DER CHRONIST
Ein Jahr der Zäsur: Ein Krieg mitten in Europa stellt die Sicherheit des Kontinents auf den Kopf, die Preise für Gas und Brot laufen davon — und an der Förde bestätigt ein Ministerpräsident seine Macht so deutlich wie selten zuvor. Auch jenseits der großen Frontlinien gerät das Jahr aus den Fugen: In der Ostsee zerstört eine Sabotage die Nord-Stream-Pipelines, in Washington kippt der Supreme Court das Grundsatzurteil zum Abtreibungsrecht, und in Japan reißt ein Attentat den einflussreichsten Politiker des Landes aus dem Leben. Mit dem Tod von Königin Elizabeth II. und von Michail Gorbatschow verabschieden sich zwei Symbolfiguren des 20. Jahrhunderts von der Weltbühne, während in Berlin ein Umsturzplan aus der „Reichsbürger"-Szene die Sicherheitsbehörden alarmiert. Und mit dem Start von ChatGPT kündigt sich zum Jahresende leise eine technologische Revolution an, deren Tragweite erst die kommenden Jahre zeigen werden. Was bleibt, ist ein Jahr, das die Welt und die Förde gleichermaßen verändert hat.
Russland überfällt die Ukraine — die »Zeitenwende« beginnt

Seit dem Herbst 2021 hatte Russland Zehntausende Soldaten an den Grenzen zur Ukraine zusammengezogen und von der Nato schriftliche Sicherheitsgarantien verlangt, darunter den Verzicht auf eine ukrainische Nato-Mitgliedschaft — Forderungen, die das Bündnis zurückweist. Am 21. Februar erkennt Wladimir Putin die von russischen Separatisten ausgerufenen „Volksrepubliken" Donezk und Luhansk als unabhängig an und bestreitet in einer Fernsehansprache der Ukraine offen das Recht auf einen eigenen Staat.
In den frühen Morgenstunden des 24. Februar befiehlt Putin den Angriff auf die Ukraine — mit Raketen auf Kiew, Charkiw und Odessa sowie Bodentruppen aus dem Norden (über Belarus in Richtung Kiew), dem Osten und dem Süden von der annektierten Krim aus. Der größte Krieg in Europa seit 1945 hat begonnen. Die vielerorts erwartete rasche Einnahme der Hauptstadt bleibt jedoch aus: Nach wochenlangen Kämpfen im Kiewer Umland ziehen sich russische Truppen Ende März zurück, der Krieg konzentriert sich fortan auf den Osten und Süden des Landes.
Drei Tage nach Kriegsbeginn, am 27. Februar, verkündet Bundeskanzler Olaf Scholz in einer Sondersitzung des Bundestags eine „Zeitenwende": ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, das Bekenntnis zum Nato-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung und — als Bruch mit jahrzehntelanger deutscher Zurückhaltung — erstmals Waffenlieferungen aus Deutschland in ein Kriegsgebiet. Am 3. Juni billigt der Bundestag mit 567 zu 96 Stimmen die dafür nötige Grundgesetzänderung und mit 593 zu 80 Stimmen das Sondervermögen-Gesetz, eine Woche später stimmt auch der Bundesrat zu. Die Zeitenwende erreicht auch die Förde: Bei Thyssenkrupp Marine Systems in Kiel sorgt das U-Boot-Programm der Klasse 212CD für Rekordaufträge.
Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer fliehen im Jahresverlauf nach Westen; bis zum Jahresende registriert Deutschland rund 1,05 Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine — auch in Kieler Turnhallen und Wohnungen finden Geflüchtete Unterschlupf.
Superwahljahr 2022: Erdrutschsieg für Günther dominiert die Landtagswahl in Kiel

Fünf Jahre nach dem Antritt der ersten Jamaika-Koalition eines deutschen Flächenlandes tritt Ministerpräsident Daniel Günther am 8. Mai erneut zur Wahl an — als einer der populärsten Landesväter der Republik, dessen besonnener Kurs durch die Corona-Pandemie ihm über Parteigrenzen hinweg Zustimmung einbringt.
