DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem eine junge Generation weltweit auf die Straße geht, in dem rechtsextremer Terror mitten in Deutschland zwei Menschen das Leben kostet und ein Wahrzeichen der Christenheit in Flammen steht — während sich ein Königreich jenseits des Kanals nicht entscheiden kann, ob und wie es Europa verlässt. Attentäter töten in Neuseeland, Sri Lanka und Halle Dutzende Menschen aus Hass auf Andersgläubige, während in Sudan und Hongkong Millionen Menschen für Freiheit und gegen autoritäre Herrschaft auf die Straße gehen. Astronomen fotografieren erstmals ein Schwarzes Loch, eine chinesische Sonde landet als erste Raumsonde der Geschichte auf der Mondrückseite, und im Amazonas-Regenwald lodern Brände in bislang ungekanntem Ausmaß. Am Ende eines Jahres voller Umbrüche bleibt vor allem die Frage, wie die Welt mit wachsendem Klimabewusstsein, neuem Nationalismus und alter Gewaltbereitschaft zugleich umgehen soll.

Die Schlagzeilen des Jahres

Kiel ruft den Klimanotstand aus — Tausende bei »Fridays for Future«

Fridays-for-Future-Demonstration in Berlin, 2019
Fridays-for-Future-Demonstration in Berlin, 2019 (Wikimedia Commons, CC0)

Angestoßen hat die Bewegung, die Kiel im Mai zum Handeln treibt, ein knappes Jahr zuvor eine Einzelne weit im Norden Europas: Im August 2018 setzt sich die damals 15-jährige Schwedin Greta Thunberg mit einem selbstgemalten Schild „Skolstrejk för klimatet" vor den Reichstag in Stockholm — aus dem einsamen Schulstreik wird binnen weniger Monate die weltweite Bewegung Fridays for Future. Schon im Dezember 2018 beteiligen sich auch Kieler Schülerinnen und Schüler, darunter der damals 18-jährige Moritz von Courten, am ersten örtlichen Schulstreik vor der Landesregierung.

Die Ratsversammlung der Landeshauptstadt Kiel beschließt am 16. Mai mit den Stimmen von SPD, Grünen, FDP, Linken, Die Partei und SSW den Klimanotstand — Kiel gehört damit zu den ersten deutschen Landeshauptstädten, die diesen Schritt gehen, nachdem wenige Tage zuvor bereits die Stadt Konstanz als erste deutsche Kommune vorangegangen war. Der Beschluss verpflichtet Stadt und Eigenbetriebe, „im Rahmen der kommunalen Möglichkeiten" zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels von Paris beizutragen; die Verwaltung soll bis August 2019 verbindliche Prioritäten zur beschleunigten Umsetzung des „Masterplans 100 % Klimaschutz" und des Green-City-Plans vorlegen — etwa beim Ausbau von Radwegen und der geplanten Kieler Stadtbahn. Im November folgt ein 23-Punkte-Programm mit konkreten Maßnahmen. Auch auf Landesebene gerät das Thema in Bewegung: Die Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP unter Ministerpräsident Daniel Günther diskutiert über schärfere Klimaziele für Schleswig-Holstein.

Getragen wird der Beschluss von der Straße: Bereits am 15. März ziehen trotz kaltem, nassem Wetter mehr als 5.000 Menschen bei der bis dahin größten Kieler Fridays-for-Future-Demonstration durch die Innenstadt. Am 20. September, dem globalen Klimastreik-Tag rund um Greta Thunberg, sind es an der Förde bereits rund 10.000 Demonstrierende — auch die »Omas gegen Rechts« verteilen Muffins, die Muthesius-Kunsthochschule hängt Transparente aus den Fenstern. Weltweit gehen an diesem Tag nach Schätzungen der Veranstalter mehr als vier Millionen Menschen in rund 160 Ländern auf die Straße — der bis dahin größte Klimastreik der Geschichte. Kiel reiht sich damit in eine Bewegung ein, die 2019 weltweit Millionen Schüler und Erwachsene mobilisiert und noch im Dezember mit der Kür Greta Thunbergs zur jüngsten „Person of the Year" des Magazins Time gewürdigt wird.

