DER CHRONIST

Zum Geleit

Am 18. Februar übergab Berlin die elektrische Hochbahn dem Verkehr, und binnen eines Jahres wuchs die Strecke bis zur Warschauer Brücke im Osten und zum Knie in Charlottenburg im Westen. Am Himmelfahrtstag vernichtete der Mont Pelée die Stadt Saint-Pierre auf Martinique, im September starb in Berlin Rudolf Virchow, im November in Essen Friedrich Alfred Krupp, und in der Nacht zum 14. Dezember nahm der Reichstag den Zolltarif an. Zum Jahresende liegen deutsche und britische Kriegsschiffe vor den Häfen Venezuelas. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Reichstagsprotokolle, Depeschen aus aller Welt und Berliner Vermischtes dicht nebeneinander.

Die Schlagzeilen des Jahres

Zolltarif: Nach einer Sitzung von mehr als 18 Stunden nimmt der Reichstag den Tarif mit 202 gegen 100 Stimmen an

Reichstagspräsident Graf Ballestrem mit Geheimrat Knack
Reichstagspräsident Graf Franz von Ballestrem (Zentrum) mit Geheimrat Knack, Aufnahme von 1900, zwei Jahre vor der Nachtsitzung (Julius Braatz, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonnabend, dem 13. Dezember, tritt der Reichstag um 10 Uhr vormittags zur dritten Lesung der Zollvorlage zusammen. Die Sitzung dauert nach dem „Vorwärts" 18 Stunden und 49 Minuten ohne Unterbrechung und endet am Sonntag, dem 14. Dezember, früh gegen 5 Uhr. Die Leitung hat der Präsident Graf Ballestrem vom Zentrum. Der sozialdemokratische Abgeordnete Antrick hält eine Rede von acht Stunden und schließt gegen halb ein Uhr nachts; die Blätter nennen sie einen „Rekord im deutschen Reichstage". Der „Vorwärts" schreibt am 15. Dezember: „Diese Riesensitzung wird in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus unvergeßlich bleiben, unvergeßlich auch die achtstündige Rede unsres Genossen Antrick …"

Die Entscheidung fällt in namentlicher Abstimmung: Die Schlussabstimmung ergibt 202 gegen 100 Stimmen bei einer Stimmenthaltung, das Gesetz hat damit eine Zweidrittelmehrheit. Zuvor war die Debatte auf Antrag des Zentrums mit 234 gegen 73 Stimmen geschlossen worden, der Antrag Herold (Zentrum) hatte 199 gegen 105 Stimmen erhalten. Der Tarif setzt nach den Beschlüssen der dritten Beratung Mindestzölle je Doppelzentner fest, bei vertragsmäßigen Abmachungen: für Roggen 5 Mark, für Weizen und Spelz 5,50 Mark, für Hafer 5 Mark und für Malzgerste 4 Mark. Nach der Annahme schütteln sich Graf Bülow und Graf Posadowsky vor den Augen des Hauses die Hände. Der Reichstag vertagt sich bis zum 13. Januar.

Schon am Freitag, dem 12. Dezember, hatte das Haus am Ende der zweiten Lesung die Gesamtfassung des § 1 mit den Zollsätzen, den Antrag Kardorff, mit 184 gegen 136 Stimmen bei 9 Enthaltungen angenommen. Es war die hundertste namentliche Abstimmung dieser Lesung, und den Schriftführern wurde ein Blumenstrauß hingestellt. Gegen den Antrag stimmen die Linke und die Agrarier, denen er nicht weit genug geht; die Sozialdemokraten werfen dem Präsidenten Gewaltmaßnahmen vor.

Aus heutiger Sicht

Der Tarif trat am 1. März 1906 in Kraft und ging als „Bülow-Tarif" in die Geschichte ein; die Handelsverträge folgten 1904 und 1905. Die Sozialdemokraten nannten das Gesetz „Zollwucher".

Berlin fährt hoch: Die elektrische Hochbahn wird eröffnet und wächst bis in den Dezember

Der Hochbahnhof Oranienstraße mit der Hochbahn
Die Hochbahn über der Wiener Straße am Bahnhof Oranienstraße, Ansichtskarte „Gruss aus Berlin", gelaufen am 1. April 1902 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonnabend, dem 15. Februar, unternehmen Minister und Gäste die Eröffnungsfahrt der elektrischen Hochbahn; der Minister der öffentlichen Arbeiten von Thielen hält die Rede und dankt den „Senioren" Carl von Siemens und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Excellenz Hobrecht. Bauherrin ist die „Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin". Die „Berliner Morgenpost" schreibt am 16. Februar: „Am 18. d. M. wird die elektrische Hochbahn endgiltig dem allgemeinen Verkehr übergeben. Damit vollzieht sich in der Lokal- und Verkehrsgeschichte Berlins ein Ereignis, das an Wichtigkeit nicht der Eröffnung der Stadtbahn im Jahre 1882 nachsteht." Am 18. Februar beginnt der öffentliche Betrieb, zunächst nur auf der Strecke Stralauer Thor – Potsdamer Platz; die erste Fahrt hat nur 33 Fahrgäste, und in den ersten drei Tagen gelten Sonderpreise zugunsten der Unterstützungskasse der Betriebsbeamten. Nachmittags sind die dreiteiligen Züge nach der „Berliner Börsen-Zeitung" „fast immer gut besetzt", und es „klappte alles ganz vorzüglich". Der „Vorwärts" nennt den Andrang am Eröffnungstag „nur sehr gering"; das ändert sich rasch. Am Sonnabend, dem 22. Februar, fahren etwa 35 000 Personen, am Sonntag, dem 23. Februar, mehr als 60 000, und seit der Eröffnung zählt die Bahn ungefähr 160 000 zahlende Fahrgäste, „ohne den geringsten Zwischenfall". Der „Hannoversche Kurier" urteilt am 16. Februar: „So wurde die Hochbahn die eigentliche Sensation der Woche, die im Sturme vor allem die Herzen der — Frauen eroberte."

Dann wächst die Strecke Schritt für Schritt. Am 11. März eröffnet der Westast von Potsdamer Platz zum Zoologischen Garten, der in Charlottenburg liegt; der erste Zug fährt um 5.55 Uhr morgens vom Potsdamer Platz. Am 25. März beginnt am Gleisdreieck der durchgehende Verkehr: Auf einer dritten Linie fahren Züge zwischen Halleschem Thor und Zoologischem Garten, im Zehnminutenbetrieb auf allen drei Linien, und „alle 100 Sekunden kreuzt ein Zug das Dreieck". Am Donnerstag, dem 14. August, folgt die Verlängerung um 359 Meter bis zur Warschauer Brücke; der erste Zug fährt dort um 5.24 Uhr ab, und die Hochbahn findet Anschluss an die Stadtbahn. Am Sonntag, dem 14. Dezember, übergibt die Gesellschaft die Haltestelle Knie in Charlottenburg dem Verkehr, die Fahrzeit von dort zum Potsdamer Platz beträgt etwa 10 Minuten und bis zur Warschauer Brücke 22.

