DER CHRONIST
Im Januar schlug der Bülow-Block die Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl, im Mai erhielt das Reich sein eigenes Kolonialamt, im August tagte in Stuttgart die Internationale, und im Oktober sprachen die Gerichte in Moabit über Harden und in Leipzig über Liebknecht. Im November stieg der Reichsbankdiskont auf eine Höhe, die die Bank noch nie gesehen hatte. Wer die Zeitung dieses Jahres liest, findet Wahlnächte, Eröffnungen und Unglücksfälle nebeneinander.
„Hottentottenwahl": Der Bülow-Block siegt, die Sozialdemokraten verlieren fast die Hälfte ihrer Sitze

Anlass ist der Krieg in Deutsch-Südwestafrika. Am 2. August 1906 hatte die Reichsregierung einen Nachtragshaushalt von 29 Millionen Mark dafür beantragt; am 13. Dezember 1906 lehnt der Reichstag ihn mit 177 gegen 168 Stimmen ab, Zentrum und Sozialdemokraten stimmen dagegen. Noch am selben Tag löst Reichskanzler von Bülow auf Verordnung Wilhelms II. den Reichstag auf. Der Wahlkampf steht im Zeichen der Kolonien: Konservative, Nationalliberale und die drei linksliberalen Parteien — Freisinnige Volkspartei, Freisinnige Vereinigung und Deutsche Volkspartei — verbinden sich durch Stichwahlabkommen zum Bülow-Block, Hauptgegner sind die Sozialdemokratie und das Zentrum, das als national unzuverlässig gilt; der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie unterstützt den Block. Die Hauptwahl am 25. Januar bringt mit 84,7 Prozent die höchste Wahlbeteiligung, die das Reich bisher erlebt hat (1903: 76,1 Prozent); die Stichwahlen folgen Anfang Februar.
Die Sozialdemokraten werden mit 3.259.029 Stimmen oder 28,9 Prozent nach Stimmen weiterhin die stärkste Partei, haben sogar eine Viertelmillion Stimmen mehr als 1903 — und erhalten doch nur 43 statt 81 Sitze. Die Stichwahlabkommen der Blockparteien haben gegen sie gewirkt. Das Zentrum gewinnt Sitze und kommt auf 105, bleibt aber vom Block ausgeschlossen; die Deutschkonservativen halten 60 Sitze, die Reichspartei 24, die Nationalliberalen 54, die Linksliberalen zusammen 49. Der Block bringt es unter Einschluss einiger kleiner Parteien und fraktionsloser Abgeordneter auf 220 von 397 Sitzen. Zum Präsidenten des Reichstags wird Udo Graf zu Stolberg-Wernigerode gewählt, einer der Vizepräsidenten ist Johannes Kaempf von der Freisinnigen Volkspartei.
In Berlin gewinnt die Sozialdemokratie fünf der sechs Wahlkreise schon im ersten Wahlgang, mit 66,2 Prozent der gültigen Stimmen (251.215 von 379.373) bei einer Wahlbeteiligung von 77,4 Prozent; die Linksliberalen erreichen 23,2 Prozent. Gewählt sind Richard Fischer, Wolfgang Heine, Paul Singer, Robert Schmidt und Georg Ledebour; im ersten Wahlkreis gewinnt Johannes Kaempf den Sitz für die Freisinnige Volkspartei. Im größten Wahlkreis des Reichs, Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg, siegt Fritz Zubeil, in Niederbarnim-Lichtenberg Arthur Stadthagen, beide für die Sozialdemokraten.
In der Nacht zum 26. Januar zieht eine Menge Unter den Linden zum Reichskanzlerpalais, ruft Hochs auf Bülow, singt „Heil dir im Siegerkranz" und strebt weiter zum Schloss; an der Schlossbrücke stellt sich ihr ein starkes Polizeiaufgebot in den Weg. Vor dem Kronprinzenpalais erscheint die Kronprinzessin am Fenster und verneigt sich vor der singenden Menge. Das „Berliner Tageblatt" meldet am 27. Januar, die „Mißgriffe der Berliner Polizei in der Wahlnacht" erführen jetzt auch offiziell eine deutliche Verurteilung: Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" spricht von einem „bedauerlichen Zwischenfall", bei dem Wähler vor dem Palais des Kronprinzen angeblich mit blanker Waffe und unter Verhaftungen auseinandergedrängt worden seien. Der Reichskanzler, so das Blatt, sei mit dem Minister des Innern einig in der Missbilligung; der Minister habe eine eingehende Untersuchung eingeleitet.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Sachsen-Altenburg (Landtag), 19. März — Sitze von 30: SPD 3.
- Bayern (Kammer der Abgeordneten), 31. Mai — Sitze von 163: Zentrum 98, Liberale 25, SPD 20, Bauernbund 7, Bund der Landwirte 6, Konservative 6, ein Fraktionsloser. Es ist die erste Wahl nach dem Landtagswahlgesetz vom 9. April 1906 mit direkter Wahl; die Beteiligung liegt bei 72,9 Prozent, die SPD hatte zuvor 11 Sitze. Ministerpräsident von Podewils bleibt im Amt.
- Sachsen (Zweite Kammer, Ergänzungswahl eines Drittels), September — Zusammensetzung danach, Sitze von 82 nach dem Dreiklassenwahlrecht von 1896: Konservative 46, Nationalliberale 31, Freisinnige 3, Reformpartei 1, SPD 1. Der Landtag wird am 17. Oktober eröffnet.
- Reuß jüngerer Linie (Landtag), 30. September — Sitze von 16: Nationalliberale 4; die Sozialdemokraten gewinnen Sitze.
- Lübeck (Bürgerschaft), 17. November — Sitze von 120: SPD 8, Bürgerliche 112. Die SPD hatte 1905 vier Sitze.
- Hamburg (Bürgerschaft, Teilwahl der Hälfte), 1907 — Sitze von 160: Rechte 43, Linke 37, Linkes Zentrum 37, Vereinigte Linke 23, SPD 19, ein Sonstiger. Es ist die erste Wahl nach der Wahlrechtsänderung vom März 1906, die mit einem zusätzlichen Steuerzensus gegen die SPD gerichtet ist; Nationalliberale und Konservative kommen auf 40,1 Prozent der Stimmen, die SPD auf 39,8, die Linksliberalen auf 20,1.
Aus heutiger Sicht
Der Block hielt nicht lange: 1909 trat Bülow zurück, und das Bündnis zerbrach. Bei der Reichstagswahl vom 12. Januar 1912 wurde die Sozialdemokratie stärkste Fraktion.
Harden gegen Moltke: Beleidigungsprozess vor dem Schöffengericht in Moabit

