DER CHRONIST
Im April zerstörten Erdbeben und Feuer San Francisco, im Mai wurde der Simplontunnel eröffnet, und im Oktober nahm in Köpenick ein Mann in Hauptmannsuniform die Stadtkasse mit. Im November öffneten in Berlin Reinhardts Kammerspiele, im Dezember zog Württemberg nach neuer Verfassung zur Wahl, und über der Kolonialfrage wurde der Reichstag aufgelöst. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Unglück, Festtage und Berliner Witz dicht nebeneinander.
Der Hauptmann von Köpenick besetzt das Rathaus und wird gefasst

Am Nachmittag des 16. Oktober hält ein „Hauptmann" in der Uniform des 1. Garde-Regiments zu Fuß nahe der Militärbadeanstalt Plötzensee einen Wachtrupp aus einem Gefreiten und zehn bis elf Mann an und befiehlt ihn „auf allerhöchsten Befehl" mit sich. Die Bahn bringt die Soldaten nach Cöpenick bei Berlin, in die selbständige Stadt im Landkreis Teltow; der Hauptmann besetzt das Rathaus, „verhaftet" den Bürgermeister Dr. Georg Langerhans, einen Reserveoffizier, und den Kassenrendanten von Wiltberg und beschlagnahmt die Stadtkasse, in der nach den ersten Meldungen „etwas über 4000 Mark" lagen. Beide Herren werden per Droschke zur Neuen Wache nach Berlin gefahren; das Rathaus bleibt noch eine halbe Stunde besetzt. Der Hauptmann fährt mit der Bahn zurück, kauft sich Zivilkleider, und Teile der Uniform werden auf dem Tempelhofer Feld und beim Bahnhof Hermannstraße in Rixdorf gefunden. Die Zeitungen schätzen den Täter auf 58 bis 60 Jahre.
Am Morgen des 26. Oktober, gegen neun Uhr, wird er in Berlin festgenommen: Wilhelm Voigt, geboren am 13. Februar 1849 in Tilsit, Schuhmacher, der wegen eines Einbruchs in die Gerichtskasse zu Wongrowitz vom Schwurgericht in Gnesen zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, am 1. Februar entlassen wurde und im Juli aus Wismar nach Berlin kam. Am 1. Dezember verurteilt ihn das Landgericht II in Berlin zu vier Jahren Gefängnis; der Staatsanwalt hatte fünf Jahre Zuchthaus gefordert.
Berlin aber lacht schon seit dem 17. Oktober. Ansichtskarten tragen die Zeile „Der Staatsstreich von Köpenick! Stück for Stück een' Jroschen", ein Couplet „Hauptmann Krummbein" geht um, das Metropoltheater bringt am Abend darauf eine Szene, und im Verlag von Schleger erscheint „Der Räuberhauptmann von Köpenick oder der geschundene Bürgermeister". Dem „oft gerühmten Berliner Volkswitz" war der Handstreich, wie das „Berliner Tageblatt" meldet, ein gefundenes Fressen.
Aus heutiger Sicht
Der Kassenbestand, den Voigt mitnahm, betrug nach heutiger Kenntnis genau 3557,45 Mark. Voigt wurde 1908 begnadigt, und Zuckmayers Stück von 1931 machte den Stoff zu einem Theaterklassiker.
Der Reichstag wird aufgelöst: Kolonialdebatte, Roeren und Dernburg

Auslöser ist der Krieg in Südwestafrika. Am 2. August hatte die Reichsregierung einen Nachtragshaushalt von 29 Millionen Mark dafür verlangt; seit dem 10. September leitet Bernhard Dernburg als Kolonialdirektor die Kolonialabteilung. Am 29. November hält er im Reichstag in der Debatte über den Kolonialetat eine einstündige Rede, am 3. Dezember hält er eine große Rede gegen den Zentrumsabgeordneten Hermann Roeren, der Material zu den Togo-Skandalen und zu einzelnen Kolonialbeamten vorgebracht hatte.
Am Donnerstag, dem 13. Dezember, lehnt der Reichstag die Vorlage mit 177 gegen 168 Stimmen ab. Darauf liest Reichskanzler Fürst Bülow die bereitliegende kaiserliche Auflösungsorder vor; die Meldungen schildern, wie er den Aktendeckel aufschlägt und das Schriftstück hervorzieht. Rechts und bei den Nationalliberalen bricht Jubel aus, die Sozialdemokraten stimmen ironisch ein, die Tribünen klatschen, Präsident Graf Ballestrem rügt, ein Kaiserhoch wird ausgebracht, und die Sozialdemokraten verlassen den Saal. „Mit Mühe nur konnte sich Fürst Bülow Gehör verschaffen, um die Auflösungsorder zu Ende zu lesen", schreibt das „Berliner Tageblatt" am 14. Dezember. Nach der Verfassung muss binnen 60 Tagen neu gewählt und der neue Reichstag binnen 90 Tagen versammelt werden.
Algeciras: Die Marokko-Konferenz endet — und der Kanzler bricht im Reichstag zusammen

Vom 16. Januar bis zum 7. April tagen im Hotel Reina Cristina in Algeciras die Vertreter von zwölf Staaten über Marokko. Die Algeciras-Akte, am 7. April unterzeichnet, erkennt die Souveränität Marokkos förmlich an; Frankreich und Spanien erhalten die Polizei in den Häfen und eine Mitwirkung am Bankwesen, ein Schweizer wird Generalinspektor der Polizei. Auf deutscher Seite steht in der Konferenz nur Österreich-Ungarn.
Zwei Tage vorher, am Donnerstag, dem 5. April, will Reichskanzler Fürst Bülow dem Reichstag die Lage erläutern. Um 1.20 Uhr mittags, während der Sozialdemokrat Bebel redet, erleidet er einen schweren Ohnmachtsanfall, „einem Schlaganfalle zum Verwechseln ähnlich", und wird in das Präsidentenzimmer getragen; Posadowsky und Tschirschky sind im Saal, Graf Ballestrem führt den Vorsitz. Der Hausarzt Professor Renvers kümmert sich um ihn, vor vier Uhr fährt der Kanzler in sein Palais in der Wilhelmstraße, und um halb acht Uhr abends gibt das Palais ein Bulletin über sein Befinden aus. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" erklärt, der Kanzler habe schon seit einigen Tagen an einer Influenza gelitten; andere Blätter nennen Erkältung und Übermüdung nach den Tagen von Algeciras.
Württemberg wählt nach neuer Verfassung — in Stuttgart erstmals mit Verhältniswahl

