DER CHRONIST

Zum Geleit

Zwischen Juli und November hält die Marokkokrise die Diplomatie in Atem und treibt mehr als zweihunderttausend Berliner zur größten Protestkundgebung, die die Stadt bislang gesehen hat, in den Treptower Park. Im Innern vereinigen sich sieben Städte im Zweckverband Groß-Berlin, während ein Gift im Obdach „Palme" siebzig Menschenleben fordert. Zwischen Dürre, neuen Sozialgesetzen und der ersten deutschen Pilotin bietet das Jahr ebenso viel Umbruch wie Beharrung.

Die Schlagzeilen des Jahres

„Panthersprung" nach Agadir — die Marokkokrise

Das Kanonenboot SMS Panther auf dem Schiffsfriedhof Kiel
Das Kanonenboot SMS Panther auf dem Schiffsfriedhof Kiel (Bundesarchiv Bild 102-12449, Urheber unbekannt, CC BY-SA 3.0 DE; Aufnahme 1931, zeigt dasselbe Schiff, das 1911 den „Panthersprung" ausführte)

Am 1. Juli läuft auf Befehl Kaiser Wilhelms II. das Kanonenboot SMS Panther unter Korvettenkapitän Fritz Behnisch in den südmarokkanischen Hafen Agadir ein — offiziell zum Schutz deutscher Geschäftsleute nach Unruhen im Land, tatsächlich als Druckmittel in einem diplomatischen Ringen um Marokko. Kurz darauf treffen der Kleine Kreuzer SMS Berlin und das Kanonenboot Eber zur Verstärkung ein. Hintergrund ist die französische Besetzung von Fès und Rabat; das Reich verlangt als Gegenleistung für freie Hand Frankreichs in Marokko Gebietskompensationen, vor allem im Kongo.

Der „Panthersprung" löst in ganz Europa Kriegsangst aus. Großbritannien stellt sich mit der Mansion-House-Rede seines Schatzkanzlers David Lloyd George am 21. Juli demonstrativ an die Seite Frankreichs. Auch in der deutschen Presse schlagen die Wogen hoch: Anfang Juli schreibt die „Rheinisch-Westfälische Zeitung", Sprachrohr der in Marokko engagierten Schwerindustrie: „Hurra! … Endlich eine Tat! Eine befreiende Tat, die den Nebel bittersten Missmutes in deutschen Landen zerreißen muss." Der sozialdemokratische „Vorwärts" fragt dagegen: „Hat sich die Regierung von den Marokkotreibern breitschlagen lassen?" — und das linksliberale „Berliner Tageblatt" mahnt: „Sollen wir achselzuckend zustimmen, wenn Frankreich auf keuschen Umwegen ganz Marokko an sich bringt?"

Monatelang verhandeln Berlin und Paris am Rand des Krieges. Erst am 4. November einigen sich beide Regierungen im Marokko-Kongo-Abkommen: Deutschland erkennt das französische Protektorat über Marokko an und erhält im Gegenzug Teile Französisch-Kongos, die als „Neukamerun" dem deutschen Kolonialbesitz zugeschlagen werden.

Antikriegskundgebung im Treptower Park

Der Treptower Park bei Berlin, Schauplatz der Kundgebung von 1911
Der Treptower Park bei Berlin, Schauplatz der Kundgebung (CC BY-SA 3.0; modernes Foto, kein Bild von der Kundgebung selbst überliefert)

Aus Protest gegen die Kriegsgefahr durch die Marokkokrise versammeln sich am 3. September im Treptower Park mehr als 200.000 Menschen — von der SPD und den Gewerkschaften organisiert, gilt die Kundgebung als die größte, die Berlin bis dahin erlebt hat. Sie bildet den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Protestversammlungen, die den gesamten August über in vielen Orten des Reichs stattgefunden hatten.

Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet

Porträtfoto Adolf von Harnacks
Porträtfoto Adolf von Harnacks (Nicola Perscheid, gemeinfrei; Aufnahme 1904)

Am 11. Januar tritt im großen Saal der Preußischen Akademie der Künste am Pariser Platz die Gründungsversammlung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zusammen. 83 stimmberechtigte Mitglieder — Wissenschaftler, Industrielle, Bankiers, hohe Beamte und Adel — beschließen den neuen Verein. Am 23. Januar wählt der Senat der Gesellschaft den Theologen Adolf von Harnack zu ihrem ersten Präsidenten. Vorausgegangen war eine Ankündigung Kaiser Wilhelms II. zur Hundertjahrfeier der Friedrich-Wilhelms-Universität im Oktober 1910.