Der bisherige Berliner Stadtkommandant Kuno Graf von Moltke, der nach den Vorwürfen sein Amt aufgegeben hat, klagt wegen Beleidigung gegen Maximilian Harden, den Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft", in der seit 1906 Hardens Artikel zu der Angelegenheit erscheinen. Harden hatte eine Duellforderung abgelehnt; die Staatsanwaltschaft sah kein öffentliches Interesse, und so erhebt Moltke Anfang Juni Privatklage. Am 3. Mai war der Kaiser mit den Vorwürfen bekannt gemacht worden, es folgten Suspendierungen und eine breite Berichterstattung der Presse.
Vom 23. bis zum 29. Oktober verhandelt das Schöffengericht im Kriminalgericht Moabit. Harden wird vom Münchner Anwalt Max Bernstein vertreten; unter den Zeugen ist Lily von Elbe, die geschiedene Frau Moltkes. Am Vormittag des 29. Oktober wird Harden freigesprochen. Die „Berliner Morgen-Zeitung" schreibt am nächsten Tag, das Urteil habe keine Überraschung gebracht, da die fast allgemeine Annahme sich bestätigt habe; das „Echo der Gegenwart" in Aachen mag die Begründung des Spruchs nicht begreifen.
Damit ist die Sache nicht erledigt. Am 29. November spricht Kriegsminister von Einem im Reichstag über die Angelegenheit der Offiziere. Im Dezember wird das Urteil aufgehoben, und ab dem 19. Dezember wird der Prozess von neuem verhandelt.
Aus heutiger Sicht
Das zweite Verfahren endete am 3. Januar 1908 mit der Verurteilung Hardens. 1908 folgte der Meineidprozess gegen den Fürsten Eulenburg, und 1909 ging die Affäre zu Ende.
Dernburg und das neue Reichskolonialamt — der Kriegszustand in Südwestafrika ist aufgehoben

Aus dem Streit um die Kolonien, der die Wahl entschied, erwächst im Frühjahr eine eigene Behörde. Auf Grund einer kaiserlichen Order vom 17. Mai verkündet der Reichsanzeiger am 18. Mai, dass die bisher mit dem Auswärtigen Amt verbundene Kolonialabteilung nebst dem Oberkommando der Schutztruppen fortan eine besondere, dem Reichskanzler unmittelbar unterstellte Zentralbehörde unter dem Namen Reichskolonialamt sein soll. Erster Staatssekretär wird Bernhard Dernburg, der Bankier, der die Kolonialabteilung seit dem 10. September 1906 geleitet hat; die „Berliner Morgenpost" überschreibt ihre Meldung vom 19. Mai mit dem Wort „Es ist erreicht!".
Dernburg betreibt Disziplinarverfahren gegen Kolonialbeamte, darunter den Gouverneur von Puttkamer, und ist der erste hohe Kolonialbeamte, der sich die Schutzgebiete an Ort und Stelle ansieht: 1907 reist er nach Deutsch-Ostafrika, nach Dar es Salaam.
Schon am 31. März hat ein kaiserlicher Erlass den Kriegszustand in Deutsch-Südwestafrika aufgehoben. Ein evangelisches Blatt nennt das „eine rechte Osterbotschaft: Sieg und Friede!"; das „Wilhelmshavener Tageblatt" merkt an, dass eine erhebliche Truppenzahl im Schutzgebiet bleibe.
Aus heutiger Sicht
Der Krieg gegen die Herero und Nama, damals ein „Aufstand" genannt, wird in der heutigen Geschichtsschreibung als Völkermord eingeordnet. Dernburg trat 1910 von seinem Amt zurück.
Zweite Haager Friedenskonferenz: Koreas Gesandte werden abgewiesen, der Kaiser dankt ab

Vom 15. Juni bis zum 18. Oktober tagen im Haag Vertreter von 44 Staaten. Auf Abrüstungsschritte einigen sie sich nicht; eine verbindliche Schiedsgerichtsbarkeit scheitert am Erfordernis der Einstimmigkeit, abgelehnt wird sie unter anderen vom Deutschen Reich, von Österreich-Ungarn und der Türkei. Beschlossen werden unter anderem die Haager Landkriegsordnung in neuer Fassung und weitere Abkommen, insgesamt dreizehn.
Am Rande der Konferenz spielt sich das Schicksal Koreas ab. Kaiser Gojong schickt drei Geheimgesandte, Yi Jun, Yi Sang-seol und Yi Wi-jong, die erklären sollen, dass der Vertrag von 1905, der Korea unter japanischen Schutz stellt, ungültig sei. Zur Konferenz werden sie nicht zugelassen; Yi Wi-jong spricht am 8. Juli vor dem „Internationalen Zirkel". Japan zieht die Folgen: Am 3. Juli trifft Itō Hirobumi den Kaiser, und am 19. Juli meldet Reuters aus Söul, der Kaiser habe in einem Erlass seine Abdankung nach 44jähriger Regierungszeit kundgetan. Das „Neue Tagblatt" schreibt, die Entsendung der Abordnung nach dem Haag habe den Kaiser von Korea die Krone gekostet. Nachfolger ist der Kronprinz Sunjong.
Erdbeben von Kingston auf Jamaika