Rechtsterroristischer Anschlag von Halle

Die Synagoge in Halle, Ziel des rechtsterroristischen Anschlags 2019
Die Synagoge in Halle, Ziel des rechtsterroristischen Anschlags 2019 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, versucht der 27-jährige Rechtsextremist Stephan Balliet in Halle (Saale), gewaltsam in die dortige Synagoge einzudringen, um die rund 50 zum Gottesdienst versammelten Gläubigen zu ermorden. Zuvor hatte er im Internet ein antisemitisches Manifest in englischer Sprache veröffentlicht und die Tat live mit einer Helmkamera auf einer Streaming-Plattform übertragen. Mit weitgehend selbstgebauten Schusswaffen und improvisierten Sprengsätzen versucht er, die verstärkte Holztür der Synagoge aufzusprengen — sie hält seinen Angriffen stand und rettet damit vermutlich vielen Menschen das Leben. Am Anschlag gescheitert, erschießt der Täter die vorbeikommende Passantin Jana Lange vor dem Gebäude, flüchtet mit dem Auto und erschießt wenig später den Gast Kevin Schwarze in einem Döner-Imbiss; auf der weiteren Flucht verletzt er zwei weitere Menschen durch Schüsse. Nach einer Verfolgungsfahrt wird Balliet noch am selben Tag festgenommen und gesteht die Tat. Der Anschlag löst bundesweit Entsetzen aus, rückt die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland erneut in den Mittelpunkt der Debatte und wirft ein Schlaglicht auf die Gefahr durch selbstradikalisierte Einzeltäter im Internet. Mehr als ein Jahr später, am 21. Dezember 2020, verurteilt das Oberlandesgericht Naumburg Balliet wegen zweifachen Mordes und 68-fachen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke

Der 2019 ermordete Regierungspräsident Walter Lübcke
Der 2019 ermordete Regierungspräsident Walter Lübcke (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Vorausgegangen war eine Bürgerversammlung im Oktober 2015 in Lohfelden bei Kassel, auf der Lübcke, damals Regierungspräsident, gegen aufgebrachte Gegner einer geplanten Flüchtlingsunterkunft die Aufnahme von Geflüchteten verteidigte — ein im Internet massenhaft verbreiteter Videomitschnitt seiner Worte macht ihn danach jahrelang zur Zielscheibe von Hassmails und Morddrohungen aus der rechtsextremen Szene. Am Abend des 1. Juni 2019 wird Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Istha aus nächster Nähe in den Kopf geschossen; kurz nach Mitternacht wird er tot aufgefunden. Am 15. Juni nimmt die Polizei den einschlägig bekannten Rechtsextremisten Stephan Ernst fest, überführt durch DNA-Spuren an Hemd und Tatwaffe. Ernst ist den Sicherheitsbehörden seit den 1990er-Jahren als gewaltbereiter Neonazi bekannt und war in sein Kasseler Umfeld auch mit Kontakten in die Unterstützerszene des NSU verbunden; ein Mitangeklagter, Markus H., wird zunächst der Beihilfe zum Mord verdächtigt, später aber davon freigesprochen und lediglich wegen eines Waffendelikts zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Lübcke ist der erste Politiker der Bundesrepublik, der mutmaßlich aus rechtsextremen Motiven ermordet wird — ein Fanal, das die Gefahr von rechtem Terror neu ins Bewusstsein rückt. Das Oberlandesgericht Frankfurt verurteilt Stephan Ernst im Januar 2021 wegen Mordes zu lebenslanger Haft und stellt eine besondere Schwere der Schuld fest, die eine vorzeitige Entlassung ausschließt; der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil im August 2022 rechtskräftig.

Europawahl: Grüne im Sog von „Fridays for Future" zweitstärkste Kraft — Union und SPD so schwach wie nie

Ska Keller, Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen zur Europawahl 2019
Ska Keller, Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen zur Europawahl 2019 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Bei einer Wahlbeteiligung von 61,4 % — der höchsten seit 1994 — geben die deutschen Wähler der Europäischen Union am 26. Mai ein neues Gesicht. CDU/CSU bleiben mit 28,9 % zwar stärkste Kraft, fahren damit aber das schwächste Ergebnis ein, das die Union je bei einer bundesweiten Wahl erzielt hat; die SPD stürzt auf 15,8 % ab, ihr schlechtestes bundesweites Resultat überhaupt. Als Gewinner der Wahl gehen Bündnis 90/Die Grünen mit 20,5 % hervor — sie verdoppeln nahezu ihr bisheriges Bestergebnis bei einer Europawahl und werden noch vor der SPD zweitstärkste Kraft, getragen vom Zulauf der „Fridays for Future"-Bewegung, die seit dem Frühjahr Woche für Woche Hunderttausende junge Menschen auf die Straße bringt. Auch AfD (11,0 %), Linke (5,5 %) und FDP (5,4 %) ziehen mit eigenen Delegationen ins Europäische Parlament ein; von den 96 deutschen Sitzen entfallen 29 auf CDU/CSU, 21 auf die Grünen, 16 auf die SPD, 11 auf die AfD sowie je 5 auf Linke und FDP.

