DER CHRONIST

Ein Jahr der Erschütterungen und der Umbrüche: Die Erde bebt in der Türkei und Syrien, Reaktoren gehen in Deutschland für immer vom Netz, und im Nahen Osten bricht nach dem Terrorangriff der Hamas ein Krieg aus, der die Welt bis in den letzten Winkel erreicht. In Russland meutern Prigoschins Söldner gegen Moskau, während in den USA mit dem Kollaps der Silicon Valley Bank die schwerste Bankenkrise seit 2008 ausbricht und vor dem Wrack der Titanic ein Tauchboot implodiert. Charles III. wird in London gekrönt, Indien landet mit Chandrayaan-3 nahe dem Mondsüdpol, und auf Hawaii verwüsten Waldbrände die Stadt Lahaina — an der Förde aber beginnt im Schatten der Kranbahnen ein neues Kapitel deutscher Sicherheitspolitik, wenn tkMS mit dem Bau einer neuen U-Boot-Generation startet.

Die Schlagzeilen des Jahres

Verheerendes Erdbeben erschüttert Türkei und Syrien

Erdbebenschäden in der Türkei, 2023
Erdbebenschäden in der Türkei, 2023 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Um 4:17 Uhr Ortszeit erschüttert ein Beben der Stärke 7,8 mit Epizentrum nahe Pazarcık in der Provinz Kahramanmaraş den Südosten der Türkei und den Norden Syriens — die stärkste Erschütterung, die die Türkei seit dem Erzincan-Beben von 1939 erlebt hat. Rund neun Stunden später folgt bei Ekinözü/Elbistan ein zweites, eigenständiges Beben der Stärke 7,5; allein in den ersten drei Tagen registrieren Seismologen mehr als 150 Nachbeben. Betroffen ist ein Gebiet von rund 400 Kilometern Durchmesser mit Städten wie Gaziantep, Adana, Antakya, Malatya, Kilis, Osmaniye, Diyarbakır, Adıyaman und Şanlıurfa in der Türkei sowie Aleppo, Idlib, Homs und Hama im ohnehin vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien. Ganze Stadtviertel in Kahramanmaraş, Gaziantep und Antakya stürzen ein, während Millionen Menschen noch schlafen; nach Schätzungen der türkischen Behörden werden rund 230.000 Gebäude mit 520.000 Wohneinheiten zerstört oder so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden müssen. Die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Zahl der unmittelbar und mittelbar Betroffenen auf etwa 23 Millionen Menschen, den Sachschaden schätzen türkische Regierung und Weltbank auf rund 118,8 Milliarden US-Dollar — 104 Milliarden in der Türkei, 14,8 Milliarden in Syrien. Am Ende zählen die Behörden mehr als 62.000 Tote — über 53.500 in der Türkei, mehr als 8.400 im ohnehin vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien, wo internationale Hilfe wegen der Frontlinien nur zögerlich ankommt. Es ist die opferreichste Naturkatastrophe seit dem Erdbeben von Haiti 2010. Rettungsteams aus mehr als neunzig Ländern reisen in die Krisenregion, darunter auch aus Schleswig-Holstein Rettungshundestaffeln und Helfer des Technischen Hilfswerks, die in den Trümmern von Antakya und Adıyaman nach Verschütteten suchen.

