DER CHRONIST
Kaum hatte der Wahlrechtsspaziergang im März die Straßen der Hauptstadt gefüllt, brachte der Mai mit dem Halleyschen Kometen einen kosmischen Schrecken für die Ängstlichen und ein Schauspiel für alle anderen. Zwischen Streiks in Moabit, im Mansfelder Land und auf Hamburgs Werften, der Eröffnung der ersten kommunalen U-Bahn Deutschlands und dem Sturz der portugiesischen Monarchie war 1910 ein Jahr der Bewegung — auf der Straße, in der Luft über Johannisthal und auf der Leinwand, wo eine Dänin namens Asta Nielsen über Nacht zum Star wurde.
Wahlrechtsspaziergang gegen das Dreiklassenwahlrecht

Am 4. Februar legt Ministerpräsident Theobald von Bethmann Hollweg dem preußischen Landtag eine Reform des Dreiklassenwahlrechts vor, die am Kern des Klassenwahlrechts nichts ändert und nur Abiturienten und Offizieren einen begrenzten Aufstieg in eine höhere Wahlklasse erlaubt. Wochenlange Massenproteste zwingen die Regierung, die von allen Parteien kritisierte Vorlage am 27. Mai wieder zurückzuziehen.
Da eine Wahlrechtskundgebung der SPD unter freiem Himmel verboten bleibt, ruft die Berliner Parteiführung für Sonntag, den 6. März, zu einem „Wahlrechtsspaziergang" in den Treptower Park auf. Polizeipräsident Traugott von Jagow lässt vorab verbreiten: „Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Waffengebrauch!" Berittene Polizei riegelt am Morgen den Treptower Park ab — die Parteispitze um den Berliner SPD-Vorsitzenden Eugen Ernst verlegt den Treffpunkt daraufhin mündlich, per Kurieren des Arbeiter-Radfahrer-Bundes, in den Tiergarten, ohne dass zuvor eine Zeile davon in einer Zeitung stand. Gegen Mittag versammeln sich zwischen Siegesallee und Brandenburger Tor nach Schätzungen 150.000 bis 200.000 Menschen. Die berittene Polizei braucht rund zwei Stunden, um zum Tiergarten zu gelangen, und geht dann gegen die sich bereits auflösende Menge vor: 70 Festnahmen, davon 20 in Treptow, mit wiederholten Attacken zwischen Reichstag und Siegessäule.
Am 10. April folgt eine weitere große Wahlrechtskundgebung. Der „Vorwärts" beschreibt drei Tage danach den disziplinierten Ablauf solcher Massenzüge:
„Wie dieser zu einem Gesamtzug angeschwollene Zug sich in der Höhe der Rednerwiese wieder in Einzelzüge teilte, die nach den für die einzelnen Wahlkreise bestimmten Plätzen abschwenkten, das war einfach ein Wunder von Organisation und Disziplin. […] Es ging wie am Schnürchen, bis die Rednertribünen schwarz umlagert waren. ‚Bitte nicht auf den Rasen treten!' hieß es sogar einmal, als ein junger Mann sich den Weg abkürzen wollte, und er parierte im Augenblick." — Vorwärts, 13. April 1910
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Sachsen-Altenburg (Herzogtum), 14. April — SPD 7, Linksliberale 3, Konservative 12, übrige Sitze: weitere Gruppen, von 32 Sitzen insgesamt.
- Reuß jüngerer Linie (Fürstentum Gera), 28. November — SPD 5, Linksliberale/FVP 1, Nationalliberale 4, Freikonservative 1, Bürgerliche 4, ein fürstliches Mandat, von 16 Sitzen insgesamt.
- Hamburg (Bürgerschaft), im Laufe des Jahres, bezirksweise — SPD rund 35 %, Linksliberale rund 25 %, Nationalliberale und Konservative zusammen rund 40 % der Stimmen in den erneuerten Wahlbezirken.
Aus heutiger Sicht
Das preußische Dreiklassenwahlrecht überdauert den Wahlrechtsspaziergang um acht weitere Jahre — erst der Umsturz vom November 1918 bringt in Preußen das gleiche Wahlrecht.
Revolution in Portugal

In der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober erhebt sich Militär und Marine in Lissabon; am Vormittag des 5. Oktober wird von einem Balkon des Rathauses (Paços do Concelho) die Republik ausgerufen — das Ende der Monarchie. König Manuel II. geht ins Exil nach England; eine provisorische Regierung unter Teófilo Braga übernimmt bereits ab dem 5. Oktober die Amtsgeschäfte der neuen Republik. Dem Umsturz vorausgegangen war Unmut über die Monarchie seit der Ermordung von Manuels Vater 1908 und einem britischen Ultimatum von 1890.
Der Halleysche Komet streift die Erde

