DER CHRONIST
Ein Jahr, das die Welt anhält und doch in Bewegung versetzt: Ein Virus legt den Alltag lahm, zwingt Millionen ins Homeoffice und lässt die Kieler Woche erstmals seit Kriegsende ausfallen. In Washington entscheidet eine Wahl über Amerikas Kurs, während in Minneapolis der Tod eines einzelnen Mannes eine weltweite Bewegung gegen Rassismus entfacht. Ein rechtsextremer Anschlag in Hanau erschüttert Deutschland bis ins Mark, und mit dem Brexit-Vollzug verlässt ein Gründungsmitglied nach 47 Jahren die Europäische Union. Im Nahen Osten eskaliert der Konflikt zwischen den USA und Iran, in Thüringen bricht eine Landtagswahl ein politisches Tabu, und eine gewaltige Explosion verwüstet Beirut. Zwischen Maske und Ausgangsbeschränkungen wagt sich der Mensch sogar wieder ins All — an Bord einer privaten Rakete. Ein Jahr der Umbrüche, das an der Förde ebenso Spuren hinterlässt wie in der großen Welt.
Corona-Lockdown legt Deutschland lahm — auch die Kieler Woche fällt aus

Den Anfang nimmt das, was Kiel im März noch für fernes Geschehen hält, bereits am 27. Januar: Beim Automobilzulieferer Webasto in Stockdorf bei München wird der erste in Deutschland bestätigte Fall des neuartigen Coronavirus amtlich — eine chinesische Kollegin hatte das Virus bei einer Schulung unwissentlich ins Unternehmen getragen, elf Mitarbeiter infizieren sich in der Folge. Was zunächst als eingedämmter Einzelfall gilt, greift binnen weniger Wochen auf ganz Europa über. Am 11. März erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch offiziell zur Pandemie — es ist die erste Pandemie der Geschichte, die von einem Coronavirus ausgelöst wird. Nur fünf Tage später, am 16. März, beschließen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder weitreichende Kontaktbeschränkungen, die ab 22. März bundesweit in Kraft treten: Schulen, Kitas und die meisten Geschäfte schließen, Versammlungen sind untersagt. Am 18. März wendet sich Merkel in einer seltenen Fernsehansprache an die Bevölkerung und mahnt eindringlich zur Disziplin. Auch in Schleswig-Holstein setzt Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) die Maßnahmen um und wird mit seinem Kurs — mal restriktiv, mal mahnend zur Rücksichtnahme, im Herbst dann mitgetragener bundesweiter Kurswechsel zu neuen Schließungen — zu einem der prägenden Gesichter der norddeutschen Corona-Politik.
Für Kiel hat das drastische Folgen: Bereits am 20. März verkündet die Stadt, dass die Kieler Woche — seit der ersten Regatta am 23. Juli 1882 vor dem Düsternbrooker Ufer über Jahrzehnte zum größten Sommer- und Segelfest Nordeuropas mit sonst rund drei Millionen Besuchern, Tausenden Seglern und der berühmten Windjammerparade gewachsen — erstmals seit Kriegsende komplett ausfällt und auf 5. bis 13. September verschoben wird. Doch selbst dieser Ersatztermin bringt keine Rückkehr zur Normalität: Es findet nur ein stark reduziertes Segelprogramm statt, ohne Großveranstaltungen, Bühnen, Schausteller und die sonst kilometerlange Fördeschlange feiernder Menschen. Die Förde bleibt in diesem Jahr auffällig still. Die maritime Wirtschaft der Landeshauptstadt trifft es unterschiedlich hart: Während der Tourismus- und Veranstaltungssektor durch die Absage massive Einbußen erleidet, laufen bei den Kieler Werften — darunter Thyssenkrupp Marine Systems und German Naval Yards — die U-Boot- und Marineschiffbau-Aufträge zunächst weitgehend ungestört weiter; dank voller Auftragsbücher kommen die Betriebe zu Beginn der Krise ohne Kurzarbeit aus und begegnen dem Virus stattdessen mit Schichttrennung, Hygieneplänen und verstärktem Homeoffice.
Rassistischer Anschlag von Hanau erschüttert das Land

