DER CHRONIST

Zum Geleit

Im Januar erheben sich die Herero, im Februar beginnt der Krieg zwischen Rußland und Japan, im April einigen sich England und Frankreich über ihre Kolonien. Im Juni tagen Frauen aus fünfundzwanzig Ländern in Berlin, im Oktober eröffnet der Kaiser das neue Museum, und in Dresden folgt auf König Georg sein Sohn Friedrich August. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Kriegsnachrichten, Festtage und Berliner Vermischtes dicht nebeneinander.

Die Schlagzeilen des Jahres

Aufstand der Herero in Südwestafrika — der Krieg ist am Jahresende noch nicht beendet

Stabswagen der Schutztruppe im Biwak von Onjatu, 1904
Stabswagen der Schutztruppe im Biwak von Onjatu, 1904 (Bundesarchiv, Bild 183-R18799, CC BY-SA 3.0 de)

Am 12. Januar erheben sich die Herero unter Samuel Maharero und schließen Okahandja ein; die Telegraphen- und Bahnverbindung zwischen Windhuk und der Küste ist unterbrochen. Schon im Oktober des Vorjahres hatte ein Aufstand der Bondelzwarts-Nama bei Warmbad die Schutztruppe im Süden gebunden. „Es bedarf auch keiner weiteren Nachrichten, um nach wie vor des Ernstes der Lage gewiß zu sein", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 19. Januar. Am 21. Januar wird ein Marine-Expeditionskorps eingeschifft, ein Bataillon Marineinfanterie mit Maschinenkanonen, 30 Offiziere und 648 Unteroffiziere und Seesoldaten; dazu kommt eine Freiwilligentruppe aus Angehörigen des Heeres. Am 3. Mai wird Generalleutnant Lothar von Trotha zum Oberkommandierenden ernannt; Oberst Theodor Leutwein, bisher Gouverneur und Befehlshaber der Schutztruppe, bleibt auf das Gouverneursamt beschränkt.

Am 11. und 12. August fällt am Waterberg die Entscheidung (Abteilungen Deimling, Mühlenfels, Estorff); die Herero weichen nach Osten aus. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" meldet am 17. August, Trotha habe den Angriff „mit vollem Erfolge eingeleitet". Der „Vorwärts" rechnet am 18. August den Gesamtverlust der deutschen Truppen auf „ca. 100 Mann" und fügt hinzu: „Erst wenn man erfährt, wie viel Hereros gefallen sind und wie viel Vieh erbeutet wurde, wird man die Tragweite der beiden erfolgreichen Gefechte übersehen können." Zahlen über die Verluste der Herero werden nicht gemeldet; die Blätter zitieren das „Militär-Wochenblatt", am Waterberg hätten 30.000 Herero mit 50.000 Stück Großvieh und 120.000 Stück Kleinvieh gestanden. Im Oktober erheben sich auch die Nama unter Hendrik Witbooi; ihre Kriegserklärung trägt das Datum des 3. Oktober.

Im Reichstag legt der Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel am 3. Dezember einen zweiten Nachtragsetat vor, der mit rund 76½ Millionen Mark abschließt und die Kosten der vom 25. März bis Ende Oktober entsandten Nachschübe decken soll; weitere Kredite bleiben vorbehalten. Zugleich liegt dem Reichstag ein Gesetz über die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um 10.300 Mann vor. In der Debatte am 5. Dezember sagt Reichskanzler Graf von Bülow, man sei „weder so grausam, noch so töricht, die einzige Möglichkeit der Wiederherstellung geordneter Zustände darin zu erblicken, daß die jetzt aus den Wüsten des Sandfeldes hervorströmenden, halb verhungerten und verdursteten Herero erbarmungslos niedergeknüttelt werden". Zu Silvester ist der Krieg nicht beendet: Die Herero sind aus ihren Stellungen am Waterberg verdrängt, die Nama stehen seit Oktober unter Waffen.

Aus heutiger Sicht

Trothas Proklamation vom 2. Oktober 1904, die später „Vernichtungsbefehl" hieß, der Gegenbefehl des Kaisers vom 8. Dezember und Trothas Rücknahme vom 12. Dezember waren der Öffentlichkeit damals nicht bekannt. Von den „aus den Wüsten des Sandfeldes hervorströmenden, halb verhungerten und verdursteten Herero" sprach der Kanzler am 5. Dezember im Reichstag dagegen selbst; das Ausmaß des Sterbens in der Omaheke wurde erst später bekannt. Von 60.000 bis 80.000 Herero vor dem Krieg lebten 1911 nach Schätzungen nur noch rund 20.000. Die Zeitungen sprachen von „Sieg" und „Befreiung"; die Gegenstimme, die der „Vorwärts" schon im August erhob, gab es also bereits 1904. Erst Jahrzehnte später wurde der Krieg als Völkermord an Herero und Nama eingeordnet — der Begriff entstand 1944 —, und die Bundesregierung erkannte ihn 2021 als solchen an.

Port Arthur hält noch — und vor Hull fallen russische Schüsse auf Fischer

Nächtlicher Angriff vor Port Arthur, Zeichnung von Melton Prior
Nächtlicher Angriff auf einen japanischen Zerstörer vor Port Arthur, Zeichnung von Melton Prior auf einer Postkarte von 1904 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 9. Februar greift die japanische Flotte unter Admiral Tōgō die russische Flotte vor Port Arthur an; die Kriegserklärung folgt am 10. Februar. Der Hafen bleibt danach monatelang belagert, das japanische Belagerungsheer führt General Nogi. Anfang Dezember melden Reuter-Telegramme aus Tokio, die Japaner hätten den 203-Meter-Hügel besetzt, und von dort habe man gesehen, wie ein russisches Panzerschiff im Hafen sich stark auf die Seite neigte; nach der amtlichen Bekanntgabe in Tokio ist die „Poltawa" gesunken und die „Retwisan" schwer beschädigt. Das „Berliner Tageblatt" bemerkt am 7. Dezember, die russische Seite habe es zuerst so dargestellt, als sei der Erfolg des Gegners nicht allzu bedeutend. In der Nacht auf den 28. Dezember nehmen die Japaner das Fort Erlungschan; der „Vorwärts" gibt am 31. Dezember eine Meldung des „Daily Express" aus Tokio vom 29. Dezember wieder: „Die Russen halten nur noch fünf wichtige Forts …" Port Arthur selbst hält zu Silvester noch.

Mitten in diesen Krieg fällt ein Vorfall in der Nordsee. Die russische Ostseeflotte unter Admiral Roschestwenski läuft am 15. Oktober aus Libau aus; in der Nacht vom Freitag zum Sonnabend, 21. auf 22. Oktober, beschießt sie südöstlich der Doggerbank die Fischerflotte von Hull. „Plötzlich begannen die Kriegsschiffe zu feuern", telegraphiert der Londoner Korrespondent des „Berliner Tageblatts" am 24. Oktober. Der Fischdampfer „Crane" wird von Granaten getroffen; Kapitän Smith und ein Matrose Leggott sind sofort tot, viele Fischer verwundet. Die „National-Zeitung" schreibt am 25. Oktober, der „höchst bedauerliche Zwischenfall in der Nordsee" werde „keineswegs politische Folgen" haben. Am 25. November einigen sich Großbritannien und Rußland in St. Petersburg auf eine internationale Untersuchungskommission mit Sitz in Paris, die Frankreich vorgeschlagen hat und die sich auf die Haager Abkommen stützt. Die Berliner Blätter verfolgen vor allem die Frage, ob aus dem Vorfall von Hull ein Krieg zwischen England und Rußland wird.

Das Kaiser-Friedrich-Museum wird eröffnet

Die Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums am 18. Oktober 1904
Die Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums am 18. Oktober 1904 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 18. Oktober, dem 73. Geburtstag Kaiser Friedrichs III., übergeben Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria das Kaiser-Friedrich-Museum an der Spitze der Museumsinsel der Öffentlichkeit; zugleich wird das Reiterstandbild Kaiser Friedrichs III. des Bildhauers Rudolf Maison enthüllt. Die Feier beginnt um 11 Uhr vormittags, die Absperrungen stehen schon ab 10 Uhr. „Am heutigen 18. Oktober … sind der deutschen Reichshauptstadt zwei bedeutsame Werke geschenkt und der Öffentlichkeit übergeben worden: das Reiterstandbild des Zweiten deutschen Kaisers und das Kaiser-Friedrich-Museum", schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" am 19. Oktober.

