DER CHRONIST

Zum Geleit

Das Jahr begann mit der Einweihung einer neuen Bibliothek Unter den Linden und dem Freispruch eines Offiziers aus Zabern — und endet mit einem festgefahrenen Stellungskrieg von der Nordsee bis zur Schweiz. Dazwischen liegen ein Attentat, eine Mobilmachung und ein Reichstag, der die ersten Kriegskredite noch einstimmig bewilligte, während im Lustgarten wenige Tage zuvor über hunderttausend Berliner gegen den drohenden Krieg demonstriert hatten.

Die Schlagzeilen des Jahres

Kriegsausbruch — von Sarajevo zu den Kriegskrediten

Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie kurz vor dem Attentat im Auto, Sarajevo
Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie kurz vor dem Attentat im Auto, Sarajevo, 28. Juni 1914 (zeitgenössisches Pressefoto, gemeinfrei)

Am 28. Juni werden der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie bei einem Staatsbesuch in Sarajevo erschossen. Attentäter ist der bosnisch-serbische Nationalist Gavrilo Princip; am selben Vormittag war bereits ein Bombenanschlag eines Mittäters gescheitert. Aus dem Attentat entwickelt sich binnen fünf Wochen eine Kette von Ultimaten und Mobilmachungen, die halb Europa in den Krieg zieht.

In Berlin verkündet Kaiser Wilhelm II. am 31. Juli von einem Balkon des Berliner Schlosses den „Zustand drohender Kriegsgefahr" als Antwort auf die russische Generalmobilmachung. Am 1. August, dem Tag der deutschen Mobilmachung und der Kriegserklärung an Russland, tritt er ein zweites Mal auf den Balkon; Tausende, die sich vor dem Schloss versammelt haben, rufen „Wir wollen den Kaiser sehen!". Die Presse meldet unbeschreiblichen Jubel. „Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr", ruft der Kaiser den Menschen zu, „wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder."

Der Jubel vor dem Schloss ist nicht das ganze Bild: Wenige Tage zuvor, am 28. Juli, waren im Berliner Lustgarten mehr als 100.000 Menschen gegen den drohenden Krieg auf die Straße gegangen, ähnliche Kundgebungen gab es in Hamburg, Altona und Wandsbek. Am 4. August bewilligt der Reichstag in einer Sitzung einstimmig die ersten Kriegskredite in Höhe von 5 Milliarden Mark — auch die SPD-Fraktion stimmt im Zeichen des „Burgfriedens" zu.

Zwischen dem 2. und 4. August marschieren deutsche Truppen in Luxemburg und, nach einem Ultimatum, ins neutrale Belgien ein; das britische Empire erklärt daraufhin dem Deutschen Reich den Krieg. Aus dem Attentat von Sarajevo ist binnen fünf Wochen ein europäischer Krieg geworden, an dem bis Jahresende auch Russland, Frankreich, Großbritannien und Österreich-Ungarn beteiligt sind.

Aus heutiger Sicht

Historiker sehen in der raschen Zustimmung von SPD-Fraktion und großen Teilen der Öffentlichkeit heute eher ein komplexes Gemisch aus Pflichtgefühl, Furcht vor der „russischen Gefahr" und obrigkeitsstaatlicher Disziplin als spontane Kriegsbegeisterung.

Vormarsch, Löwen und die Marne — der Bewegungskrieg endet

Ruine der Universitätsbibliothek Löwen nach dem Brand
Ruine der Universitätsbibliothek Löwen nach dem Brand, 1914 (gemeinfrei)

Nach dem Einmarsch ins neutrale Belgien zerstören deutsche Truppen zwischen dem 25. und 28. August große Teile der Universitätsstadt Löwen: Hunderte Zivilisten werden getötet, über tausend Häuser brennen nieder, rund ein Sechstel der Stadt. In der Nacht zum 26. August verbrennt die Universitätsbibliothek mit 1.000 mittelalterlichen Handschriften, 800 Inkunabeln und 300.000 Büchern.