Innerhalb von nur zwölf Minuten fährt der 43-jährige Tobias Rathjen am Abend des 19. Februar zunächst zur Bar „La Vôtre" und zur Shisha-Bar „Midnight" Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt und erschießt dort Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Sedat Gürbüz. Anschließend fährt er zum Stadtteil Kesselstadt, wo er auf dem Parkplatz am Kurt-Schumacher-Platz vermutlich zunächst Vili Viorel Păun erschießt und danach in der „Arena Bar & Café" Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar sowie im weiteren Barbereich Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtović tötet. Insgesamt sterben neun junge Menschen mit Migrationsgeschichte, bevor der Täter in der eigenen Wohnung seine Mutter und sich selbst erschießt. Ermittlungen fördern zutage, dass Rathjen zuvor wirre, rassistische und menschenverachtende Schriften samt einem Bekennervideo verbreitet hatte; das Bundeskriminalamt stuft die Tat eindeutig als rechtsextrem und rassistisch motiviert ein. Für zusätzliche Empörung sorgt in den Wochen danach die Erkenntnis, dass in der Tatnacht der Notruf der Polizeileitstelle wegen Unterbesetzung nicht erreichbar war und so möglicherweise Rettungschancen verstrichen. Der Anschlag löst bundesweite Trauer, Mahnwachen in zahlreichen Städten und eine intensive Debatte über Rechtsextremismus, Alltagsrassismus und Behördenversagen aus; Angehörige und Aktivisten gründen die Initiative „19. Februar Hanau" und fordern unter dem Motto „Sag ihre Namen" dauerhaftes Gedenken sowie Konsequenzen für Sicherheitsbehörden.
Brexit vollzogen: Großbritannien verlässt die Europäische Union

Um Mitternacht mitteleuropäischer Zeit tritt das Vereinigte Königreich nach 47 Jahren Mitgliedschaft offiziell aus der Europäischen Union aus — den Ausschlag hatte bereits das knappe Referendum vom 23. Juni 2016 gegeben, bei dem sich 51,9 Prozent der Wähler für den Austritt aussprachen. Es folgen dreieinhalb Jahre zähen Ringens: Premierministerin Theresa May scheitert dreimal im Unterhaus mit ihrem Austrittsabkommen und tritt zurück, ihr Nachfolger Boris Johnson gewinnt im Dezember 2019 mit dem Versprechen „Get Brexit Done" die vorgezogene Neuwahl und handelt ein neues Abkommen aus. Grundlage des Austritts ist dieses im Oktober 2019 ausgehandelte Abkommen, dem das Europäische Parlament am 29. Januar 2020 mit 621 zu 49 Stimmen zustimmt, nachdem Johnson es bereits am 24. Januar in London unterzeichnet hatte. Mit dem Austritt beginnt eine Übergangsphase bis Jahresende, in der Großbritannien vorerst im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion verbleibt, während beide Seiten über die künftigen Handelsbeziehungen und insbesondere die Fischereirechte in Nordsee und Ostsee verhandeln. Für den Kieler Hafen, den Nord-Ostsee-Kanal als Verbindung zwischen Nord- und Ostsee sowie die maritime Wirtschaft Schleswig-Holsteins insgesamt ist der EU-Austritt eines der zentralen Wirtschaftsthemen des Jahres, denn Großbritannien zählt zu den wichtigen Handelspartnern der norddeutschen Häfen.
Bürgerschaftswahl in Hamburg: SPD bleibt vorn, Grüne verdoppeln sich, AfD zieht knapp wieder ein

Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg am 23. Februar behauptet die SPD unter dem amtierenden Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher mit 39,2 Prozent klar ihren Spitzenplatz, verliert gegenüber 2015 aber spürbar an Zustimmung. Die Grünen um Spitzenkandidatin Katharina Fegebank verdoppeln ihr Ergebnis nahezu auf 24,2 Prozent — das beste Resultat der Partei bei einer Landtagswahl bundesweit. Die CDU stürzt auf 11,2 Prozent ab, ihr schwächstes Ergebnis in der Geschichte der Hansestadt, während die Linke mit 9,1 Prozent leicht zulegt. Die AfD rutscht auf 5,3 Prozent ab und zieht nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde erneut in die Bürgerschaft ein; die FDP verfehlt mit 4,9 Prozent den Einzug und fliegt aus dem Landesparlament. Die Wahlbeteiligung liegt bei 63,3 Prozent.
Tschentscher setzt die seit 2015 bestehende rot-grüne Koalition fort und wird von der neuen Bürgerschaft im Amt bestätigt. Die Wahl findet nur wenige Wochen vor dem bundesweiten Corona-Lockdown Mitte März statt — der Hamburger Wahlkampf verläuft noch im gewohnten Rahmen mit Kundgebungen und Plakataktionen.
Tod von George Floyd löst weltweite »Black Lives Matter«-Proteste aus

