DER CHRONIST

Zum Geleit

Am 30. Juli starb Fürst Bismarck in Friedrichsruh; das Reich legte Trauer an, und die Zeitungen druckten tagelang seine Nachrufe. Am 16. Juni wählte das Reich den Reichstag, am 3. November Preußen sein Abgeordnetenhaus. Im März bewilligte der Reichstag das Flottengesetz, in Peking pachtete das Reich die Bucht von Kiautschou, und im Oktober und November reiste das Kaiserpaar über Konstantinopel nach Jerusalem und Damaskus; am 1. Dezember ritt der Kaiser durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. In der Welt führten die Vereinigten Staaten Krieg um Kuba, in Genf wurde die Kaiserin von Österreich ermordet, und in Paris stritt man um Zola und Dreyfus. In Berlin und seinen Nachbarorten wurde Schöneberg Stadt, die elektrische Straßenbahn nahm 390 Pferde von den Straßen, in Adlershof zog man 122 Einwohner wegen einer Fensterbeleuchtung vor Gericht, und am 20. September starb Theodor Fontane. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Reichstagsschlachten, Trauerrand und Berliner Vermischtes dicht nebeneinander.

Die Schlagzeilen des Jahres

Fürst Bismarck ist tot: Friedrichsruh trauert, das Reich legt Trauer an

Fürst Bismarck bei der Besichtigung der Erntearbeiten in Friedrichsruh
Fürst Bismarck bei der Besichtigung der Erntearbeiten in Friedrichsruh, Photographie von Rudolf Dührkoop, 1897 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonnabend, dem 30. Juli, stirbt Fürst Bismarck gegen 11 Uhr abends in Friedrichsruh, im vierundachtzigsten Lebensjahre. Seit Mittag haben ihn Schlaganfälle getroffen, das Bewusstsein schwand; Professor Schweninger, der am Freitag „unmittelbare Gefahr" ausgeschlossen hatte, traf kurz nach 10 Uhr wieder ein. Der Fürst „verschied, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben", umgeben von seinen beiden Söhnen, den Schwiegertöchtern, der Tochter Gräfin Rantzau und dem Grafen Rantzau, zwei Dienern und einer Pflegerin. Der „Reichsanzeiger" erscheint am Montagabend im Trauerrand: „Das Vaterland hat seinen größten Sohn verloren." Kaiser Wilhelm II., der sich auf der Nordlandfahrt befindet, telegraphiert an Fürst Herbert Bismarck: „Ich werde seiner Hülle in Berlin im Dom an der Seite Meiner Vorfahren die letzte Stätte bereiten." Fürst Herbert antwortet nach dem „Berliner Tageblatt", der Wunsch des Kaisers würde der Familie als Befehl gelten, hätte der Verstorbene nicht noch in den letzten Lebenstagen verlangt, in seinem Sachsenwalde zu ruhen.

Der Metallsarg wird am 1. August in Gegenwart des Reichskanzlers Fürst Hohenlohe zugelötet; am Dienstag, dem 2. August, trifft das Kaiserpaar nachmittags in Friedrichsruh ein. Pastor Westphal segnet den Toten im Sterbezimmer ein, über das Wort aus dem ersten Korintherbrief: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg"; das Kaiserpaar singt den Choral mit, der Kaiser legt einen Kranz am Fußende des Sarges nieder und verharrt stumm im Gebet. Der Sarg bleibt im Sterbezimmer, die Beisetzung soll in einer vorläufig zu errichtenden Gruft im Sachsenwald nahe der Hirschgruppe erfolgen; in Hamburg bildet sich unter Bürgermeister Versmann ein Ausschuss für ein Denkmal. Bis zum 1. August mittags sind rund 300 Kranzspenden und 1.100 Depeschen eingegangen, Kränze kommen unter anderem vom Hamburger Senat, aus der Südafrikanischen Republik und von den Deutschen in New York; der amerikanische Botschafter spricht im Auftrag seines Präsidenten im Auswärtigen Amt vor. In Berlin sind schon am 1. August schwarz umrandete Briefbogen zu haben, Trauerpostkarten werden zu Tausenden auf den Straßen verkauft, einige mit der Zeile Wildenbruchs: „Da wo Du bist, ist Deutschland. Du warst, drum wurden wir."

Unmittelbar nach dem Tod gibt es einen Skandal um das Sterbezimmer. Zwei Hamburger Photographen dringen in der Nacht zum 31. Juli mit Hilfe eines Angestellten durch ein Fenster ein und nehmen bei Blitzlicht eine Aufnahme des Toten auf; am 2. August suchen sie in Anzeigen Berliner Zeitungen einen Käufer oder Verleger für das Bild. Fürst Herbert verweigert die Genehmigung und stellt Strafantrag, das Landgericht Hamburg verbietet am 5. August die Verbreitung, die Aufnahme wird beschlagnahmt, und am 8. September erhebt die Staatsanwaltschaft in Altona Anklage wegen Hausfriedensbruchs. Das Bild ist der Öffentlichkeit nicht gezeigt worden.

Aus heutiger Sicht

Fürst Bismarck wurde im März 1899 im neuerbauten Mausoleum in Friedrichsruh endgültig beigesetzt. In den folgenden Jahren entstanden im Reich Hunderte Bismarck-Denkmäler und -Türme. Die Aufnahme der beiden Photographen wurde erst 1952 veröffentlicht.

Die Reichstagswahl: Die Sozialdemokratie erhält die meisten Stimmen, das Zentrum die meisten Sitze

Das Reichstagsgebäude am Königsplatz in Berlin, Ansicht der Hauptfront
Das Reichstagsgebäude am Königsplatz in Berlin, Abbildung um 1895 aus einem Ansichtenheft der Kunstanstalt W. Sommer (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Donnerstag, dem 16. Juni, wählt das Reich in 397 Wahlkreisen den Reichstag; die Stichwahlen folgen zwischen dem 24. und 27. Juni. Mit rund 27 Prozent der Stimmen ist die Sozialdemokratie die stärkste Partei, das Zentrum kommt auf knapp 19 Prozent. Bei den Sitzen steht die Reihe anders: Zentrum 102, Sozialdemokraten 56, Deutschkonservative 56, Nationalliberale 48, Freisinnige Volkspartei 29, Reichspartei 22, Polen 14. Die Sozialdemokraten gewinnen zwölf Sitze, die Deutschkonservativen verlieren sechzehn; die Sozialdemokratie liegt nach Stimmen weit vor dem Zentrum und erhält wegen der Wahlkreiseinteilung nur gut halb so viele Sitze. Die Beteiligung liegt bei rund zwei Dritteln. Reichskanzler Fürst Hohenlohe bleibt im Amt, gestützt auf das Zentrum und Teile der Freisinnigen; die Kartellparteien sind geschwächt.

In Berlin siegen in den sechs Wahlkreisen drei Sozialdemokraten und drei Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei. Die Sozialdemokraten Heine, Singer und Liebknecht gewinnen die Wahlkreise 3, 4 und 6; im 6. Wahlkreis, dem größten des Reichs, unterliegt der Hofprediger a. D. Stöcker und wird in Siegen gewählt. Der Wahlkreis, den Berlin am meisten bespricht, ist der 2. Wahlkreis: Der Sozialdemokrat Richard Fischer liegt im ersten Wahlgang vorn, in der Stichwahl am 24. Juni aber siegt der Freisinnige Kreitling mit wenigen Stimmen. Im 5. Wahlkreis geht der Sitz in der Stichwahl knapp von der Sozialdemokratie an die Freisinnige Volkspartei.

Preußen wählt sein Abgeordnetenhaus nach dem Dreiklassenwahlrecht in zwei Stufen: die Urwahl am 27. Oktober, die Abgeordnetenwahl durch die Wahlmänner am 3. November. Von 433 Sitzen erhalten die Konservativen 145, das Zentrum 100 und die Nationalliberalen 73; die Freikonservativen erreichen 58. Die Sozialdemokraten, die nach einem Beschluss ihres Hamburger Parteitags von 1897 erstmals teilnehmen, erringen kein Mandat. Alle neun Berliner Abgeordneten gehören den Freisinnigen an, unter ihnen Rudolf Virchow; im 4. Wahlkreis beteiligen sich in der Urwahl nur etwa 15 bis 18 von hundert, was die Presse „trostlos schlecht" nennt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Pfalz 5 (Homburg-Kusel), Reichstags-Ersatzwahl, 29. Januar — Stichwahl: Johannes Schmitt (Nationalliberale) siegt über Carl Lucke (Bund der Landwirte), für den das Zentrum geschlossen stimmt; der Sitz bleibt bei den Nationalliberalen.
  • Hamburg (Bürgerschaft), 15. Februar — Ergebnis „fast unverändert"; die Sozialdemokraten treten erstmals mit 27 Kandidaten an und gewinnen keinen Sitz.
  • Sachsen-Altenburg, April — Sozialdemokraten 5 von 30 Sitzen (vorher 4); die Bürgerlichen behalten die Mehrheit, der Bund der Landwirte erleidet eine Niederlage.
  • Koblenz 4 (Kreuznach-Simmern), Reichstags-Ersatzwahl, Ende August — Professor Hermann Paasche (Nationalliberale) mit rund 8.300 Stimmen gegen gut 200 für Virchow (Freisinnige Volkspartei); das Zentrum enthält sich, der Sitz bleibt bei den Nationalliberalen.
  • Hannover 7 (Nienburg), Reichstags-Ersatzwahl, 4. Oktober — Freiherr v. Schele (Welfe) vor Brandt (Bund der Landwirte) und Wiehle (Sozialdemokrat); der Sitz bleibt bei den Welfen.
  • Schaumburg-Lippe, Reichstags-Ersatzwahl, 14. November — Stichwahl: Müller (Freisinnige Volkspartei) mit rund 3.700 gegen rund 3.100 Stimmen für Major a. D. Stroßer (Konservative); die Sozialdemokraten riefen zur Wahl des Linksliberalen auf, der Sitz bleibt bei der Freisinnigen Volkspartei.