  • DAMALS GEMELDET: Die deutsche Militärführung rechtfertigt das Vorgehen mit angeblichem Beschuss durch belgische „Franktireurs" aus dem Hinterhalt, dem rund 40 deutsche Soldaten zum Opfer gefallen seien.

Die britische Presse spricht von einem „Holocaust of Louvain" beziehungsweise „A Ruthless Holocaust".

Vom 5. bis 12. September stoppt eine französisch-britische Gegenoffensive unter Joffre und French östlich von Paris den deutschen Vormarsch an der Marne; ab dem 9. September ordnet Generalstabschef Helmuth von Moltke den Abbruch der Schlacht an, die deutschen Armeen ziehen sich rund 80 Kilometer bis hinter die Aisne zurück. Der amtliche Heeresbericht aus dem Großen Hauptquartier meldet der Öffentlichkeit dagegen, die vorgerückten Divisionen hätten den Gegner in zweitägigem, hartem Kampf zum Stehen gebracht und selbst Boden gewonnen; der Rückzug erscheint darin nur als „Zurücknahme eines Flügels", dem der Feind nicht gefolgt sei — dazu 50 erbeutete Geschütze und einige tausend Gefangene.

  • DAMALS GEMELDET: Der amtliche Bericht stellte den Ausgang der Marneschlacht als geordnete taktische Flankenbewegung mit Gefangenen- und Beutezahlen dar, nicht als gescheiterte Offensive.

Seit dem Herbst erstarrt die Front im Westen zum Stellungskrieg: Von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze graben sich beide Seiten ein.

Aus heutiger Sicht

Mit dem Rückzug an der Marne endet die Phase des Bewegungskriegs im Westen endgültig. Beide Seiten graben sich über die gesamte Front ein — der Beginn eines Stellungskriegs, der die kommenden Jahre bestimmen sollte. Spätere Zählungen beziffern die Opfer der Zerstörung Löwens auf 248 getötete Zivilisten und 1.081 niedergebrannte Gebäude.

Schlacht bei Tannenberg

Russische Kriegsgefangene nach der Schlacht bei Tannenberg
Russische Kriegsgefangene nach der Schlacht bei Tannenberg, 1914 (gemeinfrei)

Vom 26. bis 30. August schlägt die deutsche 8. Armee (153.000 Mann) südlich von Allenstein in Ostpreußen die russische 2. Armee (191.000 Mann) vernichtend; rund 90.000 russische Soldaten geraten in Gefangenschaft. Kurz zuvor hatten Paul von Hindenburg (inzwischen Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber Ost) als Oberbefehlshaber und Generalmajor Erich Ludendorff als Generalstabschef das Kommando der 8. Armee übernommen.

In den ersten Meldungen ist noch von der „Schlacht bei Allenstein" die Rede; auf Wunsch Hindenburgs wird sie kurz darauf in „Schlacht bei Tannenberg" umbenannt — eine Anspielung auf die Niederlage des Deutschen Ordens an gleicher Stelle im Jahr 1410.

Kreuzerkrieg: „Emden", Coronel, Falklandinseln

Kreuzer SMS Emden
Kreuzer SMS Emden, 1914 (gemeinfrei)

Der kleine Kreuzer SMS „Emden" unter Fregattenkapitän Karl von Müller kapert und versenkt von September bis November als Einzelfahrer im Indischen Ozean zahlreiche britische Handelsschiffe sowie den Truppentransporter „Indus". Am 9. November zerstört ein Landungstrupp der „Emden" die britische Funkstation auf den Kokosinseln; zuvor gelingt der Station aber noch eine Warnmeldung an den australischen Kreuzer HMAS „Sydney", der die „Emden" daraufhin im Gefecht besiegt. Der havarierte Kreuzer läuft auf ein Riff; die Landungsgruppe unter Kapitänleutnant Hellmuth von Mücke entkommt.