Erste Institute, unter anderem für Chemie und physikalische Chemie, sind bereits in der Landgemeinde Dahlem bei Berlin geplant oder im Bau.

Aus heutiger Sicht

Aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft geht 1948 die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften hervor, die bis heute Grundlagenforschung in Deutschland betreibt.

Zweckverbandsgesetz für Groß-Berlin

Rathaus der 1911 noch selbstständigen Stadt Charlottenburg
Rathaus der 1911 noch selbstständigen Stadt Charlottenburg, einer der sieben zum Zweckverband vereinigten Städte (CC BY-SA 3.0; Aufnahme 2015)

Am 19. Juli beschließt der preußische Gesetzgeber das Zweckverbandsgesetz für Groß-Berlin: Es vereinigt die selbstständigen Städte Berlin, Charlottenburg, Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg, Rixdorf, Schöneberg und Spandau sowie die Landkreise Niederbarnim und Teltow zum „Zweckverband Groß-Berlin", der ab dem 1. April 1912 in Kraft tritt. Ziel ist die gemeinsame Regelung von Schnellbahnverkehr, Bebauungslinien und Bauordnung über die einzelnen Stadtgrenzen hinweg.

Hintergrund ist das rasante Wachstum der Region: Handel und Industrie hatten wiederholt über das Kompetenzwirrwarr zwischen den vielen selbstständigen Gemeinden geklagt.

Aus heutiger Sicht

Der Zweckverband bleibt Flickwerk: Erst das Gesetz vom 27. April 1920 vereinigt Berlin und seine Nachbarstädte zur Einheitsgemeinde Groß-Berlin.

Massenvergiftung im Obdach „Palme"

Gedenktafel am historischen Standort Fröbelstraße 15
Gedenktafel am historischen Standort Fröbelstraße 15 (CC BY-SA 3.0; modernes Foto, kein zeitgenössisches Bild überliefert)

In den frühen Morgenstunden des 27. Dezember beginnt im Städtischen Obdach „Palme" in der Fröbelstraße 15 — dem größten städtischen Obdachlosenasyl Berlins — ein rätselhaftes Sterben. Binnen weniger Tage erkranken Dutzende der dort untergekommenen Obdachlosen unter Qualen; als Ursache werden gepanschter Branntwein und verdorbener Fisch gehandelt, ohne dass sich die Anstaltsleitung bis zum Jahresschluss festlegt.

Von rund hundertfünfzig Erkrankten sind bis Silvester siebzig gestorben; die übrigen ringen weiter um ihr Leben.

Die „Mona Lisa" spurlos aus dem Louvre verschwunden

Zeitgenössische Zeitungsabbildung zum Diebstahl der Mona Lisa
Zeitgenössische Zeitungsabbildung zum Diebstahl (gemeinfrei; Publikation August 1911)

Am Montag, dem 21. August — Schließtag des Louvre —, verschwindet Leonardo da Vincis „Mona Lisa" spurlos aus dem Salon Carré. Erst am folgenden Tag fällt Museumsangestellten die leere Wandstelle auf; Rahmen und Schutzkasten des Bildes werden leer in einem Treppenhaus des Louvre gefunden, von Bild und Täter fehlt hingegen jede Spur.

Der Louvre bleibt eine Woche geschlossen, während die Pariser Polizei ohne Erfolg ermittelt; über den Verbleib des berühmtesten Gemäldes der Sammlung gibt es zum Jahresende keine gesicherte Nachricht.

Aus heutiger Sicht

Erst Ende 1913 wird der Dieb gefasst — der italienische Museumshandwerker Vincenzo Peruggia, der das Bild zwei Jahre lang in seiner Wohnung versteckt hielt. Im Dezember 1913 kehrt die „Mona Lisa" nach Paris zurück.