Der Bau stammt vom Geheimen Oberhofbaurat Ernst Ihne, die Bauleitung hatte Regierungs- und Baurat Max Hasak; erbaut wurde er 1898 bis 1904. Der Großkaufmann James Simon erhält bei der Eröffnung den Wilhelm-Orden, Ihne den Roten Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub und Krone. Die Sammlungen leiten der Generaldirektor der Museen, Wirklicher Geheimer Rat Dr. Richard Schöne, und der Erste Direktor der Gemäldegalerie und der Sammlung christlicher Skulpturen, Geheimer Regierungsrat Dr. Wilhelm Bode, der den Kronenorden zweiter Klasse mit Stern erhält. Zum Haus gehören das Tiepolo-Kabinett mit 22 Grisaille-Fresken von 1759 und die große Kuppelhalle mit der galvanoplastischen Kopie von Schlüters Reiterstandbild des Großen Kurfürsten; die Bronzeausstattung der Hallen liefert die Württembergische Metallwarenfabrik in Geislingen. Erstmals gezeigt wird die Islamische Abteilung mit der Mschatta-Fassade.

Zur Eröffnung reisen Museumsleiter aus ganz Europa an, darunter Professor Lichtwark von der Hamburger Kunsthalle, Sir Edward Poynter von der National Gallery in London, Homolle von den Pariser Nationalmuseen und von Reber von der Alten Pinakothek in München. Fritz Stahl beginnt am 20. Oktober in der Lessing-Hochschule einen Zyklus „Einführung in das neue Kaiser Friedrich-Museum" mit sechs Vorträgen und zwei Museumsführungen. „Das seit Jahrzehnten Geplante steht nun vollendet da", heißt es in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 18. Oktober.

England und Frankreich schließen ihr Kolonialabkommen — der Kanzler sieht keine Spitze gegen Deutschland

Karikatur von John Bernard Partridge im „Punch": die Verständigung zwischen England und Frankreich aus der Sicht des abseits stehenden Deutschland
Karikatur von John Bernard Partridge im Londoner „Punch", um 1904: die Verständigung zwischen England und Frankreich aus der Sicht des abseits stehenden Deutschland (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 8. April unterzeichnen in London der britische Außenminister Lord Lansdowne und der französische Botschafter Paul Cambon ein Kolonialabkommen mit Zusatzerklärungen. Nach den Berliner Blättern regelt es folgendes: In Ägypten behindert Frankreich die englische Aktion nicht, die Ersparnisse aus der Umwandlung der ägyptischen Schuld fließen der ägyptischen Regierung zu. In Marokko räumt England Frankreich „das Recht ein, über die Ruhe Marokkos zu wachen", und überlässt ihm die Hilfe bei Verwaltung, Finanzen und Armee; Frankreich verspricht dafür dreißig Jahre Handelsfreiheit und keine Befestigung der Küste. In Neufundland verzichtet Frankreich auf die Hoheitsrechte an der „French Shore" gegen Entschädigung der Fischer; in Westafrika wechseln die Los-Inseln, Gebietsstreifen am Niger und am Tschad und ein Hafen am Gambia den Besitzer; Siam und die Neuen Hebriden werden nur genauer gefasst.

Reichskanzler Graf von Bülow äußert sich am 12. April, in der ersten Reichstagssitzung nach den Osterferien, bei der zweiten Lesung des Etats auf die Frage des Abgeordneten Dr. Sattler (Nationalliberale). „Das kann ich Herrn Sattler über diesen Punkt doch sagen, daß wir keine Ursache haben, anzunehmen, daß das englisch-französische Kolonialabkommen eine Spitze enthält gegen irgend eine andere Macht", sagt der Kanzler, und über Marokko: „Wir haben dort vor allem kommerzielle Interessen; deshalb haben wir auch ein erhebliches Interesse daran, daß in Marokko Ruhe und Ordnung herrscht." Die „National-Zeitung" meint schon am 9. April, es könne „nur mit Genugtuung begrüßt werden", wenn es Frankreich gelinge, die Ruhe in Marokko herzustellen; das „Berliner Tageblatt" schreibt am 10. April: „England verzichtet auf den Versuch, mit Frankreichs Einfluß in Marokko fernerhin in Wettbewerb zu treten." Sein Pariser Korrespondent sieht Marokko den Franzosen am 13. April „gewissermaßen mit Haut und Haaren ausgeliefert".

Aus heutiger Sicht

Die Verständigung ist als „Entente cordiale" in die Geschichte eingegangen — das Wort selbst ist älter — und galt später als Beginn einer Dreierverbindung gegen das Reich. Die Berliner Blätter und der Kanzler nahmen sie im April 1904 gelassen auf; erst ein Jahr darauf zeigte sich, dass Marokko der Punkt war, an dem Deutschland das Abkommen auf die Probe stellte: Am 31. März 1905 landete der Kaiser in Tanger, und die erste Marokkokrise begann.

Frauen aus fünfundzwanzig Ländern tagen in Berlin

Titelseite der Bilderbroschüre zum Internationalen Frauen-Kongress in Berlin, Juni 1904
Titelseite der Bilderbroschüre zum Internationalen Frauen-Kongress in Berlin, Juni 1904 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Internationale Frauen-Kongress, den der Bund Deutscher Frauenvereine unter seiner Vorsitzenden Marie Stritt für den Weltbund der Frauen veranstaltet, versammelt in der Philharmonie mehr als 2000 Teilnehmerinnen aus etwa 25 Ländern und behandelt in zwanzig Themenbereichen Bildung, Beruf, soziale Arbeit und Rechtsstellung der Frau. Voraus gehen vom 6. bis 11. Juni die Generalversammlung des Weltbundes und am 3. Juni die Gründung der Weltstimmrechtsallianz im Hotel Prinz Albrecht. Am 13. Juni, 10 Uhr, eröffnet Frau Stritt den Kongress vor einer „mehr als tausendköpfigen Menge"; er dauert bis zum 18. Juni.

Zu den Gästen zählen May Wright Sewall, die Vorsitzende des Weltbundes, Susan B. Anthony und als Ehrengast Bertha von Suttner; Sektionen leiten unter anderen Helene Lange und Alice Salomon. Kaiserin Auguste Viktoria empfängt am 14. Juni eine Abordnung in Privataudienz, und auch Maria von Bülow, die Gattin des Reichskanzlers, empfängt Delegierte; die Reichspost führt einen Sonderstempel „Internat. Frauen-Kongress". Die Presse urteilt verschieden. Das „Berliner Tageblatt" lobt am 13. Juni die Aufnahme der Gäste in Berlin, beklagt aber, dass die Kundgebungen „durch einen peinlichen Mißklang gestört worden sind"; der „Vorwärts" berichtet vom 16. Juni, die Teilnehmerinnen hätten den Verhandlungen „nur ein sehr geringes Interesse" gezeigt. Im Reichstag heißt es mit Blick auf den Kongress: „Die Frauen sind glänzend und gastlich aufgenommen worden. Daraus folgt noch nicht, daß wir mit ihrem Programm in allen ihren Teilen einverstanden sind. Das politische Stimmrecht der Frauen lehnen alle Regierungen ab."

Aus heutiger Sicht

Das politische Stimmrecht der Frauen war im Reich 1904 nicht denkbar; es kam erst 1918. Die Weltstimmrechtsallianz, die im Juni in Berlin gegründet wurde, wuchs später zu einer großen Organisation heran.

