DER CHRONIST
Zwischen Fürstenhochzeit und Kaiserjubiläum in Berlin, einer verschwundenen Erfindergröße in der Nordsee und einer wiedergefundenen Mona Lisa in Florenz blieb 1913 ein Jahr der Kontraste — glanzvoll an der Oberfläche, unruhig im Innern. Über allem aber steht die Affäre von Zabern, die das Reich bis zum Jahresende nicht zur Ruhe kommen ließ.
Die Zabern-Affäre erschüttert das Reich

Am 28. Oktober beleidigt Leutnant Günter Freiherr von Forstner bei einer Rekruteneinweisung in der elsässischen Garnisonsstadt Zabern die dortige Bevölkerung als „Wackes" und stellt seinen Soldaten eine Prämie für Gewalttaten gegen Elsässer in Aussicht. Der „Zaberner Anzeiger" macht die Äußerungen am 6. November öffentlich, binnen Tagen ist der Fall reichsweit bekannt.
Am 28. November lässt Oberst von Reuter eine vor der Kaserne versammelte Menschenmenge gewaltsam durch Soldaten auflösen; mehrere Passanten, darunter ein Richter und ein Staatsanwalt, werden festgenommen und im Kasernenkeller inhaftiert. Das Militär übernimmt in den folgenden Tagen faktisch die Ordnungsgewalt in der Stadt. Am 2. Dezember schlägt Forstner einen gehbehinderten Schuhmachergesellen, der ihn verspottet hatte, mit dem Säbel nieder.
Am 4. Dezember verabschiedet der Reichstag mit 293 gegen 54 Stimmen bei vier Enthaltungen ein Missbilligungsvotum gegen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg — das erste seiner Art in der Geschichte des Kaiserreichs. Politische Folgen hat es nicht, da der Kanzler nur dem Kaiser verantwortlich ist. Das Kriegsgericht Straßburg verurteilt am 11. Dezember zwei Zaberner Rekruten zu drei beziehungsweise sechs Wochen Arrest, weil sie Forstners Beleidigung öffentlich bestätigt hatten; im Dezember folgt ein zweites Verfahren, in dem Forstner selbst wegen vorsätzlicher Körperverletzung und rechtswidrigen Waffengebrauchs zu 43 Tagen Arrest verurteilt wird.
Zum Jahresende bleibt die Affäre unentschieden: Das Missbilligungsvotum ist für Bethmann Hollweg folgenlos geblieben, die Urteile gegen Forstner sind noch nicht rechtskräftig.
Aus heutiger Sicht
Anfang Januar 1914 spricht das Kriegsgericht Straßburg Oberst von Reuter und Hauptmann Schadt unter Berufung auf eine vergessene preußische Kabinettsorder von 1820 frei; auch Forstners Berufung hat Erfolg, sein Urteil wird aufgehoben. Die Affäre gilt seither als Symbol für den Vorrang des Militärs vor der zivilen Ordnung im Kaiserreich.
Fürstenhochzeit im Berliner Schloss

Am 24. Mai heiratet Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, die einzige Tochter Kaiser Wilhelms II., im Berliner Schloss Prinz Ernst August von Hannover-Cumberland. Die Feierlichkeiten ziehen sich vom 21. bis zum 24. Mai; am 21. Mai trifft König Georg V. von Großbritannien, am 22. Mai Zar Nikolaus II. von Russland als Hochzeitsgäste am deutschen Kaiserhof ein.
Mit der Vermählung endet politisch der seit der preußischen Annexion Hannovers 1866 bestehende Streit zwischen dem welfischen Haus Hannover und den Hohenzollern; der Braunschweiger Herzogsthron fällt damit an die Welfen zurück.
Aus heutiger Sicht
Die Hochzeit gilt in der Rückschau als eines der letzten großen Zusammentreffen der europäischen Fürstenhäuser vor dem Krieg.
Silbernes Regierungsjubiläum: Der Kaiser feiert 25 Jahre auf dem Thron