Der Jahrhundertsommer — Hitze und Dürre über dem Reich

Titelseite des Le Petit Journal vom 13. August 1911 zur Hitzewelle
Titelseite des Bildsupplements „Le Petit Journal" vom 13. August 1911: „Die Untaten der Hitze — Ein Sonnenstich-Opfer" (Gallica/BnF, gemeinfrei; französisches Motiv zur selben europäischen Hitzewelle, die auch das Reich trifft)

Am 23. Juli steigt die Temperatur in Dahlem bei Berlin auf 34,4 Grad, den höchsten Wert des Jahres; insgesamt zählt das Jahr in Dahlem 54 Sommertage mit mindestens 25 Grad, davon 16 mit mindestens 30 Grad. Auch andernorts im Reich wird es glühend heiß: In Mitteldeutschland werden örtlich fast 40 Grad gemeldet. Der Sommer gilt nach den bisherigen Aufzeichnungen als der wärmste Mitteleuropas seit Beginn regelmäßiger Messungen und als der trockenste in Deutschland seit mindestens 1881.

Der Regen bleibt aus: Der Jahresniederschlag summiert sich in Dahlem auf lediglich 381,4 Millimeter. Die Ernte leidet erheblich — Kartoffeln bringen reichsweit nur drei Viertel, Zuckerrüben nur drei Fünftel des Vorjahresertrags, die Heu- und Futterernte fällt katastrophal aus. Die Folge sind spürbar steigende Lebensmittelpreise (siehe WIRTSCHAFT).

Umsturz in China — Aufstand gegen die Kaiserdynastie

Porträtfoto Sun Yat-sens
Porträtfoto Sun Yat-sens (gemeinfrei; Aufnahme 1911)

Am Abend des 10. Oktober schlägt in der Stadt Wuchang in der Provinz Hubei ein Soldatenaufstand gegen die Mandschu-Dynastie los, nachdem bereits am Vortag, dem 9. Oktober, in einem von Aufständischen genutzten Gebäude eine Bombe versehentlich explodiert war. Die Rebellen stürmen die Regierungsgebäude und übernehmen die Stadt; bis November erklären sich 15 Provinzen für unabhängig von der Regierung in Peking.

Am 29. Dezember wählt eine Konferenz von Abgesandten der abgefallenen Provinzen in Nanking Sun Yat-sen zum vorläufigen Präsidenten einer neuen Regierung.

Erster Bombenabwurf aus einem Flugzeug — Krieg um Libyen

Nachbau eines Etrich-Taube-Flugzeugs
Nachbau eines Etrich-Taube-Flugzeugs, Museum (CC BY-SA 4.0; Aufnahme 2021, zeitloses Motiv des 1911 eingesetzten Flugzeugtyps)

Seit dem 29. September führt Italien gegen das Osmanische Reich Krieg um die nordafrikanischen Provinzen Tripolitanien und Cyrenaika. Am 1. November wirft der italienische Leutnant Giulio Gavotti aus seinem Etrich-Taube-Eindecker aus rund 180 Metern Höhe vier Handgranaten ab — drei über der Oase Tajura, eine über einem osmanischen Lager bei Ain Zara. Nach den Berichten wird dabei niemand verletzt.

Der Abwurf gilt als der erste dokumentierte Bombenabwurf aus einem Flugzeug der Kriegsgeschichte. Das eingesetzte Flugzeugmuster, die „Etrich Taube" des österreichischen Konstrukteurs Igo Etrich, ist auch im Deutschen Reich bekannt.

Brand der Triangle-Shirtwaist-Fabrik in New York

Zeitgenössische Aufnahme des Fabrikbrands
Zeitgenössische Aufnahme des Brandes, erstveröffentlicht auf der Titelseite der New York World (gemeinfrei; Aufnahme 1911)

Am 25. März, kurz nach halb fünf Uhr nachmittags, bricht im Zuschneideraum im achten Stock der Triangle Shirtwaist Company in New York ein Feuer aus, das sich durch Stoffreste binnen Minuten ausbreitet. Verschlossene Ausgangstüren, ein eingestürzter Feuerausgang und ein ausfallender Aufzug versperren den überwiegend jungen Immigrantinnen aus Osteuropa und Italien die Fluchtwege; mehrere Arbeiterinnen springen aus den Fenstern des neunten Stocks.

