DER CHRONIST
Im März warf ein junger Mann in Bremen ein Eisenstück gegen den Wagen des Kaisers; im Januar starb in Osborne die Königin Viktoria, im August in Kronberg ihre Tochter, die Kaiserin Friedrich. Im Juli stiegen die Berliner Meteorologen Berson und Süring im Ballon höher als je ein Mensch vor ihnen, im Dezember wurden in Stockholm die ersten Nobelpreise überreicht, und seit dem 1. März hängen in Elberfeld die Wagen der Schwebebahn über der Wupper. Das Jahrhundert, das das Reich schon 1900 gefeiert hat, beginnt nach der Rechnung der Astronomen erst mit diesem 1. Januar 1901; wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet darin Bulletins, Wahlzettel und Berliner Vermischtes dicht nebeneinander.
Bremen: Ein Eisenstück fliegt gegen den Wagen des Kaisers

Am Abend des 6. März besucht Kaiser Wilhelm II. Bremen. Nach dem Essen im Rathskeller fährt er gegen 10 Uhr abends mit Bürgermeister Dr. Schultz im offenen Wagen zum Bahnhof. Am Domshof, an der Einmündung der Buchtstraße, wirft ein junger Mann ein Eisenstück, später als Schienenriegel erkannt und rund anderthalb Pfund schwer, gegen den Kopf des Kaisers und trifft die rechte Gesichtshälfte. Der Kaiser bemerkt es zunächst nicht; erst auf dem Bahnhof macht ihn der Bürgermeister auf das Blut aufmerksam, und Dr. Ilberg legt den ersten Verband an. Das Bulletin der Ärzte von Leuthold, von Bergmann und Ilberg meldet am 7. März eine vier Zentimeter lange Wunde über dem Jochbein, „welche bis auf den Knochen dringt", die ohne Naht durch einen Verband geschlossen wird; die Nacht sei leidlich gewesen, das Allgemeinbefinden gut. Um 8 Uhr früh trifft der Kaiser auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin ein und muss „eine Anzahl Tage das Bett hüten".
Der Täter, der 19 Jahre alte Schlosser Dietrich Weiland, ist nach den ersten Meldungen schon anderthalb Jahre in einer Anstalt für Epileptische gewesen, führt ein Mittel gegen Epilepsie bei sich und verfällt bei der Vernehmung in Krämpfe. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, von Kröcher, teilt dem Haus mit, die Wunde habe genäht werden müssen; das ärztliche Bulletin widerspricht. Am 24. Juni lehnt der erste Strafsenat des Reichsgerichts in Leipzig nach dem Gutachten von sechs Psychiatern die Eröffnung des Hauptverfahrens ab und setzt Weiland als unzurechnungsfähig außer Verfolgung; das „Berliner Tageblatt" fragt am 27. Juni, wie gefährlich Epileptiker für die Allgemeinheit seien.
Königin Viktoria stirbt in Osborne, ihre Tochter, die Kaiserin Friedrich, in Kronberg

Nach einem Schlaganfall am Abend des 16. Januar reist Kaiser Wilhelm II. sofort nach England: am Sonntag, dem 20. Januar, trifft er mit dem Herzog von Connaught in London ein, in der Nacht zum 21. fährt er mit dem Prinzen von Wales im Sonderzug nach Portsmouth und weiter nach Osborne auf der Insel Wight. Die Königin ist nach dem Bericht des „Berliner Tageblatts" zu schwach, um mehr zu tun, als erkennen zu lassen, dass sie ihren Enkel wiedererkennt. Am 22. Januar um 6½ Uhr nachmittags stirbt sie, 81 Jahre alt und nach 63 Jahren auf dem Thron, „umgeben von ihren Kindern und Enkeln", wie der neue König in einem Telegramm an den Lordmayor mitteilt. In London werden die Theater geschlossen, in der City läuten die Glocken, die Blätter erscheinen mit Trauerrand. Der Thronfolger Albert Edward tritt als König Eduard VII. an; das „Berliner Tageblatt" fragt besorgt, ob nun „ein Sprung ins Dunkle" bevorstehe, und beruhigt sich selbst mit dem Hinweis auf die Regierungsform. Das Staatsbegräbnis findet am Sonnabend, dem 2. Februar, in der St.-George's-Kapelle zu Windsor statt, die Beisetzung am 4. Februar in Frogmore neben dem Prinzgemahl Albert; der Kaiser nimmt teil.
Im Sommer folgt der Königin ihre älteste Tochter. Die Kaiserin Friedrich, Witwe Kaiser Friedrichs III., leidet seit Jahren an einem schleichenden Leiden; das Bulletin aus Schloss Friedrichshof vom 4. August, unterzeichnet von Renvers und Spielhagen, nennt das „seit Jahren langsam fortschreitende äußere Leiden", das sich „im Verlauf der letzten Wochen auf die inneren Organe ausgedehnt" habe. Der Kaiser kehrt vorzeitig zurück, die Kaiserin, der Kronprinz und die Prinzen Eitel Friedrich und August Wilhelm reisen nach Kronberg im Taunus. Am 5. August stirbt die Kaiserin Friedrich im Alter von 60 Jahren. Die Beisetzung am 13. August in der Friedenskirche im Park von Sanssouci neben ihrem Gemahl besuchen viele Engländer, die großen englischen Blätter sind durch Berichterstatter vertreten. Zwei Trauerfälle in der Familie des Kaisers in einem Jahr.
Zweihundert Jahre Königreich Preußen: Die Feier in Berlin

