DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem sich die Gewalt von den Rändern Europas und Asiens bis tief ins eigene Land hineinfrisst: Draußen brennen Städte, drinnen wachsen die Lager — und aus Luckenwalde verschwindet ein weiterer alter Nachbar. In Spanien bombardiert die Legion Condor Guernica, tags darauf beschießt die Kriegsmarine vor Almería spanische Zivilisten, während in Ostasien aus einem nächtlichen Schusswechsel an der Marco-Polo-Brücke binnen Wochen ein offener Krieg wird, der im Winter im Grauen von Nanking mündet. Über dem Atlantik verglüht die „Hindenburg", über dem Pazifik verschwindet Amelia Earhart spurlos, und in München zeigt das Regime mit „Entartete Kunst" und der Eröffnung des Konzentrationslagers Buchenwald sein wahres Gesicht. Dazwischen blitzen auch leisere Zeichen auf: ein Thomas-Mann-Brief aus dem Exil, ein Nobelpreis für Vitamin C, ein neuer britischer Premierminister, eine Hochzeit im Loiretal — und zu Weihnachten, fernab aller Kriegsschauplätze, das erste abendfüllende Zeichentrickmärchen der Filmgeschichte. Ein Jahr der Extreme, irgendwo zwischen Weltuntergang und Weihnachtsmärchen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Guernica — die baskische Stadt in Trümmern

Die baskische Stadt Guernica nach dem Luftangriff der Legion Condor, 1937
Die baskische Stadt Guernica nach dem Luftangriff der Legion Condor, 1937 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am Nachmittag des 26. April, einem Montag und Markttag, legt die deutsche Legion Condor unter dem Kommando von Oberst Wolfram Freiherr von Richthofen, verstärkt durch die italienische Aviazione Legionaria, die baskische Stadt Guernica in Schutt und Asche — unter dem Decknamen „Operation Rügen". Rund 30 Flugzeuge, unter ihnen Ju-52-Behelfsbomber, Heinkel He 111, eine Dornier Do 17 und italienische Savoia-Marchetti SM.79, werfen über Stunden Spreng- und Brandbomben auf die schutzlose Stadt, während Jagdflieger auf Menschen in den Straßen schießen. Es ist eines der ersten großen Flächenbombardements auf eine wehrlose Zivilbevölkerung in der Geschichte des modernen Krieges — ein Versuchsfeld für die deutsche Luftwaffe im Auftrag General Francos. Rund 85 Prozent der 271 Gebäude werden zerstört; über die Zahl der Toten streiten Historiker bis heute — Schätzungen reichen von 200 bis 300 Opfern nach jüngerer Forschung bis zu baskischen Angaben von weit über tausend Toten und Hunderten Verletzten. Franco und die deutsche Propaganda leugnen jede Beteiligung und schieben die Zerstörung „zurückweichenden roten Brandstiftern" in die Schuhe. Der Name der Stadt wird zum Fanal, das Pablo Picasso wenig später in seinem berühmten Gemälde festhält — im Sommer 1937 im spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung erstmals gezeigt. Der Spanische Bürgerkrieg zeigt der Welt, wozu die aufgerüstete deutsche Luftwaffe fähig ist.