146 Menschen sterben, die jüngsten Opfer, Kate Leone und Rosaria Maltese, waren vierzehn Jahre alt. Die Katastrophe löst in den Vereinigten Staaten eine öffentliche Debatte über Arbeitssicherheit in Fabriken aus.

„Der Rosenkavalier" — umjubelte Uraufführung in Dresden

Porträt-Postkarte Richard Strauss'
Porträt-Postkarte Richard Strauss' (gemeinfrei; Aufnahme um 1900/1910)

Am 26. Januar erlebt die Komödie für Musik „Der Rosenkavalier" von Richard Strauss (Musik) und Hugo von Hofmannsthal (Libretto) am Königlichen Opernhaus Dresden unter Ernst von Schuch ihre Uraufführung, inszeniert von Georg Toller unter ungenannter Mitwirkung Max Reinhardts. Das Haus ist ausverkauft, die Aufführung gilt als Sensation.

Noch im Laufe des Jahres wird das Werk auch in Mailand, Wien, Rom und Berlin nachgespielt.

Reichsversicherungsordnung und Angestelltenversicherung

Reichstagsgebäude Berlin
Reichstagsgebäude Berlin, Sitz des Gesetzgebers (Joseph Ferdinand Klemm, gemeinfrei; Aufnahme um 1910)

Am 30. Mai verabschiedet der Reichstag die Reichsversicherungsordnung; mit Gesetz vom 19. Juli wird sie verkündet. Sie fasst Kranken-, Unfall- sowie Invaliditäts- und Altersversicherung erstmals in einem einheitlichen Gesetzeswerk zusammen und ist mit 1805 Paragraphen das umfangreichste Reichsgesetz nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch; sie soll größtenteils zum 1. Januar 1912 in Kraft treten.

Am 20. Dezember ergeht das Versicherungsgesetz für Angestellte: Es schafft erstmals eine eigene Alters- und Invaliditätsversicherung für Angestellte, die — anders als die Arbeiter, die bereits seit 1891 Renten beziehen können — bislang ohne eigene Absicherung geblieben waren.

Eigene Verfassung für Elsaß-Lothringen

Palais du Rhin in Straßburg
Palais du Rhin, Sitz der Reichsverwaltung Elsaß-Lothringens in Straßburg (CC BY-SA 3.0; modernes Foto, Gebäude bestand bereits 1911)

Ein Reichsgesetz vom 31. Mai gibt dem Reichsland Elsaß-Lothringen erstmals eine eigene Verfassung, ein frei gewähltes Landesparlament und drei Stimmen im Bundesrat. Bislang war das „Reichsland" als einziges Glied des Reiches ohne eigene Verfassung direkt der Reichsregierung unterstellt. Eine Einschränkung bleibt: Der Statthalter bestimmt weiterhin, wie die elsaß-lothringischen Bundesratsstimmen abgegeben werden, und sie dürfen keiner sonst unterlegenen preußischen Vorlage zur Mehrheit verhelfen.

Am 22. Oktober findet die erste Wahl zur Zweiten Kammer des neuen Landtags statt, mit Stichwahlen am 29. Oktober. Die Zentrumspartei gewinnt 24 der 60 Sitze (rund 31 % der Stimmen), die SPD folgt mit 11 Sitzen (rund 24 %); den Rest teilen sich liberale und elsässisch-regionale Gruppierungen.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Großherzogtum Oldenburg (Landtag), 14. Oktober — Fortschrittliche Volkspartei 14 Sitze, SPD 12, Nationalliberale und Landwirte zusammen 10, Zentrum 9 von 45; SPD und FVP erreichen damit erstmals gemeinsam die Mehrheit.
  • Hessen-Darmstadt (Zweite Kammer der Landstände), 3. November — Teilwahl: SPD 33,7 %, Fortschrittliche Volkspartei 19,0 %, Nationalliberale 17,2 %, Zentrum 14,2 %, Hessischer Bauernbund 13,2 %; erstmals direkte, geheime Wahl.
  • Schaumburg-Lippe (Landtag), 16. September — SPD 2 Sitze, bürgerliche Parteien 13 von 15.
  • Lübeck (Bürgerschaft), 17. November — turnusmäßige Teilerneuerung: SPD 12 Sitze, bürgerliche Parteien 108 von 120.
  • Königreich Sachsen (Zweite Kammer der Ständeversammlung), 1911 — Ergänzungswahl eines Drittels der Sitze: SPD 26, Nationalliberale 26, Konservative 29, Linksliberale 7, sonstige Liberale 3 von 91.
  • Reuß älterer Linie (Greiz), 1911 — Teilerneuerung: Konservative 4 Sitze, Nationalliberale 3, bürgerliche Gruppen 3, Linksliberale 1, Christlich-Soziale 1 von 12.