Der preußische Staat greift nach der Zeche Hibernia

Im Sommer beauftragt der preußische Handelsminister Theodor Möller die Dresdner Bank, die Aktienmehrheit der Bergwerksgesellschaft Hibernia in Herne und Gelsenkirchen, der drittgrößten des Ruhrgebiets, für den Staat zu erwerben. Dahinter stehen die „Kohlennot" seit 1900 und der Streit des Oberbergamts Dortmund mit dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat über Preisabsprachen. Widerstand regt sich bei der Verwaltung der Gesellschaft, beim Kohlensyndikat und bei anderen Banken. Die „Berliner Politischen Nachrichten" veröffentlichen im August einen langen Artikel zur „heiß umstrittenen Hibernia-Angelegenheit", den die „National-Zeitung" am 18. August „unverkürzt" wiedergibt, weil er „die bestimmte Ansicht und Absicht der maßgebenden Regierungskreise" ausdrücke; die Berliner Bankfirma Jaffa u. Levin wirbt um Aktionärsvollmachten und fordert eine höhere Staatsofferte. Der „Vorwärts" spricht am 27. August von einem „Widerstande, auf den die Verstaatlichung der Hibernia in den beteiligten industriellen Kreisen stößt", der durch das Vorgehen der Regierung „in Verbindung mit der Dresdner Bank sich teilweise geradezu in Erbitterung umgesetzt hat".

Die außerordentliche Generalversammlung der Hibernia, die am 27. August im Breidenbacher Hof in Düsseldorf zusammentritt, lehnt die Regierungsofferte ab; die Kapitalerhöhung unter Ausschluss des Bezugsrechts der Aktionäre wird nach dem Bericht des „Berliner Tageblatts" vom 29. August „mit 28 gegen 21 Millionen" des vertretenen Aktienkapitals angenommen. Der Vorsitzende weist den Einwand, der Verkauf an den Staat sei eine Auflösung der Gesellschaft und brauche eine Zweidrittelmehrheit, mit den Worten zurück: „Ich leite die Versammlung — und ich dekretiere, daß abgestimmt werden kann." Die Regierung kündigt an, dem Landtag eine Vorlage zum Erwerb des bei der Dresdner Bank liegenden Aktienbestandes zu machen. Am 30. November und 1. Dezember berät das preußische Abgeordnetenhaus das Gesetz über die Beteiligung des Staates an der Hibernia in erster Lesung. Minister Möller weist den Vorwurf der Illoyalität zurück: „Ich habe lange im geschäftlichen Leben gestanden, ich weiß, wie Geschäfte gemacht werden. … Ich halte es für eine großartige Naivität, zu glauben, daß man anders hätte vorgehen können." Der freikonservative Abgeordnete Gamp meint, die Freunde der Vorlage könnten „mit der bisherigen Debatte zufrieden und einverstanden sein"; die Sozialdemokratie ist gespalten, Bebel ist für die Verstaatlichung, Kautsky dagegen.

Der Mord in der Ackerstraße und der Prozess Berger

Die Marschallbrücke über die Spree, Aufnahme um 1896
Die Marschallbrücke über die Spree, Aufnahme um 1896 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 9. Juni verschwindet die neunjährige Lucie B., Tochter eines Zigarrenmachers, aus dem Haus Ackerstraße 130 im Norden Berlins; sie wird Opfer eines Mordes. Der Polizeipräsident setzt 1000 Mark Belohnung aus, und die Polizei sucht öffentlich nach einem weißen Reisekorb. Verhaftet werden der Zuhälter Theodor Berger, 35 Jahre alt, und seine Lebensgefährtin, die den Korb als ihr Eigentum erkennt. Die Gerichtsmedizin — Gerichtsarzt Arthur Schulz, Professor Fritz Straßmann und der Chemiker Paul Jeserich — weist an dem Korb mit dem von Paul Uhlenhuth 1901 in Greifswald angegebenen Verfahren Menschenblut nach; als Sachverständiger tritt August Wassermann auf. Mehr als 1000 Menschen folgen am 31. Juli dem Trauerzug zum St.-Elisabeth-Friedhof.

Der Prozess beginnt am 12. Dezember und dauert zehn Verhandlungstage mit fast 100 Zeugen; ein Ortstermin in der Ackerstraße löst einen Menschenauflauf aus. Am 23. Dezember gegen sieben Uhr abends lautet das Urteil auf zusammen fünfzehn Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust; Verteidiger war Rechtsanwalt Bahn. Das „Berliner Tageblatt" meldet das Urteil am 24. Dezember unter der Überschrift „Fünfzehn Jahre Zuchthaus".

Aus heutiger Sicht

Der Fall gilt als einer der ersten, in denen der Blutnachweis nach Uhlenhuth vor Gericht als Beweis zugelassen wurde. Er steht am Beginn der naturwissenschaftlichen Spurenauswertung vor deutschen Gerichten.

Tod König Georgs von Sachsen — Thronwechsel in Dresden

König Georg von Sachsen bei einem Besuch in Leipzig vor dem Alten Rathaus, November 1902
König Georg von Sachsen bei einem Besuch in Leipzig vor dem Alten Rathaus, Aufnahme vom 4. November 1902 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum Sonnabend, 15. Oktober, stirbt König Georg von Sachsen im Schloss Pillnitz im Alter von 72 Jahren, an den Folgen einer im Frühjahr zugezogenen Influenza. Er hatte im Juni 1902 seinen kinderlosen Bruder Albert beerbt und war gut zwei Jahre König. Nachfolger ist sein Sohn, der bisherige Kronprinz Friedrich August, als König Friedrich August III.; er ist 1865 geboren. Das Königshaus steht seit der Flucht der Kronprinzessin Luise aus Dresden am 9. Dezember 1902 im Skandal: Ein Sondergericht des Hauses Wettin sprach am 11. Februar 1903 die Scheidung aus, seit Juli 1903 führt die vormalige Kronprinzessin den Titel einer Gräfin von Montignoso.

In Sachsen bleiben sämtliche Theater bis Mittwoch, 19. Oktober, geschlossen; erstmals tritt die 1903 eingeführte „abgekürzte" Bundestrauer in Kraft, und die sächsische Armee trauert sechs Wochen. Der „Vorwärts" schreibt am 16. Oktober: „Er hat wenig mehr als zwei Jahre die Königswürde bekleidet, er folgte dem kinderlosen Bruder Albert im Juni 1902 in der Regierung. … König Georg hat in seiner kurzen Regierungszeit politisch die schwersten Enttäuschungen und Bitterkeiten erlebt. Nicht ohne eigene Schuld. Dazu kamen die familiären Erschütterungen seines Hauses."

Wahlen 1904: Bassermann gewinnt die Ersatzwahl Frankfurt–Lebus, Berlin wählt Stadtverordnete

Ein Jahr ohne Reichstags- und ohne Preußenwahl, aber mit Ersatz- und Landtagswahlen. Im Reichstagswahlkreis Frankfurt (Oder)–Lebus in der Provinz Brandenburg war 1903 der Sozialdemokrat Dr. Heinrich Braun in der Stichwahl mit 14.685 gegen 14.304 Stimmen für den Konservativen Felisch gewählt worden; Ende Januar erklärt der Reichstag die Wahl für ungültig. Die bürgerlichen Parteien einigen sich auf den Mannheimer Rechtsanwalt Ernst Bassermann, den das „Berliner Tageblatt" am 21. Mai den „Führer der nationalliberalen Partei" nennt und der 1903 in Karlsruhe dem Sozialdemokraten Geck mit 14.412 Stimmen unterlegen war. Der Bund der Landwirte stellt gegen ihn den Generalmajor a. D. von Jagwitz aus Charlottenburg auf, die Sozialdemokratie wieder Dr. Braun, Schriftsteller in Wilmersdorf.

Am Freitag, 13. Mai, erhält Bassermann 11.747 Stimmen, Braun 11.407 und von Jagwitz 2872; es kommt zur Stichwahl. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 14. Mai, Bassermann wäre im ersten Wahlgang gewählt worden, „wenn nicht der Bund der Landwirte den vereinigten bürgerlichen Parteien in die Suppe gespuckt hätte"; der „Vorwärts" urteilt am 15. Mai: „Die Ehre dieses Kampfes gebührt unsren Genossen vollauf, während Herr Bassermann, wenn er siegt, nur durch neue Opferung des mindesten Liberalismus in das Parlament zurückkehren würde." In der Stichwahl am Freitag, 20. Mai, siegt Bassermann (Nationalliberale) mit 14.385 Stimmen über Braun (SPD) mit 11.880. „Mit 14,412 Stimmen war er im vorigen Jahre in Karlsruhe dem Sozialdemokraten Geck unterlegen, mit 14,385 Stimmen hat er gestern in der Stichwahl in Frankfurt a. O.-Lebus über den Sozialdemokraten Braun gesiegt", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 21. Mai. Am Sonnabend, 21. Mai, wird im Wahlkreis Straßburg-Land für den früheren Abgeordneten Blumenthal, dessen Wahl für ungültig erklärt worden war, nachgewählt; die vereinigten Liberalen stellen ihn wieder auf, die Klerikalen den früheren Abgeordneten Hauß.