Für Aufsehen sorgt acht Tage vor dem Urnengang ein knapp einstündiges Video: Am 18. Mai veröffentlicht der YouTuber Rezo unter dem Titel „Die Zerstörung der CDU" eine mit hunderten Quellenverweisen unterlegte Abrechnung mit der Klima-, Sozial- und Netzpolitik von Union, SPD, AfD und FDP; binnen weniger Tage schließen sich Dutzende weitere YouTuber mit einem gemeinsamen Aufruf gegen CDU, CSU, SPD und AfD an. Mit zuletzt mehr als 16 Millionen Abrufen wird es zum meistgesehenen deutschen YouTube-Video des Jahres und bringt die CDU-Spitze erkennbar aus dem Konzept: Generalsekretär Paul Ziemiak tut die Vorwürfe zunächst als „Mischung aus sehr vielen Pseudo-Fakten" ab, Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer löst nach der Wahl mit der Forderung nach „Regeln" für Meinungsäußerungen von YouTubern im Wahlkampf eine breite Debatte über Meinungsfreiheit im Netz aus.

Auf europäischer Ebene zieht die Wahl handfeste personelle Folgen nach sich: Am 2. Juli einigen sich die Staats- und Regierungschefs überraschend auf die bisherige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) als künftige Kommissionspräsidentin; das Europäische Parlament bestätigt sie am 16. Juli mit 383 von 732 abgegebenen Stimmen bei einer nötigen Mehrheit von 374. Von der Leyen, die ihr neues Amt zum 1. November antritt, wird damit die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Bremen, 26. Mai — CDU 26,7 %, SPD 24,9 %. Die CDU wird erstmals seit 1946 stärkste Kraft in der Bürgerschaft, regiert aber nicht: SPD, Grüne und Linke bilden im August unter dem neuen Bürgermeister Andreas Bovenschulte eine Koalition — die erste Regierungsbeteiligung der Linken in einem westdeutschen Bundesland.
  • Sachsen, 1. September — CDU 32,1 %, AfD 27,5 %. Ministerpräsident Michael Kretschmer bildet eine „Kenia-Koalition" aus CDU, Grünen und SPD, die am 20. Dezember besiegelt wird.
  • Brandenburg, 1. September — SPD 26,2 %, AfD 23,5 %. Ministerpräsident Dietmar Woidke bildet, ebenfalls als Kenia-Koalition, ein Bündnis mit CDU und Grünen und wird am 20. November im Amt bestätigt.
  • Thüringen, 27. Oktober — Linke 31,0 %, AfD 23,4 %, CDU 21,7 %. Die Linke wird erstmals stärkste Kraft in einem deutschen Landesparlament, die bisherige rot-rot-grüne Koalition von Ministerpräsident Bodo Ramelow verliert jedoch ihre Mehrheit; zum Jahresende ist die Regierungsbildung noch ungeklärt, Ramelow führt die Geschäfte geschäftsführend weiter.

