DER CHRONIST

Zum Geleit

Im Juni wählte das Reich, und die Sozialdemokratie zog mit 81 Abgeordneten in den Reichstag ein. Im Oktober fuhren auf der Strecke Marienfelde–Zossen zwei Wagen schneller als je ein Fahrzeug auf Schienen, und im November starb in Charlottenburg Theodor Mommsen. In Crimmitschau stehen die Textilarbeiter am Jahresende noch immer im Ausstand. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Wahlzettel, Bulletins und Berliner Vermischtes dicht nebeneinander.

Die Schlagzeilen des Jahres

Reichstagswahl: Die Sozialdemokratie zieht mit 81 Abgeordneten ein, Berlin wählt fünfmal rot

Wahlplakat der Sozialdemokratie zur Reichstagswahl 1903
Wahlplakat der Sozialdemokratie zur Reichstagswahl 1903 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 16. Juni wählt das Reich den 11. Reichstag, am 25. Juni folgen die Stichwahlen. Im Wahlkampf steht der neue Zolltarif mit seinen Agrarzöllen und Handelsverträgen im Vordergrund. Die Sozialdemokratie erringt 81 Sitze bei rund 3 Millionen Stimmen; das Zentrum bleibt mit rund 100 Abgeordneten die stärkste Fraktion, und Graf Bülow bleibt Reichskanzler. Im Königreich Sachsen gewinnt die Sozialdemokratie 22 von 23 Wahlkreisen. Das „Berliner Tageblatt" erinnert am 18. Juni daran, dass man dort „durch einen kleinen Staatsstreich das Wahlrecht abgeändert" habe, damit kein Sozialdemokrat mehr in den Landtag komme.

In Berlin ist die Beteiligung groß: Um drei Uhr nachmittags haben nach dem „Berliner Tageblatt" in fast allen Kreisen schon 48 bis 55 Prozent gewählt, und die Schlepperdienste der Parteien, „besonders seitens der Sozialdemokratie energisch durchgeführt", bringen Wähler in Abständen von einer halben Stunde an die Urnen. Der Reichskanzler Graf Bülow kann von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, weil er wegen eines gastrischen Leidens das Zimmer hüten muss. Am Wahlabend gewinnt die Sozialdemokratie fünf der sechs Berliner Wahlkreise: im 2. Richard Fischer, im 3. Wolfgang Heine, im 4. Paul Singer mit 67.865 Stimmen, im 5. Robert Schmidt und im 6. Georg Ledebour mit 78.662 Stimmen. Im 1. Wahlkreis, dem Alt-Berliner Kreis, liegt Dr. Leo Arons mit 5.316 Stimmen vor dem Freisinnigen Johannes Kaempf mit 4.266 und dem konservativen Generalmajor z. D. Bartels mit 2.921. Der „Vorwärts" schildert am 17. Juni die Versammlungen der Genossen „in der Neuen Friedrichstraße bei Dräsel und in der Kommandantenstraße in den Arminhallen"; selbst im ersten Kreis sei man „in begeisterter Stimmung" gewesen, und Arons ruft zur Eroberung der „Hochburg des Freisinns" in der Stichwahl auf.

Die Stichwahl vom 25. Juni geht anders aus: Kaempf, Stadtältester und Kandidat der Freisinnigen Volkspartei, schlägt Arons mit 6.606 gegen 6.232 Stimmen, die Konservativen stützen ihn. Der 1. Wahlkreis bleibt damit der einzige Berliner Kreis ohne sozialdemokratischen Abgeordneten. In den Vororten siegen Fritz Zubeil im Wahlkreis Teltow–Beeskow–Storkow–Charlottenburg, zu dem Schöneberg und Rixdorf gehören, und Arthur Stadthagen in Niederbarnim mit Lichtenberg. Im Wahlkreis Spandau–Osthavelland entscheidet die Stichwahl für den Konservativen August Pauli, der mit 18.167 Stimmen vor dem Berliner Rechtsanwalt Karl Liebknecht mit 17.036 liegt.

Im November wählt Preußen sein Abgeordnetenhaus, erstmals unter Beteiligung der Sozialdemokratie. „Wie auch immer der Erfolg der ersten Beteiligung der Socialdemokratie an den preußischen Landtagswahlen sein möge, die preußische Reaktion soll keine Ruhe mehr vor uns haben", schreibt der „Vorwärts" am 12. November, dem Tag der Urwahlen. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 13. November, die Berliner Wahlmännerwahlen seien im ersten, zweiten und vierten Wahlkreis mit dem glatten Sieg der Freisinnigen geendet, im dritten komme es zur Stichwahl gegen die Sozialdemokraten, und urteilt: „Die Sozialdemokratie hat es in allen vier Wahlkreisen zu imposanten Minderheiten gebracht." Bei der Abgeordnetenwahl am 20. November werden die Konservativen mit über 140 Sitzen die stärkste Fraktion, das Zentrum erhält 97, die Nationalliberalen 79; die Sozialdemokratie bleibt ohne Mandat. Bei der Berliner Stadtverordnetenwahl am 27. November, an der sich nur etwas über dreißig Prozent der eingeschriebenen Wähler der dritten Abteilung beteiligen, wächst die sozialdemokratische Fraktion von 28 auf 33 Mitglieder; im achten Wahlkreis siegt der Sozialist Antrick mit starker Mehrheit über den Freisinnigen.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Sachsen, 5. Oktober — Wahlmännerwahlen zur Zweiten Kammer (Ergänzungswahl): Die Sozialdemokratie gewinnt die Wahlmänner der dritten Abteilung in den Großstädten fast durchweg, bleibt aber ohne Mandat; Konservative 57 Sitze, Nationalliberale 22 von 82.
  • Baden, 30. Oktober — Wahlmännerwahl für die Hälfte (32) der Mandate der Zweiten Kammer; in Mannheim bleiben beide Mandate sozialdemokratisch. Die Abgeordnetenwahl folgt im November; im Haus von 63 Sitzen stellen danach die Nationalliberalen 25, das Zentrum 23, die Sozialdemokraten 6.
  • Sachsen-Weimar-Eisenach, 30. November — 33 Sitze: Konservative 17, Nationalliberale 9, Linksliberale 3, Sozialdemokraten 2.
  • Sachsen-Meiningen, September — Wahlen in allen 16 Wahlkreisen zu 24 Sitzen: Nationalliberale 8, Sozialdemokraten 7, Linksliberale 7.
  • Ersatzwahlen zum Reichstag — in Gumbinnen 4 (Stallupönen–Goldap–Darkehmen) gewinnt Hermann Kreth für die Deutschkonservativen, in Anhalt 1 (Dessau–Zerbst) Karl Schrader für die Freisinnige Vereinigung, in Sachsen 15 (Rochlitz–Flöha) Daniel Stücklen für die Sozialdemokratie.
Aus heutiger Sicht

Die Sozialdemokratie war nach Stimmen die stärkste Partei des Reiches (31,7 Prozent gegen 19,7 Prozent des Zentrums), nach Sitzen aber blieb sie mit 81 von 397 Mandaten hinter dem Zentrum zurück, weil das Mehrheitswahlrecht bei unverändert gebliebenen Wahlkreisgrenzen die Großstädte benachteiligte. In Preußen entfielen bei den Urwahlen 18,8 Prozent der Stimmen auf die Sozialdemokratie, doch kein einziges Mandat. Diäten für die Reichstagsabgeordneten wurden erst 1906 eingeführt.

Schnellbahn Marienfelde–Zossen: Zwei Wagen fahren über 200 Kilometer in der Stunde

Der Siemens-Drehstrom-Schnellbahnwagen auf der Strecke Marienfelde–Zossen mit den an den Versuchen Beteiligten
Der Siemens-Drehstrom-Schnellbahnwagen auf der Strecke Marienfelde–Zossen mit den an den Versuchen Beteiligten, Aufnahme vom 24. Oktober 1903 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Studiengesellschaft für elektrische Schnellbahnen, am 10. Oktober 1899 in Berlin gegründet, lässt auf der Militärbahn Marienfelde–Zossen zwei Drehstromwagen fahren, einen von Siemens & Halske und einen der AEG. Im Sommer haben Soldaten des Eisenbahnregiments die Strecke in rund 15 Wochen in den nächtlichen Betriebspausen neu aufgebaut, mit Basaltschotter und verstärktem Oberbau, etwa 250 Meter in jeder Nacht; die preußischen Minister von Budde und von Einem besichtigen den Oberbau am Bahnhof Dahlewitz.