In Minneapolis wird der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd festgenommen, nachdem er verdächtigt wird, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben. Der Polizist Derek Chauvin presst daraufhin fast neun Minuten lang sein Knie auf Floyds Nacken, während dieser mehrfach hörbar „I can't breathe" ruft; die Kollegen Thomas Lane und J. Alexander Kueng halten Floyd währenddessen fest, Tou Thao hält aufgebrachte Passanten fern. Die damals 17-jährige Darnella Frazier filmt die Tat mit ihrem Handy — das Video verbreitet sich binnen Stunden weltweit und widerlegt die ursprüngliche, verharmlosende Darstellung der Polizei; sie wird später vom Pulitzer-Board für ihren Mut ausgezeichnet. Unter dem seit 2013 bestehenden Motto »Black Lives Matter« entstehen daraufhin die größten Protestwellen gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus in der Geschichte der USA — Schätzungen zufolge gehen im Sommer 2020 zwischen 15 und 26 Millionen Menschen in mehr als 2.000 Städten und Gemeinden auf die Straße. Chauvin wird wenige Tage später entlassen und angeklagt, ebenso die drei beteiligten Kollegen. Die Proteste greifen auch nach Europa über, mit teils zehntausenden Teilnehmern bei Kundgebungen in deutschen Großstädten wie Berlin, und entfachen eine internationale Debatte über Rassismus, koloniales Erbe und den Umgang mit umstrittenen Denkmälern.
Joe Biden besiegt Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl

Der Wahlkampf steht ganz im Zeichen der Pandemie: Beim chaotischen ersten TV-Duell am 29. September fallen sich Trump und Biden wiederholt ins Wort, und nur wenige Tage später, am 2. Oktober, gibt Trump seine eigene Corona-Infektion bekannt. Wegen der Ansteckungsgefahr entscheiden sich Rekordzahlen von Wählern für die Briefwahl. Bei der Wahl am 3. November setzt sich Joe Biden mit seiner Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris — der ersten Frau, ersten Afroamerikanerin und ersten Person südasiatischer Herkunft in diesem Amt — mit 306 Wahlmännerstimmen gegen den amtierenden Präsidenten Donald Trump durch und erhält mit rund 81 Millionen Stimmen mehr Wählerstimmen als je ein Kandidat zuvor. Wegen der pandemiebedingt hohen Zahl an Briefwahlstimmen zieht sich die Auszählung in den umkämpften Bundesstaaten Pennsylvania, Georgia, Arizona, Wisconsin und Michigan über mehrere Tage hin, ehe die Sender Biden erst am 7. November zum Sieger erklären. Trump erkennt das Ergebnis nicht an, spricht ohne Beleg von massivem Wahlbetrug und lässt zahlreiche Klagen einreichen, die vor Gericht scheitern; auch die für den Übergang zuständige Bundesbehörde GSA verzögert zunächst die formale Anerkennung des Wahlsiegers. Erst am 14. Dezember bestätigen die Wahlmänner in den Bundesstaaten offiziell Bidens Sieg. Der bevorstehende Machtwechsel in Washington wird international mit Erleichterung, in den gespaltenen USA selbst aber auch mit großer Sorge um den inneren Zusammenhalt des Landes aufgenommen.
US-Drohnenangriff tötet iranischen General Soleimani