In Berlin finden am Mittwoch, 23. November, Ergänzungswahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Im 7. Bezirk der I. Abteilung, wo ein Stadtverordneter zum Stadtrat gewählt worden war, kommen von 113 eingeschriebenen Wählern 72; Baumeister Herzberg erhält 42 Stimmen, Justizrat Dr. Meschelsohn 30. „Die Konservativen und Nationalliberalen gaben den Ausschlag", meldet das „Berliner Tageblatt". In der III. Abteilung des 22. Bezirks wird der Sozialdemokrat Robert Wengels gewählt, und der „Vorwärts" schreibt am 24. November: „Der Freisinn hat in der dritten Abteilung abgewirtschaftet, weil er zu einer vernünftigen und gerechten Kommunalpolitik weder bereit noch fähig ist." Im 30. Bezirk der III. Abteilung erhält in der Hauptwahl der Sozialdemokrat Sassenbach 769 Stimmen, der freisinnige Malermeister Rettig 653 und Pretzel von der antisemitischen Bürgerpartei 436; von 5628 Wählern stimmen 1860 ab. In der Stichwahl am Mittwoch, 14. Dezember, siegt Rettig (Freisinn) mit 1063 Stimmen über Johannes Sassenbach (SPD) mit 920 von 1983. „Bei der Hauptwahl war unser Genosse Sassenbach dem Freisinnigen Rettig um 116 Stimmen voraus gewesen, bei der Stichwahl blieb er um 143 Stimmen hinter ihm zurück", rechnet der „Vorwärts" am 15. Dezember vor und meldet am 17. Dezember, 277 Antisemiten hätten für Rettig gestimmt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Sachsen-Altenburg, 16. April — Landschaft mit 30 Sitzen: Konservative mit 20 bis 23 Sitzen vorn, Linksliberale 3 bis 5, SPD 3.
  • Sachsen-Coburg-Gotha, 11. Juni — Gotha 19 Sitze: Agrarier 7, SPD 6, Linksliberale 4, Nationalliberale 2; Coburg 11 Sitze: Liberale 8, Agrarier 3.
  • Oldenburg, 26. August — 40 Sitze: Freisinnige Volkspartei 12 (bisher 10), Nationalliberale 9 und weitere 6 gemeinsam mit dem Bund der Landwirte, Zentrum 8, SPD 4 (bisher 6), Bund der Landwirte 1.
  • Reuß jüngerer Linie, Ende September — 16 Sitze einschließlich eines Sitzes des Fürsten: Bürgerliche 6, SPD 4, Nationalliberale 4, Konservative 1; die SPD verliert einen Sitz in Gera und gewinnt einen auf dem Land.
  • Lippe, Ende November / Anfang Dezember — Städtewahl am 1. Dezember in Detmold, III. Abteilung bis 3. Dezember mit Stichwahlen; 21 Sitze: Bürgerliche 15, SPD 3, Nationalliberale 3; von rund 11.500 Stimmen entfallen rund 6500 auf die Biesterfelder Kandidaten und rund 2300 auf die Sozialdemokraten.
  • Hamburg (Bürgerschaft), im Laufe des Jahres — 160 Sitze: Rechte 52, Linke 48, Linkes Zentrum 44, SPD 13, Sonstige 3.
  • Schwarzburg-Sondershausen, im Laufe des Jahres — 18 Sitze (bisher 15): Nationalliberale 6, Agrarier 3, Bürgerliche 3, Linksliberale 2, Konservative 2, Freikonservative 1, Antisemiten 1.
  • Reichstags-Ersatzwahlen, im Laufe des Jahres — Neben Frankfurt (Oder)–Lebus und Straßburg-Land werden mindestens elf weitere Sitze nachbesetzt: Schaumburg-Lippe (Brunstermann, Reichspartei), Mecklenburg-Schwerin 2 (Büsing, Nationalliberale), Posen 7 (von Chlapowski, Polen), Posen 5 (Stychel, Polen), Auerbach–Reichenbach (Adolph Hoffmann, SPD), Marienberg–Zschopau (Zimmermann, Reformpartei), Magdeburg 3 (Merten, Freisinnige Volkspartei), Sachsen-Altenburg (Porzig, Konservative), Eschwege–Schmalkalden–Witzenhausen (Raab, Deutschsoziale), Osnabrück (Wamhoff, Nationalliberale) und Lüneburg–Soltau–Winsen (von Wangenheim-Wake, Welfe).

„Berlin geht zu Fuß": Streit um die Straßenbahn-Abonnements

Der Potsdamer Platz auf einer Postkarte um 1900
Der Potsdamer Platz auf einer Postkarte um 1900 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im September kündigt die Große Berliner Straßenbahn eine Erhöhung ihrer Abonnementspreise zum 1. Oktober an; Berlin gerät darüber, wie das „Berliner Tageblatt" am 20. September schreibt, „in große Erregung". Der neu gegründete Berliner Verkehrsverein ersucht Polizeipräsident von Borries um Einschreiten und bittet die Stadtverwaltung, den Rechtsweg gegen die Gesellschaft zu beschreiten, weil sie sich verpflichtet habe, Abonnements zu „ermäßigten" Preisen auszugeben. Der Polizeipräsident, „soeben erst von seiner Reise zurückgekehrt", sei „aufs genaueste informiert", und „eventuell würde selbstverständlich die Einführung des neuen Tarifs zum 1. Oktober seitens der Behörden inhibiert werden". Die Omnibusgesellschaften erwägen neue Abonnements für Straßenbahnkunden; die Allgemeine Omnibusgesellschaft meldet Bedenken wegen der Fünfpfennigtarife an.

Zu prüfen ist die Rechtslage aus der Konzessionsurkunde vom 4. Mai 1900 und dem Kleinbahngesetz: ob die fünfjährige Frist, nach der der Tarif der Genehmigung unterliegt, abgelaufen ist und ob sich das Genehmigungsrecht auch auf einen Höchstbetrag der Abonnementspreise erstreckt. Bei einer Konferenz im Präsidialgebäude am Alexanderplatz am Dienstag, 27. September, kommt man „zu dem Schlusse, daß die Abonnements der Kontrolle der Behörde gänzlich entzogen sind", wie die „Berliner Morgen-Zeitung" am 29. September schreibt; die Kontrolle beziehe sich nur auf den „Höchstbetrag" des bar zu zahlenden Fahrgelds. Der Antrag des Verkehrsvereins wird abgelehnt.

Die Berliner antworten mit einem Boykott. In einem Warenhaus, wo bisher die Abonnements gesammelt wurden, werden am 1. Oktober statt für 800 Mark nur für 300 Mark Abonnements gelöst; ein anderes gibt seinen Angestellten eine halbe Stunde länger Mittagszeit, damit sie zu Fuß gehen können; in zwei der größten Kaufhäuser sind etwa 100 Angestellte ohne Abonnement. Überfüllte Wagen hat seit dem 1. Oktober zu den Hauptverkehrszeiten dennoch „wohl niemand" gesehen, und „Das deutsche Blatt" stellt am 7. Oktober fest: „Das Nachlassen der Abonnements macht sich naturgemäß im großen Publikum nicht bemerkbar." Ein Provinzblatt schreibt am 1. Oktober: „Wer auf alle Linien abonniert, hat beinahe eine Mark pro Tag aufzuwenden."