Aus heutiger Sicht

Die Hochbahn wurde zur Keimzelle des heutigen Berliner U-Bahn-Netzes; den Namen „U-Bahn" und die Linienbezeichnung „U1" erhielt die Strecke später. Die Haltestellen Oranienstraße und Warschauer Brücke tragen heute die Namen Görlitzer Bahnhof und Warschauer Straße. Schon 1906 wurde die Strecke vom Knie zur Bismarckstraße verlängert, 1908 bis zum Spittelmarkt.

Friedrich Alfred Krupp stirbt in Essen, der Kaiser spricht im Wartesaal des Bahnhofs

Der Leichenzug für Friedrich Alfred Krupp in Essen
Der Leichenzug für Friedrich Alfred Krupp in Essen am 26. November 1902, Heftillustration aus der „Weltrundschau zu Reclams Universum" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 15. November greift der „Vorwärts" das Privatleben des Essener Fabrikherrn Friedrich Alfred Krupp an; es geht um seinen Aufenthalt auf Capri, Vorwürfe gegen sein Privatleben stehen im Raum. Am Sonnabend, dem 22. November, stirbt Krupp, 48 Jahre alt, nachmittags in der Villa Hügel in Essen. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 23. November, er sei herzleidend gewesen und habe am Freitagabend und am Sonnabend gegen 5½ Uhr früh zwei Schlaganfälle erlitten; daneben wurden Gerüchte laut, er habe sich das Leben genommen. In Essen werden die Fahnen halbmast gesetzt, die Stadtverordneten beschließen Ehrungen, und der Kaiser telegrafiert an die Witwe: „Die Kaiserin und ich trauern tief ergriffen …" Krupp hatte 1893 bis 1898 dem Reichstag angehört und leitete die Gussstahlfabrik mit 1901 rund 46 000 Beschäftigten, darunter 3 823 Beamten.

Am Mittwoch, dem 26. November, wird der Tote um 10 Uhr im Stammhaus der Fabrik aufgebahrt; der Leichenzug führt über die Westendstraße, die Hügelstraße und die Kettwiger Straße zum Privatfriedhof am Kettwiger Thor. Kaiser Wilhelm II. kommt nachts aus Bückeburg und schreitet hinter dem Wagen. Im Wartesaal des Essener Bahnhofs spricht er vor dem Direktorium und einer Abordnung der Arbeiter der Kruppschen Werke: „Männer, die Führer der deutschen Arbeiter sein wollen, haben Euch Euren theuren Herrn geraubt. An Euch ist es, die Ehre Eures Herrn zu schirmen und zu wahren und sein Andenken vor Verunglimpfungen zu schützen." Das Strafverfahren gegen den „Vorwärts" läuft trotz Krupps Tod weiter.

Aus heutiger Sicht

Die Erbin Bertha heiratete 1906 Gustav von Bohlen und Halbach, aus der Verbindung ging der Name „Krupp von Bohlen und Halbach" hervor; das Unternehmen wurde 1903 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Frage nach der Todesursache, auch nach einem Suizid, und die Vorwürfe aus Capri blieben in der Forschung offen.

Der Mont Pelée zerstört Saint-Pierre auf Martinique

Ruinen der Kathedrale von Saint-Pierre
Ruinen der Kathedrale von Saint-Pierre, Postkarte von 1902 (Thomas, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Himmelfahrtstag, dem 8. Mai, vernichtet ein Ausbruch des Mont Pelée die Stadt Saint-Pierre, die größte Handelsstadt der französischen Antilleninsel Martinique. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 10. Mai auf der ersten Seite: „Der Telegraph bringt soeben die traurige Kunde, daß Frankreichs größte und blühendste Niederlassung in Westindien, St. Pierre, die Hauptstadt der Insel Martinique, durch einen vulkanischen Ausbruch vollständig verheert worden sei." Es spricht von 25 000 Menschen, „anscheinend also die Gesammtbevölkerung des Ortes"; eine New Yorker Depesche aus St. Thomas schätzt die Verluste noch höher, auf 40 000. Der Gouverneur Mouttet, am Vortag in die Stadt gekommen, ist nach den Meldungen wahrscheinlich umgekommen.

Der „Vorwärts" bringt am 11. Mai die Meldung des Kommandanten: Saint-Pierre habe am Donnerstag um 1 Uhr nachmittags „vollständig in Flammen" gestanden, er habe rund 39 mehr oder weniger Verbrannte von den Wracks im Hafen gerettet. „Man glaubt, daß niemand von denen, die sich im Augenblick der Katastrophe in der Stadt aufhielten, entkommen ist." Der Kreuzer „Suchet" bringt etwa 30 Überlebende von Carbet nach Fort de France, neun sterben unterwegs; auf einem französischen Dampfer in Fort de France liegen 450 Überlebende. Paris bewilligt 500 000 Franken Soforthilfe und setzt die Flaggen für drei Tage auf halbmast.

Rudolf Virchow stirbt in Berlin

Rudolf Virchow beobachtet eine Operation in Paris
Operation in einem Pariser Hörsaal 1900, unter den Anwesenden Rudolf Virchow (Historischer Bilderdienst, Berlin / Wellcome Collection, CC BY 4.0)

Am Abend des 4. Januar springt der Pathologe und Anthropologe Rudolf Virchow, Reichstagsabgeordneter und Stadtverordneter der Reichshauptstadt, in der Leipziger Straße von einer fahrenden Straßenbahn, als er zur Gesellschaft für Erdkunde will, und bricht sich den Oberschenkelhals. Der Bruch heilt nicht: Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 6. September, der Knochen sei „infolge des hohen Alters nicht mehr zusammengewachsen". Am Freitag, dem 5. September, stirbt Virchow in seiner Wohnung in der Schellingstraße, 80 Jahre alt; der Kaiser sendet ein Beileidstelegramm an die Witwe. Zu seinem 80. Geburtstag im Jahr zuvor hatte Wilhelm II. ihm geschrieben, die Medizin verdanke ihm „grundlegende und bahnbrechende Forschungen", und ihm die große Goldene Medaille verliehen.

Am Dienstag, dem 9. September, geleitet ein Trauerzug den Toten vom Rathaus zum Friedhof der Matthäigemeinde an der Großen Görschenstraße in Schöneberg. Im Zug gehen Oberbürgermeister Kirschner, Kultusminister Dr. Studt und der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Langerhans; Abordnungen der Studenten tragen ihre Banner. Der Zug ist fast eine halbe Stunde lang, die Menge steht dicht, und gegen 3 Uhr trifft er am Friedhof ein.