Deutschland schaltet die letzten Atomkraftwerke ab

Das Kernkraftwerk Isar 2 — 2023 gehen Deutschlands letzte Meiler vom Netz
Das Kernkraftwerk Isar 2 — 2023 gehen Deutschlands letzte Meiler vom Netz (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Punkt Mitternacht trennen Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 sich endgültig vom Netz — nach einem letzten, kriegsbedingten Streckbetrieb über den ursprünglich für Silvester 2022 geplanten Ausstiegstermin hinaus. Der Bundestag hatte diese Verlängerung erst am 11. November 2022 beschlossen, nachdem Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Sorge vor einem Gasmangel im Winter 2022/23 die Debatte neu entfacht hatten; neue Brennelemente durften in der Übergangszeit nicht mehr eingesetzt werden, zusätzlicher hochradioaktiver Abfall entsteht durch den Streckbetrieb also nicht. Damit endet mehr als sechs Jahrzehnte zivile Kernenergienutzung in der Bundesrepublik, ein Prozess, den der Bundestag bereits 2011 nach der Katastrophe von Fukushima besiegelt hatte: Acht ältere Meiler gingen damals sofort vom Netz, für die verbliebenen wurde ein stufenweiser Ausstieg spätestens bis 2022 festgeschrieben — eine Beschleunigung des rot-grünen Atomkonsenses von 2002. Die drei letzten Kraftwerke gehen nun in den sogenannten Nachbetrieb über, dem sich über Jahre der eigentliche Rückbau der Anlagen anschließt. In Schleswig-Holstein, wo mit Brokdorf (zum Jahreswechsel 2021 abgeschaltet) und Krümmel (bereits seit 2007 vom Netz, 2011 im Zuge des Atomausstiegs endgültig stillgelegt) zwei der größten deutschen Meiler schon seit Jahren abgeschaltet sind, verlagert sich die Energiedebatte längst auf Windkraft und den Ausbau der Stromnetze zwischen Nord- und Ostsee — Themen, denen auch die Kieler Landesregierung unter Ministerpräsident Daniel Günther hohe Priorität einräumt, um die selbst gesteckten Ziele beim Ausbau von Offshore- und Onshore-Windkraft zu erreichen.

Wagner-Meuterei: Prigoschins Marsch gegen Moskau

Söldnerführer Jewgeni Prigoschin, der 2023 gegen Moskau meutert
Söldnerführer Jewgeni Prigoschin, der 2023 gegen Moskau meutert (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Der Konflikt zwischen dem Söldnerführer und der russischen Militärführung schwelt bereits seit Februar 2023: Jewgeni Prigoschin wirft Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow vor, seine in der verlustreichen Schlacht um Bachmut kämpfenden Söldner mit Munition und Nachschub verhungern zu lassen, und droht mit einem „Marsch der Gerechtigkeit" gegen Moskau, sollten beide nicht zurücktreten. Am Morgen des 24. Juni überschreiten mehrere tausend Kämpfer seiner Wagner-Gruppe mit Panzern und Artillerie kampflos die russische Grenze, schießen dabei einen Militärhubschrauber der eigenen Streitkräfte ab und besetzen ein Flugfeld sowie das Hauptquartier des Militärbezirks Süd in Rostow am Don, ehe eine Kolonne bis auf rund 200 Kilometer vor Moskau vorrückt. Nach Vermittlung des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko bricht Prigoschin den Marsch am Abend des 24. Juni ab, im Gegenzug für eine zugesagte Amnestie und den eigenen Weggang ins belarussische Exil. Der offene Riss in Putins Machtapparat bleibt das aufsehenerregendste Ereignis in einem Krieg, der auch im dritten Jahr Europas Sicherheitsordnung erschüttert — zwei Monate später, am 23. August, stirbt Prigoschin zusammen mit Wagner-Mitgründer Dmitri Utkin bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz nahe Twer, was international überwiegend als Vergeltung des Kreml gedeutet wird.

Kiel: Baustart für neue U-Boot-Generation bei tkMS

Die Kieler Werft (TKMS) — 2023 Baustart einer neuen U-Boot-Generation
Die Kieler Werft (TKMS) — 2023 Baustart einer neuen U-Boot-Generation (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auf der Werft von thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), der Kieler Traditionswerft mit Wurzeln in den früheren Howaldtswerken und heute rund 3.000 Beschäftigten allein am Standort Kiel-Gaarden, beginnt die Stahlfertigung für das erste von sechs U-Booten der Klasse Type 212CD — zwei für die Deutsche Marine, vier für Norwegen. Das Kürzel „CD" steht für „Common Design": Erstmals nutzen zwei nordeuropäische Marinen ein baugleiches U-Boot-Modell und teilen sich damit Ausbildung, Ersatzteile und Wartung. Grundlage ist der im Juli 2021 unterzeichnete, mit rund 5,5 Milliarden Euro größte Auftrag der Firmengeschichte, entstanden aus der seit 2017 gewachsenen Partnerschaft mit dem norwegischen Rüstungskonzern Kongsberg. Die ersten Boote sollen ab 2029 an Norwegen und 2032/2034 an die Bundesmarine ausgeliefert werden. Für Kiel, seit Jahrzehnten Deutschlands wichtigster Marine- und Werftenstandort, ist der Baubeginn ein sichtbares Zeichen der „Zeitenwende" in der deutschen Sicherheitspolitik, die Bundeskanzler Olaf Scholz nach Russlands Angriffskrieg im Februar 2022 ausgerufen und mit einem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr unterlegt hatte. In der Kieler Landespolitik gilt der Ausbau der maritimen Sicherheitsindustrie unter Ministerpräsident Daniel Günther als wichtiger Wirtschaftsanker der Region — ein Rückenwind, von dem an der Förde auch Zulieferer und das Marinearsenal profitieren.