Notre-Dame in Paris brennt

Die Kathedrale Notre-Dame in Paris, die 2019 brennt
Die Kathedrale Notre-Dame in Paris, die 2019 brennt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Gegen 18:20 Uhr bricht im Dachstuhl der Kathedrale Notre-Dame de Paris ein Feuer aus, das sich rasend schnell durch den mehr als 800 Jahre alten Holzdachstuhl frisst, den die Pariser wegen seiner unzähligen Balken „la forêt" — den Wald — nennen. Mehr als 400 Feuerwehrleute kämpfen über Stunden gegen die Flammen; der markante, im 19. Jahrhundert vom Architekten Eugène Viollet-le-Duc errichtete Vierungsturm stürzt vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern in die Flammen, große Teile des Dachs werden zerstört. Der Pariser Feuerwehr gelingt es nach rund 15 Stunden Löscharbeiten — auf Löschflugzeuge muss aus Sorge um die Statik des Gewölbes verzichtet werden —, den Brand im Wesentlichen auf den Dachstuhl zu begrenzen: Die Fassade mit den beiden Türmen, die großen Rosettenfenster, die Mauern des Langhauses und weite Teile des Gewölbes bleiben erhalten. Ein Feuerwehr- Kaplan birgt unter Lebensgefahr die als Reliquie verehrte Dornenkrone aus dem brennenden Bauwerk. Noch in der Brandnacht kündigt Präsident Emmanuel Macron an, die Kathedrale binnen fünf Jahren wieder aufzubauen; schon in den folgenden Tagen sagen französische Unternehmerfamilien wie die Eigentümer der Konzerne LVMH und Kering sowie zahlreiche weitere Spender zusammen mehr als eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau zu — eine Spendenbereitschaft, die auch Kritik auslöst angesichts vergleichsweise geringer Aufmerksamkeit für andere zerstörte Kulturdenkmäler weltweit. Die genaue Brandursache, vermutlich ein technischer Defekt im Zuge laufender Renovierungsarbeiten, bleibt bis heute ungeklärt.

Brexit-Chaos: May tritt zurück, Johnson übernimmt, Wahltermin entscheidet

Boris Johnson, der 2019 britischer Premierminister wird
Boris Johnson, der 2019 britischer Premierminister wird (Wikimedia Commons, OGL 3)

Mehr als drei Jahre nach dem Brexit-Referendum vom Juni 2016, das mit 52 zu 48 Prozent für den Austritt ausging, kommt das Land 2019 keinen entscheidenden Schritt weiter: Das von Theresa May mit Brüssel ausgehandelte Austrittsabkommen scheitert im Unterhaus gleich dreimal hintereinander, im Januar und zweimal im März, an teils überwältigenden Mehrheiten. Bei der Europawahl am 23. Mai erringt die eigens gegründete Brexit Party unter Nigel Farage einen Erdrutschsieg zulasten der Konservativen — am Tag darauf, dem 24. Mai, kündigt May unter Tränen vor der Downing Street ihren Rücktritt als Parteichefin und Premierministerin an. Nach einem parteiinternen Auswahlverfahren übernimmt Boris Johnson am 24. Juli das Amt mit dem Versprechen, Großbritannien notfalls ohne Abkommen aus der EU zu führen — koste es, was es wolle, „do or die". Sein Versuch, das Parlament im September für mehrere Wochen zu vertagen („Prorogation"), um Kritiker auszubremsen, wird vom Obersten Gerichtshof des Vereinigten Königreichs am 24. September einstimmig für rechtswidrig erklärt. Der ursprünglich für den 31. Oktober gesetzte Austrittstermin verstreicht dennoch ungenutzt: Am 17. Oktober einigen sich London und Brüssel auf ein neu verhandeltes Abkommen mit besonderer Regelung für Nordirland, nachdem das Unterhaus zuvor per Gesetz („Benn Act") eine Verlängerung erzwungen hatte; am 28. Oktober vereinbart die EU eine weitere Fristverlängerung — eine „Flextension" — bis zum 31. Januar 2020. Das Unterhaus beschließt daraufhin Neuwahlen zum 12. Dezember, aus denen Johnsons Conservative Party mit 365 Sitzen und der größten absoluten Mehrheit seit 1987 hervorgeht und damit den Weg für die Ratifizierung des Austrittsabkommens frei macht — ein Jahr zermürbender parlamentarischer Hängepartie findet sein vorläufiges Ende, der endgültige EU-Austritt folgt schließlich am 31. Januar 2020.

Chinesische Sonde „Chang'e 4" landet als erste auf der Mondrückseite

Der chinesische Mondrover Yutu-2 der Mission Chang'e 4
Der chinesische Mondrover Yutu-2 der Mission Chang'e 4 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Um 10:26 Uhr Pekinger Zeit setzt die chinesische Raumsonde Chang'e 4 im Von-Kármán-Krater im Südpol-Aitken-Becken auf der erdabgewandten Seite des Mondes auf — der erste weiche Landeanflug eines Raumfahrzeugs in der Geschichte, dem dies auf der sogenannten Mondrückseite gelingt. Gestartet war die Sonde bereits am 8. Dezember 2018 von der chinesischen Raumfahrtbehörde CNSA; weil von der Erde aus kein direkter Funkkontakt zur Mondrückseite möglich ist, hatte China zuvor eigens den Relaissatelliten Queqiao in Position gebracht, der die Kommunikation zwischen Lander und Kontrollzentrum sicherstellt. Kurz nach der Landung entlässt Chang'e 4 den Rover Yutu-2 („Jadehase 2"), der die von Kratern übersäte, geologisch älteste Region des Mondes erkundet und unter anderem Hinweise auf Mantelgestein tief unter der Oberfläche liefert.