Am 18./19. Mai durchquert die Erde den Schweif des Halleyschen Kometen. Spektroskopisch war im Schweif Zyan — eine Blausäureverbindung — nachgewiesen worden, allerdings in einer für Menschen ungefährlich geringen Konzentration. Das hält Scharlatane nicht davon ab, aus der Weltuntergangsangst Kapital zu schlagen: „Kometenpillen" und Gasmasken verkaufen sich im Frühjahr gut. Eine Spott-Postkartenserie mit dem Titel „Der Weltuntergang am 19. Mai 1910" macht sich derweil über die Angst lustig.
Moabiter Unruhen
Am 19. September legen 141 Kohlenarbeiter und Kutscher der Kohlenhandlung Ernst Kupfer & Co. in der Sickingenstraße in Moabit die Arbeit nieder; sie fordern eine Anhebung des Stundenlohns von 43 auf 50 Pfennig und eine Verkürzung der zwölf- (Kutscher: vierzehn-)stündigen Arbeitszeit. Die Firma, im Besitz des Großindustriellen Hugo Stinnes, lässt Streikbrecher aus Hamburg heranschaffen; Stinnes selbst telegrafiert an den preußischen Innenminister um „ausreichenden polizeilichen Schutz" — das Polizeiaufgebot wächst auf 1000 Mann.
Bis zum 29. September kommt es zu offenen Straßenkämpfen: Streikende reißen vor den Lagerplätzen das Straßenpflaster auf, Laternen und Schaufenster gehen zu Bruch. Nach Polizeischätzung beteiligen sich 20.000 bis 30.000 Menschen. Am Ende zählt die Bilanz zwei Tote und über 100 Schwerverletzte.
Mansfelder Bergarbeiterstreik
Am 18. Januar rechtfertigt Staatssekretär des Innern Clemens Delbrück in einer Reichstagsdebatte den Einsatz von Militär gegen die Bergleute im Mansfelder Kupferschieferrevier, die vom 4. Oktober bis zum 13. November 1909 gestreikt hatten. An dem Ausstand hatten sich rund 10.000 Bergarbeiter beteiligt.
Absturz des Luftschiffs „Deutschland"

Das Passagierluftschiff LZ 7 „Deutschland" der Luftschiffbau Zeppelin absolviert seine Jungfernfahrt von Friedrichshafen nach Düsseldorf. Nur wenige Tage später, am 28. Juni, stürzt es bei einer Pressefahrt ab Düsseldorf mit 19 Journalisten aus England, den USA und Deutschland an Bord ab: Motorausfall, Sturm und Schneeschauer treiben das Schiff über dem Teutoburger Wald ab, bis es am Limberg bei Bad Iburg in die Baumwipfel sinkt. Alle Insassen überleben den Absturz.
Flugpioniere in Johannisthal

Am 1. Februar stellt der Deutsche Luftschiffer-Verband die ersten in Deutschland ausgestellten Flugzeugführerscheine aus: August Euler erhält den Schein Nr. 1, Hans Grade — dessen Lanz-Preis-Flug als Nachweis genügt — den Schein Nr. 2.
Vom 10. bis 16. Mai findet in Johannisthal eine Flugwoche statt, vom 7. bis 13. August folgt dort die erste „Nationale Flugwoche", zu der nur Piloten mit deutscher Staatsangehörigkeit zugelassen sind.
Jahrhundertfeier der Berliner Universität

Anlässlich der Jahrhundertfeier der Berliner Universität kündigt Kaiser Wilhelm II. am 11. Oktober beim Festakt in der Neuen Aula die Gründung einer kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften an: „Um dem Unternehmen eine dauernde Fürsorge zu sichern, ist es mein Wunsch, eine Gesellschaft unter meinem Protektorat und in meinem Namen ins Leben zu rufen, welche sich die Errichtung und Unterhaltung von Forschungsinstituten zur Aufgabe stellt." Der Festakt zur Jahrhundertfeier der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität findet mit einer Rede von Rektor Max Lenz statt.
Aus heutiger Sicht
Die angekündigte Gesellschaft wird erst am 11. Januar 1911 im Festsaal der Preußischen Akademie der Künste gegründet — als Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die nach 1948 als Max-Planck-Gesellschaft fortbesteht.
Salvarsan gegen die Syphilis

