DER CHRONIST
Im Januar fuhr im Ruhrrevier kaum noch ein Bergmann ein, im Februar weihte der Kaiser den neuen Dom, und Ende März betrat er in Tanger marokkanischen Boden. Im Juni heiratete der Kronprinz, im Juli wählte Bayern das Zentrum zur Mehrheit, im September schloss man in Portsmouth den Frieden zwischen Russland und Japan, und im Oktober eröffnete Max Reinhardt das Deutsche Theater. Im Dezember zählte Berlin mehr als zwei Millionen Einwohner. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Feste, Streiks und Kaiserreisen dicht beieinander.
Der Kronprinz heiratet Herzogin Cecilie, und der Kanzler wird Fürst

Am Dienstag, dem 6. Juni, vermählt sich im Berliner Schloss Kronprinz Wilhelm von Preußen mit Herzogin Cecilie zu Mecklenburg, die am 20. September 1886 in Schwerin geboren wurde, eine Tochter des 1897 verstorbenen Großherzogs Friedrich Franz III. und der Großfürstin Anastasia Michailowna; die Verlobung war am 4. September 1904 im Jagdschloss Gelbensande gefeiert worden. Nach dem Programm, das das „Berliner Tageblatt" am 6. Juni abdruckt, folgen aufeinander: „Um 4½ Uhr Nachmittags: Standesakt, vollzogen vom Minister des königlichen Hauses im Kurfürstenzimmer des Schlosses. Um 5 Uhr: Kirchliche Trauung des Brautpaares in der Schloßkapelle." Es folgen um 6 Uhr die Defiliercour im Weißen Saal, das Galadiner und um 8 Uhr der Fackeltanz im Weißen Saal, der gegen 9 Uhr endet. Oberhofmeisterin der jungen Kronprinzessin wird Freifrau von Tiele-Winckler.
Am Hochzeitstag wird der Reichskanzler Bernhard von Bülow, bis dahin Graf, in den erblichen Fürstenstand erhoben; die Presse meldet es am 7. und 8. Juni unter den zahlreichen Ordensverleihungen zur Vermählungsfeier, die „Annener Zeitung" am 8. Juni mit den Worten, zu ihnen „gesellt sich auch die Erhebung des Reichskanzlers in den Fürstenstand". Schon am 22. Februar hatte das „Berliner Tageblatt" von Gerüchten berichtet, der Kaiser wolle Bülow in den Fürstenstand erheben, sobald die Handelsverträge unter Dach und Fach seien.
Der Kaiser in Tanger — Deutschland nimmt sich Marokkos an

Auf seiner Mittelmeerfahrt, die ihn auch nach Lissabon führt, geht Kaiser Wilhelm II. am 31. März vor Tanger vor Anker. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 1. April: „Die ‚Hamburg' und der Kreuzer ‚Friedrich Karl' trafen heute Vormittags um 8 Uhr auf der Rhede von Tanger ein …". Der deutsche Geschäftsträger Richard von Kühlmann kommt zur Begrüßung an Bord. Der Kaiser bleibt nur rund zwei Stunden an Land; die Begrüßung durch den Großoheim des Sultans, den Scheich Abd el Malek, findet an der Landungsbrücke statt. In der deutschen Gesandtschaft erklärt er, sein Besuch solle der Gleichberechtigung aller Nationen dienen, und er betrachte den Sultan als „absolut freien Souverän". Frankreich hatte sich zuvor in Marokko als „Mandatar Europas" für Reformen aufgestellt.
Reichskanzler Graf von Bülow steht hinter dem Auftritt; am 6. Juni, am Tag, an dem er zum Fürsten erhoben wird, meldet das „Berliner Tageblatt" aus Paris den Rücktritt des französischen Außenministers Delcassé, und die Pariser Börse eröffnet danach „in fester Haltung". Im Sommer haben sich Berlin und Paris verständigt; eine Konferenz der Mächte über Marokko, auf die man sich im Laufe des Jahres geeinigt hat, steht zu Silvester bevor.
Aus heutiger Sicht
Die Konferenz tagte vom 16. Januar bis zum 7. April 1906 in Algeciras; die Algeciras-Akte fiel diplomatisch für Deutschland ungünstig aus, und die Geschichtsschreibung fasst den Vorgang als Erste Marokkokrise zusammen. Der Kaiser war nach der Überlieferung nur auf wiederholtes Drängen Bülows und Kühlmanns an Land gegangen, wovon die Tagespresse 1905 nichts berichtete. Der Vertrag, den er am 24. Juli vor Björkö mit dem Zaren schloss, blieb damals geheim.
Der große Streik im Ruhrrevier endet nach vier Wochen

Den Anlass gibt Anfang Januar die Zeche Bruchstraße bei Bochum, die Hugo Stinnes gehört: Die Einfahrt wird vorgezogen und die Schicht damit um eine halbe Stunde verlängert, dazu kommt der Vorwurf des „Wagennullens", also nicht angerechneter, angeblich unzureichend gefüllter Hunte, und die Löhne liegen unter dem Stand von 1899. Von etwa dem 10. Januar an breitet sich der Ausstand aus; am 11. Januar stehen rund 50.000 Mann draußen. Am 12. Januar beraten die vier Bergarbeiterverbände, der Alte Verband, die Christlichen Gewerkvereine, die Polnische Berufsvereinigung und die Hirsch-Dunckerschen, und bilden unter Johann Effert einen Streikausschuss, der 14 Beschwerdepunkte dem Bergbaulichen Verein vorlegt; am 16. Januar beschließen sie den allgemeinen Ausstand, und am 19. Januar streiken nach den Angaben der Zeit rund 200.000 von 268.000 Bergleuten.
Die Zechenbesitzer lehnen jede Verhandlung ab, jedes Zugeständnis führe nur zu weiteren Forderungen; der preußische Minister des Innern von Hammerstein reist nach Essen und berät am 4. Februar mit dem Oberpräsidenten und dem Regierungspräsidenten, aber ohne Vertreter des Bergbauvereins. Am 8. Februar fahren wieder 66.585 von 261.502 Mann an. Am 9. Februar beschließt eine Delegiertenversammlung in Essen auf Grund eines Telegramms des Reichskanzlers Graf Bülow, den Streik zu beenden; der „Honnefer Volkszeitung" zufolge ist die Stimmung unter den Streikenden am Vortag „resigniert". Der Ausfall habe „ungefähr 15 000 Wagen täglich" betragen, schreibt der „Vorwärts" am 11. Februar, und das Kohlensyndikat wolle nach dem Streik die bisherige Fördereinschränkung auf ein Vierteljahr aufheben.
Die Folge ist die Berggesetznovelle, die am 28. Juni das Herrenhaus „in der Fassung des Abgeordnetenhauses" annimmt, mit außerordentlicher Mehrheit, nur etwa 20 Mitglieder stimmen dagegen. Sie verbietet das Wagennullen und schreibt Arbeiterausschüsse mit geheimer Wahl vor; ein Antrag des Grafen Roon, die geheime Wahl durch eine öffentliche zu ersetzen, wird abgelehnt. Den zweiten Entwurf, der sich gegen die Stilllegung von Zechen richtet, zieht Handelsminister Möller am selben Tag zurück, nachdem die Kommission des Herrenhauses den Betriebszwang gestrichen hat. Die „Staatsbürger-Zeitung" schreibt am 29. Juni: „Fürst Bülow trat selbst energisch für die Vorlage ein …"
Russland in Aufruhr: die Petersburger Ereignisse vom 22. Januar und das Manifest vom 30. Oktober