Am 6. Oktober überschreitet der Siemens-Wagen erstmals 200 Kilometer in der Stunde, am 23. Oktober erreicht er 206,7. Am 28. Oktober fährt der Wagen der AEG, geführt von Ingenieur Otto, 210 Kilometer in der Stunde; die Fahrt „verlief durchaus glatt". „Berlin, 28. Okt. Eine Geschwindigkeit von 210 Kilometer in der Stunde hat, wie bereits kurz gemeldet, heute der Schnellbahnwagen der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft auf der Versuchsstrecke Berlin Zossen erreicht und damit den bisherigen Rekord noch übertroffen", meldet die „Mülheimer Zeitung" am 30. Oktober. Schon die ersten Fahrten über 200 Kilometer hatten nach dem „General-Anzeiger" in Mannheim vom 25. Oktober „allenthalben das größte Aufsehen erregt und einen Triumph für die deutsche Technik geschaffen"; das „Hamburger Fremdenblatt" plant am 31. Oktober schon die erste elektrische Schnellbahn Berlin–Hamburg. Am 25. November erreichen noch der AEG-Wagen 205 und der Siemens-Wagen 209 Kilometer in der Stunde.

Aus heutiger Sicht

Der Wert von 210,2 Kilometern in der Stunde blieb 28 Jahre lang der Rekord für Schienenfahrzeuge, bis ihn 1931 der Schienenzeppelin übertraf. Die Strecke wurde nie zu einer Linie ausgebaut, und die Schnellbahn Berlin–Hamburg kam nicht zustande.

Der Kaiser wird am Stimmband operiert

Kaiser Wilhelm II. 1903 in Kopenhagen vor dem Thorvaldsen-Museum
Kaiser Wilhelm II. 1903 in Kopenhagen vor dem Thorvaldsen-Museum, Aufnahme von Peter Lars Elfelt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 7. November lässt sich Kaiser und König Wilhelm II. im Neuen Palais bei Potsdam einen Polypen von der Stimmlippe entfernen. Operateur ist der Frankfurter Halsarzt Geheimrat Professor Dr. Moritz Schmidt; das Bulletin zeichnen von Leuthold, Moritz Schmidt und Ilberg. Die mikroskopische Untersuchung nimmt Geheimrat Professor J. Orth in Berlin vor und befindet: „durchaus gutartiger bindegewebiger Polyp". Dem Kaiser wird bis zur Heilung der Wunde „nur Enthaltung des Stimmgebrauchs" auferlegt; das Bulletin vom 8. November meldet einen ruhigen Tag im Zimmer, eine Nacht ohne Unterbrechung; die Wunde sei „durchaus zufriedenstellend".

Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" wird ermächtigt, die Meldung zu veröffentlichen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich heute der Operation eines Stimmlippen-Polypen unterzogen. Die Operation wurde von dem Geheimrat Professor Dr. Moritz Schmidt ausgeführt und verlief ganz glatt", druckt die „National-Zeitung" am 9. November. Die Presse erinnert sofort an das Kehlkopfleiden des Vaters, Kaiser Friedrichs III.; Dr. Schmidt war am 7. November 1887 mit dem Prinzen Wilhelm nach San Remo gereist. Der „Hannoversche Kurier" lobt am 9. November, dass die Veröffentlichung sofort erfolgte, „da jeder Versuch einer Verheimlichung nur verstärkte Befürchtungen hervorgerufen hätte".

Parteitag in Dresden: Bebel verurteilt den Revisionismus mit 288 gegen 11 Stimmen

„Der rabiate August": August Bebel im Reichstag, Karikatur aus dem Kladderadatsch 1903
„Der rabiate August": August Bebel im Reichstag, Karikatur von Gustav Brandt aus dem „Kladderadatsch" 1903 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 13. bis 20. September tagt der Parteitag der Sozialdemokratie in Dresden, drei Monate nach dem Wahlsieg mit 81 Mandaten und rund 3 Millionen Stimmen, und er soll die Einheit der Partei zeigen. Hauptstreit ist der „Revisionismus" um Eduard Bernstein, Georg von Vollmar und Ignaz Auer; dazu kommen die Mitarbeit von Genossen an bürgerlichen Blättern und die Frage, ob die Fraktion das Amt des ersten Vizepräsidenten im Reichstag nur unter „höfischen Verpflichtungen" übernehmen dürfe. Der Antrag Bebels macht den Anspruch der Fraktion auf den Posten des ersten Vizepräsidenten und eines Schriftführers geltend, lehnt aber die „höfischen Verpflichtungen" ab.

Am 19. September wird die Resolution Bebel–Singer–Kautsky angenommen, die „auf das entschiedenste die revisionistischen Bestrebungen" verurteilt, die „bewährte … auf dem Klassenkampf beruhende Taktik" zu ändern. Das Ergebnis lautet 288 gegen 11 Stimmen. Mit Nein stimmen Bernstein, Gertrud David, Elm, Grenz, Grünberg, Hering, Hué, Löwe, Paul Müller, Gustav Müller aus Breslau und Karl Schwarz; Auer, Heine, Kolb und Vollmar stimmen ausdrücklich mit Ja, unter Heiterkeit im Saal. Der Parteivorstand wird wiedergewählt, Bebel mit 272, Singer mit 286 Stimmen; der nächste Parteitag findet in Bremen statt.

Das „Berliner Tageblatt" urteilt am 22. September unter der Überschrift „Des Spektakelstückes Ausgang": „Wenn man bloß nach den Abstimmungsziffern geht, dann hat Bebel gesiegt. Das Spektakelstück, das er so sorgsam inszeniert hatte, entbehrt nicht eines glänzenden äußerlichen Erfolges. Aber gerade, daß es in Dresden eigentlich nur Sieger, keine Besiegten gab, machte den Ausgang einigermaßen lächerlich." Und weiter: „In Summa: geflogen ist niemand."

Leo XIII. stirbt mit 93 Jahren, das Konklave wählt den Patriarchen von Venedig zum Papst Pius X.

Papst Pius X., Porträt von Francesco De Federicis
Papst Pius X., Porträt von Francesco De Federicis, Oktober 1903 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 20. Juli stirbt in Rom Papst Leo XIII., Gioacchino Pecci, geboren am 2. März 1810 in Carpineto, 93 Jahre alt. Das „Berliner Tageblatt" bringt am 21. Juli auf der ersten Seite einen langen Lebensbericht, der den „Kampf mit Italien" um die „unhaltbare Lage des heiligen Stuhles" schildert. Erst am 3. Mai hatte der Kaiser den Papst im Vatikan besucht: Nach einer Meldung des „W. T. B." währte die Unterredung 20 Minuten, danach empfing der Papst den Kronprinzen und Prinz Eitel Friedrich; er sah, so das „Berliner Tageblatt" am 4. Mai, „außerordentlich wohl" aus und „war von erstaunlicher Frische".

Das Konklave endet am Dienstag, dem 4. August, mit der Wahl des Kardinals Giuseppe Sarto, bis dahin Patriarch von Venedig, der den Namen Pius X. annimmt. Die Wahl wird gegen Mittag bekannt und hat nach dem „General-Anzeiger" in Mannheim vom 6. August „in Frankreich allgemeine Überraschung hervorgerufen", weil von seinen Aussichten „so gut wie gar nicht die Rede gewesen" sei. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am Abend des 5. August: „Wie sich immer mehr herausstellt, dürfte die Haupterscheinung des soeben beendeten Konklaves das Veto des Kaisers von Österreich gegen die Kandidatur Rampollas gewesen sein." Nach der römischen „Tribuna" wurde das Veto angemeldet, als die Stimmen für den bisherigen Staatssekretär Rampolla auf 27 stiegen; Rampolla protestierte „blaß vor Aufregung" für die Freiheit des Konklaves.

