DER CHRONIST
Im Juli verlor das Reich seinen Kanzler und fand in Theobald von Bethmann Hollweg einen neuen; im August schwebte erstmals ein Zeppelin über die Hauptstadt, im September flog Orville Wright über das Tempelhofer Feld, und in Johannisthal entstand ein Flugplatz. Zwischen dem Funkspruch der „Republic" im Januar und dem Urteil der Kopenhagener Gelehrten über Doktor Cook im Dezember lag ein Jahr, in dem sich die Welt schneller verkleinerte, als manche Zeitung schreiben konnte.
Bülow stürzt über die Reichsfinanzreform

Das Reich braucht jährlich 500 Millionen Mark mehr, und über die Frage, woher sie kommen sollen, zerbricht der Bülow-Block. Der Entwurf der Regierung setzt vor allem auf Verbrauchssteuern auf Tabak, Bier und Branntwein, die vier Fünftel des Volumens ausmachen, und ergänzt sie durch eine Erbschaftssteuer. Gegen diese Erbschaftssteuer stellen sich die Konservativen unter Führung des Bundes der Landwirte; im Reichstag stimmen Konservative, Zentrum und Polen gegen den Entwurf, Liberale und Sozialdemokraten dafür. Am 24. Juni scheitert die Erbschaftssteuer mit 194 gegen 186 Stimmen — das Wahlbündnis von 1907, das Fürst Bernhard von Bülow bisher eine Mehrheit sicherte, ist damit zerbrochen. Schon am 12. Juni hatte sich in Berlin der Hansabund als Gegengewicht zum Bund der Landwirte zusammengefunden.
Noch im Juni bittet Bülow um seine Entlassung; die Reichsfinanzreform bringt er vorher noch mit verändertem Inhalt und höheren Verbrauchssteuern durch, getragen von einer Mehrheit aus Konservativen und Zentrum. Am 14. Juli scheidet er aus dem Amt, und am selben Tag wird Theobald von Bethmann Hollweg Reichskanzler. Der „Simplicissimus" verabschiedete den Scheidenden auf seinem Titelblatt mit den Worten, er danke seinem „langjährigen Mitarbeiter Bernhard von Bülow" und wünsche ihm „gute Erholung in Klein-Flottbek".
Sachsens erste Landtagswahl nach dem Pluralwahlrecht

Am 21. Oktober wählt das Königreich Sachsen seine Zweite Kammer erstmals nach dem Wahlgesetz vom 5. Mai 1909: Es gilt das Pluralwahlrecht. Wählen darf jeder Mann ab 25 Jahren, der sächsische Staatssteuer zahlt, doch je nach Alter, Bildung sowie Einkommen und Besitz hat er zwischen einer und vier Stimmen. Neu sind außerdem die Stichwahlen, wenn kein Bewerber im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht; sie finden im November statt. Die Beteiligung liegt bei etwa 83 Prozent.
Von den 91 Sitzen fallen je 28 an die Konservativen und die Nationalliberalen, 8 an die Freisinnigen und 2 an die Antisemiten. Die große Überraschung liefert die Sozialdemokratie: Sie zieht mit 25 Abgeordneten ein, nachdem sie zuvor nur einen Sitz hatte. Ungewichtet entfielen im ersten Wahlgang 53,8 Prozent der Stimmen auf sie, nach der Stimmgewichtung des Pluralwahlrechts bleiben davon 38,7 Prozent. Die Regierung bleibt unverändert. Bei den beiden Ersatzwahlen zum Reichstag, die das Jahr brachte, gewannen die Sozialdemokraten ebenfalls: am 7. September in Sachsen 19 (Georg Schöpflin, 69,2 Prozent) und bei der Ersatzwahl vom 11. Oktober im Wahlkreis Sachsen-Coburg-Gotha 1, die erst in der Stichwahl entschieden wurde (Fritz Zietsch, 51,6 Prozent).
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Baden (Zweite Kammer), 21. Oktober — Zentrum 29,8 %, SPD 28,1 %, Nationalliberale 24,9 %. Sitze von 73: Zentrum 26, SPD 20, Nationalliberale 17, Demokraten 6, Konservative 2, Freisinn 1, Bund der Landwirte 1. Der Großblock aus Nationalliberalen, Demokraten und SPD hält zusammen 44 Sitze; das Zentrum bleibt stärkste Einzelfraktion.
- Sachsen-Meiningen, 4. und 14. Oktober (Haupt- und Stichwahl) — SPD 54 %, Bürgerliche 46 %, Beteiligung 65 %. Sitze von 24: SPD 9, Nationalliberale 7, Linksliberale 6, Konservative und Bund der Landwirte 2. Die SPD ist erstmals stärkste Fraktion; die Regierung bleibt unverändert.
- Sachsen-Weimar-Eisenach, 2. Dezember — Nach der Landtagsreform werden 23 von 37 Sitzen erstmals direkt nach allgemeinem gleichem Wahlrecht gewählt. SPD 40,2 %, Nationalliberale 31,7 %, Konservative 26,6 %, Zentrum 1,5 %. Sitze insgesamt: Konservative 15, Nationalliberale 11, Linksliberale 6, SPD 4, Zentrum 1. Die SPD führt nach Stimmen, die Konservativen führen nach Sitzen; die Regierung bleibt unverändert.
- Sachsen-Coburg-Gotha (Gothaer Landtag), Juni — Sitze von 19: Agrarier 7, SPD 6, Linksliberale 4, Nationalliberale 2.
- Schwarzburg-Sondershausen, im Laufe des Jahres — Sitze von 16: Nationalliberale 7, Linksliberale 2, Konservative 2, Agrarier 2, Bürgerliche 2, Antisemiten 1, SPD keiner.
- Lübeck (Bürgerschaft), 19. November — Teilerneuerung; Sitze von 120: SPD 12, Bürgerliche 108.
Der Nordpol-Streit: Cook gegen Peary