Hamas-Terrorangriff auf Israel löst Gaza-Krieg aus

Die Flagge Israels — 2023 löst der Hamas-Angriff den Gaza-Krieg aus
Die Flagge Israels — 2023 löst der Hamas-Angriff den Gaza-Krieg aus (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Im Morgengrauen, gegen 6:30 Uhr Ortszeit, feuert die islamistische Hamas vom Gazastreifen aus mehrere tausend Raketen auf Israel ab, während Kämpfer an zahlreichen Stellen entlang des Grenzzauns — mit Bulldozern, Sprengsätzen und Gleitschirmen — nach Israel eindringen. In Grenzorten wie den Kibbuzim Be'eri, Kfar Aza und Nir Oz sowie beim Supernova-Musikfestival nahe dem Kibbuz Re'im, wo allein 378 Menschen erschossen und 44 als Geiseln verschleppt werden, richten die Angreifer Massaker an. Insgesamt töten sie mehr als 1.200 Menschen und verschleppen rund 240 Geiseln nach Gaza — das schwerste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ruft den Kriegszustand aus und bildet ein Kriegskabinett, Israels Armee mobilisiert rund 300.000 Reservisten und beginnt tags darauf mit Luftangriffen auf den abgeriegelten Gazastreifen, ab Ende Oktober folgt eine Bodenoffensive. Innerhalb der ersten sechs Wochen zählt die von der Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde in Gaza weit über 14.000 Tote, nach UN-Angaben wird rund die Hälfte aller Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört. Ende November tritt für acht Tage eine Feuerpause in Kraft: Die Hamas lässt 105 Geiseln frei — 81 Israelis, 23 Thailänder und einen Philippiner —, im Gegenzug entlässt Israel 240 palästinensische Gefangene, ehe die Kämpfe Anfang Dezember wieder aufflammen. Der Krieg fordert in den folgenden Wochen und Monaten zehntausende weitere Todesopfer und erschüttert die internationale Ordnung bis weit über das Jahresende hinaus.

Kollaps der Silicon Valley Bank erschüttert die Finanzwelt

Eingang der Silicon-Valley-Bank-Zentrale in Santa Clara, Kalifornien
Die Zentrale der Silicon Valley Bank in Santa Clara, Kalifornien (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Innerhalb weniger Tage bricht die Silicon Valley Bank (SVB), mit rund 209 Milliarden US-Dollar Bilanzsumme die sechzehntgrößte Bank der USA und über Jahrzehnte der bevorzugte Finanzpartner amerikanischer Start-ups und Risikokapitalgeber, zusammen. Weil die US-Notenbank Fed die Leitzinsen im Kampf gegen die Inflation drastisch angehoben hat, verlieren die langlaufenden Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Portfolio der SVB massiv an Wert; als die Bank am 8. März ankündigt, zur Deckung der Verluste Kapital in Höhe von 2,25 Milliarden Dollar aufnehmen zu müssen, bricht Panik unter den überwiegend aus der Tech-Branche stammenden Einlegern aus. Binnen eines einzigen Tages werden rund 42 Milliarden Dollar abgezogen — der schnellste Bank Run der US-Geschichte —, am 10. März schließt die Einlagensicherung FDIC das Institut und übernimmt die Kontrolle. Es ist die größte Bankenpleite seit dem Zusammenbruch von Washington Mutual 2008. Um eine Ausweitung der Krise zu verhindern, garantiert die US-Regierung noch am Wochenende alle Einlagen der SVB-Kunden vollständig, auch über die gesetzliche Grenze von 250.000 Dollar hinaus; zwei Tage später muss mit der Signature Bank ein weiteres US-Institut schließen. Die Unruhe greift auch auf Europa über: Mitte März muss die Schweizer Großbank Credit Suisse in einer von der Schweizer Regierung eingefädelten Notlösung von der UBS übernommen werden — die schwerste Bankenkrise seit der Finanzkrise 2008.