Bei der Wahl zum 21. Landtag von Schleswig-Holstein holt die CDU 43,4 Prozent der Stimmen und 34 der 69 Sitze — ein Zugewinn von 11,4 Punkten gegenüber 2017 (damals 32,0 Prozent) und das beste Ergebnis der Partei im Land seit 1983, nur ein Mandat von der absoluten Mehrheit entfernt. Die Grünen legen um 5,4 Punkte auf 18,3 Prozent zu und werden mit 14 Sitzen erstmals zweitstärkste Kraft im Kieler Landtag. Die SPD stürzt um 11,3 Punkte auf 16,0 Prozent und damit auf ihr historisch schlechtestes Landesergebnis ab und verliert neun ihrer bisherigen Mandate, sie kommt nur noch auf 12 Sitze. Auch die FDP verliert deutlich (6,4 Prozent, minus 5,1 Punkte, fünf Sitze), der SSW gewinnt leicht hinzu (vier Sitze). Die Wahlbeteiligung liegt mit 60,3 Prozent niedriger als 2017 (64,2 Prozent).
Nach Sondierungsgesprächen ab dem 26. Mai verhandeln CDU und Grüne einen Koalitionsvertrag, der am 22. Juni vorgestellt wird; die Grünen billigen ihn auf einem Parteitag am 27. Juni. Am 29. Juni wählt der Landtag in Kiel Günther mit den Stimmen von CDU und Grünen erneut zum Ministerpräsidenten — es ist die erste schwarz-grüne Koalition in der Geschichte Schleswig-Holsteins und löst die bisherige Jamaika-Koalition ab. An der Förde beginnt damit ein neues politisches Kapitel.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Bundespräsidentenwahl, 13. Februar — Die 17. Bundesversammlung bestätigt Frank-Walter Steinmeier bereits im ersten Wahlgang mit 1.045 der 1.425 gültigen Stimmen in seinem Amt.
- Saarland, 27. März — SPD 43,5 %, CDU 28,5 %. Spitzenkandidatin Anke Rehlinger führt die Sozialdemokraten zur absoluten Mehrheit und regiert künftig allein.
- Nordrhein-Westfalen, 15. Mai — CDU 35,7 %, SPD 26,7 %. Ministerpräsident Hendrik Wüst bildet mit den Grünen (18,2 %) ein schwarz-grünes Bündnis.
- Niedersachsen, 9. Oktober — SPD 33,4 %, CDU 28,1 %. Ministerpräsident Stephan Weil setzt die Regierung mit einer rot-grünen Koalition fort.
Energiekrise: 9-Euro-Ticket, Tankrabatt und explodierende Gaspreise

Schon am 22. Februar, zwei Tage vor dem russischen Angriff, stoppt Bundeskanzler Scholz als Reaktion auf die Anerkennung der „Volksrepubliken" Donezk und Luhansk die Zertifizierung der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 — sie geht nie in Betrieb.
Als Folge des Krieges schießen die Preise für Gas, Öl und Sprit in die Höhe. Die Bundesregierung schnürt ein zweites Entlastungspaket: Vom 1. Juni bis 31. August gilt bundesweit das 9-Euro-Ticket für den gesamten Nahverkehr — rund 52 Millionen Tickets werden im freien Verkauf abgesetzt, hinzu kommen rund zehn Millionen Abonnenten, die es automatisch erhalten. Parallel senkt der Tankrabatt für drei Monate die Energiesteuer auf Kraftstoffe.