Am Sonntag, dem 22. Januar (9. Januar nach russischem Stil), zieht der Priester Georgi Gapon mit einer singenden Menschenmenge zum Winterpalais, um dem Zaren eine Bittschrift zu überreichen. Ein Augenzeuge des „Berliner Tageblatts" zählt „15 bis 18 000 Mann", Gapon trägt in der einen Hand das Kreuz, in der anderen die Bittschrift; Truppen schießen, die erste Salve fällt nach diesem Bericht um 11 Uhr 40 Minuten. Die Berliner Zeitungen bringen die Nachrichten auf den Titelseiten, und der „Vorwärts" schreibt am 24. Januar: „Die Zahlen schwanken: 2000, 3000, 10 000 — ein Meer von Blut von wehrlosen Männern, Frauen und Kindern."
Das Jahr bleibt unruhig. Am 17. Februar tötet der Sozialrevolutionär Iwan Kaljajew in Moskau mit einer Bombe den Großfürsten Sergei Alexandrowitsch, bis Januar Generalgouverneur von Moskau; vom 7. bis 10. Mai wütet in Schitomir ein Pogrom, am 27. Juni meutern Matrosen auf dem Panzerschiff „Potemkin". Am 30. Oktober (17. Oktober nach russischem Stil) erlässt Zar Nikolaus II. in Peterhof ein Manifest, das eine Verfassung mit gesetzgebender Duma, Wahlrecht für bisher Rechtlose sowie Gewissens-, Rede-, Vereins- und Versammlungsfreiheit verspricht; Sergei Witte wird erster Ministerpräsident. Der „Vorwärts" meldet es am 1. November und schreibt, noch in keinem Zarenmanifest sei die Rolle der „gefährlichen Wirren", das heißt der Volkserhebung, „so unumwunden eingestanden" worden. Doch am 8. November erhebt sich die Marine in Kronstadt, am 16. Dezember wird der Petersburger Arbeiterdeputiertenrat aufgelöst und seine Führung verhaftet, und vom 20. Dezember an stehen in Moskau Generalstreik und bewaffneter Aufstand, die Ende Dezember niedergeschlagen werden.
Aus heutiger Sicht
Die amtliche Opferzahl des 22. Januar lag bei rund 130 Toten, die Blätter hatten von 2000 bis 10 000 gesprochen. Das Manifest vom 30. Oktober heißt in der Rückschau „Oktobermanifest", und die Unruhen des Jahres werden als Russische Revolution von 1905 zusammengefasst.
Port Arthur fällt, Tsushima vernichtet die russische Flotte, in Portsmouth wird Frieden geschlossen

Am 2. Januar kapituliert die belagerte Festung Port Arthur nach 157 Tagen vor den japanischen Truppen; zu Silvester des Vorjahres hatte es noch geheißen, Port Arthur halte sich. Die Schlacht bei Mukden, vom 20. Februar bis zum 10. März geschlagen, endet mit einer russischen Niederlage. Am 27. und 28. Mai wird das russische Geschwader unter Admiral Roschestwenski in der Seeschlacht bei Tsushima von Admiral Togo vernichtet. Die „Allgemeine Zeitung" in München schreibt am 30. Mai, obwohl amtliche Meldungen noch fehlten, dürfe es als zweifellos gelten, dass es am Samstagnachmittag in der Straße von Korea zum Kampf gekommen sei, und am 31. Mai: „Roshestwensky hat eine entscheidende Niederlage erlitten und der Kern seiner Schlachtflotte ist vernichtet." Die „Saale-Zeitung" nennt nach einem Reuter-Telegramm aus Tokio die gesunkenen Panzerschiffe „Borodino" und „Imperator Alexander III.".
Am 5. September, um 3 Uhr 52 Minuten nachmittags, unterzeichnen in Portsmouth im Staat New Hampshire Sergei Witte und Baron Komura den Friedensvertrag, vermittelt von Präsident Theodore Roosevelt; der „Vorwärts" meldet am 6. September: „Der Friedensvertrag ist heute nachmittag 3 Uhr 52 Minuten unterzeichnet worden", und Witte habe zuerst unterschrieben, dann Komura. Schon am 1. April hatte das Blatt das Gerücht verzeichnet, Roosevelt sei zum Vermittler gewählt worden, und angemerkt, eine deutsche Regierung, die „durch das famose Marokko-Abenteuer derartig engagiert" sei, könne „schwerlich" etwas zugunsten Russlands tun. Schon im Juli hatte Japan die Insel Sachalin besetzt.
Der neue Dom wird eingeweiht

Am Montag, dem 27. Februar, wird der Berliner Dom am Lustgarten eingeweiht, der Neubau, der den alten, von Schinkel 1820/21 umgestalteten Dom ersetzt; die Grundsteinlegung war am 17. Juni 1894, geplant war die Vollendung ursprünglich für 1900. Der Dombaumeister Julius Raschdorff hat ihn gemeinsam mit seinem Sohn Otto gebaut, die Kuppelstatik berechnete Heinrich Müller-Breslau. Die Weiherede hält Oberhofprediger D. Ernst Dryander über das Bibelwort Haggai 2,5; anwesend sind das Kaiserpaar, die Großherzöge von Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, die Herzöge von Coburg und Anhalt und weitere deutsche Fürsten, dazu Gesandte und Geistliche aus aller Welt. Abends gibt das Kaiserpaar im Weißen Saal des Schlosses eine Galatafel für alle Festteilnehmer.
Das Haus hat elektrische Beleuchtung mit Bogen- und Nernstlampen, ein motorbetriebenes Orgelgebläse und Läutewerk, einen elektrischen Personenaufzug und eine Sauer-Orgel. Paul Lindenberg schreibt für das „Solinger Kreis-Intelligenzblatt" am 28. Februar: „Das wundervollste Frühlingswetter begünstigte heute die feierliche Einweihung des Doms, der sich machtvoll nahe dem Königsschlosse am erinnerungsreichen Lustgarten erhebt." Die Menschenmassen, die sich am Schloss und am Dom drängen, bekommen vom Prunk nur wenig zu sehen, denn ihnen bleibt der Eintritt versagt. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" sprechen von einem „Festtag der evangelischen Kirche".
Drei Nobelpreise gehen nach Deutschland

Am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, werden die Nobelpreise verteilt, und drei der fünf gehen an Deutsche: Den Preis für Physik erhält Professor Philipp Lenard in Kiel für seine Arbeiten über Kathodenstrahlen, den für Chemie Professor Adolf von Baeyer in München, ein gebürtiger Berliner, den für Medizin der Geheime Medizinalrat Robert Koch in Berlin, der am 11. Dezember seinen 62. Geburtstag feiert. Der Literaturpreis fällt an den polnischen Romancier Henryk Sienkiewicz; den Friedenspreis hat das norwegische Storting Bertha von Suttner zuerkannt. Jeder Preis beträgt an die 150.000 Mark; die Schwedische Akademie der Wissenschaften urteilt über Physik und Chemie, das Karolinska-Institut über Medizin, die Schwedische Akademie über Literatur.
Lenard, so meldet das „Berliner Tageblatt" am 9. Dezember, ist krankheitshalber verhindert, den Preis in Stockholm selbst entgegenzunehmen; es hatte als ersten bekannt gewordenen Preisträger dieses Jahres einen Deutschen gemeldet. Für den Chemiepreis war am 9. November aus Stockholm ein Professor Bamberger aus Zürich „genannt" worden. Die „Berliner Morgenpost" schreibt am 12. Dezember: „Die in diesem Jahre verteilten Preise fallen zum größten Teil auf Deutschland und die deutsche Wissenschaft kann diesen Stockholmer Schiedsspruch als großes Kompliment hinnehmen, das ihr vor ganz Europa zuteil wird."
Adolph von Menzel gestorben — der Kaiser folgt dem Sarg

Am 9. Februar stirbt in Berlin der Maler Adolph von Menzel, geboren am 8. Dezember 1815 in Breslau, 89 Jahre alt, seit 1898 geadelt, Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz und Inhaber des Schwarzen Adlerordens. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 10. Februar: „Mit Adolf Menzel ist eine der markantesten Figuren der gegenwärtigen Berliner Bevölkerung geschwunden. Jedermann kannte seine Gnomengestalt mit dem unerschütterlichen Ernst in den Zügen …"
Kaiser Wilhelm II. ordnet ein Staatsbegräbnis an. Die Trauerfeier findet am Montag, dem 13. Februar, mittags in der Rotunde des Alten Museums statt, das Hofmarschallamt richtet sie ein, der Verein Berliner Künstler schmückt sie. Der Sarg steht auf einem Katafalk, „bedeckt mit einer ungeheuren Blumenmenge"; Kultusminister, Akademie der Künste, Hochschulen, Kommunalbehörden, Abordnungen ausländischer Künstlervereine und Studenten in Wichs mit umflorten Fahnen erweisen die Ehre. Der Kaiser erscheint kurz vor ein Uhr und folgt dem Sarg mit seiner Familie; beigesetzt wird Menzel auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitskirche in der Bergmannstraße, nahe bei Eltern und Bruder. Die „Badische Presse" meldet am 14. Februar aus Berlin: „Heute nachmittag fand unter großen Ehren die Beisetzung Menzels statt." Eine Anekdote macht die Runde: Die Pariser Académie des Beaux-Arts, deren auswärtiges Mitglied Menzel seit 1895 war, lehnte die telegraphische Einladung der Berliner Akademie ab, eine Abordnung zu entsenden; ein Mitglied sagte dem „Echo de Paris", man dürfe keinen Präzedenzfall schaffen.
Die Wahlen des Jahres: Bayern gibt dem Zentrum die Mehrheit, Berlin den Sozialdemokraten die Stimmen