Am 1. September meldet der Arzt und Polarfahrer Frederick Cook, er habe den Nordpol am 21. April 1908 erreicht. Fünf Tage später, am 6. September, meldet Robert Peary, er stehe seit dem 6. April 1909 am Pol — und keiner der beiden lässt den anderen gelten.
Der Ausschuss der National Geographic Society erkennt Peary am 3. November an und verleiht ihm die Goldmedaille. Schon im Oktober gerät Cook in Bedrängnis, weil seine Besteigung des Mount McKinley angezweifelt wird; Ende November taucht er unter. Am 21. Dezember urteilt die Universität Kopenhagen über das Material, das Cook vorgelegt hat: Es sei „nicht bewiesen". Damit steht das Urteil der Gelehrten: Der Beweis fehlt.
Aus heutiger Sicht
Nach heutiger Forschung hat sich Cook dem Pol nie genähert. Auch Pearys Angabe wird angezweifelt.
Zeppelin „Z III" landet vor dem Kaiser in Tegel

Zwei Tage lang ist Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff LZ 6, das die Zeitungen „Z III" nennen, unterwegs nach Berlin; am 27. August geht die „Kaiserfahrt" los, am 29. August erreicht der Zeppelin die Hauptstadt — es ist die erste Fahrt eines Zeppelins nach Berlin. Gegen 12:30 Uhr zieht das Luftschiff in 310 Metern Höhe über die Südseite des Tempelhofer Feldes, der Kaiser fährt von dort zum Schießplatz Tegel, wo das Luftschiff gegen 14 Uhr landet.
Kaiser Wilhelm II. empfängt den Grafen Zeppelin; der Kronprinz begrüßt die Besatzung. Am 11. September trifft das Luftschiff, von Friedrichshafen kommend, zur „Zeppelin-Woche" der Internationalen Luftschiffahrt-Ausstellung in Frankfurt ein. Von Bord des Schiffes sind außerdem die ersten Funkversuche von einem Luftschiff aus unternommen worden.
Aus heutiger Sicht
LZ 6 verbrennt am 14. September 1910 in Baden-Oos. Zwischen der Kaiserfahrt und dem Brand liegt gut ein Jahr.
Blériot überfliegt den Ärmelkanal

Am 25. Juli fliegt der Franzose Louis Blériot mit seiner Blériot XI von Calais nach Dover, in 37 Minuten, in durchschnittlich etwa 100 Metern Höhe — der erste Mensch, der den Kanal im Aeroplan überquert. Er landet nahe der Burg von Dover und gewinnt damit den Preis von 1000 Pfund Sterling, den die Londoner „Daily Mail" für die erste Überquerung ausgesetzt hatte.
Schon am 13. Juli hatte Blériot den Reisepreis des Aéro-Club gewonnen, mit 41,2 Kilometern in 44 Minuten.
Die Bosnische Annexionskrise wird beigelegt