Am 18. Januar 1901 sind es zweihundert Jahre, seit sich Kurfürst Friedrich III. in Königsberg zum „König in Preußen" krönte. Berlin feiert den Tag mit einem Ordensfest und am Abend mit einer Festvorstellung im Opernhaus, zu der auf Befehl des Kaisers nur geladene Gäste kommen, „in Gegenwart des Hofes und der fremden Fürstlichkeiten". Aus Anlass des Jubiläums stiftet der Kaiser den Verdienst-Orden der Preußischen Krone, der im Rang zwischen dem Schwarzen Adler-Orden und dem Großkreuz des Roten Adler-Ordens steht, und er erhebt eine Reihe von Männern in den Adels- oder Fürstenstand, darunter Graf Guido Henckel von Donnersmarck auf Neudeck zum Fürsten mit dem Prädikat „Durchlaucht".
Zu den fremden Gästen gehören Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este, die Großherzogin von Baden, der Herzog von Connaught als britischer Vertreter, Großfürst Wladimir von Russland und der Herzog von Aosta; der Kaiser trägt im Opernhaus eine österreichische Husarenuniform. Schon am Festtag liegt der Schatten der Krankheit der Königin Viktoria über dem Hof: Am 19. Januar meldet das „Berliner Tageblatt", ihr Zustand sei „nicht unbedenklich", und der britische Festgesandte reist ab. Die „National-Zeitung" berichtet dennoch, „überall ist der Tag mit großer Begeisterung gefeiert worden", und österreichische Blätter urteilen, Preußen sei „ein durchaus moderner Staat" geworden.
Berlin wählt, und der Kaiser bestätigt nicht

Am 25. April wählt die Stadtverordnetenversammlung den Stadtrat Gustav Kauffmann, Rechtsanwalt und Notar, mit 67 gegen 59 Stimmen zum Zweiten Bürgermeister auf zwölf Jahre; im Saal und auf der Tribüne herrscht „lebhafter Beifall". Doch am 8. Juli erlässt der Oberpräsident die Mitteilung, der König habe die Bestätigung versagt. Gründe nennt der Erlass nicht; das „Berliner Tageblatt" vermutet am 9. Juli „ziemlich allgemein", Kauffmann werde seine Entlassung als Leutnant der Garde-Landwehr wegen politischer Tätigkeit vor 18 Jahren entgegengehalten. Am 12. September wählen die Stadtverordneten ihn erneut, diesmal mit 109 von 124 abgegebenen Stimmen. Der Oberpräsident erklärt, die Wahl nach § 33 der Städteordnung dem König nicht vorzulegen, und fragt beim Magistrat an, ob die Stelle kommissarisch verwaltet werden soll; nach § 33 kann sie „einstweilen auf Kosten der Stadt" verwaltet werden. Das „Berliner Tageblatt" schreibt zum Erlass am 7. Oktober: „Die formale Korrektheit dieser Oberpräsidialentscheidung steht außer Frage … Gleichwohl wird diese Oberpräsidialentscheidung überall ein großes Aufsehen hervorrufen." Der Kaiser spricht Anfang Oktober im Jagdschloss Hubertusstock mit Oberbürgermeister Kirschner; das Blatt folgert daraus am 9. Oktober, „daß der Kaiser und König weit davon entfernt ist, einen Konflikt mit der Bürgerschaft von Berlin zu suchen". Am Jahresende ist die Frage nicht entschieden.
Am 6. November wählt in Berlin die dritte Abteilung die Stadtverordneten, am 8. und 9. November folgen die zweite und die erste. Nach dem Dreiklassenwahlrecht werden 50 Sitze neu besetzt; in der dritten Abteilung gewinnt die Sozialdemokratie 13 der 16 Mandate (vorher 7), die Liberalen kommen auf 3 (vorher 8), die Antisemiten verlieren ihren Sitz. Die sozialdemokratische Fraktion wächst damit von 22 auf 28 der 144 Sitze; die Liberalen stellen 115 Stadtverordnete, die Antisemiten einen. Die erste Abteilung wählt ausschließlich liberale Kandidaten.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden, 16. Oktober — Nationalliberale 24, Zentrum 23 von 63 Sitzen. Zentrum erobert Engen–Stockach; SPD 6, Demokraten 5.
- Sachsen, 11. Oktober — Konservative 22, Nationalliberale 7 (Ergänzungswahl von 30 Sitzen). Die SPD verliert ihre letzten vier Mandate.
- Hamburg, 15. Februar — Bürgerliche 159, SPD 1 von 160 Sitzen. Erster Sozialdemokrat in der Bürgerschaft: Otto Stolten.
- Sachsen-Altenburg, 26. April — Konservative rund 20, SPD 4 von 30 Sitzen. SPD siegt in Altenburg-Stadt.
Gumbinnen: Der Rittmeister v. Krosigk wird in der Reitbahn erschossen

Am Nachmittag des 21. Januar wird in Gumbinnen in Ostpreußen der Rittmeister und Eskadronchef v. Krosigk vom Pommerschen Dragoner-Regiment Nr. 11 in der Reitbahn der Kaserne erschossen; die Kugel kommt aus einem Guckloch in der Seitenwand und trifft ihn in die Brust. Er stirbt nach wenigen Minuten, sein letztes Wort gilt dem Wachtmeister: „Haben Sie geschossen?" Den Karabiner findet man rauchend im Vorraum. Ein Kriminalkommissar aus Berlin wird zugezogen; der Verdacht fällt zunächst auf einen Fahnenschmied und wechselt dann. Der Unteroffizier Marten flieht am 12. März aus dem Untersuchungsgefängnis und wird am 13. März wieder festgenommen.
Anfang Juni spricht das Kriegsgericht in Gumbinnen die angeklagten Unteroffiziere vom Mord frei, Marten erhält wegen Fahnenflucht ein Jahr Gefängnis, und der Gerichtsherr legt Berufung ein. Vom 15. August an verhandelt das Ober-Kriegsgericht des 2. Armeekorps in Gumbinnen unter dem Vorsitz des Oberstleutnants Freiherr v. Schimmelmann; „in den Häusern und auf den Straßen" herrscht nach dem „Berliner Tageblatt" lebhaftes Interesse. Am 20. August verurteilt es Marten zum Tode. Der „Vorwärts" meldet am 21. August: „In Gumbinnen hat das Ober-Kriegsgericht den Unteroffizier Marten zum Tode verurteilt als Mörder des Rittmeisters v. Krosigk." Der mitangeklagte Hickel, dem Beihilfe vorgeworfen wurde, wird freigesprochen. Gegen das Urteil ist Revision beim Reichsmilitärgericht in Berlin eingelegt, gestützt vor allem auf einen Formfehler bei der Besetzung des Ober-Kriegsgerichts; am 20. Dezember berichtet der „Vorwärts", die Entscheidung werde noch erwartet. Am Jahresende ist der Fall nicht abgeschlossen.
Der „Sühneprinz" in Potsdam, Frieden mit China in Peking