Mit der Landung setzt China ein sichtbares Zeichen für den eigenen Anspruch als Raumfahrtmacht und leitet zugleich eine Serie ambitionierter Mondmissionen ein, die in den Folgejahren mit Bodenproben-Rückholflügen und Plänen für eine bemannte Landung fortgesetzt wird. Internationale Raumfahrtexperten würdigen die technische Leistung als Meilenstein, da die permanent von der Erde abgewandte Seite des Mondes wegen ihrer zerklüfteten Topografie als besonders schwieriges Landegebiet gilt.

Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch

Die Al-Noor-Moschee in Christchurch, Ziel des Anschlags 2019
Die Al-Noor-Moschee in Christchurch, Ziel des Anschlags 2019 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Während des Freitagsgebets eröffnet der 28-jährige australische Rechtsextremist Brenton Tarrant in der neuseeländischen Stadt Christchurch in der Al-Noor-Moschee und wenig später im Linwood Islamic Centre das Feuer auf die betenden Gläubigen. Insgesamt tötet er 51 Menschen und verletzt rund 40 weitere teils schwer; den ersten Angriff überträgt er mit einer Helmkamera live im Internet und veröffentlicht zuvor ein rassistisches, gegen Muslime gerichtetes Manifest. Es ist der schwerste Anschlag in der Geschichte Neuseelands. Premierministerin Jacinda Ardern reagiert mit sichtbarer Anteilnahme, trägt bei Trauerfeiern ein Kopftuch und verkündet binnen weniger Tage eine drastische Verschärfung des Waffenrechts, dem das neuseeländische Parlament fast einstimmig zustimmt — halbautomatische Sturmgewehre werden landesweit verboten.

Der Anschlag löst international Entsetzen aus und führt zur „Christchurch Call"-Initiative gegen die Verbreitung terroristischer und extremistischer Inhalte im Internet, der sich zahlreiche Staaten und große Technologiekonzerne anschließen. Tarrant wird im März 2020 in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen und im August 2020 als erster Verurteilter in der Geschichte Neuseelands zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung verurteilt.

Erstes Foto eines Schwarzen Lochs veröffentlicht

Die erste Aufnahme des Schwarzen Lochs im Zentrum der Galaxie M87
Die erste Aufnahme des Schwarzen Lochs im Zentrum der Galaxie M87 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

In zeitgleichen Pressekonferenzen rund um den Globus präsentiert das internationale Forschungskonsortium Event Horizon Telescope die erste jemals aufgenommene Abbildung eines Schwarzen Lochs: einen orangeroten Lichtring um den dunklen Schatten des supermassereichen Schwarzen Lochs im Zentrum der rund 54 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie M87. Möglich wird die Aufnahme, indem acht über den ganzen Erdball verteilte Radioteleskope — von Hawaii über Chile bis zur Antarktis — zu einem virtuellen Teleskop von nahezu Erdgröße zusammengeschaltet werden; die daraus errechnete Auflösung reicht aus, um theoretisch eine Orange auf der Mondoberfläche zu erkennen. An der Auswertung der gewaltigen Datenmengen ist maßgeblich die junge Informatikerin Katie Bouman beteiligt, deren Algorithmus hilft, aus den Radiosignalen ein Bild zu rekonstruieren.

Die Aufnahme gilt als eindrucksvolle Bestätigung von Albert Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie, die die Existenz Schwarzer Löcher schon ein Jahrhundert zuvor vorhergesagt hatte, und geht als Ikone der Wissenschaftsgeschichte um die Welt.