Der Königsberger Geheimbundprozess: Sozialdemokraten vor Gericht wegen des Zaren

Der Verteidiger Hugo Haase, Aufnahme um 1911
Der Verteidiger Hugo Haase, Aufnahme um 1911 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor dem Landgericht Königsberg stehen im Juli neun Sozialdemokraten, Arbeiter und Handwerker, darunter der Königsberger Otto Braun; sie sind verdächtig, „anarchistische" Schriften aus der Schweiz nach Rußland geschmuggelt zu haben. Die Anklage lautet auf Geheimbündelei (§ 128), auf Beihilfe zum Hochverrat gegen den Zaren und auf Beleidigung des Zaren (§§ 102, 103). Braun hat seit November 1903 fünf Monate in Untersuchungshaft gesessen. Verteidiger sind die Rechtsanwälte Hugo Haase, zugleich sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, und Karl Liebknecht. Haase hatte im Januar im Reichstag die Zusammenarbeit der preußischen mit der russischen Polizei und die Spitzel der russischen Geheimpolizei in Berlin zur Sprache gebracht; auch Bebel und Reichskanzler Graf von Bülow sprachen in den Debatten.

Das Urteil fällt am Montag, 25. Juli, nach elftägiger Verhandlung: Wegen Hochverrats und Zarenbeleidigung werden sämtliche Angeklagten freigesprochen; wegen Geheimbündelei erhalten sechs von ihnen Gefängnisstrafen zwischen acht Wochen und drei Monaten, drei, unter ihnen Braun, werden freigesprochen. Die „Westdeutsche Landeszeitung" schreibt am 26. Juli: „Eigentlich hat ein ‚Geheimbund', der seine finsteren Taten vor den Behörden geheim hält, indem er auf offenen Postkarten davon redet, etwas Operettenhaftes an sich." Ein westfälisches Blatt nennt den Ausgang eine „erbarmungswürdige Niederlage" der Anklage. Im Reichstag wird der Prozess am 5. Dezember noch einmal berührt: Der Kanzler überlässt, wie die „National-Zeitung" am 6. Dezember berichtet, die Berichterstattung darüber dem preußischen Justizminister. Der Prozess hat gezeigt, wie eng preußische und russische Polizei zusammenarbeiten; die Handhabung der Untersuchungshaft gibt Anlass zu Debatten über die Strafrechtsreform.

Streit um die deutsche Kunst in St. Louis — die Secession bleibt fern

Der Vorstand und die Hängekommission der Berliner Secession bei der Vorbereitung einer Ausstellung, 1904
Der Vorstand und die Hängekommission der Berliner Secession bei der Vorbereitung einer Ausstellung, 1904; unter ihnen Max Liebermann und Walter Leistikow (Bundesarchiv, Bild 183-1986-0718-502, CC BY-SA 3.0 de)

Das Reich beteiligt sich an der Weltausstellung in St. Louis mit einer deutschen Kunstabteilung. Die von der Reichsregierung eingesetzte Zentraljury steht unter der Kunstgenossenschaft; die Auswahl liegt bei der Kommission um Anton von Werner. Die Berliner Secession lehnt es ab, sich dieser Jury zu unterwerfen und in St. Louis auszustellen; sie wird nicht ausgeschlossen, sie bleibt fern. Am 15. und 16. Februar berät der Reichstag die zweite Rate von 2 Millionen Mark. Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky verteidigt die Regierung; es sprechen unter anderen Dr. Spahn (Zentrum), Graf Oriola (Nationalliberale), Singer (Sozialdemokrat) und Dr. Müller-Meiningen (Freisinnige Volkspartei). Posadowsky nennt das Verhalten der Secessionisten unerklärlich und spricht nach der „Berliner Börsen-Zeitung" „entschieden abstoßend" von der „Extravaganz"; er glaube aber, die Gegensätze seien „im Ausgleich begriffen".

Im Reichstag hält ein Redner dagegen, wie der „Vorwärts" am 17. Februar berichtet: „Aus der Broschüre des Grafen Keßler geht aber unzweifelhaft hervor, daß sich die Secessionisten geweigert haben, weil sie das Vertrauen nicht mehr hatten, daß auf einer Ausstellung, die die Kunstgenossenschaft leitete, die moderne Richtung zu ihrem Rechte kommen würde." Singer sagt nach der „National-Zeitung" vom 16. Februar: „Die Sezession hat im Volke selbst Boden und Verständnis gefunden." Das Wort „Rinnsteinkunst", das der Kaiser gebraucht hat, wird im Reichstag zitiert. Die „Berliner Börsen-Zeitung" schreibt am 17. Februar: „Der Kampf zwischen der Secession und der älteren Richtung ist ein geistiger Kampf und der muß auf rein sachlichem Gebiete ausgekämpft werden. St. Louis war dafür nicht der geeignete Platz." Die Secession hatte sich 1898 mit 65 Künstlern um Walter Leistikow und Max Liebermann gegründet, nachdem die Jury der Großen Berliner Kunstausstellung ein Landschaftsbild Leistikows zurückgewiesen hatte.

Der Bundesrat hebt den Ausweisungs-Paragraphen des Jesuitengesetzes auf

In einer außerordentlichen Sitzung am Dienstag, 8. März, beschließt der Bundesrat, den § 2 des Jesuitengesetzes aufzuheben; der Gegenstand wird bis zum Mittwochnachmittag geheimgehalten. Der Paragraph bestimmte, dass Angehörige der Gesellschaft Jesu, wenn sie Ausländer sind, aus dem Bundesgebiet ausgewiesen werden können und dass Inländern der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen werden kann. Das Gesetz vom 8. März (Reichsgesetzblatt S. 139) tritt am 10. März in Kraft. Der § 1, das Niederlassungsverbot, bleibt bestehen. Reichskanzler Graf von Bülow hatte die Aufhebung im Februar 1903 zugesagt, der „Vorwärts" schreibt am 10. März: „Die Zusage, die Graf Bülow im Februar 1903 gab, wird erfüllt …"; das Zentrum ist für die Regierungsmehrheit unentbehrlich, nicht zuletzt seit dem Zolltarif. Kurz zuvor waren die Marianischen Kongregationen an den höheren Schulen wieder zugelassen worden.

Die Zentrumspresse, „Germania" und „Kölnische Volkszeitung", begrüßt den Schritt. Der konservativ-evangelische „Reichsbote" nennt ihn nach dem „Vorwärts" einen „Stoß ins Herz" der evangelischen Kirche und rät sogar, den Reichstag gegen das Zentrum aufzulösen. Der „Vorwärts" spottet am 11. März: „Laute Centrumshaß hat die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes in einem Teile der konservativen und nationalliberalen Zeitungen entfesselt." Die „National-Zeitung" sammelt am gleichen Tag die „Preßstimmen", darunter eine Stimme, die sich dazu äußert, „daß der Bundesrat endlich den Mut gefunden (!) hat, den § 2 des Jesuitengesetzes, der schon längst nicht nur unpraktisch, sondern auch unhaltbar geworden war, fallen zu lassen und in die Rumpelkammer zu werfen". Der Streit zeigt, dass der Kulturkampf von 1872 nach über dreißig Jahren noch Leidenschaften weckt.

Aalesund brennt — der Kaiser schickt Schiffe

Aalesund nach dem Brand, Postkarte von 1904
Aalesund nach dem Brand, Postkarte von 1904 (Nasjonalbiblioteket / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 23. Januar bricht in einer Margarinefabrik in Aalesund (norwegisch Ålesund) ein Feuer aus, das etwa 16 Stunden im Sturm wütet; rund 850 Häuser verbrennen, etwa 10.000 Menschen werden obdachlos. „Von allen Baulichkeiten der Stadt sind nur etwa 20 bis 30 Häuser vom Feuer verschont geblieben", meldet das „Berliner Tageblatt" am 25. Januar. Norwegen organisiert die Hilfe selbst: Die Brigade Drontheim schickt Mannschaftszelte, Betten und Proviant, das Schulschiff „Nordstjernen" dient als Wohnschiff.