Tauchboot „Titan" implodiert am Wrack der Titanic

US-Küstenwache untersucht die geborgene Titan-Endkappe
US-Küstenwache untersucht ein geborgenes Trümmerteil des Tauchboots „Titan" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf dem Weg zum rund 3.800 Meter tief im Nordatlantik liegenden Wrack der Titanic verliert das Tauchboot „Titan" der US-Firma OceanGate Expeditions knapp anderthalb Stunden nach dem Start den Kontakt zum Mutterschiff. An Bord sind OceanGate-Gründer und -Pilot Stockton Rush, der britische Milliardär und Abenteurer Hamish Harding, der pakistanisch-britische Geschäftsmann Shahzada Dawood mit seinem neunzehnjährigen Sohn Suleman Dawood sowie der französische Titanic-Experte und frühere Marineoffizier Paul-Henri Nargeolet. Eine tagelange internationale Suchaktion der US-Küstenwache mit Schiffen und Tiefsee-Robotern endet am 22. Juni, als nahe dem Titanic-Wrack Trümmerteile des Tauchboots gefunden werden — eindeutiges Zeichen einer katastrophalen Implosion des Rumpfes, die alle fünf Insassen ohne Vorwarnung augenblicklich getötet haben muss. Spätere Untersuchungen der Küstenwache attestieren OceanGate gravierende Sicherheitsmängel: Der aus Kohlefaser gefertigte, nicht klassifizierte Rumpf der „Titan" habe bereits Jahre vor dem Unglück wiederholte Materialschäden aufgewiesen, firmeninterne Warnungen von Ingenieuren und ehemaligen Mitarbeitern seien systematisch ignoriert worden. Das Unternehmen stellt seinen Betrieb nach dem Unglück ein.

Charles III. in Westminster Abbey gekrönt

Die Krönung von Charles III. in der Westminster Abbey
Der Moment der Krönung von Charles III. (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Acht Monate nach dem Tod seiner Mutter Elisabeth II. am 8. September 2022, mit dem er automatisch den Thron bestiegen hatte, wird Charles III. in der Londoner Westminster Abbey offiziell zum König des Vereinigten Königreichs gekrönt — die vierzigste Krönung, die seit der Thronbesteigung Wilhelms des Eroberers 1066 in der altehrwürdigen Kirche stattfindet, und die erste eines britischen Monarchen im 21. Jahrhundert. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, setzt dem 74-Jährigen die jahrhundertealte St.-Edward's-Krone auf, an seiner Seite wird auch seine Frau Camilla zur Königin gekrönt. Rund 2.000 geladene Gäste verfolgen die Zeremonie, darunter zahlreiche Staats- und Regierungschefs, während sich draußen entlang der Prozessionsroute Hunderttausende Schaulustige versammeln; weltweit verfolgen schätzungsweise hunderte Millionen Menschen die Übertragung im Fernsehen. Gegenüber der pompösen Krönung Elisabeths II. 1953 fällt die Zeremonie bewusst kürzer und schlichter aus — ein Zugeständnis an moderne Zeiten und die angespannte wirtschaftliche Lage im Land, das zugleich mit hoher Inflation und Streiks im öffentlichen Dienst zu kämpfen hat.