In den frühen Morgenstunden tötet eine von Präsident Donald Trump angeordnete US-Drohne nahe dem Flughafen von Bagdad den iranischen General Qassem Soleimani, Kommandeur der Al-Quds-Brigaden und zweitmächtigster Mann im Iran nach Revolutionsführer Ali Chamenei, sowie Abu Mahdi al-Muhandis, den stellvertretenden Chef der irakischen Milizenallianz Volksmobilisierungskräfte. Soleimani gilt als Architekt der iranischen Militärstrategie in der gesamten Region; sein Tod löst in Teheran Massentrauer und Rachegelöbnisse aus.
Am 8. Januar beschießt der Iran zwei von US-Truppen genutzte Militärstützpunkte im Irak mit ballistischen Raketen — es gibt keine Todesopfer unter den Soldaten, wohl aber zahlreiche Gehirnerschütterungen. In derselben angespannten Nacht schießt die iranische Luftabwehr irrtümlich das ukrainische Passagierflugzeug Flug PS752 kurz nach dem Start in Teheran ab; alle 176 Menschen an Bord sterben. Der Iran bestreitet zunächst jede Verantwortung, räumt den Abschuss aber drei Tage später ein. Die Ereignisse bringen die USA und den Iran an den Rand eines offenen Krieges, bevor die Aufmerksamkeit der Welt wenige Wochen später auf die heraufziehende Pandemie übergeht.
AfD-Stimmen verhelfen Thomas Kemmerich zur Wahl als Ministerpräsident in Thüringen

Im dritten Wahlgang des Thüringer Landtags wird der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen von FDP, CDU und AfD knapp zum Ministerpräsidenten gewählt und verdrängt den amtierenden Bodo Ramelow (Die Linke). Es ist das erste Mal seit dem Ende der NS-Zeit, dass eine Landesregierung mithilfe der AfD an die Macht kommt — ein Tabubruch, der die sogenannte Brandmauer gegen die Partei einreißt und bundesweite Empörung auslöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt das Ergebnis von einer Auslandsreise in Südafrika aus „unverzeihlich" und fordert dessen Rücknahme.
Bereits am 6. Februar kündigt Kemmerich unter dem öffentlichen Druck seinen Rücktritt an, bleibt aber zunächst geschäftsführend im Amt, da er keine Regierung bildet. Der thüringische CDU-Landeschef Mike Mohring tritt zurück, und wenige Tage später erklärt auch CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer als Konsequenz aus der Krise ihren Verzicht auf die Parteispitze. Erst am 4. März wird Ramelow in einer Neuwahl wieder zum Ministerpräsidenten gewählt und beendet damit die wochenlange Regierungskrise.
Erster bemannter Flug einer privaten Raumkapsel: SpaceX bringt Astronauten zur ISS

Von der Startrampe 39A des Kennedy Space Center in Florida hebt eine Falcon-9-Rakete des Unternehmers Elon Musk ab und bringt die NASA-Astronauten Robert „Bob" Behnken und Douglas Hurley an Bord der Raumkapsel „Endeavour" ins All — der erste bemannte Orbitalflug von US-amerikanischem Boden seit dem Ende des Spaceshuttle-Programms 2011 und zugleich der erste bemannte Flug eines privat entwickelten Raumschiffs überhaupt. Rund 19 Stunden später dockt die Kapsel im Rahmen der Testmission „Demo-2" für das Commercial-Crew-Programm der NASA an der Internationalen Raumstation ISS an.
Mit dem Erfolg wird SpaceX zum ersten privaten Unternehmen, das Menschen in die Erdumlaufbahn befördert — ein historischer Wendepunkt für die bemannte US-Raumfahrt, die seit dem Ausstieg der Shuttles auf russische Sojus-Kapseln angewiesen war. Beide Astronauten, ehemalige Testpiloten und Shuttle-Veteranen, kehren am 2. August sicher mit einer Wasserung im Golf von Mexiko zur Erde zurück.
Verheerende Explosion zerstört große Teile Beiruts