Im Oktober 1908 hat Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina annektiert. Ein Krieg bleibt aus, weil Russland nach dem Krieg gegen Japan militärisch geschwächt ist und Frankreich den Bündnisfall nicht sieht. Deutschland hat sich „bedingungslos" hinter Wien gestellt.
Am 22. März verlangt die deutsche Regierung von Russland ein klares Ja oder Nein zur Anerkennung der Annexion; in Belgrad demonstriert man gegen Österreich. Am 25. März beschließt die russische Regierung, die Annexion „ohne Vorbehalt" anzuerkennen; am 27. März verzichtet Kronprinz Georg von Serbien auf die Thronfolge. Am 29. März hält Reichskanzler Fürst Bülow im Reichstag zwei große Reden zur auswärtigen Lage, bespricht das Verhältnis Englands zu Deutschland und das Marokko-Abkommen und legt die Grundlagen der bundestreuen Orientpolitik dar; dabei spricht er erstmals von der „Nibelungentreue" im deutsch-österreichischen Verhältnis. Am 31. März erklärt Serbien in Wien förmlich, es nehme die Annexion hin und werde sein Heer auf den Stand vom Frühjahr 1908 zurückführen; damit ist die Krise beigelegt.
Funkspruch rettet die Passagiere der „Republic"

Am frühen Morgen des 23. Januar kollidiert der White-Star-Dampfer „Republic" im dichten Nebel, rund 50 Seemeilen südwestlich von Nantucket, mit dem italienischen Dampfer „Florida". An Bord der „Republic" sind 742 Menschen, davon 250 in der Ersten und 211 in der Dritten Klasse sowie 281 Mann Besatzung; die Reise sollte von New York nach Neapel führen. Fünf Menschen kommen bei dem Zusammenstoß ums Leben, drei Seeleute der „Florida" und zwei Fahrgäste der „Republic"; ein schwer verletzter Fahrgast stirbt am 26. Januar.
Der Funker Jack Binns sendet mit Reservebatterien das Notsignal CQD, und es ist das erste Mal, dass ein Schiff in Seenot per Funkentelegraphie Hilfe ruft. Der Dampfer „Baltic" unter Kapitän Joseph B. Ranson nimmt am Abend die Menschen von der „Republic" und die Passagiere der „Florida" auf; die „Republic" sinkt am Abend des 24. Januar. Über 1.500 Menschen sind gerettet.
Sultan Abdülhamid abgesetzt, Blutbad in Kilikien

Am 13. April erheben sich konservative Kräfte gegen die Jungtürken — der „Vorfall vom 31. März" nach dem türkischen Kalender. Der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Am 27. April endet die Herrschaft Abdülhamids II., der seit dem 31. August 1876 Sultan war; sein Nachfolger Mehmed V. proklamiert am 2. Mai in einem Hatt-i-Humajun seine Thronbesteigung. Der abgesetzte Sultan trifft am 29. April in Saloniki ein und wird in der Villa Allatini interniert.
Im April kommt es zudem zum Massaker von Adana in Kilikien: Aus Mersina wird ein „entsetzliches Blutbad" gemeldet, dem Tausende Armenier zum Opfer fallen.
Aus heutiger Sicht
Die Geschichtsforschung schätzt die Zahl der Opfer des Massakers von Adana auf 20.000 bis 30.000. Die Meldungen vom April sprachen nur von Tausenden.
Orville Wright fliegt auf dem Tempelhofer Feld

Auf Einladung von August Scherl, dem Verleger des „Berliner Lokal-Anzeigers", führt der Amerikaner Orville Wright vom 4. bis zum 20. September auf dem Tempelhofer Feld Flüge vor, fast täglich. Er stellt einen Höhenweltrekord von 172 Metern auf und fliegt einmal mit einem Passagier 1 Stunde und 35 Minuten lang. Insgesamt kommen 350.000 Zuschauer. Schon im Frühjahr war die „Flugmaschine Wright GmbH" gegründet worden.
Anfang Oktober folgen Flüge auf dem Bornstedter Feld bei Potsdam in 275 Metern Höhe, auch mit Kronprinz Wilhelm als Fluggast; Paul Engelhard wird dort ausgebildet. Auf dem Tempelhofer Feld hatte zuvor schon der Franzose Armand Zipfel auf seiner Voisin Vorführungen gegeben, und am 27. September fliegt Hubert Latham von dort über Rixdorf und Britz zum Flugplatz Johannisthal — der erste Überlandflug über einer Stadt.
Das erste Sechstagerennen Deutschlands