Das Flottengesetz: Der Reichstag bewilligt die Schlachtflotte, in Berlin gründet sich der Flottenverein

Linienschiff Kaiser Friedrich III.
Linienschiff „Kaiser Friedrich III.", Photographie von Arthur Renard um 1900, aus der Berliner Illustrirten Zeitung vom 11. Februar 1900 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Donnerstag, dem 24. März, nimmt der Reichstag nach einer Debatte von rund sieben Stunden den ersten Paragraphen des Flottengesetzes in namentlicher Abstimmung mit 212 gegen 139 Stimmen an, so das „Berliner Tageblatt" am 25. März. Der zweite Paragraph, der die Ersatzfrist und die Kostenbindung regelt, folgt am Sonnabend, dem 26. März, in der Kommissionsfassung mit 193 gegen 118 Stimmen; das Zentrum ist gespalten, beim ersten Paragraphen stimmen 60 Abgeordnete des Zentrums mit Ja und 30 mit Nein. In dritter Lesung am Montag, dem 28. März, wird das Gesetz ohne namentliche Abstimmung angenommen; die „National-Zeitung" schreibt am 29. März: „eine namentliche Abstimmung fand nicht mehr statt". Das Gesetz trägt das Datum des 10. April und gilt vom 30. April an.

Es sieht zwei Geschwader zu je acht Linienschiffen mit einem Flaggschiff und zwei Reserveschiffen vor, dazu acht Küstenpanzerschiffe, zwölf große und dreißig kleine Kreuzer, Linienschiffe und Küstenpanzerschiffe sollen nach 25 Jahren, große Kreuzer nach 20 und kleine Kreuzer nach 15 Jahren ersetzt werden; der Bauplan reicht über sechs Rechnungsjahre. Der Reichstag ist nach der Kommissionsfassung nicht verpflichtet, in diesen sechs Jahren für einmalige Ausgaben mehr als 408.900.000 Mark zu bewilligen, davon 356.700.000 Mark für Schiffsbauten und Armierungen. Staatssekretär des Reichsmarineamts ist Contre-Admiral Tirpitz; Richter von der Freisinnigen Volkspartei, die Sozialdemokraten unter Bebel und die Polen sind dagegen. Der Antisemit Liebermann v. Sonnenberg räumt am 28. März ein, die Stimmung im Lande sei der Vorlage „keineswegs so günstig". Die „Tägliche Rundschau" sieht am 3. Mai die „Schlacht um die Flotte" gewonnen.

Am Sonnabend, dem 30. April, wird im Hotel Bristol in Berlin unter dem Vorsitz des Fürsten zu Wied, des Präsidenten des Herrenhauses, der Flottenverein gegründet. Sein Zweck ist, Verständnis für die Aufgaben der Flotte zu wecken und für die Marineangehörigen zu sorgen, und zwar, so der Schriftführer Schweinburg, mit „keinerlei politische Tendenz". Die erste Anregung hatte nach der „Täglichen Rundschau" der Berliner Fabrikant Stroschein gegeben. Am 11. Dezember zählt der Verein nach dem Bericht Schweinburgs 14.252 Mitglieder, darunter 51 körperschaftlich beigetretene Vereine mit zusammen 64.400 Mitgliedern.

Aus heutiger Sicht

Ein zweites Flottengesetz vom 14. Juni 1900, im Reichstag mit 201 gegen 103 Stimmen angenommen, verdoppelte die Schlachtflotte. Der Flottenverein hatte später über eine Million Mitglieder.

Kiautschou: China verpachtet die Bucht auf 99 Jahre, das Reich erklärt sie zum Schutzgebiet

Vizeadmiral v. Diederichs
Vizeadmiral v. Diederichs, Bildnis aus der Berliner Illustrirten Zeitung vom 19. Dezember 1897 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der Besetzung der Bucht im November 1897 durch die Kreuzerdivision unter Contre-Admiral v. Diederichs unterzeichnen am 6. März in Peking der Gesandte des Reichs, Freiherr v. Heyking, und für China Li Hung-chang und Weng Tung-ho den Pachtvertrag. Nach Artikel II überlässt China „beide Seiten des Eingangs der Bucht von Kiautschou pachtweise, vorläufig auf 99 Jahre, an Deutschland"; das Reich übernimmt, in gelegener Zeit Befestigungen zum Schutz der Anlagen und der Hafeneinfahrt auszuführen. Der Platz soll zur Ausbesserung und Ausrüstung von Schiffen und für Material- und Kohlenvorräte dienen. Schon am 7. März stellt eine Kabinettsordre den Kapitän zur See Rosendahl als „Gouverneur" an die Spitze der Verwaltung des Gebiets. Der volle Wortlaut des Vertrags erscheint erst Ende April in den Blättern; der Etat spricht vom „abgetretenen Gebiet", wie der „Hannoversche Kurier" am 26. April anmerkt.

Am 27. April wird das Pachtgebiet durch Kabinettsordre zum Schutzgebiet erhoben, die Konsulargerichtsbarkeit eingeführt und der Gouverneur mit weitester Vollmacht, auch in Geldsachen, ausgestattet; die Verwaltung untersteht dem Staatssekretär des Reichsmarineamts, Tirpitz. Die Marine will Werftanlagen und Kohlenlager Privatunternehmern überlassen. Russland verlangt im März in Peking einen Pachtvertrag nach dem Muster des deutschen. Im „Berliner Tageblatt" fragt am 13. März ein Leser, warum die Pacht auf 99 und nicht auf 100 Jahre laufe; die Antwort lautet: „Wir wissen es zwar nicht, vermuthen aber, daß es die deutsche Bescheidenheit gewesen ist."

Aus heutiger Sicht

Im Pachtgebiet entstand Tsingtau mit seiner Brauerei; von dort führte die Schantung-Bahn ins Innere der Provinz. Ende 1914 wurde es von Japan erobert.

Das Kaiserpaar im Morgenland: Konstantinopel, Jerusalem, Damaskus, am 1. Dezember der Einritt in Berlin

Das Kaiserpaar zieht durch den Ehrenbogen der jüdischen Gemeinde in Jerusalem
Das Kaiserpaar zieht am 29. Oktober 1898 durch den von der jüdischen Gemeinde errichteten Ehrenbogen in Jerusalem, Photographie der American Colony (Matson Collection, Library of Congress / Wikimedia Commons, keine bekannten Urheberrechtsbeschränkungen)

Am 11. Oktober reist das Kaiserpaar von Potsdam ab, über Konstantinopel zur Küste Syriens; die „Hohenzollern" landet am 25. Oktober in Haifa, am 27. Oktober ist das Paar in Jaffa. Am Sonnabend, dem 29. Oktober, zieht es nachmittags in Jerusalem ein; es ist, nach dem „Berliner Tageblatt" vom 31. Oktober, „unter dem Donner der Kanonen" zunächst im Zeltlager abgestiegen, dann folgt der feierliche Einzug in die Stadt. Am 31. Oktober wird die Erlöserkirche eingeweiht, „bei herrlichem Wetter in glänzendster Weise", wie die Telegraphenagentur meldet; eine Deputation der Johanniter unter dem Ordenskanzler v. Levetzow spricht den Boden als „für die Krone Preußens feierlich in Besitz genommen" an.

Am 8. November gibt man in Damaskus ein Festmahl im Stadthaus, der Kaiser besichtigt das Grab Saladins und legt einen Kranz mit der Aufschrift nieder „… dem Andenken des tapfern und ritterlichen Sultans Saladin". In seinem Trinkspruch sagt er nach der „Cannstatter Zeitung": „Möge der Sultan und die 300 Mill. Muhammedaner, welche auf Erden zerstreut lebend in ihm den Khalifen verehren, versichert sein, daß in allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund ist." Die Rede wird vielerörtert: Der „Hannoversche Kurier" verteidigt sie am 11. November und spottet über den „Vorwärts", in der „Ruhrorter Zeitung" heißt es am 12. November: „Von verschiedenen Seiten ist dieser Theil der Ansprache einer wenig freundlichen Kritik unterzogen" worden. Am 12. November reist das Paar aus Beirut ab.

Am Donnerstag, dem 1. Dezember, hält der Kaiser seinen feierlichen Einzug in Berlin: vom Schloss Bellevue zu Pferde, im grauen Mantel mit dem Orangeband des Schwarzen Adlerordens, die Kaiserin im offenen vierspännigen Galawagen. Die Garnisonen von Berlin, Charlottenburg, Spandau und Groß-Lichterfelde bilden Spalier Unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zum Schloss. Am Brandenburger Tor begrüßt Bürgermeister Kirschner mit dem Stadtverordnetenvorsteher Dr. Langerhans das Paar; der Kaiser spricht etwa fünf Minuten mit ihm, der Jubel ist, so die Blätter, sehr groß. Der „Hamburgische Correspondent" berichtet am 2. Dezember kühler: Es sei „mehr die Neugier auf das militärische Schauspiel" gewesen.

Der Krieg um Kuba: Von der „Maine" bis zum Frieden von Paris

Commodore Dewey auf der Brücke der Olympia in der Seeschlacht bei Manila
Commodore Dewey auf der Brücke der „Olympia" am 1. Mai 1898, zeitgenössischer Farbdruck (U.S. Naval Historical Center / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Abend des 15. Februar explodiert im Hafen von Havanna der amerikanische Panzerkreuzer „Maine", der am 25. Januar zu einem Freundschaftsbesuch eingelaufen war. Nach den ersten Meldungen, so der „Hamburgische Correspondent" am 17. Februar, sind über 250 von 421 Mann der Besatzung tot. Die Ursache bleibt unaufgeklärt, in Washington besteht der Verdacht auf einen Anschlag. Im April folgen die Kriegserklärungen; am 1. Mai vernichtet Commodore Dewey in der Bucht von Manila die spanische Flotte, und das „Berliner Tageblatt" fragt am 3. Mai, wie er „bei der Minenüberwindung zu Werke gegangen ist". Ende Juni landen die Amerikaner auf Kuba, am 3. Juli geht bei Santiago die Flotte des Admirals Cervera verloren, am 25. Juli besetzen sie Puerto Rico.

