DER CHRONIST
Zwischen der Reichstagswahl im Januar und dem Ausbruch des Balkankriegs im Oktober lag ein Jahr der Gegensätze: Olympische Spiele in Stockholm und ein Nobelpreis für Gerhart Hauptmann standen neben dem Schiffsunglück im Nordatlantik und einem verlorenen Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet. Berlin wuchs unterdessen mit einem neuen Opernhaus, einem umgebauten Verkehrsknoten und den ersten Kaiser-Wilhelm-Instituten in Dahlem.
Die Reichstagswahl macht die Sozialdemokratie zur stärksten Kraft

Bei der Hauptwahl zum Reichstag am 12. Januar und den Stichwahlen in den Wahlkreisen ohne absolute Mehrheit, die sich bis zum 25. Januar hinziehen, wird die Sozialdemokratische Partei Deutschlands erstmals in der Geschichte des Reiches stärkste Fraktion. Mit rund 4,25 Millionen Stimmen (34,8 Prozent) erringt sie 110 der 397 Sitze, 64 davon bereits in der Hauptwahl, 46 in den Stichwahlen. Das Zentrum folgt mit 91 Sitzen, die Nationalliberalen mit 45, die Fortschrittliche Volkspartei mit 42 und die Deutschkonservativen mit 43 Sitzen. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg bleibt trotz der Verluste der bisherigen Regierungsparteien im Amt.
In Berlin selbst, mit seinen sechs Wahlkreisen, gewinnt die SPD fünf: die Abgeordneten Fischer, Pfannkuch, Büchner, Schmidt und Ledebour ziehen für die Hauptstadt in den Reichstag ein. Nur den Wahlkreis Berlin I behauptet die Fortschrittliche Volkspartei mit ihrem Kandidaten Johannes Kaempf — mit einem Vorsprung von gerade einmal neun Stimmen.
Am 9. Februar wählt der neue Reichstag zunächst Peter Spahn (Zentrum) zum Reichstagspräsidenten; schon am 10. Februar tritt er das Amt wieder ab. Erst am 14. Februar übernimmt Johannes Kaempf das Präsidium und löst damit Hans Graf von Schwerin-Löwitz ab. Als Erster Vizepräsident zieht mit Philipp Scheidemann erstmals ein Sozialdemokrat in das Präsidium ein. Scheidemann verzichtet auf den protokollarisch vorgesehenen Höflichkeitsbesuch beim Kaiser; Wilhelm II. besteht darauf, dass ihn entweder das ganze Präsidium oder niemand aufsucht. Scheidemann kann das Amt deshalb nicht antreten und wird im März nicht bestätigt.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Bayern, 5. Februar — das Zentrum bleibt mit 87 der 163 Sitze (rund 41 Prozent) bestimmende Kraft vor der SPD (19,5 Prozent) und dem Liberalen Block (18,3 Prozent); Georg von Hertling wird neuer Ministerpräsident.
- Schwarzburg-Sondershausen, 22. April — nach einem erweiterten Wahlgesetz mit 18 statt 17 Mandaten werden die Nationalliberalen mit sechs Sitzen stärkste Gruppe vor dem Bund der Landwirte und den Linksliberalen.
- Sachsen-Coburg-Gotha, 4. Juni — im Landtag Gotha stellt die SPD 9 der 19 Sitze, im Landtag Coburg dominieren Liberale und Agrarier.
- Schwarzburg-Rudolstadt, 7. Juni — die Sozialdemokraten behaupten 9 der 16 Sitze.
- Württemberg, 18. Dezember — die SPD wird mit rund 28 Prozent stärkste Kraft vor dem Zentrum (25 Prozent) und der Deutschen Volkspartei.
Der Untergang der „Titanic"