Im Juni 1900 wurde in Peking der deutsche Gesandte Clemens Freiherr von Ketteler ermordet; nun muss China eine Sühnemission nach Deutschland schicken. An ihrer Spitze reist Prinz Tschun, der Bruder des Kaisers von China, den die Presse den „Sühneprinzen" nennt und der in Basel Aufenthalt nimmt und am 2. September abends weiterreist. Am 4. September um 12½ Uhr mittags empfängt ihn Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais bei Potsdam; das „Berliner Tageblatt" schreibt am Abend, der Prinz sei „nunmehr als entsühnt zu betrachten". Er wohnt als Gast des Kaisers in der Orangerie bis zum Freitag. In Berlin nimmt man Rücksicht auf den hohen Gast: Arbeiten an der Unterleitung Unter den Linden bleiben liegen, bis er die Straße passiert hat.
Drei Tage später, am 7. September, unterzeichnen in Peking die Gesandten der Mächte, für das Reich Mumm von Schwarzenstein, und die chinesischen Bevollmächtigten das Schlussprotokoll; China verpflichtet sich zur Bestrafung hoher Beamter und zu einer Entschädigung von 450 Millionen Taels, zahlbar in 39 Jahren zu 4 Prozent. Am 27. September schreibt das „Berliner Tageblatt": „Der Sühneprinz ist vom Kaiser empfangen, und die Friedensverträge sind rechtsverbindlich auch von chinesischer Seite unterzeichnet." Mitte September bestimmt der Kaiser für die Denkmünzen und Ordensverleihungen, dass als Beginn der kriegerischen Ereignisse in Ostasien der 30. Mai 1900 und als ihr Ende der 29. Juni 1901 gilt.
Chamberlains Edinburgher Rede und die Empörung in Deutschland

Am 25. Oktober spricht der englische Kolonialminister Joseph Chamberlain in Edinburgh vor 8000 Unionisten. Er greift die irischen Abgeordneten an, weist den Vorwurf zurück, die Regierung habe den Krieg vorbereitet, und kündigt „strengere Maßregeln" gegen die Aufständischen und „Guerillabanden" in Südafrika an. Dafür werde die Regierung Präzedenzfälle „in dem Vorgehen jener Nationen finden, welche Englands Vorgehen als Barbarei und Grausamkeit verurteilten; aber sie werde sich doch nie dem nähern, was diese Nationen in Polen, im Kaukasus, in Bosnien, Tonkin und im Kriege von 1870 thaten", gibt das „Berliner Tageblatt" am 26. Oktober die Stelle wieder. Das „1870" trifft Deutschland; die „Deutsche Tageszeitung" setzt in ihrem Bericht „(immer wieder diese Lüge!)" und ein „(!)" hinter die Jahreszahl.
Die Blätter der Richtungen urteilen scharf. Der „Vorwärts" nennt die Rede am 27. Oktober „eine trotzige Kriegserklärung an die Gegner seiner imperialistischen Raubpolitik" und spricht von „dem entsetzlichen Blutvergießen, der Kitchenerschen Henkersthätigkeit und dem Kinder-Massenmord in den Konzentrationslagern". Das „Berliner Tageblatt" richtet den Blick auf England selbst: Gegen Chamberlain als „den eigentlichen Urheber des Krieges in Südafrika" und gegen den Kriegsminister Brodrick richte sich dort „mehr und mehr der allgemeine Unwille", selbst in Kreisen, die sonst mit dem Ministerium Salisbury einverstanden seien.
McKinley in Buffalo niedergeschossen, Roosevelt Präsident

Am 6. September schießt der Anarchist Leon Czolgosz auf der Panamerikanischen Ausstellung in Buffalo den Präsidenten William McKinley im Temple of Music zweimal in den Leib, als dieser Besuchern die Hand schüttelt. „Es hat ein anarchistisches Attentat auf den Präsidenten Mac Kinley in der panamerikanischen Ausstellung in Buffalo stattgefunden", meldet das „Berliner Tageblatt" am Abend des 7. September nach einem Kabeltelegramm seines New Yorker Korrespondenten; der Täter sei fein gekleidet gewesen und habe die Hand des Präsidenten festgehalten, während er schoss.
Zunächst hoffen die Ärzte, doch von Freitag, dem 13. September, an verschlimmert sich der Zustand durch eine Wundinfektion. Am 14. September um 2.15 Uhr morgens Ortszeit stirbt McKinley im Alter von 58 Jahren. Vizepräsident Roosevelt, den ein Sonderzug nach Buffalo bringt, leistet dort den Amtseid; bis dahin führt der Staatssekretär Hay die Geschäfte. Czolgosz wird nach dem Prozess am 29. Oktober auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Die ersten Nobelpreise: Röntgen, van 't Hoff und Emil von Behring

Am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, werden in Stockholm durch Kronprinz Gustaf die ersten Nobelpreise überreicht. Den Preis für Physik erhält Wilhelm Conrad Röntgen in München, der Entdecker der X-Strahlen, den für Chemie Jacobus Henricus van 't Hoff, ein Holländer, der als Professor in Berlin lehrt, den für Medizin Emil von Behring in Marburg für die Serumtherapie der Diphtherie, der seit dem 18. Januar geadelt ist. Der Literaturpreis fällt an den Franzosen Sully Prudhomme, den der französische Gesandte vertritt; den Friedenspreis, den in Christiania ein Ausschuss des norwegischen Storthing vergibt, teilen Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, und Frédéric Passy, die beide telegrafisch danken. Jeder Preis beträgt in runder Summe 150 000 schwedische Kronen. Der Präses der Akademie, Odhner, redet Röntgen in deutscher Sprache an, und die Festversammlung erhebt sich. Alle drei Wissenschaftspreisträger lehren an deutschen Hochschulen.
Die Berliner Presse war dem Ereignis vorausgeeilt: Am 3. Dezember hatte das „Berliner Tageblatt" als Preisträger der Literatur den Spanier Echegaray gemeldet, eine vorab verbreitete Nachricht, die sich nicht bestätigte.
Aus heutiger Sicht
Der Nobelpreis, hier zum ersten Mal verliehen, wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einer Marke, die weit über den Kreis der Wissenschaften hinaus bekannt ist.
Berson und Süring steigen im Ballon über 10 000 Meter