Im Juli haben beide Kammern des Landtags die Verfassungsreform endgültig angenommen; der „Schwarzwälder Bote" nennt das Ergebnis eine „reine Volkskammer", die „Hilfe" sieht die fünfzigjährigen Kämpfe um die Demokratisierung der Verfassung zu Ende. Am Vorabend der Wahl, am 4. Dezember, übernimmt Karl von Weizsäcker den Vorsitz im Staatsministerium. Am 5. Dezember wählt das Land erstmals nach dem neuen Gesetz: allgemein, gleich und direkt für die Männer, in den Oberämtern mit absoluter Mehrheit, nötigenfalls in einem zweiten Wahlgang; in Stuttgart, das sechs Abgeordnete stellt, nach dem Verhältnisverfahren. „Die Stuttgarter Wahl, der erste Fall einer Anwendung der Proportionalwahl auf eine politische Wahl in Deutschland", schreibt das „Hamburger Echo" am 9. Dezember und fügt hinzu, auch Hamburg werde demnächst die Verhältniswahl bekommen.
In Stuttgart sind 50.937 Männer wahlberechtigt, 243.607 Stimmen werden abgegeben, sechs je Wähler; die Beteiligung liegt nach dem „Neuen Tagblatt" bei annähernd 80 Prozent. Das „Neue Tagblatt" meldet am 12. Dezember, die erste Verhältniswahl für den Landtag sei in den 82 Wahlbezirken ohne Schwierigkeiten vollzogen worden; die Stimmenzählung beginnt erst am Tag nach der Wahl, weil die Wähler die gedruckten Stimmzettel durch „Kumulieren und Panachieren" ändern, und dauert in den größten Bezirken drei bis vier Stunden. Die meisten Stimmen erhält an der Spitze der Listen der Sozialdemokrat Kloß mit 40.365, vor Fischer mit 19.257, Heymann mit 19.095 und Oberbürgermeister von Gauß von der Volkspartei mit 12.927.
Im ersten Wahlgang gewinnt das Zentrum alle 18 Wahlkreise, die es hielt, und dazu Spaichingen von der Volkspartei; die Volkspartei behält von 26 Kreisen zunächst nur 7, die Sozialdemokraten verlieren Esslingen. Nach dem zweiten Wahlgang am 18. Dezember meldet die Presse den Stand: Zentrum 21, Volkspartei 20, Bauernbund 12, Deutsche Partei 11, Sozialdemokraten 11, zusammen 75 Bezirksmandate. Die 17 Sitze der Landesliste werden im Januar vergeben.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Schaumburg-Lippe (Landtag), 12. Januar — Sitze von 15: SPD 1, Bürgerliche 14. Die Sozialdemokraten beteiligen sich zum ersten Mal mit eigenen Kandidaten, in sechs von zehn Wahlkreisen.
- Schwarzburg-Rudolstadt (Landtag), 16. Februar, Stichwahl 2. März — Sitze von 16: SPD 7, Bund der Landwirte 4, Nationalliberale 3, Linksliberale 2. Der Landtag war am 2. Dezember 1905 aufgelöst worden, weil er die Kameralrente des Fürsten nicht bewilligt hatte; die Beteiligung lag bei 87 Prozent.
- Elsaß-Lothringen (Bezirkstage 16. September, Landesausschuss 29. November) — Das Zentrum behauptet sich, die Sozialdemokraten verlieren Mülhausen an die Demokraten.
- Sachsen-Weimar-Eisenach (Landtag), Anfang November — Konservative und Bündler sind die stärkste Gruppe.
- Reuß älterer Linie (Landtag), 1906 — Sitze von 12, davon drei vom Fürsten ernannt: Bürgerliche 5, Nationalliberale 3, Konservative 3, Linksliberale 1; die Sozialdemokraten verlieren ihren einen Sitz.
Das Wahlrecht ändert sich in diesem Jahr gleich mehrfach: In Hamburg nimmt die Bürgerschaft am 28. Februar ein Wahlgesetz an, das den Steuerzensus verschärft, und in Bayern sanktioniert Prinzregent Luitpold am 9. April das neue Landtagswahlgesetz mit direkter Wahl. Bei der Reichstags-Ersatzwahl in Chemnitz am 13. Februar siegt Gustav Noske für die Sozialdemokraten mit 31.629 Stimmen oder 61,9 Prozent; er folgt auf Max Schippel, der sein Mandat niedergelegt hatte.
San Francisco: Erdbeben und Feuer

Am 18. April um 5.12 Uhr Ortszeit erschüttert ein Erdbeben San Francisco; die Feuer, die ausbrechen, wüten vier Tage. Das „Berliner Tageblatt" schreibt am 20. April: „Der Verlust an Menschenleben wird niemals genau bekannt werden, da Hunderte den Tod in den Flammen gefunden haben." Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" zählt am 21. April 200.000 bis fast 300.000 Menschen ohne Obdach und fürchtet eine Hungersnot; das „Hamburger Fremdenblatt" nennt am 22. April nach Berliner Morgenblättern, die die Zahlen „sehr gering" ansetzen, 1000 bis 2000 Tote, 5000 Verletzte, 250 Millionen Dollar Sachschaden und 300.000 Obdachlose. Der „Neckar- und Enzbote" weiß von 400 Toten in der Leichenhalle; aus Santa Rosa werden 200 Tote gemeldet, im Irrenasyl bei San José sind 120 Leichen geborgen.
Der Kaiser lässt dem Präsidenten Roosevelt durch den Botschafter in Washington, Freiherrn Speck von Sternburg, seine „tiefe und aufrichtige Teilnahme" aussprechen, einer der ersten unter den Staatsoberhäuptern.
Aus heutiger Sicht
Die damals gemeldeten Zahlen liegen weit unter dem, was die heutige Forschung annimmt: Sie schätzt die Zahl der Toten auf mehr als 3.000. Mehr als die Hälfte der rund 400.000 Einwohner wurde obdachlos.
Courrières: Deutsche Bergleute steigen in die brennenden Schächte