Feuerkatastrophe von Lakehurst — das Luftschiff „Hindenburg" verglüht

Das Luftschiff Hindenburg verglüht am 6. Mai 1937 in Lakehurst
Das Luftschiff „Hindenburg“ verglüht am 6. Mai 1937 in Lakehurst (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Abend des 6. Mai geht das deutsche Luftschiff LZ 129 „Hindenburg" unter Kapitän Max Pruss bei der Landung auf dem Marinefliegerhorst Lakehurst in New Jersey in Flammen auf. Wegen Gewitters über der Küste war die Landung um Stunden verschoben worden; das Schiff kreuzte derweil über Manhattan, ehe es zum Landeanflug ansetzte. Innerhalb von Sekunden steht das Heck des 245 Meter langen Zeppelins in Feuer, binnen rund 34 Sekunden stürzt das brennende Wrack zu Boden. Von 97 Menschen an Bord sterben 35, dazu ein Mitglied der Bodenmannschaft — insgesamt 36 Tote, doch 62 Passagiere und Besatzungsmitglieder überleben, darunter der schwer verbrannte Kapitän Pruss selbst. Weil die USA aus Sicherheitsbedenken den Export von nichtbrennbarem Helium nach Deutschland untersagt hatten, war das Luftschiff mit sieben Millionen Kubikfuß hochentzündlichem Wasserstoff gefüllt. Der spätere Untersuchungsbericht des US-Handelsministeriums nennt als wahrscheinlichste Ursache eine elektrostatische Entladung, die aus einer Gasleckage an den Zellen 4 und 5 austretenden Wasserstoff entzündete; Kapitän Pruss selbst hält Jahrzehnte später an einer Sabotage-Theorie fest. Der Ausruf „Oh, the humanity!" des Radioreporters Herbert Morrison, live mitgeschnitten, und die Wochenschauaufnahmen der Katastrophe gehen um die Welt und besiegeln das Ende des Zeppelin-Zeitalters als Verkehrsmittel.

Krieg in Ostasien — der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke

Die Marco-Polo-Brücke (Lugou-Brücke) bei Peking, Ausgangspunkt des Kriegs in Ostasien
Die Marco-Polo-Brücke (Lugou-Brücke) bei Peking, Ausgangspunkt des Kriegs in Ostasien (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 7. Juli hält die japanische Garnisonsarmee bei der Marco-Polo-Brücke (Lugou-Brücke) nahe Peking ein nächtliches Manöver ab, ohne die chinesische Besatzung zu informieren. Als ein japanischer Soldat angeblich vermisst wird, verlangen die Japaner, die nahe gelegene Stadt Wanping zur Suche betreten zu dürfen — die chinesische 29. Armee unter General Song Zheyuan verweigert dies, es kommt zum Feuergefecht. Song, der sich zunächst fern der Front aufhält, sucht wie schon in früheren Konflikten eine lokale Einigung, und am 11. Juli wird tatsächlich ein Waffenstillstand unterzeichnet. Doch der japanische Brigadekommandeur General Kawabe missachtet die Order seiner eigenen Regierung und lässt Wanping weiter beschießen. Aus dem lokalen Zwischenfall wird binnen Wochen der offene Japanisch-Chinesische Krieg: Ende Juli fallen Peking und Tianjin, der Krieg weitet sich auf das ganze Land aus — ein Ringen, das später im Pazifikkrieg aufgehen und Millionen Opfer fordern wird. In Europa nimmt man das ferne Geschehen zunächst kaum wahr; erst rückblickend erweist sich der Tag als Anfang eines der blutigsten Kapitel des Jahrhunderts.

Terror und Kulturkampf im Reich — Buchenwald und „Entartete Kunst"

Die Propagandaschau Entartete Kunst, München 1937
Die Propagandaschau „Entartete Kunst“, München 1937 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Sommer offenbart die zweite, hässlichere Seite des Regimes. Am 15. Juli treffen die ersten 149 Häftlinge, überwiegend politische Gegner aus Sachsenhausen, auf dem Ettersberg bei Weimar ein und müssen das Gelände für das neue Konzentrationslager Buchenwald roden; die förmliche Errichtung unter dem ersten Lagerkommandanten Karl-Otto Koch folgt am 1. August, und schon im September zählt das Lager, verstärkt durch Transporte aus Bad Sulza, Sachsenburg und Lichtenburg, rund 2.400 Gefangene — ein weiteres Glied in der wachsenden Kette der Lager. Nur wenige Tage später, am 18. Juli, eröffnet Hitler im neu errichteten „Haus der Deutschen Kunst" die regimetreue „Große Deutsche Kunstausstellung" mit einer programmatischen Rede über „deutsche" Kunst. Als bewusstes Gegenstück lässt Reichspropagandaminister Goebbels tags darauf, am 19. Juli, in den Münchner Hofgartenarkaden die Schaustellung „Entartete Kunst" eröffnen, organisiert vom Maler und Reichskammer-Präsidenten Adolf Ziegler: Über 650 beschlagnahmte Werke von mehr als 120 Künstlern — unter ihnen Emil Nolde, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Paul Klee, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Otto Dix und George Grosz — werden auf engstem Raum dem Spott preisgegeben. Bis Ende November strömen rund zwei Millionen Besucher in die Propagandaschau, die anschließend als Wanderausstellung durch weitere deutsche Großstädte zieht — der erfolgreichste Kulturfeldzug der NS-Zeit, gerichtet gegen alles, was dem Regime „fremd" erscheint.