Dennoch bleibt die Sorge groß: Ab Mitte Juni drosselt der russische Staatskonzern Gazprom die Liefermenge durch Nord Stream 1 zunächst auf 40, ab Ende Juli auf rund 20 Prozent der Kapazität; seit dem 31. August fließt über die Pipeline gar kein Gas mehr nach Deutschland. Am 23. Juni ruft die Bundesregierung die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus, das im April beschlossene Gasspeichergesetz schreibt eine Füllung der Speicher auf 95 Prozent bis zum 1. November vor. Ende September kündigt Kanzler Scholz mit einem „Doppel-Wumms" einen bis zu 200 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm samt Gaspreisbremse an; Bund und Länder rufen zum Energiesparen auf, auch in Schleswig-Holstein werden Notfallpläne für den Winter vorbereitet.
Ab Mai wird in Brunsbüttel das erste deutsche schwimmende LNG-Terminal gebaut, das ab Januar 2023 mit dem Spezialschiff „Höegh Gannet" Flüssigerdgas anlanden soll — ein sichtbares Zeichen dafür, dass Schleswig-Holstein zum Dreh- und Angelpunkt der neuen deutschen Energieinfrastruktur wird.
Königin Elizabeth II. stirbt nach 70 Jahren auf dem Thron

Am 6. Februar 1952 hatte Elizabeth II. mit dem Tod ihres Vaters George VI. den Thron bestiegen, während sie sich auf einer Kenia-Reise befand; ihre Krönung folgte am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey. Erst im Juni 2022 war ihr Platin-Jubiläum mit landesweiten Feiern zum 70-jährigen Thronjubiläum begangen worden — darunter die Militärparade Trooping the Colour und ein großes Konzert am Buckingham Palace.
Nur zwei Tage vor ihrem Tod empfängt die sichtlich geschwächte Queen am 6. September auf Schloss Balmoral in Schottland turnusgemäß ihre 15. und letzte Premierministerin, Liz Truss — ein Foto, das später als ihr letzter öffentlicher Auftritt gilt. Am 8. September stirbt Elizabeth II. im Alter von 96 Jahren — die am längsten regierende Monarchin der britischen Geschichte. Ihr ältester Sohn besteigt als König Charles III. den Thron; der Kronrat proklamiert ihn am 10. September offiziell zum neuen Monarchen.
Tausende Trauernde stellen sich in London tagelang in einer kilometerlangen Schlange an, um am aufgebahrten Sarg in der Westminster Hall vorbeizuziehen. Am 19. September nehmen rund 2.000 geladene Gäste — darunter zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie ausländische Königshäuser — an einem Staatsbegräbnis in der Westminster Abbey teil, einem der größten Zusammentreffen von Würdenträgern aus aller Welt seit Jahrzehnten. Anschließend wird die Queen in der St George's Chapel auf Schloss Windsor beigesetzt, in der King George VI Memorial Chapel an der Seite ihrer Eltern, ihrer Schwester und ihres 2021 verstorbenen Ehemanns Prinz Philip. Mit ihr geht eine Ära zu Ende, die von den Nachkriegsjahren bis in die Gegenwart reichte.
Rekordinflation: Deutschland erlebt die höchsten Preissteigerungen seit Jahrzehnten

Getrieben von Energie- und Lebensmittelpreisen überschreitet die deutsche Inflationsrate im September erstmals seit der deutschen Wiedervereinigung die 10-Prozent-Marke (+10,0 Prozent), im Oktober folgt mit +10,4 Prozent der Jahreshöchstwert, im November liegt sie erneut bei 10,0 Prozent. Im Jahresdurchschnitt 2022 verteuert sich das Leben laut Statistischem Bundesamt um 7,9 Prozent — der stärkste Anstieg seit der Ölkrise der 1970er-Jahre.
Besonders drastisch schlagen die Lebensmittelpreise zu Buche: Sie verteuern sich im Jahresdurchschnitt um 13,4 Prozent, Speisefette und Speiseöle sogar um 36,2 Prozent, Sonnenblumen- und Rapsöl um 63,9 Prozent, Butter um 39,1 Prozent — Folgen des Krieges, der die Ukraine als einen der größten Getreide- und Ölsaaten-Exporteure der Welt weitgehend vom Weltmarkt abschneidet.