Über den neuen Papst weiß der „General-Anzeiger", er sei „leidenschaftlicher Musikfreund, spielt trefflich Orgel und Pianoforte, hat eine prächtige Baritonstimme"; ein Prälat nennt ihn „das Muster eines Seelenhirten". Das „Berliner Tageblatt" fügt als Kurzmeldung hinzu, Pius X. sei noch so rüstig, dass er im August vor zwei Jahren als Kardinal Sarto den 1779 Meter hohen Grappaberg erstieg.

Belgrad: Offiziere ermorden König Alexander und Königin Draga

König Alexander I. von Serbien und Draga Mašin
König Alexander I. von Serbien und Draga Mašin, Aufnahme von 1900 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 11. Juni dringen Offiziere in den Konak, den Königspalast von Belgrad, ein und ermorden König Alexander und Königin Draga. Mit ihnen sterben nach den ersten Meldungen Dragas Bruder Nikodem, der Ministerpräsident Zinzar Markovitsch und weitere Minister. Das Heer proklamiert den Prinzen Peter Karageorgiewitsch zum König. Als Auslöser nennen die Berichte die Gefahr, dass der König Dragas Bruder Nikodem zum Thronfolger ernennen werde; in der Nacht hätten Offiziere seine Abdankung verlangt.

„Heute Nacht wurden König Alexander und Königin Draga samt Familie ermordet. Außer dem Königspaar auch Dragas Bruder Nikodem, zwei Schwestern der Königin, ein General, ein Adjutant des Königs und zwölf Mann von der Wache. Das Heer inszenierte den Aufstand und proklamierte den Prinzen Peter Karageorgiewitsch zum König", lautet die Meldung des „Neuen Wiener Tagblatts" aus Semlin, die das „Berliner Tageblatt" am Abend des 11. Juni bringt. Den Ablauf der Nacht schildert das Blatt am Morgen des 12. Juni: die Forderung der Abdankung, der Adjutant Naumovitsch, der erschossen wird, die Flucht des Königspaares auf den Dachboden.

Theodor Mommsen stirbt in Charlottenburg

Theodor Mommsen, Gemälde von Franz von Lenbach
Theodor Mommsen, Gemälde von Franz von Lenbach, 1897 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 1. November stirbt in Charlottenburg, Marchstraße 8, der Althistoriker Professor Theodor Mommsen, geboren am 30. November 1817 in Garding, „wenige Wochen vor Vollendung seines 86. Lebensjahres", wie das „Berliner Tageblatt" schreibt. 1902 hatte er den Nobelpreis für Literatur für seine „Römische Geschichte" erhalten und von dem Preisgeld 5.000 Mark der Stadt Charlottenburg gestiftet: 1.000 für die Volksbibliothek, je 1.000 für die beiden Gymnasien und 2.000 für die Armen. Mit seiner Frau Marie, geborene Reimer, die er 1854 heiratete, hatte er 16 Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten.

Sein Freund und Mitarbeiter, Professor Otto Hirschfeld, eröffnet am 2. November seine Vorlesung über römische Kaisergeschichte mit einem Nachruf: „Die Trauerkunde vom Tode Theodor Mommsens, die heute die ganze Welt mit Schmerz erfüllt, wird auch Sie, meine Herren, tief erschüttert haben … daß ein wahrhaft Großer im Reiche des Geistes von uns geschieden ist, und Deutschland seinen größten Bürger verloren hat." Mommsen sei, so Hirschfeld sinngemäß, ohne Krankheit und Todeskampf gestorben, gebeugt unter der Last der Jahre, doch aufrecht bis zuletzt. Die Beisetzung am 5. November auf dem Dreifaltigkeitskirchhof in der Bergmannstraße meldet das „Berliner Tageblatt" am 6. November: Prediger Kirmß spricht, die Kapelle der Elisabether intoniert einen Choral, die Zahl der Kränze „wird wohl tausend erreichen"; der Kaiser und die Kaiserin senden einen Lorbeerkranz mit Chrysanthemen, die Stadt Charlottenburg einen Lorbeerkranz.

Crimmitschau: Der Kampf um den Zehnstundentag

Solidaritätspostkarte zum Streik in Crimmitschau
Solidaritätspostkarte zum Streik in Crimmitschau, nach der Datierung der Bilddatenbank von 1904 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Crimmitschau im Königreich Sachsen, einer Textilstadt und Hochburg der Freien Gewerkschaften, wird elf Stunden am Tag gearbeitet. Am 25. Juli fordert der Deutsche Textilarbeiterverband vom Fabrikantenverein den Zehnstundentag, zehn Prozent höhere Akkordlöhne und eineinhalb Stunden Mittagspause. Die Losung der Arbeiterinnen lautet: „Eine Stunde für uns! Eine Stunde für unsere Familie! Eine Stunde fürs Leben!" Nach ersten Streikmaßnahmen von 600 Arbeiterinnen kündigen am 20. August die Beschäftigten von fünf Fabriken, und am 21. August sperren die Fabrikanten alle 7.500 bis 8.000 Textilarbeiter der Stadt aus. Auf der Arbeiterseite führt Hermann Jäckel. „Die Würfel sind gefallen!", schreiben die „Naunhofer Nachrichten" am 23. August. „Eine folgenschwere Katastrophe, die mit allen Mitteln seit etwa drei Wochen verhütet wurde, ist nunmehr doch noch für Crimmitschau hereingebrochen."

Über Crimmitschau verhängen die Behörden den „kleinen Belagerungszustand"; Streikposten werden verhaftet, und Anfang Dezember wird sogar die Weihnachtsfeier der Ausgesperrten verboten. Im ganzen Reich wird für die Streikenden gesammelt, der „Vorwärts" führt am 20. Dezember die Sammlung „Weihnachtsbaum der Bedrängten" an. Der sächsische Bundesratsbevollmächtigte Fischer muss im Reichstag am 10. Dezember die Maßnahmen verteidigen und sagt, ob alle Maßnahmen „direkt notwendig waren, wolle er jetzt nicht entscheiden", wie der „Vorwärts" am 13. Dezember berichtet. Am 4. Dezember berichtet das Blatt vom Versuch, in Forst Streikbrecher anzuwerben. Zum Jahresende dauert der Kampf an.

Aus heutiger Sicht

Am 18. Januar 1904 beschloss die Streikleitung, die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder aufzunehmen; Streikbrecher und Zuzug von außen hatten die Zahl der Arbeitswilligen erhöht. Die Arbeiter unterlagen trotz der öffentlichen Sympathie, es war einer der großen Arbeitskämpfe des Kaiserreichs. Als Folge gründeten die Arbeitgeber die Zentralstelle der Arbeitgeberverbände und einen Arbeitgeberverband der Textilindustrie.

Die Kronprinzessin von Sachsen: Scheidung, ein Kind in Lindau, der Titel einer Gräfin von Montignoso

Luise von Österreich-Toskana, bis Februar 1903 Kronprinzessin von Sachsen
Luise von Österreich-Toskana, bis Februar 1903 Kronprinzessin von Sachsen, Porträt aus den späten 1890er Jahren (Österreichische Nationalbibliothek / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 9. Dezember 1902 hatte Luise, Kronprinzessin von Sachsen, Tochter des Großherzogs Ferdinand IV. von Toskana, Dresden verlassen und war mit ihrem Bruder Leopold Ferdinand und dem belgischen Sprachlehrer ihrer Söhne, André Giron, nach Genf gereist; am 22. Dezember machte König Georg die Flucht öffentlich. Ein Sondergericht, das der König am 30. Dezember per Verordnung mit dem Präsidenten des Oberlandesgerichts und sechs Räten besetzt hatte, schied die Ehe am 11. Februar „wegen Ehebruchs der Beklagten". Der König verzichtete auf sein Bestätigungsrecht, und Luise hatte schon am 9. Januar auf alle Rechte als Kronprinzessin verzichtet. „Da der König von Sachsen auf das ihm zustehende Bestätigungsrecht ausdrücklich verzichtet hat, so ist das von dem Sondergericht gefällte Urteil sofort rechtskräftig", meldet die „Allgemeine Zeitung" in München am 12. Februar; der „Reichsbote" schreibt am 13. Februar: „Das Urteil ist endgültig, eine Berufung dagegen kann nicht stattfinden." Ihr Anwalt in Genf, Zehme aus Leipzig, hielt sie Anfang Februar von einer Reise nach Dresden zum kranken Kind ab.