Am Montag, dem 14. Januar, gegen halb vier Uhr nachmittags Ortszeit zerstört ein Erdbeben die Hauptstadt der britischen Insel Jamaika. Kein Gebäude in Kingston bleibt unbeschädigt, Brände breiten sich aus, und die Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen hundert und anderthalbtausend; die „Berliner Morgen-Zeitung" meldet am 18. Januar nach Nachrichten aus St. Thomas 1000 Tote, 90.000 Obdachlose und einen Schaden von 10 Millionen Dollar. Die Telegraphenverbindung ist zunächst abgeschnitten, und der „General-Anzeiger" in Dortmund kann am 17. Januar nach Meldungen aus New York berichten, die Katastrophe scheine nicht so schwere Verwüstungen angerichtet zu haben, wie man im ersten Schrecken befürchtete.
Die Hilfe kommt vom Meer: Der Dampfer „Port Kingston" dient als Notlazarett, und am 17. Januar setzen die amerikanischen Kriegsschiffe „Indiana", „Missouri" und der Zerstörer „Whipple" Mannschaften und Vorräte an Land. Dass der Gouverneur Swettenham das Hilfsangebot des amerikanischen Admirals Davis ablehnt, führt zu einem diplomatischen Zwischenfall, den die „Wittener Volks-Zeitung" Ende Januar als abgeschlossen bezeichnet.
Explosion auf Grube Reden im Saarrevier

Am Montag, dem 28. Januar, gegen halb acht Uhr morgens erschüttert eine Schlagwetterexplosion, auf die eine Kohlenstaubexplosion folgt, die preußische Grube Reden im Saarrevier; sie trifft den Flözbereich Thiele und den Bildstockschacht. Ein Grubenbrand zwingt zum Abbruch der Hilfsversuche. Die ersten Meldungen sind uneins, und das „Hamburger Fremdenblatt" stellt am 30. Januar fest, sie widersprächen sich „sowohl über die Zahl der Opfer wie über die Anzahl der Bergleute"; es zieht den Vergleich mit Courrières. Die „Wittener Volks-Zeitung" meldet am 31. Januar unter der Überschrift „163 Tote": 148 Tote sind zutage gefördert, von 24 Verletzten starben im Neunkircher Lazarett bis Dienstag abend 15, der Gesamtverlust beträgt damit 163.
Das Unglück bewegt auch das Ausland: Der Kaiser dankt dem französischen Präsidenten Fallières telegraphisch für sein Beileid, und der Papst spricht dem Kaiser sein Beileid aus.
Hochverratsprozess gegen Karl Liebknecht vor dem Reichsgericht in Leipzig

Der Berliner Rechtsanwalt Karl Liebknecht, 36 Jahre alt, steht wegen seiner Schrift „Militarismus und Antimilitarismus", die im Frühjahr aus dem Kreis der sozialdemokratischen Jugend erschienen ist, unter der Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat. Vor dem Reichsgericht in Leipzig verhandelt der Senat unter dem Präsidenten Ludwig Treplin am 9., 10. und 12. Oktober. Vertreten wird er unter anderen von Hugo Haase; vor Gericht legt Liebknecht selbst ausführlich seine Ansichten dar.
Am 12. Oktober ergeht das Urteil: Das Gericht erkennt auf Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens und bestraft Liebknecht mit Festungshaft von einem Jahr und sechs Monaten; die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten zur Last. Es sieht keine „ehrlose Gesinnung", verhängt also Festung statt Zuchthaus. Der Kaiser wird telegraphisch unterrichtet, das schriftliche Urteil wird am 7. November zugestellt. Schon Ende August hatte die Internationale Jugendkonferenz in Stuttgart Liebknecht zum Vorsitzenden des Verbindungsbüros gewählt.
Aus heutiger Sicht
Der Prozess machte Liebknecht bei den Berliner Arbeitern zu einem bekannten Namen. 1908 wurde er, noch während seiner Haft, in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt.
Internationaler Sozialistenkongress in Stuttgart

Der siebente Kongress der Internationale tritt in Stuttgart zusammen, in der Liederhalle; gewählt wurde die württembergische Stadt statt Berlins, weil dort ein liberaleres Klima herrscht. Schon am 17. August beginnt die erste Internationale Konferenz der sozialistischen Frauen, der eigentliche Kongress folgt am 18. und dauert sieben Tage. 884 Delegierte aus 25 Ländern sind erschienen; auf dem Cannstatter Wasen versammeln sich am 18. August rund 60.000 Menschen zu einem Massenmeeting. Am 24. und 25. August tagt außerdem die Internationale Jugendkonferenz.
Die Beratungen gelten dem Frauenstimmrecht, über das Clara Zetkin berichtet, dem Krieg und den Kolonien. In der Kriegsfrage einigt man sich auf eine Entschließung, die verlangt, durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch eines Krieges zu verhindern; ein Zusatz stammt von Lenin, Rosa Luxemburg und Martow. In der Kolonialfrage hält Karl Kautsky eine Rede, die Entschließung verurteilt die „barbarischen Methoden der kapitalistischen Kolonisation".
Die ersten Frauen im Parlament — Finnland wählt

Im Großfürstentum Finnland wählt das Volk am 15. und 16. März ein neues Parlament mit einer Kammer und 200 Abgeordneten, und zwar nach dem Wahlgesetz vom 20. Juli 1906: allgemein und gleich für alle ab 24 Jahren, und Frauen sind erstmals in Europa nicht nur wahl-, sondern auch wählbar. Der Generalstreik vom Oktober und November 1905 hatte den Zaren zur Zusage eines Parlaments gezwungen. Die „National-Zeitung" berichtet am 19. März von 1,4 Millionen Wählern; in vielen Fällen seien Frauen als Kandidaten aufgestellt, und die weiblichen Wähler übten das Recht voraussichtlich in größerem Umfang aus als die Männer.
Die Wahlbeteiligung beträgt 70,7 Prozent, die Sozialdemokraten sind die Sieger. 19 Frauen werden gewählt, unter ihnen Hilja Pärssinen, Alexandra Gripenberg und Lucina Hagman. Am 23. Mai tritt das Parlament in Helsingfors zum ersten Mal zusammen, am 25. Mai wird es feierlich eröffnet.
Das Kaufhaus des Westens öffnet