Die „Brücke"-Maler ziehen nach Berlin

Ernst Ludwig Kirchner mit Doris Große, um 1910
Ernst Ludwig Kirchner (Selbstauslöserfoto) mit Doris „Dodo" Große in Dresden, um 1910, kurz vor dem Berlin-Umzug der Künstlergruppe (Kirchner selbst, gemeinfrei; aufgenommen in Dresden)

Im Herbst verlagert die Dresdner Künstlergruppe „Brücke" ihren Schwerpunkt nach Berlin. Erich Heckel organisiert den Umzug, Ernst Ludwig Kirchner folgt ihm nach und bezieht ein Atelier in der Durlacher Straße; auch Karl Schmidt-Rottluff zieht in diesem Jahr nach Berlin.

Der Kontakt zur Großstadt und zur internationalen Avantgarde verändert Stil und Selbstverständnis der Maler; die vertraute Dresdner Gruppenatmosphäre der Anfangsjahre geht in der Hauptstadt allmählich verloren.

Aus heutiger Sicht

Die Auflösung der „Brücke" folgt nur zwei Jahre später, 1913 — der Berliner Umzug markiert bereits den Beginn vom Ende der Gruppe.

Melli Beese besteht als erste Deutsche die Pilotenprüfung

Melli Beese vor einem Flugzeug
Melli Beese vor einem Flugzeug (gemeinfrei; Aufnahme 1911)

An ihrem 25. Geburtstag besteht Melli Beese auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin in den frühen Morgenstunden als erste Frau in Deutschland die Flugzeugführerprüfung — auf einem Rumpler-Taube-Flugzeug, geprüft von den anerkannten Fluglehrern Ellery von Gorrissen und Cornelius Hintner. Sie erhält den Flugzeugführerschein Nr. 115; die Berliner Presse lobt die „gute Manier" ihrer Prüfungsflüge.

Johannisthal ist 1911 das Zentrum der jungen deutschen Luftfahrt: Vom 4. bis 11. Juni findet dort die Nationale Flugwoche statt, am 11. Juni startet der erste „Deutschlandflug".

Admiralspalast eröffnet — mit Eispalast mitten in Berlin

Fassade des Admiralspalastes in der Friedrichstraße
Fassade des Admiralspalastes, Friedrichstraße (CC BY-SA 3.0; Aufnahme 2010, Fassade von 1911 erhalten)

Am 20. April eröffnet in der Friedrichstraße 101/102 der Admiralspalast als neues, weltstädtisches Vergnügungsetablissement. Unter einem Dach vereint er russisch-römische Luxus-Thermalbäder auf 2.600 Quadratmetern, ein römisches Café, vier Kegelbahnen, ein Luxuskino — und, als besondere Kuriosität, eine große Kunsteisbahn mitten in der Halle.

Auf dem Eis finden Eisrevuen, Eishockeyspiele und sogar Boxkämpfe statt.

Ballondrama über der Nordsee — von Augsburg bis zu den Orkney-Inseln

Im Januar startet der Freiballon „Touring-Club" des Deutschen Touring-Clubs München um 16.30 Uhr in Gersthofen bei Augsburg, besetzt mit dem Ballonführer Hermann Distler, dem Kaufmann Ernst Metzger und Hauptmann a. D. Jördens. Gleich nach dem Aufstieg gerät der Ballon in dichten Nebel; die Luftschiffer glauben, über die Schweiz nach Frankreich zu fliegen. Als der Nebel nach fast fünfzehn Stunden Fahrt aufreißt, sehen sie zu ihrem Schrecken unter sich die vom Sturm gepeitschte Nordsee.