Indien landet mit Chandrayaan-3 nahe dem Mondsüdpol

Die Landeeinheit Vikram der Mission Chandrayaan-3 auf der Mondoberfläche
Die Landeeinheit Vikram, fotografiert vom Rover Pragyan (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Um 18:04 Uhr indischer Zeit setzt die Landeeinheit Vikram der indischen Mission Chandrayaan-3 sanft auf der Mondoberfläche nahe dem bislang unerforschten Südpol auf — Indien wird damit nach der Sowjetunion, den USA und China erst die vierte Nation, der überhaupt eine kontrollierte Landung auf dem Mond gelingt, und die allererste, die in der Südpolregion landet. Gestartet war die von der Weltraumbehörde ISRO entwickelte Sonde bereits am 14. Juli vom Weltraumbahnhof Sriharikota; nur wenige Tage zuvor, am 19. August, war die russische Sonde Luna-25 beim Versuch derselben Landung abgestürzt. Der kleine Rover Pragyan rollt in den folgenden Stunden über die Rampe und beginnt, die Mondoberfläche und den lockeren Regolith-Boden zu untersuchen; Ziel der auf eine Mondtag-Dauer von rund vierzehn Erdtagen ausgelegten Mission ist unter anderem die Suche nach Hinweisen auf gefrorenes Wassereis, das künftige bemannte Missionen als Ressource nutzen könnten. In Indien wird die geglückte Landung landesweit gefeiert und als Beleg für den Aufstieg des Landes zur Raumfahrtnation gewertet — Premierminister Narendra Modi, der die Mission live aus Südafrika verfolgt, kürt den Landeplatz wenige Tage später auf den Namen „Shiv Shakti Point".

Verheerende Waldbrände zerstören Lahaina auf Hawaii

Brandschäden in Lahaina nach den Waldbränden auf Maui
Brandschäden in Lahaina, aufgenommen von der US-Küstenwache (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Von starken, ungewöhnlich trockenen Winden angefacht — ausgelöst durch ein Hochdruckgebiet nördlich der Inselgruppe und den weiter südlich vorbeiziehenden Hurrikan Dora — breiten sich auf der hawaiianischen Insel Maui binnen weniger Stunden mehrere Buschbrände aus. Am verheerendsten trifft es die historische, einst als Hauptstadt des Königreichs Hawaii bekannte Küstenstadt Lahaina: Umgestürzte Strommasten entfachen vermutlich den Brand, der sich so schnell ausbreitet, dass viele Bewohner keine Zeit mehr zur Flucht mit dem Auto finden und sich stattdessen ins Meer retten müssen. Mehr als 2.000 Gebäude werden zerstört, die historische Altstadt Lahainas mit ihren jahrhundertealten Häusern ist praktisch ausgelöscht. Am Ende zählen die Behörden mindestens 115 Tote — der bei weitem tödlichste Waldbrand in der jüngeren Geschichte der USA seit über einem Jahrhundert. Der Sachschaden wird auf mehrere Milliarden US-Dollar geschätzt, tausende Menschen verlieren ihr Zuhause. In den Wochen nach der Katastrophe gerät die Wasserbehörde von Maui wegen ihres Krisenmanagements in die Kritik, während auf der Insel eine Debatte über Bodenspekulation und den Wiederaufbau des historisch bedeutsamen Ortes beginnt.

Wiederholte Berlin-Wahl: CDU triumphiert, Kai Wegner wird Regierender Bürgermeister