Ein Reichstag und ein preußischer Landtag werden in diesem Jahr nicht gewählt, doch die Landtagswahlen in Bayern am 17. Juli und die Stadtverordnetenwahl in Berlin am 8. November haben das Land beschäftigt. In Bayern wird indirekt gewählt: Am 10. Juli bestimmen die Urwähler ihre Wahlmänner, am 17. Juli wählen diese die Abgeordneten der Kammer, die 159 Mitglieder zählt. Das Zentrum und die Sozialdemokratie hatten gegen die Liberalen ein Wahlbündnis geschlossen, um ein neues Wahlgesetz durchzusetzen. Am Abend des 17. Juli sind 154 von 159 Ergebnissen bekannt, und der „Vorwärts" meldet am 18. Juli: „Danach stellen sich die Parteien im Landtage folgendermaßen: Zentrum 102 (+18), Sozialdemokraten 12 (+1), Demokraten 2 (+1), Niederbayerischer Bauernbund 3, Bund der Landwirte in der Pfalz und Oberfranken 4, konservative Bündler 10, Liberale 21." Die fünf fehlenden Mandate liegen in Neustadt an der Haardt und Landstuhl, wo Mehrfach-Wahlgänge nötig sind. Das Zentrum hat damit mit 102 von 159 Sitzen die absolute Mehrheit. In Kempten, Augsburg und Immenstadt verlieren liberale Abgeordnete ihre Sitze an ein Paar aus Zentrum und Sozialdemokratie, in Nürnberg dagegen gewinnen drei Liberale und ein Demokrat die bisher sozialdemokratischen vier Sitze zurück; Georg von Vollmar wird in München 2 wiedergewählt. Nach der Stimmenzahl der Urwähler liegt das Zentrum bei rund 44 Prozent, die Liberalen bei rund 26, die Sozialdemokraten bei rund 18 Prozent.
Das Wahlbündnis findet harte Worte. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt am 19. Juli: „Man vergegenwärtige sich: eine christlich-konservative Partei verbündet sich mit einer religionslosen Umsturzpartei und zwar lediglich zu dem Zwecke, um ein Wahlgesetz durchzubringen, welches über kurz oder lang ohnehin gekommen wäre." Die liberale „Aachener allgemeine Zeitung" meint am 18. Juli: „So erfreulich vom nationalen Standpunkte aus das Marokko-Abkommen erscheint, so bedauerlich ist von demselben Standpunkte aus der Sieg des schwarz roten Kartells in Bayern." Die „Allgemeine Zeitung" in München rechnet am 20. Juli in einer Betrachtung über Vollmar vor, dass sich die 159 Mandate nach dem Verhältnis der Stimmen auf Zentrum 70, Sozialdemokratie 35 und Liberale 30 verteilen müssten. Das Zentrum fordert die Entlassung des Innenministers Graf von Feilitzsch und verlangt „fast unverblümt" ein parlamentarisches Regiment, wie die „Aachener allgemeine Zeitung" am 18. Juli meldet; Ministerpräsident ist Clemens Freiherr von Podewils, Regent Prinzregent Luitpold, und die Regierung lässt halbamtlich erklären, Bayern sei ein konstitutioneller Staat ohne parlamentarisches Regierungssystem. Vorsitzender der Zentrumsfraktion in der Kammer ist Balthasar Daller; zu ihren Wortführern zählen neben ihm Georg Orterer und der Bamberger Domkapitular Dr. Franz Xaver Schädler.
In Berlin wählt am 8. November die dritte Abteilung der Stadtverordneten, nach dem Dreiklassenwahlrecht. Von 110.567 eingeschriebenen Wählern beteiligen sich rund 37 Prozent, im Jahr 1899 waren es 33. Der „Vorwärts" zählt am 11. November in den sechzehn Wahlbezirken für die Sozialdemokratie 30.681 Stimmen (1899: 18.599), für die Liberalen 8.859 (12.089) und für die Bürgerpartei der Antisemiten 1.343 (2.906), bei insgesamt 41.254 abgegebenen Stimmen, und hatte schon am 10. November geschrieben, die Wahlen bedeuteten „einen glänzenden Sieg der Sozialdemokratie": Die älteren acht Sitze sind behauptet, drei neue erobert, und in vier Bezirken kommt es zur Stichwahl. Das „Berliner Tageblatt" stellt am 9. November fest, dass nur die Sozialdemokratie an Stimmen gewonnen habe, meint aber auch, die Wahlen hätten ihr „nicht den erhofften großen Gewinn" gebracht.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden, 19. Oktober (Stichwahlen 28. Oktober) — Zweite Kammer mit 73 Sitzen (zuvor 63) nach neuem Wahlrecht: Zentrum 42 Prozent der Stimmen und 28 Sitze, Nationalliberale 31 Prozent und 23 Sitze, Sozialdemokraten 17 Prozent und 12 Sitze, Demokraten 5 Sitze. Im ersten Wahlgang fallen dem Zentrum 28 Mandate zu, dem liberalen Block nur 16; für die Stichwahlen haben Blockparteien und Sozialdemokratie ein förmliches Abkommen getroffen.
- Sachsen, 2. Oktober — Ergänzungswahl für ein Drittel der Zweiten Kammer (82 Sitze), nachdem um den 20. September die Wahlmänner gewählt wurden: Die Konservativen verlieren drei Sitze, die Nationalliberalen gewinnen netto einen, Freisinn und Sozialdemokratie je einen. Die Konservativen bleiben mit 54 Sitzen vor den Nationalliberalen mit 23.
- Schwarzburg-Rudolstadt, 7. September — Landtag mit 16 Sitzen: Die Sozialdemokraten gewinnen acht Mandate (vorher sieben), vier gehen an den Bund der Landwirte, je zwei an Nationalliberale und Freisinnige; Stichwahlen in Blankenburg und Stadtilm. Die sozialdemokratischen Stimmen steigen im Bereich der allgemeinen Wahlen von 4.048 (1902) auf 5.726, die der Gegner von 3.980 auf 5.264.
- Oldenburg, 17. Oktober — Landtag mit 40 Sitzen: Freisinnige Volkspartei 11, eine nationalliberal-agrarische Gruppe 9, Zentrum 8, Nationalliberale 7, Sozialdemokraten 4, dazu ein Liberaler zwischen Freisinn und Nationalliberalen.
- Hessen, 15. November — Zweite Kammer, die Hälfte der 50 Sitze: Der Bauernbund besetzt alle acht frei gewordenen Sitze wieder, die Nationalliberalen erhalten sechs Sitze statt acht, der Freisinn zwei statt einem, die Sozialdemokraten drei statt zwei. Stärkste Partei bleiben die Nationalliberalen mit 18 Sitzen vor dem Bauernbund mit 13.
- Lübeck, 17. November — Bürgerschaft mit 120 Sitzen, erste Wahl nach dem Wahlgesetz vom 9. August mit zwei Klassen, in der ersten die Höchstbesteuerten, in der zweiten alle übrigen: bürgerliche Parteien 116 Sitze, Sozialdemokraten 4.
- Bremen, 23. bis 29. November — Halbschichtige Erneuerung der Bürgerschaft mit 150 Mitgliedern, nach Wählerklassen; der Wahlakt dauert eine ganze Woche, die Beteiligung liegt bei rund 40 Prozent.
- Reuß älterer Linie, im Laufe des Jahres — Teilerneuerung des Landtags, der 12 Mitglieder zählt, drei davon vom Fürsten ernannt; danach sitzen dort fünf Bürgerliche ohne Parteibindung, drei Nationalliberale, zwei Konservative, ein Sozialdemokrat und ein Freisinniger.
- Reichstags-Ersatzwahlen — Mindestens elf im Lauf des Jahres, Berlin und Potsdam sind nicht betroffen: Das Zentrum gewinnt vier Mandate, die Nationalliberalen zwei, je eines die Sozialdemokratie, die Reichspartei, die Konservativen, die Freisinnige Volkspartei und die Deutschsoziale Partei.
Norwegen löst die Union mit Schweden und wählt einen König