In der Nacht auf den 15. April, um 23:40 Uhr Bordzeit, rammt die „Titanic" auf ihrer Jungfernfahrt im Nordatlantik einen Eisberg. Gegen 2:20 Uhr sinkt das als unsinkbar geltende Schiff. Von rund 2.224 Menschen an Bord kommen etwa 1.500 ums Leben, rund 712 werden gerettet.
Ab 0:27 Uhr senden die Funker Jack Phillips, der beim Untergang umkommt, und Harold Bride, der überlebt, Notrufe aus. Sie werden unter anderem von der „Carpathia", der „Frankfurt", der „Mount Temple", der „La Provence" und der Funkstation Kap Race empfangen. Die „Carpathia" trifft am Morgen des 15. April an der Unglücksstelle ein und nimmt die Überlebenden aus den Rettungsbooten auf.
Rixdorf heißt jetzt Neukölln

Die Stadt Rixdorf bei Berlin heißt seit dem 27. Januar amtlich „Neukölln". Anlass ist ein ruinierter Ruf: Rixdorf galt als „St. Pauli von Berlin", berüchtigt für das Lotterleben im Vergnügungspark „Neue Welt". Kaiser Wilhelm II. befürwortet die Umbenennung persönlich, auch kommunalpolitisch ist sie motiviert — Rixdorf gilt als SPD-Hochburg, und mancher erhofft sich vom neuen Namen einen besseren Ruf.
Dem Mehrheitswillen der Bevölkerung entspricht die Umbenennung nicht so recht. In der „Neuen Welt" feiert man derweil ungerührt weiter, als wäre nichts geschehen.
Alfred Wegener stellt die Verschiebung der Kontinente vor

Auf der Jahresversammlung der Geologischen Vereinigung hält der Meteorologe Alfred Wegener am 6. Januar in Frankfurt am Main im Senckenberg-Museum seinen ersten öffentlichen Vortrag „Die Herausbildung der Großformen der Erdrinde …". Einen zweiten Teil, „Horizontalverschiebungen der Kontinente", trägt er am 10. Januar in Marburg nach.
Wegeners These, dass sich die Kontinente im Laufe der Erdgeschichte gegeneinander verschoben haben, stößt bei der älteren Geologen-Generation auf Zweifel und Ablehnung.
Aus heutiger Sicht
Wegeners Hypothese der Kontinentalverschiebung gilt heute als Vorläufer der Plattentektonik. Anerkennung findet sie jedoch erst Jahrzehnte später, als geophysikalische Belege für die von ihm postulierten Bewegungen der Erdkruste vorliegen.
Amundsens Südpol-Erfolg erreicht Europa

Erst jetzt, am 7. März, erreicht die Nachricht Europa: Bereits am 14. Dezember 1911 hatte Roald Amundsens norwegische Südpolexpedition mit der „Fram" den Südpol erreicht. Amundsens Schiff läuft am 7. März in Hobart auf Tasmanien ein, von dort geht ein verschlüsseltes Telegramm an seinen Bruder Leon — zur Wahrung der zuvor verkauften Exklusivrechte an der Nachricht. Noch am selben Tag titeln die Osloer Zeitungen: „Südpol erreicht. 14. bis 17. Dezember. Alles wohl."
Über den Ausgang von Robert Falcon Scotts britischer Polexpedition, die ebenfalls zum Südpol unterwegs war, fehlt weiterhin jede Nachricht; zuletzt stand Scott Anfang Januar rund 150 Meilen vor dem Ziel.
Aus heutiger Sicht
Scott und seine Begleiter erreichten den Pol erst am 17. Januar 1912, einen Monat nach Amundsen, und kamen auf dem Rückweg ums Leben. Die Nachricht von ihrem Tod erreicht Europa erst im Februar 1913.
Ehrenwort und Mensur-Narben — ein Corpsbruder klagt sich frei