Am 15. Juni jährt sich zum 25. Mal der Tag, an dem Wilhelm II. nach dem Tod seines Vaters Friedrich III. den Thron bestieg. Die Vorbereitungen zum Regierungsjubiläum liefen über zwei Jahre; Audienzen, Festzüge und Feiern verteilen sich auf mehrere Tage. Preußen gibt aus Anlass des Jubiläums eine dreiteilige Serie von Gedenkmünzen zu 2, 3 und 5 Mark heraus. Am 15. Juni wird im Volkspark Friedrichshain der von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann gestaltete Märchenbrunnen eingeweiht.
Schon am 8. Juni eröffnet im Grunewald das eigens zum Jubiläum errichtete „Deutsche Stadion" — entworfen von Otto March, der die Eröffnung nicht mehr erlebt, da er während der Bauarbeiten am 1. April gestorben war. Die Bauzeit betrug nur rund 200 Tage, das Fassungsvermögen liegt bei bis zu 64.000 Plätzen. Vor rund 60.000 Zuschauern werden bei der Eröffnung 10.000 Tauben freigelassen. Das Stadion ist als Kernstück für die für 1916 in Berlin geplanten Olympischen Sommerspiele gedacht.
Größte Heeresvermehrung seit der Reichsgründung

Ende März bringt die Reichsregierung eine Heeres- und Finanzvorlage in den Reichstag ein — die größte Heeresvermehrung seit Gründung des Deutschen Reiches. Am 30. Juni beschließt der Reichstag, die Friedensstärke des Heeres gegenüber 1912 um 117.000 Mann zu erhöhen; die Friedens-Sollstärke steigt damit auf 32.000 Offiziere, 110.000 Unteroffiziere und 661.500 Mannschaften. Das Gesetz datiert vom 3. Juli.
Finanziert wird die Aufrüstung unter anderem über den einmaligen außerordentlichen „Wehrbeitrag", eine Vermögensabgabe auf Vermögen über 10.000 Mark, sowie eine Besitzsteuer auf Vermögenszuwachs; die Einnahmen entsprechen rund einer Milliarde Mark. Die SPD-Reichstagsfraktion lehnt die Heeresvorlage selbst ab, stimmt aber der einmaligen Vermögensabgabe zu.
Jahrhundertfeier: Völkerschlachtdenkmal bei Leipzig eingeweiht

Zum 100. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig wird am 18. Oktober das Völkerschlachtdenkmal feierlich eingeweiht. Kaiser Wilhelm II. und der sächsische König Friedrich August III. nehmen die Einweihung gemeinsam vor, zahlreiche Bundesfürsten des Reiches sind anwesend. Das Denkmal ist 91 Meter hoch, wiegt rund 300.000 Tonnen und gilt als der monumentalste Denkmalbau Europas. Die Baukosten von rund 6 Millionen Mark wurden größtenteils vom Deutschen Patriotenbund über Spenden und eine Lotterie aufgebracht.
Motorenpionier Rudolf Diesel spurlos verschwunden

Am Abend des 29. September begibt sich der Erfinder Rudolf Diesel auf der Postfähre „Dresden", die von Antwerpen nach Harwich unterwegs ist, in seine Kabine und bittet um Weckruf für 6:15 Uhr. Am Morgen des 30. September ist er verschwunden, seine Kabine unberührt, das Bett nicht benutzt.
Rund zehn Tage später sichtet die Besatzung eines niederländischen Bootes vor der Küste eine treibende männliche Leiche, die wegen ihres Zustands nicht geborgen wird; Ausweis, Geldbörse, Taschenmesser und Brillenetui werden jedoch geborgen und später Diesel zugeordnet. Die Leiche selbst bleibt verschollen, die Umstände seines Verschwindens — Selbstmord, Unfall oder Verbrechen — ungeklärt.
Mona Lisa nach zwei Jahren in Florenz wiedergefunden

Die 1911 aus dem Louvre gestohlene Mona Lisa ist wieder aufgetaucht: Der italienische Dekorateur Vincenzo Peruggia, der das Gemälde am 21. August 1911 entwendet hatte, bringt es im Dezember 1913 nach Florenz. Im Dezember trifft er sich in einem Hotelzimmer mit dem Kunsthändler Alfredo Geri; Giovanni Poggi, Direktor der Uffizien, bestätigt die Echtheit des Bildes.
Geri und Poggi täuschen Kaufinteresse vor, damit Peruggia das Gemälde dalässt, und verständigen die Polizei. Wenige Tage später wird Peruggia verhaftet, das Gemälde unversehrt geborgen. Als Motiv gibt er Vaterlandsliebe an — er habe das angeblich von Napoleon geraubte Bild nach Italien zurückbringen wollen.
Neues Aquarium am Zoologischen Garten eröffnet