Die Europäische Zentralbank reagiert mit einer geldpolitischen Wende: Am 27. Juli hebt sie erstmals seit elf Jahren den Leitzins an, um 50 Basispunkte auf 0,50 Prozent, weitere Erhöhungen folgen im Jahresverlauf. Für viele Familien wird das Jahresende zur Rechenaufgabe zwischen Heizkosten und Weihnachtsgeschenken.
US-Supreme-Court kippt das Grundsatzurteil zum Abtreibungsrecht

Bereits Anfang Mai war der Entwurf einer Senatsstimme durchgesickert und hatte landesweite Proteste ausgelöst. Am 24. Juni bestätigt der Oberste Gerichtshof der USA in der Sache Dobbs v. Jackson Women's Health Organization mit 6:3 Stimmen ein Gesetz aus Mississippi, das Abtreibungen ab der 15. Schwangerschaftswoche verbietet — und hebt mit 5:4 Stimmen zugleich das seit 1973 geltende Grundsatzurteil Roe v. Wade auf, das ein bundesweites Recht auf Abtreibung verankert hatte. Verfasser der Mehrheitsmeinung ist Richter Samuel Alito; Gerichtspräsident John Roberts trägt nur das Ergebnis, nicht aber die vollständige Aufhebung von Roe mit.
Mit dem Urteil fällt die Regelungskompetenz für das Abtreibungsrecht an die Einzelstaaten zurück; binnen Wochen treten in mehreren US-Bundesstaaten sogenannte „Trigger-Gesetze" in Kraft, die Abtreibungen weitgehend oder vollständig verbieten. In zahlreichen amerikanischen Städten kommt es zu Massenprotesten, US-Präsident Joe Biden nennt die Entscheidung einen „traurigen Tag" für Gericht und Land. International sorgt das Urteil für Aufsehen — auch in Deutschland wird die Debatte um den Paragrafen 218 neu belebt.
Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee

In der Nacht zum 26. September registrieren seismische Messstationen in Dänemark und Schweden mehrere unterseeische Explosionen in der Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm — nur wenige hundert Kilometer von der schleswig-holsteinischen Küste entfernt. Kurz darauf werden an drei der vier Rohrstränge von Nord Stream 1 und Nord Stream 2 massive Gaslecks entdeckt; tagelang brodeln riesige Blasenfelder an der Wasseroberfläche, bevor die betroffenen Leitungen leerlaufen. Ermittler aus Dänemark, Schweden und Deutschland finden an den Bruchstellen Spuren von Sprengstoff und gehen übereinstimmend von einem gezielten Sabotageakt aus — dem ersten dieser Art an kritischer Energieinfrastruktur in europäischen Gewässern seit Jahrzehnten.
Die Urheberschaft bleibt auch zum Jahresende ungeklärt; Verdächtigungen richten sich unter anderem gegen russische Stellen und gegen eine ukrainische Tätergruppe, ein abschließender Beweis steht aus. Da beide Pipelines ohnehin kein Gas mehr nach Deutschland liefern — Nord Stream 1 war bereits Ende August gedrosselt, Nord Stream 2 nie in Betrieb gegangen —, bleiben die unmittelbaren Versorgungsfolgen begrenzt. Politisch aber schlägt der Vorfall hohe Wellen: Die Bundesregierung verstärkt den Schutz von Pipelines, Windparks und Seekabeln in der Ostsee, auch vor der Küste Schleswig-Holsteins patrouilliert die Marine fortan häufiger.
Japans Ex-Regierungschef Shinzō Abe erschossen

Bei einer Wahlkampfrede für die bevorstehende Oberhauswahl wird der frühere japanische Ministerpräsident Shinzō Abe am 8. Juli in der Stadt Nara von hinten mit einer selbstgebauten Schusswaffe niedergeschossen. Trotz sofortiger Reanimationsversuche und eines Krankenhaustransports per Hubschrauber erliegt Abe, mit fast neun Amtsjahren der am längsten regierende Ministerpräsident der japanischen Nachkriegsgeschichte, noch am selben Tag seinen schweren Verletzungen. Er wird 67 Jahre alt.