Am 1. November vernichtet das deutsche Ostasiengeschwader unter Vizeadmiral Graf Maximilian von Spee vor der chilenischen Küste bei Coronel die britischen Panzerkreuzer „Good Hope" und „Monmouth"; rund 1.700 britische Seeleute sterben, darunter Konteradmiral Cradock, die deutsche Seite verzeichnet nur drei Verwundete. Die Revanche folgt am 8. Dezember bei den Falklandinseln: Ein britisches Geschwader versenkt „Scharnhorst", „Gneisenau", „Nürnberg" und „Leipzig"; fast 2.000 deutsche Seeleute kommen ums Leben, darunter von Spee selbst mit seinen beiden Söhnen Otto und Heinrich.

Karl Liebknecht stimmt gegen die Kriegskredite

Porträt Karl Liebknecht
Porträt Karl Liebknecht, um 1912 (gemeinfrei)

Der Berliner SPD-Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht stimmt am 2. Dezember im Reichstag als einziger Abgeordneter gegen die zweite Bewilligung von Kriegskrediten — der erste offene Bruch des „Burgfriedens". Er begründet seine Ablehnung mit dem Protest gegen den Krieg und seine „Urheber", gegen die Verletzung der belgischen und luxemburgischen Neutralität sowie gegen Annexionspläne. Seinen Antrag, die Begründung ins Sitzungsprotokoll aufzunehmen, lehnt der Reichstagspräsident ab; Liebknecht reicht sie schriftlich zu den Akten.

Noch Anfang August hatte sich Liebknecht der Fraktionsdisziplin der SPD gefügt; am 2. Dezember bricht er erstmals offen damit.

Aus heutiger Sicht

Liebknechts einsame Nein-Stimme gilt rückblickend als Ausgangspunkt der Spaltung der SPD: Aus der wachsenden Opposition gegen die Burgfriedenspolitik gehen in den Folgejahren der Spartakusbund und die USPD hervor.

„An die Kulturwelt!" — das Manifest der 93

Porträt Wilhelm Conrad Röntgen
Porträt des Manifest-Unterzeichners und Physik-Nobelpreisträgers Wilhelm Conrad Röntgen, 1901 (gemeinfrei)

Am 4. Oktober veröffentlichen 93 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller den Aufruf „An die Kulturwelt!", verfasst von Ludwig Fulda. Er weist die Vorwürfe der Entente gegen den deutschen „Militarismus" und die Vorgänge in Belgien zurück: „Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn gewollt noch die Regierung noch der Kaiser." Zu den Unterzeichnern zählen Wilhelm Röntgen, Max Planck, Emil Fischer, Ernst Haeckel, Gerhart Hauptmann, Fritz Haber, Adolf von Harnack und Paul Ehrlich — mehrere von ihnen bereits Nobelpreisträger.

Die Aufnahme im Ausland fällt kühl aus: Britische Professoren veröffentlichen am 21. Oktober eine Gegenerklärung, in Frankreich verstärkt der Aufruf die ohnehin deutschlandkritische Stimmung, in neutralen Ländern wie den Niederlanden, Schweden und den USA reagiert man zurückhaltend bis ablehnend.

Spionagefurcht bei der Mobilmachung

Zeitgenössische Illustration: Anhalten eines verdächtigen Automobils an der oberschlesischen Grenze
Zeitgenössische Illustration von Fritz Bergen: Anhalten eines verdächtigen Automobils an der oberschlesischen Grenze, 1914 (gemeinfrei)

Am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August, wird die zwölfjährige Erika Buddeberg aus Bielefeld in Kleinenberg (Kreis Paderborn) erschossen: An einer Straßensperre postierte Mitglieder eines örtlichen Kriegervereins vermuten im Auto ihrer Familie russische Agenten und eröffnen das Feuer. Der Fall steht für eine reichsweit grassierende Spionagefurcht bei Kriegsbeginn, die zu Straßensperren, beschossenen Fahrzeugen und Verhaftungen Unverdächtiger führt.