Am 18. August eröffnet am Zoologischen Garten Berlin das neue Aquarium, erbaut zwischen 1911 und 1913. Herzstück ist die Krokodilhalle mit 27 Metern Länge und 10 Metern Breite über alle Stockwerke — nach Angaben der Erbauer das erste besucherzugängliche Freigehege innerhalb eines Zoogebäudes.
Kino-Sensation „Der Student von Prag" uraufgeführt

Im Mozartsaal Berlin hat am 22. August der deutsche Film „Der Student von Prag" Premiere, nach einem Drehbuch von Hanns Heinz Ewers, inszeniert von Stellan Rye, mit Paul Wegener in der Hauptrolle. Bereits am 26. Juni hatte die deutsche Zensur dem Film die Freigabe mit Altersbeschränkung erteilt.
Aus heutiger Sicht
Der Film gilt heute als einer der ersten deutschen Autorenfilme und als Vorläufer des expressionistischen Films beziehungsweise des Horrorfilms — sein Doppelgänger-Motiv wirkt in der Filmgeschichte nach.
Theaterschlacht um „Le Sacre du printemps"

Im Pariser Théâtre des Champs-Élysées kommt es am 29. Mai zum Tumult: Bei der Uraufführung von Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du printemps", choreografiert von Vaslav Nijinsky für die Ballets Russes, reagiert das Publikum mit Handgreiflichkeiten und fliegenden Stühlen; eine Zuschauerin soll versucht haben, ihre Nachbarin mit einer Hutnadel zu stechen. Die Polizei führt rund 40 Störer aus dem Theater ab, die Auseinandersetzung setzt sich auf der Straße fort. Grund des Skandals ist der radikale Bruch mit den gewohnten Codes von Musik und Tanz.
Zweiter Balkankrieg endet mit dem Frieden von Bukarest

Am 10. August unterzeichnen Serbien, Griechenland, Montenegro und Rumänien auf der einen sowie Bulgarien auf der anderen Seite den Frieden von Bukarest, der den Zweiten Balkankrieg beendet. Bulgarien, das den Krieg begonnen hatte, weil es mit der Aufteilung der ehemals osmanischen Gebiete nach dem Ersten Balkankrieg unzufrieden war, verliert die Süddobrudscha an Rumänien sowie große Teile Makedoniens an Serbien und Griechenland. Im September schließt Bulgarien mit dem Osmanischen Reich zusätzlich den Vertrag von Konstantinopel und tritt Adrianopel ab.
Montageband-Revolution bei Ford in Amerika

Am 7. Oktober beginnt Ford im Werk Highland Park bei Detroit mit dem Probebetrieb eines ersten, behelfsmäßigen Montagebandes für das Modell T. Am 1. Dezember folgt die vollständige Einführung der Produktion am laufenden Montageband. Die Montagezeit für ein Fahrgestell sinkt drastisch, die Tagesproduktion steigt bald auf rund 650 Wagen.
Aus heutiger Sicht
Das laufende Montageband bei Ford verändert die Industrieproduktion grundlegend — die Massenfertigung nach seinem Vorbild wird zum Leitbild der modernen Fabrik.
Tod August Bebels erschüttert die Arbeiterbewegung

August Bebel, seit 1892 Vorsitzender der SPD und Mitbegründer der Partei, stirbt am 13. August im Alter von 73 Jahren im Schweizer Kurort Passugg. Die Trauerfeier in Zürich wird zu einem internationalen Ereignis, an dem Führungsfiguren der Zweiten Internationale teilnehmen. Bebel wird auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld beigesetzt.
Preußischer Landtag neu gewählt — das Dreiklassenwahlrecht in der Kritik