Am 31. Juli um 10.50 Uhr vormittags steigen die Berliner Meteorologen Arthur Berson vom Aeronautischen Observatorium und Dr. Reinhard Süring bei windstillem Wetter mit dem Ballon „Preußen" von 8400 Kubikmetern auf. Der Ballon ist ein Geschenk an das Observatorium, der Kaiser hat 10 000 Mark aus seinem Dispositionsfonds dazugegeben. Die Fahrt endet nachmittags bei Briesen in der Nähe von Kottbus. Die Blätter melden „über 10 000 Meter", die Meldungen schwanken zwischen 10 300 und 10 500 Metern; die beiden Männer werden oben ohnmächtig, und zuletzt haben sie 40 Grad Kälte abgelesen. „Mit diesem Aufstieg hat Berson seinen eigenen Rekord geschlagen", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 2. August; er stand bisher bei 9155 Metern vom 4. Dezember 1894. Die Presse hält die erreichte Höhe für „die äußerste dem Menschen überhaupt zugängliche Grenze". Im Oktober melden die Blätter nach einem Vortrag der beiden Luftschiffer, nach dem Barographen habe der Ballon 10 800 Meter erreicht; die letzte unmittelbare Ablesung entspreche 10 500 Metern.
Frühere Fahrten bleiben dahinter zurück: Die Angaben von Glaisher und Coxwell aus dem Jahr 1862, sie seien auf 10 000 bis 11 000 Meter gekommen, „entbehren der Wahrscheinlichkeit", urteilt das Blatt, und der Tod der Luftschiffer Sivel und Crocé-Spinelli 1875 in etwa 8000 Metern Höhe mahnt zur Vorsicht.
Aus heutiger Sicht
Die 10 800 Meter aus der Auswertung des Barographen gelten in der Literatur bis heute als die Höhe dieser Fahrt.
Paris–Berlin: Die Automobil-Fernfahrt endet auf der Trabrennbahn Westend

Vom 27. bis 29. Juni läuft die Fernfahrt des Automobile Club de France von Paris über Aachen und Hannover nach Berlin, rund 1200 Kilometer in drei Tagesabschnitten, mit über hundert gemeldeten Wagen und einer Reihe von Motorrädern. Am Sonnabend, dem 29. Juni, trifft Henri Fournier auf einem Mors um 11 Uhr 46 Minuten vormittags als Erster auf der Trabrennbahn Westend in Charlottenburg ein; ein Reifenschaden in Magdeburg hat ihn nicht gehindert. Hinter ihm folgen Girardot, Gassier, de Knyff, Charron und Farman; Louis Renault belegt mit einer Voiturette den achten Platz. Die Fahrer rollen durch den Tiergarten und die Linden zur Automobilausstellung in der Georgenstraße. Für das „Berliner Tageblatt" ist Fournier am 30. Juni „der leitende Zeitgenosse für Berlin"; das Blatt findet an der Fahrt „etwas Phantasievolles, Bestrickendes und zu gleicher Zeit etwas Brutales, Rücksichtsloses".
Der Kaiser bleibt dem Einzug fern, was Pariser Blätter „leise enttäuscht" vermerken; dem Präsidenten des Deutschen Automobilklubs, dem Herzog von Ratibor, dankt er telegrafisch für die Meldung von der glücklichen Beendigung der Rennfahrt. Fournier bittet die französischen Journalisten, „die Legende zu zerstören, daß die deutschen Straßen schlecht waren".
Schon im März hat sich ein deutscher Wagen hervorgetan. Bei der Fahrt Nizza–Salon–Nizza über 392,6 Kilometer siegt der Mechaniker Werner des Barons Henri de Rothschild auf einem „Mercedes-Wagen" der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Cannstatt in 6 Stunden 45 Minuten. „Ein deutscher Wagen siegte", titelt das „Berliner Tageblatt" am 31. März.
Die Schwebebahn in Elberfeld nimmt den Betrieb auf

Am Freitag, dem 1. März, wird die elektrische Schwebebahn nach dem System Eugen Langen zwischen Barmen, Elberfeld und Vohwinkel auf der ersten Strecke vom Zoologischen Garten bis zur Kluse in Betrieb genommen. „Der Betrieb der Schwebebahn ist heute früh auf der Strecke Zoologischer Garten — Kluse ohne Sang und Klang eröffnet worden", meldet der Bielefelder „General-Anzeiger" am 2. März. Der erste Wagen verlässt den Zoologischen Garten um 5 Uhr 20 Minuten morgens, die Wagen folgen sich im Abstand von fünf Minuten und sind trotz fehlender Bekanntmachung „dicht besetzt". Die Fahrt kostet auf der ersten Teilstrecke 10 Pfennig in der zweiten und 20 Pfennig in der ersten Klasse; ein Elberfelder Bürger, schreibt die „Westfälische Zeitung" am 15. März, wollte „auch einmal für 10 Pfg. ‚dörch de Loft geschmeeten' werden".
Den Weg dahin hat der Kaiser im Oktober 1900 mit einer Einweihungsfahrt geebnet. Im Abgeordnetenhaus fordert der nationalliberale Abgeordnete Dr. Böttinger am 27. Februar einen besseren Anschluss der Bahn an den neuen Bahnhof Vohwinkel; Minister von Thielen erwidert, „seitens der Schwebebahn ist man an mich noch nicht herangetreten". Am 24. Mai folgt mit einem Eröffnungsfest das Stück vom Zoologischen Garten bis Vohwinkel; nach Barmen fahren die Wagen noch nicht.
Aus heutiger Sicht
Die Gesamtstrecke bis Rittershausen in Barmen wurde 1903 vollendet. Barmen, Elberfeld und Vohwinkel gingen 1929 mit weiteren Orten in einer Stadt auf, die seit 1930 Wuppertal heißt, und die Schwebebahn fährt noch heute als ihr Wahrzeichen.
Das Überbrettl: Wolzogens „Buntes Theater" in der Alexanderstraße