Das Reichsgericht entscheidet am 3. Januar über einen kuriosen Fall aus dem Großherzogtum Hessen: Ein „Alter Herr" einer Darmstädter Studentenverbindung war vom Alte-Herren-Convent wegen angeblich falsch abgegebenen Ehrenworts zum Ausschluss samt Aberkennung der „Satisfaktionsfähigkeit" verurteilt worden — jener Fähigkeit, sich in einer Mensur mit Säbel oder Degen zu „schlagen" und damit die Ehre zu wahren. Noch bevor der Ausschluss ausgesprochen werden konnte, erklärte der Betroffene selbst seinen Austritt aus dem Corps und klagte anschließend: Man habe ihn gar nicht mehr ausschließen können, er sei ja bereits fort gewesen.
Landgericht und Oberlandesgericht Darmstadt waren sich uneins, ob ein solcher Austritt einseitig erklärt werden durfte oder der Zustimmung des Convents bedurfte. Das Reichsgericht gibt dem Kläger recht: Der Austritt lässt sich auf den jungen Paragrafen 723 des Bürgerlichen Gesetzbuchs stützen, der Mitgliedern einer auf unbestimmte Zeit angelegten Gesellschaft jederzeit die Kündigung erlaubt. Ehre und Satisfaktionsfähigkeit des Klägers bleiben damit gewahrt.
Filmstadt entsteht: Asta Nielsen dreht in Neubabelsberg

Die Deutsche Bioscop GmbH errichtet in Neubabelsberg bei Potsdam ein Glashaus-Atelier für weitere Filme mit der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen. Am 12. Februar beginnen dort die Dreharbeiten zu „Der Totentanz" unter Regie von Urban Gad mit Nielsen in der Hauptrolle — der erste Film im neuen Atelier.
Die Zensur erteilt dem fertigen Film am 15. Juli ein Jugendverbot, die Berlin-Premiere folgt am 7. September.
Aus heutiger Sicht
Das Glashaus-Atelier in Neubabelsberg ist die Keimzelle des heutigen Studio Babelsberg.
Olympische Spiele in Stockholm

Bei den Olympischen Spielen in Stockholm, deren Hauptwettkämpfe vom 6. bis 22. Juli laufen (der offizielle Gesamtzeitraum reicht vom 5. Mai bis 27. Juli und schließt die Kunstwettbewerbe ein), treten 2.407 Wettkämpfer aus 28 Nationen an, darunter 48 Frauen. Das Deutsche Reich entsendet 185 Sportler und gewinnt 5 Gold-, 13 Silber- und 7 Bronzemedaillen — Platz sechs im Medaillenspiegel.
Im Fußball besiegt Deutschland Russland mit 16:0; Gottfried Fuchs erzielt allein zehn Tore. Beim Marathon bricht der Portugiese Francisco Lázaro nach 29 Kilometern bei großer Hitze zusammen und stirbt am folgenden Tag; der erste Todesfall bei Olympischen Spielen der Neuzeit.
Krupp meldet nichtrostenden Stahl zum Patent an

Die Krupp-Ingenieure Benno Strauss und Eduard Maurer melden am 18. Oktober in Essen ein Patent für die „Herstellung von Gegenständen, die hohe Widerstandskraft gegen Korrosion erfordern" an — nach rund vierjähriger Entwicklungsarbeit in den Krupp-Laboren ist damit der nichtrostende Chrom-Nickel-Stahl geboren. Zwei Monate später folgt ein zweites Patent für säure- und festigkeitsbeständige Legierungen.
Kaiser-Wilhelm-Institute in Dahlem eingeweiht

Wilhelm II. weiht am 23. Oktober in der Gemeinde Dahlem bei Berlin gemeinsam mit dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Adolf von Harnack, und den Institutsdirektoren Ernst Beckmann und Fritz Haber die ersten Kaiser-Wilhelm-Institute ein — für Chemie sowie für physikalische Chemie und Elektrochemie. Elf Monate nach Baubeginn steht ein erstes, rund 2.500 Quadratmeter großes Gebäude nach Plänen des Architekten Ernst von Ihne. Haber, 1911 berufen, wird erster Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie.
Der Balkankrieg bricht aus