Am 10. März verwüstet eine Kohlenstaub- und Schlagwetterexplosion die Grube Courrières im Pas-de-Calais, rund 1.800 Mann waren eingefahren. Die Zeitungen vom 11. und 12. März wissen die Zahl der Opfer „nicht annähernd anzugeben"; die „National-Zeitung" meldet, 1.204 Arbeiter seien im Schacht eingeschlossen. Die Gesellschaft bittet den Bergbaulichen Verein in Essen um Hilfe, und am Abend des 11. März, um 11 Uhr, fährt Direktor Meyer mit Männern der Zeche Shamrock in Herne nach Lille ab; Rettungsmänner der Zeche Rheinelbe in Gelsenkirchen und weitere folgen. Mit Sauerstoffgeräten steigen sie am 12. März nachmittags im Schacht „Josephine" bei Montigny ein und bergen die Toten einer 800 Meter langen Strecke. Am 15. März ist Direktor Meyer „mit den übrigen Begleitern" zurück in Essen; am 29. März feiert Herne seine Männer unter Landrat Gerstein und Bergrat Behrens mit einem Diplom und einer Gedenktafel.
Am 30. März, nach zwanzig Tagen, werden dreizehn Überlebende von französischen Ingenieuren und Arbeitern gefunden. Sie telegraphieren am 31. März nach Herne: „Die der Gruben-Katastrophe entronnenen Bergleute danken aus vollem Herzen den deutschen Brüdern für ihre Hingebung und ihren Mut." Am 2. April spricht der Kaiser in Krefeld auf dem Kasernenhof, bei der Einweihung der neuen Kasernen, zu den „Tapferen von Courrières": „Ihr habt bewiesen, daß es über die Grenzpfähle hinaus etwas gibt, das die Völker verbindet, welcherlei Rasse sie auch seien, das ist die Nächstenliebe." Bergmeister Konrad Engel erhält den Kronenorden dritter Klasse, Direktor Meyer den Roten Adlerorden vierter Klasse, ausgezeichnet werden auch Assessor Frenzel und Brandinspektor Koch. Die zurückgelassenen deutschen Apparate, sagt der Kaiser, hätten dazu beigetragen, dass noch Lebende an die Oberfläche kamen.
Aus heutiger Sicht
Nach heutiger Zählung starben bei dem Unglück 1.099 Bergleute. Herne ist seit 1954 durch eine Städtepartnerschaft mit Beaumont verbunden, dem heutigen Hénin-Beaumont.
Der Teltowkanal wird eröffnet

Am Sonnabend, dem 2. Juni, übergibt Kaiser Wilhelm II. den Teltowkanal der Schifffahrt und befährt ihn als Erster auf der Yacht „Alexandra" an der Schleuse von Klein-Machnow. „Gestern ist … der Teltowkanal eröffnet worden", meldet die „Berliner Morgenpost" am 3. Juni; bis auf eine kurze Strecke von etwa 700 Metern ist er dem Verkehr erschlossen. Der Kanal ist 37 Kilometer lang und verbindet die Havel bei Griebnitzsee und Glienicker Lake mit der Oberspree und Dahme bei Grünau; hinzu kommen eine Zweiglinie bei Britz und der Prinz-Friedrich-Leopold-Kanal vom Griebnitzsee zum Großen Wannsee. Gebaut wurde er seit 1900 auf Anregung des Teltower Landrats Ernst von Stubenrauch, mit bis zu 2.550 Arbeitern; Häfen entstehen unter anderem in Teltow, Groß-Lichterfelde, Steglitz, Britz und Tempelhof.
Die „Wilhelmsburger Gemeindezeitung" nennt ihn am Tag der Eröffnung den ersten Kanal Europas mit elektrischer Treidelei, die Lokomotiven ziehen die Kähne. Die „Berliner Morgenpost" schreibt im Leitartikel, der Teltowkanal bedeute für Berlin eine Erweiterung seines Wirtschaftsgebietes „um etliche Quadratmeilen", und meldet unter „Terrainspekulation am Teltowkanal", dass „ein Dutzend großer Terraingesellschaften" an den Ufern auf Gelände setzt.
Das Rudolf-Virchow-Krankenhaus im Wedding wird eingeweiht

Am Nachmittag des Montags, 17. September, besichtigen Magistrat und Stadtverordnete die Anstalt, und aus dem Rundgang wird „unerwartet … eine Art Eröffnungsfeier": Oberbürgermeister Kirschner begrüßt die Gäste im Sitzungssaal des Hauptverwaltungsgebäudes, unter ihnen die Söhne Rudolf Virchows, Professor Hans und Dr. Carl Virchow. Eröffnet hat den Bau nicht der Kaiser; der habe ihn, meldet der „Vorwärts" nach dem „Berliner Tageblatt", neulich eingehend besichtigt und, so wird erzählt, gefragt: „Aber hier sind ja gar keine Fratzen?!". Aus Anlass der Fertigstellung erhält Stadtbaurat Ludwig Hoffmann den Kronenorden dritter Klasse.
Kirschner nennt in seiner Rede die Daten: Siebzehn Jahre Planung seit den ersten Entwürfen des Stadtbaurats Blankenstein im November 1889, das Grundstück 1892 erworben, Hoffmann seit dem 1. Oktober 1896 im Amt, Baubeginn am 6. Mai 1899. Die Anlage umfasst 25,7 Hektar mit 57 Bauten und 2.000 Betten und kostet 16.323.000 Mark, mit Inventar 19.068.000 Mark; ihresgleichen, sagt ein Ministerialdirektor in seiner Rede, habe sie nicht. Belegt wird zunächst mit 800 Betten ab dem 1. Oktober.
Der Simplontunnel wird eröffnet — gebaut von einem Hamburger Bauunternehmen

Am 19. Mai eröffnen in Brig der Schweizer Bundespräsident Forrer und König Viktor Emanuel III. von Italien den Simplontunnel; für die Zeit bis zum 1. Juni ist auf allen Stationen eine Festwoche geplant, am 1. Juni beginnt der Betrieb von Brig nach Iselle. Die „Berliner Morgenpost" nennt den Bau einen „Riesentunnel": Mit 19,8 Kilometern ist er der längste Tunnel der Welt. Gebaut wurde von 1898 bis 1905; der Durchschlag des Richtstollens am 24. Februar 1905 wich seitlich nur um 20,2 Zentimeter und in der Höhe um 8,7 Zentimeter ab. Wassereinbrüche und Streiks verlängerten die Bauzeit von fünfeinhalb auf siebeneinhalb Jahre; im Durchschnitt arbeiteten 3.000 Mann, meist Italiener, und 67 starben bei Unfällen.
Gebaut hat ihn das Hamburger Unternehmen Brandt & Brandau unter Karl Brandau. Die Züge fahren elektrisch, mit Drehstrom von 3.000 Volt der Firma Brown, Boveri & Cie.; die Lokomotiven sind geliehen.
Dreyfus wird vom Kassationshof freigesprochen