Am Mittwoch, dem 27. März, öffnet an der Tauentzienstraße am Wittenbergplatz das Kaufhaus des Westens. „Der Reichsbote" hatte am 24. März gemeldet, dass der neue Warenpalast am Freitag geladenen Gästen zur Vorbesichtigung geöffnet worden sei; die Kölnische Zeitung schreibt, das Haus liege im Mittelpunkt dessen, was man den neuen Westen von Berlin nenne, „eigentlich auf Charlottenburger Gebiet", und der Bau habe nicht ganz anderthalb Jahre gedauert.
Bauherr ist Adolf Jandorf, der bis 1905 schon sechs einfachere Warenhäuser in Berlin eingerichtet hat; Architekt ist Johann Emil Schaudt. Der fünfgeschossige Eisenbetonbau mit seiner Fassade aus fränkischem Muschelkalk bietet rund 24.000 Quadratmeter Verkaufsfläche auf einem Grundstück von 7.687,91 Quadratmetern und 120 Abteilungen; den Innenausbau leitete Franz Habich, die Täfelung ist australisches Moaholz. Der Name meint den neuen Westen Berlins; Straßenbahn und der Bahnhof Wittenbergplatz der Hochbahn führen die Kundschaft heran. Das Haus tritt gegen Wertheim an der Leipziger Straße, dessen Warenhaus dort 1897 eröffnet wurde, und gegen Tietz an.
Hotel Adlon am Pariser Platz eröffnet

Das Hotel am Pariser Platz, Unter den Linden 1, ist das Werk des Mainzer Gastwirts Lorenz Adlon. 1905 kaufte er zwei Grundstücke, für den Bau musste 1906 das Palais Redern von Schinkel weichen, was der Kaiser genehmigte und was öffentliche Proteste auslöste; Wilhelm II. unterstützte das Vorhaben und unterzeichnete am 14. Mai 1905 den gewählten Entwurf.
Am Vormittag des 24. Oktober besichtigt das Kaiserpaar mit den Prinzen Adalbert und August Wilhelm und der Prinzessin Viktoria Luise den Bau, am Abend desselben Tages findet die Eröffnungsfeier mit Einladungen an Künstler, Behörden und Presse statt, bei der Adlon ein Hoch auf den Kaiser ausbringt. Dem Publikum übergeben wird das Haus am 25. und 26. Oktober.
Die Zeitungen melden Zahlen: Der Neubau hat 260 Zimmer und 110 Bäder, das angekaufte frühere Hotel Reichshof kommt mit 45 Zimmern hinzu, zusammen 305 Zimmer; die Kosten betragen 17 Millionen Mark in anderthalb Jahren. Ein Fürstenzimmer kostet 50 Mark am Tag, ein einfaches Zimmer von 6 Mark an. Das Haus hat seine eigene Stromversorgung und fließendes warmes Wasser, und die Gäste rufen die Bedienung durch „lautlose Sichtsignale" statt durch Klingeln.
Peking–Paris: Fürst Borghese erreicht Berlin

Die Pariser Zeitung „Le Matin" hatte am 31. Januar gefragt, ob jemand in diesem Sommer im Automobil von Peking nach Paris fahre. 40 Anmeldungen gehen ein, doch nur fünf Wagen erreichen Peking. Am 10. Juni um 8 Uhr geht es von der französischen Gesandtschaft aus los, über die Mongolei, Irkutsk, Omsk, Kasan, Moskau, St. Petersburg und Berlin nach Paris, rund 16.000 Kilometer.
Zuerst am Ziel ist Fürst Scipione Borghese in seinem siebenlitrigen Itala, mit dem Mechaniker Ettore Guizzardi und dem Berichterstatter Luigi Barzini vom „Corriere della Sera". Am 5. August trifft er um 5 Uhr nachmittags in Berlin ein; Mitglieder des Kaiserlichen Automobilklubs und Angehörige der italienischen Kolonie sind ihm bis Hoppegarten hinausgefahren. Dem Wagen, meldet der „Aachener Anzeiger", habe außer einer gründlichen Reinigung nichts gefehlt. In Paris kommt er am 10. August an. Zweiter wird am 30. August der Spyker von Charles Godard und Jean du Taillis; das Dreirad-Cyclecar Contal bleibt im Sand der Gobi stecken.
Hagenbecks Tierpark ohne Gitter in Stellingen bei Hamburg

Am 7. Mai eröffnet Carl Hagenbeck auf der Feldmark des preußischen Dorfes Stellingen bei Hamburg, wo er seit 1897 Grund besitzt, seinen Tierpark. Die Tiere sind nicht durch Gitter, sondern durch Gräben vom Publikum getrennt; sie leben in Panoramen mit Felsenlandschaften, die Urs Eggenschwyler gebaut hat, das Verfahren ist seit 1896 patentiert. Das „Nordland-Panorama" zeigt eine arktische Landschaft mit ihren Tieren. Das Hauptportal schuf der Theaterarchitekt Moritz Lehmann, die Tierfiguren entstanden nach Josef Pallenberg.
Das „Hamburger Echo" schreibt am Eröffnungstag, es sei „nicht, wie man etwa denken könnte, ein zoologischer Garten"; eine andere Bezeichnung als „Tierpark" lasse sich tatsächlich nicht dafür anwenden. Das „Hamburger Fremdenblatt" überschreibt seinen Bericht „Drei Stunden bei Hagenbeck".
Aus heutiger Sicht
Hagenbecks Völkerschauen, in denen Menschen aus fremden Erdteilen zur Schau gestellt wurden, werden heute kritisch beurteilt. Sie gehören zur Geschichte des Hauses wie die gitterlosen Gehege.
Die Bären aus Giengen