Die seit 1814 bestehende Union von Schweden und Norwegen endet friedlich. Ausgangspunkt ist der Streit um ein eigenes norwegisches Konsulatswesen: König Oskar II. legt sein Veto ein, die Regierung unter Ministerpräsident Christian Michelsen tritt zurück, der König nimmt das Gesuch nicht an, und am 7. Juni beschließt das Storting in Kristiania einstimmig, die Union sei aufgelöst und Oskar nicht mehr König von Norwegen. „Die seit 1814 bestehende Union von Schweden und Norwegen ist jetzt tatsächlich von dem Storthing in Christiania durch einstimmigen Beschluß einseitig gekündigt …", schreibt der „Reichsbote" am 9. Juni. Am 13. August stimmt das Volk über die Auflösung ab: 368.208 Ja gegen 184 Nein bei einer Beteiligung von 85 Prozent. Am 23. September folgt der Vertrag von Karlstad, am 26. Oktober verzichtet Oskar II. auf den norwegischen Thron.
Am 18. November wählt das Storting den dänischen Prinzen Carl einstimmig durch Namensaufruf zum König; von den 117 Mitgliedern fehlt nur eines, von der Festung Akershus fällt der Königssalut, und Storting-Präsident Berner nennt die Wahl „den Schlußstein auf das Selbständigkeitswerk". Der Gewählte nimmt den Namen Haakon VII. an und zieht am 25. November in Kristiania ein. Ein Nebenfall wird gemeldet: König Christian von Dänemark begnadigt aus Anlass der Wahl 36 Sträflinge.
Schaudinn und Hoffmann finden den Erreger der Syphilis

Der Zoologe Fritz Schaudinn, Leiter der Protozoen-Abteilung im Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin, findet gemeinsam mit dem Dermatologen Dr. Erich Hoffmann von der Charité im Frühjahr die Spirochaeta pallida als Erreger der Syphilis. Eigentlich sollte Schaudinn die Befunde des Zoologen John Siegel überprüfen, der einen Erreger „Cytorhyctes luis" beschrieben hatte; er fand stattdessen spiralförmige Keime in syphilitischen Krankheitsprodukten. Die erste Mitteilung, ein „Vorläufiger Bericht über das Vorkommen von Spirochaeten in syphilitischen Krankheitsprodukten und bei Papillomen", erscheint 1905 bei Springer in Berlin. Schaudinn erhält in diesem Jahr das Offizierskreuz des Franz-Joseph-Ordens.
Die Entdeckung bleibt zunächst umstritten. Die „Tägliche Rundschau" meldet am 19. Mai: „Gegen die Entdeckung des Syphiliserregers durch Dr. Schaudinn und Dr. Hoffmann macht Dr. Thesing einen bemerkenswerten Widerspruch geltend. Er behauptet, daß die aufgefundenen Spirochaeten nicht aus syphilitischen Geweben, sondern aus der verwandten Färbeflüssigkeit stammen." Am 22. Juni schreibt dasselbe Blatt: „Immer neue Bestätigungen der Schaudinn-Hoffmann'schen Entdeckung sind in letzter Zeit nach der Berl. Klin. Wchschr. von verschiedenen Seiten erfolgt." Professor Karl Fränkel in Halle sei „der sichern Überzeugung", die Spirillen seien „in der Tat als die Ursache der Syphilis anzusehen"; Bestätigungen kommen auch aus Wiener Kliniken und aus Hamburg.
Aus heutiger Sicht
Der Erreger heißt heute Treponema pallidum; 1906 folgte der Wassermann-Test, 1909/10 das Salvarsan. Schaudinn wechselte im April 1906 nach Hamburg und starb am 22. Juni 1906.
Südwestafrika: Hendrik Witbooi ist gestorben, die Gefangenen kommen in Lager

Der Krieg in Deutsch-Südwestafrika dauert das ganze Jahr fort. Der Oberbefehlshaber, Generalleutnant von Trotha, meldet im Herbst Gefechte gegen die Nama unter Hendrik Witbooi und gegen Banden unter Morenga, so bei Hartebeestmund am Oranje, wo Oberstleutnant von Semmern „mindestens 400 Mann" gegen sich hat. Witbooi, der alte Kapitän des Großnamalandes, hatte 1894 einen Schutzvertrag mit dem Reich geschlossen; im Sommer zieht er mit Teilen seiner Leute im Gebiet Keetmanshoop umher, im Oktober wird er an Wasserstellen im Auob-Gebiet gesucht. Am 20. und 21. November kommt die Nachricht, nach einer Meldung des Kapitäns Goliath in Berseba sei Witbooi beim Überfall auf einen Verpflegungswagen bei Vaalgras am 29. Oktober schwer verwundet worden, habe am 2. November die Wahl seines Sohnes Samuel Isaak zum Kapitän veranlasst und sei am 3. November gestorben. „Seit langem bringt der Telegraph wieder einmal eine erfreuliche Kunde vom südwestafrikanischen Kriegsschauplatz", schreibt der „Hannoversche Kurier" am 21. November, „unser alter Gegner, der ‚König des Großnamalandes' Hendrik Witbooi ist gefallen. Das bedeutet mehr als zehn gewonnene Gefechte …"
Die Thronrede vom 28. November sagt, dem Vaterlande seien „harte Opfer an Blut und Geld" auferlegt worden, und fährt fort: „Die letzten Meldungen über die Unterwerfung der Witboi berechtigen uns zu der Hoffnung auf die baldige Wiederherstellung von Friede und Ordnung in dem schwer geprüften Schutzgebiete." Der neue Gouverneur von Lindequist telegraphiert, dass sich Samuel Isaak Witbooi mit 17 Großleuten, der Kapitän der Veldschoenträger Hans Hendrik und ihr Anhang, insgesamt 74 Männer und 44 Frauen, in Berseba freiwillig gestellt und 34 Gewehre abgeliefert haben. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" rühmen am 9. Dezember, Lindequist schenke „den Führern das Leben, sofern sie keinen Mord verübt oder dazu angestiftet haben", und lasse dem Stamm zunächst etwas Vieh zur Ernährung der Frauen und Kinder. In der Reichstagskommission heißt es im Dezember, es sei nicht damit zu rechnen, „daß die jetzt noch kriegführenden Banden sich ergeben werden"; ebensowenig sei an eine Beendigung des Aufstandes zu denken, weshalb kein Mann der Expeditionstruppe zurückgezogen werden könne. Die Rinderpest erschwert die Versorgung: Statt täglich 300 Zentner könnten höchstens 150 befördert werden, der Transport vom Osten her koste „in diesem Jahre 4 Millionen Mark".
Von den Gefangenen ist seit dem Frühjahr die Rede. Die „National-Zeitung" schreibt am 19. April, „im März" seien „4073 in den Konzentrationslagern befindliche Eingeborene gezählt" worden, hält den Ausdruck aber im Vergleich zu den englischen Lagern im Burenkrieg für unzutreffend, denn die Gefangenen seien „auf verschiedene Stationen verteilt und hier beaufsichtigt". Das „Dresdner Journal" meldet am 21. November, etwa 400 Nama, darunter Frauen und Kinder, seien von den deutschen Patrouillen zusammengetrieben worden und sollten auf der Haifischinsel bei Lüderitzbucht interniert werden. Mitte August wird der Wortlaut der Proklamation bekannt, die General von Trotha am 2. Oktober 1904 an die Herero gerichtet hatte und die er, wie das „Leipziger Tageblatt" am 16. August schreibt, auf Erlass des Reichskanzlers zurücknehmen musste; die Blätter drucken sie nach der Monatsschrift „Die deutschen Kolonien", der „Vorwärts" am 15. August: „Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen." Zuständig für das Schutzgebiet ist die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts.
Aus heutiger Sicht
Die Presse nannte die Lager 1905 selbst „Konzentrationslager" und grenzte sich dabei von den britischen ab; die hohe Sterblichkeit in den Lagern, auch auf der Haifischinsel, wurde erst später bekannt. Trothas Proklamation vom 2. Oktober 1904 an die Herero, die später „Vernichtungsbefehl" genannt wurde, war 1905 nicht mehr geheim: Mitte August druckten deutsche Blätter ihren Wortlaut nach der Monatsschrift „Die deutschen Kolonien" und meldeten, der General habe sie auf Weisung des Reichskanzlers zurücknehmen müssen. Hendrik Witbooi starb nach heutigem Kenntnisstand schon am Tag des Gefechts, dem 29. Oktober; Samuel Isaak war nicht sein Sohn, sondern sein Unterkapitän, die Nachfolge trat der Sohn Isaak Witbooi an. Der Krieg endete erst 1907/08; die Niederschlagung des Aufstands der Herero und Nama wird heute als Völkermord eingeordnet, ein Begriff, den es 1905 noch nicht gab.
Parteitag in Jena: Bebel gewinnt die Sozialdemokratie für den Massenstreik