Kaiser Wilhelm II. lässt sofort Hilfe abgehen. Der Große Kreuzer „Prinz Heinrich" läuft am Sonntag, 24. Januar, 10.45 Uhr vormittags aus Kiel durch den Nordostseekanal aus, die Expedition ist auf acht Tage berechnet; am Sonntagnachmittag fährt der Dampfer „Phönicia" der Hamburg-Amerika-Linie von Hamburg mit einem Flügeladjutanten des Kaisers, einem Kapitän zur See, an Bord. Der Kaiser fragt beim Generalkonsulat in Kristiania telegraphisch an, was die Abgebrannten am meisten brauchen: Zelte, Krankenpflegerinnen, Proviant, Kleider, Verbandstoffe. In Berlin gibt das Residenz-Theater unter Direktor Lautenburg eine Wohltätigkeitsvorstellung von Ibsens „Wildente". „Die Not der Bevölkerung ist außerordentlich groß. Kaum minder groß aber ist auch die Hilfsbereitschaft", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 25. Januar; der „Vorwärts" stellt am 27. Januar fest: „Die Hilfsaktion für Aalesund setzt überall kräftig ein."

„General Slocum" brennt im East River — New York trauert

Der Raddampfer „General Slocum", der am 15. Juni 1904 im East River verbrannte
Der Raddampfer „General Slocum", der am 15. Juni 1904 im East River verbrannte; undatierte Aufnahme aus der Zeit vor dem Unglück (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 15. Juni gerät der Raddampfer „General Slocum" auf einem Ausflug im East River in Brand. Die Berliner Zeitungen melden das Unglück am 16. und 17. Juni. „Die Zahl der Opfer der ‚General Slocum'-Katastrophe erscheint weit größer, als man anfänglich geglaubt hatte", telegraphiert der New-Yorker Korrespondent des „Berliner Tageblatts" am 17. Juni. „Bisher sind weit über 500 Leichen geborgen und 250 Verletzte in Hospitälern untergebracht. 650 vermißte Personen sind bis jetzt angemeldet, doch ist es wahrscheinlich, daß mehr als 1000 untergegangen sind." Das Leichenschauamt und der Chef der Feuerwehr beziffern den Verlust an Menschenleben übereinstimmend auf annähernd tausend Personen; etwa 700 Opfer sind bereits gelandet. Der Dampfer war vor 13 Jahren in Brooklyn gebaut worden, hatte 1284 Tons und war 263 Fuß lang. Die Ausflügler gehören zur deutschen lutherischen St.-Markus-Gemeinde im Osten der Stadt. „Im mittleren Teil der Oststadt ist kaum eine deutsche Familie, die durch das Unglück nicht einen Angehörigen verloren hat", schreibt das Blatt.

Der Findling aus dem Tiergarten — „der neue Kaspar Hauser"

Ein Tennisplatz im Berliner Tiergarten nahe dem Zoologischen Garten
Im Berliner Tiergarten, Aufnahme um 1900 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Anfang August wird im Tiergarten ein kleiner Junge in einem olivgrünen Matrosenanzug aufgefunden, der nur ein slawisches Idiom spricht und sich Johann Becker nennt. Er kommt in das Waisenhaus in der Alten Jakobstraße, wo er sich, wie das „Berliner Tageblatt" am 4. August schreibt, „sehr wohl" befindet und „an den Spielen seiner Altersgenossen den lebhaftesten Anteil" nimmt. Die Kriminalpolizei, „die mit der Eventualität eines Kindesraubes rechnet", lässt ihn photographieren, um die Bilder an die Verwaltungen der unteren Donaustaaten zu schicken; das „Tageblatt" überschreibt seine Meldung „Der neue Kaspar Hauser". Bei den Verhören, so das „Tageblatt" am 6. August, bekundet er „interessante Einzelheiten aus seinem Vorleben": Nach seinem Dialekt ist er serbisch-kroatischer Abstammung, er erzählt von einem Bruder „Alexander", von einer Ziege, Ochsen und Pferden, und dass er und seine Mutter „lange auf der Eisenbahn gefahren" seien. Am 12. August meldet das Blatt eine „neue Spur": Eine Zeitungsnotiz will das Kind als Sohn eines österreichischen Bahnhofsrestaurateurs erkannt haben.

Am 20. August löst sich das Rätsel: „Der Knabe, der sich Johannes Becker nannte, heißt tatsächlich so", schreibt das „Berliner Tageblatt" unter der Überschrift „Das gelöste Rätsel", und ist der uneheliche Sohn einer in Belgrad wohnenden Verkäuferin. Sie hat ihn in Berlin zurückgelassen, weil sich der Vater nicht um das Kind kümmerte; das Wissen darum verdankt die Kriminalpolizei einer Meldung des österreichisch-ungarischen Generalkonsulats. Der „neue Kaspar Hauser" der Berliner Kriminalpolizei hat damit einen Namen und eine Mutter in Belgrad.

Meisterschaft ohne Meister: Das Endspiel von Kassel fällt am Pfingstsonntag aus

Das Endspiel um die zweite Deutsche Fußballmeisterschaft zwischen dem VfB Leipzig, dem mitteldeutschen Meister, und dem Berliner Thor- und Fußball-Club Britannia 92, dem Berliner Meister, ist für Pfingstsonntag, 22. Mai, halb fünf Uhr nachmittags, auf dem Trainreitplatz an der Mönchebergstraße in Kassel angesetzt, im Rahmen des 8. Bundestags des Deutschen Fußball-Bundes; er beginnt am Sonnabend, 21. Mai, abends im Palais-Restaurant. „Das Ereignis für Pfingstsonntag bleibt aber das Spiel in Kassel …", schreibt „Das deutsche Blatt" am 22. Mai.

Am Sonntagvormittag um 11 Uhr nimmt der Bundestag einen Protest des süddeutschen Verbandes gegen das Vorrundenspiel Karlsruher Fußball-Verein gegen Britannia vom 24. April in Friedenau bei Berlin an, das die Berliner 6:1 gewonnen hatten, „da § 13 der Bundessatzungen andere Auslegung fand und ist aus diesem Grunde das Spiel Britannia gegen Karlsruher F. V. als ungültig erklärt", wie das Blatt am 25. Mai meldet. Zum neuen Ersten Vorsitzenden des Bundes wählt dieselbe Tagung „Noë (Karlsruher F. V.)"; der bisherige Vorsitzende Hueppe aus Prag wird Ehrenmitglied. Britannia spielt zu Pfingsten stattdessen in Budapest und unterliegt dem Ungarischen Turnklub mit 0:2, am Pfingstmontag trennt man sich 1:1. „Der Ausfall des diesjährigen Meisterschaftsspieles des Deutschen Fußball-Bundes ist nicht allein auf das schlechte sandige Spielfeld in Kassel zurückzuführen, sondern auf einen Protest des Karlsruher Fußballvereins gegen die Berliner ‚Britannia', welchem von dem Kasseler Bundestage auch stattgegeben worden ist", schreibt das „Leipziger Tageblatt" am 28. Mai. Ein Endspiel wird nicht ausgetragen; die Meisterschaft bleibt ohne Meister.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 18. Januar — In Crimmitschau bricht die Streikleitung den Ausstand der Textilarbeiterinnen und -arbeiter ab, der seit August 1903 um den Zehnstundentag geführt wurde; in der sächsischen Textilindustrie wird elf Stunden gearbeitet, und die Streikenden kehren zu den alten Bedingungen zurück.
  • 28. April — Das „Berliner Tageblatt" meldet einen Steckbrief gegen ein Charlottenburger Ehepaar, das acht Zimmer, vier Dienstboten und Pferde hielt und Schulden „in die Hunderttausende" machte; seit dem 12. Februar 1902 ist es verschwunden, und die zahlreichen Gläubiger „hatten das Nachsehen".
  • 18. Mai — Nach einer Meldung der „Times" aus Leicester hat dort ein Herr Cyrus Bertie Gamble „vor einigen Tagen unter einem Stoß alter Manuskripte" die lange verlorene „Rule Britannia-Ouvertüre" von Richard Wagner gefunden, 1836 in Königsberg geschrieben, 1840 der Philharmonischen Gesellschaft in London zugesandt und dort nie aufgeführt; deutsche Blätter geben die Nachricht weiter, die „Kölnische Zeitung" erinnert am 20. Mai daran, dass man hierzulande das Stück aus Groves Musikalischem Wörterbuch kannte.
  • 24. Mai — Der des Raubmordes an einem Kutscher verdächtige Steinträger wird am Pfingstmontagmorgen gefesselt aus dem Spandauer Amtsgerichtsgefängnis nach Moabit gebracht; seit dem Selbstmord seines Komplizen steht vor seiner Zelle ein besonderer Wächter.
  • 24. Mai — Tarifkuriosum: Die Fahrkarte dritter Klasse für den Ferien-Sonderzug Berlin–Basel kostet 40,70 Mark, die Rückfahrkarte von Basel nach Berlin nur 33,40 Mark — 7,30 Mark weniger, was sich aus 15 Kilogramm Freigepäck nördlich von Heidelberg erklärt.
  • 5. Juni — Zwischen Wendeburg und Braunschweig nimmt ein Motoromnibus des Braunschweiger Fabrikanten Heinrich Büssing den regelmäßigen Linienverkehr auf; die Linie betreibt Büssings eigene Automobil-Omnibus-Betriebs-Gesellschaft.
  • 20. Juli — Die geplante Urnenhalle in Pankow scheitert am Widerspruch der Kirchenbehörden; vorher hatte der Berliner Magistrat dem Verein für Feuerbestattung ein Gelände verweigert.
  • 6. August — Im königlichen Forst von Tegel vernichtet ein Waldbrand eine zehnjährige Schonung, in Gransee versiegt ein Brunnen, und ein Viertelstunden-Gewitter um vier Uhr nachts kommt, wie das „Tageblatt" schreibt, „leider nur einer Minderheit — den Frühaufstehern und den Nachtschwärmern — zu gute".
  • 7./8. September — In Tempelhof bei Berlin brennt die Eisenbahn-Hauptwerkstätte großenteils nieder: Lackiererei, Feintischlerei, Sattlerei und Lehrlingswerkstatt sind zerstört, 27 Eisenbahnwagen verbrannt, rund 200 der 1000 Arbeiter betroffen; den Schaden schätzt das „Berliner Tageblatt" am 10. September auf nur etwa 600.000 Mark, weniger als zuerst angenommen. „Obgleich eine eigene Feuerwehr in den Werkstätten eingerichtet ist, fehlte es an genügender Wasserzufuhr, an Brandmauern u. s. w.", heißt es am 8. September.
  • 22. Oktober — Die „Berliner Zeitung" des Verlags Ullstein gibt zum ersten Male ein Mittagsblatt aus, die „B.Z. am Mittag" — „eine neue Erscheinung im Berliner Zeitungswesen", wie die „Berliner Morgenpost" schreibt; es soll um 1 Uhr auf den Straßen zum Verkauf kommen und die Neuigkeiten des Vormittags samt den Anfangsnotierungen der Börsen bringen.