Am Nachmittag des 12. Juli hebt der Pariser Kassationshof, 49 Mitglieder aus allen drei Kammern unter dem Ersten Präsidenten Ballot-Beaupré, das Urteil des Kriegsgerichts von Rennes ohne Zurückverweisung auf und spricht Alfred Dreyfus von allen Anklagen frei. Berichterstatter ist Moras, Generalstaatsanwalt Baudouin, Verteidiger Mornard; im Saal sitzen die Familie Dreyfus und Oberstleutnant Picquart. Als Schreiber des Bordereau gilt Esterhazy. Die „Kölnische Zeitung" meldet am 13. Juli unter der Überschrift „Dreyfus freigesprochen" die „vollständige Haltlosigkeit der gegen Dreyfus vorgebrachten Schuldbeweise"; die „Wilhelmsburger Gemeindezeitung" und das „Leipziger Tageblatt" berichten am gleichen Tag.
Amundsen und die „Gjøa": Die Nordwestpassage ist bezwungen

Am 31. August erreicht die „Gjøa" Nome in Alaska. Aus Kopenhagen meldet am 3. September die Presse, dass Premierleutnant Godfred Hansen, der Erste Offizier, die Ankunft telegraphiert habe: Das Schiff habe die Nordwestpassage unter norwegischer Flagge durchfahren; sie war am 16. Juni 1903 von Kristiania ausgelaufen, mit Amundsen und sechs Mann Besatzung an Bord, von denen einer, Wiik, gestorben ist. Die Fahrt führte durch mehrere Überwinterungen, bei King William-Land und bei King Point, und über eine Schlittenreise nach Eagle in Alaska. Das „Großenhainer Tageblatt" schreibt am 5. September, das Unternehmen habe in erster Linie der Erforschung des Erdmagnetismus gegolten, der Beobachtung des magnetischen Nordpols.
Der Führer, Roald Amundsen, war vor der Abfahrt nach Hamburg gereist, um sich vom Physiker Georg von Neumayer in der Technik geomagnetischer Messungen unterweisen zu lassen.
Der Kaiser legt den Grundstein des Deutschen Museums in München

Am Dienstag, dem 13. November, gegen halb zehn Uhr fahren Kaiser Wilhelm II. und Prinzregent Luitpold im offenen Sechsspänner zur Kohleninsel in der Isar, die Kaiserin folgt mit Prinzessin Ludwig im zweiten Wagen. In der Festhalle spricht Bürgermeister von Borscht, dann legt der Kaiser den Grundstein des Deutschen Museums. Am Vorabend gab es ein Festmahl im Rathaussaal unter dem Protektor Prinz Ludwig, bei dem Staatssekretär Graf Posadowsky den Trinkspruch hielt, und im Hof- und Nationaltheater eine Festaufführung.
Der Gedanke stammt von Oskar von Miller, 1903; den Bau soll Gabriel von Seidl entwerfen, das Gelände stellt der Münchner Stadtrat im Erbbaurecht zur Verfügung.
Aus heutiger Sicht
Mit dem Bau wurde erst 1909 begonnen, eröffnet wurde das Museum am 7. Mai 1925.
„Kaiserin Auguste Victoria": Der neue Dampfer der Hapag und eine Schlägerei vor der ersten Ausreise

Die Hamburg-Amerika-Linie schickt im Mai ihren neuen Doppelschrauben-Postdampfer „Kaiserin Auguste Victoria" von 24.581 Registertonnen auf seine erste Fahrt von Hamburg nach New York; am 12. Mai, zehn Minuten nach Mitternacht, meldet das „Hamburger Fremdenblatt" unter den Schiffsbewegungen, ist er unter Kapitän Kopff von Cherbourg weitergefahren. An Bord gibt es ein Ritz-Carlton-Restaurant, in dem nach dem Fremdenblatt ein Harmonium von Herbst ausgestellt ist.
Vor der Ausreise geht es am Liegeplatz bei Brunshausen an der Elbe weniger gesittet zu. Das „Wilhelmshavener Tageblatt" berichtet am 11. Mai von einer Schlägerei unter Arbeitern und Besatzungsmitgliedern, ausgelöst durch einen Kistenunfall beim Laden mit italienischen Arbeitern; das „Hamburger Fremdenblatt" erfährt von zwei Deutschen, es sei um ausgetrunkenes Bier gegangen, Engländer und Amerikaner gegen Spanier, Italiener, Griechen, Türken und Holländer. Ein Engländer springt über Bord und wird vom Schlepper „Brunshausen" gerettet; wie viele zu Schaden kamen, melden die Blätter verschieden. Der „Hamburgische Correspondent" argwöhnt einen Racheakt der ausgesperrten Hafenarbeiter und streikenden Seeleute, das „Hamburger Echo" nennt das am 13. Mai eine „Lügennachricht".
Hamburgs neuer Hauptbahnhof wird eröffnet — mit Gedränge

Am 6. Dezember nimmt Hamburg seinen neuen Hauptbahnhof in Betrieb, einen Durchgangsbahnhof, der seit 1904 gebaut wurde und die verstreuten Kopfbahnhöfe der verschiedenen Bahngesellschaften ersetzt; die Bauausführung liegt bei der Preußischen Eisenbahnverwaltung. Das „Hamburger Fremdenblatt" schreibt am Eröffnungstag: „Der Hauptbahnhof war heute eine richtige Wartehalle." Züge nach Friedrichsruh müssen halten, Fahrgäste warten. Die „Bergedorfer Zeitung" spricht am 7. Dezember von Störungen, die „fast an Verwirrung grenzten"; die Verständigung mit dem Rangierbahnhof und dem Hannoverschen Bahnhof ist schwierig, die Anlagen sind zum Teil noch nicht fertig.
Der „Hamburgische Correspondent" rechnet am 8. Dezember vor, dass täglich „520 volle und 247 leere Züge" abzufertigen seien; in Altona tagen die Eisenbahnverwaltungen und erwägen Betriebsbeschränkungen. Nebenbei meldet die „Bergedorfer Zeitung", die neue Durchbruchstraße vom Hauptbahnhof zum Rathausmarkt solle „Dr. Mönckebergstraße" heißen.
Reinhardts Kammerspiele eröffnen mit „Gespenster" — Wedekinds „Frühlings Erwachen" folgt