Am 8. Oktober erklärt Montenegro als erster Balkanstaat dem Osmanischen Reich den Krieg. Die Osmanen erklären am 16. Oktober Bulgarien den Krieg, tags darauf ziehen auch Serbien, Bulgarien und Griechenland in den Balkankrieg. Bis zum Jahresende sind die Balkanstaaten militärisch erfolgreich. Um den 2./3. Dezember kommt es zu einem Waffenstillstand zwischen Bulgarien, Serbien und Montenegro einerseits und den Osmanen andererseits, während Griechenland zunächst außen vor bleibt.
Ab dem 16./17. Dezember verhandelt in London unter Vorsitz von Edward Grey eine Botschafterkonferenz der Großmächte — Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich, Großbritannien und Italien — über eine Ordnung für die Region; parallel verhandeln die Kriegsparteien selbst im St. James Palace.
Neue Hochbahnstation am Gleisdreieck eröffnet

Nach dem tödlichen Zugunglück vom 26. September 1908 an der gefährlichen Kreuzung der Hochbahnlinien am Gleisdreieck, bei dem 18 Menschen starben, hatten im Mai die Bauarbeiten für einen kreuzungsfreien Umbau begonnen. Am 3. November geht die neue Turmbahnhof-Station in Betrieb; Restarbeiten sollen sich bis in den Sommer des kommenden Jahres hinziehen.
Laue, Friedrich und Knipping entdecken die Röntgenstrahlbeugung

Ab dem 12. April versuchen Walter Friedrich und Paul Knipping im Münchner Labor von Arnold Sommerfeld, ein regelmäßiges Punktmuster auf einer Fotoplatte hinter einem röntgenbestrahlten Kupfersulfat-Kristall nachzuweisen; Ende April gelingt ihnen der experimentelle Beweis für die Theorie des Privatdozenten Max von Laue, dass Röntgenstrahlen an Kristallgittern gebeugt werden. Laue legt die Ergebnisse am 8. Juni und 6. Juli der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vor; die Arbeit erscheint unter dem Titel „Interferenz-Erscheinungen bei Röntgenstrahlen".
Aus heutiger Sicht
Für die Entdeckung erhält Max von Laue 1914 den Nobelpreis für Physik.
Deutsches Opernhaus in Charlottenburg eröffnet

Nach anderthalbjähriger Bauzeit eröffnet an der Bismarckstraße in der Stadt Charlottenburg bei Berlin das neue Deutsche Opernhaus mit Beethovens „Fidelio". Dirigent Ignatz Waghalter leitet die Aufführung; Elsa Bland singt die Leonore, Alexander Kirchner den Florestan. Mit 2.300 Plätzen zählt das neue Haus zu den größten Opernhäusern der Welt.
Woodrow Wilson gewinnt die amerikanische Präsidentschaftswahl

Der Demokrat Woodrow Wilson, Gouverneur von New Jersey, gewinnt die amerikanische Präsidentschaftswahl gegen den republikanischen Amtsinhaber William Howard Taft und Theodore Roosevelt, der mit seiner neu gegründeten „Progressive Party" („Bull Moose Party") als dritter Kandidat antritt. Wilson erhält 435 Wahlmännerstimmen bei 41,8 Prozent der Wählerstimmen, Roosevelt 88 Wahlmänner (27,4 Prozent), Taft nur 8 (23,2 Prozent); der Sozialist Eugene V. Debs kommt auf 6,0 Prozent. Roosevelts Abspaltung von den Republikanern teilt deren Stimmen und verhilft Wilson zu einem klaren Sieg im Wahlmännerkollegium.
Nobelpreis für Literatur an Gerhart Hauptmann