Am 4. Mai gebar die vormalige Kronprinzessin mit besonderer Erlaubnis in Lindau, in der Villa ihrer Eltern, ihr siebentes Kind, die Tochter Anna Monika Pia, die als sächsische Prinzessin anerkannt wurde. Mitte Juli meldet die „Berliner Morgenpost" am 16. Juli nach dem „Dresdner Journal": „Seine Majestät der König haben sich in Gnaden bewogen gefunden, der vormaligen Frau Kronprinzessin von Sachsen, Prinzessin Luise Antoinette Maria, auf ihr Ansuchen hin den Namen und Adelstitel einer Gräfin von Montignoso zu verleihen." Sie darf das Reich nicht betreten, ihre Kinder bleiben in Dresden. Ihr Bruder Leopold Wölfling, früher Erzherzog, heiratet in Genf ein Fräulein Adamovics.

Berliner Bühnen: „Nachtasyl", „Salome", „Elektra" und „Rose Bernd"

Gertrud Eysoldt als Salome, Gemälde von Lovis Corinth
Gertrud Eysoldt als Salome, Gemälde von Lovis Corinth (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 23. Januar bringt das Kleine Theater Maxim Gorkis „Nachtasyl", Schauspiel in vier Akten; die Spielplan-Anzeigen des „Berliner Tageblatts" und der „Berliner Morgenpost" zeigen es im Januar fast täglich, und Anfang November steht im Casino-Theater ein „Berliner Nachtasyl" als Parodie auf dem Spielplan. Am 29. September folgt im Neuen Theater am Schiffbauerdamm die erste öffentliche Aufführung von Oscar Wildes „Salome", in Szene gesetzt von Max Reinhardt, in der deutschen Übersetzung von Hedwig Lachmann. „Vom Verdikt der Zensoren befreit, tanzte uns Salome, die Tochter der Unzucht, die Kunst Oskar Wildes", schreiben die „Berliner Neuesten Nachrichten" am 30. September.

Der Herbst bringt zwei Uraufführungen an zwei Abenden. Am 30. Oktober spielt das Kleine Theater „Elektra" von Hugo von Hofmannsthal aus Wien, mit Gertrud Eysoldt als Elektra, Rosa Bertens als Klytämnestra und Lucie Höflich als Chrysothemis; die Dekorationen schuf Max Kruse. „Beklommenes Schweigen, nachdem der Vorhang gefallen ist. Dann ein immer heftigeres Mobilwerden der Beifallswerkzeuge. Der aus Wien hergekommene Dichter wird oft gerufen, jubelnd werden die Schauspieler begrüßt. Mit Recht; sie haben Vollendetes geschaffen", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 31. Oktober. Julius Hart schreibt am 1. November in „Der Tag", wie sich die Darsteller „in diese Angstträume des Wahnsinns und Leichenspuks" hineingefühlt hätten, „das ist etwas einzig Kühnes"; das „Hamburger Fremdenblatt" erklärt am selben Tag, man besitze „in Gertrud Eysoldt eine Darstellerin ersten Ranges". Die „Deutsche Zeitung" hält am 1. November dagegen, an ihrer Leistung sei „ein störender Rest von unschöner Schrillheit und Fahrigkeit" geblieben, und die „Tägliche Rundschau" urteilt schon am 31. Oktober: „Und doch ging man unbefriedigt aus dem Hause."

Am 31. Oktober, einem Sonnabend, folgt im Deutschen Theater die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns fünfaktigem Schauspiel „Rose Bernd". Die „Berliner Morgen-Zeitung" sieht am 1. November „einen Achtungserfolg, und zwar, dank den liebenswürdigen Bemühungen seiner sogenannten Freunde, einen sehr lauten", und lobt Else Lehmann: „Else Lehmann fand als die arme gehetzte Rose Bernd ergreifende Töne echter Verzweiflung." Der „General-Anzeiger" in Dortmund hält ihr am 2. November zugute, sie gebe „alles, was sie an großer Kunst besitzt", und merkt an, dass die Darstellerin nicht mehr so jung sei, wie die Rolle es fordere. Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" fragt am 1. November, wie die Freunde Hauptmanns urteilten, wenn ihnen „diese ‚Rose Bernd' von der Hand eines Herrn Schulze oder Lehmann gereicht worden wäre". Am Sonntag, dem 1. November, steht der Spielplan Berlins so: im Deutschen Theater „Rose Bernd", im Neuen Theater „Salome", im Kleinen Theater „Elektra", am Montag wieder „Nachtasyl".

Die „Gauß" kehrt aus dem Südpolareis heim

Das Forschungsschiff „Gauß“ in Kiel vor der Ausreise
Das Forschungsschiff „Gauß“ am Ausrüstungskai der Howaldtswerke in Kiel vor der Ausreise, Aufnahme von Otto Steinitz, 1901 (Stadtarchiv Kiel / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 25. November läuft das Forschungsschiff „Gauß" unter Professor Dr. Erich von Drygalski wieder in Kiel ein. Die erste deutsche Südpolarexpedition war am 11. August 1901 mit 32 Teilnehmern aus Kiel ausgelaufen, hatte am 21. Februar 1902 Land entdeckt, das Kaiser-Wilhelm-II.-Land, und saß seit dem 1. März 1902 fast ein Jahr im Packeis fest; erst am 8. Februar 1903 kam sie frei. Am 29. März 1902 wurden vom Fesselballon aus Beobachtungen und Luftaufnahmen gemacht, und entdeckt wurde ein erloschener Vulkan, der Gaußberg von 371 Metern Höhe.

Am Abend des 25. November geben die Universität und die Stadt Kiel im Hotel Düsternbrook einen Empfang mit Prinz Heinrich; anwesend sind unter anderen der Geheimrat von Richthofen, der Leiter des Instituts für Meereskunde, Kapitän Hans Ruser und Oberbürgermeister Fuß. Der Kaiser telegrafiert an Drygalski: „Ich sende Ihnen, den Mitgliedern der Südpolarexpedition wie der Besatzung der Gauß bei der Rückkehr in die Heimat Meinen Kaiserlichen Gruß und spreche Ihnen Meine Freude aus, daß Sie durch Gottes Führung wieder alle wohlbehalten die Heimat erreicht haben. Wilhelm I. R.", wie das „Dresdner Journal" am 26. November meldet; auch Reichskanzler Graf Bülow, Staatssekretär Graf Posadowsky-Wehner und Kultusminister Studt gratulieren. Ein Regierungsvertreter sagt in Kiel nach dem „Hannoverschen Kurier", die Reichsverwaltung sei der Meinung, „daß die Expedition nicht besser, geschickter und vorsichtiger hätte geleitet werden können"; Drygalski habe „rechtzeitig die Heimkehr angeordnet".

Ein Opfer hat die Fahrt gekostet: der Meteorologe der Kerguelen-Station, Josef Enzensperger, starb auf den Kerguelen. „Wissenschaft hat er mit dem Tode bezahlt", schreibt das „Wilhelmshavener Tageblatt" am 28. November.

Brand in Cannstatt, Sieg in Irland: Jenatzy gewinnt das Gordon-Bennett-Rennen

Camille Jenatzy auf Mercedes, Sieger des Gordon-Bennett-Rennens 1903
Camille Jenatzy auf Mercedes, Sieger des Gordon-Bennett-Rennens 1903, Postkarte von Hely's Ltd., Dublin (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 10. Juni brennt in Cannstatt bei Stuttgart gegen 2.30 Uhr ein Fachwerkgebäude der Daimler-Motoren-Gesellschaft nieder, mit der Montierungswerkstätte und den Lagerräumen; um drei Uhr stürzt es ein, vier angrenzende Doppelwohnhäuser der Christoph- und der Teckstraße sind gefährdet. Die Feuerwehr kämpft mit 30 Strahlrohren, nach der Zahl ihres Adjutanten Barth brennen 14 Gebäude fast gleichzeitig, und Benzin explodiert in kleinen Mengen „mit lautem Knall". Mit dem Gebäude verbrennen die für das Rennen bestimmten deutschen Wagen: „Hatte man doch im heimischen Sportlager nach dem Verbrennen der 90pferdigen Mercedes-Rennwagen, für die 60pferdige Ersatzwagen gestellt wurden, so ziemlich die Hoffnung auf den Sieg aufgegeben", schreibt das „Hamburger Fremdenblatt" am 5. Juli.