Vor Manila liegt auch das deutsche Geschwader unter Vizeadmiral Diederichs. Nach einer Meldung des „New Yorker Herald" aus der Manila-Bai vom 14. Juli ließ Dewey Diederichs auf Maßnahmen deutscher Schiffe aufmerksam machen, die dem Seerecht widersprächen; Diederichs ließ erklären, sie seien ohne sein Wissen getroffen worden, und von Feindseligkeiten sei nicht die Rede.

Am 12. August schließen beide Staaten unter Vermittlung des französischen Botschafters Cambon in Washington einen Waffenstillstand. Am 10. Dezember wird in Paris der Friede unterzeichnet: Spanien verzichtet auf Kuba und tritt Puerto Rico, Guam und die Philippinen für 20 Millionen Dollar ab. „Jetzt ist der Friedensvertrag perfekt geworden", schreibt das „Merseburger Kreisblatt" am 11. Dezember; für einen großen Teil der spanischen Kaufleute und Betriebe bedeute der Vertrag, so die „Lüdenscheider Zeitung" am 12. Dezember, „den Ruin".

Kaiserin Elisabeth von Österreich in Genf ermordet

Kaiserin Elisabeth mit ihrer Hofdame in Territet
Kaiserin Elisabeth (links) mit der Hofdame Irma Gräfin Sztáray, letzte Aufnahme, Territet am Genfersee, 3. September 1898 (Österreichische Nationalbibliothek / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonnabend, dem 10. September, verlässt Kaiserin Elisabeth mittags das Hotel Beau-Rivage in Genf, um mit dem Dampfer nach Territet zurückzukehren. Auf dem Quai du Mont-Blanc vor dem Dampfersteg stößt ihr der italienische Anarchist Luigi Luccheni eine dreieckig zugeschliffene Feile ins Herz. Die Kaiserin geht, begleitet von der Hofdame Gräfin Sztáray, noch weiter und bricht erst am Schiff zusammen; sie stirbt am Nachmittag. Das Mordwerkzeug, „eine dreieckige plump gearbeitete Feile von 10 Centimeter Länge", wird am 11. September vormittags im Korridor des Hauses Rue des Alpes 3 gefunden. Der Täter, ein untersetzter, kräftiger Mann im blauen Wollhemd, hat zuvor als Steinhauer in Lausanne gearbeitet; etwa zehn Bekannte werden verhaftet.

Die Entrüstung ist weltweit; das „Berliner Tageblatt" meint am 12. September, sie sei noch größer als bei der Ermordung des Präsidenten Carnot, „da die Kaiserin gar keine politische Rolle gespielt hat". Kaiser Franz Joseph ordnet eine sechsmonatige Hoftrauer an, die Beisetzung in Wien findet am Sonnabend, dem 17. September, um 4 Uhr nachmittags statt; in Bayern ordnet der Prinzregent vier Wochen Hoftrauer an. An der Trauerkundgebung der Genfer Bevölkerung am 12. September nehmen nach dem „Berliner Tageblatt" etwa dreißigtausend Menschen teil, über fünfzigtausend stehen in den Straßen; der Kaiser soll gesagt haben: „Mir bleibt doch nichts erspart auf dieser Welt!" Luccheni wird am 10. November in Genf zu lebenslanger Haft verurteilt, denn Genf kennt keine Todesstrafe, die er verlangt hatte.

Zola und Dreyfus: „J'accuse", die Verurteilung Zolas, Henrys Fälschung und Selbstmord

Titelseite der Zeitung L'Aurore vom 13. Januar 1898 mit Zolas offenem Brief
Titelseite der Zeitung „L'Aurore" vom 13. Januar 1898 mit Émile Zolas offenem Brief „J'accuse…!" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 10. und 11. Januar spricht das Pariser Kriegsgericht Major Esterhazy einstimmig frei, Oberst Picquart, der ihn belastet hatte, erhält 60 Tage Festungshaft. Am 13. Januar veröffentlicht Clemenceaus Blatt „L'Aurore" Zolas offenen Brief „J'accuse…!" an Präsident Félix Faure. Am 24. Januar gibt Staatssekretär v. Bülow in der Budgetkommission des Reichstags auf Anfrage des Abgeordneten Richter eine Erklärung ab; die „Münchner Neuesten Nachrichten" melden: „… auf das Bestimmteste zu erklären, daß zwischen dem gegenwärtig auf der Teufelsinsel befindlichen französischen Exkapitän Dreyfus und irgend welchen deutschen Organen Beziehungen oder Verbindungen irgend welcher Art niemals bestanden haben." Die „Dortmunder Zeitung" stellt fest: „Es ist das erstemal, daß die deutsche Regierung amtlich das Wort in dieser Sache nimmt."

Vor dem Pariser Schwurgericht beginnt am 7. Februar der Prozess gegen Zola; am 23. Februar wird er „ohne mildernde Umstände" schuldig gesprochen und erhält ein Jahr Gefängnis und 3.000 Francs, der Geschäftsführer der „Aurore", Perrenx, vier Monate und 3.000 Francs. Am 2. April wird das Urteil wegen eines Verfahrensfehlers aufgehoben, im zweiten Prozess ab 23. Mai folgt am 18. Juli der erneute Schuldspruch, und Zola flieht am selben Tag nach London.

Im Sommer bricht das Gebäude der Anklage zusammen. Am 7. Juli verliest Kriegsminister Cavaignac in der Kammer „Beweise" aus dem Geheimdossier; am 13. August fällt Hauptmann Cuignet an einem der Schriftstücke des Geheimdossiers die Verwendung zweier Papiersorten auf. Oberstleutnant Henry gesteht am 30. August, wird festgenommen und am 31. August im Gefängnis auf dem Mont-Valérien tot aufgefunden: „Oberst Henry entleibte sich mit seinem Rasirmesser", meldet das „Berliner Tageblatt" am 1. September. Generalstabschef Boisdeffre tritt zurück, am 3. September auch Cavaignac; Lucie Dreyfus stellt den Revisionsantrag, den der Kassationshof am 29. Oktober für zulässig erklärt.

Schöneberg wird Stadt: Der erste Magistrat unter Bürgermeister Wilde

Bürgermeister Rudolph Wilde
Bürgermeister Rudolph Wilde, Bildnis aus der Zeitschrift „Berliner Leben", 1906 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Landgemeinde Schöneberg im Kreis Teltow erhält zum 1. April das Stadtrecht. Am 21. Februar wählt die Stadtverordnetenversammlung den Berliner Stadtrat Wilde zum ersten Bürgermeister, den Stadtrat Dr. Gerhardt aus Posen mit 44 von 45 Stimmen zum zweiten Bürgermeister und den bisherigen Gemeindevorsteher Schmock mit 34 von 46 Stimmen zum besoldeten Stadtrat und Syndikus. Ende März trifft die königliche Bestätigung ein: „Der erste Magistrat der neuen Stadt Schöneberg hat die königliche Bestätigung erhalten …", meldet die „National-Zeitung" am 30. März, für den Ersten und den Zweiten Bürgermeister wie für die acht unbesoldeten Stadträte.

Berlin spürt den Wechsel: Am 16. und 17. Mai schreibt es die Stelle des besoldeten Stadtrats „an Stelle des jetzigen Bürgermeisters Wilde (Schöneberg)" aus, mit 7.000 Mark Gehalt im Jahr, einer Wahl zunächst auf zwölf Jahre und Bewerbungen bis zum 1. Juni.

Die „Lex Arons": Privatdozenten unter Disziplinargewalt

Dr. Leo Arons
Dr. Leo Arons, Photographie um 1900, aus dem Jahrbuch der Berliner Morgenzeitung (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Anlass hat dem Gesetz seinen Namen gegeben: Der Berliner Physiker und Privatdozent Dr. Leo Arons, Sozialdemokrat, ist in den Zeitungen „der Fall Arons"; die Philosophische Fakultät hatte sich dagegen gewehrt, einen Privatdozenten wie einen weisungsgebundenen Beamten zu behandeln. Die „Kölnische Zeitung" gibt am 3. Mai aus der Debatte wieder: „In der Presse wird ja dies Gesetz die lex Arons genannt, und es ist in der ersten Lesung von verschiedenen Seiten, auch vom Minister dieser Anlaß zugegeben worden." In der zweiten Lesung im Abgeordnetenhaus am Montag, dem 2. Mai, nennt Virchow für die Freisinnige Volkspartei die Vorlage ein „Verlegenheitsgesetz", das „mit dem Grundsatze der Freiheit der Wissenschaft nicht in Einklang stehe"; Ministerialdirektor Althoff erwidert, der Fall Arons habe „allerdings mit den Anlaß zu der Vorlage gegeben", die Regelung sei aber seit zwanzig Jahren nötig.

Im Herrenhaus bittet Kultusminister Dr. Bosse am Sonnabend, dem 14. Mai, um unveränderte Annahme. Professor Dernburg hält die Vorlage „weder für ein Bedürfniß noch nützlich", Oberbürgermeister Westerburg aus Cassel lehnt sie ab, da sie von dem falschen Gedanken ausgehe, Privatdozenten seien Beamte; der Minister antwortet, sie seien „keine Beamten … aber doch eine beamtenähnliche Stellung". „Hierauf wurde das Gesetz unverändert angenommen", berichtet das „Central-Volksblatt" in Arnsberg. Das Gesetz trägt das Datum des 17. Juni und wird am 4. Juli im „Reichsanzeiger" veröffentlicht.