Vom 17. bis 23. September tagt in Jena der Parteitag der Sozialdemokratie. Der Reichstagsabgeordnete August Bebel hält am Freitag, dem 22. September, die Rede zum Massenstreik und verfasst die Resolution, die den Massenstreik unter bestimmten Umständen als politisches Kampfmittel einbezieht. Streitpunkt ist, ob die Partei das Mittel der Massenarbeitseinstellung gegen eine etwaige Verschlechterung des Reichstagswahlrechts propagieren darf. Die Gewerkschaftsführer, darunter der Reichstagsabgeordnete Otto Hue, Redakteur der „Bergarbeiter-Zeitung" und führender Kopf des Alten Verbandes der Bergarbeiter, warnen vor einer Taktik der „blutigen Köpfe"; auch Rosa Luxemburg spricht zur Frage.
Der „Vorwärts" berichtet am 24. September, Bebel habe den „Rückschlag in den Revolutionarismus" zurückgewiesen: „Wer heute noch angesichts der kolossalen Fortschritte nicht nur auf militärischem, sondern auch auf politischem und besonders auf ökonomischem Gebiete glaube, wir Sozialdemokraten möchten mit den Mitteln der bürgerlichen Parteien, wie z. B. dem Barrikadenbau, zum Ziele kommen, der irrt sich gewaltig …" Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 25. September im Leitartikel: „Und doch hat es Abgeordneter Bebel fertig bekommen, den sozialdemokratischen Parteitag für den Gedanken der Massenarbeitseinstellung zu gewinnen" und führt aus, die Tendenz der Rede sei gewesen, „den Massenstreik unter die sozialdemokratischen Kampfmittel aufzunehmen". Gleichzeitig steht in Berlin der Ausstand bei Siemens & Halske: Die Schraubendreher im Werner-Werk fordern 15 Prozent mehr Lohn, die Direktion bietet 5; aus dem Ausstand weniger hundert Schraubendreher und Lagerarbeiter wird die Aussperrung von rund 40.000 Arbeitern bei Siemens & Halske, den Siemens-Schuckert-Werken und der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, und erst am 16. Oktober öffnen die Werke wieder.
Union 92 ist Deutscher Fußballmeister

Am Pfingstsonntag, dem 11. Juni, besiegt der Berliner Tor- und Fußballclub Union 92 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft im Weidenpescher Park in Köln den Karlsruher Fußball-Verein mit 2:0. Die Tore schießen Alfred Wagenseil nach zehn Minuten und Paul Herzog kurz nach der Pause, für Herzog der vierte Treffer der Endrunde, so viele wie sonst nur dem Dresdner Reinhard Richter gelangen. Union tritt ohne den Stammtorhüter Paul Eichelmann an, den der Verein selbst aus disziplinarischen Gründen gesperrt hat. Der Weg zum Endspiel führte am 14. Mai in Magdeburg über ein 4:1 gegen Eintracht Braunschweig und am 4. Juni in Leipzig über ein 5:2 gegen den Dresdner Sport-Club; das Freilos der Vorschlussrunde hatte der Karlsruher Fußball-Verein. Das Endspiel fällt auf den 9. Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes in Köln an den Pfingsttagen; die Meisterschaft des Jahres 1904 war abgebrochen worden.
Die „Ruhrorter Zeitung" meldet am 13. Juni: „Nach hartem Kampfe siegte der Berliner Tor- und Fußballklub Union über den Karlsruher Fußballverein mit 2:0." Das „Hamburger Fremdenblatt" schreibt am 14. Juni: „In Köln gewann ‚Union' die Deutsche Meisterschaft, indem sie den ‚Karlsruher Fußball-Verein' mit 2—0 schlug."
Reinhardts „Sommernachtstraum" — und er übernimmt das Deutsche Theater

Am Dienstag, dem 31. Januar, bringt Max Reinhardt, mit 31 Jahren Regisseur und Leiter des Neuen Theaters am Schiffbauerdamm, Shakespeares „Ein Sommernachtstraum" heraus; vom 2. Februar an steht das Stück im Wechsel mit dem „Grafen von Charolais" auf dem Spielplan. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 1. Februar: „Das ganze wundervolle Märchen haben wir erst gestern kennen gelernt." Es sieht ein Waldinneres, das „sich vor uns auftut", glitzernde Sterne, Elfen, die im Mondlicht zwischen Buchenstämmen tanzen, und Kobolde, die „ein wenig zu pedantisch, wie in der Turnstunde" purzeln; die Musik stammt von Mendelssohn, es spielen Friedrich Kayßler den Theseus, Tilla Durieux den Oberon und Gertrud Eysoldt den Puck. „Der Regisseur Reinhardt war zum Kapellmeister geworden, der ein lustiges Waldweben exekutierte", heißt es dort, und eine zweite Besprechung findet: „Als spielte die Natur fröhlich mit einer Stimmgabel." Die „Deutsche Zeitung" schreibt am 2. Februar, es sei „Sporn und Stachel genug für den schlummernden Ehrgeiz eines Max Reinhardt, als erster und einziger der königlichen Bühne, von deren ‚unerschöpflichen Mitteln' man immer spricht, ein Paroli zu biegen!", und steht „mit Respekt und Bewunderung" vor dem „Riesenfleiß", der auf der Reinhardtschen Bühne entfaltet werde.
Im Herbst wächst sein Wirkungskreis. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 24. Mai, das Deutsche Theater werde „vom September an" seiner Leitung übergeben sein; für das Kleine Theater verhandelt er im Mai mit Victor Barnowsky, wobei 200.000 Mark Abstand verlangt werden. Die Eröffnung unter Reinhardt findet am Donnerstag, dem 19. Oktober, mit Kleists „Käthchen von Heilbronn" statt, mit Musik von Hans Pfitzner: Lucie Höflich spielt das Käthchen, Friedrich Kayßler den Grafen Wetter vom Strahl und Tilla Durieux die Kunigunde. Im Foyer hat Reinhardt eine Porträtgalerie der Männer und Frauen angelegt, „die mit der künstlerischen Geschichte des Deutschen Theaters verknüpft sind", darunter Adolf L'Arronge, Ludwig Barnay und August Förster; die Schauspielschule des Hauses eröffnet Anfang Oktober, und auf dem Spielplan steht auch „Elektra" mit Gertrud Eysoldt und Rosa Bertens.
Der Motoromnibus fährt durch Berlin

Am Sonntag, dem 19. November, nimmt die Allgemeine Berliner Omnibus-Aktiengesellschaft mit zwei Kraftomnibussen die erste Motoromnibus-Linie Berlins in Betrieb; sie führt vom Halleschen Tor über die Friedrichstraße zur Chausseestraße. Ein Redakteur des „Berliner Tageblatts" fährt mit, über die Kochstraße bis zur Leipziger Straße, und berichtet am 20. November: „Und nun erst die Fahrt selber. Herrlich, lautlos. Nur das leise Knirschen der mächtig breiten Hinterräder, die auf Vollgummi laufen. Wenn es kalt wäre, würde das heiße Kühlwasser der Motoren durch Röhren laufen und den Innenraum heizen." Im Wagen brennen drei elektrische Glühbirnen, das „Besetzt"-Schild am Heck ist entfallen.
Das Publikum drängt sich. Die „Deutsche Zeitung" schreibt am 22. November, die Berliner Jugend werde dem neuesten Großstadt-Ereignis ihre Aufmerksamkeit zuwenden, „dem Motoromnibus, um den sich das Publikum noch immer die Hälse bricht", und fährt fort, da sehe man dem „Ungetüm" schon nach, „daß es nie anders als mit einem Schweif von süßen Benzingerüchen seine Straße zieht". Die Pferdeomnibusse und die elektrische Straßenbahn bestehen daneben weiter.
Charlottenburg weiht sein Rathaus ein — der Kaiser sagt ab

Die Stadt Charlottenburg weiht am Sonnabend, dem 20. Mai, ihr neues Rathaus an der Berliner Straße ein, zugleich beginnen die Feiern zum 200-jährigen Bestehen der Stadt. Gebaut wurde von 1899 bis 1905 nach Plänen der Architekten Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth; der Turm ist 88 Meter hoch und überragt die Schlosskuppel, der Sitzungssaal der Stadtverordneten hat 100.000 Mark gekostet, der des Magistrats 25.200 Mark. Stadtbaurat Bratring und Oberbürgermeister Kurt Schustehrus sprechen, der Oberbürgermeister mit den Worten: „Mögen wir nie vergessen, daß wir nur ein Glied des Ganzen sind und für das gesamte Vaterland arbeiten." Regierungspräsident von der Schulenburg aus Potsdam vertritt die Staatsbehörden, und im Ratskeller folgt das Festmahl. Die „Kölnische Zeitung" schreibt am 22. Mai: „Die Festlichkeiten aus Anlaß des 200jährigen Bestehens der Stadt Charlottenburg begannen heute mit der feierlichen Einweihung des neuen Charlottenburger Rathauses in Anwesenheit des Regierungspräsidenten v. der Schulenburg-Potsdam und anderer Vertreter der Staatsbehörden und der Stadtverwaltung."
Einer fehlt, der erwartet worden war. Nach der Berliner Presse sagte der Kaiser seinen geplanten Besuch im Rathaus ab, angeblich wegen seiner Abneigung gegen die „moderne Richtung" in Architektur und Kunst. Das „Berliner Tageblatt" widersprach schon am 15. April: „Das Charlottenburger Rathaus ist — für uns ist das kein Lob — durchaus nicht ein modernes Haus, sondern eine ausgesprochene Stilarchitektur."
Graf Zeppelins zweites Luftschiff: erst ein „erfolgreicher Aufstieg", dann die Nachberichte