Am 15. März fällt in der Ausstellungshalle am Zoologischen Garten in Berlin der Startschuss zum ersten Sechstagerennen Deutschlands. 15 Zweiermannschaften umkreisen ein 150 Meter langes Lattenoval, ein Fahrer löst den anderen ab, und der abgelöste Fahrer muss in der Halle essen und ruhen. Nach 144 Stunden und 3865,7 Kilometern gewinnen die Amerikaner Jimmy Moran und Floyd MacFarland. Im selben Jahr folgt noch ein zweites Rennen.
Ein Berliner Arzt, der schon früher Radfahrer untersucht hat, sitzt einige Nächte im Zuschauerraum und in einem improvisierten physiologischen Laboratorium. In „Die Woche" berichtet er, die Fahrer ermüdeten kaum; der Sieg beweise mehr Willenskraft als Leistungsfähigkeit, die Sieger hätten noch zwei Tage länger gestrampelt, wenn es hätte sein müssen. Das Rennen nennt er ein „wahnwitziges Sportunternehmen".
Rennbahnkatastrophe auf der Radrennbahn „Botanischer Garten"

Am 18. Juli wird an der Potsdamer Straße auf dem Gelände des Alten Botanischen Gartens, der nach Dahlem bei Berlin umgezogen ist, die neue Radrennbahn eröffnet: eine hölzerne 333⅓-Meter-Bahn, rund 6.200 Zuschauer, der Eintritt kostet 2 Mark. Auf dem Programm stehen Steherrennen hinter Motorschrittmachern mit bis zu 100 Stundenkilometern.
Nach etwa 20 Kilometern stürzt der Schrittmacher Werner Krüger, hinter ihm der Rennfahrer John Stol; das folgende Führungstandem mit dem Steuermann Emil Borchardt fliegt über die Bande in die Zuschauer der Nordkurve. Der Benzintank birst, auf der frisch geteerten Bahn breitet sich Feuer aus. Neun Menschen sterben, über 40 werden verletzt.
Schon am nächsten Tag findet ein Lokaltermin mit Gerichtsbeamten, Vertretern des Polizeipräsidiums und Feuerwehroffizieren statt. Noch in der Woche verbietet das preußische Innenministerium Rennen mit Motorschrittmachern; am 17. August ergehen neue Bestimmungen, die sie mit besserem Zuschauerschutz und gedrosselter Geschwindigkeit wieder erlauben.
Shackleton kehrt 180 Kilometer vor dem Südpol um

Am 9. Januar erreichen Ernest Shackleton, Frank Wild, Jameson Adams und Eric Marshall auf der Nimrod-Expedition 88°23′ südlicher Breite, rund 180 Kilometer vor dem Südpol, und kehren um — eine neue Rekordannäherung an einen Pol. Aufgebrochen waren sie zur „Großen Reise nach Süden" am 29. Oktober 1908. In London trifft die Meldung am 24. März ein: Leutnant Shackleton habe den 88. Grad südlicher Breite überschritten und sei dem Südpol bis auf 111 englische Meilen nahegekommen.
Die Expedition entdeckt außerdem den Beardmore-Gletscher, den größten damals bekannten Gletscher, und findet einen Weg über das Transantarktische Gebirge aufs Polarplateau. Ein Team um Edgeworth David erreicht den magnetischen Südpol, und schon im März 1908 war der Mount Erebus erstmals bestiegen worden. Am 14. Juni wird Shackleton in London am Bahnhof Charing Cross begeistert empfangen, und im November erhebt ihn der König in den Ritterstand. Der Südpol selbst ist unerreicht.
Johannisthal wird Flugplatz, Hans Grade gewinnt den Lanz-Preis

Im September eröffnet die Deutsche Flugplatz-Gesellschaft, die Arthur Müller und Major Georg von Tschudi gegründet haben, den Motorflugplatz Johannisthal bei Berlin, den zweiten unternehmerisch geführten Motorflugplatz Deutschlands nach Darmstadt. Die Generalität wollte keine Motorflughallen am Exerzierplatz Tempelhof dulden; so ging es nach Johannisthal. Vom 26. September an läuft dort das Konkurrenz-Fliegen.
Der Flugpionier Hans Grade ist am 17. August in Bork in der Mark erstmals mit seinem Eindecker „Libelle" geflogen. Am 26. September stürzt er beim Versuch, den „Lanz-Preis der Lüfte" zu gewinnen, wegen eines Propellerbruchs in einen Kiefernwald ab. Am 30. Oktober gewinnt er den mit 40.000 Mark dotierten Preis dann doch, auf dem Flugplatz Johannisthal.
Aus heutiger Sicht
Am 1. Februar 1910 werden in Deutschland die ersten Flugzeugführerscheine ausgestellt. Das Konkurrenz-Fliegen von Johannisthal liegt dann erst wenige Monate zurück.
„Tragische Woche" in Barcelona und Ferrers Hinrichtung