WIRTSCHAFT · 1904

Das Reich zahlt im Herbst für das Geld mehr: Der Reichsbankdiskont, der das Jahr mit 4 Prozent begonnen hatte, steht seit dem 11. Oktober bei 5 Prozent, der Lombardzinsfuß bei 6 Prozent. Die „Deutsche Tageszeitung" vergleicht am 30. November die Sätze der Notenbanken: Reichsbank 5 Prozent, Bank von Frankreich, Bank von England, Belgische und Niederländische Nationalbank je 3 Prozent, Österreichisch-Ungarische Bank 3½, Russische Reichsbank 5½ Prozent; den deutschen Satz nennt sie „unverhältnismäßig hoch". Der Berliner Privatdiskont liegt Ende Dezember bei rund 2¾ Prozent. Am 28. Juli wird spät abends der deutsch-russische Handelsvertrag unterzeichnet, am selben Tag, an dem der russische Innenminister von Plehwe ermordet wird; für Graf Bülow ist er „ein großer persönlicher Erfolg", vorher waren Verträge mit Italien und Belgien zustande gekommen. Die Hibernia-Affäre, in der der Staat über die Dresdner Bank nach der Zeche greift, behandelt dieses Heft an anderer Stelle.

Im Dezember legt die Reichsregierung einen Etat mit einem Anleihebedarf von 293 Millionen Mark vor, dazu den zweiten Nachtragsetat für die afrikanischen Aufwendungen; der Zinsbetrag für die Reichsschulden ist auf fast 113 Millionen Mark angeschwollen. Ende Dezember plant ein Konsortium aus Mendelssohn u. Co., Robert Warschauer u. Co., S. Bleichröder, der Disconto-Gesellschaft und der Berliner Handels-Gesellschaft eine neue russische Anleihe; die beiden letzten übernehmen zugleich eine fünfprozentige Obligationenanleihe von 32,4 Millionen Mark der Gebr. Nobel in Petersburg. Aus dem Ruhrgebiet meldet der „Vorwärts" am 30. Dezember: „Im Ruhrrevier gärt es!" — die Zeche „Bruchstraße" hat den Anschlag zur Schichtverlängerung erneuert, der am 1. Februar 1905 in Kraft treten soll.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,24 Mark
  • Weizenbrot (Schrippen, 1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,42 Mark
  • Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,34 Mark
  • Rindfleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,38 Mark
  • Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,32 Mark
  • Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 6,44 Mark
  • Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
  • Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif) — 10 Pfennig

STIMMEN DER PRESSE · 1904

Der Sieg am Waterberg beschäftigt im August die Blätter aller Richtungen. Zuerst die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung":

„Generalleutnant v. Trotha hat am 11. d. M. den so umsichtig vorbereiteten Angriff auf die Stellung der Herero bei Waterberg und in dessen südlichem Vorland mit vollem Erfolge eingeleitet. Die Herero sind aus ihrer Stellung bei Omuweroumue, Hamakari und Waterberg verdrängt und versuchen nach Osten zu entkommen, was ihnen nach den getroffenen Maßnahmen nicht mehr möglich sein dürfte." — Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 17. August 1904

Dann die nationalliberale „National-Zeitung":

„In der ganzen Presse machte sich denn auch nach monatelangem Alpdrücken ein Gefühl der Befreiung Luft. Endlich ein Sieg!" — National-Zeitung, 18. August 1904

Zuletzt der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie:

„Während man jetzt in der bürgerlichen Presse in edler Bethätigung christlicher Nächstenliebe darüber streitet, ob man sämtliche männlichen Hereros über die Klinge springen lassen oder sie ‚nur' zu langjähriger Sklaverei ‚begnadigen' soll — beiläufig ein Streit, der sehr an die Geschichte vom Fell des Bären erinnert — wird jetzt von durchaus kolonialfreundlicher Seite eine südwestafrikanische Skandalaffaire bekannt gegeben, die wiederum einen trefflichen Beitrag zu der Frage nach der Ursache des Herero-Aufstandes liefert." — Vorwärts, 19. August 1904

SPORT · 1904

Das fünfte Gordon-Bennett-Rennen wird am Freitag, dem 17. Juni, auf einem Rundkurs im Taunus bei Homburg ausgetragen, vier Runden zu je 128 Kilometern, Start um 7 Uhr morgens an der Saalburg; 18 Fahrer aus acht Ländern gehen an den Start. Es gewinnt der Franzose Léon Théry auf Richard-Brasier in 5 Stunden 50 Minuten, vor dem Belgier Camille Jenatzy auf Mercedes, der für Deutschland fährt, und Henri Rougier auf Turcat-Méry. Veranstalter ist der Deutsche Automobil-Club. Kaiser Wilhelm II. verfolgt das Rennen von der Saalburg und erklärt danach in einem Telegramm: „Ich habe bei dem Automobilrennen um den Gordon-Bennett-Preis, dessen Verlauf ich von historischer Stätte, der Saalburg aus verfolgen konnte, mit Befriedigung das lebhafte Interesse des Publikums an dieser für eine aufstrebende Industrie so wichtigen Veranstaltung wahrgenommen und mich besonders über die mustergültige Haltung der zusammengeströmten Menschenmenge gefreut." Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 18. Juni: „Mit der Eroberung der Gordon-Bennett-Trophäe ist der Franzose Théry mit einem ungeheueren Sprunge aus seiner bisher ziemlich bescheidenen Position als Rennfahrer an die Spitze aller Autokämpfer getreten."

Am 12. Juni besuchen Kaiser und Kaiserin auf der Yacht „Alexandria" die Ruderregatta in Grünau. Bei den Olympischen Spielen, die im Rahmen der Weltausstellung in St. Louis stattfinden, werden als deutsche Sieger vor allem die Schwimmer Emil Rausch und Walter Brack genannt. Die Fußballmeisterschaft, deren Endspiel zu Pfingsten ausfiel, hat in diesem Heft ihren eigenen Bericht.