Berliner Künstler drohen mit der „Secession": Liebermann, Leistikow und ihre Mitstreiter verlangen eine eigene Jury

Walter Leistikow, Grunewaldsee
Walter Leistikow, „Grunewaldsee", Gemälde von 1895, ein Beispiel seiner märkischen Landschaften (Alte Nationalgalerie Berlin / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Jury der Großen Berliner Kunstausstellung hat in diesem Jahr mehrere jüngere Künstler zurückgewiesen, darunter Bilder von Walter Leistikow; der Minderheit der Jury gelingt es nachträglich, einen Teil davon unterzubringen. „Eine Krisis ist in der Berliner Künstlerschaft ausgebrochen", schreibt der „Hamburgische Correspondent" am 5. Mai unter der Überschrift „Eine Berliner ‚Secession'". In einem Fall seien Bilder eines Malers zurückgewiesen, Arbeiten seiner Schülerinnen aber angenommen worden, und das, nachdem die Nationalgalerie soeben ein Werk von ihm angekauft habe.

Am Montag, dem 2. Mai, versammeln sich Max Liebermann, Leistikow, Franz Skarbina, A. Normann, Oskar Frenzel, Philipp Franck, Ludwig Dettmann, H. Looschen, Curt Herrmann, Martin Brandenburg, Hans Baluschek, Paul Hoeniger, Max Uth „und eine größere Reihe Gleichgesinnter" und beschließen, „von der Ausstellungsleitung des nächsten Sommers eigene Jury und separate Ausstellungsräume zu verlangen. Nur unter diesen Umständen will die junge Berliner ‚Secession' sich in Zukunft an den großen Ausstellungen betheiligen." In München besteht eine solche Secession schon; sie hat in diesem Jahr ihre Internationale Ausstellung am Königsplatz. Ende Mai wirkt die Sache wieder ruhiger; das Unterhaltungsblatt des „Vorwärts" schreibt am 24. Mai: „Eine Berliner Sezession, von der es jetzt wieder ruhiger geworden ist, wurde sogar geplant."

Maul- und Klauenseuche: Löffler und Frosch melden ein brauchbares Schutzimpfungsverfahren

Das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin
Das Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, Photographie (Wellcome Collection, CC BY 4.0)

Im März 1897 wurde beim Berliner Institut für Infektionskrankheiten in der Charitéstraße, dem Institut Robert Kochs, eine staatliche Kommission zur Erforschung der Maul- und Klauenseuche eingesetzt, unter der Leitung des Greifswalder Geheimrats Professor Friedrich Löffler, mit Professor Paul Frosch als Mitglied; der Staat gibt 35.000 Mark. Ihr erster zusammenfassender Bericht vom 8. Januar, veröffentlicht in der „Deutschen medizinischen Wochenschrift", meldet, eine wirksame Bekämpfung der Seuche stehe in Aussicht: Alle bisherigen Bakterienfunde seien „unwesentlich", mit steriler Lymphe lasse sich die Krankheit hervorrufen, Rinder und Schweine seien besonders empfänglich, Schafe und Ziegen künstlich nicht anzustecken, und Tiere, die die Seuche überstanden haben, seien ein halbes bis ein Jahr immun.

Der vierte Bericht, den Löffler dem Kultusminister erstattet und den die „Deutsche medizinische Wochenschrift" am 1. September im Wortlaut bringt, meldet: Die Kommission habe „ein praktisch brauchbares Verfahren der Schutzimpfung gegen Maul- und Klauenseuche" gefunden und ihre Arbeiten eingestellt. Lymphe, die durch bakterienzurückhaltende Filter gegangen ist, behält „ihre volle Infektionskraft"; in einer Reihe von sechs Tieren erkrankt das sechste ebenso prompt wie das erste, was nach dem Bericht dafür spricht, dass das Krankheitsgift „ein belebtes Agens" sei, das sich im Körper des erkrankten Tieres vermehre. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" druckt den Bericht am 3. September. Die Landwirte warten auf die Impfung: Im Dezember meldet das „Merseburger Kreisblatt" wieder einen Ausbruch unter dem Rindvieh eines Rittergutes.

Graf Zeppelins Luftschiff: Die Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt wird gegründet

Graf Ferdinand von Zeppelin am Schreibtisch
Graf Ferdinand von Zeppelin am Schreibtisch, Photographie um 1900 (Bundesarchiv, Bild 146-1972-099-15, CC BY-SA 3.0 de)

Die „Barmer Zeitung" meldet Anfang Mai, nachgedruckt vom „Neuen Tagblatt" in Stuttgart: „die Ausführung des vielerörterten Zeppelin'schen Luftschiffes ist gesichert"; ein Grundkapital von 800.000 Mark sei bereits gezeichnet. Am Montag, dem 9. Mai, wird in Stuttgart mit Vertretern der deutschen Industrie und Fachleuten, darunter Herzog Wilhelm von Urach, die Gründung der Aktiengesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt beschlossen: „In mehrstündiger Beratung wurde die Gründung der Gesellschaft beschlossen", meldet das „Neue Tagblatt" am 10. Mai; zunächst soll ein Luftschiff „nach dem von Graf Ferdinand v. Zeppelin stammenden Entwurf" gebaut werden.

Die Satzung wird am 28. Juni festgestellt, der Handelsregistereintrag im „Reichsanzeiger" vom 9. Juli nennt als Zweck „die Förderung der Luftschifffahrt mittels lenkbarer Luftfahrzeuge, zunächst auf der Grundlage des von dem Grafen von Zeppelin ausgearbeiteten Entwurfes" sowie Versuche über die „Bewegungsverhältnisse im Luftmeere". Am 13. August erhält Graf Zeppelin das Reichspatent Nr. 98580 auf einen „Lenkbaren Luftfahrzug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern". Im September erprobt er auf dem Bodensee ein Motorboot mit dreiflügeliger Luftschraube „nach Art der Windmühlen", das etwa 11 Kilometer in der Stunde läuft.

Aus heutiger Sicht

Das erste Luftschiff, LZ 1, stieg am 2. Juli 1900 auf. Die Gesellschaft geriet bald in Kapitalnot, und der Name Zeppelin wurde später zur Bezeichnung für Luftschiffe überhaupt.

Der Taler im Bierglas: Röntgenstrahlen in der Charité

Röntgenaufnahme einer Hand mit Ringen
Röntgenaufnahme der linken Hand von Anna Bertha Röntgen, 22. Dezember 1895 — ein Beispiel des Verfahrens, nicht der Berliner Fall (Wilhelm Conrad Röntgen / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den Tagen nach Bismarcks Tod geht eine Meldung durch die Blätter des Reichs, die „Berliner Morgen-Zeitung" bringt sie am 2. und am 4. August. Ein 25jähriger Berliner Zeichner, im Blatt nur R., verschluckt in der Nacht zum Sonntag, dem 31. Juli, infolge einer Wette einen in ein Bierglas gelegten Taler; er sollte das Bier austrinken, ohne dass sich der Taler vom Boden bewegte, doch „die große Münze nahm jedoch denselben Weg wie das Bier".

Er kommt am Sonntag in die Charité, in die Abteilung für Halskranke, mit Beschwerden, kann aber nicht sagen, wo der Taler steckt. „Erst mit Hilfe der Röntgen-Strahlen ermittelte man seinen Sitz unten in der Speiseröhre, nicht weit vom Magen." Am Montag, dem 1. August, fasst ein Instrument mit Klappen, die beim Einführen flach anliegen und beim Emporziehen aufgehen, die Münze und zieht sie heraus. Die Meldung schließt: „R. fühlte sich sehr wohl, als man ihn im buchstäblichen Sinne des Wortes um einen Thaler erleichtert hatte."

Der Illuminations-Prozess von Adlershof: 122 Einwohner vor Gericht wegen „groben Unfugs"

Die Barrikade an der Kronen- und Friedrichstraße in Berlin am 18. März 1848
„Die Barrikade an der Kronen- und Friedrichstraße in Berlin am 18. März 1848", zeitgenössische Graphik (Historisches Museum Frankfurt), Reproduktion von Gbi.bytos (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Zur Feier der Märzrevolution von 1848 hatten am 18. März Einwohner der Landgemeinde Adlershof bei Köpenick abends ihre Fenster beleuchtet, nachdem für diesen Abend eine Volksversammlung verboten worden war und ein Flugblatt zur Illumination aufgerufen hatte. Der Amtsvorsteher, ein Rittmeister a. D., belegte jeden mit einem Strafmandat über 15 Mark: „Sie haben am 18. März d. J. zur Verherrlichung der Erinnerung an den vor fünfzig Jahren stattgehabten Revolutionsausbruch die Fenster Ihrer zu Adlershof belegenen Wohnräume illuminirt, hierdurch eine Beunruhigung des öffentlichen Friedens herbeigeführt und somit groben Unfug verübt." 122 Einwohner beantragten richterliche Entscheidung.

Am Freitag, dem 27. Mai, kommt die Sache vor das Schöffengericht in Köpenick; die „Deutsche Tageszeitung" schreibt am 28. Mai: „Nicht weniger als 122 Einwohner von Adlershof hatten sich gestern in Köpenick vor dem Schöffengericht wegen ‚groben Unfugs' zu verantworten"; das kleine Sitzungszimmer bietet „einen eigentümlichen Anblick". Rechtsanwalt Dr. Herzfeld aus Berlin verteidigt 121 von ihnen. Fast alle erklären, Sozialdemokraten zu sein, und begründen die Beleuchtung „zur Ehrung der Todten" oder „zur Ehre der Errungenschaften aus dem Jahre 1848"; einer sagt, wenn die Bürger am Sedanstag illuminierten, hätten die Arbeiter das Recht dazu am 18. März, ein anderer, der 18. März sei sein Namenstag. Das Gericht verurteilt nach vierstündiger Verhandlung und fünfviertelstündiger Beratung alle 122 wegen groben Unfugs zu je 15 Mark Geldstrafe oder drei Tagen Haft, die Kosten tragen die Angeklagten: Eine Illumination sei an sich kein grober Unfug, hier aber sei sie es nach den Umständen. Ein Teil der Verurteilten legt Berufung ein.