Aus Luckenwalde vertrieben — ein Altbürgermeister geht ins Exil

Das Rathaus von Luckenwalde
Das Rathaus von Luckenwalde (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Auch die Mark Brandenburg bleibt vom Terror nicht verschont. Dr. Hermann Salomon, 1888 in Gotha als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, lässt sich 1919 als Arzt in Luckenwalde nieder, engagiert sich als SPD-Stadtverordneter und wird 1930 zum Ersten Bürgermeister der Stadt gewählt. Bereits 1933 zwingen ihn die neuen Machthaber zum Rücktritt; im Juli desselben Jahres wird er zusammen mit anderen ehemaligen SPD-Funktionsträgern verhaftet und zunächst in „Schutzhaft" nach Oranienburg, im September dann in das Konzentrationslager Lichtenburg verschleppt, später folgt eine weitere Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen. 1937 verlässt der Mediziner endgültig das Land und geht ins Exil nach Jugoslawien; später arbeitet er als Kolonialarzt in Französisch-Westafrika, ehe er sich nach dem Krieg in Frankreich niederlässt, wo er 1970 in Neuilly-sur-Seine stirbt. Sein Weg — vom gewählten Stadtoberhaupt zum Verfolgten, der die Heimat verlassen muss — steht stellvertretend für das Schicksal vieler jüdischer Luckenwalder in diesen Jahren.

Bombardierung von Almería — deutsche Vergeltung im Spanischen Bürgerkrieg

Das deutsche Panzerschiff „Admiral Scheer", das im Mai 1937 den Hafen von Almería beschoss
Das Panzerschiff „Admiral Scheer" der Kriegsmarine, das am 31. Mai 1937 den Hafen von Almería beschoss (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 29. Mai wird das deutsche Panzerschiff „Deutschland" vor der Küste von Ibiza im Rahmen der internationalen Nichteinmischungs-Kontrolle von republikanischen Bombern angegriffen; 31 Seeleute sterben, 75 werden verwundet. Berlin befiehlt Vergeltung: In den frühen Morgenstunden des 31. Mai beschießen das schwere Panzerschiff „Admiral Scheer" unter Kapitän zur See Otto Ciliax und vier Zerstörer der Kriegsmarine über eine Stunde lang den befestigten Hafen der südspanischen Stadt Almería, Stützpunkt der republikanischen Flotte. Rund 200 Granaten schlagen in der Stadt ein; mindestens 19 Zivilisten sterben, etwa 59 werden verletzt, 39 Häuser werden völlig zerstört, zahlreiche weitere beschädigt. Es ist der offenste militärische Kampfeinsatz deutscher Streitkräfte im Spanischen Bürgerkrieg abseits der „Legion Condor" und bringt Deutschland scharfe internationale Proteste ein; die Reichsregierung rechtfertigt den Angriff als reine Selbstverteidigung. Für die Bevölkerung Almerías bleibt der Vorfall eines der prägenden Kriegserlebnisse abseits der großen Frontlinien.

Schlacht um Shanghai — „Stalingrad am Jangtse"

Japanische Marineinfanterie im Häuserkampf während der Schlacht um Shanghai, 1937
Japanische Sondermarineinfanterie im Häuserkampf während der Schlacht um Shanghai, 1937 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur Wochen nach dem Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke weitet sich der Krieg in Ostasien zur ersten großen Materialschlacht aus. Am 13. August eröffnen chinesische Truppen unter der Führung Chiang Kai-sheks den Angriff auf die japanische Garnison in Shanghai, um die wichtigste Handelsmetropole des Landes zu halten und der Weltöffentlichkeit chinesischen Widerstandswillen zu demonstrieren. Über drei Monate liefern sich mehrere hunderttausend chinesische und japanische Soldaten erbitterte Häuserkämpfe um jede Straße der Stadt; unterstützt von Kriegsschiffen und Luftwaffe gelingt der japanischen Armee im Spätsommer die Landung weiterer Truppen an der Küste der Provinz Jiangsu, die chinesische Front gerät in die Zange. Nach massiven Verlusten auf beiden Seiten ziehen sich die chinesischen Verbände Ende November aus der brennenden Stadt zurück; die Kämpfe um das Sihang-Lagerhaus, in dem eine kleine chinesische Nachhut tagelang gegen die Übermacht standhält, werden zum patriotischen Fanal. Die als „Stalingrad am Jangtse" in die Geschichte eingegangene Schlacht macht aus dem lokalen Zwischenfall vom Juli endgültig einen totalen Krieg — und öffnet japanischen Truppen den Weg flussaufwärts in Richtung der chinesischen Hauptstadt Nanking.