Königliche Bibliothek Unter den Linden eingeweiht

Nordseite der Königlichen Bibliothek Unter den Linden
Nordseite der Königlichen Bibliothek Unter den Linden (Staatsarchiv Freiburg, CC BY 4.0; Aufnahme Dezember 1936)

Am 22. März, dem Geburtstag Kaiser Wilhelms I., wird die neue Königliche Bibliothek Unter den Linden 8 eingeweiht. Nach zehnjähriger Bauzeit nach Plänen von Ernst von Ihne ist sie das größte Bibliotheksgebäude der Welt und beherbergt zugleich die Universitätsbibliothek und die Akademie der Wissenschaften. Der Kuppelsaal des Lesesaals misst 34 Meter in der Höhe und 43 Meter im Durchmesser; die Kuppel wurde in nur 53 Arbeitstagen montiert.

Panamakanal eröffnet

Das Frachtschiff SS Ancon nähert sich Gamboa
Das Frachtschiff SS Ancon nähert sich Gamboa bei der ersten Durchfahrt des Panamakanals, 15. August 1914 (gemeinfrei)

Am 15. August durchfährt das Frachtschiff SS „Ancon" mit über 200 Passagieren an Bord als erstes Schiff offiziell den neu eröffneten Panamakanal. Wegen des zwei Wochen zuvor in Europa ausgebrochenen Krieges fallen große Eröffnungsfeierlichkeiten aus; es bleibt bei der technischen Erstdurchfahrt.

Kölner Werkbundausstellung vorzeitig geschlossen

Ausstellungsgebäude „Essener Haus" der Werkbundausstellung Köln
Ausstellungsgebäude „Essener Haus" der Werkbundausstellung Köln, 1914 (CC BY-SA 4.0)

Am 16. Mai eröffnet die Deutsche Werkbund-Ausstellung in Köln: weitläufiges Gelände am Deutzer Rheinufer, über 50 Bauten, unter anderem von Peter Behrens (Festhalle), Henry van de Velde (Theater) und Walter Gropius (Musterfabrik). Rund eine Million Besucher kommen in der kurzen Laufzeit. Am 6. August, mit Kriegsausbruch, wird die eigentlich bis Ende Oktober geplante Ausstellung vorzeitig geschlossen — mit hohen finanziellen Verlusten für die Veranstalter.

Albert Einstein zieht nach Berlin

Porträt Albert Einstein
Porträt Albert Einstein, 1912 (gemeinfrei)

Auf Betreiben Max Plancks erhält Albert Einstein zum 1. April den Ruf an die Preußische Akademie der Wissenschaften in Berlin und zieht im April von Zürich in die Reichshauptstadt. Als Akademiemitglied ohne Lehrverpflichtung kann er sich fast ausschließlich der Weiterentwicklung seiner Gravitationstheorie widmen.

Aus heutiger Sicht

In den Berliner Jahren an der Akademie der Wissenschaften vollendet Einstein 1915 die Allgemeine Relativitätstheorie — eine der folgenreichsten physikalischen Theorien der Moderne.

Volksbühne am Bülowplatz eröffnet

Am 30. Dezember eröffnet die Volksbühne am Bülowplatz im Scheunenviertel — Architekt Oskar Kaufmann — als erstes Theater Berlins im Stil der Moderne mit rund 2.000 Plätzen. Nur 16 Monate nach der Grundsteinlegung im September 1913 ist der Bau fertig, trotz des zwischenzeitlichen Kriegsausbruchs. Eröffnet wird mit „Wenn der junge Wein blüht" von Bjørnstjerne Bjørnson — das ursprünglich geplante „Götz von Berlichingen" fällt aus, weil bei der Probe die Bühnenversenkung beschädigt wird.