„Heroin": Die Farbenfabriken Bayer bringen ein neues Hustenmittel

Anzeige der Farbenfabriken Bayer für Trional, Lycetol, Salophen und Heroin
Anzeige der Farbenfabriken Bayer für Trional, Lycetol, Salophen und Heroin, 1899 (Wellcome Collection, CC BY 4.0)

Am 27. Juni lassen die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld den Markennamen „Heroin" beim Kaiserlichen Patentamt eintragen, Nr. 31650. Das Mittel ist Diacetylmorphin, eine Verbindung des Morphiums; Professor Heinrich Dreser hat es in Elberfeld pharmakologisch geprüft. Im September empfiehlt Dr. Floret das Mittel in den „Therapeutischen Monatsheften" „außerordentlich"; das „Wurzener Tageblatt" meldet am 20. September, es habe ähnliche Wirkungen wie das Morphium auf die Beruhigung und Schmerzlinderung, „aber ohne die Nachtheile dieses Medicamentes", und scheine „keinerlei ungünstige Nebenwirkungen" zu verursachen. 60 behandelte Personen geben „sämtlich" an, der quälende Husten und die Brustschmerzen hätten nach dem Heroinpulver sofort nachgelassen.

Am Silvestertag berichtet das „Dresdner Journal" über Versuche an der zweiten Medizinischen Universitätsklinik der Charité unter Geheimrat Gerhardt: Dr. Strube habe in der „Berliner Klinischen Wochenschrift" von rund 50 Patienten berichtet, bei denen „der Husten stets sofort aufgehört" habe; die Atmung verlangsame sich, die Patienten fühlten sich müde und schliefen meist ein, auch in zwei Asthmafällen habe das Mittel gewirkt. „Üble Nebenwirkungen konnten bisher nicht beobachtet werden", und die beruhigende Wirkung übertreffe die des Codeins „bedeutend". „Und es scheint Prof. Dreser gelungen zu sein, in dem ‚Heroin' dieses Mittel gefunden zu haben", schließt der Bericht.

Aus heutiger Sicht

Heroin erwies sich als Mittel, das abhängig macht. Bayer stellte die Herstellung 1913 ein, die Gesetzgebung der Jahre 1920 und 1929 folgte. Der Name steht heute für eine Droge, nicht für ein Hustenmittel.

Theodor Fontane gestorben: Der Dichter der Mark wird am 24. September beigesetzt

Theodor Fontane
Theodor Fontane, Kabinettphotographie von E. Bieber, 1894 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

„Theodor Fontane ist am Dienstag Abend um 9 Uhr plötzlich in seiner Berliner Wohnung in der Potsdamerstraße gestorben", meldet die „Berliner Morgen-Zeitung" am 22. September. „Ein Herzschlag hat den liebenswürdigen Dichter der Mark im noch nicht vollendeten 79. Lebensjahre schnell und schmerzlos hingerafft." Er war am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, er wurde 78 Jahre alt. Für das „Hamburger Fremdenblatt" ist er „der Jüngste von allen ‚Alten', um den die ‚Jungen' sich drängten"; die „Münchner Neuesten Nachrichten" schreiben, er habe „einen sanften, schmerzlosen Tod gehabt", sei „nicht nach langwieriger Krankheit dahingerafft, sondern unerwartet aus seiner Arbeit abberufen worden".

Das „Berliner Tageblatt" widmet ihm am 21. September einen Nachruf: „… wenn man ihn sprechen hörte, hätte man geglaubt, er sei nie über Berlin hinausgekommen." Der Märker aus Neuruppin, Abkömmling eines Franzosen, habe sich als Alt-Berliner gefühlt, die Entwicklung Berlins zur Weltstadt geistig mitgemacht und persönlich der schlichten Lebensweise des alten Berlin die Treue gehalten; sein siebzigster Geburtstag am 30. Dezember 1889 sei der einzige Tag gewesen, an dem er in die Öffentlichkeit trat, mit dem damaligen Kultusminister v. Goßler und dem alten Menzel. Bei der Beisetzung am Sonnabend, dem 24. September, gehen nach einem Telegramm im „Neuen Tagblatt" in Stuttgart „eine überaus große Anzahl von Kränzen, Beileidsschreiben und Telegrammen" ein, unter anderem von Kriegsminister v. Goßler, Ludwig Fulda, Anton v. Werner, Fritz Mauthner, Friedrich Spielhagen und Gerhart Hauptmann. Fontane ruht auf dem Friedhof der Französisch-Reformierten Gemeinde in der Liesenstraße.

„Fuhrmann Henschel": Hauptmanns neues Schauspiel erringt im Deutschen Theater einen durchschlagenden Erfolg

Der Schauspieler Rudolf Rittner
Rudolf Rittner, Darsteller des Henschel, Photographie von Becker & Maaß, 1909 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonnabend, dem 5. November, bringt das Deutsche Theater unter Direktor Otto Brahm Gerhart Hauptmanns Schauspiel in fünf Akten „Fuhrmann Henschel" zur ersten Aufführung; das Haus ist schon eine Woche vorher ausverkauft. Die „Berliner Börsen-Zeitung" schreibt am 6. November, das Interesse an einer Neuschöpfung des Dichters sei in Berlin, „der ‚Wiege seines Ruhmes'", so groß. Das Stück spielt im schlesischen Dialekt in den sechziger Jahren: Ein Fuhrmann nimmt nach dem Tod seiner ersten Frau die Dienstmagd zur Frau, erfährt von ihrer Untreue, wird von der Erinnerung an die Verstorbene und deren Kind verfolgt und nimmt sich im Schlussakt das Leben.

Die „Nachrichten für Stadt und Land" in Oldenburg melden einen Erfolg, „der aus dem Empfinden der Zuhörer herauswuchs und sich steigerte von Scene zu Scene, von Akt zu Akt"; die „Harburger Anzeigen" berichten von vielen Hervorrufen und Hochs auf den Dichter besonders nach dem vierten Akt, der Schlussakt wirke etwas schwächer. Die „National-Zeitung" urteilt am 6. November: „‚Fuhrmann Henschel' ist in der Zergliederung der beiden Hauptcharaktere von großer Feinheit und Tiefe. Das Werk darf aber auch, was man Hauptmann sonst nicht nachrühmen konnte, als ein sich klar entwickelndes und richtig aufgebautes Theaterstück angesehen werden." Rudolf Rittner spielt den Henschel, „obwohl die Rolle … wohl noch mächtiger gedacht ist als dieser Schauspieler zu wirken vermag"; am besten spielt Frau Else Lehmann die Dienstmagd. „Der im Hause anwesende Dichter wurde unzählige Male gerufen." Die „Tägliche Rundschau" findet am 8. November „das fast allzu peinliche Bemühen Hauptmanns nach der allerkorrektesten Komposition".

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • März — In Berlin gibt es seit etwa drei Jahren „Wettbüros" in allen Straßen, in der Friedrichstraße „Haus für Haus"; gewettet wird ab 1,25 Mark.
  • 6.–9. Mai — In Mailand und Florenz kommt es zu Brotunruhen, über Mailand wird der Belagerungszustand verhängt; ein Buchdruckerstreik verzögert die Proklamation.
  • 24. Mai — Eine Beamtenwitwe aus dem Oberelsass bittet den Berliner Oberbürgermeister Zelle, ihre vier Briefe, drei davon eingeschrieben, an den Kaiser zu beschleunigen; das „Berliner Tageblatt" vermutet, sie halte ihn für die „oberste Instanz für Beschwerden über den König von Preußen".
  • 7./8. Juli — In Washington unterzeichnet Präsident McKinley die Annexion der Hawaii-Inseln: „Die Republik von Hawaii ist nicht mehr."
  • 16. Juli — Auf der Linie Gesundbrunnen–Molkenmarkt–Kreuzberg beginnt der elektrische Betrieb der Großen Berliner Straßenbahn; damit sind, so das „Berliner Tageblatt", „wiederum 390 Pferde dem Straßenverkehr entzogen" worden, die Gespanne und Geschirre kommen zur Versteigerung.
  • Mitte August — Ein in Berlin für Berlin aufgegebener Brief, adressiert nur „Barbarossastraße, Ecke der Kyffhäuserstraße", wird erst nach Frankenhausen am Kyffhäuser geleitet und gelangt von dort zurück in die Kyffhäuserstraße.
  • 24./28. August — Der Zar lässt allen Mächten durch Graf Murawiew eine Anregung zu einer Konferenz über die Verminderung der Rüstungen überreichen: „Hunderte von Millionen werden aufgewendet, um furchtbare Zerstörungsmaschinen zu beschaffen"; in Berlin, so das „Berliner Tageblatt" am 30. August: „Die eigentlichen Regierungsorgane beobachten naturgemäß strengstes Stillschweigen".
  • 2. September – 5. November — Bei Omdurman schlägt das englisch-ägyptische Heer unter Kitchener das Heer des Khalifen und befreit die europäischen Gefangenen; am 5. November meldet das „Berliner Tageblatt" nach einer Note der Agence Havas: „Die Faschoda-Frage existirt nicht mehr."
  • 6. September — In Bad Oeynhausen erwähnt der Kaiser einen Gesetzentwurf, nach dem jeder, der einen Arbeitswilligen an der Arbeit hindere oder zum Streik anreize, „mit Zuchthaus bestraft werden solle"; die „National-Zeitung" warnt, das liefere der Sozialdemokratie ein Agitationsmittel.
  • 18. Oktober — In Leipzig ist der erste Spatenstich zum Völkerschlachtdenkmal getan; am selben Tag wird in Görlitz der Grundstein zur Oberlausitzer Ruhmeshalle gelegt.