Vom 25. Juli bis zum 2. August kommt es in Barcelona zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Arbeiterschaft und dem Heer. Auslöser sind 40.000 Einberufungsbefehle, die Ministerpräsident Antonio Maura am 9. Juli für den Krieg in Marokko erlassen hat; wer Geld hat, kann sich für 6000 Reales freikaufen. Über 2.500 Menschen werden festgenommen.
Der libertäre Pädagoge Francesc Ferrer i Guàrdia, geboren am 14. Januar 1859, wird vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und am 13. Oktober im Castell de Montjuïc in Barcelona erschossen. Die Hinrichtung löst weltweit Entrüstung aus. Am 21. Oktober entlässt König Alfons XIII. den Ministerpräsidenten Maura; Nachfolger wird der Liberale Segismundo Moret.
Nobelpreise für Braun und Ostwald, Lagerlöf erste Frau

Der Physiker Ferdinand Braun, geboren am 6. Juni 1850 in Fulda und Professor in Straßburg, erhält den Nobelpreis für Physik, geteilt mit Guglielmo Marconi, für Beiträge zur drahtlosen Telegrafie; seine Patente gingen in das Funksystem der Gesellschaft „Telefunken" ein, die Siemens & Halske und die AEG 1903 in Berlin gegründet haben. Den Chemiepreis erhält Wilhelm Ostwald für seine Arbeiten über Katalyse und die Bedingungen chemischer Gleichgewichte und Reaktionsgeschwindigkeiten.
Den Preis für Medizin erhält Theodor Kocher in Bern für seine Schilddrüsenchirurgie. Den Literaturpreis erhält mit Selma Lagerlöf zum ersten Mal eine Frau.
Die AEG-Turbinenhalle von Peter Behrens in Moabit

In der Huttenstraße 12–19 in Moabit, auf dem Areal der 1904 übernommenen Union-Elektricitäts-Gesellschaft, steht 1909 die neue Turbinenhalle der AEG fertig da. Emil Rathenau hat den Architekten Peter Behrens beauftragt, der seit 1907 künstlerischer Berater der AEG ist und für sie Signet, Grafik und Bauten gestaltet.
Aus heutiger Sicht
Die Turbinenhalle ist erhalten. Das hier abgebildete Foto stammt aus dem Jahr 2014.
Ein Museum des schlechten Geschmacks in Stuttgart