Wahlen: Sozialdemokraten gewinnen in Oldenburg sechs Sitze und ziehen in den Anhalter Landtag ein, Bernstein gewinnt Breslau-West

Eduard Bernstein, Fotoporträt
Eduard Bernstein, Aufnahme von 1895, sieben Jahre vor den Wahlen (Deutsches Historisches Museum / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein Jahr ohne Reichstags- und ohne Preußenwahl ist ein Jahr der Landtagswahlen. In Oldenburg wählt am 15. Oktober das Land seine Abgeordneten, und die Sozialdemokratie gewinnt sechs Sitze statt des einen, den sie bisher hielt; die konservativ-agrarische Mehrheit ist gestürzt, Streitpunkt war die Erhöhung der Zivilliste für den neuen Großherzog. Im Landesteil Fürstentum Lübeck, wo am 14. Oktober gewählt wurde, siegen vier Bürgerliche. In Anhalt finden am 12. November die Urwahlen und am 21. November die Abgeordnetenwahl statt: Unter den 36 Sitzen des Landtags gehen 24 aus allgemeinen Wahlen hervor, und die Sozialdemokratie erringt davon erstmals vier, darunter Peus in Dessau, der dem Reichstag angehört. In Dessau gewinnen die vereinigten Liberalen und Sozialdemokraten die Mehrheit bei den Wahlmännern mit 69 gegen 58.

Für den Reichstag gewinnt am 20. März bei der Ersatzwahl in Breslau-West Eduard Bernstein, der in Schöneberg wohnt und erst 1901 aus dem Londoner Exil zurückgekehrt war, im ersten Wahlgang mit rund 14.700 Stimmen gegen 6.408 für den Kandidaten der Freisinnigen Volkspartei, Heilberg. In Berlin geht es am 5. November bei der Ersatzwahl zur Stadtverordnetenversammlung auch um den Sitz, den Virchow im 4. Bezirk innehatte: Dort siegt der Liberale Kollokowsky mit 934 Stimmen über Leo Arons (Sozialdemokrat) mit 352; im 11. Bezirk gewinnt der Sozialdemokrat Voigt mit 1.552 gegen 767 für den Liberalen Kruse. An der Stärke der Fraktionen ändert das nichts: Die Sozialdemokraten behalten ihre 28 Sitze.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hessen, 8. November — Nationalliberale 18, Bauernbund rund 13. Die Nationalliberalen verlieren fünf Sitze, Zentrum 7 und SPD 6 halten.
  • Bremen, 24. November — SPD rund 19 von 150 Sitzen (zuvor 11). Im ersten Gang 17, dazu sechs Stichwahlen.
  • Schwarzburg-Rudolstadt, Oktober — SPD 7 von 16 Sitzen (vorher 1). Eine Stimme unter der Mehrheit.
  • Schaumburg-Lippe (Reichstag), 31. Januar — Demmig (Freisinnige Volkspartei) rund 4.500, Reventlow (Antisemit) rund 3.400. Stichwahl; Hauptwahl am 23. Januar.

Venezuela: Deutsche und britische Kriegsschiffe nehmen Castros Flotte weg, die Blockade beginnt

Die Kreuzer „Panther" und „Vineta" vor Venezuela, Zeichnung von Willy Stöwer
Schiffe der Ostamerikanischen Kreuzerdivision, links „Panther", rechts „Vineta", vor Venezuela, Zeichnung des Marinemalers Willy Stöwer, um 1902 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 7. Dezember übergibt der deutsche Geschäftsträger in Caracas der venezolanischen Regierung eine Note: Sie soll bis zum 31. Dezember das Eigentum deutscher Staatsangehöriger entschädigen, das 1898 bis 1900 beschädigt oder beschlagnahmt wurde. Am 9. Dezember werden im Hafen von La Guayra nach einer Reuter-Meldung „vier venezolanische Kriegsschiffe von der vereinigten deutsch-englischen Flotte weggenommen". Der „Vorwärts" schreibt am 11. Dezember: „Deutschland und England haben es außerordentlich eilig gehabt, das kleine, maritim ohnmächtige Venezuela die gepanzerte Faust fühlen zu lassen." Am 13. Dezember beschießen der britische Kreuzer „Charybdis" und die deutsche „Vineta" die Forts von Puerto Cabello; nach einer Depesche aus La Guayra dauert das Bombardement 45 Minuten.

Am 20. Dezember erscheint im Reichs-Anzeiger die Bekanntmachung über die Blockade der venezolanischen Häfen Puerto Cabello und Maracaibo. Präsident Castro hatte Verhandlungen oder ein Schiedsgericht angeboten; Präsident Roosevelt lehnte das Schiedsrichteramt ab, und der Haager Schiedsgerichtshof wurde ins Spiel gebracht. Die „Deutsche Tageszeitung" fragt am 31. Dezember kritisch: „Welcher Rattenkönig von Fragen — ohne Antwort!" Aus Port of Spain wird am 30. Dezember gemeldet, ein unter Umgehung der Blockade eingetroffener Reisender berichte, Castro hoffe auf Unterstützung der Vereinigten Staaten; man spreche von einer „friedlichen Blockade". Zum Jahresende läuft die Blockade, eine Lösung ist nicht in Sicht.

Aus heutiger Sicht

Im Januar 1903 beteiligte sich Italien, und bei Puerto Cabello kam es zu Gefechten. Die Washingtoner Protokolle vom 13. Februar 1903 beendeten die Krise, und 1904 formulierte Roosevelt seine Zusätze zur Monroedoktrin.

Prinz Heinrich in Amerika: Eine Yacht wird getauft, und über den Sekt streiten bald die Gerichte

Werbeanzeige für Söhnlein „Rheingold“ in der Zeitschrift „Jugend“
Werbeanzeige der Sektkellerei Söhnlein für „Rheingold“ in der Münchner Zeitschrift „Jugend“, 1901, kein Bild des Ereignisses (Niestlé / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonntag, dem 23. Februar, trifft Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder des Kaisers, als dessen Vertreter mit dem Dampfer „Kronprinz Wilhelm" des Norddeutschen Lloyd gegen 11 Uhr vormittags im Hafen von New York ein. Botschafter von Holleben, Bürgermeister Low und Konteradmiral Evans empfangen ihn, die Schiffe flaggen, die Dampfpfeifen heulen, die Forts salutieren. Noch auf See hatte der Prinz mit einem Marconi-Apparat ein Telegramm an Präsident Roosevelt gesandt, und der hatte geantwortet, er freue sich auf das Zusammentreffen am folgenden Tag.