Als mutmaßlicher Täter wird der 41-jährige Tetsuya Yamagami noch am Tatort festgenommen; er gibt einen persönlichen Groll gegen die Vereinigungskirche an, mit der er Abe verbunden sah — die Tat löst damit auch eine breite öffentliche Debatte über die Verflechtungen japanischer Politiker mit der Sekte aus. Der politisch bislang als nahezu waffenfrei geltende Inselstaat ist geschockt: Abe erhält ein von der Regierung finanziertes Staatsbegräbnis, während Trauernde tagelang Blumen am Tatort niederlegen. Weltweit reagieren Staats- und Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Olaf Scholz, bestürzt auf den Tod eines der einflussreichsten Politiker Ostasiens.
OpenAI veröffentlicht ChatGPT — der KI-Chatbot erobert die Welt

Am 30. November stellt das US-Unternehmen OpenAI mit ChatGPT einen frei zugänglichen Chatbot auf Basis des Sprachmodells GPT-3.5 vor, zunächst als kostenlose „Research Preview". Nutzerinnen und Nutzer können in natürlicher Sprache Texte, Zusammenfassungen, Gedichte oder Programmcode erzeugen lassen — Qualität und Geschwindigkeit der Antworten übertreffen alles zuvor öffentlich Verfügbare. Der Dienst verbreitet sich rasend schnell: Innerhalb von nur fünf Tagen zählt OpenAI nach eigenen Angaben über eine Million Nutzer, bis Anfang 2023 wächst die Zahl auf rund 100 Millionen — die bis dahin am schnellsten wachsende Verbraucheranwendung der Computergeschichte.
Der Erfolg löst weltweit eine Debatte über die Zukunft der Arbeit, akademische Integrität und die Marktmacht der US-Technologiekonzerne aus. Auch in Deutschland diskutieren Schulen, Universitäten und Unternehmen noch zum Jahreswechsel fieberhaft, wie mit der neuen Technologie umzugehen sei. Was Ende 2022 als Experiment beginnt, markiert rückblickend den Startschuss für einen Wettlauf um generative Künstliche Intelligenz, der die Technologiebranche in den Folgejahren prägen wird.
Reichsbürger-Razzia: Umsturzplan gegen den Bundestag aufgedeckt

In einem der größten Polizeieinsätze der deutschen Nachkriegsgeschichte durchsuchen rund 3.000 Beamtinnen und Beamte, darunter Spezialkräfte, am 7. Dezember mehr als 130 Objekte in elf Bundesländern sowie in Österreich und Italien. Der Generalbundesanwalt lässt 25 mutmaßliche Mitglieder einer terroristischen Vereinigung aus dem Spektrum der sogenannten „Reichsbürger"-Szene festnehmen. Kopf der Gruppe Patriotische Union soll der Unternehmer Heinrich XIII. Prinz Reuß gewesen sein, der nach den Ermittlungen als Staatsoberhaupt eines nach einem gewaltsamen Umsturz neu zu errichtenden Staates vorgesehen war; unter den Festgenommenen ist auch die frühere AfD-Bundestagsabgeordnete und Richterin Birgit Malsack-Winkemann.
Nach Erkenntnissen der Ermittler plante die Gruppe, bewaffnet den Bundestag zu stürmen, Abgeordnete festzunehmen und Bundeskanzler Olaf Scholz im Fernsehen in Ketten vorzuführen, um anschließend eine Ordnung nach dem Vorbild des Deutschen Kaiserreichs zu errichten. Zum Netzwerk sollen auch ehemalige Soldaten der Bundeswehr sowie ein „militärischer Arm" gehört haben, der Waffen und Ausrüstung beschafft habe. Bundesinnenministerin Nancy Faeser spricht von einem „zutiefst erschreckenden" Ausmaß rechtsextremer Umsturzfantasien. Der Fall löst eine breite Debatte über die Gefahr durch die wachsende Reichsbürger-Szene aus.