Am 18. Januar eröffnet der Schriftsteller Ernst von Wolzogen in Berlin im früheren Saal der Secessionsbühne, Alexanderstraße 40, gegenüber dem Polizeipräsidium, sein „Buntes Theater", das schon bald nur noch „Überbrettl" heißt; der Name spielt auf Nietzsches „Übermenschen" an. Literarischer Oberleiter ist Detlev von Liliencron, die Musik schreiben unter anderen Oscar Straus und Victor Hollaender. Das „Berliner Tageblatt" hatte schon am 5. Januar berichtet, das Unternehmen wolle „die künstlerische Intimität der freien Bühnen für das Tingeltangel erobern".
Der Eröffnungsabend bringt, nach der Besprechung des Blattes vom 19. Januar, Wolzogen selbst als Ansager mit einer Parodie auf eine Kerr-Kritik, Schnitzlers „Episode" aus dem „Anatol", eine Parodie auf D'Annunzio von Morgenstern, Bierbaums Tanzduett „Der lustige Ehemann" mit Musik von Straus und die Pantomime „Pierrots Tücke, Traum und Tod". Die Kritik fällt zurückhaltend aus: Manche Nummern unterschieden sich „von vielen Nummern der gewöhnlichen Tingeltangel oder Wintergärten eigentlich nur dadurch, daß besonders auf Verfasser und Komponisten hingewiesen wurde". Im Herbst folgen andere Häuser mit ähnlichen Abenden, im Siemons-Theater „Detlev v. Liliencrons Buntes Brettl", im Belle-Alliance-Theater das „Münchener Überbrett".
Anfang Oktober entsteht Unter den Linden in Arnims Hotel aus einer geselligen Künstlervereinigung, die im Winter im Künstlerhaus zusammenkam, ein Theater mit dem Namen „Schall und Rauch". Der Baumeister Behrens hat den Saal wie einen „antiken, baldachinüberspannten Tempelhof" mit gedämpftem Licht ausgestattet, ein Stehplatz kostet fünfzehn Groschen. Die Besprechung des „Berliner Tageblatts" vom 10. Oktober schließt: „… ein Geschäft geworden. Oh, ein sehr vornehmes Geschäft."
Der Riesen-Gorilla der Brüder Umlauff in Hamburg

Am 25. Januar zeigt die Hamburger Naturalienhandlung J. F. G. Umlauff der Öffentlichkeit einen präparierten Riesen-Gorilla, den ein Herr Paschen im April 1900 im Hinterland von Kamerun bei Jaunde erlegt hat. Das „Hamburger Fremdenblatt" spricht von einem Tier „von 2,7 m Höhe" und schreibt, „Freund Gorilla" müsse „lebend, in gereiztem Zustande, jedenfalls ein äußerst gefährlicher Gegner gewesen sein". Nach dem „Hamburgischen Correspondenten" wog es rund 400 Pfund; es habe sich auf einen hohen Baum gerettet, und die beiden Schüsse des Jägers hätten getroffen, ein „Pracht-Exemplar".
Dass der Gorilla auch in Kamerun lebt, beschäftigt die Blätter weiter: Im März übernimmt die „Deutsche Tageszeitung" einen Bericht des „Globus", nach dem der Gorilla neben dem Schimpansen auch im Gebiet der deutschen Kolonie vorkomme, wie schon der frühere Stationsleiter Zenker bestätigt habe.
Die Siegesallee ist vollendet, und der Kaiser spricht vom Rinnstein

Am 18. Dezember wird im Tiergarten die letzte der 32 Denkmalgruppen der Siegesallee enthüllt: Gruppe 21 mit dem Kurfürsten Johann Georg von Bildhauer Martin Wolff, dazu die Büsten des Grafen Rochus zu Lynar und des Kanzlers Lampert Distelmeyer. Um 10 Uhr vormittags erscheint das Kaiserpaar, der Kaiser in der Uniform der Gardes du Corps, die Kaiserin in schwarzer Winterrobe; auf dem Damm stehen die Schüler des Gymnasiums „Zum Grauen Kloster", dessen Gründer der Kurfürst Johann Georg war, an ihrer Spitze Direktor Professor Bellermann. Nachkommen des Grafen Lynar sind zugegen, der Kaiser begrüßt Wolff und Begas.
Am Abend lädt der Kaiser die Künstler der Siegesallee in das Königliche Schloss und spricht, wie das „Berliner Tageblatt" am 19. Dezember im Wortlaut druckt, bis nach ein Uhr. Er wendet sich gegen eine Kunst, die „weiter nichts thut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen als es schon ist", und sagt: „Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt!" Das Blatt hält am 20. Dezember dagegen, gerade gegen die Kunst, die der Kaiser wolle, seien fast alle Kunstmenschen einig, zum großen Teil auch die Künstler, die er selbst beschäftige; der Kaiser habe zum ersten Mal ausführlich über die Kunst gesprochen.
Das Pergamon-Museum: Der Altar aus Kleinasien bekommt sein Haus