WIRTSCHAFT · 1898

Das Wirtschaftsjahr steht im Zeichen lebhafter Geschäfte und knappen Geldes. Die Handelskammer Hamburg stellt in ihrem Jahresbericht fest: „Das deutsche Wirthschaftsjahr 1898 weist im Wesentlichen dieselben Merkmale auf wie das Vorjahr. Die Thätigkeit in Industrie und Handel war im Allgemeinen eine recht lebhafte und befriedigende". Die Ausfuhr aus Deutschland erreicht in den ersten neun Monaten 2.742 Millionen Mark gegen 2.684 Millionen im Vorjahr, während die englische und die französische Ausfuhr zusammen um 140 Millionen Mark zurückgehen; die Güterbewegung auf den deutschen Bahnen betrug 1897 218 Millionen Tonnen gegen 202 Millionen im Jahr 1896. Die Reichsbank setzt den Diskont am 20. Januar auf 4 Prozent herab; im Herbst folgen die Erhöhungen rasch aufeinander, am 10. Oktober auf 5 Prozent und am 19. November von 5½ auf 6 Prozent, bei einem Lombardsatz von 7. „Die Reichsbank sah sich im Herbst genöthigt, ihren Diskont in rascher Folge bis auf 6 Proz. zu erhöhen", schreibt der „Hannoversche Kurier" am 31. Dezember. Als Ursachen der Geldverknappung nennt die „National-Zeitung" den gesteigerten Kapitalbedarf der Gewerbe, die Genossenschaften und die Neuemissionen von Aktien; die Börsenspekulation habe dabei keine nennenswerte Rolle gespielt.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,25 Mark
  • Weizenbrot (Schrippen, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,43 Mark
  • Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,24 Mark
  • Rindfleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,25 Mark
  • Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,40 Mark
  • Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 4,70 Mark
  • Eier (60 Stück, Berlin, Tagesnotierung vom 8./9. November, Spanne je Schock) — 2,80 bis 4,80 Mark
  • Zeitungsabonnement (Berliner Tageblatt, zweimal täglich ins Haus, Berlin, Stand Januar) — 6 Mark im Vierteljahr

STIMMEN DER PRESSE · 1898

Der Tod des Fürsten Bismarck beschäftigt am 2. August die Blätter aller Richtungen. Zuerst das Zentralorgan der Sozialdemokratie, der „Vorwärts":

„Fürst Bismarck ist in allen Tonarten als genialer Staatsmann gepriesen und verherrlicht worden. Seine Staatsmannschaft reicht aber nur so weit wie die Wirksamkeit mechanischer Gewalt." — Vorwärts, 2. August 1898

Dann das evangelisch-konservative Blatt, der „Reichsbote":

„Keine Nachricht wird heute die Gemüter aller Deutschen mehr bewegen, als die Trauerbotschaft vom Tode des Fürsten Bismarck." — Der Reichsbote, 2. August 1898

Zuletzt die nationalliberale „National-Zeitung" in ihrem Leitartikel „Fürst Bismarck":

„Der Tod des Fürsten Bismarck ist trotz seines Alters und der Kränklichkeit seiner letzten Jahre der Welt unerwartet gekommen." — National-Zeitung, 2. August 1898

SPORT · 1898

Ende Januar wird in Berlin eine „Deutsche Sportbehörde für Athletik" gegründet; ihr gehören elf Mitglieder an, unter ihnen Schuhmacher und Stasny aus Frankfurt und Boxhammer und Demmler aus Berlin; „Fast alle größeren Sportplätze hatten Vertreter gesandt", meldet der „Hannoversche Kurier" am 6. Februar. Die Radfahrer sind zahlreich: Der Deutsche Radfahrer-Bund nimmt in einer Woche 203 neue Mitglieder auf. Bei den Radweltmeisterschaften in Wien vom 8. bis 12. September gewinnt die englische Meile der Berufsfahrer der Amerikaner Banker vor Verheyen (Deutschland) und Jacquelin (Frankreich); der Deutsche Arend stürzt. Das Länder-Mannschaftsrennen teilen England und Dänemark unter sich.

Am 25. Mai starten in Berlin zwölf Motorwagen „der verschiedenartigsten Typen" zur Distanzfahrt Berlin–Leipzig–Berlin, es sind etwa 4.000 Mark Preise ausgesetzt. Start ist vormittags um 10½ Uhr am Landesausstellungspark, Rast machen die Wagen unter anderem in Potsdam, Beelitz, Wittenberg, Dessau, Cöthen, Halle und Leipzig; die Rückfahrt endet am 27. Mai gegen 5 Uhr nachmittags in Berlin. Der Hamburger Jachtklub schreibt für den 11. und 12. Juni eine offene Seewettfahrt von Cuxhaven nach Norderney aus, mit 1.000 Mark Preisen.

MODE · 1898

Die „Berliner Morgen-Zeitung" meldet am 30. November aus Paris, was die Damen im Winter tragen: große Hüte der Form „bergère" mit aufgeschlagener Krempe, „einen Halbmond, der auf der Frisur thront", für Theater und Konzert winzigen turbanartigen Aufputz aus Band, Spitzen, Blumen und kurzen Federn. „Als Garnitur der Straßenhüte ist in allererster Linie die Straußenfeder zu nennen", daneben der Paradiesvogel und Kolibris; dazu kommen die allgemeine Pelzmode, Sammet, Sammetband und schweres Failleband, Parmaveilchen und Chrysanthemen als Winterblumen und Tüllschleier mit großen Sammet- und Chenilletupfen. „Der Besitz einer langen warmen Hülle für kalte Wintertage ist ein unbedingtes Erforderniß." Im August, während der Hitzewelle vom 14. bis 18., bieten die Straßen Berlins nach dem „Berliner Tageblatt" „merkwürdige Kostümstudien": Der Schutzmann bekommt „gerade zur rechten Zeit" die neue Leinenuniform, die Postbeamten warten noch im „Stadium der Erwägungen".

KULTUR · 1898

Am Dienstag, dem 29. November, erscheinen Bismarcks Memoiren, „Gedanken und Erinnerungen", bei J. G. Cotta in Stuttgart, in zwei Bänden zu 20 Mark. „Aus den heute erscheinenden Memoiren des Fürsten Bismarck hat die Cotta'sche Verlagshandlung an eine Anzahl von Blättern — auch an französische — Bruchstücke aus dem Buch mitgetheilt", meldet der „Rheinische Merkur" am Erscheinungstag; schon vorher waren einzelne Kapitel in Zeitungen veröffentlicht worden, unter anderem über das Konfliktsministerium und die Berliner Märzbewegung von 1848. Den Vertrag hatte der Fürst im Juli 1890 in Friedrichsruh mit Kommerzienrat Adolph Kröner geschlossen, 43 Verleger hatten geboten. Die erste Auflage von 100.000 Stück ist rasch vergriffen. Cotta hält das Nachdruckverbot streng aufrecht: Auf telegraphische Anfrage der „Hamburger Nachrichten" verbietet sie den Abdruck von Auszügen durch andere Blätter. Die „Kölnische Zeitung" bespricht das Werk am 1. Dezember.

Die Berliner Theater spielen im November: im Deutschen Theater neben dem „Fuhrmann Henschel" „Nora", „Die versunkene Glocke" und „Cyrano von Bergerac", im Lessing-Theater „Der Star", im Berliner Theater „Zaza" und „Faust", im Königlichen Opernhaus „Der Prophet"; im Neuen Königlichen Opern-Theater Kroll gastiert der Verwandlungskünstler Fregoli. Am Freitag, dem 18. November, kommt im Königlichen Opernhaus Wilhelm Kienzls „Don Quixote", eine „musikalische Tragikomödie in drei Aufzügen", zur ersten Aufführung; in der großen Pause ist die Stimmung nach der „Staatsbürger-Zeitung" „nicht sehr begeistert", am Schluss gibt es „Ovationen mit Lorbeerbeilage".

KINO & FUNK · 1898

Die „lebenden Photographien" machen Eindruck. „Einen ganz wunderbaren Erfolg hat der ursprünglich von Lumière erfundene und allenthalben angestaunte Kinematograph gehabt", schreibt das „Neue Tagblatt" in Stuttgart am 14. Februar und zählt Nachahmer vom „Kinegraph" bis zum „Pictorialograph" auf. Im November meldet das „Jeversche Wochenblatt" einen Schwank, dessen Hauptperson „eine Sache" ist: „der Kinematograph"; die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet am 2. Oktober von der Anwendung des Kinematographen auf der Bühne, das „Merseburger Kreisblatt" am 16. Dezember von Vorführungen in der „Reichskrone" in Merseburg, die nur mäßig besucht sind. Dort führt man auch den Phonographen vor, mit „riesigem, blaßrot angestrichenem Schalltrichter": Ein Trompeter bläst ein Lied und Signale hinein, die das Gerät dann wiedergibt. Für die Weltausstellung 1900 kündigt man eine Verbindung von Telephon und Kinematograph an.

Die Funkentelegraphie macht Fortschritte. Der Geheimrat Professor Slaby von der Technischen Hochschule in Charlottenburg hat nach der „Kölnischen Zeitung" vom 30. Januar „die von dem Italiener Marconi erzielte telegraphische Verständigung von 16 km kürzlich auf 21 km erweitert"; in einer Schrift, die bei Leonhard Simon in Berlin erscheint, bleibt er bei dem Ausdruck Funkentelegraphie „statt des unzutreffenden Ausdrucks ‚Telegraphie ohne Draht'". Das Reichsmarineamt macht ähnliche Versuche an der Nordseeküste.