Am Dienstag, dem 25. Februar, um 10.40 Uhr läuft auf der Werft Townsend & Downey auf Shooters Island die Rennyacht „Meteor" des Kaisers vom Stapel; Taufpatin ist Alice Roosevelt, die 18 Jahre alte Tochter des Präsidenten. Bei der Taufe soll jedoch Champagner von Moët & Chandon verwendet worden sein, nicht der bestellte deutsche Rheingold-Sekt der Kellerei Söhnlein in Schierstein im Rheingau; Söhnlein wirbt dennoch mit dem „Taufsekt der Kaiserlichen Schooner-Yacht Meteor". Die Berliner Zeitung „Der Tag" spottet am 3. April: „Also wurde mit Moët getauft; der ‚Vertrag' trat in Geltung; Townsend Downey strichen Pinke-Pinke ein; dies ist der Lauf der Welt."

Am 13. November verhandelt die Zivilkammer des Landgerichts Wiesbaden: Die Firma Chandon & Co., früher Moët & Chandon in Epernay, klagt gegen Söhnlein auf Unterlassung und eine Million Mark Schadenersatz. Die „Mayener Volkszeitung" schreibt: „Der lustige Krieg um den Taufsekt der Jacht Meteor, der bisher nur in den Annoncenspalten der Blätter wüthete, liegt jetzt richterlicher Entscheidung vor." Das Gericht beschließt Beweisaufnahme, als Zeuge soll unter anderen der Botschafter von Holleben gehört werden.

„Babel und Bibel": Professor Delitzsch spricht in der Singakademie vor dem Kaiser

Der Assyriologe Friedrich Delitzsch
Friedrich Delitzsch, Fotoporträt aus der Zeit vor 1906, aus „Babel and Bible", Chicago 1906 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Montagabend, dem 13. Januar, spricht der Berliner Assyriologe Professor Friedrich Delitzsch in der Singakademie vor der Deutschen Orient-Gesellschaft über „Babel und Bibel". Geladen ist ein „erlesener Interessentenkreis"; Kaiser Wilhelm II. folgt dem Vortrag aus der Königsloge mit einigem Gefolge von Prinzen und Herren des Hofes. Das „Berliner Tageblatt" fasst die Kernthese am 14. Januar zusammen: „Babel wird uns zum Interpreten und Illustrator der Bibel." Delitzsch zeigt Lichtbilder von Reliefs, Tontafeln mit Keilschrift, Ziegeln und Königspalästen; er führt den hebräischen Sabbat auf Babylon zurück, stellt die Tafel mit der Sintflut-Erzählung aus der Zeit um 2000 vor Christus neben die biblische Sintflut und weist auf Schöpfungsgeschichte und einen Siegelzylinder mit Mann, Weib, Baum und Schlange hin.

Nach der Vorlesung werden Delitzsch und Vorstandsmitglieder der Gesellschaft, darunter Kommerzienrat James Simon, in die Loge des Kaisers befohlen; man dankt für den Schutz, den er der Gesellschaft gewährt.

Aus heutiger Sicht

Weitere Vorträge Delitzschs und Äußerungen des Kaisers folgten 1903 und 1904; die Auseinandersetzung ging als „Babel-Bibel-Streit" in die Geschichte ein. Das Ischtar-Tor aus Babylon steht heute in Berlin.

Der Elbdampfer „Primus" wird nachts bei Nienstedten gerammt, über 100 Menschen sterben

Der Ausflugsdampfer „Primus“
Der Ausflugsdampfer „Primus“, gesunken am 21. Juli 1902, Abbildung aus der „Weltrundschau zu Reclams Universum“ 1902 (Atelier Schaul, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum Montag, dem 21. Juli, kurz nach Mitternacht, rammt der Dampfer „Hansa" der Hamburg-Amerika-Linie auf der Elbe bei Nienstedten den Raddampfer „Primus", der von einem Sommerausflug nach Cranz mit einem Gesangverein und dessen Angehörigen nach Hamburg zurückkehrt. Die „Primus" sinkt binnen weniger Minuten; sie führt nur ein einziges Boot, und es kentert, weil zu viele Menschen hineinspringen. Der „Vorwärts" berichtet am 23. Juli, bei dem Zusammenstoß habe alles auf die Seite der „Hansa" gedrängt, und das habe das Kentern beschleunigt. Die ersten Meldungen sprechen von etwa 50 Toten, am 28. Juli zählt das „Hamburger Fremdenblatt" 82 geborgene Leichen, und nach den Feststellungen der Blätter sind mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Die Angaben über die Zahl der Menschen an Bord gehen auseinander.

Um die Schuld wird sofort gestritten. Die Reederei erklärt im „Berliner Tageblatt" am 22. Juli: „Unser Flußdampfer ‚Hansa' kam gestern Abend bei klarem Wetter und Mondschein elbabwärts"; die „Hansa" habe gegen 12 Uhr ein rotes Feuer an Backbord gesichtet, die Kurse seien klar gewesen, weil die „Hansa" nördlich im Fahrwasser steuerte, die „Primus" aber in der Fahrwassermitte elbaufwärts. Am 31. Juli beginnt vor dem Seeamt in Hamburg die Verhandlung; nach den Angaben vor dem Seeamt wurden 108 Menschen gerettet, und auch ein Heizer der Besatzung ist tot.

Die Flucht der Kronprinzessin von Sachsen

Luise von Österreich-Toskana, Kronprinzessin von Sachsen
Luise von Österreich-Toskana, Kronprinzessin von Sachsen, Fotoporträt mit der Aufschrift „Kronprinzessin v. Sachsen" (Österreichische Nationalbibliothek / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 9. Dezember verlässt Luise, die Kronprinzessin von Sachsen, geborene Erzherzogin von Österreich-Toskana und Gemahlin des Kronprinzen Friedrich August, Dresden. Auf der Durchreise nach Salzburg übernachtet sie, wie der „Schwäbische Merkur" am 24. Dezember berichtet, im Rheinischen Hof in München; am 10. Dezember begleitet sie der sächsische Gesandte zum Bahnhof, und sie ruft ihm zu: „Auf Wiedersehen in acht Tagen."

