald und „Entartete Kunst"

Der Sommer offenbart die zweite, hässlichere Seite des Regimes. Am 15. Juli treffen die ersten 149 Häftlinge, überwiegend politische Gegner aus Sachsenhausen, auf dem Ettersberg bei Weimar ein und müssen das Gelände für das neue Konzentrationslager Buchenwald roden; die förmliche Errichtung unter dem ersten Lagerkommandanten Karl-Otto Koch folgt am 1. August, und schon im September zählt das Lager, verstärkt durch Transporte aus Bad Sulza, Sachsenburg und Lichtenburg, rund 2.400 Gefangene — ein weiteres Glied in der wachsenden Kette der Lager. Nur wenige Tage später, am 18. Juli, eröffnet Hitler im neu errichteten „Haus der Deutschen Kunst" die regimetreue „Große Deutsche Kunstausstellung" mit einer programmatischen Rede über „deutsche" Kunst. Als bewusstes Gegenstück lässt Reichspropagandaminister Goebbels tags darauf, am 19. Juli, in den Münchner Hofgartenarkaden die Schaustellung „Entartete Kunst" eröffnen, organisiert vom Maler und Reichskammer-Präsidenten Adolf Ziegler: Über 650 beschlagnahmte Werke von mehr als 120 Künstlern — unter ihnen Emil Nolde, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Otto Dix und George Grosz — werden auf engstem Raum dem Spott preisgegeben. Bis Ende November strömen rund zwei Millionen Besucher in die Propagandaschau, die anschließend als Wanderausstellung durch weitere deutsche Großstädte zieht — der erfolgreichste Kulturfeldzug der NS-Zeit, gerichtet gegen alles, was dem Regime „fremd" erscheint.
Aus heutiger Sicht
Buchenwald wächst bis zur Befreiung 1945 zu einem der größten Konzentrationslager im Deutschen Reich, in dem insgesamt rund 56.000 Menschen sterben. Die 1937 in München verspotteten Werke gelten heute umgekehrt als Höhepunkte der klassischen Moderne; viele der gebrandmarkten Künstler — etwa Kandinsky, Klee, Kirchner oder Nolde — zählen längst zu den meistausgestellten Malern der Kunstgeschichte, ihre beschlagnahmten, soweit erhaltenen Bilder hängen heute in Museen von New York bis Berlin.
Aus Luckenwalde vertrieben — ein Altbürgermeister geht ins Exil

Auch die Mark Brandenburg bleibt vom Terror nicht verschont. Dr. Hermann Salomon, 1888 in Gotha als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, lässt sich 1919 als Arzt in Luckenwalde nieder, engagiert sich als SPD-Stadtverordneter und wird 1930 zum Ersten Bürgermeister der Stadt gewählt. Bereits 1933 zwingen ihn die neuen Machthaber zum Rücktritt; im Juli desselben Jahres wird er zusammen mit anderen ehemaligen SPD-Funktionsträgern verhaftet und zunächst in „Schutzhaft" nach Oranienburg, im September dann in das Konzentrationslager Lichtenburg verschleppt, später folgt eine weitere Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen. 1937 verlässt der Mediziner endgültig das Land und geht ins Exil nach Jugoslawien; später arbeitet er als Kolonialarzt in Französisch-Westafrika, ehe er sich nach dem Krieg in Frankreich niederlässt, wo er 1970 in Neuilly-sur-Seine stirbt. Sein Weg — vom gewählten Stadtoberhaupt zum Verfolgten, der die Heimat verlassen muss — steht stellvertretend für das Schicksal vieler jüdischer Luckenwalder in diesen Jahren.
Bombardierung von Almería — deutsche Vergeltung im Spanischen Bürgerkrieg

Am 29. Mai wird das deutsche Panzerschiff „Deutschland" vor der Küste von Ibiza im Rahmen der internationalen Nichteinmischungs-Kontrolle von republikanischen Bombern angegriffen; 31 Seeleute sterben, 75 werden verwundet. Berlin befiehlt Vergeltung: In den frühen Morgenstunden des 31. Mai beschießen das schwere Panzerschiff „Admiral Scheer" unter Kapitän zur See Otto Ciliax und vier Zerstörer der Kriegsmarine über eine Stunde lang den befestigten Hafen der südspanischen Stadt Almería, Stützpunkt der republikanischen Flotte. Rund 200 Granaten schlagen in der Stadt ein; mindestens 19 Zivilisten sterben, etwa 59 werden verletzt, 39 Häuser werden völlig zerstört, zahlreiche weitere beschädigt. Es ist der offenste militärische Kampfeinsatz deutscher Streitkräfte im Spanischen Bürgerkrieg abseits der „Legion Condor" und bringt Deutschland scharfe internationale Proteste ein; die Reichsregierung rechtfertigt den Angriff als reine Selbstverteidigung. Für die Bevölkerung Almerías bleibt der Vorfall eines der prägenden Kriegserlebnisse abseits der großen Frontlinien.