Am 18. Dezember, nach der Enthüllung der Siegesallee, besichtigt das Kaiserpaar das eben vollendete Pergamon-Museum an der Museumsinsel, einen Bau des Geheimen Baurats Fritz Wolff, ausgeführt von Regierungs- und Baurat Hasak. Den Kaiser empfangen Kultusminister Dr. Studt, Generaldirektor Schöne und Geheimrat Kekulé von Stradonitz; zugegen sind Professor Alexander Conze und Frau Humann, die Witwe des Ingenieurs Carl Humann, der die Funde barg, sowie Professor Winnefeld, der sie aufgestellt hat. Im Raum steht eine Büste Humanns von Professor Brütt. Am Freitag, dem 20. Dezember, wird das Haus dem Publikum geöffnet.
Gezeigt werden der Altarraum mit dem „grandiosen Relieffries des Gigantenkampfes", der Telephos-Fries und die Funde aus Priene und Magnesia im Lichthof. Der Kaiser äußert nach dem „Berliner Tageblatt" vom 18. Dezember „seine Freude über die Vollendung des großen Werkes, das für alle Zeit eine der vornehmsten Sehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt bilden wird". Er erhält zwei Schriften, die Beschreibung der Gigantomachie in zweiter Auflage und einen „Führer von Pergamon".
Wreschen: Das Urteil von Gnesen gegen den Schulstreik der Polen
Nach einer Verordnung der preußischen Regierung vom 1. April soll auch in Wreschen in der Provinz Posen, einer Stadt mit polnischer Mehrheit, der Religionsunterricht ausschließlich auf Deutsch erteilt werden. Am 20. Mai verweigern 118 Kinder der katholischen Volksschule die Annahme des deutschen Katechismus. Der Schulinspektor lässt Prügelstrafen vollziehen, aufgebrachte Eltern fordern deren Unterlassung.
Das Gericht in Gnesen verhandelt gegen Eltern und Bürger der Stadt und verkündet am 19. November das Urteil wegen „schwerer Verbrechen des Aufruhrs und Landesfriedensbruches"; 18 Angeklagte werden verurteilt, darunter eine Frau P. zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und F. K. zu einem Jahr Zuchthaus, die übrigen zu Strafen von vier Wochen bis zu zwei Jahren. „In dem Prozeß betreffend den Schulaufruhr in Wreschen wurde heute das Urtheil gefällt", meldet das „Berliner Tageblatt" am 20. November nach dem Telegramm aus Gnesen. Das Blatt nennt die Strafen am 21. November streng; der Gerichtshof selbst habe die Verurteilten als „Opfer der Aufhetzung" betrachtet, und es hofft, die Strafe werde „den Drahtziehern in Posen und anderswo das Gewissen schärfen". Die „unglaublichen Vorkommnisse in Wreschen rechtfertigten die Statuirung eines Exempels vollkommen", schreibt es, versagt aber den Verurteilten, „die lediglich als willenlose Werkzeuge in der Hand Anderer gehandelt haben", das Mitleid nicht.
Aus heutiger Sicht
1906 folgte in der Provinz Posen ein Massenstreik, an dem sich rund 48 000 Schüler in 755 Schulen beteiligten. Der Streit um die Unterrichtssprache blieb ein Teil der preußischen Polenpolitik.
AM RANDE NOTIERT
- 5. Januar — In Weimar stirbt Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach im Alter von 82 Jahren; sein Enkel Wilhelm Ernst, geboren am 10. Juni 1876, folgt ihm.
- 1. Februar — Der Fernsprechverkehr zwischen Berlin, Charlottenburg und Potsdam einerseits und Paris sowie Dieppe, Épernay, Fontainebleau, Le Havre, Lyon, Melun, Orléans, Reims, Rouen, Saint-Denis und Versailles andererseits wird eröffnet.
- 7. Februar — In Den Haag heiratet Königin Wilhelmina der Niederlande Herzog Heinrich zu Mecklenburg-Schwerin; Schwerin flaggt, in den Schulen fällt der Unterricht aus. Vor dem Haus, in dem Präsident Krüger wohnt, spielen sieben Musikkorps die Transvaalhymne, und er erscheint am Fenster.
- 20. Februar — Die Schlachten-Pantomime „China" geht im Zirkus Schumann zum 150. Mal über die Bühne und gilt als „Kassenmagnet".
- Anfang Mai — Die Minister von Miquel (Finanzen), Freiherr von Hammerstein (Landwirtschaft) und Brefeld (Handel) scheiden aus dem Amt, der Landtag, in dem die Mittellandkanal-Vorlage in der Kommission festgefahren war, wird am 3. Mai geschlossen; Miquel, schreibt das „Berliner Tageblatt" am 7. Mai, habe sein Entlassungsgesuch „nicht aus freien Stücken eingereicht". Nachfolger werden Freiherr von Rheinbaben, von Podbielski und Möller.
- 11. August — Das Schiff der deutschen Südpolarexpedition, die „Gauß", verlässt Kiel bei „herrlichstem Wetter"; früh um 7 Uhr verabschieden sie Unterstaatssekretär Rothe und Geheimrat Lewald vom Reichsamt des Inneren, Freiherr von Richthofen ist zugegen.
- 15. August — Die Ferienstrafkammer des Landgerichts II entscheidet, dass ein Phonograph nicht zu den in der Charwoche verbotenen öffentlichen Lustbarkeiten gehört: Ein Schausteller K. hatte am Palmsonntag auf dem „Spandauer Bock" den Apparat spielen lassen und ein Strafmandat über 3 Mark erhalten.
- 12. und 13. September — Vor Danzig sehen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. vom Flaggschiff „Kaiser Wilhelm II." ein Seemanöver mit Feuergefecht zwischen Panzern und Strandbatterien; der Zar geht nicht an Land und verleiht Feldmarschall Graf Waldersee den St.-Andreas-Orden mit Schwertern.
- Dezember — Zeitungen spotten über die geplante Automobilfahrt um die Welt: „Wenn flugs die Erde sie umfahren / Auf einer Tour mit dem Töff-Töff, / Wird im Automobil gewahren / Man Autler nur aus dem FF."
WIRTSCHAFT · 1901
Das Jahr 1901 ist ein Krisenjahr. Am 25. Juni stellt die Leipziger Bank, 1838 gegründet, ihre Zahlungen ein; ihre Verbindlichkeiten bezeichnet der erste Status mit rund 92 Millionen Mark, nahezu 80 Millionen stecken in Krediten an die Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Cassel und deren Gruppe. Der Direktor der Bank wird am Abend des 26. Juni verhaftet. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 26. Juni, der Krach sei „nicht der Vorbote einer schweren allgemeinen Krise", sondern die Folge einer „unerhört leichtsinnigen Geschäftsführung des Direktoriums". Im Herbst klagt die Industrie: Die Berliner Morgen-Zeitung meldet am 29. Dezember, die Eisenbahneinnahmen seien im Oktober um 3½ Millionen Mark geringer gewesen als im Oktober 1900, 180 Berliner Firmen der Eisengießerei, des Maschinenbaus und der Elektrotechnik hätten das preußische Staatsministerium um Aufträge auch zu Preisen ohne Verdienst gebeten, damit sie keine weiteren Arbeiter entlassen müssten, die Laurahütte kürze die Löhne „bis zu 15 Prozent", und Städte begännen Notstandsarbeiten. Am 26. und 27. Juli veröffentlicht der Reichsanzeiger den Entwurf des neuen Zolltarifs.