Am 3. Juni wählt Preußen ein neues Parlament — nach dem Dreiklassenwahlrecht, das die Stimme eines Wählers nach seiner Steuerleistung in drei Klassen staffelt. Das Ergebnis wird zum Musterbeispiel für die Schieflage dieses Wahlsystems: Die SPD erhält rund 28 Prozent der Urwählerstimmen und ist damit stimmenstärkste Partei — erhält aber nur 10 von 443 Sitzen. Das Zentrum kommt auf 103 Sitze, die Freikonservativen auf 53, die polnische Fraktion auf 12; die Konservativen bleiben trotz deutlich geringeren Stimmenanteils stärkste Fraktion im Haus.
Die Wahlbeteiligung liegt bei 32,7 Prozent — 1898 waren es erst 18,4 Prozent gewesen, doch weit weniger als die 84,5 Prozent, mit denen die preußischen Wähler 1912 zur Reichstagswahl gegangen waren. Das krasse Missverhältnis zwischen Stimmen- und Sitzanteil befeuert die Debatte um eine Reform des preußischen Wahlrechts.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Großherzogtum Baden (Zweite Kammer), 21. Oktober — Zentrum rund 35 %, Nationalliberale rund 24 %, SPD rund 22 %, Konservative rund 9 %, Freisinn rund 9 %; ein „Großblock" aus Nationalliberalen, Fortschrittlicher Volkspartei und SPD gewinnt 38 Sitze.
- Sachsen-Altenburg (Herzogtum), 6. Februar — Sitze unverändert gegenüber 1910: Konservative 12, SPD 7, Linksliberale 3 von 32.
- Königreich Sachsen (Zweite Kammer), 1913 — bei der turnusmäßigen Ergänzungswahl entfallen von 91 Sitzen 29 auf die Konservativen, 29 auf die Nationalliberalen, 25 auf die SPD und 8 auf die Linksliberalen.
- Lübeck (Bürgerschaft), 18. November — bei der turnusmäßigen Teilerneuerung entfallen von 120 Sitzen 13 auf die SPD, 107 auf bürgerliche Parteien.
- Hansestadt Hamburg (Bürgerschaft), 1913 — die SPD erreicht rund 43 % der Stimmen und 20 von 160 Sitzen, die Linksliberalen kommen auf rund 20 %, die übrigen bürgerlichen Fraktionen zusammen auf rund 37 %.
- Fürstentum Reuß jüngerer Linie (Gera), 10. Dezember — nach einer Wahlrechtsreform, die die Zahl der allgemein gewählten Mandate von 12 auf 17 erhöht, entfallen von 21 Sitzen 8 auf Bürgerliche, 5 auf Nationalliberale, 4 auf Konservative, 2 auf die SPD, 1 auf Linksliberale/Fortschrittliche Volkspartei und 1 auf das fürstliche Mandat.
Erster Deutscher Herbstsalon zeigt die Moderne

Am 20. September eröffnet in gemieteten Lepke-Räumen an der Potsdamer Straße der „Erste Deutsche Herbstsalon" — organisiert vom Berliner Schriftsteller und Kritiker Herwarth Walden, Betreiber der Galerie „Der Sturm", in Zusammenarbeit mit Expressionisten des „Blauen Reiter" wie Wassily Kandinsky, August Macke und Franz Marc. Gezeigt werden über 360 Werke von rund 90 Künstlern — eine der bedeutendsten internationalen Ausstellungen moderner Kunst im Deutschen Reich. Der Titel ist dem Pariser „Salon d'automne" nachempfunden. Am 1. Dezember schließt die Ausstellung.
Der Kaiser verbietet seinen Offizieren den Tango

Im November verbietet Kaiser Wilhelm II. seinen Offizieren, in Uniform Tango zu tanzen. Kurios daran: Ausgerechnet der Hof, der den Tanz wegen seines anrüchigen Rufs für unschicklich hält, spricht das Verbot aus — während die Offiziere den Tango längst für sich entdeckt haben.
Bayern bekommt einen neuen König — ohne Todesfall