In Giengen an der Brenz beschäftigt die Firma Steiff in diesem Jahr 400 Mitarbeiter und 1.800 Heimarbeiter und stellt nach ihren eigenen Angaben 1,7 Millionen Spielwaren her, darunter 973.999 Plüschbären. Den beweglichen Bären „55 PB" von 55 Zentimetern hatte Richard Steiff 1902 entwickelt; auf der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1903 bestellte ein amerikanischer Großabnehmer 3.000 Stück, und 1904 kam der „Knopf im Ohr" von Franz Steiff hinzu.
In Amerika heißen die Tiere nach Präsident Roosevelt „Teddy bears", seit eine amerikanische Zeichnung von 1902 den Präsidenten mit einem Bären zeigte. Pastor Michael Esper in Michigan nennt sie in diesem Jahr „horrible monstrosities"; die Bestellungen aus Giengen sprechen eine andere Sprache.
Die Polizei wacht über die Kinematographen-Theater

Die Kinematographen-Theater sind in Berlin zur Sorge der Schulen geworden. Das „Berliner Tageblatt" berichtet am 31. August von einer Befragung im Berliner Lehrerverein: Von 49 Schülern eines Lehrers waren nur zwei noch nie in einem Kinematographen-Theater, zwanzig haben die Vorstellungen öfter als zehnmal, zwölf sogar öfter als zwanzigmal besucht; über die Hälfte der Kinder ging ohne die Eltern, eine große Zahl blieb bis 10 und 11 Uhr abends. Die „Woche" schildert im Aufsatz „Kinderschutz in der Großstadt", wie Kinder vor den Plakaten mit Freibilletten, Naschereien und Geschenken in die Vorstellung gelockt werden, auch im Berliner Westen; die Besitzer setzen Prämien aus, für Buben Indianer- und Räubergeschichten, für Mädchen „nicht ausschließlich Kaffeetassen".
Der Berliner Polizeipräsident ordnet eine „scharfe, polizeiliche Überwachung aller Kinematographentheater in Berlin" an, wie es in einer Verfügung des Provinzialschulkollegiums vom September heißt, das den Lehrern zur Pflicht macht, ihre Schüler ernstlich vor dem Besuch zu warnen, da die Vorstellungen Gefahren für Kinder bergen. Die Große Berliner Straßenbahn geht einen leiseren Weg und schickt den Schülern Berlins und der Vororte ein „Merkblatt für Fußgänger", das lehrt, wo und wie die Fahrbahn zu überschreiten ist und wie man sich beim Ein- und Aussteigen verhält.
Nobelpreis für den Berliner Professor Eduard Buchner