Der Reichsbankdiskont steht zu Jahresbeginn bei 5 Prozent, wird am 26. Februar auf 4½ Prozent (Lombardzinsfuß 5½ Prozent), am 22. April auf 4 Prozent (Lombardzinsfuß 5 Prozent) und am 18. Juni auf 3½ Prozent (Lombardzinsfuß 4½ Prozent) herabgesetzt und am 23. September wieder auf 4 Prozent (Lombardzinsfuß 5 Prozent) erhöht; dabei bleibt er bis zum Jahresende.
Der Preisspiegel:
- Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,24 Mark
- Weizenbrot (Schrippen, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,41 Mark
- Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,33 Mark
- Rindfleisch (Ochsenfleisch, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,29 Mark
- Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,42 Mark
- Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 5,14 Mark
- Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
- Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif seit 1. Januar) — 10 Pfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1901
Das Attentat von Bremen am 6. März beschäftigt die Blätter aller Richtungen. Zuerst das linksliberale „Berliner Tageblatt" in seinem Leitartikel „Die That eines Epileptikers":
„Aber die Art und Weise, wie der Mordanfall ausgeführt wurde, spricht entschieden dagegen, daß irgend eine politische Partei mit dieser Unthat in Verbindung gebracht werden könne." — Berliner Tageblatt, 7. März 1901
Dann der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie, der den Vorfall „Ein Unfall des Kaisers" überschreibt:
„Es ist bekannt, daß Kranke dieser Art im Zustande völliger Bewußtlosigkeit oft die scheußlichsten Gewaltthaten begehen, von denen sie, wenn der Anfall vorüber, nicht die Spur einer Erinnerung übrig behalten." — Vorwärts, 8. März 1901
Zuletzt die agrarisch-konservative „Deutsche Tageszeitung" unter der Überschrift „Ein Attentat auf den Kaiser":
„Das deutsche Volk dankt aus vollem Herzen für das Walten der Vorsehung, das den Kaiser auch in dieser Gefahr gnädig bewahrt hat." — Deutsche Tageszeitung, 7. März 1901
SPORT · 1901
Vom 7. bis 14. Juli finden im Sportpark Friedenau bei Berlin die Weltmeisterschaften der Radrennfahrer statt, an den Renntagen zusammen vor rund 20 000 Zuschauern. Weltmeister über 100 Kilometer hinter Motorschrittmachern werden bei den Berufsfahrern der Münchener Robl und bei den Amateuren der Friedenauer Sievers, im Fliegerrennen der Berufsfahrer der Däne Ellegaard und in dem der Amateure der Pariser Maitrot; der Kaiser stiftet einen silbernen Pokal als Ehrenpreis für die kurze Strecke. Auch die Automobil-Fernfahrt Paris–Berlin Ende Juni trägt einen Ehrenpreis des Kaisers.
Im Wassersport gehören die Kieler Woche gegen Ende Juni, deren Regatten bei guter Segelbrise gefahren werden, das Segeln auf dem Wannsee und das Schüler-Wettrudern in Grünau mit Kaiserpreisen zu den Berliner Ereignissen des Sommers. Im August lädt die Philharmonie zu einem Skat-Turnier, das die Blätter „Weltmeisterschaft" nennen: Am Vormittag des 19. August soll ein Kongress einen „Norddeutschen Skatverband" gründen, an Geldpreisen sind rund 4000 Mark ausgesetzt.
MODE · 1901
Die auffallendste Neuerung für den Winter 1901/02 ist der kurze Straßenrock, eng über den Hüften und sehr voll am Saum, mit der richtigen Länge von zwei Zoll über dem Boden; die Damen in Paris und London, berichtet die „Coburger Zeitung" am 18. Oktober nach einem englischen Modebericht, sperren sich dagegen.
Für das Frühjahr bringt das „Echo der Gegenwart" in Aachen am 30. März „viel Phantasie-Taillen" für Kostüme, reich garniert mit Seiden-Chiffon, Spitze und Samtbändchen, dazu bleiben Boleros modern und die Ärmel zeigen sich in vielerlei Form, Gold wird sparsam verwendet. Im Herbst kommen nach „Das deutsche Blatt" in Berlin vom 14. November Hüte aus weißem Filz mit braunem Samt, Federposen und Pelzkrempe in die Läden, garniert mit „Panne".
KULTUR · 1901
Im Oktober erscheint im Berliner Verlag von S. Fischer der Roman „Buddenbrooks. Verfall einer Familie" von Thomas Mann in zwei Bänden, zum Preis von 12 Mark; die „Bonner Zeitung" nennt ihn am 27. Oktober unter den Neuanschaffungen, das „Hamburger Fremdenblatt" bespricht ihn am 9. November, und am 18. November liest der Verfasser in München aus ihm. Am 11. Oktober bringt das Residenztheater in Berlin, als „literarischen Abend", Frank Wedekinds „Der Marquis von Keith" erstmals auf die Bühne; das „Berliner Tageblatt" urteilt am 12. Oktober: „Erst Erwartung, dann Belächeln, schließlich Belachen vieler Stellen." Am 27. November folgt im Deutschen Theater die Erstaufführung von Gerhart Hauptmanns Tragikomödie „Der rothe Hahn" in vier Akten, die das Blatt als „Großpremiere" behandelt.
Vom 17. bis 19. Juni berät in Berlin die zweite Orthographische Konferenz, 26 Bevollmächtigte der deutschen Länder und Österreichs, über die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung. Das „Berliner Tageblatt" erfährt „von einem rheinischen Blatt", man wolle an der Puttkamerschen Schreibung, der preußischen Schulorthographie von 1880, möglichst wenig ändern; das Weglassen des überflüssigen h in „Thor" und „Thür" wäre schon ein Schritt weiter. „Alles sehr schön, anscheinend aber ist wieder nur halbe Arbeit gemacht worden", urteilt das Blatt am 21. Juni. Das neue Wörterbuch bearbeitet Gymnasialdirektor Duden in Hersfeld; für die Verwaltung wird eine Einführung zum 1. Januar erwogen, in den Schulen dürften noch fünf Jahre alte Bücher gebraucht werden. Bis dahin bleibt es bei der bisherigen Schreibung.