Massaker von Nanking — sechs Wochen des Grauens

Der deutsche Kaufmann John Rabe, Vorsitzender der Internationalen Sicherheitszone von Nanking
Der deutsche Kaufmann John Rabe (1882–1950), der als Vorsitzender der Internationalen Sicherheitszone während des Massakers von Nanking Zehntausenden Chinesen das Leben rettete (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach dem Fall Shanghais rückt die japanische Armee den Jangtse hinauf auf die damalige chinesische Hauptstadt Nanking vor, die am 13. Dezember erobert wird. In den folgenden rund sechs Wochen verüben japanische Soldaten unter dem Kommando von General Iwane Matsui systematische Massenmorde an der wehrlosen Zivilbevölkerung und an entwaffneten Kriegsgefangenen; Historiker und die Nachkriegs-Tribunale von Tokio schätzen die Zahl der Todesopfer auf 200.000 bis über 300.000, hinzu kommen nach Schätzungen rund 20.000 Vergewaltigungen. Eine kleine Gruppe ausländischer Geschäftsleute, Missionare und Diplomaten, die in der Stadt zurückbleiben, richtet eine internationale Sicherheitszone ein und rettet damit vermutlich mehreren Zehntausend Chinesen das Leben — den Vorsitz führt ausgerechnet der deutsche Kaufmann und NSDAP-Angehörige John Rabe, der in seinen Tagebüchern minutiös Zeugnis vom Grauen ablegt und bei Hitler persönlich um Hilfe für die Opfer wirbt, ohne Gehör zu finden. Das Massaker von Nanking, in China bis heute als nationales Trauma erinnert, zählt zu den größten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts und markiert den Übergang des Japanisch-Chinesischen Krieges in eine Phase systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung.

Neville Chamberlain wird britischer Premierminister

Porträt von Neville Chamberlain
Neville Chamberlain, der am 28. Mai 1937 britischer Premierminister wurde (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 28. Mai übernimmt Neville Chamberlain von seinem zurücktretenden Vorgänger Stanley Baldwin das Amt des britischen Premierministers — mit 68 Jahren einer der ältesten Politiker, die dieses Amt neu antreten. Baldwin, der das Land durch die Abdankungskrise um König Eduard VIII. im Vorjahr geführt hatte, zieht sich nach der Krönung von dessen Bruder Georg VI. zurück und übergibt Downing Street 10 an den bisherigen Schatzkanzler. Chamberlain, der zunächst innenpolitische Reformen und den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Weltwirtschaftskrise in den Vordergrund stellen will, sieht sich jedoch rasch von der Außenpolitik eingeholt: Angesichts der Aufrüstung des Deutschen Reichs und der Spannungen in Ostasien setzt er von Beginn an auf eine Politik der Verständigung, die in den kommenden Jahren als „Appeasement" in die Geschichte eingehen wird. Noch ahnt kaum jemand, wie sehr der neue Premierminister mit seinem Kurs gegenüber Hitler-Deutschland das Schicksal Europas mitbestimmen wird.