Öffentlich wird die Flucht erst am 22. Dezember: Das amtliche „Dresdner Journal" meldet, die Kronprinzessin habe Salzburg „in der Nacht vom 11. zum 12. d. M." „unter Abbruch aller Beziehungen" verlassen. Nach Wiener Meldungen reiste sie mit ihrem ältesten Bruder, dem Erzherzog Leopold Ferdinand, in die Schweiz. Aus Genf wird am 23. Dezember telegrafiert, die Polizei erkläre amtlich, die Kronprinzessin sei nicht in Genf; man höre aber, sie wohne seit zehn Tagen als „Fräulein v. Oben" mit einem ihrer Brüder und einem Brüsseler Professor G. im „Hôtel d'Angleterre". Die „Dresdner Nachrichten" schreiben am 24. Dezember: „Um die ganze Ungeheuerlichkeit des Verhaltens der flüchtigen Prinzessin zu ermessen, wird man daran erinnern müssen, was sie hier aufgegeben hat: einen Gemahl, der von ganzem Herzen und ganzer Seele an ihr hing …, fünf entzückende Kinder."

Edward VII.: Die Operation verschiebt die Krönung, am 9. August wird er in Westminster gekrönt

König Edward VII. im Krönungsornat
König Edward VII. im Krönungsornat, Atelieraufnahme von W. & D. Downey, 1902, kein Foto des Krönungsakts (Royal Collection / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Krönung Edwards VII., der seit dem Tod der Königin Victoria im Januar 1901 König ist, war für Donnerstag, den 26. Juni, in der Westminster-Abtei angesetzt, der Krönungszug für den Freitag. Die Straßen waren nach der „Wittener Volks-Zeitung" „bereits … im Festesschmucke". Am 24. Juni meldet das Bulletin der Ärzte, unterzeichnet unter anderen von Lister und Treves: „Der König leidet an Perityphlitis", und die Presse erklärt, das heiße auf englisch „Appendicitis". Der Zustand war am Sonnabend zufriedenstellend, am Montagabend verschlimmerte er sich, und deshalb sei am Dienstag eine Operation nötig. Das Bulletin von 2 Uhr nachmittags lautet: „Die Operation des Königs wurde erfolgreich ausgeführt. Der große Abszeß …" Alle Festlichkeiten werden „bis auf Weiteres" verschoben; „Der Wächter" schreibt: „Jedenfalls dauert es Wochen."

Am Sonnabend, dem 9. August, wird der König gekrönt. Ab 10 Uhr vormittags füllt sich die Abtei, um 11.15 Uhr ziehen die Würdenträger ein, im Zug der Premierminister Balfour und der Lordkanzler; Königin Alexandra wird von acht Pagen begleitet. Es erschallen die Rufe „Vivat Regina Alexandra!" und „Vivat Rex Eduardus!". Der Erzbischof von Canterbury setzt dem König die Krone auf und „schien einer Ohnmacht nahe"; der Erzbischof von York und zwei Bischöfe führen ihn weg, doch er erholt sich. Auf dem Weg vom Palast durch die Mall begleitet den König Beifall.

Émile Zola wird tot in seinem Schlafzimmer gefunden

Émile Zola, Fotoporträt
Émile Zola, Atelieraufnahme von Nadar, entstanden vor 1895, kein Bild von 1902 (Bibliothèque nationale de France / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Montagvormittag, dem 29. September, wird der Schriftsteller Émile Zola, der 1898 mit „J'accuse" in die Dreyfus-Sache eingegriffen hatte, in seiner Pariser Wohnung nahe dem Friedhof Montmartre tot aufgefunden; seine Frau wird wiederbelebt und bewusstlos in eine Klinik gebracht. Der „Vorwärts" meldet am 30. September: „Emile Zola wurde heute vormittag in seiner Wohnung tot aufgefunden. Er ist infolge eines Unfalls erstickt." Das „Berliner Tageblatt" nennt den Hergang „vorläufig noch absolut unklar", berichtet von verbrannten Holzresten im Kamin und davon, dass die beiden Hunde im Zimmer am Leben waren; Zola lag vor dem Bett auf dem Boden, „offenbar in der Absicht, die Tür zu öffnen". Das Blatt erwägt auch einen „Herzschlag". Zola war 62 Jahre alt.

Am Sonntag, dem 5. Oktober, wird er auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt; die Beisetzung wird zur Kundgebung der „Dreyfusards". Alfred Dreyfus erscheint in Begleitung von Freunden und wird von der Menge nicht erkannt. Sieben Personen werden verhaftet, nur zwei Verhaftungen bleiben aufrechterhalten. Der Führer Jaurès wird, wie das „Neue Tagblatt" meldet, verhindert, am Grabe zu reden.

„Berlin unter Wasser": Das große Gewitter in der Nacht zum 14. April

Die überschwemmte Yorkstraße
Die überschwemmte Yorkstraße in Berlin am 14. April 1902, Foto von Sendker (Zeno.org / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum Montag, dem 14. April, geht ein Gewitter mit Wolkenbrüchen und Hagel über Berlin nieder, das nach dem Blatt „Der Tag" mehr als fünf Stunden dauert; die Zeitung schreibt unter der Überschrift „Berlin unter Wasser": „Ein Unwetter, wie es die deutsche Reichshauptstadt wohl seit Menschengedenken nicht gesehen, hat sich heute in den frühen Morgenstunden über Berlin entladen." Es beginnt gegen 2 bis 2½ Uhr nachts. Die Feuerwehr wird binnen drei Stunden 300-mal alarmiert, um Keller auszupumpen. Der Straßenbahnverkehr stockt, alle Schulen bleiben geschlossen, Straßen sind unpassierbar, an manchen Stellen werden Notbrücken gelegt. Blitzschläge stören den Telefonbetrieb „an Hunderten von Stellen". Besonders betroffen sind der Gesundbrunnen, der Norden und der Südwesten; auf einem Bahnhof steht das Wasser so hoch, dass niemand ihn betreten kann, der Nordring bleibt zwischen Weißensee und Beusselstraße 24 Stunden gesperrt, und am Anhalter Güterbahnhof entgleist eine Lokomotive. Die Pumpstationen fördern „viele hundert Millionen Liter" auf die Rieselfelder.

Die Meteorologen hatten klares Wetter vorausgesagt; die „Berliner Morgenpost" erinnert am 15. April daran, dass Falb den 8. April zum „kritischen Tag 1. Ordnung" erklärt hatte. Auch die Yorkstraße in der Tempelhofer Vorstadt steht unter Wasser.