Schlacht um Shanghai — „Stalingrad am Jangtse"

Nur Wochen nach dem Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke weitet sich der Krieg in Ostasien zur ersten großen Materialschlacht aus. Am 13. August eröffnen chinesische Truppen unter der Führung Chiang Kai-sheks den Angriff auf die japanische Garnison in Shanghai, um die wichtigste Handelsmetropole des Landes zu halten und der Weltöffentlichkeit chinesischen Widerstandswillen zu demonstrieren. Über drei Monate liefern sich mehrere hunderttausend chinesische und japanische Soldaten erbitterte Häuserkämpfe um jede Straße der Stadt; unterstützt von Kriegsschiffen und Luftwaffe gelingt der japanischen Armee im Spätsommer die Landung weiterer Truppen an der Küste der Provinz Jiangsu, die chinesische Front gerät in die Zange. Nach massiven Verlusten auf beiden Seiten ziehen sich die chinesischen Verbände Ende November aus der brennenden Stadt zurück; die Kämpfe um das Sihang-Lagerhaus, in dem eine kleine chinesische Nachhut tagelang gegen die Übermacht standhält, werden zum patriotischen Fanal. Die als „Stalingrad am Jangtse" in die Geschichte eingegangene Schlacht macht aus dem lokalen Zwischenfall vom Juli endgültig einen totalen Krieg — und öffnet japanischen Truppen den Weg flussaufwärts in Richtung der chinesischen Hauptstadt Nanking.
Massaker von Nanking — sechs Wochen des Grauens

Nach dem Fall Shanghais rückt die japanische Armee den Jangtse hinauf auf die damalige chinesische Hauptstadt Nanking vor, die am 13. Dezember erobert wird. In den folgenden rund sechs Wochen verüben japanische Soldaten unter dem Kommando von General Iwane Matsui systematische Massenmorde an der wehrlosen Zivilbevölkerung und an entwaffneten Kriegsgefangenen; Historiker und die Nachkriegs-Tribunale von Tokio schätzen die Zahl der Todesopfer auf 200.000 bis über 300.000, hinzu kommen nach Schätzungen rund 20.000 Vergewaltigungen. Eine kleine Gruppe ausländischer Geschäftsleute, Missionare und Diplomaten, die in der Stadt zurückbleiben, richtet eine internationale Sicherheitszone ein und rettet damit vermutlich mehreren Zehntausend Chinesen das Leben — den Vorsitz führt ausgerechnet der deutsche Kaufmann und NSDAP-Angehörige John Rabe, der in seinen Tagebüchern minutiös Zeugnis vom Grauen ablegt und bei Hitler persönlich um Hilfe für die Opfer wirbt, ohne Gehör zu finden. Das Massaker von Nanking, in China bis heute als nationales Trauma erinnert, zählt zu den größten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts und markiert den Übergang des Japanisch-Chinesischen Krieges in eine Phase systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung.
Aus heutiger Sicht
Seit 1985 erinnert in Nanking ein eigenes Memorial an die Opfer des Massakers. Während die Gräueltaten in China als „Nanjing-Massaker" fest im nationalen Gedächtnis verankert sind, werden Ausmaß und Charakter der Gewalt in Teilen der japanischen Geschichtspolitik bis heute relativiert oder bestritten — ein Streit, der die japanisch- chinesischen Beziehungen bis in die Gegenwart belastet.
Neville Chamberlain wird britischer Premierminister

Am 28. Mai übernimmt Neville Chamberlain von seinem zurücktretenden Vorgänger Stanley Baldwin das Amt des britischen Premierministers — mit 68 Jahren einer der ältesten Politiker, die dieses Amt neu antreten. Baldwin, der das Land durch die Abdankungskrise um König Eduard VIII. im Vorjahr geführt hatte, zieht sich nach der Krönung von dessen Bruder Georg VI. zurück und übergibt Downing Street 10 an den bisherigen Schatzkanzler. Chamberlain, der zunächst innenpolitische Reformen und den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Weltwirtschaftskrise in den Vordergrund stellen will, sieht sich jedoch rasch von der Außenpolitik eingeholt: Angesichts der Aufrüstung des Deutschen Reichs und der Spannungen in Ostasien setzt er von Beginn an auf eine Politik der Verständigung, die in den kommenden Jahren als „Appeasement" in die Geschichte eingehen wird. Noch ahnt kaum jemand, wie sehr der neue Premierminister mit seinem Kurs gegenüber Hitler-Deutschland das Schicksal Europas mitbestimmen wird.
Der Herzog von Windsor heiratet Wallis Simpson

Ein halbes Jahr nach seiner Abdankung als britischer König Eduard VIII. heiratet Edward, Herzog von Windsor, am 3. Juni auf Schloss Candé im französischen Loiretal die zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson — jene Frau, deretwegen er im Dezember 1936 den Thron aufgegeben hatte. Die Trauung im kleinen Kreis von nur rund 16 Gästen nimmt ein anglikanischer Geistlicher vor, obwohl die Kirche von England Ehen mit Geschiedenen eigentlich ablehnt; kein Mitglied der britischen Königsfamilie reist an, was als deutliche Distanzierung des Buckingham-Palasts gewertet wird. Die Braut trägt ein schlichtes Kleid des Pariser Modeschöpfers Mainbocher in einem eigens kreierten Blauton, der als „Wallis Blue" Mode-Geschichte schreibt; der britische Fotograf Cecil Beaton hält die Zeremonie in den offiziellen Bildern fest. Für die Weltpresse bleibt die einstige „Romanze des Jahrhunderts" ein Dauerthema, während der Herzog fortan als Privatmann ohne offizielle Funktion lebt — im Herbst des gleichen Jahres sorgt ein umstrittener Besuch des Paares in Deutschland samt Empfang beim „Führer" für weiteres Aufsehen und nährt Zweifel an der politischen Neutralität des einstigen Monarchen.