Am Donnerstag, dem 30. November, wird das zweite Luftschiff des Grafen Zeppelin aus der Halle bei Manzell nahe Friedrichshafen am Bodensee zum ersten Mal ins Freie gezogen; der Dampfer „Buchhorn" schleppt es heraus, es hat zwei Gondeln und zwei Daimler-Motoren. Nach den Berichten der Frankfurter Zeitung versagt kaum draußen der vordere Motor, das Heck hebt sich, der Bug taucht ins Wasser, die vordere Steuerung wird durchnässt und zerbricht. Der Nordwind treibt das Schiff „fast bis auf das Schweizer Ufer", ein Schleppboot bringt es zurück.
Zunächst aber geht eine andere Nachricht durch die Blätter. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 1. Dezember: „Graf Zeppelin hat, wie uns aus Friedrichshafen am Bodensee telegraphiert wird, dort einen erfolgreichen Aufstieg mit seinem lenkbaren Luftschiff vollbracht." Erst die Berichte vom 1. bis 3. Dezember zeigen den Schaden: Nach dem Seeblatt, dessen Bericht die „Badische Landes-Zeitung" am 4. Dezember bringt, konnte das Motorboot sein Schlepptau nicht rasch genug freimachen, der „vordere Steuerapparat" war „stark beschädigt und unbrauchbar", und kurz darauf versagte auch der vordere Motor. Die „Tägliche Rundschau" schreibt am 2. Dezember, die Einzelheiten ließen „noch nicht mit voller Sicherheit erkennen, ob sich um einen Erfolg oder um einen Mißerfolg handelt", und hofft, der „angenehme alte Herr, der trotz seiner siebzig und mehr Jahre mit jugendlicher Tatkraft sein Ziel verfolgt", werde bei einem zweiten Versuch „erfreulichere Erfolge sehen". Die Herren aus den Kriegsministerien und den Luftschifferabteilungen, die zu dem Ereignis herbeigerufen waren, müssen unverrichteter Sache wieder abziehen; das Schiff wird ausgebessert, und wann es wieder aufsteigt, steht zu Silvester offen.
AM RANDE NOTIERT
- 14. Januar — Die Berliner Droschkenkutscher streiten über eine Fahrpreiserhöhung, und die Fuhrherren sollen nach einer Glosse des „Berliner Tageblatts" erwägen, „Knirpse von sechzehn Jahren an auf den Kutscherbock zu setzen"; „Beide Attentate werden ja verhütet werden, und es bleibt, wie man annehmen darf, wohl in jeder Beziehung beim alten".
- 17. März — Vor der Strafkammer in Zwickau stehen zwei in Berlin stationierte Beamte der Internationalen Schlafwagengesellschaft, der Zugführer B. und der Kondukteur D., wegen Begünstigung eines Gemeinde- und Sparkassenkassierers C. aus Niederplanitz, der nach jahrelanger Unterschlagung im Dezember 1903 geflohen war und sich vorher durch Diebstahl rund 40.000 Mark angeeignet hatte. Nach dreitägiger Verhandlung erhält B. zwei Jahre sechs Monate Gefängnis, D. ein Jahr, C. insgesamt fünf Jahre acht Monate Zuchthaus; am 24. März bitten die königlich preußischen Schlafwagenschaffner das „Berliner Tageblatt" mitzuteilen, dass sie mit den Angestellten der Internationalen Schlafwagengesellschaft, die die Straftaten verübten, „nichts zu tun haben".
- 23./24. Juli — Kaiser Wilhelm trifft den Zaren vor Björkö. Das „Berliner Tageblatt" gibt am 25. Juli das Telegramm des russischen Hofministers wieder: Am Sonntag um 10 Uhr abends wirft die „Hohenzollern" in der Nähe des „Polarstern" Anker, der Kaiser begibt sich mit dem Prinzen Albert von Schleswig-Holstein und Gefolge im Boot hinüber und wird an der Treppe vom Kaiser von Russland und dem Großfürsten Michael Alexandrowitsch empfangen; in den leitenden russischen Kreisen, heißt es, werde die Zusammenkunft „sehr freudig begrüßt".
- 24. Juli — Ein 22-Jähriger durchschwimmt wegen einer Wette zweimal in voller Kleidung die Spree an der Schillingsbrücke; auf der Brücke sammeln sich Hunderte von Passanten, und ein Dampfer muss ausweichen. Das „Berliner Tageblatt" überschreibt die Meldung: „Ein schlechter Scherz".
- 8. September — Ein Erdbeben verwüstet Kalabrien. „Die Zahl der durch das Erdbeben Getöteten wird auf 5000 angegeben", meldet der „Vorwärts" am 12. September, im Gebiet Catanzaro seien „100 000 Menschen obdachlos"; Messina ist schwer beschädigt, aber dort sei „niemand getötet" worden.
- 6. November — Zum ersten Mal weilt ein König von Spanien in Berlin: der 19-jährige Alfons XIII., dessen Vater 1883 zuletzt deutschen Boden betrat. Die Feststraße vom Potsdamer Bahnhof zum Schloss ist in den spanischen Farben Rot und Gelb geschmückt, Schutzmannsketten sperren ab, und der „Vorwärts" fragt am 8. November: „Warum müßt Ihr denn über jeden Helmbusch berichten, der an Euch vorbeisauste?"
- 27. November — In Berlin tritt um 10 Uhr der erste Deutsche Städtetag zusammen; anwesend sind Vertreter fast aller deutschen Städte mit mehr als 25.000 Einwohnern, darunter die Oberbürgermeister Adickes aus Frankfurt am Main, Kirschner aus Berlin, Bender aus Breslau, Beck aus Chemnitz und Körte aus Königsberg. Anlass ist die Fleischteuerung; das „Berliner Tageblatt" meldet am 28. November: „Alle drei Referenten rufen: Öffnet die Grenzen!"
- 1. Dezember — Die Volkszählung ergibt für Berlin nach den vorläufigen Zusammenstellungen des Statistischen Amtes 2.033.900 Einwohner, gegenüber 1.888.848 im Jahre 1900, eine Zunahme von 145.052. Im Reich gibt es nun 41 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern (1871: acht, 1900: 33). Charlottenburg zählt 237.231 Einwohner, 1871 waren es 19.518: „So ändern sich die Zeiten", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 19. Dezember.
- 6. Dezember — Der französische Senat nimmt mit 181 gegen 102 Stimmen das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat an; mit Neujahr tritt es in Kraft, wie die „Dortmunder Zeitung" am 7. Dezember meldet, und am 9. Dezember wird es verkündet. Die „Kölnische Zeitung" gibt am 9. Dezember seinen Anfang wieder: „Die Republik sichert die Gewissensfreiheit …"
WIRTSCHAFT · 1905
Die Industrie ist das ganze Jahr stark beschäftigt. Der Streik im Ruhrrevier im Januar und Februar kostet täglich rund 15.000 Wagen Kohle, der Siegerländer Eisensteinverein setzt wegen Mehrkäufen im Januar die Einschränkung auf 22 Prozent herab. Die Löhne geben ein Bild: Nach einer Mitteilung der Firma Siemens & Halske im „Berliner Tageblatt" vom 28. September verdient in einem ihrer Werke ein Dreher im Akkord im Juni 71,3 Pfennig in der Stunde und im Sommer 6,40 Mark am Tag, ein Schraubendreher 5,20, ein Mechaniker 5,50, ein Schlosser 5,75, ein Werkzeugmacher 6,15 und eine Arbeiterin 2,40 Mark. Am 22. Februar nimmt der Reichstag die neuen Handelsverträge an; das „Berliner Tageblatt" schreibt am 23. Februar im Handelsteil kritisch: „Für 12 Jahre werden Industrie und Handel an die … Verträge gekettet sein", und am 25. Februar gratulieren die bayerischen Minister dem Kanzler zum „Zustandekommen" des „gewaltigen Vertragswerks".