Das Gordon-Bennett-Rennen wird am 2. Juli in Irland auf einem Rundkurs bei Athy gefahren, der Vizekönig Lord Dudley und seine Gemahlin sind Zuschauer. Die drei deutschen Wagen des Deutschen Automobil-Clubs, Mercedes mit je 60 Pferdekräften, werden von den Belgiern Camille Jenatzy und Baron de Caters und dem Amerikaner Foxhall Keene geführt; der Wagen des Pokalinhabers Edge, des Engländers, ist ein Napier. „An einen Sieg der Deutschen denkt außer den persönlichen Freunden kaum jemand, trotzdem Jenatzy in einem unvergleichlichen Tempo vom Start an loszieht", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 5. Juli. Jenatzy gewinnt, vor dem Franzosen René de Knyff auf Panhard; Keene gibt bei Kilkullen auf, weil er seine Achse für unsicher hält.

Die Blätter zählen den Sieg als deutschen. „Der Sieg der deutschen Marke ist nur unmerklich dadurch geschmälert worden, daß der Fahrer des siegreichen deutschen Wagens, Jenatzy, kein Deutscher, sondern ein Belgier ist", schreibt das „Hamburger Fremdenblatt". Die britische „Daily Mail" wünscht, in deutschen Blättern zitiert, Deutschland „angesichts des Cannstatter Brandes" Glück zum Erfolg, die deutschen Wagen seien „nach demselben Muster wie für gewöhnliche Käufer hergestellt" gewesen; der „Figaro" nennt den Sieg „für die berühmte, letzthin so schwer durch den furchtbaren Brand geschädigte Daimler-Fabrik in Kannstatt eine verdiente Belohnung".

Telefunken wird gegründet, und Berlin lädt zur Funkkonferenz

Professor Adolf Slaby, Funkpionier an der Technischen Hochschule Charlottenburg
Professor Adolf Slaby, Funkpionier an der Technischen Hochschule Charlottenburg, Aufnahme von 1902 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 27. Mai gründen in Berlin Siemens & Halske und die AEG auf Drängen des Kaisers die „Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H., System Telefunken" mit einem Stammkapital von 300.000 Mark. Erster technischer Direktor ist Georg Graf von Arco; „Telefunken" ist die Telegrammadresse der Gesellschaft und wird als Name gebräuchlich. Dahinter steht die Rivalität der Systeme Slaby-Arco der AEG und Braun von Siemens gegen das System Marconi; der „Corriere della Sera" behauptet am 31. Juli, Professor Adolf Slaby habe Marconis System kopiert, wie die „Allgemeine Zeitung" in München am 6. August berichtet.

Am 4. August tritt mittags in Berlin die internationale Konferenz für Funkentelegraphie zusammen, „wie die Telegraphie ohne Draht amtlich genannt wird", meldet die „National-Zeitung". Auf Einladung des Deutschen Reiches nehmen England, Frankreich, Italien, Österreich, Russland, Spanien, Ungarn und die Vereinigten Staaten teil, insgesamt rund 40 Herren; zu den deutschen Vertretern gehört Unterstaatssekretär Sydow vom Reichspostamt. Am 10. August sind die Konferenzmitglieder Gäste der Gesellschaft: Sie besuchen das Berliner Werk der Siemens & Halske in der Markgrafenstraße und sehen dann zwei Stunden lang Vorführungen im Sitzungssaal der Berliner Elektrizitätswerke in der Luisenstraße. Der kaufmännische Direktor Bargmann begrüßt sie, Graf Arco erklärt die neuesten Modelle, Oberingenieur Dr. Seibt hält einen Vortrag, wie das „Berliner Tageblatt" am 11. August meldet. Am 13. August schließt die Konferenz ihre Arbeiten; die Delegierten haben sich nach der „Bonner Zeitung" vom 15. August „über die wichtigsten Grundsätze für die internationale Regelung der Funkentelegraphie" geeinigt.

Kischinew: Judenhetze zu Ostern

Begräbnis zerstörter Torarollen nach den Ausschreitungen von Kischinew
Begräbnis zerstörter Torarollen nach den Ausschreitungen von Kischinew, 1903 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

An den beiden russischen Ostertagen, dem 19. und 20. April, kommt es in Kischinew in Bessarabien zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Auslöser ist das Gerücht eines „Ritualmords" an dem Knaben Michail Rybatschenko in Dubossary, das die Zeitung „Bessarabez" verbreitet; ein Bauer aus Bender erzählt am Ostersonntag, die Juden hätten ein Christenkind geschlachtet. „Kosaken … machten gemeinsame Sache mit dem Mob", schreibt der „Freiberger Anzeiger" am 28. April nach dem Bukarester Berichterstatter der „Vossischen Zeitung". Der „Regierungsanzeiger" in Petersburg teilt am 23. April mit, es sei zu „ernsten Ausschreitungen von Arbeitern gegen die dortige jüdische Bevölkerung" gekommen.

Die Zahlen der Opfer schwanken. „Es wurden 37 Juden getötet und 62 liegen verwundet im Hospital", meldet die „Rheinische Volksstimme" am 2. Mai; andere Blätter sprechen von 25 Schwer- und rund 200 Leichtverwundeten. In Rumänien sammeln zionistische Vereine in Jassy einige hundert Francs.

Aus heutiger Sicht

Die Zahl der Getöteten wird heute mit etwa 49 angegeben, gegenüber 37 in der frühen Meldung. Die Ausschreitungen von Kischinew lösten internationale Proteste aus und wirkten auf die Auswanderung nach Amerika.

Das „Blumenmedium" Anna Rothe vor dem Landgericht

Vor dem Landgericht II in Berlin steht seit dem 23. März das „Blumenmedium" Anna Rothe, früher Kesselflickersgattin, jetzt Rentnerswitwe, angeklagt des Betrugs in 61 Fällen. Sie soll gegen hohes Eintrittsgeld spiritistische Sitzungen abgehalten haben, in denen „Geister" Blumen und Apfelsinen „apportierten", wie die „Dorf-Chronik" am 3. April berichtet. Der Saal ist voll von Zeugen „aus allen Bevölkerungsschichten": Schriftsteller, Rechtsanwälte, Ärzte, Gymnasiallehrer, Studenten, Beamte, Handwerker, Arbeiter und Damen, meldet der „General-Anzeiger" am 26. März; auch Professoren und Doktoren bezeugen die Echtheit der Erscheinungen. Die Angeklagte sagt aus, sie befasse sich seit zehn Jahren mit Geistern, der Tod des Bräutigams ihrer Tochter habe sie dazu gebracht, sie habe ihn danach noch auf dem Sofa sitzen sehen; über den Verlauf ihrer Sitzungen wolle sie nichts wissen, da sie im „Trancezustand" sei.

Der Sachverständige Professor Dr. Max Dessoir erklärt am 28. März, „das, was er gesehen, ein Schwindel war, und zwar ein in ganz kläglicher Weise ausgeführter Schwindel. Jeder Taschenspieler würde sich schämen, in so wenig ausreichender Weise zu arbeiten." Sie habe aber „die sehr große Fähigkeit, die Aufmerksamkeit abzulenken und die Schwäche der Anwesenden auszunutzen". Der Gegenzeuge Professor Dr. Sellin bezeugt „die wunderbarsten Manifestationen". Am Sonnabend, dem 28. März, wird das Urteil nach sechstägiger Verhandlung verkündet: wegen wiederholten Betruges in 48 Fällen und versuchten Betruges in 12 Fällen ein Jahr und sechs Monate Gefängnis, von denen acht Monate durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten; der Staatsanwalt hatte zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis und 500 Mark Geldstrafe beantragt. Das Gericht urteilt, die Leute „haben nicht sorgfältig beobachtet und sind getäuscht worden". Die „Vossische Zeitung" schreibt, zu den Verehrern des „Mediums" hätten „wieder Doktoren und Präsidenten und Generale" gehört; die „Dorf-Chronik" nennt es „einen Prozeß, der ein helles Schlaglicht auf den krassen Aberglauben wirft, der in der Stadt der ‚Intelligenz' nicht nur in schlichten Bürgerkreisen, sondern auch bei wissenschaftlich gebildeten Menschen herrscht". Für die Verurteilte wird in Berliner spiritistischen Kreisen ein Gnadengesuch vorbereitet; Anzeigen im „Vorwärts" nennen am 1. Mai unter ihrem Namen Nummern in den Reichshallen und im Königstadt-Kasino.