MODE · 1904

Die Winter-Moden stoßen in Berlin nicht nur auf Beifall. Ein Berlin-Brief vom 1. November, den die „Aachener allgemeine Zeitung" am 6. November abdruckt, beginnt: „Von Modethorheiten muß man wirklich einmal reden!" und fährt fort: „Ueber den unzähligen braunen und blauen Tuchkleidern, die alle Ehren der neuesten Mode einheimsen, sieht man viel die einfachen Pelerinen, die man vor 30 Jahren einmal ‚Talma' nannte, und die wirklich nicht sehr kleidsam, aber dafür um so funkelnagelneuer sind". Dazu kämen die ebenso funkelneuen Boleros, die sich nur dadurch auszeichnen, dass sie an den Vorderteilen unten abgerundet sind, „und als nagelneuestes die noch viel abscheulicheren Fracktaillen, die hoffentlich nicht zu allgemeiner Beliebtheit gelangen". Am 17. September meldet der Drogist Max Riese beim Patentamt in Berlin die Penaten-Creme an.

KULTUR · 1904

In Berlin werden am 13. Februar Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg", am 24. September Arno Holz' und Oskar Jerschkes „Traumulus" und am 13. Dezember an der Hofoper Ruggero Leoncavallos „Der Roland von Berlin" uraufgeführt, ein Auftragswerk Kaiser Wilhelms II. Am 18. Oktober erklingt in Köln im Gürzenich unter Gustav Mahler seine Fünfte Sinfonie zum ersten Mal; am 21. März bringt Richard Strauss in New York seine „Sinfonia domestica" zur Uraufführung, und am 1. Februar spielt das Intime Theater in Nürnberg vor geladenem Publikum Frank Wedekinds „Die Büchse der Pandora". Hermann Hesses erster Roman „Peter Camenzind" erscheint in Berlin.

Das Kaiser-Friedrich-Museum und der Streit um die deutsche Kunst in St. Louis haben ihren eigenen Platz in diesem Heft. In Charlottenburg wird im Februar für ein Schiller-Theater ein Grundstück von 8157 Quadratmetern zwischen Mommsen-, Niebuhr- und Schlüterstraße für 1.030.000 Mark zum Verkauf gestellt, und das Lustspielhaus gibt am 29. Oktober eine Matinee „Marinemutter" von Margarete Bochhammer zugunsten der Ansiedler von Südwestafrika.

KINO & FUNK · 1904

Ein Varieté-Programm wirbt in den Anzeigen des „Berliner Tageblatts" am 18. Juni, 30. Juni und 15. Juli mit „Lebende Photographien vom Kriegsschauplatz", gemeint sind Filmaufnahmen vom Krieg in Ostasien. Daneben zeigen die Anzeigen vom 17. Januar das „Kaiserpanorama" und „Castans Panopticum" in der Friedrichstraße 165.

Die Funkentelegraphie rückt voran. Die „Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H., System Telefunken" ist von Siemens & Halske und der AEG am 27. Mai 1903 auf Drängen des Kaisers gegründet worden. Auf den Höhen von Westend nimmt am 28. März die erste Kompagnie des Luftschifferbataillons mit der zweiten Station der Versuchsabteilung für Funkentelegraphie Übungen mit Funkentelegraphie im Fesselballon und mit Drachen vor, die „eine große Anzahl Zuschauer" anlocken. In den Grenzprovinzen sollen „demnächst" Netze von Stationen entstehen, damit die Behörden „von der Drahttelegraphie unabhängig" sind. Im Krieg in Ostasien streiten die Mächte, ob für das „Funkensprechen" die für unterseeische Kabel geltenden Grundsätze gelten; Rußland meint, Japan könne den Verkehr nur unterbrechen, „wenn es die Station in Tschifu zerstörte". In der Urania spricht Dr. Donath am 7. Dezember über „Praktische Durchführung der Funkentelegraphie".

GESTORBEN · 1904

  • Antonín Dvořák (62), Komponist — 1. Mai, Prag.
  • Franz von Lenbach (67), Maler — 6. Mai, München.
  • Theodor Herzl (44), Schriftsteller und Journalist — 3. Juli, Edlach an der Rax.
  • Anton Tschechow (44), russischer Dramatiker — 15. Juli, Badenweiler.
  • Herbert Fürst von Bismarck (54), ältester Sohn des ersten Reichskanzlers Otto von Bismarck — 18. September, Friedrichsruh.
  • Georg (72), König von Sachsen — 15. Oktober, Schloss Pillnitz.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1904

  • Kinderschutzgesetz in Kraft (1. Januar, Deutsches Reich). Das Gesetz über die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben vom 30. März 1903 dehnt den Schutz über die Fabriken hinaus aus: In Werkstätten, im Handel und im Verkehrsgewerbe dürfen fremde Kinder unter zwölf, eigene Kinder unter zehn Jahren nicht mehr beschäftigt werden; in Gast- und Schankwirtschaften ist die Arbeit von Kindern unter zwölf Jahren untersagt.
  • Turnhalle für das Waisenhaus (23. Februar, Pankow). Ein Herr stiftet 15.000 Mark für eine Turnhalle des zweiten Waisenhauses in Pankow.
  • Zucker-Museum (8. Mai, Berlin). In der Amrumer Straße im Norden Berlins wird am Sonntagmittag das neue Institut für Zuckerindustrie eingeweiht; mit ihm öffnet ein Zucker-Museum.
  • Rettung aus dem Landwehrkanal (5. August, Berlin). Beim Großfeuer auf einem Zimmerplatz am Landwehrkanal an der Grenze zu Rixdorf stürzt im Gedränge der Schaulustigen ein kleines Mädchen in den Kanal und wird von einem nachspringenden Herrn gerettet.

DAS WETTER · 1904 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 27,9 °C, das Minimum lag bei 12,7 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 20,3 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fiel kein Niederschlag (0,0 mm) — ein warmer, trockener Hochsommertag.

Das Jahr über: Der heißeste Tag war nach der Berliner Messreihe der 16. Juli mit 36,4 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 28. Dezember mit −7,6 °C. Berlin zählte 55 Frosttage und 20 Eistage, dazu 37 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 8 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 488 mm; der nasseste Tag war der 2. Mai mit 41,4 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,3 °C, das Tagesminimum 6,3 °C.

(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1904

Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Revuen, die 1904 aufgeführt wurden. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich sechs Titel belegen, die bis einschließlich 1904 entstanden und für die auch eine Aufführung im Jahr 1904 nachweisbar ist; „Erfolg" heißt hier Bühnenerfolg in Berlin und Wien, nicht Plattenverkauf. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.

  1. Die Herren von Maxim (Ausstattungsposse mit Gesang und Tanz, „frei nach Flers' Messalinette") — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Uraufführung 29. Oktober 1904, Metropol-Theater Berlin; „zum 9. Male" am 6. November, „zum 12. Male" am 9. November und weiter zu Weihnachten; Besetzung u. a. Henry Bender, Josef Giampietro, Josef Josephi, Fritzi Massary
  2. Berliner Luft (Marschlied, Einakter-Einlage) — Musik: Paul Lincke, Text: Heinrich Bolten-Baeckers; 1904; im Apollo-Theater Berlin „unter persönlicher Leitung des Komponisten Paul Lincke" (9. November), Extra-Vorstellungen am 25. und 26. Dezember
  3. Der Göttergatte (Operette) — Musik: Franz Lehár, Libretto: Victor Léon und Leo Stein; Uraufführung 20. Januar 1904, Carltheater Wien
  4. Die Juxheirat (Operette) — Musik: Franz Lehár, Libretto: Julius Bauer; Uraufführung 22. Dezember 1904, Theater an der Wien
  5. Die lustigen Nibelungen (burleske Operette) — Musik: Oscar Straus, Text: Rideamus (Fritz Oliven); Uraufführung 12. November 1904, Carltheater Wien
  6. Die Geisha (Operette, Repertoire) — im Berliner Spielplan für Montag, den 26. Dezember 1904, angezeigt