Gustav Edmund Pazaurek, Mitglied des Werkbundes, richtet am Landes-Gewerbe-Museum in Stuttgart eine Abteilung „Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe" ein, ein Museum des schlechten Geschmacks. Der Führer dazu erscheint 1909 in Stuttgart.
Ausgestellt wird, was nicht sein soll: Pazaurek ordnet nach Materialfehlern, Konstruktionsfehlern und Dekorfehlern, und als eigene Gruppe führt er den Kitsch, darunter den „Heldenkitsch" und die „Prunksucht". Der Besucher lernt dort, was er besser nicht kauft.
AM RANDE NOTIERT
- 9./10. Februar — Das englische Königspaar besucht Berlin: Eduard VII. wird am Lehrter Bahnhof vom Kaiserpaar empfangen, am Brandenburger Tor begrüßt ihn Oberbürgermeister Kirschner, im Rathaus folgt ein feierlicher Empfang. Am 9. Februar unterzeichnen Staatssekretär von Schoen und Botschafter Cambon das deutsch-französische Marokko-Abkommen. Im Wedding bekommen Straßen im Gedenken an den Besuch die Namen britischer und irischer Städte — Londoner Straße, Edinburger Straße, Dubliner Straße, Bristolstraße.
- 9. März — Egbert Müller, der „Geisterseher und Geistersucher", stirbt in Berlin im Alter von 79 Jahren. Die Geister dürfen nun Auskunft geben.
- 18.–23. März — Die Postbeamten der meisten großen Städte Frankreichs treten in den Generalstreik, Paris ist „von der übrigen Welt fast vollständig abgeschnitten"; am 23. März beschließen die Pariser Post- und Telegrafenbeamten, die Arbeit wieder aufzunehmen.
- April — Das Revisionsverfahren Moltke gegen Harden, der Beleidigungsprozess des früheren Berliner Stadtkommandanten Kuno Graf von Moltke gegen den Herausgeber der „Zukunft", Maximilian Harden, wird neu aufgenommen; der Prozess gegen Eulenburg ist auf unbestimmte Zeit vertagt.
- 3. Mai — Im Achilleion auf Korfu unterzeichnet der Kaiser das Gesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen: Der Halter eines Kraftfahrzeugs haftet für Unfallschäden auch ohne eigenes Verschulden, und wer ein Kraftfahrzeug führen will, braucht künftig eine behördliche Erlaubnis nach bestandener Prüfung. Die Haftpflicht gilt seit dem 1. Juni, alles Übrige vom 1. April 1910 an.
- 30. Mai — Graf Zeppelin fährt mit dem „Zeppelin II" bis Bitterfeld. In Berlin verbreitet sich das Gerücht, er wolle die Hauptstadt besuchen, und das Kaiserpaar samt einer großen Menschenmenge erwartet das Luftschiff — das nicht erscheint.
- Juni — Eine neue Erscheinung im Straßenbild: Rollschuhläufer auf dem Asphalt der Straßen und Parkalleen, die der Berichterstatter der „Woche" wegen Billigkeit und Leichtigkeit dem Fahrrad bald den Rang ablaufen sieht.
- 22.–29. August — Flugwoche von Reims, die erste große öffentliche internationale Flugschau: Glenn Curtiss gewinnt den Gordon-Bennett-Preis (20 Kilometer in 15:50,4 Minuten), Henri Farman den Langstreckenpreis über 180 Kilometer, Hubert Latham den Höhenpreis mit 155 Metern.
- 26. Oktober — In Harbin in der Mandschurei erschießt der koreanische Nationalist An Chung-gun den früheren japanischen Ministerpräsidenten Itō Hirobumi, 68 Jahre alt; Korea steht unter japanischem Protektorat.
- 7. Dezember — Der Gasometer Grasbrook in Hamburg, zehn Wochen nach seiner Errichtung der größte Gasbehälter Europas, explodiert: 30 Tote, 42 Verletzte.
WIRTSCHAFT · 1909
In den ersten Monaten des Jahres setzt eine Erholung des Wirtschaftslebens ein. Dennoch gibt es Arbeitslosigkeit: Am 9. Februar veranstalten die Sozialdemokraten in Berlin und seinen Vororten fünfzehn Arbeitslosenversammlungen, danach ziehen Demonstranten durch die Straßen, und die Polizei muss an mehreren Stellen einschreiten. Am 17. Januar wird in Berlin der Hausangestellten-Verband gegründet; im Reichstag stapeln sich bei den Beratungen über das Arbeitskammergesetz die Änderungsanträge. Am 26. März beginnt vor dem Landgericht in Moabit der Prozess gegen den Bankier Siegmund Friedberg. Gegen Jahresende raten die Gewerkschaften „angesichts der Wirtschaftskrise und der vorhandenen Kohlevorräte" von einem Bergarbeiterstreik ab.