Am Donnerstag, dem 8. November, eröffnet das Deutsche Theater seine Kammerspiele in der Schumannstraße, einen kleinen Saal, den Architekt W. Müller aus dem früheren Emberg'schen Tanzsalon gebaut hat; für Mitte Oktober war die Eröffnung angesetzt gewesen. Das Publikum sitzt nach dem Muster von Bayreuth hoch und zurückgelegt, die Presse ist erst zum 9. November gebeten, die Eröffnung findet vor geladenem Publikum statt. Die Abende gehören einem geschlossenen Verein, dessen Bezieher zu den jeweils ersten Aufführungen berechtigt sind; von acht angekündigten ersten Vorstellungen gelten nur zwei deutschen Dichtern, Wedekind und Lessings „Emilia Galotti". Edvard Munch hat im Herbst Bühnenbildentwürfe gemacht und einen Fries für das Foyer geschaffen.
Gespielt wird Ibsens „Gespenster", mit Agnes Sorma als Frau Alving, Alexander Moissi als Oswald, Max Reinhardt als Tischler Engstrand, Friedrich Kayßler als Pastor Manders und Lucie Höflich. „Die Kammerspiele des Deutschen Theaters wurden mit einer interessanten und fast durchweg meisterhaften Aufführung von Ibsens ‚Gespenstern' eröffnet", schreibt der „Hannoversche Kurier" am 10. November; der „Vorwärts" lobt die Inszenierung als hervorragend gut, findet aber, die erste Darbietung beweise „wenig für die eigenartige Bestimmung der Kammerspiele".
Als zweite Gabe folgt am 20. November Wedekinds „Frühlings Erwachen", „Eine Kindertragödie", seit 1891 gedruckt und jetzt zum ersten Mal auf der Bühne; Wedekind selbst spielt den „vermummten Herrn", und Alfred Kerr bespricht es im „Tag". Die „Tägliche Rundschau" urteilt am 23. November: „Kein Drama, wie gesagt, nur ein — Kaleidoskop der Pubertätswehen." Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt am gleichen Tag: „Er ist in diesen sechzehn Jahren nicht tiefer und nicht reifer geworden, und der Zyniker hat den Dichter vollends erwürgt."
Bilder durch den Draht: Professor Korns Fernphotographie

Der außerordentliche Professor für theoretische Physik an der Universität München, Dr. Arthur Korn, 36 Jahre alt, hat die „elektrische Fernphotographie" erfunden: Ein Film wird auf einen Glaszylinder gelegt, eine Selenzelle tastet ihn als Geber ab, der Empfänger zeichnet das Bild mit Licht auf einen Film auf, eine Synchronismus-Regelung und ein Selen-Kompensator sorgen für den Gleichlauf. Die Versuche gehen auf die Jahre 1901 und 1902 zurück, die ersten Muster entstanden 1904. Am 6. November schildert ein Berichterstatter der „Münchner Neuesten Nachrichten", wie im Laboratorium ein Film-Negativ eingelegt wird und nach knapp zwanzig Minuten das Bild des Kaisers fertig ist; Geber und Empfänger stehen im Laboratorium, durch eine Leitung verbunden, die nach dem Blatt einer Entfernung von 1.800 Kilometern entspricht. Am 13. November bietet Korn den zur Grundsteinlegung des Deutschen Museums nach München gereisten Technikern eine Vorführung an.
Im Dezember rückt die Verwertung ins Ausland: Die französische „L'Illustration", für die die Firma Jules Carpentier die Apparate baut, und die englischen „Daily Mirror" und „Illustrated London News" verhandeln, die Rechte laufen bis Juli 1909, für Deutschland behält Korn freie Hand, wie die „Münchner Neuesten Nachrichten" am 5. Dezember melden; die „Kölnische Zeitung" bringt am 14. Dezember ein Gespräch mit ihm.
Aus heutiger Sicht
Aus Korns Fernphotographie wurde die Bildtelegraphie. Schon 1907 half sie, einen Dieb aus einer Stuttgarter Bank in London zu fassen, und von 1928 an übermittelte die deutsche Polizei mit Korns Verfahren Lichtbilder und Fingerabdrücke.
Der Kaiser lässt seine Rehböcke durchleuchten