Paul Ehrlich und Sahachiro Hata stellen am 19. April dem Kongress für Innere Medizin in Wiesbaden ihr Mittel „Dioxydiamidoarsenobenzol" gegen die Syphilis vor — mit Erfolgen bei Versuchstieren und ersten klinischen Patienten. Ehrlichs Frankfurter Labor wird danach mit Anfragen überschwemmt; die Farbwerke Hoechst liefern bis zum letzten Quartal des Jahres 65.000 Gratisproben zur klinischen Erprobung. Ende November kommt das Mittel unter dem Namen „Salvarsan" auf den Markt.
Der Sportpalast eröffnet

Am 17. November eröffnet an der Potsdamer Straße 72 der „Hohenzollern-Sport-Palast" mit einer 2400 Quadratmeter großen Kunsteisbahn — gefeiert als technische und gesellschaftliche Sensation. Das Eröffnungskonzert leitet der Preußische Hofkapellmeister Richard Strauss mit Beethovens Neunter Sinfonie.
Die Schöneberger Untergrundbahn

Am 1. Dezember eröffnet die Stadt Schöneberg feierlich die erste kommunale, also von einer Stadt selbst gebaute und betriebene Untergrundbahn Deutschlands: die Strecke vom Nollendorfplatz zur Hauptstraße, 2,9 Kilometer lang mit fünf Stationen. Den Baubeschluss hatte die Stadt Schöneberg bereits am 7. September 1908 gefasst; treibende Kraft war Oberbürgermeister Rudolph Wilde, der die Eröffnung nicht mehr erlebt — er stirbt am
- November 1910. Zum Festakt am neuen U-Bahnhof Bayerischer Platz kommen 250 geladene Gäste, darunter Vertreter des preußischen Innenministeriums.
Aus heutiger Sicht
Die Strecke ist die Keimzelle der heutigen U4; nach der Bildung von Groß-Berlin 1920 geht sie im einheitlichen Berliner U-Bahn-Netz auf.
Asta Nielsen erobert die Leinwand

„Afgrunden" („Abgründe"), unter der Regie von Urban Gad mit Asta Nielsen in der Hauptrolle, feiert am 12. September in Kopenhagen Premiere und macht die dänische Schauspielerin über Nacht zum Star. In deutschen Kinos läuft der Film Ende November/Anfang Dezember an.
Aus heutiger Sicht
Asta Nielsen gilt als erster internationaler Filmstar; „Afgrunden" macht den Film in Deutschland gesellschaftsfähig.
„Der Sturm" — eine neue Kunstzeitschrift

Am 3. März gibt Herwarth Walden in Halensee (Deutsch-Wilmersdorf), wohnhaft und arbeitend mit Else Lasker-Schüler in der Katharinenstraße 5, die erste Ausgabe der Wochenschrift „Der Sturm" für Kultur und Kunst heraus. Sie will ein Organ der radikalen Moderne sein.
Aus heutiger Sicht
„Der Sturm" wird zum ersten und langlebigsten Organ der radikalen Moderne in Deutschland.
Die große Seine-Flut in Paris

Ab dem 18. Januar fällt sintflutartiger Regen über Nordfrankreich, bis zu 199 Millimeter je Quadratmeter. Die Seine steigt und erreicht am 28. Januar am Pegel Pont d'Austerlitz mit 8,62 Metern ihren höchsten Stand seit 1658. Allein in Paris stehen an diesem Tag 22.000 Keller und Hunderte Straßen unter Wasser; der Sachschaden ist groß, Todesopfer sind nicht zu beklagen. Kurios: Zeitweise tagen Abgeordnete der Abgeordnetenkammer per Boot, um ihre Arbeit fortzusetzen.
Brand auf der Weltausstellung Brüssel

Am Sonntagabend des 14. August, um 20:45 Uhr, bricht im linken Flügel des „Palais Belge" auf dem Brüsseler Ausstellungsgelände Solbosch ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitet. Zerstört werden der belgische, der britische und der französische Pavillon, der Vergnügungspark „Luna-Park" und der Jahrmarkt „Bruxelles Kermesse". Trotz des Ausmaßes des Feuers gibt es kaum Todesopfer.
Der Fall Dr. Crippen