Kai Wegner (CDU) und seine Vorgängerin Franziska Giffey im Abgeordnetenhaus von Berlin, 27. April 2023
Kai Wegner (CDU) und seine Vorgängerin Franziska Giffey im Abgeordnetenhaus von Berlin, 27. April 2023 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Ein in der Geschichte der Bundesrepublik beispielloser Vorgang bestimmt das Wahljahr: Der Berliner Verfassungsgerichtshof hatte die Wahl zum Abgeordnetenhaus vom September 2021 im November 2022 vollständig für ungültig erklärt — wegen langer Warteschlangen weit über die Schließung der Wahllokale hinaus, fehlender Stimmzettel und durcheinandergeratener Wahlunterlagen, verschärft durch die zeitgleich durch die Stadt führende Streckenführung des Berlin-Marathons. Am 12. Februar wird ganz Berlin neu gewählt. Bei einer Beteiligung von 62,9 % wird die CDU unter Spitzenkandidat Kai Wegner mit 28,2 % klar stärkste Kraft und legt gegenüber 2021 um rund zehn Punkte zu; SPD und Grüne liefern sich mit je 18,4 % ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz zwei, die Linke kommt auf 12,2 %, die AfD auf 9,1 %. Die FDP verpasst mit 4,6 % den Wiedereinzug und verliert alle Sitze. Amtierende Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sondiert zunächst eine Fortsetzung der rot-grün-roten Koalition, die im Abgeordnetenhaus rechnerisch weiter über eine Mehrheit verfügt — die SPD entscheidet sich jedoch für Koalitionsverhandlungen mit der stärksten Kraft. Am 27. April wählt das Abgeordnetenhaus Kai Wegner mit den Stimmen von CDU und SPD zum neuen Regierenden Bürgermeister; die Hauptstadt bekommt damit erstmals seit 2001 wieder einen CDU-Regierungschef.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Bremen, 14. Mai — SPD 29,8 %, CDU 26,2 %, Grüne 11,9 %, Linke 10,9 %, die neu angetretene Rechtsaußen-Wählervereinigung Bürger in Wut 9,4 %. Regierender Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) führt die rot-grün-rote Koalition fort.
  • Hessen, 8. Oktober — CDU 34,6 %, AfD 18,4 % (erstmals zweitstärkste Kraft in einem westdeutschen Landtag), SPD 15,1 %, Grüne 14,8 %, FDP 5,0 %. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) beendet die bisherige Koalition mit den Grünen und bildet im November ein schwarz-rotes Bündnis mit der SPD.
  • Bayern, 8. Oktober — CSU 37,0 %, Freie Wähler 15,8 %, AfD 14,6 %, Grüne 14,4 %, SPD 8,4 %, FDP scheitert mit 3,0 % an der Fünf-Prozent-Hürde. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) setzt die Koalition mit den Freien Wählern unter Vize Hubert Aiwanger fort.
Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Mit der Veröffentlichung von GPT-4 am 14. März und dem rasanten Siegeszug von ChatGPT setzt sich 2023 der Durchbruch generativer Künstlicher Intelligenz endgültig durch — binnen Monaten erreichen KI-Chatbots hunderte Millionen Nutzer weltweit.
  • Die Kieler Woche feiert vom 17. bis 25. Juni ihr Comeback nach den Pandemiejahren: Mit rund 3,8 Millionen Besuchern verzeichnet das weltgrößte Segelsportereignis einen neuen Rekord.
  • Finnland tritt am 4. April der NATO bei und wird deren 31. Mitglied — als direkte Folge von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine verlängert sich damit die NATO-Außengrenze zu Russland um mehr als 1.300 Kilometer.
  • Im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel nimmt Anfang Januar Deutschlands erstes LNG-Terminal den Betrieb auf: Das schwimmende Flüssiggas-Terminal soll helfen, den Ausfall russischer Pipeline-Gaslieferungen auszugleichen.

SPORT · 2023

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Australien und Neuseeland verliert Deutschland unter Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg das zweite Vorrundenspiel überraschend mit 1:2 gegen Kolumbien und kommt danach nur zu einem 1:1 gegen Südkorea; weil zugleich Marokko gegen Kolumbien gewinnt, scheidet die zweifache Weltmeisterin (Titel 2003 und 2007) erstmals überhaupt bereits in der Vorrunde aus. Den Titel sichert sich am Ende Spanien, das im Finale von Sydney England mit 1:0 besiegt — überschattet wird der Erfolg von einem ungebetenen Kuss des spanischen Verbandschefs Luis Rubiales bei der Siegerehrung, der international für Empörung sorgt und Rubiales wenig später den Rücktritt kostet. Der bereits erwähnte Basketball-WM-Titel der deutschen Herren (siehe „Lichtblicke") — ein ungeschlagener Turnierverlauf mit dem 83:77 im Finale von Manila gegen Serbien, bei dem MVP Dennis Schröder treffsicherster Werfer ist — sorgt dafür, dass die sportliche Jahresbilanz trotz des Fußball-Debakels versöhnlich ausfällt.

MODE · 2023

„Quiet Luxury" wird zum bestimmenden Modewort des Jahres: Die im Mai 2023 zu Ende gehende letzte Staffel der HBO-Serie „Succession" macht dezente, aber teure Understatement-Mode salonfähig — die logofreie Kaschmirmütze von Loro Piana, die Figur Kendall Roy darin trägt, wird zum meistzitierten Kleidungsstück des Jahres —, während Marken wie The Row und der „Old Money"-Look auf TikTok zum heimlichen Vorbild werden. Den fröhlichen Gegenpol liefert der Kinostart von Greta Gerwigs „Barbie" mit Margot Robbie und Ryan Gosling im Juli, der zeitgleich mit „Oppenheimer" als „Barbenheimer" zum Kinoereignis des Sommers wird und eine regelrechte Pink-Welle durch Kleiderschränke und Schaufenster schickt. Zwischen dem stillen Understatement der „Quiet Luxury" und dem knalligen „Barbiecore" pendelt die Mode des Jahres zwischen zwei Polen — auch in Kieler Boutiquen ist das knallige Rosa plötzlich überall.