Robl gewinnt das „Goldene Rad von Berlin" und schlägt den Weltrekord

Der Radrennfahrer Thaddäus Robl
Der Radrennfahrer Thaddäus Robl, Atelierbildnis von Jules Beau, 1902 (Gallica / Bibliothèque nationale de France, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonntag, dem 25. Mai, kommen im Sportpark Friedenau, auf der Radrennbahn der Landgemeinde Friedenau bei Berlin, nach den Blättern etwa 20 000 Zuschauer zusammen; die Bahn ist ausverkauft. Gefahren wird das „Goldene Rad von Berlin", ein Rennen über 100 Kilometer hinter Motorschrittmachern. Es siegt der Münchner Thaddäus Robl in 1 Stunde 28 Minuten 18,2 Sekunden. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 26. Mai: „Er hat um mehr als viereinhalb Minuten den Weltrekord geschlagen." Der alte Rekord fällt schon beim 80. Kilometer. Robl ist der erste Deutsche, der das Goldene Rad gewinnt. Zweiter wird Piet Dickentmann aus Amsterdam in 1:33:26 vor dem Schweizer Ryser, vierter der Engländer Tom Linton, fünfter der Franzose Bouhours, der das Goldene Rad zweimal gewonnen hatte; der Friedenauer Sievers gibt auf.

Zur Unterhaltung des Publikums wird ein echtes goldenes Rad als Preis für die richtige Programmnummer verlost; der Gewinner fährt eine Ehrenrunde, und Robl setzt sich darauf.

Die „Freie Hochschule" wird im Berliner Rathaus eröffnet

Das Rathaus der Stadt Berlin
Das Rathaus der Stadt Berlin, Postkarte des Verlags J. Miesler, 1901 (Zeno.org / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Sonntag, dem 12. Januar, mittags wird die „Freie Hochschule" im Bürgersaal des Rathauses „aus der Taufe gehoben", wie „Das deutsche Blatt" am 14. Januar schreibt. Ihr Ziel ist es, „Jeden im Volke gegen geringes Entgelt dem Born tiefen und reinen Wissens zu führen"; sie will den bestehenden Bildungsstätten keine Konkurrenz machen und auch die Frauen ansprechen. Theodor Kappstein begrüßt für den geschäftsführenden Ausschuss, ein Prolog wird gesprochen, und der Redner Bruno Wille verweist auf ähnliche Bestrebungen im Ausland: die freie Universität in Brüssel, die Volkshochschulen Dänemarks und die Ruskin-Universitäten Englands. Carl Hauptmann sendet ein Begrüßungstelegramm aus Agnetendorf.

Die „Humboldt-Akademie", die Berliner Volkshochschule, beginnt am 13. und 14. Januar in allen sechs Lehrstätten der Stadt, im Architektenhaus, in der Nationalgalerie und anderswo, eine große Zahl von Vortragsreihen und Kursen aller Fächer; der erste Vortrag ist meist frei, das Programm kostet 10 Pfennig. „Der Tag" zweifelt: „Ein ungemeines Vorhaben und ein schöner Traum."

Ein Hochstapler gibt als „Prinz de Broglie" ein Gastspiel in Berlins ersten Hotels

Unter den Linden, Ansichtskarte von 1901
Unter den Linden, Ansichtskarte des Verlags J. Miesler, 1901, kein Bild des Vorfalls (Zeno.org / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mitte September nimmt ein junger Mann von etwa 25 Jahren, 1,70 Meter groß, mit schwarzem Schnurrbart, einer Zahnlücke und ausgeprägt schweizerischem Dialekt, in einem von Berlins ersten Hotels ein Zimmer; er gibt sich als Mitglied der bekannten Zermatter Hotelbesitzerfamilie Z. aus und will „aus Heringsdorf von der Kur" kommen. Beim Kartenmacher Unter den Linden bestellt er Visitenkarten mit dem Namen „S. A. le prince Robert de Broglie" und verlangt Lieferung am nächsten Tag in ein anderes Hotel ersten Ranges Unter den Linden. Doch als die Karten fertig sind, ist er verschwunden; zuvor hatte er sich 200 Mark geborgt.

Aus Heringsdorf trifft die Anzeige ein, er habe dort die Hotelrechnung nicht bezahlt und einen dunkelgrauen Überzieher „nach der neuesten Mode" mitgenommen. Die Meldung geht am Sonnabend, dem 20. September, im gleichen Wortlaut durch fast alle Berliner Blätter: „Ein internationaler Hochstapler hat in Berlin eine kurze Gastrolle gegeben."

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 8. Januar — Reichskanzler Graf Bülow weist im Reichstag die Angriffe Chamberlains zurück und zitiert Friedrich den Großen: „Laßt den Mann gewähren und regt Euch nicht auf; er beißt auf Granit." Das „Berliner Tageblatt" bringt es am 9. Januar.
  • 5. April — In Glasgow bricht beim Länderspiel Schottland–England im Ibrox Park ein Teil der überfüllten Tribüne zusammen; die Blätter melden zwanzig Tote und mehr als hundert Schwerverletzte.
  • 12. April — Das Reichsgericht in Leipzig verwirft im Prozess um die Wreschener Schulvorgänge sämtliche Revisionen bis auf eine; bei einem Angeklagten wird die Hauptstrafe um eine Woche ermäßigt. Nach „Der Tag" haben 15 der Verurteilten Gnadengesuche eingereicht.
  • 30. April — In Gumbinnen spricht das Oberkriegsgericht die Unteroffiziere M. und H. im Fall des ermordeten Rittmeisters v. K. frei, „in dubio pro reo"; die Presse atmet auf, M. war früher zum Tode verurteilt worden.
  • 1. Mai bis 20. Oktober — In Düsseldorf läuft die Industrie- und Gewerbeausstellung für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke, verbunden mit einer deutsch-nationalen Kunstausstellung; die Eröffnungsrede nennt die Kunstausstellung den „Glanzpunkt der Düsseldorfer Ausstellung".
  • 31. Mai — In Südafrika unterzeichnen die Burendelegierten sowie Lord Milner und Lord Kitchener am Sonnabendabend um 10½ Uhr die Bedingungen der Übergabe. In London wird der Friede mit größter Begeisterung aufgenommen, vor dem Mansion House hängt das Plakat „Der Frieden ist proklamiert".
  • 28. Juni — Der Dreibund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien wird erneuert; die römische „Tribuna" meldet, die Erneuerung „erfolgte ohne Modifikationen".
  • 30. Juni — Hundstagshitze, und das Berliner Theater gibt die 150. Vorstellung von „Alt-Heidelberg"; „Der Rekord von Alt-Heidelberg" überschreibt das „Berliner Tageblatt" am 1. Juli seine Notiz.
  • 14. Juli — In Venedig stürzt der Campanile am Markusplatz ein; der Gemeinderat beschließt am 15. Juli den Wiederaufbau, Truppen sperren das Trümmerfeld ab, die Schäden an der Loggia werden auf mehrere Millionen geschätzt. Die Presse bringt es mit dem Erdbeben von Saloniki vom 5. Juli in Verbindung.
  • 6. bis 8. August — Kaiser Wilhelm II. trifft den Zaren Nikolaus II. bei Reval. Nach dem „Berliner Tageblatt" vom 19. August herrscht die „allgemein getheilte Meinung", dass über den künftigen deutsch-russischen Handelsvertrag vorläufig Einvernehmen erzielt wurde; englische Blätter streuen derweil Attentatsgerüchte.