Militär stürzt Sudans Machthaber Omar al-Baschir

Sit-in der Protestbewegung in Khartum, Sudan 2019
Sit-in der Protestbewegung in Khartum, Sudan 2019 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Nach monatelangen, im Dezember 2018 zunächst gegen drastisch gestiegene Brotpreise entfachten Massenprotesten setzt das sudanesische Militär am 11. April 2019 Präsident Omar al-Baschir ab, der das Land seit einem eigenen Putsch im Jahr 1989 fast 30 Jahre lang autoritär regiert hatte. Verteidigungsminister Awad Ibn Auf verkündet im Staatsfernsehen die Festnahme al-Baschirs und die Übernahme der Macht durch einen Militärrat für eine zweijährige Übergangszeit; zugleich werden landesweiter Ausnahmezustand, eine nächtliche Ausgangssperre und die Schließung von Grenzen und Luftraum verhängt. Die Protestbewegung, getragen unter anderem von Berufsverbänden und der Sudanese Professionals Association, gibt sich mit dem bloßen Führungswechsel jedoch nicht zufrieden und hält vor dem Armeehauptquartier in Khartum wochenlang aus, um eine zivile Regierung zu erzwingen.

Der Machtwechsel bleibt über das Jahr hinaus umkämpft: Im Juni 2019 eskaliert die Lage, als Sicherheitskräfte ein Protestcamp in Khartum gewaltsam räumen und dabei mehr als 100 Menschen getötet werden. Erst im August 2019 einigen sich Militärrat und zivile Opposition auf eine Übergangsregierung unter geteilter Führung, die den Weg zu Wahlen ebnen soll — al-Baschir selbst wird später wegen Korruption verurteilt und muss sich zudem wegen des Putsches von 1989 sowie mutmaßlicher Kriegsverbrechen in Darfur vor Gericht verantworten.

Islamistische Osteranschläge erschüttern Sri Lanka

Die St.-Anthonys-Schreinkirche in Colombo, eines der Anschlagsziele 2019
Die St.-Anthonys-Schreinkirche in Colombo, eines der Anschlagsziele 2019 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Am Ostersonntag verüben Selbstmordattentäter der einheimischen islamistischen Gruppe National Thowheeth Jama'ath, die sich mutmaßlich zur Terrormiliz „Islamischer Staat" bekennt, eine Serie koordinierter Anschläge auf drei Kirchen und drei Luxushotels in und um die sri-lankische Hauptstadt Colombo. Unter den Zielen sind die St.-Sebastian-Kirche in Negombo und die St.-Anthonys-Schreinkirche in Colombo, wo die Explosionen während der Ostergottesdienste zahlreiche Gläubige treffen. Insgesamt sterben mehr als 260 Menschen, darunter zahlreiche ausländische Touristen aus über einem Dutzend Ländern; mehrere Hundert weitere werden verletzt. Es ist der schwerste Anschlag in der Geschichte Sri Lankas seit dem Ende des Bürgerkriegs 2009.

Die Anschläge lösen international Entsetzen aus, offenbaren jedoch auch gravierende Versäumnisse der sri-lankischen Sicherheitsbehörden, die bereits Wochen zuvor konkrete Geheimdienstwarnungen vor einem bevorstehenden Angriff erhalten, aber nicht ausreichend gehandelt hatten. Die Regierung verhängt landesweiten Ausnahmezustand, blockiert zeitweise soziale Netzwerke und geht in den folgenden Wochen mit harten Razzien gegen mutmaßliche Islamisten vor. Für das ohnehin von den Nachwirkungen des Bürgerkriegs gezeichnete Land bedeuten die Anschläge zugleich einen schweren Rückschlag für die Tourismusbranche und verschärfen die politischen Spannungen zwischen der buddhistischen Mehrheit und religiösen Minderheiten.

Massenproteste erschüttern Hongkong

Demonstration in Hongkong gegen das Auslieferungsgesetz, 2019
Demonstration in Hongkong gegen das Auslieferungsgesetz, 2019 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Ein von der Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong unter der von Peking gestützten Verwaltungschefin Carrie Lam eingebrachtes Gesetz, das Auslieferungen mutmaßlicher Straftäter an das chinesische Festland ermöglichen soll, löst am 9. Juni 2019 die nach Veranstalterangaben größte Demonstration in der Geschichte der Stadt aus: Rund eine Million Menschen ziehen durch die Straßen, um gegen den befürchteten Verlust der Rechtsstaatlichkeit zu protestieren. Als es am 12. Juni vor dem Parlamentsgebäude zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und Polizei kommt, die mit Tränengas und Gummigeschossen vorgeht, setzt Lam das Gesetz zunächst auf Eis — den endgültigen Rückzug des Vorhabens verkündet sie erst im September, da ist die Bewegung längst zu einer breiten Demokratiebewegung angewachsen.