Schon im Januar hatten vier Wahrsagerinnen, die mit Kartenlegen, Bleigießen, Kaffeesatz und Eidotter ihr Brot verdienten, vor der vierten Strafkammer des Landgerichts II gestanden, in der Berufung gegen ein Urteil des Charlottenburger Schöffengerichts, das sie wegen Betrugs zu je 10 Mark Geldstrafe verurteilt hatte. „Nach Hunderten zählen jene Braven, die sich … von ihren aufgeklärten Berliner Landsleuten nähren", schreibt die „Deutsche Tageszeitung" am 8. Januar.

Der Weltumwanderer Faivret im Stadttheater Moabit

Der Zuschauerraum des Stadttheaters Moabit
Der Zuschauerraum des Stadttheaters Moabit, Postkarte, Aufnahme von 1907 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 4. August stellt sich in der Redaktion des „Berliner Tageblatts" der 25-jährige Pariser Albert Faivret vor, „mittelgroße sehnige Gestalt … macht einen intelligenten Eindruck". Er hat am 30. August 1900 mit einem Freund Paris verlassen, um eine Wette über 25.000 Francs zu gewinnen: in vier Jahren zu Fuß die ganze „zivilisierte Welt" zu umwandern, ohne Geld, „lediglich auf die Mildtätigkeit anderer Menschen angewiesen", bis zu 70 Kilometer am Tag. „Der Globetrotter Faivret Albert aus Paris, der infolge einer Wette in vier Jahren die Erde umkreisen wollte, gab gestern Abend im Stadttheater Moabit vor einer tausendköpfigen Versammlung eine kurze Schilderung seiner Reise und der erlebten Abenteuer", meldet das Blatt am 6. August; da er kein Deutsch spricht, übersetzt ein Dolmetscher.

Nach seinen eigenen Angaben führte ihn der Weg durch Belgien, Holland, Luxemburg, die Schweiz und Österreich; in der Türkei starb sein Begleiter an den Strapazen, in Serbien überfiel ihn in einem 20 Kilometer tiefen Wald eine Räuberbande und verletzte ihn durch Messerstiche, an der türkischen Grenze nahm ihm die Polizei Revolver und Bücher ab, in Ägypten hielt ihn die Cholera lange auf. Dann ging es durch China, Japan und Sibirien, wo er bei 60 Grad Kälte die Wanderkleidung gegen Pelzwerk tauschte. In drei Jahren hat er 115 Paar Schuhe und zehn Garnituren Kleidung verbraucht; ein kleiner Terrier begleitet ihn, und in fünf Büchern sammelte er Kontrollvermerke der Ortsbehörden, Ansichtskarten und Photographien. „Bald sah er ein, daß er die Wette nicht gewinnen könne", und so beschloss er, die Reise abzubrechen und nach Paris zurückzukehren. Von Berlin aus wird er den Weg zu Fuß über Hamburg und Belgien zurücklegen.

Unter den Linden bekommt Bänke mit Lehne

Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße, mit dem Café Kranzler
Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße, mit dem Café Kranzler, Aufnahme von 1901 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 30. Dezember stellt der Magistrat „als Neujahrsgeschenk" die erste Bank mit Lehne Unter den Linden auf, gegenüber dem Denkmal Friedrichs des Großen auf der Nordseite der Mittelpromenade. „Die Umgestaltung der Linden hat einen weiteren Fortschritt gemacht. Als Neujahrsgeschenk hat uns der Magistrat die erste Bank mit Lehne Unter den Linden beschert", meldet das „Berliner Tageblatt" am Abend des 31. Dezember. Die Bank ist eine Doppelbank aus grauem Granit mit geschweiften Seitenlehnen und einer Marmortafel.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 21. Januar — Die Kriegsschiffe „Vineta" und „Panther" schießen vor Maracaibo das venezolanische Fort San Carlos in Brand und zerstören es; die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" nennt dies am 24. Januar „die einzige bis jetzt eingegangene amtliche Meldung". Der Jubel über den angeblichen Sieg des Forts sei „ebenso rasch zum Schweigen gebracht, wie die Kanonen des Forts San Carlos selbst", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 23. Januar. Am 13. Februar werden in Washington die Protokolle vollzogen, in denen sich Venezuela verpflichtet, die deutschen Forderungen „sofort im vollen Umfange teils bar, teils in Wechseln" zu begleichen.
  • 4. März — An der Ecke der Schumann- und der Charitéstraße bleibt ein Einbrecher, der ein Schanklokal heimsuchen wollte, unter der eisernen Jalousie hängen; zwei Beine ragen heraus, ein Straßenreiniger und ein Schutzmann ziehen den Mann an ihnen hervor und stellen fest, dass er tags zuvor aus der Strafanstalt Tegel entlassen worden ist.
  • 10. April — Am Karfreitag „kauft" ein Hundehändler in der Goltzstraße einen prächtigen Ziehhund, der auf dem Trottoir die Feiertagsruhe genießt, indem er ihm einige Stücke Wurst vorwirft und weitergeht. Der Hund Karo geht ruhig mit, solange die Wurst reicht, dann bleibt er stehen und ist durch Ziehen und Zureden nicht von der Stelle zu bewegen; es kommen Leute hinzu, die den Hund kennen.
  • 19. Juli — Die erste Tour de France geht zu Ende, wie Berliner Blätter am 21. Juli melden: Mit der letzten Etappe Nantes–Paris über 462 Kilometer ist das „große französische Straßenradrennen" beendet, und Maurice Garin legte sie in 18 Stunden als Erster zurück. Nach der „Königsberger Hartungschen Zeitung" vom 22. Juli fuhr er die 2.417 Kilometer des gesamten Weges in 94 Stunden 33 Minuten, durchschnittlich 25,562 Kilometer in der Stunde.
  • 10. August — Auf der Station Couronnes der Pariser Stadtbahn hält um 8 Uhr abends ein Zug aus vier Wagen, der mit Fahrgästen vollgepfropft ist; aus der Unterführung in Richtung Ménilmontant dringt erstickender Rauch, und die elektrischen Lampen erlöschen. Das „Berliner Tageblatt" zählt am 11. August 82 Leichen, darunter 61 Männer, 17 Frauen und 4 Kinder, am Morgen darauf erklärt eine offizielle Note, dass 84 Tote aus dem Tunnel des „Métropolitain" gezogen wurden; als Ursache wird ein Kurzschluss mit einer „meterhohen Flamme" gemeldet.
  • 3. Oktober — Kaiser Nikolaus und Kaiser Franz Joseph reisen vom Jagdschloss Mürzsteg in der Steiermark ab. „Der Besuch des Zaren in Mürzsteg hat die Erwartungen vollauf erfüllt", schreibt die „Annener Zeitung" am 6. Oktober, „die Balkanfrage ist ihrer Lösung um ein erfreuliches Stück näher gebracht worden"; der Reformplan soll nach dem „Hamburger Fremdenblatt" allen Signaturmächten des Berliner Vertrages vorgelegt werden.
  • Ende Oktober bis November — Im Distrikt Warmbad in Deutsch-Südwestafrika sind Unruhen ausgebrochen, „wobei Leutnant Jobst und Sergeant Snay gefallen sind und Rektor Aug. Schmidt verwundet wurde", meldet die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" am 4. November. Die Bondelzwarts „zählen etwa 1800 Köpfe" und sind „gut beritten und mit Büchsen … bewaffnet", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 6. November. Die Meldung der Londoner „Daily Mail", alle Deutschen in Warmbad seien niedergemetzelt, nennt das Blatt am 7. November nach den amtlichen Mitteilungen über die Stärke des Stammes „unwahrscheinlich".
  • 3. November — Vor Panama landen amerikanische Kriegsschiffe, und die Provinz erklärt ihre Unabhängigkeit von Kolumbien; am 18. November schließen die Vereinigten Staaten mit dem neuen Staat in Washington den Vertrag über die Kanalzone. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 7. November, „Onkel Sam" wolle „jetzt allein die Berechtigung haben, wegzunehmen", und die Union „zieht die Drähte der Mitglieder der provisorischen Regierung in Panama".
  • 4. und 5. November — Der Zar trifft in Wiesbaden mit Kaiser Wilhelm zusammen: Um 4½ Uhr läuft der Hofzug ein, „beide Herrscher begrüßten sich auf das Herzlichste, sie umarmten und küßten sich wiederholt", meldet das „Berliner Tageblatt" am 5. November. Am 5. November erwidert der Kaiser den Besuch auf Schloss Wolfsgarten bei Darmstadt; in Darmstadt speist Reichskanzler Graf Bülow im Hotel Britannia mit dem russischen Außenminister Grafen Lamsdorff. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" nennt die Zusammenkunft „eine neue erfreuliche Bekräftigung des engen freundschaftlichen Verhältnisses der beiden Monarchen".
  • 29. und 30. Dezember — Aus New York wird unter dem 18. Dezember berichtet, Wilbur und Orville Wright aus Dayton, Ohio, hätten „gestern bei Kitty Hawk eine günstig verlaufene Auffahrt mit einem Luftschiff gemacht, das gar keinen Luftballon hat, sondern als treibende Kraft nur Kastendrachen und eine kleine Gasolinmaschine benutzt", so die „Deutsche Zeitung" am 30. Dezember. Die „Deutsche Tageszeitung" meldet am 29. Dezember unter „Eine neue Flugmaschine", die Maschine habe „mehr als fünf Kilometer durchmessen". Die Brüder hätten, so das Blatt, die von dem Deutschen Lilienthal seit 1891 angegebene Methode angewandt.