Seit 1886 gilt König Otto von Bayern wegen einer psychischen Erkrankung als regierungsunfähig; sein Onkel Luitpold und seit Dezember 1912 dessen Sohn Ludwig führen als Prinzregent die Regierungsgeschäfte. Ein am 4. November in Kraft getretenes Gesetz erlaubt dem Regenten, die Regentschaft für beendet zu erklären, wenn der König dauerhaft regierungsunfähig ist. Ludwig tut es am 5. November und wird als Ludwig III. zum König von Bayern ausgerufen.
Otto stirbt dabei nicht — er lebt, entmachtet, aber dem Titel nach weiterhin Träger der Krone, in Schloss Fürstenried weiter. Bayern hat damit von November 1913 an nominell zwei „Könige" zugleich: den entmachteten Otto und den tatsächlich herrschenden Ludwig III.
AM RANDE NOTIERT
- 6. März — Berlin hisst seine neue Stadtflagge, Rot-Weiß-Rot mit dem Berliner Bären, Anlass ist der Besuch des bayerischen Prinzregenten Ludwig.
- 31. März — In Wien sorgt Arnold Schönbergs „Skandalkonzert" im Musikvereinssaal für Tumult: Ein Zuhörer beschimpft den Konzertveranstalter als „Lump", der ohrfeigt ihn daraufhin vom Podium herab, das Konzert muss abgebrochen werden.
- Im Frühjahr — In Mariendorf bei Berlin eröffnet die seinerzeit modernste Trabrennbahn Deutschlands.
- 14. April — Die AEG liefert die erste elektrische Lokomotive für den Postgüterbahnhof Berlin aus.
- 9. Mai — Am Kurfürstendamm in Charlottenburg eröffnet das Kino „Marmorhaus" mit dem Film „Das goldene Bett" — wegen seiner pompösen Ausstattung einer der ersten echten Kinopaläste Berlins.
- 3. Juni — Die Friedhofs-Eisenbahn von Wannsee zum neuen Berliner Waldfriedhof in Stahnsdorf nimmt den Betrieb auf.
- Im September — Nach vierjähriger Bauzeit eröffnet das neue Kammergericht in Schöneberg bei Berlin, ein neubarocker Monumentalbau mit rund 540 Räumen.
- 17. Oktober — Das Marine-Luftschiff LZ 18 explodiert rund zehn Minuten nach dem Start über dem Flugfeld Johannisthal bei Berlin; Wasserstoffgas aus den Ventilen entzündet sich an den Motoren, alle 28 Insassen sterben — einer der schwersten Luftfahrtunfälle der Zeit.
- 24. November — Das Verlagshaus Ullstein & Co. übernimmt die bislang in Familienbesitz befindliche „Vossische Zeitung" für 5,5 Millionen Mark; die reguläre Geschäftsübernahme folgt zum 1. Januar 1914.
WIRTSCHAFT · 1913
Der durchschnittliche Jahresverdienst von Angestellten in Industrie, Handel und Verkehr ist seit 1890 nominal von 650 auf 1083 Mark gestiegen, real — in Preisen von 1895 gerechnet — von 636 auf 834 Mark. Nach dem verlorenen Ruhrstreik vom März 1912 sinkt der Organisationsgrad der Gewerkschaften im Ruhrbergbau von 41 Prozent (1910) auf 31,3 Prozent. Zwischen dem 19. April und dem 11. Mai kommt es auch im oberschlesischen Bergbaurevier zum Ausstand, ausgelöst durch niedrige Löhne und verbreitete Kinderarbeit.
Der Preisspiegel:
- Straßenbahnfahrt Berlin (Einzelfahrschein) — 10 Pfennig (unverändert)
- US-Dollar (Devisenkurs Berliner Börse) — 4,19 Mark
- Pfund Sterling — 20,43 Mark
- Arbeiter-Monatslohn, Reichsdurchschnitt — 90,00 Mark
- Roggenbrot, Reichsdurchschnitt (1 kg) — 0,46 Mark
- Schweinefleisch, Reichsdurchschnitt (1 kg) — 2,12 Mark
- Butter, Reichsdurchschnitt (1 kg) — 2,75 Mark
- Kartoffeln, Reichsdurchschnitt (1 kg) — 0,14 Mark
SPORT · 1913
Am 11. Mai gewinnt der VfB Leipzig in München-Sendling vor 5.000 Zuschauern bei starkem Regen mit 3:1 gegen den Duisburger SpV das Finale der 11. Deutschen Fußballmeisterschaft — der dritte Meistertitel für Leipzig, erstmals erreicht mit Duisburg eine westdeutsche Mannschaft das Endspiel. Am 8. Juni eröffnet im Grunewald das eigens für das Kaiserjubiläum errichtete Deutsche Stadion, als Kernstück für die 1916 in Berlin geplanten Olympischen Spiele gedacht.
MODE · 1913
In den Berliner Salons setzt sich 1913 der Tango als Tanz der Saison durch — aus den Vorstädten von Buenos Aires über Paris erobert er auch die deutsche Gesellschaft. Selbst das Kabarett-Repertoire trägt der Mode Rechnung: Claire Waldoff singt in diesem Jahr das Tango-Couplet „Argentinisch". Das enge Zusammenstehen der Paare und das seitliche Beinspreizen beim Tanzen gelten in konservativen Kreisen als anstößig.
KINO & FUNK · 1913
Am 22. August hat im Mozartsaal Berlin der Film „Der Student von Prag" mit Paul Wegener Premiere. An der Großfunkstelle Nauen, die seit 1906 der drahtlosen Telegrafie dient, wird 1913 der erste Maschinensender nach dem Arco-System in Betrieb genommen.