Über Monate hinweg prägen Massenproteste, Straßenblockaden und immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen das Straßenbild Hongkongs; Symbolfiguren wie der junge Aktivist Joshua Wong werden zu international bekannten Gesichtern der Bewegung. Höhepunkt ist im November die tagelange Belagerung der Polytechnischen Universität, bei der sich mehrere Hundert Studierende verschanzen. Bei den Bezirkswahlen im November erringt das demokratische Lager einen historischen Erdrutschsieg. Die chinesische Zentralregierung in Peking verschärft in der Folge ihren Kurs gegenüber der Sonderverwaltungszone deutlich.

Verheerende Brände verwüsten den Amazonas-Regenwald

NASA-Satellitenaufnahme der Waldbrände und Rauchwolken über Brasilien, August 2019
NASA-Satellitenaufnahme der Waldbrände und Rauchwolken über Brasilien, August 2019 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach einer ungewöhnlich trockenen Jahreszeit erreicht die Zahl der Waldbrände im brasilianischen Amazonasgebiet im August ein Neun-Jahres-Hoch; allein in diesem Monat werden rund 25.000 Quadratkilometer Regenwald zerstört, Satellitenbilder von riesigen Rauchwolken über dem Amazonasbecken gehen um die Welt. Ein Großteil der Feuer wird durch illegale Brandrodung für Weide- und Ackerland gelegt — begünstigt durch die Politik des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der seit seinem Amtsantritt im Januar 2019 den Umweltschutz zurückgefahren und Kontrollen der Umweltbehörde IBAMA gelockert hat. Bolsonaro weist internationale Kritik zunächst brüsk zurück, bezeichnet Berichte über die Brandkatastrophe zeitweise als „Lüge" und wirft Nichtregierungsorganisationen ohne Beleg vor, die Feuer selbst gelegt zu haben.

Die Bilder lösen weltweite Empörung aus: Beim G7-Gipfel im französischen Biarritz Ende August sagen die Industriestaaten rund 20 Millionen US-Dollar Nothilfe zu, die Bolsonaro zunächst brüskiert ablehnt, später aber teilweise annimmt. Erst am 23. August entsendet die brasilianische Regierung das Militär zur Brandbekämpfung, ausländische Hilfsangebote lehnt sie weitgehend ab. Der Amazonas-Regenwald, oft als „grüne Lunge der Erde" bezeichnet, gerät durch die Ereignisse 2019 endgültig in den Fokus der globalen Klimadebatte.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 10. April veröffentlicht das internationale Event Horizon Telescope-Team das erste jemals aufgenommene Bild eines Schwarzen Lochs — im Zentrum der Galaxie M87.
  • Seit Juni erschüttern monatelange Massenproteste in Hongkong gegen ein geplantes Auslieferungsgesetz die chinesische Sonderverwaltungszone und weiten sich zu einer breiten Demokratiebewegung aus.
  • Am 11. Dezember kürt das US-Magazin Time die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg zur bis dahin jüngsten Person of the Year in der Geschichte des Blattes.
  • Vom 22. bis 30. Juni verwandelt die Kieler Woche die Förde erneut in das größte Sommerfest Nordeuropas; über drei Millionen Gäste feiern das weltweit größte Segelsportereignis.

SPORT · 2019

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Frankreich zieht die deutsche Mannschaft nach einem 3:0-Achtelfinalsieg gegen Nigeria ins Viertelfinale ein, scheitert dort aber in Rennes mit 1:2 an Schweden. Im Finale von Lyon setzt sich die USA mit 2:0 gegen die Niederlande durch und wird zum vierten Mal Weltmeister; Kapitänin Megan Rapinoe wird als beste Spielerin und Torschützenkönigin des Turniers ausgezeichnet, das US-Team sorgt zugleich mit seiner Klage auf gleiche Bezahlung für Schlagzeilen weit über den Fußball hinaus. In der Bundesliga sichert sich der FC Bayern München am letzten Spieltag seinen siebten Meistertitel in Folge, in der Formel 1 fährt Lewis Hamilton zu seiner sechsten Weltmeisterschaft. Auch sonst bleibt es ein eher ruhiges Sportjahr ohne Männer-WM oder Olympia — an der Förde sorgt vor allem der Fußball der unteren Ligen für Gesprächsstoff in den Kneipen, während der Zweitligist Holstein Kiel die Saison auf einem soliden sechsten Tabellenplatz abschließt, ohne in den Aufstiegskampf oder in Abstiegsnöte einzugreifen.