Der Herzog von Windsor heiratet Wallis Simpson

Hochzeitsporträt von Edward, Herzog von Windsor, und Wallis Simpson, 1937
Hochzeitsporträt von Edward, Herzog von Windsor, und Wallis Simpson, Schloss Candé, 3. Juni 1937 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein halbes Jahr nach seiner Abdankung als britischer König Eduard VIII. heiratet Edward, Herzog von Windsor, am 3. Juni auf Schloss Candé im französischen Loiretal die zweifach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson — jene Frau, deretwegen er im Dezember 1936 den Thron aufgegeben hatte. Die Trauung im kleinen Kreis von nur rund 16 Gästen nimmt ein anglikanischer Geistlicher vor, obwohl die Kirche von England Ehen mit Geschiedenen eigentlich ablehnt; kein Mitglied der britischen Königsfamilie reist an, was als deutliche Distanzierung des Buckingham-Palasts gewertet wird. Die Braut trägt ein schlichtes Kleid des Pariser Modeschöpfers Mainbocher in einem eigens kreierten Blauton, der als „Wallis Blue" Mode-Geschichte schreibt; der britische Fotograf Cecil Beaton hält die Zeremonie in den offiziellen Bildern fest. Für die Weltpresse bleibt die einstige „Romanze des Jahrhunderts" ein Dauerthema, während der Herzog fortan als Privatmann ohne offizielle Funktion lebt — im Herbst des gleichen Jahres sorgt ein umstrittener Besuch des Paares in Deutschland samt Empfang beim „Führer" für weiteres Aufsehen und nährt Zweifel an der politischen Neutralität des einstigen Monarchen.

Italien tritt dem Anti-Komintern-Pakt bei

Kundgebung mit Mussolini in Berlin, September 1937
Mussolinis Staatsbesuch und Kundgebung in Berlin im September 1937, Vorspiel zum italienischen Beitritt zum Anti-Komintern-Pakt (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Ein Jahr nach dem deutsch-japanischen Abkommen gegen die Kommunistische Internationale unterzeichnet auch Italien unter Benito Mussolini am 6. November in Rom den Anti-Komintern-Pakt, dem das Deutsche Reich und Japan bereits im November 1936 beigetreten waren. Aus dem zunächst als ideologisches Bündnis gegen die Sowjetunion getarnten Abkommen — mit geheimen Zusatzprotokollen zur militärischen Neutralität im Ernstfall — wird damit erstmals eine Drei-Mächte-Achse zwischen Berlin, Rom und Tokio sichtbar, die sich in den folgenden Jahren zum Bündnissystem der „Achsenmächte" verfestigen wird. Für Mussolini, der sich im selben Jahr endgültig von den Westmächten abwendet und im Dezember den Austritt Italiens aus dem Völkerbund erklärt, bedeutet der Schritt eine klare außenpolitische Weichenstellung an der Seite Hitlers und weg von der bisherigen Rolle als eigenständige Mittelmeermacht. Beobachter in London und Paris registrieren die neue Frontbildung mit Sorge, ohne ihr zu diesem Zeitpunkt ernsthaft entgegenzutreten.

Amelia Earhart verschwindet über dem Pazifik

Amelia Earhart in Darwin, Australien, am 28. Juni 1937
Amelia Earhart am 28. Juni 1937 in Darwin, Australien — wenige Tage vor ihrem letzten Flug über den Pazifik (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der vorletzten Etappe ihres Versuchs, als erste Frau die Welt entlang des Äquators zu umrunden, starten die amerikanische Pilotin Amelia Earhart und ihr Navigator Fred Noonan am 2. Juli von Lae in Neuguinea aus zum rund 4.100 Kilometer langen Sprung über den Pazifik zur winzigen Insel Howland Island. Der Funkkontakt zum wartenden Küstenwache-Kutter „Itasca" bricht in den frühen Morgenstunden endgültig ab, nachdem Earhart knappen Treibstoff und die vergebliche Suche nach der Insel gemeldet hat; weder das Flugzeug vom Typ Lockheed Electra noch die Piloten werden je gefunden. Die anschließende, mit 64 Flugzeugen und acht Kriegsschiffen bis dahin größte Suchaktion der US-Marine bleibt erfolglos, das Duo wird 1939 offiziell für tot erklärt. Das Verschwinden der bekanntesten Fliegerin ihrer Zeit — schon 1932 hatte sie als erste Frau den Atlantik allein überquert — erschüttert die Weltöffentlichkeit und bleibt bis heute Gegenstand zahlloser Theorien, von einem Absturz im offenen Meer bis zur Vermutung, das Paar habe eine einsame Pazifikinsel erreicht.