GESTORBEN · 1913
- August Bebel (73), SPD-Vorsitzender und Mitbegründer der Partei — 13. August, Passugg (Schweiz).
- Rudolf Diesel (55), Ingenieur und Erfinder des Dieselmotors — 29./30. September, Nordsee (verschollen).
- Carl Hagenbeck (68), Tierhändler und Zoodirektor — 14. April, Hamburg.
- Adolf Slaby (63), Elektroingenieur und Funktechnik-Pionier — 6. April, Berlin.
- Carl Diercke (70), Pädagoge und Kartograf (Diercke-Weltatlas) — 7. März, Berlin.
- J. P. Morgan (75), US-amerikanischer Bankier — 31. März, Rom.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1913
- Frauen erhalten Zugang zur Meisterprüfung (22. Feb., Deutsches Reich). Eine Neuregelung der Handwerkerausbildung lässt fortan auch weibliche Lehrlinge zur Meisterprüfung zu — ein Schritt zu mehr beruflicher Anerkennung der Frauen im Handwerk.
- Möhnetalsperre eingeweiht — größte Stauanlage Europas (12. Juli, Möhnesee bei Soest). Nach nur fünfjähriger Bauzeit wird die Talsperre an der Möhne mit Festzug und Feuerwerk eröffnet; sie sichert künftig die Wasserversorgung des Ruhrgebiets und liefert zugleich elektrischen Strom.
- Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (19. Okt., Leipzig). Anlass war der Einsturz eines Landungsstegs vor Rügen unter der Last von rund 1.000 Menschen, die auf einen Dampfer warteten — 16 Tote, viele konnten nicht schwimmen; die neue Gesellschaft will künftig Schwimmunterricht und Rettungsdienst fördern.
- Tagore erhält als erster nichteuropäischer Autor den Literaturnobelpreis (13. Nov., Stockholm). Der indische Dichter Rabindranath Tagore wird für seine Gedichtsammlung „Gitanjali" mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet — die höchste literarische Auszeichnung geht damit erstmals an einen Autor außerhalb Europas.
DAS WETTER · 1913 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 25,1 °C, das Minimum lag bei 11,8 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 18,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner, während es am 16. Juli mit 15,0 mm kräftig regnete.
Der heißeste Tag des Jahres war der 31. Mai mit 30,3 °C, der kälteste — nach dem Tagesminimum — der 30. Januar mit −12,5 °C. Berlin zählte 77 Frosttage und 11 Eistage, dazu 32 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon einer als heißer Tag über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 476,5 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,6 °C, das Tagesminimum 5,2 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1913
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten-Uraufführungen, Notendrucke, das Berliner Kabarett-Repertoire und die Otto-Reutter-Diskografie. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 12 Titel belegen, die bis einschließlich 1913 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren.
- Das war in Schöneberg (im Monat Mai) — Musik: Walter Kollo, aus „Wie einst im Mai", Uraufführung 4. Oktober 1913, Berliner Theater
- In der Nacht (wenn die Liebe erwacht) — Musik: Jean Gilbert, aus „Die Kino-Königin", Uraufführung 8. März 1913, Metropol-Theater Berlin
- Schneidige Reiter (Marsch) — Musik: Leon Jessel, aus „Die beiden Husaren", Uraufführung 6. Februar 1913, Theater des Westens Berlin
- Die Berliner Pflanze — Musik: Otto Erich Lindner, Text: Alexander Tyrkowski; Interpretin: Claire Waldoff
- Hermann heeßt er — Musik: Ludwig Mendelssohn; Interpretin: Claire Waldoff
- Berlin, so siehste aus — Musik: Niklas-Kempner; Interpretin: Claire Waldoff
- Berlin is ja so groß — Otto Reutter (Couplet), aufgenommen Berlin 29. Januar 1913
- Alexander's Ragtime Band — Musik/Text: Irving Berlin, USA (entstanden 1911), 1913 in London, Paris, Wien, Madrid und Venedig getanzt und verbreitet
- Ach, Lene, du hast bemalte Beene — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin 29. Januar 1913
- Die Balkanwirren (auch: Das Ende des Balkankrieges) — Musik & Text: Otto Reutter, Couplet zu den Balkankriegen, aufgenommen Berlin 29. Januar 1913
- Argentinisch — Musik: Ehrlich, Text: Alexander Tyrkowski; Interpretin: Claire Waldoff (Tango-Couplet, im Jahr der Berliner Tango-Mode)
- Was meinste Mensch, wie man sich täuschen kann — Musik: Gutkind, Text: Willy Hagen; Interpretin: Claire Waldoff