Die Gondel taucht bei einem Absturz ins Wasser; beim Wiederauftauchen fehlt Ernst Metzger, von den Wellen aus der Gondel gespült und ertrunken. Durch das geringere Gewicht steigt der Ballon erneut auf: Die beiden Überlebenden werden vom Sturm bis zu den Orkney-Inseln vor Nordschottland getrieben und landen dort nach fast dreißig Stunden Fahrt gegen 22 Uhr — rund 1.600 Kilometer Luftlinie von Augsburg entfernt.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 5. Februar — Beim Begräbnis des SPD-Politikers Paul Singer auf dem Friedhof Friedrichsfelde versammelt sich der größte Trauerzug, den Berlin je gesehen hat.
  • 1. April — Hamborn bei Duisburg, mit 102.800 Einwohnern bislang „größtes Dorf Preußens", erhält das Stadtrecht; am 1. Mai wird es aus dem Kreis Dinslaken gelöst und eigener Stadtkreis.
  • 31. Mai — In Belfast läuft bei der Werft Harland & Wolff das bislang größte Passagierschiff der Welt vom Stapel: die „Titanic" der White-Star-Linie.
  • 7. September — Nach vierjähriger Bauzeit wird in Hamburg der 426,5 Meter lange St.-Pauli-Elbtunnel eingeweiht.
  • 12. Oktober — In den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten eröffnet die Internationale Automobil-Ausstellung Berlin.
  • 21. November — Der hundertste Todestag Heinrich von Kleists, der sich 1811 am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben nahm, wird begangen.

WIRTSCHAFT · 1911

Der Jahrhundertsommer hinterlässt Spuren in der Haushaltskasse: Die schlechte Kartoffel- und Zuckerrübenernte sowie der Futtermangel treiben die Preise für Milch, Butter und Eier merklich nach oben, während die Straßenbahnfahrt in Berlin unverändert bei zehn Pfennig bleibt.

Der Preisspiegel:

  • Straßenbahnfahrt Berlin (Einzelfahrt) — 10 Pfennig
  • Arbeiterlohn (Monat, im Reichsdurchschnitt) — 87 Mark
  • Roggenbrot (1 kg, im Reichsdurchschnitt) — 48 Pfennig
  • Schweinefleisch (1 kg, im Reichsdurchschnitt) — 1,54 Mark
  • Butter (1 kg, im Reichsdurchschnitt) — 2,82 Mark
  • Milch (1 l, im Reichsdurchschnitt) — 21 Pfennig
  • Kartoffeln (1 kg, im Reichsdurchschnitt) — 12 Pfennig

SPORT · 1911

Im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft auf dem Gelände der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden bezwingt Viktoria 89 Berlin am 4. Juni den VfB Leipzig mit 3:1 und gewinnt zum zweiten Mal den Titel; Willy Worpitzky wird mit vier Toren Torschützenkönig des Turniers.

Vom 4. bis 11. Juni findet auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin die Nationale Flugwoche statt; am 11. Juni startet dort der erste „Deutschlandflug".

MODE · 1911

Im Frühjahr bringen Pariser Modehäuser, allen voran Paul Poiret mit seinen Haremshosen, den orientalisch inspirierten „Hosenrock" in Mode — in Deutschland auch „Haremskleid" genannt, mit weiten, pluderhosenartigen Beinen, die über den Knöcheln zusammengehalten werden. Zeitgenössische Kritik lässt nicht auf sich warten:

„Man verfolgt Frauen, die es wagen, ihren Rock ganz tief oberhalb der Füße in zwei Teile … auslaufen zu lassen, so dass man diese Neuheit kaum bemerken und als Hose bezeichnen kann, mit spöttischem Gejohle auf den Strassen, so dass sich die unglücklichen Culotte-Trägerinnen in Häuser flüchten müssen." — Eugen Isolani, 1911

Die neue Mode bleibt meist auf gesellschaftliche Anlässe beschränkt und wird nur von wenigen Damen in Paris und London auch auf der Straße getragen.

KINO & FUNK · 1911

Einen öffentlichen Rundfunk gibt es 1911 noch nicht; „Funk" bezeichnet allein die drahtlose Telegrafie. Auf diesem Feld gelingt der Großfunkstelle Nauen bei Berlin in diesem Jahr die erste Funkverbindung mit der deutschen Kolonialstation Kamina in Togo; noch im selben Jahr wird der Antennenmast der Station auf 200 Meter Höhe aufgestockt.