Rathaus der Stadt Schöneberg fertiggestellt

Ansicht des Rathauses der Stadt Schöneberg
Ansicht des Rathauses der Stadt Schöneberg (Staatsarchiv Freiburg, CC BY 4.0; Aufnahme 17. November 1929)

Das neue Rathaus der Stadt Schöneberg — Grundsteinlegung am 26. Mai 1911 nach Plänen von Jürgen Bachmann und Peter Jürgensen — wird 1914 fertiggestellt, erste Diensträume werden Anfang des Jahres bezogen. Die für den Herbst geplante offizielle Einweihungsfeier fällt wegen des Kriegsausbruchs aus; stattdessen findet lediglich die erste Sitzung der Stadtverordnetenversammlung im neuen Sitzungssaal statt.

Erweiterter Kaiser-Wilhelm-Kanal dem Verkehr übergeben

Holtenauer Schleuse des Kaiser-Wilhelm-Kanals
Holtenauer Schleuse des Kaiser-Wilhelm-Kanals, um 1914 (gemeinfrei)

Am 24. Juni übergibt Kaiser Wilhelm II. persönlich den von 1907 bis 1914 verbreiterten und vertieften Kaiser-Wilhelm-Kanal dem Verkehr: Die Breite wächst auf 102 Meter, die Tiefe auf 11 Meter — genug, um die neuen Schlachtschiffe der Nassau-Klasse passieren zu lassen. Rund 12.000 Arbeiter waren an der Erweiterung beteiligt; in Brunsbüttel und Holtenau entstehen die größten Schleusenanlagen der Welt.

Zabern-Affäre endet mit Freisprüchen

Militärpatrouille in Zabern während der Affäre
Militärpatrouille in Zabern während der Affäre, Dezember 1913 (gemeinfrei)

Vom 5. bis 10. Januar spricht das Kriegsgericht in Straßburg Oberst von Reuter und Leutnant Schadt unter Berufung auf eine preußische Kabinettsorder aus dem Jahr 1820 vom Vorwurf der widerrechtlichen Anmaßung polizeilicher Befugnisse frei — Nachwirkung der Ausschreitungen des Militärs gegen die Zivilbevölkerung im elsässischen Zabern Ende 1913, für die der Reichstag im Dezember Reichskanzler Bethmann Hollweg mit großer Mehrheit das Misstrauen ausgesprochen hatte, ohne dass dies Folgen hatte, da der Kanzler nur dem Kaiser verantwortlich ist. Im gleichen Monat wird auch Leutnant von Forstner in zweiter Instanz freigesprochen — mit der Begründung, er habe in Notwehr gehandelt.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 1. Januar — Der Ullstein-Verlag übernimmt die traditionsreiche, liberale „Vossische Zeitung".
  • Frühjahr — Bei der letzten Landtagswahl des Fürstentums Waldeck(-Pyrmont) vor dem Krieg treten die Abgeordneten ohne Parteibindung an; von 15 Sitzen gelten fünf als nationalliberal gesinnt.
  • 26. Juni — Der Detektivfilm „Das Panzergewölbe" aus der Reihe „Stuart Webbs" feiert in den Kammerlichtspielen am Potsdamer Platz Uraufführung.
  • 31. Juli — Gertrud Bäumer und Hedwig Heyl gründen in Berlin den Nationalen Frauendienst, der 23 Hilfskommissionen für Lebensmittelversorgung, Kriegsfürsorge und Arbeitsvermittlung von Frauen einrichtet.
  • 2. September (Sedantag) — Erbeutete französische, belgische und russische Kanonen werden Unter den Linden präsentiert.
  • 23. Oktober — Filmpionier Oskar Messter zeigt in Berliner Kinos die erste deutsche Wochenschau, die „Messter-Woche".