Im Mansfelder Land streiken vom 4. Oktober bis zum 13. November die Bergarbeiter, nachdem die Direktion der Kupferschieferwerke Arbeiter fristlos entlassen hat, die dem sozialdemokratischen Bergarbeiterverband angehören. Am 22. Oktober stehen 10.000 Arbeiter auf allen Schächten still, Militär wird ins Streikgebiet geschickt. Am 11. November brechen die Streikenden ab, nachdem der Unternehmerverband eine reichsweite Sperre gegen Arbeitskräfte aus dem Revier verhängt hat.
Der Preisspiegel:
- Straßenbahnfahrt Berlin (Einheitstarif) — 10 Pfennig
- Arbeiter-Monatslohn (Reichsdurchschnitt) — 86 Mark (rund 1032 Mark im Jahr)
- Weizenbrot (1 kg, Reichsdurchschnitt) — 0,50 Mark
- Rindfleisch (1 kg, Reichsdurchschnitt) — 1,62 Mark
- Milch (1 Liter, Reichsdurchschnitt) — 0,18 Mark
- Ei (1 Stück, Reichsdurchschnitt) — 0,07 Mark
SPORT · 1909
Deutscher Fußballmeister wird am 30. Mai in Breslau der Karlsruher FC Phönix mit einem 4:2 gegen den Titelverteidiger Viktoria 89 Berlin. Der Kronprinzenpokal geht im April an den Verband Mitteldeutscher Ballspiel-Vereine, der Berlin schlägt. Auf dem Rad gewinnt der Luxemburger François Faber vom 5. Juli bis 1. August die Tour de France, als erster Nichtfranzose; in Italien wird vom 13. bis 30. Mai der erste Giro d'Italia ausgetragen, den Luigi Ganna gewinnt. Berlin–Cottbus–Berlin wird am 29. August erstmals gefahren. Bei der zweiten Prinz-Heinrich-Fahrt vom 10. bis 18. Juni, 1857 Kilometer von Berlin über Breslau, Budapest und Wien nach München mit 108 Wagen, siegt Wilhelm Opel. Am 14. April gründet sich in Berlin die Sportliche Vereinigung OSRAM, die erste Betriebssportgruppe Deutschlands.
MODE · 1909
Aus Paris kommt Paul Poiret, der 1908 sein Modealbum „Les Robes de Paul Poiret" mit Zeichnungen von Paul Iribe in 250 Exemplaren herausgegeben hat; seine Modelle seien erstmals ohne Korsett tragbar. In Deutschland sind die Reformkleider noch regelrecht sackartig, und die Hauptstadt der deutschen Konfektion bleibt Berlin um den Hausvogteiplatz. In der „Modeplauderei" der „Woche" vom 8. Mai ist die Rede von Abendmänteln aus Tüll mit venezianischer Spitze und von einem mattblauen Schantungkleid.
KULTUR · 1909
Am 25. Januar wird in Dresden unter Ernst von Schuch die Oper „Elektra" von Richard Strauss nach einem Text von Hugo von Hofmannsthal uraufgeführt, mit Ernestine Schumann-Heink als Klytämnestra. München folgt bald nach, und die Berliner Königliche Oper verhilft dem Werk, so meldet „Die Woche", zu einem glänzenden Siege. Am 3. August erlebt im Kleinen Schauspielhaus die Operette „Miß Dudelsack" von Rudolf Nelson ihre Uraufführung, am 23. Dezember im Lessingtheater unter Otto Brahm Hermann Bahrs „Das Konzert". Im Neuen Theater löst am 11. April die erste Aufführung des Sensationsdramas „Eines Engländers Heim" einen großen Theaterskandal aus. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann erhält am 4. April vom Kaiser den Auftrag, die großen Berliner Museumsbauten zu vollenden, deren Pläne Messel hinterlassen hat. In der Literatur erscheinen im Frühjahr Robert Walsers „Jakob von Gunten" und im Oktober Thomas Manns „Königliche Hoheit"; am 20. Februar veröffentlicht Marinetti im „Figaro" das Manifest des Futurismus.
KINO & FUNK · 1909
Am Alexanderplatz eröffnet das Union-Theater, das „U. T." der Projektions-AG „Union", mit Stummfilmen und Orchesterbegleitung. Am 24. April zeigt der Film „Wilbur Wright und seine Flugmaschine" die ersten bewegten Flugaufnahmen aus einem Flugzeug. Die Funkentelegrafie macht Schlagzeilen: mit dem Funkspruch der „Republic" im Januar, mit dem international eingeführten „SOS", das die „Slavonia" am 10. Juni nach ihrem Schiffbruch vor Flores neben dem „CQD" sendet, mit den ersten Funkversuchen vom Luftschiff LZ 6 und mit dem Physik-Nobelpreis für Ferdinand Braun, dessen Patente im Funksystem „Telefunken" stecken.
GESTORBEN · 1909
- Hermann Minkowski (44), Mathematiker und Physiker — 12. Januar, Göttingen.
- Ernst von Wildenbruch (63), Schriftsteller und Diplomat — 15. Januar, Berlin.
- Adolf Stoecker (73), evangelischer Theologe, Hofprediger am Berliner Dom und Politiker — 2. Februar, Gries bei Bozen.
- Alfred Messel (55), Architekt des Warenhauses Wertheim am Leipziger Platz — 24. März, Berlin.