In Prökelwitz lässt Kaiser Wilhelm II. Rehböcke erlegen und untersuchen: Aus Berlin ist ein Röntgenapparat samt Dynamomaschine dorthin gesandt worden. „Der Kaiser will nämlich die Schußkanäle des von ihm erlegten Wildes durch Röntgenstrahlen feststellen lassen", meldet das „Berliner Tageblatt" am 25. Mai, und das „Hamburger Fremdenblatt" und das „Wittgensteiner Kreisblatt" wiederholen es am 27. und 30. Mai. Die Bedienung des Apparates liegt in den Händen des Stabsarztes Dr. Niehus aus Berlin. Zehn starke Rehböcke hat der Kaiser nach dem „Dresdner Journal" bis zum 28. Mai erlegt, an dem er mittags nach Danzig zum Stapellauf des Linienschiffes „Schlesien" abreist. Wie die Durchleuchtung ausfiel, verrät keine der Meldungen.
AM RANDE NOTIERT
- 17. Januar — In Hamburg legen mittags Schauerleute, Ewerführer, Speicherarbeiter, Maurer und Zimmerer die Arbeit nieder, um gegen die Wahlrechtsvorlage zu protestieren; die Straßen werden von einem Schutzmannsaufgebot abgesperrt, der Straßenbahnverkehr stockt, und der Verband der Eisenindustriellen droht denen, die gestreikt haben, mit Nichteinstellung.
- 18. Januar — Bei den britischen Unterhauswahlen sind bis Donnerstag ein Uhr morgens 171 Liberale, 27 Vertreter der Arbeiterpartei, 73 Unionisten und 50 Nationalisten gewählt, wie die „Sächsische Volkszeitung" am 19. Januar meldet. Die Auszählung geht weiter.
- 8. April — Der Vesuv, seit dem 4. April in Tätigkeit, erreicht seinen Höhepunkt; die Tätigkeit dauert bis zum 22. April. In San Giuseppe Vesuviano bei Ottajano stürzt das Gebälk der Kirche ein und erschlägt Dutzende Menschen; die Kegelspitze des Berges ist um rund 200 Meter niedriger geworden.
- 21. Mai — Der Reichstag beschließt die Diäten für seine Abgeordneten, Artikel 32 der Reichsverfassung wird geändert. „Aus dieser Fahrkartensteuer werden die Diäten bezahlt", sagt ein Redner in der dritten Lesung, wie die „Kölnische Zeitung" am 20. Mai berichtet; wer fährt, zahlt also, was die Herren Abgeordneten empfangen.
- 27. August — Ecke Linden und Neue Wilhelmstraße wird ein Schutzmann von 43 Jahren, der in der Havelberger Straße wohnt, von einem Automobil überfahren, das eine Dame steuert; er hält noch eine Droschke an, die ihn zur Charité fährt, wo man innere Verletzungen feststellt.
- 10. November — Das Polizeipräsidium genehmigt den neuen Berliner Droschkentarif, der ab 1. Januar 1907 in drei Klassen gilt: Pferdedroschken, Benzin- und Spiritusdroschken, elektrische Droschken. Die Grundtaxe der Pferdedroschke steigt von 50 auf 70 Pfennig für die ersten 800 Meter, je weitere 400 Meter kosten 10 Pfennig; die elektrische Droschke beginnt bei 80 Pfennig, die Stunde Wartezeit kostet dort 3 Mark.
- 16. November — Die Eisenbahndirektion legt die Fahrkartenstatistik der Berliner Bahnhöfe vor: Platz 1 hat die Friedrichstraße mit 7,7 Millionen Fahrkarten (im Vorjahr 6,7), dahinter folgen der Alexanderplatz mit 5,7, der Schlesische Bahnhof mit 5,5 und der Zoologische Garten mit 4,1 Millionen.
- 10. Dezember — Die „junge Witwe", von deren Raubzügen das „Berliner Tageblatt" berichtet, war nie verheiratet; sie hat über hundert Diebstähle begangen, darunter eine Brieftasche mit 17.000 Mark in Wertpapieren, und bestahl nur sonntagnachts angeheiterte alte Herren. Die versteckte Beute bei der Freundin verriet ihr kleiner Hund durch Bellen.
- 13. Dezember — Der Reichspostetat sieht als erste Rate 220.000 Mark für den Umbau des Postamts 9 am Potsdamer Bahnhof vor, der „Zentrale aller unter ‚Rosa' oder ‚Dornröschen' lagernden Liebesbriefe"; die Pakete dort sind von 233.200 im Jahre 1895 auf 473.600 im Jahre 1905 gestiegen.
- 14. Dezember — In Kiel stellt die Kaiserliche Marine ihr erstes Unterseeboot, U 1, der Germaniawerft, in Dienst; nach dem „Wilhelmshavener Tageblatt" verdrängt es 186 Tonnen, ist etwa 40 Meter lang, hat zwölf Mann Besatzung und läuft über Wasser 11, unter Wasser 9 Seemeilen in der Stunde. Der Marineetat für 1906 sah 2,5 Millionen Mark für Unterseeboote vor, der für 1907 fordert 3 Millionen; „Damit hat Deutschland seine abwartende Stellung in der Unterseebootsfrage aufgegeben", schreibt das „Wilhelmshavener Tageblatt".
WIRTSCHAFT · 1906
Das Jahr bleibt bis zum Schluss ein Jahr der Hochkonjunktur; die „Deutsche Tageszeitung" spricht am 23. Dezember von der „ausgezeichneten Lage aller industriellen Betriebe". Am 19. und 21. Mai nimmt der Reichstag in dritter Lesung die Steuerreform an, die Reichsstempelgesetz, Erbschafts-, Fahrkarten-, Zigaretten-, Tantieme- und Automobilsteuer sowie eine Erhöhung des Portos und einen Frachturkundenstempel bringt; Schülerkarten bleiben frei, Fürsten sind von der Erbschaftssteuer befreit, und „Der Beobachter" meint am 30. Mai: „Die einzige gute Steuer, die genehmigt worden ist, ist die Erbschaftssteuer." Die Fahrkartensteuer gilt seit dem 1. August, die vierte Wagenklasse und die Schülerfahrkarten sind frei, für Kinderkarten ist der halbe Stempel zu zahlen, mindestens aber 6 Pfennig; „Die Fahrkartensteuer hielt gestern ihren Einzug ins Deutsche Reich", schreibt die „Berliner Volkszeitung" am 2. August. Im August sagen sieben Berliner Firmen den streikenden Kohlenarbeitern 45 Pfennig Stundenlohn, den Zehnstundentag und 50 Pfennig für Überstunden zu.
Am Jahresende wird das Geld knapp: Die Reichsbank erhöht am 18. Dezember den Diskont von 6 auf 7 Prozent, den Lombardzinsfuß von 7 auf 8 Prozent, zum ersten Mal seit Januar 1900; Reichsbankpräsident Koch begründet das mit der „außerordentlichen Verschlechterung des Status" im Ausweis vom 15. Dezember. Bankierdepeschen aus London, auch die Bank von England gehe auf 7 Prozent, erschrecken am 18. Dezember die Berliner Börse, doch die Bank von England erhöht nicht, wie die „Berliner Morgenpost" am 19. Dezember berichtet; das „Auer Tageblatt" schreibt am 21. Dezember: „Das Bargeld ist rarer denn je geworden". Die „Deutsche Tageszeitung" erinnert am 23. Dezember daran, dass 1899 bei 7 Prozent Reichsbankdiskont in kurzem der Rückschlag in der Konjunktur erfolgt sei. Der Jahresdurchschnitt des Reichsbankdiskonts liegt bei 5,149 Prozent (1900: 5,333).
Der Preisspiegel:
- Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,27 Mark
- Weizenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,45 Mark
- Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,50 Mark
- Rindfleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,54 Mark
- Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,69 Mark
- Kartoffeln (100 kg, Berlin, Jahresmittel) — 4,29 Mark
- Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
- Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Einheitstarif) — 10 Pfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1906
Der Streich von Köpenick beschäftigt in den Tagen nach dem 16. Oktober Blätter aller Richtungen. Zuerst das liberale „Berliner Tageblatt":
„Man kann sich denken, daß der Handstreich von Köpenick für den oft gerühmten Berliner Volkswitz ein ‚gefundenes Fressen' ist." — Berliner Tageblatt, 18. Oktober 1906
Dann der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie:
„Mag die konservative Presse sich noch so sehr bemühen, die symptomatische Bedeutung des Köpenicker Geniestreiches für den Geist des Militarismus und die öffentlich-rechtlichen Zustände in Preußen abzuschwächen, sie schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß der Junkerstaat Preußen sich wieder mal mit dem Fluch der Lächerlichkeit belastet hat." — Vorwärts, 19. Oktober 1906
Zuletzt die nationalliberale „National-Zeitung", die unter der Überschrift „Ein militärisches Urteil" eine Zuschrift „von militärischer Seite" abdruckt:
„Sein ganzes Vorgehen sowie die Art der Verhaftung und Entführung des Bürgermeisters widersprechen derartig den militärischen Bestimmungen, daß es unbegreiflich erscheint, wie der Schwindler in der Lage war, seinen ungeheuerlichen Plan durchzuführen, um so unbegreiflicher, als der Bürgermeister Dr. Langerhans Reserveoffizier ist und demgemäß doch zweifellos die wichtigsten militärischen Bestimmungen über Verhaftung und Transport von Gefangenen kennt." — National-Zeitung, 18. Oktober 1906
SPORT · 1906
Das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft wird am Sonntag, dem 27. Mai, ausgetragen: Der VfB Leipzig, der Leipziger „Verein für Bewegungsspiele", schlägt den Ersten Pforzheimer Fußballklub mit 2:1. Das „Leipziger Tageblatt" berichtet am 28. Mai, dass Leipzig in der 16. Minute in Führung ging, Pforzheim in der 21. Minute ausglich und ein Elfmeter für Leipzig von Blüher verschossen wurde. Im Halbfinale hatten die Leipziger den Berliner FC Norden-Nordwest bezwungen; Blüher ist mit vier Toren der beste Schütze des Wettbewerbs.
In Athen werden vom 22. April bis zum 2. Mai Olympische Spiele abgehalten. Das erste Gordon-Bennett-Ballonrennen beginnt am 30. September in Paris; es gewinnt der Amerikaner Frank P. Lahm mit seinem Begleiter Henry Hersey, die mehr als 640 Kilometer bis zur Nordostküste Englands zurücklegen. In Berlin fährt das Kaiserpaar Anfang Juni im Automobil zum Concours hippique auf der Rennbahn Westend, dessen Protektor der Kronprinz ist.
MODE · 1906
Im Herbst betont die Berliner Frauenmode die weibliche Körperform, das enge „Prinzeßunterkleid" gilt, wie das „Hohenstein-Ernstthaler Tageblatt" am 7. Oktober berichtet. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" zeigt am 20. September „Von den Herbstmoden" weiße Tuchkleider mit rotbraunem Samt, bunten Kaschmir als Nachahmung der Fichus und Schals der Biedermeierzeit und über weißen Tuchkostümen lange Paisley-Schals; für den Winter, schreibt die „National-Zeitung" am 20. Oktober, sind weite, herabfallende Ärmel und Pelzjäckchen aus Hermelin zu erwarten.
Der Hut bleibt umstritten: „Jetzt hat wieder der große Hut den Sieg errungen. Vorläufig ist der Schäferhut maßgebend", schreibt die „Wilhelmsburger Gemeindezeitung" am 22. September, nachdem im Frühjahr einstimmig der kleine Hut erklärt worden war. Die Berlinerin trägt den Strohhut bis in den November, die Form ist „klein oder riesengroß" noch unentschieden, wie der „General-Anzeiger" in Dortmund am 6. November meldet. Die Herren sollen im Frühjahr 1907 steife Hüte tragen, so hat es der Verein der deutschen Hutindustrie beschlossen („Das deutsche Blatt", 13. November); in England trägt man nach dem Vorbild König Eduards den dunkelgrünen Tiroler Filzhut. Aus Paris melden die Blätter Hüte mit Hahnenfedern und die Furcht vor der Rückkehr der Krinoline.
KULTUR · 1906
Am 19. Januar bringt das Berliner Lessingtheater Gerhart Hauptmanns Märchendrama „Und Pippa tanzt!" in vier Akten zur Uraufführung, mit der sechzehnjährigen Ida Orloff als Pippa und Rudolf Rittner als Huhn.
Am Sonntag, dem 27. Mai, erklingt im Schlusskonzert des 42. Tonkünstlerfestes des Allgemeinen Deutschen Musikvereins in Essen die Sechste Sinfonie von Gustav Mahler zum ersten Mal. Das „Leipziger Tageblatt" spricht am 29. Mai von einem in der sinfonischen Literatur „bisher noch nicht gekannten Aufwand von Schlagzeugen", das „Hamburger Fremdenblatt" nennt sie „das eigentliche Hauptereignis". Zuvor spielt das Orchester unter Richard Strauss Mozarts Maurerische Trauermusik für den plötzlich verstorbenen Essener Oberbürgermeister Zweigert.
In der Nationalgalerie in Berlin zeigt die Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1775 bis 1875 über 2.000 Bilder und mehr als 3.000 Zeichnungen; alle Räume der Nationalgalerie und vier Räume des Neuen Museums sind belegt. Die Ausstellung ordnen Hugo von Tschudi und Woldemar von Seidlitz, mitgewirkt hat Julius Meier-Graefe. Anfang Juni besichtigt der Kaiser den babylonischen Schuppen der Königlichen Museen.
KINO & FUNK · 1906
Die Kinematographen-Theater werden Alltag. In Mannheim öffnet am 9. Juni das erste, getragen von der Allgemeinen Kinematographen-Theater-Gesellschaft m.b.H.; in Hamburg brennt, wie das „Hamburger Fremdenblatt" am 12. Juni meldet, ein Kinematographen-Theater am Alten Steinweg 15, und der Film verbrennt teilweise. Bei Berlin wird, so die „Berliner Neuesten Nachrichten" am 11. Juli, das Thielsche Kinematographen-Theater in Adlershof von Randalierern mit Steinen beworfen, der Rädelsführer festgenommen. Oskar Messter in der Berliner Friedrichstraße liefert seit 1896 Filmprojektoren und hat ein eigenes Atelier; für seine Tonbilder, bei denen zum Film die Schallplatte läuft, singt Oskar Braun 1906 das Kussduett aus dem „Mikado".