Der Arzt Hawley Harvey Crippen flieht nach dem Mord an seiner Frau mit seiner Geliebten Ethel Le Neve — als Mann verkleidet — von Antwerpen aus mit dem Dampfer „SS Montrose" nach Kanada. Kapitän Henry George Kendall erkennt die beiden an Bord und funkt per drahtloser Telegrafie an die britischen Behörden. Chief Inspector Walter Dew nimmt das schnellere Schiff „SS Laurentic", überholt die „Montrose" und verhaftet Crippen am 31. Juli in kanadischen Gewässern — der erste Kriminalfall, in dem ein Verdächtiger mittels Funktelegrafie überführt wird.
AM RANDE NOTIERT
- 15. Juni — Polarforscher Robert Falcon Scott bricht zu seiner Antarktis-Expedition auf; der Ausgang des Wettlaufs gegen Amundsen ist zum Jahreswechsel offen.
- 20. August — Kaiser Wilhelm II. bestimmt Posen zur „Residenzstadt des Deutschen Reiches".
- 22./29. August — Japan annektiert Korea: Der Annexionsvertrag wird am 22. August unterzeichnet und am 29. August verkündet — das Ende des Koreanischen Kaiserreichs.
- 13. September — Der Deutsche Juristentag lehnt die Abschaffung der Todesstrafe mit 50 zu 24 Stimmen ab.
- 23. September — Der Flieger Géo Chávez überquert als Erster die Alpen im Motorflugzeug, stürzt bei der Landung in Domodossola ab und stirbt am 27. September an seinen Verletzungen.
- 20. November — Der „Plan von San Luis Potosí" ruft für diesen Tag in Mexiko zum bewaffneten Aufstand gegen Präsident Porfirio Díaz auf; Francisco Madero ist sein Urheber.
- 1. Dezember — Im ganzen Deutschen Reich wird gezählt: Die Volkszählung erfasst die Einwohner, Ergebnisse liegen zum Jahreswechsel noch nicht vor.
WIRTSCHAFT · 1910
Das Jahr ist geprägt von einer ungewöhnlich dichten Folge großer Streiks und Aussperrungen. Ab dem 16. April sperrt der Arbeitgeberverband reichsweit über 160.000 Bauarbeiter aus, die Ortstarifverträge, höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten fordern; die Aussperrung dauert sieben Wochen und endet mit geringen Zugeständnissen. Ab dem 5. August legen 10.000 Werftarbeiter in Hamburg die Arbeit nieder, ein Großteil der Bremer Werften schließt sich an — der Streik dauert bis in den Oktober und endet mit einem Teilerfolg. Zusammen mit dem Mansfelder Bergarbeiterstreik und den Moabiter Unruhen reiht sich das Jahr in eine auffällig dichte Streikfolge der letzten Jahre ein, bei der neben kürzerer Arbeitszeit und höheren Löhnen zunehmend auch die Wiedereinstellung entlassener Kollegen und die Durchsetzung von Tarifverträgen gefordert werden.
Der Preisspiegel:
- Straßenbahnfahrt Berlin (Einheitstarif) — 10 Pfennig
- Arbeiter-Jahreslohn (Reichsdurchschnitt, 1909) — 1046 Mark (rund 87 Mark im Monat)
- Weizenbrot (1 kg, Reichsdurchschnitt) — 0,50 Mark
- Rindfleisch (1 kg, Reichsdurchschnitt) — 1,72 Mark
- Butter (1 kg, Reichsdurchschnitt) — 3,82 Mark
- Milch (1 Liter, Reichsdurchschnitt) — 0,20 Mark
- Ei (1 Stück, Reichsdurchschnitt) — 0,06 Mark
SPORT · 1910
Der Karlsruher FV wird am 15. Mai durch ein 1:0 gegen Holstein Kiel Deutscher Fußballmeister. In Johannisthal sorgen die Flugwoche im Mai und die erste „Nationale Flugwoche" im August für sportliche wie technische Sensationen. Am 17. November eröffnet der Sportpalast an der Potsdamer Straße mit seiner Kunsteisbahn. In Reno/USA verteidigt Jack Johnson am 4. Juli seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen James Jeffries.
MODE · 1910
Der „Humpelrock" des Pariser Modeschöpfers Paul Poiret erreicht in diesem Jahr den Höhepunkt seiner Popularität: ein schmal geschnittener, knöchellanger Rock mit hoch angesetzter Taille, der den Schritt der Trägerinnen stark einschränkt.
KULTUR · 1910
Am 3. März gibt Herwarth Walden mit „Der Sturm" eine neue Wochenschrift für Kultur und Kunst heraus. Am 7. November inszeniert Max Reinhardt im Zirkus Schumann, den er für Massenschauspiele angemietet hat, Sophokles' „Ödipus" — mit großem Erfolg.
KINO & FUNK · 1910