Italien tritt dem Anti-Komintern-Pakt bei

Ein Jahr nach dem deutsch-japanischen Abkommen gegen die Kommunistische Internationale unterzeichnet auch Italien unter Benito Mussolini am 6. November in Rom den Anti-Komintern-Pakt, dem das Deutsche Reich und Japan bereits im November 1936 beigetreten waren. Aus dem zunächst als ideologisches Bündnis gegen die Sowjetunion getarnten Abkommen — mit geheimen Zusatzprotokollen zur militärischen Neutralität im Ernstfall — wird damit erstmals eine Drei-Mächte-Achse zwischen Berlin, Rom und Tokio sichtbar, die sich in den folgenden Jahren zum Bündnissystem der „Achsenmächte" verfestigen wird. Für Mussolini, der sich im selben Jahr endgültig von den Westmächten abwendet und im Dezember den Austritt Italiens aus dem Völkerbund erklärt, bedeutet der Schritt eine klare außenpolitische Weichenstellung an der Seite Hitlers und weg von der bisherigen Rolle als eigenständige Mittelmeermacht. Beobachter in London und Paris registrieren die neue Frontbildung mit Sorge, ohne ihr zu diesem Zeitpunkt ernsthaft entgegenzutreten.
Amelia Earhart verschwindet über dem Pazifik

Auf der vorletzten Etappe ihres Versuchs, als erste Frau die Welt entlang des Äquators zu umrunden, starten die amerikanische Pilotin Amelia Earhart und ihr Navigator Fred Noonan am 2. Juli von Lae in Neuguinea aus zum rund 4.100 Kilometer langen Sprung über den Pazifik zur winzigen Insel Howland Island. Der Funkkontakt zum wartenden Küstenwache-Kutter „Itasca" bricht in den frühen Morgenstunden endgültig ab, nachdem Earhart knappen Treibstoff und die vergebliche Suche nach der Insel gemeldet hat; weder das Flugzeug vom Typ Lockheed Electra noch die Piloten werden je gefunden. Die anschließende, mit 64 Flugzeugen und acht Kriegsschiffen bis dahin größte Suchaktion der US-Marine bleibt erfolglos, das Duo wird 1939 offiziell für tot erklärt. Das Verschwinden der bekanntesten Fliegerin ihrer Zeit — schon 1932 hatte sie als erste Frau den Atlantik allein überquert — erschüttert die Weltöffentlichkeit und bleibt bis heute Gegenstand zahlloser Theorien, von einem Absturz im offenen Meer bis zur Vermutung, das Paar habe eine einsame Pazifikinsel erreicht.
Premiere von „Schneewittchen und die sieben Zwerge"

Am 21. Dezember feiert im Carthay Circle Theatre in Los Angeles der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Geschichte Premiere: Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge". Vor der Aufführung hatte die Fachwelt das weit über Budget geratene, mit über 1,5 Millionen Dollar bis dahin teuerste Trickfilmprojekt spöttisch „Disneys Torheit" genannt und das Studio am Rande des finanziellen Ruins gesehen; schon wenige Minuten nach Beginn der geladenen Hollywood-Vorführung verstummt der Spott, das Publikum lacht, weint und erhebt sich am Ende zu stehenden Ovationen. Hunderte Zeichner, Koloristinnen und Trickfilmer hatten mehr als drei Jahre lang daran gearbeitet, erstmals eine abendfüllende Geschichte mit individuell charakterisierten Figuren, Musiknummern und einem an europäischen Kunstmärchen orientierten Look auf die Leinwand zu bringen. Der Film wird zum größten Kinoerfolg des Jahres in den Vereinigten Staaten und begründet das „goldene Zeitalter" der Walt Disney Studios — ein seltener Lichtblick der Unterhaltungskultur in einem sonst von Krieg und Gewalt geprägten Jahr.
Carl Friedrich von Weizsäcker erklärt die Energie der Sterne

Fernab der politischen Katastrophen des Jahres gelingt in der Kernphysik ein stiller Fortschritt: Der 25-jährige Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin, veröffentlicht 1937 grundlegende theoretische Arbeiten darüber, wie die Sonne und andere Sterne über Jahrmilliarden ihre Energie erzeugen: durch Kernfusion, bei der Wasserstoffkerne über mehrere Zwischenschritte zu Helium verschmelzen. Zwei Jahre später kommt, unabhängig von ihm, der aus Deutschland emigrierte Physiker Hans Bethe in den USA zu einem vollständigeren Ergebnis; gemeinsam gehen beide Ansätze als Bethe-Weizsäcker-Zyklus in die Lehrbücher ein — eine der zentralen Erklärungen dafür, warum die Sterne am Himmel überhaupt leuchten. Die Entdeckung fällt in eine Zeit, in der viele der besten deutschen Physiker, unter ihnen Bethe selbst, das Land wegen ihrer jüdischen Herkunft oder aus politischer Überzeugung bereits verlassen haben.
Nobelpreis für Vitamin C — Albert Szent-Györgyi wird in Stockholm geehrt

Am 10. Dezember nimmt der ungarische Biochemiker Albert Szent-Györgyi in Stockholm den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin entgegen — „für seine Entdeckungen im Zusammenhang mit dem biologischen Verbrennungsprozess, mit besonderer Berücksichtigung von Vitamin C und der Katalyse der Fumarsäure". Szent-Györgyi hatte den Stoff Anfang der 1930er-Jahre in großen Mengen aus ungarischer Paprika isoliert und ihm den Namen Ascorbinsäure gegeben; seine Arbeiten liefern die wissenschaftliche Grundlage für die Bekämpfung von Skorbut und anderen Mangelkrankheiten weltweit. Die Ehrung ist einer der wenigen Lichtblicke eines Jahres, in dem an vielen Universitäten Mitteleuropas jüdische und politisch unliebsame Wissenschaftler längst aus ihren Ämtern vertrieben worden sind.