Auch die Funkentelegraphie rückt voran. Bei Nauen pachtet der Telefunken-Ingenieur Richard Hirsch am 1. April 40 Hektar; im August geht die Großfunkstelle mit einem hundert Meter hohen Stahlfachwerkmast, einer Schirmantenne und einem Knallfunkensender in Versuchsbetrieb. Anfang Oktober tritt in Berlin die Internationale Konferenz für Funkentelegraphie zusammen; ein Privattelegramm aus Rom meldet am 5. Oktober „wenig Aussicht auf Erfolg" wegen der ablehnenden Haltung Englands und Frankreichs, das deutsche offiziöse Bureau dagegen erklärt, die Verhandlungen hätten „einen flotten Fortgang genommen". Am 23. Oktober ehrt der Elektrotechnische Verein die Konferenz mit einer Festsitzung vor etwa hundert Mitgliedern; der Ingenieur Poulsen aus Kopenhagen spricht über ungedämpfte elektrische Wellen, Unterstaatssekretär Sydow ist zugegen.
GESTORBEN · 1906
- Christian IX. (87), König von Dänemark seit 1863 — 29. Januar, Kopenhagen.
- Eugen Richter (67), Führer der Freisinnigen Volkspartei — 10. März, Groß-Lichterfelde bei Berlin.
- Pierre Curie (46), französischer Physiker und Nobelpreisträger — 19. April, Paris.
- Henrik Ibsen (78), norwegischer Dramatiker — 23. Mai, Kristiania.
- Ludwig Boltzmann (62), österreichischer Physiker — 5. September, Duino.
- Albrecht Prinz von Preußen (69), Generalfeldmarschall, seit 1885 Regent des Herzogtums Braunschweig — 13. September, Schloss Kamenz in Schlesien.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1906
- Ein Erbe für die Stadt (23. August, Halensee). Fräulein Emilie Menke, die am 11. Juni in Halensee gestorben ist, hat die Stadt Berlin zur Universalerbin eingesetzt; der Nachlass wird auf 200.000 bis 300.000 Mark geschätzt, darunter 20.000 Mark als Legat für die Tierschutzstiftung deutscher Lehrer, und die Zinsen sollen hilfsbedürftigen Einwohnern zugutekommen.
- Hundertster Geburtstag (23. August, Berlin). In der Luckenwalder Straße feiert die Witwe eines Geheimen Rechnungsrats ihren 100. Geburtstag, die „wohl älteste Berlinerin".
- „Schnapp" ist wieder da (1. Mai, Frankfurt am Main). Der Dackel des Kaisers, bei einer Feldbergtour unweit Homburg vor der Höhe abhandengekommen, ist von der Polizei in Frankfurt am Main wieder aufgegriffen worden, wie das „Berliner Tageblatt" meldet.
- Weißes Weihnachten (27. Dezember, Müggelsee). Anhaltender Frost überzieht die Fläche des Müggelsees mit einer Eisbahn, in der Nacht fällt starker Schneefall, „ganz Berlin im Schnee", die künstlichen Eisbahnen sind überfüllt, und die Grunewaldseen sind voller Eisläufer.
DAS WETTER · 1906 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 17,9 °C, das Minimum lag bei 11,2 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 14,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fielen 7,5 mm Regen — ein kühler, verregneter Hochsommertag.
Der heißeste Tag des Jahres war der 3. August mit 33,1 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 23. Dezember mit −12,8 °C, kurz vor dem Weihnachtsfrost, der die Berliner aufs Eis lockte. Dahlem zählte 66 Frosttage und 17 Eistage, dazu 42 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 7 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 597,8 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,5 °C, das Tagesminimum 6,6 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1906
Amtliche Verkaufscharts gibt es im Deutschen Reich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten und Berliner Revuen, die 1906 aufgeführt wurden, und auf Schallplattenaufnahmen des Jahres 1906. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 9 Titel belegen, die bis einschließlich 1906 entstanden und für die auch eine Aufführung oder Aufnahme im Jahr 1906 nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.
- Die lustige Witwe (Operette; „Vilja-Lied", Maxim-Lied) — Musik: Franz Lehár; Uraufführung 30. Dezember 1905, Theater an der Wien; 1906 inszeniert Max Monti sie am Berliner Theater, danach am Theater des Westens; Aufnahmen 1906: „Vilja-Lied" (Mizzi Günther, Gramophone), „Vilja-Lied" (Philla Siegmann-Wolff, Odeon, Wien), „Vilja-Lied" (Vilma Conti, Edison-Zylinder, Berlin), „Der kleine Pavillon" und „Sie ist eine anständige Frau" (Karl Streitmann, Odeon)
- Der Teufel lacht dazu! (Jahresrevue des Metropol-Theaters Berlin; Kasino-Lied, „Der Volkszähler", „Der Teufel ist nicht mehr so schofel", Tanzhusar) — Musik: Victor Hollaender, Text: Julius Freund; Metropol-Theater Berlin 1906; Aufnahmen 1906: „Der Volkszähler" (Henry Bender, Gramophone, Orchester unter Leitung des Komponisten), „Casino-Lied" (Emil Justitz) und „Der Teufel ist nicht mehr so schofel" (Josef Giampietro), beide Odeon, September 1906; „Kasinolied" (Arno, Zonophone)
- Künstlerblut (Operette; „Gassenbubenlied", „Lachlied", Entréelied der Nelly) — Musik: Edmund Eysler, Libretto: Leo Stein und Karl Lindau; Uraufführung 20. Oktober 1906, Carltheater Wien; Aufnahmen 1906 mit der Uraufführungsbesetzung (Mizzi Zwerenz, Alexander Girardi; Gramophone, Leitung Eysler), darunter „Gassenbubenlied"
- Die Schützenliesel (Operette; „Mutterl-Lied", Auftrittslied des Blasius „Keine Angst") — Musik: Edmund Eysler, Text: Karl Lindau; 1905; Aufnahmen 1906: „Keine Angst" (Rudolf Seibold, Odeon), „Mutterl-Lied" (Jaques Rotter, Favorite)
- Die Juxheirat (Operette; Duett „Er und Sie") — Musik: Franz Lehár, Libretto: Julius Bauer; Uraufführung 22. Dezember 1904, Theater an der Wien; Aufnahme „Er und Sie" (Oskar Braun, Favorite)
- Die Fledermaus (Operette, Repertoire; Uhren-Duett) — Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 5. April 1874, Theater an der Wien; „Uhren-Duett" (Philla Siegmann-Wolff, Oskar Braun, Odeon, Januar 1906)
- Der Zigeunerbaron (Operette, Repertoire; „Ja, das alles auf Ehr'", „Wer uns getraut") — Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 24. Oktober 1885, Theater an der Wien; Aufnahmen 1906: „Ja, das alles auf Ehr'" (Karl Streitmann, Favorite), „Wer uns getraut" (Siegmann-Wolff und Braun, Odeon; Streitmann und Noris, Favorite)
- Der Mikado (Operette, deutsch, Repertoire; Kussduett, Liebesduett) — Musik: Arthur Sullivan, Text: W. S. Gilbert; Uraufführung 1885; Aufnahmen 1906: „Kussduett" (Oskar Braun, Gramophone für Messters Projection, Tonbild Nr. 47), „Liebesduett" (Gisela Noris, Karl Streitmann, Favorite)
- Die schöne Galathée (komische Operette, Repertoire; Pygmalion-Arie) — Musik: Franz von Suppé; Uraufführung 30. Juni 1865, Meysels Theater Berlin; Aufnahme „Preghiera des Pygmalion" (Karl Streitmann, Favorite)