WIRTSCHAFT · 1903

Das Jahr bringt nach den schweren Störungen der Vorjahre eine langsame Erholung. „Die Kammer vertritt die Auffassung, daß die wirtschaftliche Lage Deutschlands im Jahre 1903 gegen die beiden Vorjahre eine gewisse Besserung erfahren hat. Aber die Erholung von den schweren Störungen der Jahre 1900 und 1901 geht doch nur langsam vonstatten, und das Gesamtbild kann daher, trotz verschiedener erfreulicher Einzelheiten, immer noch kein ganz befriedigendes genannt werden", schreibt die „Kölnische Zeitung" am 31. Dezember zum Jahresbericht der Hamburger Handelskammer. In ihrer Reihe „Das Wirtschaftsjahr 1903" nennt sie als „bemerkenswerteste Erscheinung" das „unerwartet starke und lebhafte Hervortreten des inländischen Bedarfs aus der bis zu Beginn des Jahres beobachteten Zurückhaltung", im Bergbau und im Eisengewerbe besonders deutlich. Im Wahlkampf im Juni war der neue Zolltarif mit seinen Agrarzöllen das beherrschende Thema; am 27. Mai gründeten Siemens & Halske und die AEG die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie, System Telefunken.

Der Reichsbankdiskont steht zu Jahresbeginn bei 4 Prozent, wird am 11. Februar auf 3½ Prozent (Lombardzinsfuß 4½ Prozent) herabgesetzt und am 8. Juni wieder auf 4 Prozent (Lombardzinsfuß 5 Prozent) erhöht; dabei bleibt er bis zum Jahresende. Im Sozialen bringt das Jahr zwei Gesetze: Das Kinderschutzgesetz, am 23. März vom Reichstag in dritter Beratung angenommen und am 30. März ausgefertigt, regelt die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben und gilt ab 1. Januar 1904; die Novelle zum Krankenversicherungsgesetz, die der Reichstag am 23. und 24. April berät und der der Bundesrat im Mai zustimmt, dehnt die Krankenfürsorge für die Arbeiter von 13 auf 26 Wochen aus und gilt ebenfalls ab 1. Januar 1904. In Crimmitschau sind seit dem 21. August 7.500 bis 8.000 Textilarbeiter ausgesperrt.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,24 Mark
  • Weizenbrot (Schrippen, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,42 Mark
  • Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,31 Mark
  • Rindfleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,37 Mark
  • Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,42 Mark
  • Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 4,03 Mark
  • Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
  • Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif) — 10 Pfennig

STIMMEN DER PRESSE · 1903

Die Reichstagswahl vom 16. Juni beschäftigt die Blätter aller Richtungen. Zuerst das linksliberale „Berliner Tageblatt" in seinem Leitartikel zum Wahlausgang:

„Mit Ausnahmegesetzen kann man eine politische Bewegung nicht eindämmen und mit Repetiergewehren keine Ideen totschießen. Noch weniger helfen natürlich Verfälschungen des Wahlrechts." — Berliner Tageblatt, 18. Juni 1903

Dann der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie, am Wahlabend:

„Selbst im ersten Kreise, dem für die Socialdemokratie ungünstigsten, war man in begeisterter Stimmung — und man durfte es sein." — Vorwärts, 17. Juni 1903

Zuletzt die nationalliberale „National-Zeitung", die das Urteil der „Frankfurter Zeitung" wiedergibt:

„Das hervorstechendste Resultat des bis jetzt vorliegenden Wahlergebnisses ist die Zurückdrängung der äußersten Rechten und ein Anschwellen der äußersten Linken." — Frankfurter Zeitung, wiedergegeben in der National-Zeitung vom 18. Juni 1903

SPORT · 1903

Das erste Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft wird zu Pfingsten, am 31. Mai, in Altona bei Hamburg ausgetragen: Der Leipziger Verein für Bewegungsspiele schlägt den Deutschen Fußball-Club Prag mit 7 zu 2 Toren, bei Halbzeit hatte es 1 zu 1 gestanden, wie die „Berliner Morgenpost" am 3. Juni meldet. Am selben Wochenende unterliegt der Hamburger Fußballklub „Britannia" dem Berliner Fußballklub Hertha mit 3 zu 9, und der Berliner Klub „Viktoria" siegt in Prag gegen den Klub „Germania" mit 5 zu 2. Der Antrag des Verbandes Berliner Ballspielvereine auf Aufhebung des Spielverbots gegen die Tschechen wird auf dem Deutschen Fußballbundestag in Hamburg mit 95 gegen 30 Stimmen abgelehnt.

Im Automobilsport beginnt die Wettfahrt Paris–Madrid am 24. Mai „mit recht schweren Unglücksfällen", wie das „Berliner Tageblatt" am 25. Mai meldet: Marcel Renault, „der Sieger in der Fahrt Paris–Wien", liegt mit Schädelbruch und gebrochenen Beinen im Sterben, achtzehn bis zwanzig Menschen sind schwer verunglückt, acht Menschen tot, und Louis Renault zieht alle Wagen seiner Firma zurück; in Bordeaux wird die Wettfahrt abgebrochen. Von Jenatzys Sieg im Gordon-Bennett-Rennen am 2. Juli war schon die Rede.

MODE · 1903

Die Herbstmode macht die Röcke faltig, „auch bei ganz schweren und rauhen Stoffen": „Passenröcke haben vorläufig die meiste Aussicht auf Allgemeinheit", schreibt die „Deutsche Tageszeitung" am 27. September, und als dritte Bedingung des modernen Kleides nennt sie „die große, meist noch gefaltete Stoffpelerine, die jetzt an Stelle des sommerlichen Spitzenkragens tritt und die schlanke Linie der Gestalt, die wir jahrelang so ängstlich gehütet haben, fast ganz aufhebt. Aber die Mode will es so — leider!" Die „Harburger Anzeigen und Nachrichten" melden am 3. Oktober, der Rock müsse „weit von der Figur abstehen … nur den Boden berühren; von ‚Schleppen' ist also keine Rede mehr", und die moderne Frau werde „nach diesem dernier cri der Mode nicht mehr gertenschlank einherschweben können, sondern sich ähnlich einer wandernden Glocke fortbewegen"; dazu kommen breite Kragen und Pellerinen, hängende Schultern und weite Ärmel unter dem Ellbogen.