Carl Orffs „Carmina Burana" feiert Uraufführung in Frankfurt

Am 8. Juni wird an der Frankfurter Oper unter der musikalischen Leitung von Bertil Wetzelsberger, in der Inszenierung von Oskar Wälterlin und mit Bühnenbildern von Ludwig Sievert die szenische Kantate „Carmina Burana" des Münchner Komponisten Carl Orff uraufgeführt. Grundlage sind mittelalterliche, teils derbe Lieder und Gedichte aus der im bayerischen Kloster Benediktbeuern gefundenen Handschrift „Codex Buranus" aus dem 13. Jahrhundert, die Orff mit archaisch-rhythmischer Musik und großem Chor- und Schlagwerkapparat vertont. Das Publikum feiert die Premiere als großen Erfolg; das Werk, dessen Eröffnungschor „O Fortuna" später weltberühmt wird, entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer der meistgespielten Chorkompositionen des 20. Jahrhunderts.
Aus heutiger Sicht
Orffs Verhältnis zum NS-Regime bleibt bis heute Gegenstand historischer Debatten. Nach 1945 soll er gegenüber der Entnazifizierungskommission behauptet haben, mit dem 1943 hingerichteten Widerstandskämpfer Kurt Huber gemeinsam die Widerstandsgruppe „Weiße Rose" mitbegründet zu haben — eine Behauptung, die der Historiker Michael Kater für erwiesen falsch hält, während ihr der Wiener Historiker Oliver Rathkolb mangels Aktenbelegen widerspricht. Unstrittig ist, dass Orff während der NS-Zeit mit Aufträgen der Machthaber, etwa zur Olympiade 1936, gut zurechtkam und 1944 auf Hitlers Liste der „unersetzlichen" Künstler stand.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" wird endgültig außer Dienst gestellt

Das Schwesterluftschiff der verunglückten „Hindenburg" befindet sich am 6. Mai gerade auf dem Rückflug von Recife über dem Atlantik, als der Funker die Nachricht von der Katastrophe in Lakehurst empfängt; Kapitän Hans von Schiller hält sie bis zur Landung in Friedrichshafen am 8. Mai vor den Passagieren zurück. Die Deutsche Zeppelin-Reederei stellt daraufhin alle weiteren Passagierfahrten ein: Am 18. Juni wird das Luftschiff nach Frankfurt am Main überführt und in einer Halle vertäut, am 19. Juli offiziell außer Dienst gestellt. Damit endet die Laufbahn eines Schiffs, das seit seiner Jungfernfahrt 1928 rund 1,7 Millionen Kilometer und 590 unfallfreie Fahrten zurückgelegt, die Erde einmal umrundet und 139-mal den Atlantik überquert hat — mit mehr als 34.000 befördeten Passagieren an Bord. Nach dem Ablassen des Traggases nur noch als Museumsstück besichtigt, wird das Schiff 1940 zusammen mit seinem Nachfolger LZ 130 wegen des Aluminiumbedarfs der Luftrüstung verschrottet.
AM RANDE NOTIERT
- 14. März: Papst Pius XI. unterzeichnet die Enzyklika „Mit brennender Sorge", die am Palmsonntag, dem 21. März, von den Kanzeln aller katholischen Kirchen im Reich heimlich verlesen wird — eine seltene offene Kritik an Vertragsbrüchen des NS-Regimes.
- 6.–13. September: Nürnberg feiert den „Reichsparteitag der Arbeit" — Görings Vierjahresplan von 1936 zeigt seine Wirkung, das Reich rüstet weiter, während die Propaganda von Aufschwung und Volksgemeinschaft spricht.
- 27. Mai: In San Francisco wird die Golden Gate Bridge dem Verkehr übergeben — mit rund 1,3 Kilometern Spannweite die damals längste Hängebrücke der Welt, ein technisches Wahrzeichen jenseits des Atlantiks.
- Vierjahresplan: Görings Autarkiepolitik verordnet der deutschen Textilindustrie den verstärkten Einsatz von Zellwolle statt importierter Wolle — auch die traditionsreichen Tuchfabriken Luckenwaldes müssen sich auf den kunstfaserhaltigen Ersatzstoff einstellen.
- Die Reichsschulreform verkürzt auch an der Luckenwalder Friedrichsschule die Schulzeit von neun auf acht Jahre und fasst die höheren Schulen zu „Oberschulen" zusammen — 1937 legen deshalb gleich zwei Jahrgänge zusammen die Reifeprüfung ab.
- Am Luckenwalder Theater etabliert sich ein eigenes Ensemble, das I. Landestheater der Mark Brandenburg, das bis 1944 mit zahlreichen Gastspielen durch die Provinz zieht.
- 3. September: Nach Angaben der Buchhändler erreicht der Roman „Die Biene Maja und ihre Abenteuer" von Waldemar Bonsels — 1912 erstveröffentlicht — 1937 die höchste Auflage aller Belletristik-Titel des Jahres.
- 1937: In Braunschweig stellen die Schmalbach-Werke die erste in Deutschland entwickelte Getränkedose vor — eine flaschenähnliche, mit Kronkorken verschlossene Bierdose nach US-Vorbild der Brauerei Schlitz; zur Marktreife kommt sie nicht mehr, weil Weißblech zunehmend der Rüstungsindustrie vorbehalten bleibt.