Um 18:08 Uhr Ortszeit entzündet ein Feuer bei Schweißarbeiten in einer Lagerhalle im Hafen von Beirut zunächst gelagertes Feuerwerk, dessen Detonation wiederum 2.750 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat zur Explosion bringt — der Sprengstoff war Jahre zuvor von einem havarierten Frachtschiff beschlagnahmt und trotz wiederholter Warnungen an die Behörden ungesichert eingelagert worden. Die gewaltige Explosion, eine der größten nichtnuklearen Detonationen der Geschichte, ist noch auf Zypern zu spüren, tötet mehr als 200 Menschen, verletzt über 6.500 und macht rund 300.000 Bewohner obdachlos.
Weite Teile der libanesischen Hauptstadt — Hafenanlagen, Krankenhäuser und historische Viertel wie Gemmayzeh und Mar Mikhael — werden zerstört oder schwer beschädigt. Ermittlungen enthüllen, dass Behörden über Jahre um die Gefahr wussten, ohne zu handeln; der öffentliche Zorn über Korruption und Versagen zwingt Ministerpräsident Hassan Diab und seine Regierung wenige Tage später zum Rücktritt. Internationale Hilfe strömt ins Land, während die ohnehin tiefe Wirtschafts- und Staatskrise des Libanon sich weiter zuspitzt.
Massenproteste in Belarus nach mutmaßlich gefälschter Präsidentschaftswahl