„Wie wir erfahren", meldet die „Berliner Morgenpost" am 30. November, werde der diesjährige Nobelpreis für Chemie dem Professor der Chemie an der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule zu Berlin, Eduard Buchner, zuerkannt. Die „Berliner Neueste Nachrichten" nennen am 11. Dezember als Grund „die epochemachende Entdeckung des Prof. Buchner über die ‚Enzyme'"; Buchner sei vorgestern nach Stockholm abgereist. Geboren 1860 in München, wirkt er seit 1898 an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin.
Seine Entdeckung stammt aus dem Jahr 1896, als er in Tübingen die zellfreie alkoholische Gärung fand, die Zymase: Die Gärung ist nicht an die lebende Hefezelle gebunden.
AM RANDE NOTIERT
- 6. Februar — In der Bellevue- und Potsdamer Straße öffnet am Mittwochabend das Weinhaus Rheingold des Hauses Aschinger, ein Werk des Professors Bruno Schmitz; die „Berliner Morgen-Zeitung" zählt elf Säle, im Haus ist Platz für bis zu 4.000 Gäste gleichzeitig, und die Fassade an der Bellevuestraße schmücken Reliefs von Franz Metzner. Eröffnet werden sollte schon am 27. Januar; aufgehalten haben es die Marmorarbeiter, die acht Wochen vor dem Termin die Arbeit niederlegten.
- Juni — Henkel & Cie. in Düsseldorf bringen ein Waschmittel namens Persil heraus, ein Silbenwort aus Perborat und Silikat. Die „Rhein- und Ruhrzeitung" notiert am 24. Juni, Annoncen machten auf ein modernes Waschmittel aufmerksam, mit dem man ohne Mühe, ohne Reiben, nach einmaligem Kochen blendend weiße Wäsche erhalte, und die Firma übernehme dafür volle Garantie. Das Ende des Reibens, wenn man dem Fabrikanten glaubt.
- 29. August — In Quebec stürzt die im Bau befindliche Brücke über den Sankt-Lorenz-Strom ein. Die „Berliner Morgen-Zeitung" meldet am 31. August aus Ottawa fünfzig Tote und vermutet einen Arbeitszug als Ursache; der „Rosenheimer Anzeiger" nennt am 3. September die „größte Brücke der Erde" und 80 bis 90 Personen.
- 30. September — Mit diesem Tag verlieren die Eintalerstücke ihre Geltung als gesetzliches Zahlungsmittel zu drei Mark. Wer noch einen im Strumpf hat, besitzt ab dem 1. Oktober ein Erinnerungsstück.
- 19. Oktober — Die „Woche" warnt in einer „Hygienischen Plauderei" vor der Schnurrbartbinde der Herren. Im bakteriologisch-physiologischen Institut des Dr. Piorkowski in Berlin fanden sich auf einer Stoffbinde Staphylo-, Strepto-, Pneumo- und Tuberkelbazillen; eingeimpfte Mäuse und Meerschweinchen waren mehrere Tage krank. Verglichen wird mit dem Kampf gegen die staubaufwirbelnde Damenschleppe. Wie es dem Besitzer der Binde erging, meldet die „Woche" nicht.
- 21. Oktober — Bei der Gordon-Bennett-Wettfahrt der Ballone, die an diesem Tag in St. Louis beginnt, gewinnt der Deutsche Oskar Erbslöh im Ballon „Pommern" des Barons von Hewald mit seinem Begleiter H. H. Clayton, der Vorsprung beträgt nur elf Kilometer; Zweiter wird der französische Ballon „L'Isle de France", Dritter der deutsche Ballon „Düsseldorf". Der „General-Anzeiger" in Dortmund spricht von einem brillanten Erfolg der deutschen Teilnehmer.
- 2. November — „Im Fluge nach Ägypten!" überschreibt das Reisebureau der Hamburg-Amerika-Linie seine Anzeige: Die Reisezeit Berlin–Neapel–Alexandrien sinkt auf 96 Stunden, im Vorjahr waren es 100, ohne Umsteigen und ohne Gepäckrevision bis an den Kai. Geflogen wird mit Eisenbahn und Dampfer.
- 6. November — Auf dem Kasernenschiff „Blücher", dem früheren Schulschiff, bei Mürwik an der Flensburger Förde explodiert ein Kessel; die ersten Meldungen sprechen von zehn Toten und 22 Schwerverletzten, weitere Verletzte erliegen ihren Wunden. Als Ursache nennt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" am 9. November einen Bedienungsfehler.
- 9. November — Im Marmorpalais in Potsdam wird um halb zehn Uhr vormittags Prinz Louis Ferdinand von Preußen geboren, das zweite Kind und der zweite Sohn des Kronprinzenpaares; Kanonendonner kündet es in Potsdam und Berlin an. „Mutter und Kind befinden sich wohl", meldet die „Berliner Morgenpost".
- 7. Dezember — In der „Woche" zeichnet der Baurat Franz Jaffé den Potsdamer Platz als Knotenpunkt, durch den fast der gesamte Verkehr des Berliner Westens über die Potsdamer Straße läuft. Berlin leide trotz teilweiser Elektrifizierung an zu langer Fahrtdauer; es fehlten Schnellbahnen zwischen den Vororten und dem Zentrum und eine Nord-Süd-Verbindung, geplant sei, den Potsdamer und den Stettiner Bahnhof unterirdisch zu verbinden.
WIRTSCHAFT · 1907
Das Jahr beginnt mit Hochkonjunktur: Im ersten Halbjahr geht die Beschäftigung, so der „Aachener Anzeiger" zum Jahresschluss, „so flott oder noch flotter als 1906"; „Von Juni aber trat eine plötzliche Wendung ein". Im Herbst kippt die Lage. Von Mitte Oktober an erschüttert eine Bankenpanik in New York die Märkte; das „Berliner Tageblatt" erzählt am 27. Oktober den „Roman des Kupferkönigs" F. Augustus Heinze, dessen Schulden bei den New Yorker Banken und Trustgesellschaften den Sturz der Kupferpreise nicht überstanden. Die Reichsbank erhöht den Diskont am 29. Oktober auf 6½ Prozent und am 8. November auf 7½ Prozent, den Lombardzinsfuß auf 8½; die Bank von England war am 7. November auf 7 Prozent gegangen. Der Satz von 7½ Prozent, schreibt die „Bonner Zeitung", sei der höchste, den die Reichsbank bisher zu verzeichnen hatte.
Am Arbeitsmarkt wirkt es sich im November aus: Das Nachlassen der günstigen Konjunktur setzt sich nach dem „Reichsarbeitsblatt" besonders in der Metall- und Maschinenindustrie und im Baugewerbe verstärkt fort, und die Krankenkassen melden einen Rückgang der Beschäftigtenzahl um 31.066 Personen, im Vorjahr waren es nur 820. Deutschland, urteilt der „Aachener Anzeiger", dürfte unter den wichtigsten Ländern noch am leidlichsten abgeschnitten haben. Im März und April sperren die Arbeitgeber die Holzarbeiter in Berlin, Kiel und Burg aus; im Juli streiken die Schmiedegesellen in Hamburg und Altona. Die Brotteuerung zehrt am Lohn: Roggenbrot kostet im Januar 27,63 Mark je 100 Kilogramm und im Dezember 33,98, das sind 23 Prozent mehr. Am 25. Dezember beschreibt der „Vorwärts" die Arbeitslosen, die in Berlin morgens vor den Ausgabestellen der Stellenmärkte „von Schutzleuten in Reih und Glied aufgestellt" werden.