Die Schwedische Akademie gibt am 13. November bekannt, dass der in Berlin lebende Dramatiker Gerhart Hauptmann den Nobelpreis für Literatur erhält, „vor allem in Anerkennung seines … Schaffens auf dem Gebiet der dramatischen Kunst". Vorgeschlagen hatte ihn unter anderem der Literaturhistoriker Erich Schmidt von der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Die Verleihung findet am 10. Dezember in Stockholm statt. Reichsweit berühmt geworden ist Hauptmann, gebürtig aus Ober-Salzbrunn in Schlesien, vor allem durch sein Drama „Die Weber".
AM RANDE NOTIERT
- 15. Januar — Das Reichsgericht klärt, wer bei einem Kraftwagen-Tausch nach einem Unfall als Halter haftet.
- 3. Februar — Ein Reichsgerichtssenat lässt Richter im Beratungszimmer die eigene Unterschrift nachahmen, um zu prüfen, wie leicht sich eine Unterschrift durch Durchpausen fälschen lässt.
- 8.–12. Februar — Der britische Kriegsminister Richard Haldane verhandelt in Berlin geheim, aber ergebnislos über eine Begrenzung des Flottenwettrüstens mit Großbritannien.
- 27. Februar — Das Reichsgericht bestätigt: Zeitungsanzeigen für Verhütungsmittel verstoßen gegen den Paragrafen 184 Nummer 3 des Strafgesetzbuchs.
- Im Mai — Der Reichstag billigt eine neue Flottennovelle: drei weitere Linienschiffe und zwei kleine Kreuzer werden gebaut, der Sollbestand steigt auf 41 Linienschiffe.
- 12. Dezember — Prinzregent Luitpold von Bayern stirbt 91-jährig in München; sein Sohn Ludwig wird noch am selben Tag Prinzregent.
WIRTSCHAFT · 1912
Im Ruhrgebiet kommt es vom 11. bis in die dritte Märzwoche zum „Dreibundstreik": Zeitweise legen zwischen 150.000 und 235.000 Bergleute in Dortmund, Hamm und Recklinghausen die Arbeit nieder — bis zu 61 Prozent der Belegschaft. Sie fordern 15 Prozent mehr Lohn, die Achtstundenschicht und ein Ende der Arbeitsnachweise und Geldstrafen. Nach zehn Tagen bricht der Streik am 19. März ergebnislos ab, eine Delegiertenkonferenz verfehlt die nötige Zweidrittelmehrheit für die Fortsetzung; vier Streikende sterben bei Zusammenstößen mit Militär und Polizei, mehr als 2.000 Strafverfahren folgen. Im Herbst verteuert sich zudem das Fleisch: die Dürre des Vorjahres, eine schlechte Futterernte, weniger russische Futtergerste sowie Maul- und Klauenseuche mit Grenzschließungen treiben die Preise. Löhne steigen zwar — der Jahresverdienst eines Eisenbahnarbeiters etwa klettert seit der Jahrhundertwende von 927 auf 1.304 Mark —, halten mit der Teuerung aber nicht überall Schritt.
Der Preisspiegel:
- Straßenbahnfahrt Berlin (Einzelfahrschein) — 10 Pfennig
- Roggenbrot (1 kg) — 46 Pfennig (im Reichsdurchschnitt)
- Rindfleisch (1 kg) — 1,52 Mark (im Reichsdurchschnitt)
- Schweinefleisch (1 kg) — 1,92 Mark (im Reichsdurchschnitt)
- Butter (1 kg) — 2,85 Mark (im Reichsdurchschnitt)
- Eier (1 Stück) — 8 Pfennig (im Reichsdurchschnitt)
- Arbeiter-Monatslohn — 89 Mark (im Reichsdurchschnitt)
SPORT · 1912
Die Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 — ihre zehnte Austragung — entscheidet Holstein Kiel am 26. Mai in Hamburg-Lokstedt mit 1:0 gegen den Karlsruher FV für sich. Für den von Wilhelm II. ausgesetzten Kaiserpreis für Flugmotoren, mit Zuschüssen auf 125.000 Mark aufgestockt, sind die Prüfungen in Adlershof abgeschlossen; die Entscheidung steht noch aus.
MODE · 1912
Auch in diesem Jahr bestimmt Paul Poiret das Straßenbild: Der schmale „Hobble-Skirt" bleibt beliebt, im Jahresverlauf tritt eine Tunika darüber — oft aus Spitze, zur Abendgarderobe häufig in Gold —, gegen Jahresende weitet sich der Rock zur ausgestellten „Pannier"-Form. In der Herrenmode gilt der Hut als wichtigstes Accessoire.
KULTUR · 1912