WIRTSCHAFT · 1902

Das Jahr bleibt konjunkturell schwach. Der „Vorwärts" stellt am 18. November fest, die Arbeitslosigkeit in England habe im September einen Höchststand erreicht, besonders im Schiffbau und in der Maschinenindustrie, in Frankreich und Belgien stehe es schlecht, in Österreich steige sie; „In Deutschland leiden zumal der Bergbau und die Eisenindustrie …". Der Reichsbankdiskont wird am 18. Januar von 4 auf 3½ Prozent herabgesetzt (Lombardzinsfuß 5 auf 4½ Prozent), am 11. Februar auf 3 Prozent (Lombardzinsfuß 4 Prozent) und Anfang Oktober wieder auf 4 Prozent (Lombardzinsfuß 4½ Prozent), nachdem die Bank von England ihren Satz erhöht hat und die Ansprüche an die Reichsbank steigen; im Jahresmittel steht der Diskont bei 3,32 Prozent. In Pennsylvania treten am 12. Mai rund 150 000 Anthrazit-Bergleute in den Streik, der im Oktober endet.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,24 Mark
  • Weizenbrot (Schrippen, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,42 Mark
  • Weizenmehl (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,35 Mark
  • Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,30 Mark
  • Rindfleisch (1 kg, Ochsenfleisch, Berlin, Jahresmittel) — 1,34 Mark
  • Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,50 Mark (Vorjahr 1,42 Mark)
  • Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 4,50 Mark
  • Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif seit 1. Januar 1901) — 10 Pfennig

STIMMEN DER PRESSE · 1902

Der Zolltarif, in der Nacht zum 14. Dezember angenommen, beschäftigt die Blätter aller Richtungen. Zuerst die nationalliberale „National-Zeitung":

„Graf Bülow und Graf Posadowsky schüttelten einander die Hände, und sie wurden von einer Anzahl Abgeordneter zu dem Ergebniß beglückwünscht." — National-Zeitung, 15. Dezember 1902

Dann die agrarisch-konservative „Deutsche Tageszeitung", das Blatt des Bundes der Landwirte:

„Das heißumstrittene Gesetz, das seit Jahren fast ausschließlich im Mittelpunkte der Erörterung stand, ist also mit einer Zweidrittelmehrheit im Reichstage zur Verabschiedung gelangt." — Deutsche Tageszeitung, 15. Dezember 1902

Zuletzt der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie:

„Auch die Beendigung der dritten ‚Lesung' wurde nur möglich durch die Anwendung weiterer beispielloser Vergewaltigungen, die Diktatur des Präsidenten erreichte ihren Höhepunkt." — Vorwärts, 15. Dezember 1902

SPORT · 1902

Am Pfingstwochenende beginnt in Berlin das VIII. Internationale Lawn-Tennis-Turnier des Lawn-Tennis-Turnier-Clubs auf den Plätzen der Berliner Spielplatzgesellschaft in der Barbarossastraße, unter dem Protektorat der Prinzessin Friedrich Leopold; es gibt fünf Konkurrenzen, darunter die Meisterschaft von Berlin, in der Ritchie aus London den Titel verteidigt. Im Mai wird im Palast-Hotel die Gründung des Deutschen Lawn-Tennis-Bundes beschlossen, den Vorsitz soll von der Meden aus Hamburg führen. Im Radsport sah der Mai in Friedenau Thaddäus Robl siegen.

Die Automobil-Wettfahrt Paris–Wien, die vom 26. bis 29. Juni über Innsbruck, den Arlberg, Salzburg und den Semmering führt, bringt dem Engländer S. F. Edge auf Napier den Gordon-Bennett-Pokal, obwohl ihn die ersten Meldungen für ausgeschieden erklärt hatten, weil sein Wagen bei Bregenz mit fremder Hilfe aus einem Graben gezogen wurde; im Dezember bewirbt sich der britische Automobilklub um die Ausrichtung des nächsten Rennens. Beim Fußball spielt im April auf dem Athletiksportplatz am Kurfürstendamm die englische Mannschaft Richmond Association gegen den Berliner Fußballklub „Preußen", und „Britannia" und „Preußen" treten um die Verbandsmeisterschaft der dritten Klasse an.

MODE · 1902

Im Frühjahr herrscht bei den Herren nach der „Honnefer Volkszeitung" vom 9. April „das Sackjacket": hochgeschlossen, zweireihig geschnitten mit nur einer Knopfreihe aus dunklem Perlmutt, die Seitentaschen ohne Klappen, die Ärmel „glockenförmig" gegen die Hand, dazu eine hochgeschlossene Weste. Die Damen tragen Röcke mit Blenden und ganz flachen Serpentin-Volants; in Paris spricht man von der „Pelerine".

Im Herbst und Winter ist das Tuch nach der „Täglichen Rundschau" vom 28. September „und bleibt das Lieblingsgewebe aller Damen". Die „Dortmunder Zeitung" beschreibt am 22. September die „Sieben-Bahnen-Röcke", die „ringsum glatt in den Bund" treten und unten weit ausspringen. Im November melden die Blätter, die Reformkleidung „ist in Mode gekommen": „Die Vernunft hat gesiegt."

KULTUR · 1902

Am 5. Januar führt die Neue Freie Volksbühne im Belle-Alliance-Theater Georg Büchners „Dantons Tod" auf, ein Drama, das nach dem „Vorwärts" vom 7. Januar „67 Jahre lang nicht für würdig gehalten wurde, das Licht der Bretter zu erblicken"; die Freie Volksbühne wiederholt es am folgenden Sonntag. Zu Ostern hat im Apollo-Theater Paul Linckes Ausstattungsoperette „Lysistrata" Premiere; die „Tägliche Rundschau" schreibt, sie habe „einen durchschlagenden Erfolg errungen". Am 18. und 19. Oktober erscheint in der Berliner Zeitung „Der Tag" in zwei Teilen Hugo von Hofmannsthals „Ein Brief", die erdichtete Epistel des Lord Chandos an Francis Bacon, datiert vom 22. August 1603.

Die Nobelpreise für Literatur und Chemie gehen nach Berlin: Theodor Mommsen in Charlottenburg und Emil Fischer werden am 10. Dezember in Stockholm ausgezeichnet; Fischer nimmt den Preis selbst aus der Hand des Königs entgegen, für Mommsen der deutsche Gesandte. Die „Berliner Morgenpost" schreibt am 12. Dezember zu Mommsen: „Seine Römische Geschichte ist ein Muster klarer historischer Darstellung; ob man sie aber, wie Nobels Testament voraussetzt, als ‚das hervorragendste literarische Werk im idealistischen Sinne' bezeichnen kann, ist doch sehr fraglich."