- Dezember: Eine Maul-und-Klauenseuche-Epidemie greift in mehreren deutschen Landesteilen um sich und betrifft nach Chronikangaben zehntausende Gehöfte — die Folgen reichen bis in den Februar 1938, als deswegen erstmals seit ihrer Gründung 1926 die Internationale Grüne Woche in Berlin ausfällt.
WIRTSCHAFT · 1937
Die deutsche Wirtschaft läuft 1937 auf Hochtouren der Aufrüstung: Die Arbeitslosigkeit sinkt im Jahresdurchschnitt auf rund 912.000 Erwerbslose — 1933 waren es noch über sechs Millionen —, doch der Rückgang beruht wesentlich auf dem forcierten Ausbau der Rüstungsindustrie und dem Vierjahresplan Görings, der die Wirtschaft auf Autarkie und Kriegsvorbereitung ausrichtet. Am 10. Februar tritt ein neues Reichsbankgesetz in Kraft, das die Reichsbank endgültig der Kontrolle Hitlers unterstellt und ihre Unabhängigkeit von der Regierung beseitigt. Seit der Preisstoppverordnung vom 26. November 1936, die Löhne und Preise auf dem Stand vom 17. Oktober 1936 einfriert, bleiben die Lebenshaltungs- kosten trotz wachsender Rohstoffknappheit weithin künstlich stabil.
Der Preisspiegel: 1 kg Graubrot 31 Pfennig · 1 kg Butter 3,10 Reichsmark · 1 Liter Milch 23 Pfennig · 1 Liter Bier 88 Pfennig · eine Wohnung im Monat rund 24 Reichsmark · diese Zeitung 10 Reichspfennig.
STIMMEN DER PRESSE · 1937
Die deutsche Presse ist 1937 gleichgeschaltet; kritische Berichte über das Vorgehen der eigenen Luftwaffe oder Marine finden sich in ihr nicht. Was folgt, ist deshalb die Stimme der Auslandspresse — zu Guernica und zur Hindenburg-Katastrophe gibt es reichlich dokumentiertes Material.
„Guernica was not a military objective. [...] The object of the bombardment was seemingly the demoralisation of the civil population and the destruction of the cradle of the Basque race." — The Times (London), 28. April 1937
„The fleet, gray Zeppelin Hindenburg, the greatest lighter-than-air craft in the world, was blown asunder and consumed by flames [...] 300 feet above the heads of a thousand horrified spectators at the Lakehurst Naval Air Station." — New York Daily News, 7. Mai 1937
SPORT · 1937
Auf internationalem Parkett bleibt Max Schmeling das Aushängeschild des deutschen Sports: Nach seinem sensationellen K.-o.-Sieg über Joe Louis im Juni 1936 gilt er als Volksheld, doch 1937 verliert Louis seinen Nimbus als kommender Champion nicht — im Juni schlägt er James J. Braddock in Chicago zum Weltmeister im Schwergewicht. Schmeling, der auf eine Titel-Revanche gegen den neuen Champion hofft, bereitet sich das Jahr über auf das Rückkampf-Duell vor, das erst im Juni 1938 in New York stattfinden und das Regime propagandistisch für sich vereinnahmen wird. Auf den Rennstrecken Europas dominieren derweil die deutschen „Silberpfeile": Mit dem neuen, knapp 600 PS starken Mercedes-Benz W125 gewinnt Rudolf Caracciola drei der fünf Läufe zur Grand-Prix-Europameisterschaft und sichert sich vor seinen Teamkollegen Hermann Lang und Manfred von Brauchitsch den Titel; Auto Union mit Bernd Rosemeyer hält mit vier Saisonsiegen dagegen, ehe Rosemeyer zum Saisonabschluss in Donington gewinnt. Die technische Überlegenheit der Silberpfeile demonstriert, wie schon die Olympiade im Vorjahr, der nationalen Selbstdarstellung im Sport.
MODE · 1937
Die Pariser Couturière Elsa Schiaparelli bringt mit ihrem grellen „Shocking Pink" Farbe in die internationale Mode: 1937 lanciert sie ihr gleichnamiges Parfüm „Shocking" in einer von der Künstlerin Leonor Fini gestalteten, an eine Schneiderpuppe angelehnten Flakonform — ein Extrem, das im Reich als „undeutsch" gebrandmarkt bleibt. Schon seit Mitte der 1930er-Jahre hatte Schiaparelli den Reißverschluss, bis dahin ein rein technisches Verschlussmittel, als sichtbares Gestaltungselement salonfähig gemacht — 1937 setzt sich diese praktische und langlebige Neuerung zunehmend auch in Alltagskleidung und Accessoires durch. Auf deutschen Straßen bleibt derweil das von oben verordnete Trachten- und Uniform-Ideal bestimmend.
KINO & FUNK · 1937
Im Kino dominieren deutsche Publikumslieblinge: Am 17. März kommt „Der Herrscher" mit Emil Jannings in der Hauptrolle in die Kinos, wofür er im selben Jahr in Venedig als bester Darsteller ausgezeichnet wird — ein Melodram über einen greisen Industriellen, das die NS-„Führer"-Ideologie unverkennbar in die Wirtschaft überträgt. Am 31. August startet „Zu neuen Ufern" von Regisseur Detlef Sierck (später als Douglas Sirk in Hollywood berühmt) mit Zarah Leander und Willy Birgel — der erste große Erfolg der schwedischen Sängerin und Schauspielerin, die in den Folgejahren zur meistbeschäftigten Diva des deutschen Kinos aufsteigt.