Premiere von „Schneewittchen und die sieben Zwerge"

Walt Disney stellt die sieben Zwerge im Kinotrailer von 1937 vor
Szene aus dem Original-Kinotrailer von „Schneewittchen und die sieben Zwerge", 1937 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 21. Dezember feiert im Carthay Circle Theatre in Los Angeles der erste abendfüllende Zeichentrickfilm der Geschichte Premiere: Walt Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge". Vor der Aufführung hatte die Fachwelt das weit über Budget geratene, mit über 1,5 Millionen Dollar bis dahin teuerste Trickfilmprojekt spöttisch „Disneys Torheit" genannt und das Studio am Rande des finanziellen Ruins gesehen; schon wenige Minuten nach Beginn der geladenen Hollywood-Vorführung verstummt der Spott, das Publikum lacht, weint und erhebt sich am Ende zu stehenden Ovationen. Hunderte Zeichner, Koloristinnen und Trickfilmer hatten mehr als drei Jahre lang daran gearbeitet, erstmals eine abendfüllende Geschichte mit individuell charakterisierten Figuren, Musiknummern und einem an europäischen Kunstmärchen orientierten Look auf die Leinwand zu bringen. Der Film wird zum größten Kinoerfolg des Jahres in den Vereinigten Staaten und begründet das „goldene Zeitalter" der Walt Disney Studios — ein seltener Lichtblick der Unterhaltungskultur in einem sonst von Krieg und Gewalt geprägten Jahr.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 14. März: Papst Pius XI. unterzeichnet die Enzyklika „Mit brennender Sorge", die am Palmsonntag, dem 21. März, von den Kanzeln aller katholischen Kirchen im Reich heimlich verlesen wird — eine seltene offene Kritik an Vertragsbrüchen des NS-Regimes.
  • 6.–13. September: Nürnberg feiert den „Reichsparteitag der Arbeit" — Görings Vierjahresplan von 1936 zeigt seine Wirkung, das Reich rüstet weiter, während die Propaganda von Aufschwung und Volksgemeinschaft spricht.
  • 27. Mai: In San Francisco wird die Golden Gate Bridge dem Verkehr übergeben — mit rund 1,3 Kilometern Spannweite die damals längste Hängebrücke der Welt, ein technisches Wahrzeichen jenseits des Atlantiks.
  • Vierjahresplan: Görings Autarkiepolitik verordnet der deutschen Textilindustrie den verstärkten Einsatz von Zellwolle statt importierter Wolle — auch die traditionsreichen Tuchfabriken Luckenwaldes müssen sich auf den kunstfaserhaltigen Ersatzstoff einstellen.
  • Die Reichsschulreform verkürzt auch an der Luckenwalder Friedrichsschule die Schulzeit von neun auf acht Jahre und fasst die höheren Schulen zu „Oberschulen" zusammen — 1937 legen deshalb gleich zwei Jahrgänge zusammen die Reifeprüfung ab.
  • Am Luckenwalder Theater etabliert sich ein eigenes Ensemble, das I. Landestheater der Mark Brandenburg, das bis 1944 mit zahlreichen Gastspielen durch die Provinz zieht.

SPORT · 1937

Auf internationalem Parkett bleibt Max Schmeling das Aushängeschild des deutschen Sports: Nach seinem sensationellen K.-o.-Sieg über Joe Louis im Juni 1936 gilt er als Volksheld, doch 1937 verliert Louis seinen Nimbus als kommender Champion nicht — im Juni schlägt er James J. Braddock in Chicago zum Weltmeister im Schwergewicht. Schmeling, der auf eine Titel-Revanche gegen den neuen Champion hofft, bereitet sich das Jahr über auf das Rückkampf-Duell vor, das erst im Juni 1938 in New York stattfinden und das Regime propagandistisch für sich vereinnahmen wird. Auf den Rennstrecken Europas dominieren derweil die deutschen „Silberpfeile": Mit dem neuen, knapp 600 PS starken Mercedes-Benz W125 gewinnt Rudolf Caracciola drei der fünf Läufe zur Grand-Prix-Europameisterschaft und sichert sich vor seinen Teamkollegen Hermann Lang und Manfred von Brauchitsch den Titel; Auto Union mit Bernd Rosemeyer hält mit vier Saisonsiegen dagegen, ehe Rosemeyer zum Saisonabschluss in Donington gewinnt. Die technische Überlegenheit der Silberpfeile demonstriert, wie schon die Olympiade im Vorjahr, der nationalen Selbstdarstellung im Sport.