GESTORBEN · 1898

  • Lewis Carroll (65), englischer Schriftsteller und Mathematiker, eigentlich Charles Lutwidge Dodgson — 14. Januar, Guildford (Surrey).
  • William Ewart Gladstone (88), viermaliger britischer Premierminister — 19. Mai, Hawarden Castle.
  • Georg Ebers (61), Ägyptologe und Schriftsteller, geboren in Berlin — 7. August, Tutzing.
  • Stéphane Mallarmé (56), französischer Dichter — 9. September, Valvins bei Fontainebleau.
  • Pierre Puvis de Chavannes (73), französischer Maler — 24. Oktober, Paris.
  • Conrad Ferdinand Meyer (73), Schweizer Dichter — 28. November, Kilchberg bei Zürich.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1898

  • Zwei neue Gase und ein neues Element (Juni bis August, London und Paris). Im Juni berichten die Zeitungen von dem aus flüssiger Luft gewonnenen Krypton und bald darauf vom Neon, die Professor Ramsay und Morris Travers entdeckt haben; im August melden sie die Entdeckung des Elements Polonium durch das Ehepaar Curie in Paris. Der „Freiberger Anzeiger" meint am 17. August, das Jahr 1898 wäre, wenn sich das bestätigt, „das ereignißreichste in der ganzen Geschichte der Chemie".
  • Die „Valdivia" sticht in See (1. August, Hamburg). Der Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie verlässt unter Kapitän Krech mit zwölf Gelehrten unter Professor Carl Chun die Stadt zur ersten deutschen Tiefsee-Expedition, auf neun Monate angelegt, über Teneriffa, Kamerun und Kapstadt bis ins südliche Eismeer; Ende November meldet das „Hamburger Fremdenblatt" sie „zur Zeit dem antarktischen Eise nahe".
  • Blumentöpfe für Schulkinder (28. August, Berlin). Im Turnsaal in der Gipsstraße zeigt der Verein zur Förderung der Blumenpflege bei Schulkindern 3.000 ausstellungsfähige Pflanzen; im Mai waren 6.000 plombierte Töpfchen an Schulkinder ausgegeben worden, „von den fehlenden dreitausend haben manche seltsame Schicksale gehabt".
  • Professor Ramsay spricht in Berlin (19. Dezember). Auf Einladung der Deutschen Chemischen Gesellschaft hält der Londoner Professor William Ramsay im großen Hörsaal des chemischen Universitätslaboratoriums einen Vortrag über die neu entdeckten Gase und ihre Beziehung zum periodischen Gesetz; „Auch die Wissenschaft feiert ihre Feste", schreibt die „National-Zeitung" am 20. Dezember.

DAS WETTER · 1898 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 20,9 °C, das Minimum lag bei 13,1 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 17,0 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es blieb trocken (0,0 mm).

Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres war der 17. August mit 32,9 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 6. Februar mit −6,7 °C. Nach der Berliner Messreihe zählte das Jahr 40 Frosttage und keinen Eistag, dazu 30 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 4 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 540 mm.

(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1898

Charts gibt es nicht; die Liste stützt sich auf Spielplan-, Anzeigen- und Kritikbelege in Berliner Zeitungen des Jahres 1898: die Eröffnung des Metropol-Theaters am 3. September, Berliner Erstaufführungen aus Wien und Paris und die Lokalpossen von Apollo- und Thalia-Theater. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen sind 8 belegt; eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.

  1. Das Paradies der Frauen (große Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in 6 Bildern, „mit vollkommen freier Benutzung von Blum und Toché's ‚Madame Satan'") — Text: Julius Freund, Musik: Julius Einödshofer und Bertrand Sänger; Uraufführung 3. September 1898, Metropol-Theater Berlin, Eröffnungsvorstellung des früheren Theaters Unter den Linden unter Direktor Richard Schultz (Berliner Tageblatt, 4. September 1898; Berliner Börsen-Zeitung, 4. September 1898: „gestern Abend … eröffnet"; Staatsbürger-Zeitung, 20. Oktober 1898, 50. Aufführung; Tägliche Rundschau, 15. November 1898: „Zum 74. (und letzten) Male")
  2. Don Juan in der Hölle (phantastische Ausstattungs-Burleske mit Gesang und Tanz in 2 Bildern) — Text: Benno Jacobson (die Anzeigen zur Premiere nannten „Max Donny"), Musik: Wilhelm Rosenzweig; Uraufführung 12. Mai 1898, Apollo-Theater Berlin (National-Zeitung, 12. Mai 1898: Anzeige „Zum 1. Male"; Vorwärts, 14. Mai 1898: Kritik; Staatsbürger-Zeitung, 5. Juni 1898: „Zum 25. Male"; Staatsbürger-Zeitung, 7. August 1898: noch im Spielplan)
  3. Die Blumen-Mary (Operette in 3 Akten, für das Metropol-Theater bearbeitet von Julius Freund) — Text: Alexander Landesberg und Leo Stein, Musik: Carl Weinberger; Uraufführung 18. November 1897, Theater an der Wien; Berliner Erstaufführung 17. November 1898, Metropol-Theater (Berliner Morgen-Zeitung, 18. November 1898: „gestern … erstmalig"; National-Zeitung, 18. November 1898: Kritik, „lebhafter Beifall"; Berliner Tageblatt, 18. November 1898)
  4. Die Göttin der Vernunft (Operette in 3 Akten) — Text: A. M. Willner und Bernhard Buchbinder, für Berlin bearbeitet von Benno Jacobson, Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 13. März 1897, Theater an der Wien; Berliner Erstaufführung 20. Januar 1898, Theater Unter den Linden unter Direktor Julius Fritzsche (Deutsche Tageszeitung, 21. Januar 1898: „Zum ersten Male", Kritik; Berliner Börsen-Zeitung, 21. Januar 1898: „zehn Monate nach ihrer Wiener Première … vollen, durchschlagenden Erfolg")
  5. Der Opernball (Operette in 3 Akten nach „Die Rosa-Dominos") — Text: Victor Léon und Heinrich von Waldberg, Musik: Richard Heuberger; Uraufführung 5. Januar 1898, Theater an der Wien; Berliner Erstaufführung 11. März 1898, Theater Unter den Linden (Berliner Börsen-Zeitung, 11. März 1898: „Heute … die Première"; Staatsbürger-Zeitung, 11. März 1898: „Zum 1. Male"; Deutsche Tageszeitung, 12. März 1898: Kritik)
  6. Die kleinen Michus (Operette in 3 Akten; Original „Les p'tites Michu") — Text: Albert Vanloo und Georges Duval, deutsch von Julius Freund und Heinrich Bolten-Baeckers, Musik: André Messager; Uraufführung 16. November 1897, Théâtre des Bouffes-Parisiens Paris; Berliner Erstaufführung 25. Dezember 1898, Metropol-Theater (Berliner Morgenpost, 18. Dezember 1898: „zum ersten Feiertag … zum ersten Male"; Berliner Tageblatt, 27. Dezember 1898: Kritik; Deutsche Tageszeitung, 27. Dezember 1898: „am ersten Feiertage")
  7. Unser lustiges Berlin (große Gesangsposse in 5 Bildern) — Text: E. Sondermann und Ch. Bischoff, Couplets: Alfred Bender, Musik: Curt Goldmann; Uraufführung 21. September 1898, Thalia-Theater Berlin, Saisoneröffnung, wegen der Generalprobe um einen Tag verschoben (Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 20. September 1898: Verschiebung; Berliner Börsen-Zeitung, 22. September 1898: „gestern Abend … zum ersten Male", Kritik; Staatsbürger-Zeitung, 22. September 1898: Kritik)
  8. Der Hypotheken-Schuster (Posse mit Gesang in 3 Akten) — Text: Leopold Ely, Musik: Cornelius Schüler; Uraufführung 10. November 1898, Thalia-Theater Berlin, Gastspiel Helmerding (Staatsbürger-Zeitung, 10. November 1898: „Zum ersten Male"; Staatsbürger-Zeitung, 11. November 1898: Kritik; Berliner Morgen-Zeitung, 11. November 1898: Kritik; Tägliche Rundschau, 12. November 1898: „Zum 3. Male")
Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Reichstagswahl Kiel–Rendsburg: Professor Hänel schlägt Legien in der Stichwahl

Der siebente schleswig-holsteinische Wahlkreis Kiel–Rendsburg, bisher durch den Sozialdemokraten Carl Legien im Reichstag vertreten, hat am 24. Juni einen neuen Abgeordneten gewählt: den Kieler Staatsrechtler Professor Albert Hänel von der Freisinnigen Vereinigung.

Die Hauptwahl am 16. Juni hatte noch dem bisherigen Abgeordneten die meisten Stimmen gebracht. Nach der amtlichen Feststellung erhielt Legien 19 419 Stimmen, Hänel 12 682, Reventlow für die Antisemiten und den Bund der Landwirte 4 077 und der Nationalliberale Groth 2 579; 278 Stimmen waren zersplittert. Insgesamt waren 39 120 Wähler zur Urne gegangen. Keiner der Bewerber erreichte die absolute Mehrheit, und so kam es acht Tage später zur Stichwahl zwischen Legien und Hänel.

Am Freitag, dem 24. Juni, fiel die Entscheidung. Von 44 173 gültigen Stimmen erhielt Hänel 23 007, Legien 21 166; der Professor lag damit um 1 841 Stimmen vorn. Im ganzen Wahlkreis gingen 89,13 Prozent der Wähler zur Urne, in der Stadt Kiel gaben von 17 716 Wählern 16 235 ihre Stimme ab.

Kiel feiert den 24. März 1848: Festzug, Fackeln und ein Herzog im Rathaussaal

Festzug des Kieler Männer-Turnvereins von 1844 auf dem Wilhelmsplatz am 24. März 1898
Der Kieler Männer-Turnverein von 1844 im Festzug zur Erinnerung an die Erhebung gegen Dänemark, auf dem Wilhelmsplatz am 24. März 1898, Aufnahme von Arthur Renard (Stadtarchiv Kiel, Public Domain)

Kiel, „dem Ausgangspuncte der Erhebung“, hat den fünfzigsten Jahrestag der Bildung der Provisorischen Regierung im Rathaus festlich begangen. Die Feier begann am Mittwoch, dem 23. März, mit Fackelzug und Kommers im „Colosseum“, trotz Sturm und Schneegestöber; Stadtrat Hanssen hielt die Festrede.

Am Donnerstag, dem 24. März, läuteten früh die Glocken, die Gräber der gefallenen Achtundvierziger auf dem alten Friedhof wurden geschmückt, danach folgten Festgottesdienst in der Nikolaikirche und Festakt in der Universität. Der Festzug ordnete sich mittags um 1 Uhr auf dem Wilhelmsplatz, sein Vorbeimarsch nahm „eine volle Stunde“ in Anspruch. Hinter Herolden, Feuerwehr, Musikchor und Festausschuss fuhr als erster Festwagen „Up ewig ungedeelt“, König Christian I. zwischen den Gestalten Schleswig und Holstein; ihm folgten die Veteranen von 1848/51, im ersten Wagen Professor von Esmarch. Im Zuge gingen Akademiker, Gewerke, Werftarbeiter und Turnvereine. Kaiserin Friedrich, die im Kieler Schloss weilte und für den Festtag in der Stadt blieb, sah mit Prinzessin Heinrich den Vorbeimarsch.