WIRTSCHAFT · 1914

Mit Kriegsbeginn ändert sich die Wirtschaftsordnung des Reiches binnen weniger Tage. Am 31. Juli setzt die Reichsbank die Einlösungspflicht von Banknoten in Gold aus — faktisches Ende der Goldwährung. Patriotische Vereine rufen zur Sammelaktion „Gold gab ich für Eisen" auf: Bürger tauschen Goldschmuck und Trauringe gegen eiserne Ersatzstücke oder spenden Gold zur Kriegsfinanzierung. Am 4. August verabschiedet der Reichstag das „Gesetz betreffend Höchstpreise", das die Behörden ermächtigt, Preisobergrenzen für Massengüter und Gegenstände des täglichen Bedarfs festzusetzen; am 18./19. September bringt die erste deutsche Kriegsanleihe (5 %) dem Reich 4,5 Milliarden Mark ein. Mit dem „Burgfrieden" kommt zugleich die vor dem Krieg noch lebhafte Streikbewegung praktisch zum Erliegen.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg) — 0,58 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Schweinefleisch (1 kg) — 1,67 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Butter (1 kg) — 2,82 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Milch (1 l) — 0,29 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Straßenbahn Berlin, Einzelfahrschein — 10 Pfennig
  • Roggen, amtlicher Höchstpreis (1 Tonne, ab 28. Okt.) — 220 Mark (Berlin)
  • Arbeiter-Monatslohn — 90 Mark (im Reichsdurchschnitt)

STIMMEN DER PRESSE · 1914

„Wenn die verhängnisvolle Stunde schlägt, werden die vaterlandslosen Gesellen ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen." — Vorwärts, 31. Juli 1914

Das linksliberale „Berliner Tageblatt" druckt im Bericht seines London-Korrespondenten einen Satz der konservativen britischen „Times":

„Wenn wir uns für gezwungen halten, das Schwert zu ziehen, so wird es mit dem größten Widerstreben geschehen und ohne Leidenschaftlichkeit. […] Aber wir dürfen nicht mit gekreuzten Armen beiseite stehen und ruhig zusehen, wenn unsere Freunde in Gefahr geraten, vernichtet zu werden." — Berliner Tageblatt, 2. August 1914

SPORT · 1914

Am 31. Mai gewinnt die Spielvereinigung Fürth in Magdeburg das Finale um die Deutsche Fußballmeisterschaft 1913/14 gegen den VfB Leipzig mit 3:2 nach Verlängerung — mit 154 gespielten Minuten das bis dahin längste Endspiel der deutschen Meisterschaftsgeschichte. Torschütze zum Endstand ist Karl Franz, der mit fünf Toren zugleich Torschützenkönig wird; rund 6.000 Zuschauer sehen den ersten Meistertitel der SpVgg Fürth. Im Sportpalast legen die Fahrer des Berliner Sechstagerennens 4.260,96 Kilometer zurück — ein neuer Rekord.

MODE · 1914

Bei Kriegsbeginn hat sich in der Damenmode bereits der gerade geschnittene, praktischere Schnitt weitgehend gegen die frühere Mode mit langer Schleppe und Korsett durchgesetzt — Schleppen waren für Straßenbahn und Großstadtalltag ohnehin unpraktisch geworden. Mit Kriegsbeginn wird Mode zunehmend als nationale Aufgabe verstanden: schlicht, praktisch, patriotisch, zur Stützung der heimischen Textilindustrie.

KINO & FUNK · 1914

Das Cines-Theater am Nollendorfplatz in der Stadt Schöneberg, 1913 als erstes freistehendes, eigens für den Film gebautes Kino der Region eröffnet, ist auch 1914 in Betrieb — mit öffnbarem Dach und Tageslicht-Projektionsleinwand. Berlins größtes Kino ist das „Union-Palast" am Kurfürstendamm, dazu das auf 1.200 Plätze erweiterte Union-Theater am Alexanderplatz. Bei der Großfunkstelle Nauen geht am 10. Februar eine neue, 1.037 Meter lange Antenne mit neuem Senderhaus in Betrieb; am 13. März gelingt erstmals Funkkontakt mit der Station Windhoek in Deutsch-Südwestafrika, die Reichweite reicht bis in die Kolonien Kamerun und Togo. Mit Kriegsbeginn übernimmt das Reichsmarineamt die Kontrolle über die Station.