KINO & FUNK · 1901
Der Kinematograph hat im Berliner Varieté und bei Veranstaltungen seinen Platz. Als in Holland bekannt wird, dass Lord Roberts den Schwarzen Adlerorden erhalten hat, zischt das Publikum eines Amsterdamer Varietétheaters im Kinematographen den Bräutigam der Königin Wilhelmina aus, denn er ist „ein Deutscher", und das Bild muss verschwinden; das „Berliner Tageblatt" erzählt es am 14. März. Bei einem Wohltätigkeitsfest der Ausstellung für Feuerschutz und Feuerrettungswesen im September führt der „Philipp Wolffsche Kinematograph" vor, neben den „Lebenden Liedern" vom Königlichen Opernhaus und dem „Münchener Ueberbrett" des Belle-Alliance-Theaters; bei einem Vereinsfest im November zeigt er „ernste und heitere Bilder", und „das unvermeidliche Ueberbrettl" fehlt nicht.
In der Telegraphie ohne Draht arbeitet Professor Adolf Slaby von der Technischen Hochschule Charlottenburg an einer Mehrfachtelegraphie, bei der beliebig viele Stationen gleichzeitig telegraphieren können, und führt im April vor dem Kaiser und im Beisein des Staatssekretärs von Podbielski bei der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin Versuche vor. Mitte Dezember meldet Guglielmo Marconi aus St. John's in Neufundland, er habe am 12. und 13. Dezember von der Station Poldhu in Cornwall Zeichen empfangen, vereinbart war das Morsezeichen für den Buchstaben S, drei Punkte, täglich zwischen 3 und 6 Uhr nachmittags. „Die Verständigung übers Meer mittelst drahtloser Telegraphie ist nunmehr … gelungen", meldet das „Berliner Tageblatt" am 16. Dezember aus New York; Marconi versichert, die Zeichen seien „deutlich und unzweideutig" gewesen. Edison äußert Zweifel an der Überseetelegraphie, und die Frage bleibt offen: Zu Silvester steht die Behauptung, nicht der Beweis.
GESTORBEN · 1901
- Giuseppe Verdi (87), Komponist — 27. Januar, Mailand.
- Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (82), Altreichskanzler — 6. Juli, Bad Ragaz.
- Karl Weinhold (77), Germanist und Professor in Berlin — 15. August, Berlin.
- Johannes von Miquel (73), bis Mai preußischer Finanzminister — Nacht zum 8. September, Frankfurt a. M.
- Li-Hung-Tschang (78), Vizekönig und chinesischer Staatsmann — 7. November, Peking.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1901
- Mahler rettet einen Schiffbrüchigen (Nacht zum 31. Juli, Wörthersee). Der Wiener Hofoperndirektor Mahler hört nachts Hilferufe vom See, rudert „trotz der Dunkelheit ohne Hilfe allein" hinaus und rettet einen erschöpften Mann, dessen Boot gekippt war.
- Das Müllersche Volksbad öffnet (1. Mai, München). Die Schenkung des Ingenieurs Karl Müller wird in den ersten Tagen zur unentgeltlichen Besichtigung freigegeben, der Besuch ist nach den „Münchner Neuesten Nachrichten" vom 4. Mai „ganz außerordentlich".
- Gesellschaft für soziale Reform gegründet (6. Januar, Berlin). Sie will den Arbeiterschutz erweitern; den Vorsitz führt Freiherr von Berlepsch.
- Eine Freie Hochschule für Berlin (Ankündigung vom 18. Dezember). Die neue Volkshochschule wird nach der Ankündigung des „Berliner Tageblatts" in der zweiten Januarwoche 1902 ihren Unterricht beginnen.
DAS WETTER · 1901 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 31,5 °C, das Minimum lag bei 19,7 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 25,6 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fiel kein Niederschlag.
Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres war der 13. Juli mit 31,5 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 4. Januar mit −15,0 °C. Nach der Berliner Messreihe zählte das Jahr 92 Frosttage und 33 Eistage, dazu 49 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 4 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 514 mm.
(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1901
Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Possen, die 1901 aufgeführt wurden. „Erfolg" heißt hier Bühnenerfolg in Berlin. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 7 Titel belegen, die bis einschließlich 1901 entstanden und für die auch eine Aufführung im Jahr 1901 nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.
- Frau Luna (Operette) — Text: Heinrich Bolten-Baeckers, Musik: Paul Lincke; Uraufführung 1. Mai 1899, Apollo-Theater Berlin; 1901 dort „täglich" (Berliner Morgenpost, 7. Juli)
- Schön war's doch! (Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz in 5 Bildern, „mit freier Benutzung von ‚O diese Berliner'") — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Uraufführung 24. August 1901, Metropol-Theater Berlin; Kritik in der Berliner Morgen-Zeitung am 25. August
- Man lebt ja nur einmal! (Gesangsposse in 5 Bildern) — Text: Horst und Stein, bearbeitet von Julius Freund, Musik: J. Einödshofer und B. Sloane; in Berlin erstmals am 2. März 1901, Metropol-Theater; Kritik in der Berliner Morgenpost am 3. März
- San Toy (Operette) — Text: Edward Morton, Gesangstexte: Harry Greenbank und Adrian Ross, Musik: Sidney Jones; Uraufführung 21. Oktober 1899, Daly's Theatre London; Berliner Premiere im Central-Theater, Kritik in der Berliner Morgenpost am 3. März 1901
- Die Landstreicher (Operette in 2 Akten) — Text: Leopold Krenn und Carl Lindau, Musik: Carl Michael Ziehrer; Uraufführung 29. Juli 1899, Wien; in Berlin erstmals am 19. September 1901, Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater (Berliner Morgenpost, 20. September)
- Der Zigeunerbaron (Operette, Repertoire) — Text: Ignaz Schnitzer nach Jókai, Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 24. Oktober 1885, Theater an der Wien; im Oktober 1901 im Theater des Westens neu einstudiert (Staatsbürger-Zeitung, 13. Oktober)
- ’Ne feine Nummer! (Ausstattungsposse) — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender und Leo Fall; Uraufführung 26. Dezember 1901, Metropol-Theater Berlin; Kritik in der Staatsbürger-Zeitung am 28. Dezember