Im Rathaussaal nahm Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein die Huldigung entgegen; Oberbürgermeister Fuß sprach im Namen des Festkomitees und schloss mit einem Hoch auf Kaiser und Kaiserin. Beim Festessen gedachte der Herzog seines Großvaters und seines Vaters, dem die Stadt Kiel ein Denkmal setzen will. An der Außenmauer des Rathauses prangten Kolossalgemälde der Maler Olde und Fürst mit der Proklamation der Regierung, die Straßen waren mit Tannengrün und Flaggen in den schleswig-holsteinischen und deutschen Farben geschmückt, fast alle Geschäfte blieben geschlossen. Im Thaulow-Museum waren Erinnerungsstücke ausgestellt.

Es war ein bemerkenswertes Zusammentreffen, dass genau fünfzig Jahre nach der Erhebung im Reichstag ein entscheidender Beschluss zugunsten der deutschen Flotte gefasst wurde.

Stapellauf der „Gazelle“ bei Krupp: Prinzessin Heinrich tauft den Kleinen Kreuzer

Der Kleine Kreuzer „Gazelle“, Gemälde
Der Kleine Kreuzer „Gazelle“, wie ihn der Marinemaler Hugo Graf 1899 darstellte, aus dem Tafelwerk „Deutschland zur See“ von 1902 (Public Domain)

Auf der Germaniawerft (Krupp) in Gaarden bei Kiel lief am Donnerstag mittag der Kleine Kreuzer „G“ vom Stapel. Prinzessin Heinrich taufte ihn in Gegenwart der Kaiserin Friedrich mit den Worten: „Im Allerhöchsten Auftrage Sr. M. des Kaisers taufe ich Dich ‚Gazelle‘.“ Die Marine erhält damit wiederum ein Schiff des Namens, den ehemals eine preußische Kreuzerfregatte getragen hat.

Die Taufrede hielt Staatssekretär Tirpitz vom Reichsmarineamt. Er verwies auf das eben erledigte Flottengesetz und auf die Anwesenheit des Prinzen Heinrich in Ostasien; es folgten ein dreifaches Hoch auf den Kaiser und die Nationalhymne. Beim Frühstück im Verwaltungsgebäude der Werft trank Tirpitz auf die Germaniawerft, die „durch die Firma Krupp neue Kraft erhalten habe“.

Das Schiff hat 100 Meter Länge und 11,8 Meter Breite; seine beiden Maschinen sollen 9 000 Pferdekräfte entwickeln und ihm 19,5 Knoten Fahrt verleihen. An Bewaffnung erhält es zehn 10,5-cm-Schnellladekanonen, vierzehn 3,7-cm-Maschinenkanonen, vier Maschinengewehre und drei Torpedorohre, dazu ein Panzerdeck von 20 bis 50 Millimeter Stärke. Die Besatzung soll 211 Mann zählen. Die Gesamtkosten sind mit 3 350 000 Mark angegeben, zu denen noch eine Million Mark für die Artillerie und 240 000 Mark für die Torpedoarmierung kommen.

Ein Walfisch in der Förde: Kieler Herren chartern den Dampfer „Hermann“

Seit Wochen trieb sich in der Eckernförder Bucht, in der Kieler Förde und in der Flensburger Förde ein „Walfisch“ herum und trat den Fischern als „Mitbewerber im Fischfang“ entgegen, zum Schaden der Sprott-, Hering- und Dorschfischerei. Um den 21. November wagte er sich bis auf die Höhe von Ellerbek in den Hafen hinein und kehrte später in die Wiker Bucht zurück.

An Versuchen, des Tieres habhaft zu werden, fehlte es nicht. Die Flensburger Fischer blieben mit ihrer Fahrt ohne Erfolg, und ebenso erging es Kieler Herren, die den Dampfer „Hermann“ charterten und „mit Fanggeräthen reich ausgerüstet“ auf Walfischfang gingen: Sobald sich die kühnen Jäger blicken ließen, suchte das Tier die offene See auf. In Schleswig beriet am 21. November eine Versammlung im „Börsenkeller“ eine Walfischjagd nach Eckernförde. Am 13. November hörte man auf der Eckernförder Föhrde, als es auftauchte, „eine wahre Kanonade“; am 29. November entsandte Kiel eine Anzahl „unternehmungslustiger Nimrode“, die auch eine Anzahl Hagelflinten mitnahmen. Anfang Dezember fuhren acht Herren Berliner Ruder- und Seglerclubs vom Lehrter Bahnhof eigens zur Walfischjagd nach Kiel; Mitte Dezember wurde in Flensburg eine Jagd mit dem Kanonenboot wegen niedrigen Wasserstandes verschoben.

Das Hamburger Fremdenblatt druckte ein Gedicht „Der Walfisch in der Föhrde“, das Hamburger Echo einen „Walfisch-Monolog“. Mitte Dezember kam die Auflösung: Der Walfisch habe sich als „ein ganz gewöhnlicher, allerdings zur Familie der Wale gehöriger Delphin“ entpuppt.

KURZ NOTIERT · Kiel 1898

  • Anfang Februar — Die Howaldtswerke in Kiel liefern für die rumänische Staatsbahn-Direktion in Braila den Dampfer „Turnu Severin“.
  • Anfang März — Zum ordentlichen Professor der Physik an der Universität Kiel, als Nachfolger des an die Technische Hochschule München gehenden Hermann Ebert, ist Philipp Lenard aus Heidelberg berufen worden; er hat durch seine Arbeiten über die Kathodenstrahlen die Röntgenschen Untersuchungen gleichsam eingeleitet und kürzlich mit Röntgen den La-Caze-Preis der Pariser Akademie erhalten.
  • 1. April — Von Mitternacht an übernimmt die Königliche Polizei in Kiel die Sicherheitspolizei von der Stadt. Sie teilt sich in sechs Reviere, Gaarden und Hassee bilden das fünfte, Ellerbek, Wellingdorf, Neumühlen und Dietrichsdorf das sechste; rund 140 Schutzleute stehen im Dienst. Die Hafenpolizei bleibt zunächst städtisch.
  • Anfang Juli — Nachdem das preußische Abgeordnetenhaus die Mittel für eine Irrenklinik bei der Universität Kiel bewilligt hat, sind nunmehr alle deutschen Universitäten mit Irrenkliniken ausgestattet.
  • 14. September — Oberbürgermeister Fuß eröffnet in Köln als Vorsitzender die 23. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege, gedenkt des Fürsten Bismarck und der ermordeten Kaiserin Elisabeth und bringt das Kaiserhoch aus.
  • Ende September — Die Firma Sartori & Berger bestellt für ihre Tagespostlinie Kiel–Korsör neben den Doppelschraubendampfern „Prinz Waldemar“ und „Prinz Adalbert“ einen dritten, gleich großen, dessen Bau bei Howaldts Werken bereits begonnen hat; zum Frühjahr soll er die Hauptlinie zwischen Skandinavien und dem westlichen Europa verstärken.
  • 12. Oktober — Geheimrat Krupp beschließt, die zur Germaniawerft gehörige Schiffsmaschinenfabrik von Tegel bei Berlin im kommenden Frühjahr nach Gaarden bei Kiel zu verlegen.

SPORT AN DER FÖRDE · 1898

  • Segeln — Bei der See-Regatta des Norddeutschen Regatta-Vereins am 25. Juni gingen vor Kitzeberg 43 Jachten an den Start, Ziel war bei Laboe. Die Kaiserjacht „Meteor“ gewann den Jubiläums-Wanderpreis, in Klasse Ib siegte „Kommodore“ von der Germaniawerft vor den englischen „Senta“ und „Tutty“; das Hamburger Fremdenblatt sprach von einem Sieg der deutschen Schiffbaukunst über die besten in England gebauten Jachten.
  • Segeln — Am 29. Juni gewann die Jacht der Kaiserin, „Iduna“, auf der Fahrt Eckernförde–Kiel den Krupp-Preis, vor „Latona“ und „Loreley“. Unter den Kreuzerjachten wurden in diesem Jahr 31 gezählt gegenüber neun im Vorjahr.
  • Rudern — Bei der Internationalen Amateur-Ruder-Regatta auf dem Kieler Hafen am 9. und 10. Juli gewann der Erste Kieler Ruder-Club von 1862 den Achter um den Ehrenpreis des Prinzen Heinrich von Preußen in 7 Minuten 15½ Sekunden. „Allemannia“ aus Hamburg schlug kurz vor dem Ziel voll Wasser; niemand kam zu Schaden.
  • Radfahren — Am 24. Juli gewann auf der Bahn des Rennvereins Kieler Radfahrer Paul Albert aus Hannover die Meisterschaft von Norddeutschland über 1 000 Meter in 1 Minute 32,4 Sekunden vor F. Rost aus Hamburg und E. Rahmann aus Bremerhaven; rund 3 000 Zuschauer kamen trotz Unwetters.
  • Turnen — Am 19. Juni turnten in Neumünster rund 240 Turner des Ostholsteinischen Turngaues aus Kiel, Gaarden, Ellerbek, Friedrichsort und anderen Orten zur Vorbereitung auf das Deutsche Turnfest in Hamburg.

DAS WETTER · 1898 in Kiel

Von der Ostseeküste meldete die Wetterwarte in Lübeck für den 13. Juli ein Tagesmaximum von 17,2 °C und ein Minimum von 11,4 °C bei einem Tagesmittel von 13,1 °C.

Das Jahr über verzeichnete Lübeck ein Jahresmittel von 8,7 °C. Der heißeste Tag war der 16. August mit 31,5 °C, der kälteste Tiefstwert fiel auf den 6. Februar mit −4,3 °C. Das Jahr zählte 11 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 2 Hitzetage von mindestens 30 °C, dazu 44 Frosttage und keinen Eistag.

(Messwerte der DWD-Station Lübeck-Werft. Quelle: DWD Climate Data Center.)