Von April bis Mai zeigt Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm" die erste Ausstellung italienischer Futuristen in Deutschland — mit Werken von Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Gino Severini. Plakate mit Manifesten des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti auf den Litfaßsäulen ziehen an manchen Tagen bis zu 1.000 Besucher an. Walden hatte seine Galerie im selben Jahr eröffnet.
KINO & FUNK · 1912
Bei der Großfunkstelle Nauen, seit 1906 in Betrieb, wird zum Jahresende eine neue, auf fünf Masten gespannte L-Antenne installiert; die Station dient der drahtlosen Telegrafie für Heer, Marine und Übersee. Im Kino wacht die Zensur: Filme wie Asta Nielsens „Der Totentanz" erhalten ein Jugendverbot. Zwei reine Lichtspielhaus-Neubauten in Berlin befinden sich im Bau, eröffnet ist noch keiner von beiden.
GESTORBEN · 1912
- Karl May (70), Schriftsteller — 30. März, Radebeul.
- Clara Barton (90), Gründerin des Amerikanischen Roten Kreuzes — 12. April, Glen Echo (Maryland).
- Bram Stoker (64), irischer Schriftsteller — 20. April, London.
- August Strindberg (63), schwedischer Dramatiker — 14. Mai, Stockholm.
- Wilbur Wright (45), US-amerikanischer Luftfahrtpionier — 30. Mai, Dayton (Ohio).
- Jules Massenet (70), französischer Opernkomponist — 13. August, Paris.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1912
- Rettung der Titanic-Überlebenden (15. April, Nordatlantik). Die „Carpathia" nimmt in den Stunden nach dem Untergang über 700 Schiffbrüchige aus den Rettungsbooten auf.
- Demonstrationszug für das Frauenstimmrecht (24. September, München). Frauen ziehen mit einem Wagenzug durch die Stadt und werben öffentlich für ihr Wahlrecht.
- Steigende Arbeiterlöhne (Reich). Der Jahresverdienst eines Eisenbahnarbeiters klettert seit der Jahrhundertwende von 927 auf 1.304 Mark.
DAS WETTER · 1912 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 29,3 °C, das Minimum lag bei 17,3 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 23,3 °C. Niederschlag fiel an diesem Tag keiner.
Der heißeste Tag des Jahres war der 28. Juli mit 32,1 °C, der kälteste — gemessen am Tagesminimum — der 4. Februar mit −23,0 °C. Berlin zählte 84 Frosttage und 21 Eistage, dazu 27 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon zwei heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 525,0 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,4 °C, das Tagesminimum 4,4 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1912
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten-Uraufführungen, Notendrucke, das Berliner Kabarett-Repertoire und die Otto-Reutter-Diskografie. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 10 Titel belegen, die bis einschließlich 1912 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren.
- Kind, ich schlafe so schlecht — Musik: Walter Kollo und Willy Bredschneider, aus der Posse „Filmzauber", Uraufführung 19. Oktober 1912, Berliner Theater
- Puppchen, du bist mein Augenstern — Musik: Jean Gilbert, Text: Alfred Schönfeld, aus der Posse „Puppchen", Uraufführung 19. Dezember 1912, Thalia-Theater Berlin
- Und der Himmel hängt voller Geigen — Musik: Leo Fall, aus „Der liebe Augustin", Uraufführung 3. Februar 1912, Neues Theater am Zoo Berlin
- Herr Meyer, Herr Meyer, wo bleibt denn bloß mein Reiher — Musik: Jean Gilbert; aus der Posse „So bummeln wir" (Uraufführung 21. November 1912, Theater Groß-Berlin)
- Gustav mit'm Simili — Musik: O. B. Roeser, Text: Harry Senger; Interpretin: Claire Waldoff
- Das noble Berlin — Musik: Georg Mewes, Text: Harry Senger; Interpretin: Claire Waldoff
- Frau Germania — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin 17. September 1912
- Kientopp-Bilder — Musik & Text: Otto Reutter, Couplet über die frühe Kino-Mode, aufgenommen Berlin 17. September 1912
- Na, dann laß es dir mal jut bekommen — Musik: Walter Kollo, Text: Hartmann; Interpretin: Claire Waldoff
- Er stand beim Train — Text: Heinrich Lautensack; Interpretin: Claire Waldoff