In Berlin eröffnet am Auguste-Viktoria-Platz das Prinzeß-Theater — ein Beispiel dafür, wie das Kino zunehmend als eigenständige architektonische Form gestaltet wird.

GESTORBEN · 1911

  • Georg Jellinek (59), Staatsrechtler — 12. Januar, Heidelberg.
  • Paul Singer (67), SPD-Politiker und langjähriger Ko-Vorsitzender der Partei — 31. Januar, Berlin.
  • Konrad Koch (65), Gymnasialprofessor und Verfasser der ersten deutschen Fußballregeln — 13. April, Braunschweig.
  • Gustav Mahler (50), Komponist und Dirigent — 18. Mai, Wien.
  • Konrad Duden (82), Sprachwissenschaftler und Begründer der einheitlichen deutschen Rechtschreibung — 1. August, Sonnenberg bei Wiesbaden.
  • Joseph Pulitzer (64), US-Zeitungsverleger — 29. Oktober, vor Charleston (USA).

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1911

  • Erste Funkverbindung nach Übersee (1911, Nauen–Kamina). Der Großfunkstelle Nauen bei Berlin gelingt die erste Funkverbindung mit der deutschen Kolonialstation Kamina in Togo — ein Meilenstein der drahtlosen Telegrafie.
  • Zweiter Meistertitel für Viktoria 89 (4. Juni, Dresden). Berlins Fußballer bezwingen im Finale den VfB Leipzig mit 3:1 und holen zum zweiten Mal die Deutsche Meisterschaft.
  • Start des ersten „Deutschlandflugs" (11. Juni, Johannisthal). Zum Abschluss der Nationalen Flugwoche starten deutsche Flieger zur ersten großen Überlandflug-Veranstaltung des Landes.
  • Einweihung des St.-Pauli-Elbtunnels (7. September, Hamburg). Nach vierjähriger Bauzeit verbindet ein 426,5 Meter langes technisches Meisterwerk beide Elbufer.

DAS WETTER · 1911 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 27,0 °C, das Minimum lag bei 17,0 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 22,0 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fielen an diesem Tag 0,4 Millimeter.

Der heißeste Tag des Jahres war der 23. Juli mit 34,4 °C, der kälteste (nach dem Tagesminimum) der 8. Januar mit −11,5 °C. Berlin zählte 91 Frosttage und 11 Eistage, dazu 54 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 16 heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 381,4 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,9 °C, das Tagesminimum 5,4 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1911

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten- und Revue-Uraufführungen, das Berliner Kabarett-Repertoire sowie die Otto-Reutter-Diskografie mit datierten Schellack-Aufnahmen. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich zehn Titel belegen, die bis einschließlich 1911 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren.

  1. 'ne dufte Stadt ist mein Berlin — Musik: Walter Kollo, Text: Friedrich Wilhelm Hardt; Interpretin: Claire Waldoff
  2. Nach meine Beene is ja janz Berlin verrückt — Musik: Walter Kollo, Text: Hardt; Interpretin: Claire Waldoff
  3. Wenn der Bräutigam mit der Braut so mang die Wälder geht — Musik: Walter Kollo, Text: Hardt; Interpretin: Claire Waldoff
  4. Was liegt bei Lehmann unterm Apfelbaum — Musik: Walter Kollo, Text: A. O. Alberts; Interpretin: Claire Waldoff
  5. Palais de Danse — Musik: Victor Hollaender, Text: Julius Freund, aus der Metropol-Theater-Revue „Die Nacht von Berlin"
  6. Es gibt nur ein einz'ges Berlin — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin, 9. Januar 1911
  7. Wo war'n Sie denn so lange? — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin, 9. Januar 1911
  8. Da kann man sehen, wie die Frauen sind — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin, 9. Januar 1911
  9. Rückblick auf die große Hitze vom Sommer 1911 — Musik & Text: Otto Reutter, Couplet über den Rekordsommer, aufgenommen Berlin, 22. November 1911
  10. Der tapfere Italiener — Musik & Text: Otto Reutter, Couplet zum Italienisch-Türkischen Krieg, aufgenommen Berlin, 22. November 1911