Gegen Jahresende wird das Geld teurer. Am 4. November erhöht die Reichsbank ihren Wechseldiskont von 5 auf 5½ Prozent, den Lombardzinsfuß von 6 auf 6½ Prozent; die „National-Zeitung" erinnert, dass der Diskont zuletzt am 12. Juli 1900 auf 5½ Prozent stand. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 11. November im Handelsteil: „Wenn man sich beim Reichsbankdiskont von 3 pCt. mit der 5proz. Verzinsung des Industriepapiers begnügte, so ist man heute bei einem Diskontsatze von 5½ pCt. leicht geneigt, eine weit höhere Verzinsung … zu verlangen", die Kurse der Industriepapiere sinken. Am 11. Dezember erhöht der Zentralausschuss den Diskont um ein halbes Prozent auf 6 Prozent, den Lombardsatz von 6½ auf 7 Prozent, trotz des besseren Bankausweises vom 7. Dezember; am offenen Markt erreicht der Privatdiskont 5 Prozent. Dazu kommt die Teuerung: Der Dresdner Stadtrat beantragt am 5. September, die Einfuhr von Schweinen aus Dänemark und Frankreich zu erleichtern, und am 8. Dezember nennt eine Versammlung die „gegenwärtige Teuerung" Anlass für Gegenmaßnahmen. Am 28. November eröffnet die Thronrede den Reichstag: „Unbedingt bedarf das Reich neuer Einnahmen", und die Verbündeten Regierungen wollten sie aus Bier und Tabak, aus dem Personenverkehr und aus Güterumsätzen sowie aus einer Reichserbschaftssteuer gewinnen; dazu kommt eine Novelle zum Flottengesetz, die „eine Vermehrung der Zahl der Auslandsschiffe um sechs große Kreuzer" vorsieht. Reichsfinanzreform und Flottennovelle sind zu Silvester in Beratung; in der Generaldebatte am 9. Dezember sagt der nationalliberale Abgeordnete Bassermann: „Die Thronrede führte eine ernste Sprache …"
Der Preisspiegel:
- Roggenbrot (1 kg, Berlin, Mittel der Monatswerte) — rund 24 Pfennig
- Weizenbrot (1 kg, Berlin, Mittel der Monatswerte) — rund 43 Pfennig
- Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,46 Mark
- Rindfleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,44 Mark
- Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,55 Mark
- Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 6,05 Mark
- Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
- Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif) — 10 Pfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1905
Der Besuch des Kaisers in Tanger beschäftigt Anfang April Blätter aller Richtungen. Zuerst der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie:
„Der Besuch des deutschen Kaisers in Lissabon und Tanger hat natürlich alle Orgien des Byzantinismus entfesselt. Die Zeitungen der guten Gesinnung und loyalen Interessiertheit schwelgen in pompösen Darstellungen der Vorgänge der Kaiserreise." — Vorwärts, 1. April 1905
Dann die offiziöse, der Regierung nahestehende „Norddeutsche Allgemeine Zeitung":
„Dann begrüßte der Kaiser die versammelte deutsche Kolonie mit einigen Worten in deutscher Sprache, in denen er hervorhob, sein Besuch in Tanger solle dem Gedanken der Gleichberechtigung aller Nationen dienen. Die Ansprache wurde mit größtem Jubel aufgenommen, wie überhaupt Deutsche, Spanier und Engländer den Kaiser auf afrikanischem Boden mit größter Freude und sympathischen Kundgebungen begrüßten." — Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 2. April 1905
Zuletzt das linksliberale „Berliner Tageblatt", das die Rede des Kaisers nach dem Wortlaut der Agence Havas wiedergibt:
„Mein Besuch in Tanger hat den Zweck, zu erkennen zu geben, daß ich entschlossen bin, alles, was in meiner Macht steht, zu tun, um wirksam die Interessen Deutschlands in Marokko zu schützen. Da ich den Sultan als einen absolut freien Souverän betrachte, so will ich mich mit ihm über die geeigneten Mittel zum Schutze dieser Interessen verständigen." — Berliner Tageblatt, 3. April 1905
SPORT · 1905
Die Deutsche Meisterschaft im Fußball geht am Pfingstsonntag, dem 11. Juni, nach Berlin: Union 92 schlägt in Köln den Karlsruher Fußball-Verein mit 2:0. Am zweiten Pfingstfeiertag gewinnt in Berlin „Hertha" gegen den Freiburger FC mit 5:3, wie das „Hamburger Fremdenblatt" am 14. Juni meldet. Im Gordon-Bennett-Rennen in der Auvergne am 5. Juli siegt der Franzose Léon Théry auf Richard-Brasier vor den beiden Italienern Nazzaro und Cagno und dem Franzosen Caillois; „Die deutschen Wagen — nirgends", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 6. Juli, und es erinnert, dass Théry auch 1904 gewonnen hatte. In Kopenhagen gewinnt am 13. Juni im Radsport das Handicap über 800 Meter der Italiener Gardellin vor Scheuermann aus Breslau.
MODE · 1905
Im Frühjahr zeigt sich nach den Blättern „eine bedeutende Umwandlung" der Hutmode, die in einem „Streben nach kleineren Formen" bestehe; aus Paris kommen die sogenannten Polo-Fassons, eine „boleroartige, kappenähnliche Form für junge Damen", wie das „Neue Tagblatt" in Stuttgart am 18. März schreibt, dazu lavendel- und olivgrüne Töne und kleine Rosen, Flieder und Veilchen als Garnitur. Die „Berliner Neuesten Nachrichten" melden am 26. Februar als Neuheit flotte Hütchen im Mützengenre, „Napoleons" und der „kecke … ‚Polo'" sowie Frack-Kostüme für Damen mit kurz abschneidender, doppelreihig geknöpfter Taille, „der Herrenmode entlehnt". Bei den Frühjahrsmänteln überwiegen Empire-Mäntel aus hellen Tuchen, 90 bis 115 Zentimeter lang, mit Falten, Plissee, Samt oder Seide, daneben Shawl-Capes, Havelocks und Regenmäntel. Eine Anzeige im „Berliner Tageblatt" vom 19. Februar nennt für „größte Pariser Frühjahrsmoden" Taffet-Kostüme zu 95 bis 145 Mark, Tailor-made-Kostüme zu 18 bis 110 Mark, wetterfeste Mäntel zu 12,50 bis 29 Mark und Costümröcke zu 4,50 bis 29 Mark.
Im Herbst beherrschen die Pelze die Berichte. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 9. September unter „Herbstmoden": „Zobel, Seehund und Chinchilla behalten ihre Beliebtheit. Die Preise sind höher als jemals, und besonders für Zobel und Nerz werden 50 bis 80 Prozent mehr gezahlt als im Vorjahr." Als billige Nachahmung gilt Bisam, „dem Seehundsfell so ähnlich": Ein Bisamjackett in Seehundsart kostet höchstens 400 Mark, ein echtes Seehundjackett mindestens 800 Mark. „Die kommende Größe unter den billigeren Pelzen ist Nutria", in „satt Goldbraun".
KULTUR · 1905
Am 9. Mai, dem hundertsten Todestag Friedrich Schillers, feiern das Reich und das Ausland; in Spanien allein gibt es „über zweihundert Festakte", wie das „Berliner Tageblatt" am 10. Mai meldet. In Berlin versammeln sich vormittags tausende Bürger auf dem Gendarmenmarkt vor dem bekränzten Schauspielhaus am Schillerdenkmal von Reinhold Begas, ein Berliner Bürgermeister spricht, und alle singen gemeinsam das Reiterlied. Kränze legen die Stadt Berlin, die Korporation der Berliner Buchhändler, der Verein der Württemberger, der Allgemeine deutsche Schulverein, der Schiller-Verband deutscher Frauen, der Deutsche Ostmarkenverein, der Verein Berliner Journalisten, die Berliner Gymnasiallehrergesellschaft, die Berliner Buchbinderinnung und mehrere Kriegervereine. „Man hat es in Berlin wohl noch nicht oft gehört, daß unter freiem Himmel, im Herzen der Stadt, sich tausend Bürger in einem gemeinsam gesungenen Liede mit lautem Schall zusammenfinden", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 9. Mai. „Und das haben wir kalten, wir immer nörgelnden Berliner heut Vormittag getan." Bei einem Konzert der Gesangvereine auf der Plaza Armería vor dem Madrider Schloss werden dagegen viele Menschen niedergetreten, drei schwer verletzt.
Am Sonnabend, dem 9. Dezember, wird im Königlichen Opernhaus zu Dresden Richard Strauss' Oper „Salome" uraufgeführt, ein Einakter nach Oscar Wildes Drama in der Übersetzung von Hedwig Lachmann. Der „Vorwärts" spricht am 12. Dezember im Unterhaltungsblatt von der „musikalischen Sensation dieses Winters" und schreibt: „Das kann man über Richard Strauß denken, wie man will: daß er an der Spitze der lebenden Komponistenwelt steht, ist von keiner Seite bestritten." Man sei seit Monaten mit Notizen über ein Zensurverbot, ein „extra neu erfundenes Orchesterinstrument" und ein „authentisches Interview" gefüttert worden. Die „Berliner Neuesten Nachrichten" erinnern am 11. Dezember daran, dass Wildes Drama zuvor im Neuen Theater unter Reinhardt zu sehen war: „Vielfach wurde es von vornherein als eine Unmöglichkeit oder Vermessenheit bezeichnet, Wildes ‚Salome' in Musik zu setzen."