Im Rundfunk bleibt der günstige „Volksempfänger" das zentrale Medium der Propaganda und Unterhaltung: Rund 46,9 Prozent der deutschen Haushalte besitzen 1937 ein Radiogerät, die monatliche Rundfunkgebühr beträgt 2 Reichsmark. Auch in Luckenwalde und der Mark Brandenburg gehört das gemeinsame Hören von Übertragungen — von Sportgroßereignissen wie der Schalke-Meisterschaft bis zu den Reden des Regimes — längst zum Alltag.
GESTORBEN · 1937
- John D. Rockefeller (97), US-amerikanischer Industrieller und Philanthrop — 23. Mai, Ormond Beach (Florida).
- Alfred Adler (67), österreichischer Psychiater, Begründer der Individualpsychologie — 28. Mai, Aberdeen (Schottland).
- Jean Harlow (26), US-amerikanische Filmschauspielerin — 7. Juni, Los Angeles.
- George Gershwin (38), US-amerikanischer Komponist — 11. Juli, Hollywood.
- Guglielmo Marconi (63), italienischer Physiker, Pionier der drahtlosen Telegrafie — 20. Juli, Rom.
LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft
- Thomas Manns „Ein Briefwechsel" (Januar 1937). Nach der Aberkennung von Staatsbürgerschaft und Ehrendoktorwürde antwortet der Schriftsteller im Exil dem Dekan der Universität Bonn mit einem offenen Brief — eines der bedeutendsten Dokumente des geistigen Widerstands gegen das Regime.
- Schalke wird Meister im Berliner Olympiastadion (20. Juni 1937). Vor 101.000 Zuschauern schlägt der FC Schalke 04 den 1. FC Nürnberg 2:0 zur deutschen Fußballmeisterschaft — ein sportliches Fest nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt, das auch in der Mark Brandenburg die Radiohörer an die Apparate lockt.
DAS WETTER · 1937 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein kühler Sommertag: Höchstwert 16,5 °C, in der Nacht 13,0 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne blieb ganz verborgen.
Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 35 °C am 11. Juni, kältester −14 °C am 25. Januar. 9 Hitzetage (≥30 °C), 33 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 637 mm.
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1937
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Ich steh' im Regen — Zarah Leander
- Yes, Sir! — Zarah Leander
- Merci, mon ami — Zarah Leander
- Ich tanze mit dir in den Himmel hinein — Lilian Harvey & Willy Fritsch
- Jawohl, meine Herr'n — Heinz Rühmann & Hans Albers
- Ein zärtliches Lied — Johannes Heesters
- Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen — Johannes Heesters
- Wozu ist die Straße da — Heinz Rühmann
- Tango notturno (Ich hab' an dich gedacht) — Pola Negri
- Unter den Pinien von Argentinien — Hans Söhnker
- San Francisco — Theo Mackeben & sein Ensemble
- Schwalbenlied (Mutterl, unter'm Dach) — Wilhelm Strienz
- Sandmännchen — Comedian Harmonists
- Der Barbier von Sevilla — Comedian Harmonists
- Truthahn im Stroh — Hawaiian Trio Waikiki
- Die Ballade vom semmelblonden Emil — Heinz Rühmann
- Ja die Männer sind meine schwache Seite — Hilde Hildebrand
- Träumen von der Südsee — Elena Lauri
- Paris! Du bist die schönste Stadt der Welt — Eugen Wolff & sein Tanzorchester
- Die Juliska aus Budapest — Rudi Schuricke
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Der Kreuzer „G“ läuft als „Blücher“ vom Stapel
Auf der Werft der Deutschen Werke in Kiel läuft am Dienstag um 12 Uhr der 10 000-Tonnen-Kreuzer „G“ vom Stapel und erhält den Namen „Blücher“. Anwesend sind Generaladmiral Raeder, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Admiral Albrecht von der Marinestation der Ostsee, Flottenchef Admiral Carls, Festungskommandant Konteradmiral Mewis und der Werftdirektor Middendorf.
Taufpatin ist Frau Erdmann, die Witwe des Kommandanten des Großen Kreuzers „Blücher“, der am 24. Januar 1915 bei der Doggerbank versenkt wurde. Die Überlebenden des alten Schiffes sind durch die „Blücher-Kameradschaft“ vertreten. Der Tauftisch steht zwischen der alten und der neuen Reichskriegsflagge.
Admiral Albrecht hält die Taufrede. Er nennt „Blücher“ den „Marschall Vorwärts“, beruft sich auf den Befehl „unseres Führers“ und erinnert an die 800 Gefallenen des alten Schiffes. Das neue Schiff sei das dritte deutsche dieses Namens. Gegen Ende heißt es: „Wenn man uns einen Krieg aufzwingen sollte, sei der erste am Feinde“; die Rede endet mit einem „Sieg Heil“ auf Reichskanzler Hitler.
Aus heutiger Sicht
Der Stapellauf war ein Festakt der Aufrüstung der Kriegsmarine, die nach dem Flottenabkommen mit Großbritannien von 1935 wuchs; die Presseberichte stammten von der gelenkten Nachrichtenagentur DNB. Mit dem Verweis auf Doggerbank und „Marschall Vorwärts“ knüpfte die Taufrede an die Kaiserliche Marine an. Die „Blücher“ wurde am 20. September 1939 in Dienst gestellt und am 9. April 1940 im Oslofjord von Geschützen und Torpedos der Festung Oscarsborg versenkt. Nach einer Zählung starben dabei 125 Besatzungsmitglieder und 195 Heeressoldaten, nach anderen Angaben bis zu 830 Menschen.