MODE · 1937

Die Pariser Couturière Elsa Schiaparelli bringt mit ihrem grellen „Shocking Pink" Farbe in die internationale Mode: 1937 lanciert sie ihr gleichnamiges Parfüm „Shocking" in einer von der Künstlerin Leonor Fini gestalteten, an eine Schneiderpuppe angelehnten Flakonform — ein Extrem, das im Reich als „undeutsch" gebrandmarkt bleibt. Schon seit Mitte der 1930er-Jahre hatte Schiaparelli den Reißverschluss, bis dahin ein rein technisches Verschlussmittel, als sichtbares Gestaltungselement salonfähig gemacht — 1937 setzt sich diese praktische und langlebige Neuerung zunehmend auch in Alltagskleidung und Accessoires durch. Auf deutschen Straßen bleibt derweil das von oben verordnete Trachten- und Uniform-Ideal bestimmend.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Thomas Manns „Ein Briefwechsel" (Januar 1937). Nach der Aberkennung von Staatsbürgerschaft und Ehrendoktorwürde antwortet der Schriftsteller im Exil dem Dekan der Universität Bonn mit einem offenen Brief — eines der bedeutendsten Dokumente des geistigen Widerstands gegen das Regime.
  • Weizsäcker erklärt die Energie der Sterne (1937). Am Kaiser-Wilhelm-Institut veröffentlicht der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker die Grundlagen des späteren Bethe-Weizsäcker-Zyklus, der die Energieerzeugung der Sterne durch Kernfusion erklärt — ein wissenschaftlicher Durchbruch in dunkler Zeit.
  • Nobelpreis für Vitamin C (Dezember 1937). Der Biochemiker Albert Szent-Györgyi erhält den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Aufklärung der Vitamin-C-Wirkung und der biologischen Verbrennungsvorgänge — eine Entdeckung, die weltweit im Kampf gegen Skorbut und Mangelkrankheiten hilft.
  • Schalke wird Meister im Berliner Olympiastadion (20. Juni 1937). Vor 101.000 Zuschauern schlägt der FC Schalke 04 den 1. FC Nürnberg 2:0 zur deutschen Fußballmeisterschaft — ein sportliches Fest nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt, das auch in der Mark Brandenburg die Radiohörer an die Apparate lockt.

DAS WETTER · 1937 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein kühler Sommertag: Höchstwert 16,5 °C, in der Nacht 13,0 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne blieb ganz verborgen.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 35 °C am 11. Juni, kältester −14 °C am 25. Januar. 9 Hitzetage (≥30 °C), 33 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 637 mm.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1937

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Ich steh' im Regen — Zarah Leander
  2. Yes, Sir! — Zarah Leander
  3. Merci, mon ami — Zarah Leander
  4. Ich tanze mit dir in den Himmel hinein — Lilian Harvey & Willy Fritsch
  5. Jawohl, meine Herr'n — Heinz Rühmann & Hans Albers
  6. Ein zärtliches Lied — Johannes Heesters
  7. Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen — Johannes Heesters
  8. Wozu ist die Straße da — Heinz Rühmann
  9. Tango notturno (Ich hab' an dich gedacht) — Pola Negri
  10. Unter den Pinien von Argentinien — Hans Söhnker
  11. San Francisco — Theo Mackeben & sein Ensemble
  12. Schwalbenlied (Mutterl, unter'm Dach) — Wilhelm Strienz
  13. Sandmännchen — Comedian Harmonists
  14. Der Barbier von Sevilla — Comedian Harmonists
  15. Truthahn im Stroh — Hawaiian Trio Waikiki
  16. Die Ballade vom semmelblonden Emil — Heinz Rühmann
  17. Ja die Männer sind meine schwache Seite — Hilde Hildebrand
  18. Träumen von der Südsee — Elena Lauri
  19. Paris! Du bist die schönste Stadt der Welt — Eugen Wolff & sein Tanzorchester
  20. Die Juliska aus Budapest — Rudi Schuricke

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.