Der Preisspiegel:
- Roggenbrot (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,31 Mark
- Butter (1 kg, Berlin, Marktpreis, Jahresmittel) — 2,47 Mark
- Kartoffeln (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,06 Mark
- Rindfleisch (1 kg, Berlin, Mittel aus Keule und Bauch, Jahresmittel) — 1,55 Mark
- Schweinefleisch (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 1,49 Mark
- Hühnerei (1 Stück, Berliner Markthallen, Jahresmittel) — 0,07 Mark
- Weizenmehl (1 kg, Berlin, Jahresmittel) — 0,36 Mark
- Fernbrief (bis 20 g, Reich) — 10 Pfennig
- Straßenbahnfahrt (Große Berliner Straßenbahn, Zehnpfennigtarif) — 10 Pfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1907
Drei Blätter verschiedener Richtung kommentieren das Ergebnis der Reichstagswahl vom 25. Januar. Zuerst die regierungsnahe „Norddeutsche Allgemeine Zeitung":
„Das Ergebnis des gestrigen Hauptwahltages ist bezeichnet durch eine durch keinerlei Täuschungskünste fortzuleugnende Niederlage der Sozialdemokratie. Der nationale, der koloniale, der weltpolitische Gedanke im deutschen Volke hat einen glänzenden ersten Sieg erfochten über die vaterlandslosen Bestrebungen einer Partei, der je mehr und mehr alle positiven Ideale verloren gegangen sind." — Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 27. Januar 1907
Dann der „Vorwärts", das Zentralorgan der Sozialdemokratie:
„Der feste Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien mit Ausnahme des Zentrums gegen die Sozialdemokratie, deren Wahlsieg von 1903 sie aufgepeitscht und in Schrecken versetzt hatte, und das Heranschleppen der großen indifferenten Masse an die Wahlurne, das sind die Hauptursachen unserer Mandatsverluste." — Vorwärts, 27. Januar 1907
Zuletzt das linksliberale „Berliner Tageblatt":
„Ja, die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die Stichwahlen erst noch die sozialdemokratische Niederlage vollenden werden. … Der 25. Januar dürfte den ‚Mitläufern' den Aufenthalt bei der sozialdemokratischen Partei gründlich verleidet haben." — Berliner Tageblatt, 27. Januar 1907
SPORT · 1907
Das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft wird am Pfingstsonntag, dem 19. Mai, nachmittags um 5 Uhr in Mannheim ausgetragen: Der Freiburger FC schlägt Viktoria 89 Berlin mit 3:1, zur Pause hatte es 1:1 gestanden. Die Freiburger haben im Halbfinale den VfB Leipzig mit 3:2 bezwungen, eine große Überraschung; sie sind der erste süddeutsche Meister. Die „Berliner Morgenpost" spricht am 22. Mai von einem „leicht unerwarteten, doch durchaus wohlverdienten Sieg"; der Verlauf des Spiels habe unter dem teilweise geradezu fanatischen Benehmen des Publikums gelitten, das in einseitiger Parteinahme für den süddeutschen Meister die Leistungen der Berliner kritisierte.
Im Kaiserpreis-Rennen im Taunus, am 13. und 14. Juni auf einem 117 Kilometer langen Rundkurs ab der Saalburg, siegt der Italiener Felice Nazzaro auf Fiat; „Das deutsche Blatt" bedauert am 15. Juni, dass keinem der deutschen Wagen der große Erfolg beschieden war.
MODE · 1907
Die Herbstmode lebt vom Pelz. „Auch weiße Pelzarten, z. B. der königliche Hermelin … und der weiße Polarfuchs sind plötzlich sehr wichtige Pelzwerke geworden", schreibt der „Aachener Anzeiger" am 20. Oktober; man trage jetzt immense Sackmuffs und massige Stolas aus diesem weißzottigen Fell. Die „Duisburg-Ruhrorter Zeitung" zeigt am 28. September die Schaufenster der Herbstfarben: Lila, Kupfer mit Schwarz, Prune mit Fraise und Pfauenblau, dazu Damenmäntel, Kostüme und Blusen. Am Rande vermerkt die „Woche" im Oktober, dass die Damenschleppe als Staubfängerin im Kampf der Hygieniker steht.
KULTUR · 1907
Am 21. Februar bringt die Komische Oper in Berlin unter Direktor Hans Gregor „Romeo und Julia auf dem Dorfe" von Frederick Delius zur Uraufführung. „Das deutsche Blatt" schreibt am 22. Februar: „Hätte Frederik Delius zu den prächtigen Bildern, die Direktor Gregor geschaffen, eine leidliche Musik geschrieben — es hätte ein großer Erfolg werden können." Die „Berliner Morgen-Zeitung" überschreibt ihre Besprechung „Idyll von Frederik Delius".
Am 5. und 6. Oktober wird im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten der Deutsche Werkbund gegründet, auf Anregung von Hermann Muthesius, Friedrich Naumann und Henry van de Velde. Sein Zweck ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk. Zu den Gründungsmitgliedern zählen zwölf Künstler, darunter Theodor Fischer, Josef Hoffmann, Wilhelm Kreis, Max Laeuger, Bruno Paul, Richard Riemerschmid, Paul Schultze-Naumburg und Fritz Schumacher, und zwölf Unternehmen. Die „Berliner Abendpost" meldet am 9. Oktober, in München sei ein „Deutscher Kunstgewerbebund" gegründet worden, der den Namen „Deutscher Werkbund" erhalten habe und schon über 120 Mitglieder zähle, „darunter unsere führenden Künstler".
KINO & FUNK · 1907
Im Oktober eröffnet Guglielmo Marconi den kommerziellen Funkdienst über den Atlantik, zwischen Clifden in Irland und Glace Bay in Neuschottland. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt am 15. Oktober über die internationale Funkentelegraphie, allzu hoch gespannte Erwartungen seien beim praktischen Gebrauch auf das richtige Maß zurückgeführt worden; das „Wilhelmshavener Tageblatt" berichtet tags darauf, die Verheißung der nahen Funkverbindung zwischen Europa und Amerika wirke sich auf die Aktien der nordatlantischen Kabelgesellschaften aus.