GESTORBEN · 1914

  • Christian Morgenstern (42), Dichter — 31. März, Meran, Tuberkulose.
  • Bertha von Suttner (71), Friedensnobelpreisträgerin (1905) — 21. Juni, Wien, Magenkrebs.
  • Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este (50), österreichisch-ungarischer Thronfolger — 28. Juni, Sarajevo, erschossen.
  • Jean Jaurès (54), französischer sozialistischer Politiker und Kriegsgegner — 31. Juli, Paris, erschossen.
  • Papst Pius X. (79), Oberhaupt der katholischen Kirche — 20. August, Rom, Herzinfarkt.
  • August Macke (27), Maler des „Blauen Reiter" — 26. September, gefallen bei Perthes-lès-Hurlus.
  • Georg Trakl (27), Lyriker und Sanitätsleutnant — 3. November, Krakau, Kokain-Überdosis.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1914

  • Weltrekord im Alleindauerflug (3. März, Berlin). Der 21-jährige Flieger Bruno Langer bleibt 14 Stunden und 7 Minuten in der Luft und stellt damit einen neuen Weltrekord auf.
  • Franck-Hertz-Versuch vorgestellt (24. April, Berlin). Die Physiker James Franck und Gustav Hertz zeigen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ihren Stoßversuch mit Quecksilberdampf und messen damit, dass Elektronen erst ab 4,9 Volt Energie an Quecksilberatome abgeben.
  • Große Berliner Kunstausstellung (Mai, Berlin). Die Ausstellung zeigt u. a. Werke französischer Impressionisten; drei Goldmedaillen werden vergeben, darunter an Willy ter Hell.

DAS WETTER · 1914 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 29,4 °C, das Minimum lag bei 16,8 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 23,1 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner.

Der heißeste Tag des Jahres war der 22. Juli mit 32,0 °C, der kälteste der 22. Januar mit −14,5 °C (Tagesminimum). Berlin zählte 63 Frosttage und 16 Eistage, dazu 40 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon sechs heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 704,3 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,5 °C, das Tagesminimum 5,5 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1914

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten-Uraufführungen, das Berliner Kabarett-Repertoire, die Otto-Reutter-Diskografie sowie – ab Kriegsausbruch im August – dokumentierte Kriegs- und Mobilmachungsgesänge. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 9 Titel belegen, die bis einschließlich 1914 entstanden und in diesem Jahr verbreitet waren.

  1. Unser Kaiser (Marsch) — Musik: Walter Kollo, aus der Kriegs-Posse „Immer feste druff!", Uraufführung 1. Oktober 1914, Theater am Nollendorfplatz Berlin
  2. Der Soldate (Marsch-Duett) — Musik: Walter Kollo, aus „Immer feste druff!"; Interpreten: Claire Waldoff und Karl Gessner
  3. Auf der Banke, an der Panke — Musik: Walter Kollo, aus „Immer feste druff!"; Interpreten: Claire Waldoff und Karl Gessner
  4. Nun danket alle Gott (Choral, Text: Martin Rinckart, um 1636) — von den wartenden Menschenmengen am 1. August 1914 vor dem Berliner Schloss bei Bekanntgabe der Mobilmachung gesungen
  5. Ein Schwipserl möcht' ich haben — Musik: Oscar Straus, aus der Operette „Rund um die Liebe", Uraufführung 9. November 1914, Johann Strauß-Theater Wien
  6. Ich weiß schon, was ich möchte — Musik: Oscar Straus, aus „Rund um die Liebe", Uraufführung 9. November 1914, Johann Strauß-Theater Wien
  7. Michel, sei stolz! — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin 22. Mai 1914
  8. 's wird ja langweilig mit der Zeit — Musik & Text: Otto Reutter, aufgenommen Berlin 22. Mai 1914
  9. Kann ich dafür? — Musik: Jobst Haslinde; Interpretin: Claire Waldoff