Als Gesellschaftsfarben gelten nach dem „Echo der Gegenwart" vom 29. September „weiß, hellblau, malvenfarbig, fuchsienrot und rosa", als das Neueste „starre Seidenstoffe", und als „Hyperneuestes" ein Glaskleid aus gesponnenem Glasstoff, das in Brooklyn für die Schauspielerin Miss Ellen Jaqua gefertigt wurde.

KULTUR · 1903

Auf den Berliner Bühnen läuft neben den Neuheiten das Repertoire weiter; der Spielplan des 1. November nennt am Königlichen Opernhaus „Margarete" und für Montag „Das Rheingold", im Schauspielhaus „Im stillen Gäßchen" und für Montag „Macbeth", am Berliner Theater „Gräfin Lea" und „Alt-Heidelberg". In der Dichtung erscheinen in Berlin Richard Dehmels Versepos „Zwei Menschen" und Franz Adam Beyerleins Roman „Jena oder Sedan?". Am 15. Dezember wird in Weimar der Deutsche Künstlerbund gegründet, am 21. Dezember in Paris zum ersten Mal der Prix Goncourt vergeben. Den Nobelpreis für Physik erhalten im Dezember Henri Becquerel und das Ehepaar Curie.

KINO & FUNK · 1903

Der Kinematograph hat im Berliner Varieté seinen festen Platz: „Den Schluß bildet der Kinematograph mit dem spannenden Automobilrennen um den Gordon Bennett-Pokal", heißt es im „Berliner Tageblatt" am 2. und am 9. August, und schon am 31. Mai hieß es dort: „Auch der Kinematograph bringt eine Reihe neuer aktueller Bilder." Castans Panoptikum zeigt „eine Serie aktueller kinematographischer Bilder, welche im Theatersaal zur Darstellung gebracht werden", und das Kaiser-Panorama in der Passage „übt eine außerordentliche Anziehungskraft aus". Ebenfalls im Varieté lockt „Aga, die schwebende Jungfrau": „Mensch oder Maschine? Das ist die Frage, die jung und alt beschäftigt. Aga schwebt noch immer."

Im September zeigt das Apollo-Theater das von Oskar Messter erfundene „Biophon", „die gelungene Darstellung lebendiger Bilder mit getreuester Wiedergabe auch von Wort und Ton"; die „Staatsbürger-Zeitung" nennt es am 5. September „die Sensation des neuen September-Programms", am 13. September „diese genialste Errungenschaft moderner Technik". In Leipzig wird es am 9. Oktober zum ersten Mal öffentlich vorgeführt, und in München schreibt die „Münchener Ratsch-Kathl" am 7. November: „Die Bilder sind nunmehr nicht nur beweglich, sondern man hört sie sprechen, musizieren." Von der Telegraphie ohne Draht ist an anderer Stelle die Rede: Am 27. Mai wurde die Gesellschaft Telefunken gegründet, am 4. August trat in Berlin die Funkkonferenz zusammen.

GESTORBEN · 1903

  • Rudolph von Delbrück (85), Staatsmann, Präsident des Reichskanzleramts a. D. — 1. Februar, Berlin.
  • Hugo Wolf (42), österreichischer Komponist — 22. Februar, Wien.
  • Malwida von Meysenbug (86), Schriftstellerin — 26. April, Rom.
  • Carl Gegenbaur (76), Anatom und Forscher — 14. Juni, Heidelberg.
  • Leo XIII. (93), Papst, mit bürgerlichem Namen Gioacchino Pecci — 20. Juli, Rom.
  • Theodor Mommsen (85), Althistoriker und Nobelpreisträger für Literatur 1902 — 1. November, Charlottenburg.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1903

  • Gesetz gegen die Kinderarbeit (23. und 30. März, Berlin). Der Reichstag nimmt den Entwurf über die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben „gegen wenige Stimmen der Konservativen" an; als Kinder gelten Knaben und Mädchen unter 13 Jahren sowie ältere, die noch zum Besuch der Volksschule verpflichtet sind, und der Hauptzweck ist, wie die „Naunhofer Nachrichten" am 1. April schreiben, „die Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht der Kinder zu sichern und den Unterricht erfolgreicher zu machen". Das Gesetz gilt ab 1. Januar 1904, ausgenommen bleiben Landwirtschaft und der eigene Haushalt.
  • Der verschwundene Geldbrief (22. März, Berlin). Ein Geldbrief über 240 Mark ist nicht mehr da, alle Nachforschungen bleiben erfolglos, doch „einige Stunden später" wird er unbeschädigt in einem Briefkasten des Postamts 21 vorgefunden.
  • Der ehrliche Finder (19. Mai, Berlin). Ein Kaufmann aus Breslau verliert auf dem Weg zur Zentrale der Deutschen Bank, wo er 21.000 Mark einzahlen will, seine Brieftasche; ein junger Arbeiter findet sie in der Potsdamer Straße, liest die Berliner Adresse aus einem Brief und gibt sie ab. „An dem Gelde fehlte nichts", meldet das „Berliner Tageblatt" am 21. Mai; der Finder erhält drei „Blaue" und einen neuen Anzug als Belohnung.
  • Die Dogge als Lebensretterin (19. August, Oberspree bei Treptow). Ein vierjähriges Schifferskind fällt von einer vorbeifahrenden Zille ins Wasser; ein Spaziergänger lässt seine Dogge hinein, und „dem Tier gelang es auch, den Körper des Mädchens mit seinen Zähnen zu erfassen, in demselben Augenblick, in welchem das Rettungsboot hinzukam", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 22. August.
  • Rettung am Dieksee (Anfang August, Gremsmühlen in Holstein). Als ein Hamburger Mädchen von einem Steg ins Wasser fällt, rettet es ein Kurgast, ein Redakteur des „Berliner Tageblatts", „unter eigener Lebensgefahr"; das Blatt meldet es am 5. August über seinen Mitarbeiter.

DAS WETTER · 1903 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 19,5 °C, das Minimum lag bei 13,6 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 16,6 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fielen 1,8 mm Regen.

Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres war der 3. Juli mit 33,1 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 18. Januar mit −12,3 °C. Nach der Berliner Messreihe zählte das Jahr 55 Frosttage und 17 Eistage, dazu 31 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 2 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 542 mm, der nasseste Tag war der 15. September mit 19,3 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,3 °C, das Tagesminimum 6,2 °C.

(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1903

Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Revuen, die 1903 aufgeführt wurden. „Erfolg" heißt hier Bühnenerfolg in Berlin und Wien. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 6 Titel belegen, die bis einschließlich 1903 entstanden und für die auch eine Aufführung im Jahr 1903 nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.

  1. Neuestes! Allerneuestes! (Jahresrevue, „Dramatische Revue in 5 Bildern") — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Metropol-Theater Berlin; 1903 gespielt „Zum 231. Male" am 30. August und „Zum 250. Male" am 19. September (Staatsbürger-Zeitung), am 31. Oktober vom neuen Stück verdrängt
  2. Durchlaucht Radieschen! (Ausstattungsposse) — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Uraufführung 31. Oktober 1903, Metropol-Theater Berlin; zu Weihnachten „an allen drei Festtagen vor völlig ausverkauftem Hause" (Berliner Tageblatt, 30. Dezember)
  3. Der Rastelbinder (Operette) — Musik: Franz Lehár, Libretto: Victor Léon; Uraufführung 20. Dezember 1902, Carltheater Wien; in Berlin im Central-Theater, „Freitag, Sonnabend und Sonntag" (Berliner Tageblatt, 22. Dezember)
  4. Die Fledermaus (Operette, Repertoire) — Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 5. April 1874, Theater an der Wien; Central-Theater Berlin am 25. Dezember 1903
  5. Der Bettelstudent (Operette, Repertoire) — Musik: Carl Millöcker; Central-Theater Berlin am 26. Dezember 1903
  6. Die Geisha (Operette, Repertoire) — Musik: Sidney Jones; Central-Theater Berlin am 27. Dezember 1903 sowie in einer Nachmittagsvorstellung am 15. November