Bei der Präsidentschaftswahl in Belarus wird der seit 1994 regierende Alexander Lukaschenko mit offiziell 80,1 Prozent der Stimmen zum Sieger erklärt — gegen die politisch unerfahrene Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja, die für ihren inhaftierten Ehemann, den Blogger Sergej Tichanowski, angetreten war. Internationale Beobachter und die Opposition werten die Wahl als gefälscht; Tichanowskajas Team beansprucht den tatsächlichen Sieg für sich.
Das Ergebnis löst die größten Proteste in der Geschichte des Landes aus: Wochenlang gehen Hunderttausende, vor allem in der Hauptstadt Minsk, auf die Straße und werden von Sicherheitskräften mit brutaler Gewalt auseinandergetrieben — bis Jahresende werden mehr als 30.000 Menschen festgenommen, es gibt Berichte über Folter in Haft und mehrere Tote unter den Demonstranten. Tichanowskaja flieht wenige Tage nach der Wahl unter Druck nach Litauen und wird von dort aus zur international anerkannten Stimme der belarussischen Opposition, während die EU das Wahlergebnis nicht anerkennt und Sanktionen gegen Verantwortliche verhängt.
AM RANDE NOTIERT
- Am 4. August zerstört eine gewaltige Explosion im Hafen von Beirut — ausgelöst durch 2750 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat — weite Teile der libanesischen Hauptstadt, tötet mehr als 200 Menschen und macht rund 300.000 obdachlos.
- Am 27. Dezember beginnt in Deutschland die Corona-Impfkampagne mit dem Präparat des Mainzer Unternehmens BioNTech/Pfizer — zunächst für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen.
- Im Januar erreicht die als „Black Summer" bekannte australische Buschfeuersaison 2019/2020 ihren Höhepunkt: Millionen Hektar Land brennen nieder, schätzungsweise über eine Milliarde Tiere kommen ums Leben.
- Der Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel begeht im Juni sein 125-jähriges Bestehen — die Feierlichkeiten zur meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt fallen coronabedingt bescheiden aus.
SPORT · 2020
Auch der Sport gerät durch die Pandemie aus dem Takt: Die Fußball-Bundesliga wird Mitte März unterbrochen und ab dem 16. Mai als erste große europäische Profiliga vor leeren Rängen als „Geisterspiel" fortgesetzt; die für den Sommer geplanten Olympischen Spiele in Tokio werden im März um ein Jahr verschoben. Auch die Kieler Woche, sonst mit ihrem Segelprogramm ein sportlicher Fixpunkt der Stadt, findet 2020 nur in stark reduzierter Form statt (siehe Schlagzeile 1). Einen umso strahlenderen sportlichen Lichtblick liefert dafür der THW Kiel: Beim von Mai auf Ende Dezember verschobenen und ohne Zuschauer ausgetragenen Final4 der Handball-Champions-League in der Kölner Lanxess-Arena bezwingen die „Zebras" am 29. Dezember den FC Barcelona im Finale mit 33:28 und holen damit ihren insgesamt vierten Titel in diesem Wettbewerb. Zum wertvollsten Spieler des Finales wird Kreisläufer Hendrik Pekeler gekürt, überragende Werfer sind Niclas Ekberg und Sander Sagosen, im Tor pariert Niklas Landin 14-mal; Trainer Filip Jicha gewinnt den Titel damit sowohl als Spieler wie auch als Coach.
MODE · 2020
Corona verändert auch die Garderobe: Mit Homeoffice und Kontaktbeschränkungen wird die bequeme Jogginghose zum meistverkauften Kleidungsstück des Jahres, während die Mund-Nasen-Maske vom medizinischen Hilfsmittel zum modischen Accessoire in bunten Stoffen und mit Design-Anspruch avanciert — spätestens seit Ende April, als in immer mehr Bundesländern eine Maskenpflicht in Geschäften und im Nahverkehr gilt, gehört sie zum täglichen Straßenbild. Auch Videokonferenzen prägen den Kleiderstil: Oberkörper in Hemd oder Bluse, darunter oft nur Jogginghose oder Pyjama — der „Zoom-Look" wird zum vielzitierten Sinnbild des Pandemiejahres. Modenschauen und Modewochen von Paris bis Berlin finden, wenn überhaupt, nur digital statt. Auch in Kieler Geschäften verschiebt sich die Nachfrage spürbar von Ausgehmode hin zu Loungewear, während selbstgenähte Stoffmasken zum kleinen Zusatzgeschäft mancher Änderungsschneiderei werden.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2020
- BioNTech/Pfizer-Impfstoff erhält weltweit erste Zulassung (Dezember). Der in Mainz von BioNTech entwickelte mRNA-Impfstoff wird als erster Corona-Impfstoff überhaupt zugelassen — ein Hoffnungsschimmer nach einem Jahr des Ausnahmezustands, entwickelt in Deutschland.
- Physik-Nobelpreis für Reinhard Genzel (Oktober). Der Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching wird für die Entdeckung eines supermassereichen Objekts im Zentrum unserer Galaxie geehrt.
- Kohleausstiegsgesetz sichert den Hambacher Wald (3. Juli). Der Bundestag beschließt den Kohleausstieg bis 2038 und schreibt zugleich den Erhalt des umkämpften Hambacher Walds im Rheinischen Revier gesetzlich fest.
- THW Kiel gewinnt zum vierten Mal die Handball-Champions-League (Dezember). Im pandemiebedingt von Mai auf Dezember verlegten und ohne Zuschauer ausgetragenen Final4 in Köln setzt sich der Kieler Bundesligist im Finale gegen den FC Barcelona durch — ein seltener sportlicher Lichtblick für die Fördestadt in einem Jahr ohne Kieler Woche.
- Chemie-Nobelpreis geht erstmals an ein reines Frauenduo (Oktober). Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna werden für die Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas9 ausgezeichnet, die die Molekularbiologie revolutioniert hat.
- Deutschland nimmt Geflüchtete aus dem abgebrannten Lager Moria auf (September). Nach dem Großbrand im überfüllten Lager auf Lesbos holt die Bundesrepublik mehrere Hundert besonders schutzbedürftige Menschen, vor allem unbegleitete Minderjährige, ins Land.
DAS WETTER · 2020 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 21,0 °C, in der Nacht 9,4 °C, im Mittel 15,5 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 10,7 °C — ein außergewöhnlich mildes Jahr ohne einen einzigen Eistag. Wärmster Tag 31,2 °C am 6. August, kältester −2,9 °C am 25. Dezember. 4 Hitzetage (≥ 30 °C), 0 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 635 mm.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2020
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Blinding Lights — The Weeknd
- Dance Monkey — Tones And I
- Roller — Apache 207
- Roses (Imanbek Remix) — SAINt JHN
- Breaking Me — Topic feat. A7S
- Emotions — Ufo361
- Savage Love (Laxed – Siren Beat) — Jawsh 685 & Jason Derulo
- Rockstar — DaBaby feat. Roddy Ricch
- Ride It — Regard
- Fame — Apache 207
- Some Say — Nea
- Airwaves — Pashanim
- Bläulich — Apache 207
- In Your Eyes — Robin Schulz feat. Alida
- Übermorgen — Mark Forster
- Never Let Me Down — Vize & Tom Gregory
- Kings & Queens — Ava Max
- Mood — 24kGoldn feat. Iann Dior
- Don't Start Now — Dua Lipa
- 200 km/h — Apache 207
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).