- Isaac Albéniz (48), spanischer Komponist und Pianist — 18. Mai, Cambo-les-Bains/Frankreich.
- Detlev von Liliencron (65), Lyriker und Erzähler — 22. Juli, Alt-Rahlstedt.
- Leopold II. (74), König der Belgier — 17. Dezember, Schloss Laeken.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1909
- Bargeldloser Postscheckverkehr (1. Januar, im ganzen Reich). Mit 13 Postscheckämtern beginnt der Postscheckverkehr.
- Hilfe für Süditalien (6. Januar, Berlin). Eine Hilfsexpedition für die Opfer des Erdbebens vom Dezember reist von Berlin aus ab; die Stätten der Katastrophe beginnen sich dank der Hilfe des In- und Auslandes zu erholen, die Obdachlosen wohnen in Holzbaracken, die künftigen Erdbeben besser widerstehen können.
- Rundbahn im Hagenbeckschen Tierpark (15. Mai, Hamburg). Der Tierpark eröffnet eine Rundbahn.
- Eine Gesellschaft für Luftschiff-Verkehr (16. November, Frankfurt am Main). Mit staatlicher Unterstützung wird die Deutsche Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft (DELAG) gegründet, die Zeppelin-Luftschiffe für Fahrgäste betreiben soll; vorangegangen ist die Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung, die vom 10. Juli bis 17. Oktober in Frankfurt stattfand und deren Festhalle der Kaiser am 19. Mai eingeweiht hatte.
DAS WETTER · 1909 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 15,5 °C, das Minimum lag bei 11,4 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 13,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fielen an diesem Tag 1,7 mm — ein kühler, trüber Hochsommertag.
Der heißeste Tag des Jahres war der 2. Juni mit 30,5 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 1. Januar mit −16,7 °C. Berlin zählte 111 Frosttage und 32 Eistage, dazu 16 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon ein heißer Tag über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 626,3 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,0 °C, das Tagesminimum 4,0 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1909
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten- und Revue-Uraufführungen, Notendrucke, frühe Schallplattenaufnahmen sowie das Berliner Kabarett-Repertoire (u. a. die Liedliste von Claire Waldoff). Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 11 Titel belegen, die bis einschließlich 1909 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren. Eine Rangfolge ist damit nicht verbunden; die Titel stehen nach Entstehungsjahr, die jüngsten zuerst.
- Hallo! Die große Revue (Jahresrevue) — Musik: Paul Lincke, Text: Julius Freund; Metropol-Theater Berlin, Uraufführung 1909
- Das Schmackeduzchen — Musik: Walter Kollo, Text: Hermann Frey; von Claire Waldoff in der Saison 1909 im Linden-Cabaret gesungen
- Mit dem Zippel, mit dem Zappel, mit dem Zeppelin — Otto Reutter (Couplet; Schellackaufnahme vom 21. Dezember 1908)
- Die geschiedene Frau (Operette) — Musik: Leo Fall, Libretto: Victor Léon; Uraufführung 23. Dezember 1908, Carltheater Wien
- Der tapfere Soldat („Komm, komm, Held meiner Träume") — Musik: Oscar Straus; Uraufführung 14. November 1908, Theater an der Wien
- Die Dollarprinzessin („Ein echtes Selfmade-Mädel von echter Yankeerass'", „Will meine Schülerin geruh'n") — Musik: Leo Fall; Uraufführung 2. November 1907, Theater an der Wien
- Der fidele Bauer (Heinerle-Lied) — Musik: Leo Fall; Uraufführung 27. Juli 1907, Hoftheater Mannheim
- Ein Walzertraum („Leise, ganz leise klingt's durch den Raum", „Ich hab einen Mann, einen eigenen Mann") — Musik: Oscar Straus; Uraufführung 2. März 1907, Carltheater Wien
- Das ist die Berliner Luft (Marsch) — Musik: Paul Lincke, Text: Heinrich Bolten-Baeckers; 1904 für die gleichnamige Ausstattungsposse am Apollo-Theater Berlin
- Die lustige Witwe („Lippen schweigen, 's flüstern Geigen", „Es lebt eine Vilja", „Da geh' ich ins Maxim") — Musik: Franz Lehár; Uraufführung 30. Dezember 1905, Theater an der Wien; 1906 in Berlin am Berliner Theater und am Theater des Westens
- Glühwürmchen-Idyll („Das Glühwürmchen") — Musik: Paul Lincke, Text: Heinrich Bolten-Baeckers; aus „Lysistrata", Uraufführung 31. März 1902, Apollo-Theater Berlin