KINO & FUNK · 1902

Der Kinematograph hat im Berliner Vergnügungsleben seinen Platz. Am 15. Juni bringt er nach dem „Berliner Tageblatt" „als neueste Nummer die Zerstörung von St. Pierre mit dem Mont Pelée in voller Thätigkeit", am 12. August zeigt er im Passage-Theater „die wohlgelungenen Aufnahmen der Londoner Krönungsfeierlichkeiten König Eduards VII.", drei Tage nach der Krönung. Im Januar führt der Kosmograph eine kolorierte „Jeanne d'Arc" auf einem über 300 Meter langen Filmband vor, „wohl der Rekord auf dem Gebiet der lebenden Photographie"; am 16. Juni führt der Pariser Chirurg Dr. Doyen im Langenbeck-Haus vor Ärzten und Studenten einen von ihm gebauten Kinematographen vor, der Operationen „in völlig naturgetreuer Bewegung" zeigt.

In der Funkentelegraphie steht das System Slaby-Arco der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft, mit einer Versuchsstation in Duhnen bei Cuxhaven, im Wettstreit mit den Systemen Braun und Marconi, wie die „Kölnische Zeitung" am 5. Januar und am 13. April schreibt. Im Herbstmanöver sind alle Schiffe der Übungsflotte außer den Torpedofahrzeugen mit Slaby-Arco-Einrichtungen ausgerüstet. Am 23. Februar telegrafiert Prinz Heinrich vom Dampfer „Kronprinz Wilhelm" aus mit einem Marconi-Apparat an Präsident Roosevelt. Nach einer Meldung wurde am 6. Dezember über das neue britische Pazifikkabel von Ottawa über Brisbane nach London ein Telegramm um die Erde gesandt, das von Sir Sandford Fleming an den Bürgermeister von Ottawa ging und 6 Stunden und 3 Minuten brauchte; zwischen Brisbane und London vergingen nur 18 Minuten.

GESTORBEN · 1902

  • Cecil Rhodes (48), englischer Kolonialpolitiker, Gründer von Rhodesien — 26. März, Muizenberg bei Kapstadt.
  • Albert (74), König von Sachsen, letzter Heerführer des Krieges von 1870/71 — 19. Juni, Sibyllenort.
  • Rudolf Virchow (80), Pathologe, Anthropologe und liberaler Politiker — 5. September, Berlin.
  • Émile Zola (62), französischer Schriftsteller — 29. September, Paris.
  • Friedrich Alfred Krupp (48), Eigentümer der Essener Gussstahlfabrik — 22. November, Essen.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1902

  • Der Kaiser dankt einem Retter (13. August, London). Kaiser Wilhelm II. lässt dem Kapitän Hargreaves eines Bostoner Fischereidampfers eine goldene Uhr und zwei Leuten der Besatzung je 5 Pfund zugehen „für die muthige Rettung von 4 Mann von der deutschen Sloop ‚Heinrich' während eines Sturmes in der Nordsee".
  • Der amerikanische Kohlenstreik ist beendet (20.–23. Oktober, Wilkesbarre). Die Konvention der Bergarbeiter nimmt den Antrag des Präsidenten auf ein Schiedsgericht an und beschließt, am Donnerstag die Arbeit wieder aufzunehmen; die „Ratinger Zeitung" meldet am 25. Oktober: „Der amerikanische Kohlenstreik ist beendet."
  • Nobelpreise für zwei Berliner Gelehrte (10. Dezember, Stockholm). Zwei der fünf Preise des Jahres, für Literatur und für Chemie, gehen an Gelehrte aus Berlin und Charlottenburg.

DAS WETTER · 1902 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 18,8 °C, das Minimum lag bei 8,2 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 13,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fiel kein Regen.

Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres war der 29. Juni mit 32,5 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 6. Dezember mit −13,4 °C. Nach der Berliner Messreihe zählte das Jahr 88 Frosttage und 28 Eistage, dazu 25 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 7 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 636 mm, der nasseste Tag war der 14. April mit 67,4 mm.

(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1902

Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Possen, die 1902 aufgeführt wurden. „Erfolg" heißt hier Bühnenerfolg in Berlin und Wien. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 8 Titel belegen, die bis einschließlich 1902 entstanden und für die auch eine Aufführung im Jahr 1902 nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.

  1. Lysistrata (Ausstattungs-Operette mit Ballett in 2 Akten) — Text: Heinz Bolten-Baeckers, Musik: Paul Lincke; Uraufführung 31. März 1902, Apollo-Theater Berlin; „Weit über 200 Mal" im Apollo-Theater gegeben (Berliner Morgenpost, 8. November 1902)
  2. Nakiris Hochzeit (Ausstattungs-Operette in 2 Akten) — Musik: Paul Lincke; Uraufführung 6. November 1902, Apollo-Theater Berlin; „großem Erfolg" gemeldet (Berliner Börsen-Zeitung, 7. November 1902)
  3. Die zwölf Frauen des Japhet (Vaudeville nach Mars und Desvallières) — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Uraufführung 29. November 1902, Metropol-Theater Berlin; Kritik in der Staatsbürger-Zeitung vom 2. Dezember 1902
  4. Die wahre Liebe ist das nicht (Große Posse mit Gesang und Tanz in 4 Bildern) — Text: Horst und Stein, bearbeitet von Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Metropol-Theater Berlin, Uraufführung 31. März 1902; Anzeigen der Berliner Morgenpost vom 10. und 12. April 1902
  5. ’Ne feine Nummer! (Ausstattungsposse) — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender und Leo Fall; Uraufführung 26. Dezember 1901, Metropol-Theater Berlin; Anzeige der Berliner Morgenpost vom 18. Januar 1902
  6. Frau Luna (Operette) — Text: Heinz Bolten-Baeckers, Musik: Paul Lincke; Uraufführung 1. Mai 1899, Apollo-Theater Berlin; Nachmittagsvorstellungen zu ermäßigten Preisen (Berliner Morgenpost, 28. Dezember 1902)
  7. Wiener Blut (komische Operette in 3 Akten) — Text: Victor Léon und Leo Stein, Musik: Johann Strauss (Sohn), bearbeitet von Adolf Müller jun.; Uraufführung 26. Oktober 1899, Carltheater Wien; Theater des Westens Berlin (Berliner Morgenpost, 21. September 1902)
  8. Der lustige Krieg (Operette in 3 Akten) — Text: F. Zell und Richard Genée, Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 25. November 1881, Theater an der Wien; Theater des Westens Berlin (Berliner Morgenpost, 19. August 1902)