Für die Tonbilder, bei denen zu einem Film die Schallplatte läuft, nehmen im Dezember Sänger wie Emil Justitz („Am Manzanares", 20. Dezember) und Helene Ballot mit Emil Sondermann (Duett „Onkel Fichte mit der Nichte", 9. Dezember) Cinephon-Tonbild-Platten auf.
GESTORBEN · 1907
- Dmitri Mendelejew (72), Chemiker, Entdecker des Periodensystems — 2. Februar, St. Petersburg.
- Ernst von Bergmann (70), Chirurg, seit 1882 Professor in Berlin — 25. März, Wiesbaden.
- Edvard Grieg (64), norwegischer Komponist („Peer Gynt") — 4. September, Bergen.
- Friedrich I. (81), Großherzog von Baden seit 1856 — 28. September, Insel Mainau.
- Paula Modersohn-Becker (31), Malerin — 20. November, Worpswede.
- Oskar II. (78), König von Schweden seit 1872 — 8. Dezember, Stockholm.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1907
- Baden im Wannsee (Mai, Wannsee bei Berlin). Der Landrat des Kreises Teltow, von Stubenrauch, erlaubt das bisher nur geduldete Baden im Großen Wannsee; an der Ostseite gegenüber der Insel Sandwerder stehen nun drei große Tafeln „Öffentliche Badestelle", wie das „Berliner Tageblatt" am 11. Juni meldet, das die Anregung für sich beansprucht.
- Farbige Photographie (1907, Lyon). Die Brüder Lumière bringen die Autochrome-Platten in den Handel, mit denen auch der Laie Bilder in natürlichen Farben aufnehmen soll; die „Tägliche Rundschau" widmet ihnen am 31. Juli einen ausführlichen Aufsatz.
- Technische Hochschule Dresden öffnet sich den Frauen (8. November, Dresden). Das Rektorat meldet, dass weibliche Personen unter gleichen Bedingungen wie Männer aufgenommen werden.
- Staatsbesuch in England (11. November, Windsor). Das Kaiserpaar besucht in Windsor das englische Königshaus und erholt sich danach an der englischen Südküste; der Besuch bei Königin Wilhelmina wird im Dezember nachgeholt, am 12. und 13. Dezember ist der Kaiser in Amsterdam und Vlissingen.
DAS WETTER · 1907 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 13,5 °C, das Minimum lag bei 10,6 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 12 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Es fielen 5,5 mm Regen — ein kalter, nasser Julitag, eher Oktober als Hochsommer.
Der heißeste Tag des Jahres war schon der 12. Mai mit 31,2 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 23. Januar mit −17,5 °C. Berlin zählte 73 Frosttage und 27 Eistage, dazu 21 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 3 heiße Tage von mindestens 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 723,3 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,5 °C, das Tagesminimum 5,8 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1907
Amtliche Verkaufscharts gibt es im Kaiserreich noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten- und Revue-Aufführungen, die Jahresrevuen des Berliner Metropol-Theaters, Couplets und frühe Schallplattenaufnahmen. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 11 Titel belegen, die bis einschließlich 1907 entstanden und deren Jahr nachweisbar ist. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden.
- Ein Walzertraum (Operette; Walzerlied „Leise, ganz leise", Pikkolo-Duett, Auftrittslied der Franzi) — Musik: Oscar Straus, Libretto: Felix Dörmann und Leopold Jacobson; Uraufführung 2. März 1907, Carltheater Wien; Gramophone-Aufnahmen im Juni 1907: „Pikkolo-Duett" (Vally Paak, Richard Waldemar), „Leise, ganz leise" (Max Rohr), „Auftrittslied der Franzi" (Dora Keplinger mit Damenchor des Carltheaters)
- Die Dollarprinzessin (Operette) — Musik: Leo Fall, Libretto: Alfred Maria Willner und Fritz Grünbaum; Uraufführung 2. November 1907, Theater an der Wien; Aufnahmen 1907: „Dollarprinzessin" (Karl Streitmann, Favorite) und ein Grammophon-Querschnitt in Wien mit Streitmann, Herold, Glawatsch, Mizzi Günther und Mizzi Wirth unter Leo Fall
- Das muss man seh'n! (Jahresrevue des Metropol-Theaters Berlin; Nummer „Der Bummel-Compagnon") — Musik: Victor Hollaender, Text: Julius Freund; Metropol-Theater Berlin 1907
- Der Teufel lacht dazu! (Jahresrevue des Metropol-Theaters Berlin; Casino-Lied, „Der Teufel ist nicht mehr so schofel", Ballonlied) — Musik: Victor Hollaender, Text: Julius Freund; Metropol-Theater Berlin 1906; 1907 weiter auf Platte: „Ballonlied" (Philla Siegmann-Wolff, Odeon, Mai 1907)
- Die schöne Vestalin (Operette; „Huckepacke", „Ohne Mann kann man leider nicht sein") — Musik: Victor Hollaender; Odeon-Aufnahmen im Dezember 1906 und Januar 1907 (Leonore Bojé, Mizzi Hoffmann, Julia Doretty; Orchester unter Leitung Hollaenders)
- Die lustige Witwe (Operette; Maxim-Lied, Vilja-Lied, Ballsirenen) — Musik: Franz Lehár, Libretto: Victor Léon und Leo Stein; Uraufführung 30. Dezember 1905, Theater an der Wien; 1906 am Berliner Theater inszeniert; Aufnahmen 1907: „Maxim-Lied", „Ballsirenen" und „Romanze" (Franz Gruber, Favorite, Mai 1907)
- Die Fledermaus (Operette, Repertoire) — Musik: Johann Strauss (Sohn); Uraufführung 5. April 1874, Theater an der Wien; Gesamtaufnahme „Berlin 1907" (Emilie Herzog, Marie Dietrich, Robert Philipp u. a.)
- Die schöne Helena (Couplet; Offenbach, Repertoire) — Musik: Jacques Offenbach; Uraufführung 17. Dezember 1864, Paris; Gramophone-Aufnahme „Couplet" (Dora Keplinger, 1907)
- Onkel Fichte mit der Nichte (Duett aus „Die lustige Doppel-Ehe") — Musik: Paul Lincke; Cinephon-Tonbild-Platte Nr. 192 (Helene Ballot, Emil Sondermann), Aufnahme 9. Dezember 1907
- Der fidele Bauer (Operette) — Musik: Leo Fall, Libretto: Victor Léon; Uraufführung 27. Juli 1907, Mannheim, Leitung Robert Stolz
- Die Försterchristl (Operette) — Musik: Georg Jarno; Uraufführung 17. Dezember 1907, Theater in der Josefstadt Wien, Titelrolle Johanna Niese