Das 1909 eröffnete Union-Theater am Alexanderplatz, mit 800 Plätzen in Lila und Gold ein Haus der Kinokette von Paul Davidson, ist 1910 in vollem Betrieb. Ende des Jahres erreicht Asta Nielsens „Afgrunden" die deutschen Kinos. Drahtlose Sendungen für jedermann gibt es noch nicht; an drahtloser Telegrafie arbeitet vor allem die 1906 in Betrieb gegangene Großfunkstelle Nauen, ein beliebtes Ausflugsziel mit rund 15.000 Besuchern im Jahr.
GESTORBEN · 1910
- Robert Koch (66), Bakteriologe, Begründer der modernen Bakteriologie — 27. Mai, Baden-Baden.
- Mark Twain (74), Schriftsteller (eigentlich Samuel Langhorne Clemens) — 21. April, Redding, Connecticut/USA.
- Eduard VII. (68), König von Großbritannien — 6. Mai, Buckingham Palace, London.
- Florence Nightingale (90), Krankenpflegepionierin — 13. August, London.
- Henri Dunant (82), Gründer des Roten Kreuzes — 30. Oktober, Heiden/Schweiz.
- Leo Tolstoi (82), Schriftsteller — 20. November, Bahnhof Astapowo/Russland.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1910
- Drei der fünf Nobelpreise gehen nach Deutschland (10. Dez., Stockholm). Albrecht Kossel erhält den Medizin-, Otto Wallach den Chemie- und Paul Heyse den Literaturnobelpreis.
- Frauenwahlrecht in Norwegen erweitert (im Frühjahr, Norwegen). Das kommunale Wahlrecht für Frauen wird auf alle Frauen ab 25 Jahren ausgeweitet, die die Wohnsitzpflicht erfüllen.
- Stapellauf der „Olympic" (20. Okt., Belfast). Mit 269 Metern Länge läuft das derzeit größte Schiff der Welt vom Stapel.
- Kanalüberflug von Charles Rolls (2. Juni, Dover–Sangatte–Dover). Der britische Flugpionier fliegt im Motorflugzeug als Erster non-stop über den Ärmelkanal und zurück.
DAS WETTER · 1910 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 26,3 °C, das Minimum lag bei 14,6 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 20,4 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fielen an diesem Tag 6,8 mm.
Der heißeste Tag des Jahres war der 5. Juni mit 30,9 °C, der kälteste (Tagesminimum) der 28. Januar mit −9,0 °C. Berlin zählte 82 Frosttage und 7 Eistage, dazu 24 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon vier heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 657,7 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,0 °C, das Tagesminimum 5,2 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1910
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten- und Revue-Uraufführungen, Notendrucke, Tonbild- und frühe Schallplattenaufnahmen sowie das Berliner Kabarett-Repertoire (u. a. die Liedliste von Claire Waldoff). Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 10 Titel belegen, die bis einschließlich 1910 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren.
- Wenn die Füßchen sich heben und schweben (Walzer) — Musik: Jean Gilbert, aus der Operette „Die keusche Susanne", Uraufführung Wilhelm-Theater Magdeburg
- Wenn der Vater mit dem Sohne auf den Bummel geht (Marsch) — Musik: Jean Gilbert, aus „Die keusche Susanne"
- Hör' ich Cymbalklänge (Lied und Csárdás) — Musik: Franz Lehár, aus „Zigeunerliebe", Uraufführung 8. Januar 1910, Carltheater Wien
- Wie schön du bist, Berlin („Da draußen rings im Lande…") — Musik: Jean Gilbert, aus „Polnische Wirtschaft" (UA Dez. 1909 Cottbus), Berlin-Premiere 6. August 1910 im Thalia-Theater
- Det Scheenste sind die Beenekins — Musik: Walter Kollo, Interpretin: Claire Waldoff
- Kuno der Weiberfeind — Musik: Rudolf Nelson, Interpretin: Claire Waldoff
- Mit dem Zippel, mit dem Zappel, mit dem Zeppelin — Otto Reutter (Couplet; Schellack-Ersteinspielung bereits 21. Dezember 1908, 1910 zusätzlich als Tonbild aufgenommen und im Zeppelin-Rummel des Jahres populär)
- Kometenlied — Musik: Victor Hollaender, Text: Julius Freund, aus der Metropol-Theater-Jahresrevue „Hurra, wir leben noch!" (Berlin)
- Morgens willste nicht und abends kannste nicht — Musik: E. Hartmann, Interpretin: Claire Waldoff
- Mir hab'n se de Gurke vom Schnitzel weggemopst — Interpretin: Claire Waldoff