Zeugen Jehovas in Kiel: Die Gestapo hebt die Organisation aus
Die Internationale Bibelforscher-Vereinigung, die Zeugen Jehovas, ist seit Mitte 1933 verboten. In Schleswig-Holstein zählt sie etwa 500 Mitglieder, davon rund 50 in Kiel. Nach einer Verhaftungswelle der Gestapo 1935 arbeitet sie im Untergrund. Im Dezember 1936 verteilen die Zeugen Jehovas reichsweit 200 000 bis 300 000 Zettel mit einer Resolution zur Religionsfreiheit. In Kiel stecken sie etwa 500 Flugblätter in Briefkästen; einer von ihnen wird dabei in der Wik beobachtet und verhaftet. Im Juni 1937 folgt ein offener Brief an Partei- und Regierungsstellen und an Vertreter der Kirchen. Die Zeugen Jehovas verweigern den Hitlergruß, die Teilnahme an Wahlen und den Kriegsdienst.
Zwei Monate nach dem Brief hebt die Gestapo die gesamte illegale Organisation aus. Am 18. September wird Minna Hansen verhaftet, 49 Jahre alt, wohnhaft in der Waisenhofstraße 39. Ihre Wohnung diente der Gruppe als Treffpunkt und als Durchgangsstation für die Bezirksleiterin und den „Reichsdiener“, den Leiter der Glaubensgemeinschaft im Reich.
Aus heutiger Sicht
Minna Hansen wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, kam danach in „Schutzhaft“ und in das Frauenlager des KZ Lichtenburg. Danach verlor sich ihre Spur; der 2007 in der Waisenhofstraße verlegte Stolperstein erhielt die Inschrift „ermordet 1938“.
Kieler Woche: Acht Nationen, 200 Yachten, drei amerikanische Linienschiffe
Am Sonntag, dem 20. Juni, beginnt die Kieler Woche auf vier Wettkampfbahnen der Förde. Acht Nationen gehen mit 200 Yachten an den Start; den Auftakt macht die Eröffnungswettfahrt des Marine-Regatta-Vereins. Am Olympiahafen und an der Promenade am Hindenburgufer sind die Flaggen gesetzt. Veranstalter ist der Yacht-Club von Deutschland.
Vom 18. bis 20. Juni laufen auf der Außenförde die dritten internationalen Marinepokal-Wettfahrten der Kriegsmarinen von sieben Nationen. Den Hindenburg-Pokal gewinnt Holland. Reichskriegsminister von Blomberg segelt beim Start der großen Boote auf der Außenförde auf der Marinejacht „Orion“ mit.
Am Sonntagabend läuft das 2. amerikanische Übungsgeschwader unter Konteradmiral Brown mit den Linienschiffen „Arkansas“, „New York“ und „Wyoming“ ein, rund 4 000 Mann, darunter etwa 1 000 Kadetten. Die Schiffe machen an den großen Bojen mitten im Hafen fest. Am Montag besucht Brown Admiral Albrecht und Admiral Carls.
Am Samstag, dem 26. Juni, endet die Woche mit der Preisverteilung. Der Kieler Dr. Lubinus gewinnt mit der 6-m-R-Yacht „Irmi V“ vier Preise: den „Preis des Führers und Reichskanzlers“, den Felca-Preis, den Preis des Ministerpräsidenten Göring und den Preis des Vereins deutscher Schiffswerften.
„Käpt’n Schlimbach“ kehrt vom Atlantik zurück
Am Donnerstag rufen die Kieler „Godwind ahoi“. Ludwig Schlimbach, früher Kapitän der Hapag und 61 Jahre alt, ist zurück. Mit der nur zehn Meter langen Yacht „Störtebeker III“ der Werft Abeking & Rasmussen hat er allein den Nordatlantik überquert, von Lissabon über die Azoren nach New York, wo er im August ankam. Es war seine fünfte Ozeanüberquerung im Segelboot und die erste allein. 1935 hatte er mit „Störtebeker II“ am Ozeanrennen von Newport nach Bergen teilgenommen.
Die Heimreise führte ihn mit dem Hapagdampfer „Hansa“ nach Cuxhaven, wo er am Freitag, dem 29. Oktober, eintraf. In Kiel ist er für einige Tage Gast des Oberbürgermeisters; am Abend spricht er im Yacht-Club von Deutschland vor einigen hundert Zuhörern über seine Fahrt. Im Rathaus überreicht er einen Brief des Bürgermeisters von Newport in den Vereinigten Staaten, der den Kieler Oberbürgermeister einlädt. Der Oberbürgermeister überreicht ihm als Ehrengeschenk der Stadt einen historischen Spiegelkompass.
Schlimbach selbst hält den Aufwand für übertrieben: Man solle nicht „soviel Sums“ um ihn machen, sagt er.
Kitzeberg: Das Institut für Meereskunde wird eingeweiht
Am Dienstagnachmittag wird in Kitzeberg am Ostufer der Förde das Institut für Meereskunde der Universität Kiel eingeweiht. Seine Aufgabe ist die Erforschung der Kieler Bucht als Meeres- und Lebensraum. Universitätskurator Dr. Sitzler übergibt das Haus im Namen des Reichserziehungsministers Rust an den kommissarischen Direktor Professor Remane.
Sitzler erinnert an den Begründer der Kieler Meeresforschung, Geheimrat Professor Hensen, und an die von ihm organisierte Plankton-Expedition. Die durch Krieg und Nachkriegszeit unterbrochene Arbeit solle verstärkt wieder aufgenommen werden, damit Kiel wieder seine führende Stelle einnehme. Das Institut gliedert sich in eine biologische, eine hydrographisch-chemische und eine geologische Hauptabteilung.