Am 14. April wird an der Königlichen Hofoper in Berlin unter der Leitung von Richard Strauss Engelbert Humperdincks komische Oper „Die Heirat wider Willen" uraufgeführt, am 19. Oktober erklingt in Berlin unter Strauss, mit Carl Halir als Solisten, zum ersten Mal das Violinkonzert von Sibelius in seiner endgültigen Fassung. Im März erscheinen bei Bruno Cassirer in Berlin Morgensterns „Galgenlieder", im April bei Albert Langen in München Heinrich Manns Roman „Professor Unrat"; am 7. September kommt zum ersten Mal die Zeitschrift „Die Schaubühne" von Siegfried Jacobsohn heraus. Am 30. Dezember wird im Theater an der Wien Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe" uraufgeführt.
KINO & FUNK · 1905
Die „lebenden Photographien" sind Stadtgespräch. Am Freitag, dem 10. November, eröffnet Unter den Linden 21 vor geladenem Publikum das Biophon-Theater der Meßterschen Projections-Gesellschaft, das neben dem Biophon, einer Verbindung des Bioskops mit dem Grammophon, auch den „Thaumatograph" zeigt. „Berlin besitzt eine neue Attraktion", schreibt die „National-Zeitung" am 11. November und spricht von „einer Reihe sprechender, singender und anderer lebensvoller Photographien"; die „Berliner Neuesten Nachrichten" nennen es „ein schmuckes kleines Theater", das solche Bilder „an einer weißen Wand vorführt". Das Biophon hatte Meßter nach dem „Volksblatt" in Halle schon im Januar im Walhalla-Theater selbst vorgeführt. Beliebt sind Kriegsbilder: Die Deutsche Tageszeitung kündigt am 17. April die „Belagerung von Port Arthur in Bioskopbildern" an, und im Panoptikum in der Friedrichstraße 165 wirbt eine Anzeige im August und September mit „Admiral Togo's Besuch b. Admiral Roschdjestwensky im Hospital zu Kioto" als „Lebende Photographien". Das Wittener Tageblatt druckt am 28. Februar nach dem Pariser „Matin" die Schilderung, wie die „Ermordung des Großfürsten Sergius im Kinematographen" nachgestellt wurde: „Nichts als Lüge und Blendwerk!" Am 4. Juli trägt das Berliner Handelsregister die „Internat. Kinematograph- u. Licht-Effekt-G. m. b. H." mit 120.000 Mark Stammkapital ein, Geschäftsführer ist der Kaufmann P. Effing; im November sucht ein junger Mann mit zweijähriger Praxis in der „Handhabung von Kinematograph" Stellung, und im Weihnachtsangebot stehen ein Spielzeug-Kinematograph mit Filmstreifen und der Phonograph mit „Edison-Walzen 1,50 Mk.".
Auch die Funkentelegraphie rückt voran. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 24. Januar, zwischen Berlin und Wien solle ein unmittelbarer drahtloser Verkehr nach dem System Telefunken angebahnt werden, die Versuche von der „Riesenstation in Oberschöneweide" seien „zur völligen Zufriedenheit ausgefallen"; die niederländische Insel Wieringen erhielt nach einem Kabelbruch eine fahrbare Telefunken-Station. Am 6. April berichtet das Blatt, die Funkentelegraphie mache in der Armee Fortschritte, zwei Probestationen würden abgeliefert, und die Marine habe der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie Aufträge für eine Station auf dem Lotsendampfer „Jade" und sieben Kriegsschiffstationen erteilt.
GESTORBEN · 1905
- Ernst Abbe (64), Physiker, Mathematiker und Astronom, Sozialreformer und Begründer der Carl-Zeiss-Stiftung — 14. Januar, Jena.
- Adolph von Menzel (89), Maler und Grafiker — 9. Februar, Berlin.
- Otto Erich Hartleben (40), Dramatiker, Lyriker und Erzähler — 11. Februar, Salò am Gardasee.
- Erich Giersberg (51), Branddirektor der Berliner Feuerwehr seit 1893 — 24. Februar, Berlin, an einem Schlaganfall.
- Hermann von Wissmann (51), Reichskommissar und Gouverneur in Deutsch-Ostafrika — 15. Juni, Weißenbach in der Steiermark.
- Ferdinand von Richthofen (72), Geograf und Forschungsreisender — 6. Oktober, Berlin.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1905
- Das Handwerk wird bedacht (14. September, Berlin). Ein Berliner Tischlermeister, einst als Geselle Mitglied des Berliner Handwerkervereins, vermacht dem Verein 100.000 Mark für junge Handwerker, wie das „Berliner Tageblatt" meldet; die landesherrliche Genehmigung liegt vor.
- Durchschlag im Simplon (24. Februar). Der Simplontunnel, mit rund 19,8 Kilometern der längste der Welt, ist durchschlagen; bei der Durchschlagsfeier am 2. April ernennen die Universitäten Lausanne, Genf und Basel die Erbauer Sulzer, Brandau und Locher sowie die Ingenieure Kager und Pressel zu Ehrendoktoren.
- Der größte Rohdiamant (26. Januar, Pretoria). In der Premier-Mine bei Pretoria wird ein Diamant gefunden, den die Blätter den Cullinan-Diamanten nennen. „Der Cullinan wiegt 3032 Karat, also 2000 Karat mehr als der größte bisher bekannte Diamant; er ist durchsichtig und ohne Risse", meldet die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" am 1. April; der Stein ruht seit Ende März in einem Kassenzimmer der Standard-Bank von Südafrika in London.
- Glimpflich abgelaufen (Anfang Juni, Spree). Auf einer Spreefahrt rammen sich die Ausflugsdampfer „Borussia" und „Moltke" vor dem Eierhäuschen, an Bord bricht Panik aus, aber niemand wird verletzt; unter den Fahrgästen ist eine französische Gesellschaft, die wegen der Hochzeit in Berlin weilt.
DAS WETTER · 1905 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer in Berlin ein Tagesmaximum von 21,0 °C, das Minimum lag bei 16,9 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 18,9 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fielen 0,5 mm Regen.
Das Jahr über: Der heißeste Tag war nach der Berliner Messreihe der 1. Juli mit 36,3 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 3. Januar mit −12,8 °C. Berlin zählte 59 Frosttage und 15 Eistage, dazu 39 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 8 heiße Tage von mindestens 30 °C; allein im Juli waren es 3 heiße Tage. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 690 mm, der nasseste Tag war der 28. September mit 32,4 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,8 °C, das Tagesminimum 6,3 °C.
(Tageswerte der Messreihe Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1905
Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Revuen, die 1905 aufgeführt wurden, „Erfolg" heißt hier Bühnenerfolg. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 7 Titel belegen, die bis einschließlich 1905 entstanden und für die auch eine Aufführung im Jahr 1905 nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.
- Auf ins Metropol! (Jahresrevue, Ausstattungsposse) — Text: Julius Freund, Musik: Victor Hollaender; Uraufführung 9. September 1905, Metropol-Theater Berlin; noch am 24. Dezember auf dem Spielplan
- Prinzeß Rosine (Operette) — Musik: Paul Lincke; Apollo-Theater Berlin 1905; Spielplan 3., 9. und 24. Dezember
- Frau Luna (Operette, Repertoire) — Musik: Paul Lincke; Uraufführung 1899 Berlin; Apollo-Theater, Nachmittagsvorstellungen am 25. und 26. Dezember
- Die lustige Witwe (Operette) — Musik: Franz Lehár; Uraufführung 30. Dezember 1905, Theater an der Wien
- Wiener Blut (Operette, Repertoire) — Musik: Johann Strauss (Sohn, Pasticcio); Theater des Westens Berlin, 19. und 20. November 1905
- Die Geisha (Operette, Repertoire) — Musik: Sidney Jones; Central-Theater Berlin, 5. November (abends) und 19. November 1905 (nachmittags)
- Der Bettelstudent (Operette, Repertoire) — Musik: Carl Millöcker; Central-Theater Berlin, 5. November 1905 (nachmittags)