MODE · 2019

Die Modebranche gerät zunehmend unter Druck: Die Umweltbewegung Extinction Rebellion ruft im Sommer zu einem einjährigen Boykott neu gekaufter Kleidung auf und veranstaltet im September während der London Fashion Week eine symbolische Trauerprozession, mit der sie ein Ende der Schau fordert und auf die immense Umweltbilanz der 2,4 Billionen Dollar schweren Industrie aufmerksam macht. Unter Schlagworten wie „Fashion Strike" rückt Nachhaltigkeit erstmals breit in den Fokus von Konsumentinnen und Konsumenten, Secondhand- und Vintage-Plattformen gewinnen an Zulauf. Ein schwerer Verlust erschüttert die Branche bereits im Februar: Am 19. Februar stirbt der langjährige Chefdesigner von Chanel und Fendi, Karl Lagerfeld, in Paris. Zugleich kündigt sich mit ersten TikTok-Trends und einer romantisch-ländlichen „Cottagecore"-Ästhetik eine neue, von sozialen Medien getriebene Geschwindigkeit der Modezyklen an.

KULTUR · 2019

Wer in der Ostseehalle sitzt, staunt Jahr für Jahr aufs Neue, mit welcher Präzision die Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer von Holiday on Ice über die Kunsteisfläche gleiten, während Scheinwerfer und aufwendige Kostüme die Halle in eine andere Welt verwandeln. In dieser Saison steht die Show unter dem Motto „Supernova" und setzt auf ein Feuerwerk aus Licht- und Bühnentechnik. Seit 1953 gehört das Gastspiel an der Förde zum winterlichen Kulturkalender der Landeshauptstadt. Auch 2019 sind die Vorstellungen wieder gut besucht.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2019

  • Bundestag beschließt Klimaschutzgesetz (Dezember). Erstmals werden verbindliche, sektorale Klimaziele gesetzlich verankert — ein rechtlicher Rahmen, der die drängenden Forderungen der Straße in verbindliche Politik übersetzt.
  • 30 Jahre Mauerfall: Freudenfest am Brandenburger Tor (9. November). Zehntausende feiern das Jubiläum der friedlichen Revolution — ein versöhnliches Innehalten in einem Jahr, das sonst von Anschlägen und Straßenprotesten geprägt ist.
  • Nobelpreis für Chemie würdigt die Erfinder der Lithium-Ionen-Batterie (9. Oktober). John B. Goodenough, M. Stanley Whittingham und Akira Yoshino werden für eine Technologie ausgezeichnet, die Smartphones, Laptops und die Elektromobilität erst alltagstauglich gemacht hat.
  • THW Kiel gewinnt den DHB-Pokal (7. April). Beim Final Four in Hamburg setzt sich der Handball-Rekordmeister von der Förde durch und beschert Kiel einen seltenen sportlichen Höhepunkt in einem sonst ruhigen Jahr.

DAS WETTER · 2019 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 22,3 °C, in der Nacht 14,1 °C, im Mittel 17,5 °C; kein Tropfen Regen fiel.

Das Jahr über: Im Mittel 10,2 °C — ein sehr warmes Jahr. Wärmster Tag 32,1 °C am 30. Juni, kältester −6,9 °C am 24. Januar. 5 Hitzetage (≥ 30 °C), 3 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 745 mm.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2019

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Old Town Road — Lil Nas X
  2. Dance Monkey — Tones And I
  3. Roller — Apache 207
  4. Vermissen — Juju feat. Henning May
  5. Sweet But Psycho — Ava Max
  6. Bad Guy — Billie Eilish
  7. Señorita — Shawn Mendes & Camila Cabello
  8. I Don't Care — Ed Sheeran & Justin Bieber
  9. Tilidin — Capital Bra x Samra
  10. Wieder Lila — Samra & Capital Bra
  11. Con calma — Daddy Yankee feat. Snow
  12. Someone You Loved — Lewis Capaldi
  13. Piece Of Your Heart — Meduza feat. Goodboys
  14. 110 — Capital Bra x Samra & Lea
  15. Vincent — Sarah Connor
  16. Shallow — Lady Gaga & Bradley Cooper
  17. 500 PS — Bonez MC & RAF Camora
  18. Don't Call Me Up — Mabel
  19. In My Mind — Dynoro & Gigi D'Agostino
  20. Deutschland — Rammstein

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).