KULTUR · 2023

Achtzig Jahre nach der ersten Vorstellung am 25. Dezember 1943 im amerikanischen Toledo feiert Holiday on Ice mit der Jubiläumsshow „No Limits" ein rundes Bestehen — und gastiert auch in dieser Saison wieder in der Ostseehalle Kiel, wo die Revue seit 1953 zu Hause ist. Über 330 Millionen Zuschauer haben die Produktion inzwischen weltweit gesehen, rund 60.000 Vorstellungen auf fünf Kontinenten zeugen von ihrem Erfolg. An der Förde bleibt die Show damit auch achtzig Jahre nach ihrer Gründung ein fester Termin im Winterkalender.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 2023

  • Deutschland wird erstmals Basketball-Weltmeister (10. September, Manila). Das Team um Dennis Schröder besiegt Serbien im Finale mit 83:77 — der erste WM-Titel der deutschen Basketballgeschichte.
  • Physik-Nobelpreis für Ferenc Krausz (Oktober). Der Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching wird für Pionierarbeiten zur Attosekundenphysik geehrt.
  • Deutschlandticket startet (1. Mai). Für 49 Euro im Monat gilt erstmals ein bundesweit gültiges Nahverkehrsticket — binnen drei Monaten zählen die Verkehrsunternehmen elf Millionen Abonnenten.
  • Medizin-Nobelpreis für Karikó und Weissman (2. Oktober). Katalin Karikó und Drew Weissman werden für ihre Grundlagenarbeit an modifizierter mRNA geehrt, die den raschen Weg zu den COVID-19-Impfstoffen erst ermöglichte.
  • THW Kiel wird zum 23. Mal Deutscher Handball-Meister (11. Juni). Mit einem 34:27-Sieg bei Frisch Auf Göppingen sichern sich die „Zebras" den Titel zwei Punkte vor Rekordmeister SC Magdeburg.
  • Loreen gewinnt zum zweiten Mal den Eurovision Song Contest (13. Mai, Liverpool). Mit „Tattoo" wird die schwedische Sängerin als erste Frau überhaupt zweifache ESC-Siegerin.

DAS WETTER · 2023 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag mit etwas Regen: Höchstwert 21,8 °C, in der Nacht 14,3 °C, im Mittel 17,3 °C; 4,2 mm Regen fielen.

Das Jahr über: Im Mittel 10,5 °C — ein sehr warmes Jahr. Wärmster Tag 30,0 °C am 15. Juli, kältester −10,7 °C am 30. November. 1 Hitzetag (≥ 30 °C), nur 1 Eistag (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 885 mm — ein nasses Jahr.

(Messwerte der Station Kiel-Holtenau; Sonnenscheindauer nicht durchgehend erfasst. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 2023

Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts.

  1. Komet — Udo Lindenberg & Apache 207
  2. Flowers — Miley Cyrus
  3. Sie weiß — Ayliva feat. Mero
  4. Wildberry Lillet — Nina Chuba
  5. I'm Good (Blue) — David Guetta & Bebe Rexha
  6. Zukunft Pink — Peter Fox feat. Inéz
  7. Nachts wach — Miksu / MacLoud / Makko
  8. 9 bis 9 — SIRA / Badchieff / Bausa
  9. Tabu. — Yung Yury & Damn Yury
  10. Another Love — Tom Odell
  11. Mockingbird — Eminem
  12. Friesenjung — Ski Aggu, Joost & Otto Waalkes
  13. Mädchen auf dem Pferd — Luca-Dante Spadafora, Niklas Dee, Octavian
  14. Breaking Your Heart — Apache 207
  15. Mangos mit Chili — Nina Chuba
  16. Daylight — David Kushner
  17. Lay Low — Tiësto
  18. Anti-Hero — Taylor Swift
  19. Calm Down — Rema
  20. Prada — Cassö / Raye / D-Block Europe

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (offiziellecharts.de / chartsurfer.de).