Im August folgt die erste Studienfahrt. An 25 Stellen in der westlichen Ostsee zwischen dem Fehmarnbelt und der dänischen Küste werden Wasser- und Grundproben entnommen und in Flaschen abgefüllt; Gäste aus Wissenschaft und Wirtschaft sind an Bord. Von den Ergebnissen erwartet man Nutzen für den Fischfang. Das Institut setzt damit Arbeiten fort, die das Vermessungsschiff „Meteor“ der Kriegsmarine mit Tiefen- und Strömungsmessungen begonnen hat.
KURZ NOTIERT · Kiel 1937
- 7. Januar — Auf dem Hof der Scheer-Kaserne in Friedrichsort übergibt Konteradmiral Götting im Auftrag des erkrankten Admirals Albrecht die neue Truppenfahne an die 1. Marine-Unteroffizier-Lehrabteilung unter Fregattenkapitän von Trotha.
- 6. Februar — Das am selben Tag wieder ausgelegte Feuerschiff „Kiel“ gerät gegen 23 Uhr ins Treiben, weil die Anker dem Eisdruck nicht standhalten. Der Seeschlepper „Stein“ bricht sich durch das Eis und schleppt es ein; es liegt danach in der Außenförde querab vom Marine-Ehrenmal Laboe.
- 8. April — Kiel erhält neue Straßennamen, darunter Buschfeldstraße, Flensburger Straße, Haderslebener Straße, Nietzschestraße, Weddigenring und Ziethenstraße. Die Annenstraße westlich des Knooper Weges heißt künftig Saldernstraße, die Mönkeberger Chaussee Heikendorfer Landstraße.
- 20. April — Ernst Barlachs „Geistkämpfer“ wird als „entartete Kunst“ von seinem Standort vor der Heiliggeistkirche entfernt und in das Thaulow-Museum gebracht.
- 29./30. Juni — Der Kreuzer „Leipzig“ läuft aus den spanischen Gewässern kommend am Dienstag kurz nach 23 Uhr durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal in Kiel ein. An den Holtenauer Schleusen warten viele Angehörige mit Blumen.
- 16. September — Ein betagter Segler namens Schmidt aus Stralsund, früher auf den Segelschulschiffen der Marine gefahren und in Kieler Seglerkreisen besonders beliebt, steuert in bester Rüstigkeit sein 7-m-Tourenboot im Kieler Hafen.
- 17. Dezember — Der Bezirksbericht des Landesarbeitsamts Nordmark meldet für Kiel allein 1 200 offene Stellen beim Arbeitsamt; die Kieler Werft könne den Bedarf an Arbeitskräften bei weitem nicht decken. Wegen der Wohnungsfrage, im Winter besonders brennend, wandern notdürftig untergebrachte Arbeiter zunehmend ab.
RUND UM DIE FÖRDE · 1937
- 30. Januar, Laboe — Die Eisbarre vor der Förde hat sich in der Nacht bedeutend ausgedehnt und reicht drei Seemeilen über die Linie Bülk–Stein hinaus, ein „noch nie gesehenes Bild“. Zwischen Laboe und Bülk sitzen 19 Schiffe fest, darunter zwei Motorschoner. Die Eisbrecher können die Fahrrinne nicht offenhalten, da das Eis nicht zusammengefroren ist; der Fährbetrieb zwischen Fehmarn und dem Festland ist eingestellt.
- 17.–19. August, Plön — Das Flak-Regiment 20 übt im holsteinischen Raum: Abteilung 31 biwakiert bei Tramm nahe Plön, Abteilung 32 bei Gut Rotensande bei Malente-Gremsmühlen. Am 18. August wird ein „Luftangriff auf Plön“ des Kampfgeschwaders Boelcke angenommen und abgeschlagen.
SPORT AN DER FÖRDE · 1937
- Holstein Kiel — In der Gauliga Nordmark 1936/37 wird Holstein Zweiter, sechs Punkte hinter dem Hamburger SV, mit 11 Siegen, 3 Unentschieden und 4 Niederlagen bei 65:25 Toren und 25:11 Punkten. Am 14. Februar verliert die Mannschaft bei Victoria Hamburg an der Hoheluft vor etwa 10 000 Zuschauern 2:3, nachdem sie zur Pause 2:0 geführt hat.
- THW Kiel — Die Feldhandballer des THW sind Vizemeister der Gauliga Nordmark hinter Oberalster VfW Hamburg.
- Segeln — In der Star-Klasse beherrscht bei der Kieler Woche der Italiener Straulino mit „Gemma“ das Feld: In sieben Fahrten wird er viermal Erster, zweimal Zweiter und einmal Dritter.
- Marine-HJ — Am 26. Juni findet in Laboe und Kiel der erste Reichssportwettkampf der Marine-HJ statt, mit 26 Gebietsmannschaften.
DAS WETTER · 1937 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 km südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 21,0 °C und eine Tiefsttemperatur von 13,8 °C, im Mittel 17,3 °C. Es fielen 0,1 mm Niederschlag.
Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 8,8 °C. Der wärmste Tag war der 11. Juni mit 34,9 °C, der kälteste der 26. Januar mit einem Tiefstwert von −12,7 °C. Es gab 5 Hitzetage (Höchsttemperatur ab 30 °C), 28 Sommertage (ab 25 °C), 29 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 95 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Insgesamt fielen 971 mm Niederschlag.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)