Michail Gorbatschow, letzter Staatschef der Sowjetunion, gestorben

Am 30. August stirbt Michail Gorbatschow nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 91 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus. Von 1985 bis 1991 war er Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und von 1990 bis zu deren Auflösung Ende 1991 ihr einziger Staatspräsident. Mit seinen Reformprogrammen Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) hatte er das starre sowjetische System zu öffnen versucht, den Rüstungswettlauf mit den USA entschärft und damit maßgeblich zum Ende des Kalten Krieges sowie zum Fall der Berliner Mauer 1989 beigetragen — wofür er 1990 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde.
In Deutschland, wo Gorbatschow für seine Zustimmung zur Wiedervereinigung 1990 hoch angesehen ist, würdigen Bundeskanzler Olaf Scholz und zahlreiche weitere Politiker sein historisches Vermächtnis. In seiner russischen Heimat hingegen bleibt sein Ansehen gespalten: Viele machen ihn für den als demütigend empfundenen Zusammenbruch der Sowjetunion verantwortlich. Vor dem Hintergrund von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wirkt Gorbatschows Tod wie ein später Kontrapunkt zur eigenen Ära der Entspannungspolitik — Kremlchef Putin selbst nimmt an der zivilen Trauerfeier in Moskau nicht persönlich teil.
AM RANDE NOTIERT
- Vom 20. November bis 18. Dezember trägt Katar erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft aus — Argentinien wird im Finale gegen Frankreich Weltmeister.
- Nach dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini in Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei am 16. September beginnen landesweite Proteste gegen das Regime in Teheran — die größte Protestwelle im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979.
- Am 27. Oktober übernimmt Elon Musk für rund 44 Milliarden Dollar den Kurznachrichtendienst Twitter — medienwirksam zieht er mit einem Waschbecken unterm Arm in die Konzernzentrale in San Francisco ein.
- In Brunsbüttel beginnen im Herbst die Bauarbeiten an Deutschlands erstem schwimmenden LNG-Terminal — als Antwort auf den Gasmangel soll die Anlage in Schleswig-Holstein künftig Flüssigerdgas für die Energieversorgung anlanden.
SPORT · 2022
Das Sportjahr 2022 bietet gleich zwei große Erzählstränge, die bereits an anderer Stelle vermerkt sind: der Fußball-Weltmeister Argentinien um Lionel Messi bei der ungewöhnlich in den Winter verlegten WM in Katar (siehe „Am Rande notiert") — im Finale gegen Frankreich fällt die Entscheidung erst nach einem 3:3 in der Verlängerung im Elfmeterschießen — sowie der packende EM-Finaleinzug der DFB-Frauen (siehe „Lichtblicke"). Ergänzend eröffnen am 4. Februar die Olympischen Winterspiele in Peking — als erste Stadt der Geschichte, die sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausrichtet; das deutsche Team gewinnt 27 Medaillen und belegt Platz zwei im Medaillenspiegel, angeführt von den Schlittensportarten Bob, Rodeln und Skeleton. An der Förde selbst steht die Kieler Woche im Zeichen der Rückkehr zur Normalität: Rund 4.000 Seglerinnen und Segler aus mehr als 40 Nationen treten auf rund 1.500 Booten in 27 Klassen auf neun Regattabahnen gegeneinander an — die Segelwoche bleibt damit die weltgrößte ihrer Art.
MODE · 2022
In der Mode kündigt sich mit „Quiet Luxury" eine Gegenbewegung zur Logomanie an: unauffällige, hochwertige Basics ohne sichtbare Markenzeichen lösen lautes Markendesign ab — ein Trend, der auch als stille Reaktion auf die wirtschaftliche Verunsicherung des Krisenjahres gelesen wird. Zugleich setzt Valentino mit einer poppigen Pink-Kollektion einen Kontrapunkt, der die kommende Barbiecore-Welle vorwegnimmt.
Der Modekonzern Balenciaga gerät im November wegen zweier Werbekampagnen in eine schwere Krise: Eine Anzeige zeigt Kinder mit Teddybären in BDSM-Ausrüstung, eine zweite spielt unbeabsichtigt auf ein Gerichtsdokument zu einem Urteil über Kinderpornografie an. Unter Hashtags wie #CancelBalenciaga formiert sich weltweit Kritik, Markenbotschafterin Kim Kardashian distanziert sich öffentlich; Kreativdirektor Demna und das Unternehmen entschuldigen sich mehrfach — ein herber Rückschlag für das zuvor gefeierte Label.
KULTUR · 2022
Nach zwei pandemiegeprägten Jahren kehrt Holiday on Ice mit der neuen Show „A New Day" zurück auf die großen Bühnen — Weltpremiere feiert die Produktion in der Westfalenhalle Dortmund, ehe sie im Winter auch wieder in die Ostseehalle Kiel kommt. Unter dem Motto eines Neuanfangs verbindet die Revue Eiskunstlauf mit aufwendiger Bühnenshow und knüpft an die Tradition an, die seit 1953 an der Förde gepflegt wird. Für viele Familien in Kiel ist die Rückkehr der Show nach der Corona-Pause auch ein Stück Normalität, das zurückkehrt.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2022
- Medizin-Nobelpreis für Svante Pääbo (Oktober). Der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wird für die Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms und die Entdeckung des Denisova-Menschen geehrt.
- DFB-Frauen begeistern im EM-Finale (31. Juli, Wembley). Vor Rekordkulisse von 87.192 Zuschauern unterliegt die deutsche Nationalmannschaft erst nach Verlängerung England — und löst damit einen Frauenfußball-Boom im ganzen Land aus.
- Das James-Webb-Weltraumteleskop liefert seine ersten Bilder (12. Juli). Tiefe Blicke ins junge Universum, in Sternentstehungsgebiete und ferne Galaxien eröffnen der Menschheit eine neue Ära der Astronomie — ein Gemeinschaftswerk von NASA, ESA und der kanadischen Weltraumagentur.
- Die Kieler Woche feiert ihre Rückkehr an die Förde (18.–26. Juni). Nach zwei pandemiebedingten Verlegungen findet Nordeuropas größtes Sommerfest endlich wieder zum gewohnten Termin statt — rund drei Millionen Besucherinnen und Besucher strömen nach Kiel.
DAS WETTER · 2022 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein warmer Sommertag: Höchstwert 26,1 °C, in der Nacht 10,7 °C, im Mittel 19,9 °C; kein Tropfen Regen fiel.
Das Jahr über: Im Mittel 10,5 °C — ein sehr warmes Jahr. Wärmster Tag heiße 36,5 °C am 20. Juli, kältester −10,9 °C am 17. Dezember. 5 Hitzetage (≥ 30 °C), 6 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 700 mm — ein trockenes Krisenjahr.
(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2022
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.
- Layla — DJ Robin & Schürze
- Heat Waves — Glass Animals
- Beautiful Girl — Luciano
- abcdefu — Gayle
- Shivers — Ed Sheeran
- As It Was — Harry Styles
- Where Are You Now — Lost Frequencies / Calum Scott
- Sehnsucht — Miksu / MacLoud & T-Low
- Cold Heart — Elton John & Dua Lipa
- Wildberry Lillet — Nina Chuba
- Pepas — Farruko
- Nachts wach — Miksu / MacLoud / Makko
- Another Love — Tom Odell
- Bad Habits — Ed Sheeran
- Powerade — Ion Miles / SiraOne / BHZ
- Stay — The Kid Laroi / Justin Bieber
- The Motto — Tiësto & Ava Max
- Enemy — Imagine Dragons x JID
- Auf & ab — Montez
- Do It To It — Acraze feat. Cherish
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).