DER CHRONIST
Das Jahr bringt an der Front eine neue, fürchterliche Waffe und einen neuen Gegner: Italien tritt im Mai gegen Österreich-Ungarn in den Krieg ein, im Osten erobern deutsche und österreichisch-ungarische Truppen Warschau. In der Heimat wird die Brotkarte zur täglichen Gewohnheit, im Herbst sorgen Wucherpreise für Butter für Tumulte auf Berliner Straßen und Märkten. Und während am Königsplatz eine hölzerne Riesenfigur voller Nägel steckt, legt ein Berliner Gelehrter der Akademie der Wissenschaften eine Arbeit vor, von der außerhalb der Fachwelt noch niemand Notiz nimmt.
Giftgas bei Ypern

Am 22. April, gegen 17 Uhr, lässt das deutsche Pionierregiment 35 unter dem XXIII. Reserve-Korps von General Hugo von Kathen bei Steenstrate und Poelkapelle im Ypernbogen erstmals Chlorgas aus rund 5.700 bis 6.000 Stahlflaschen strömen — etwa 150 Tonnen Gas auf einer Front von rund sechs Kilometern. Die Giftwolke trifft französische Kolonialtruppen, die 87. Territorial- und die 45. Algerische Division; mehrere tausend Soldaten werden vergiftet, allein am 22. April sterben auf französischer Seite schätzungsweise über 1.000 Mann.
Organisiert hat den Einsatz der Chemiker Fritz Haber, Direktor des Kaiser-Wilhelm- Instituts für physikalische Chemie im Gutsbezirk Dahlem bei Berlin, der an jenem Abend selbst vor Ort ist. Für den Erfolg wird er zum Hauptmann befördert. In der Schlacht, die sich bis in den Mai hinzieht, verlieren die Briten und Kanadier insgesamt rund 59.000, die deutsche Seite rund 35.000 Mann.
In der Nacht zum 2. Mai erschießt sich Habers Frau, die Chemikerin Clara Immerwahr, im Garten des gemeinsamen Hauses im Gutsbezirk Dahlem bei Berlin.
Aus heutiger Sicht
Der Gaseinsatz bei Ypern gilt als Beginn des systematischen Chemiewaffenkriegs; die seit 1997 geltende Chemiewaffenkonvention ächtet solche Waffen bis heute. Fritz Haber erhält 1918 den Chemie-Nobelpreis, was international bis heute umstritten bleibt.
Die Brotkarte kommt nach Berlin

Ab dem 25. Januar beschlagnahmt das Reich per Bundesratsverordnung alle Bestände an Brotgetreide und Mehl; die im November 1914 gegründete Kriegsgetreide-Gesellschaft übernimmt fortan die Verteilung, als Reichskommissar für Brotgetreide amtiert Georg Michaelis. In Berlin selbst beginnt die Brotkarte am 22. Februar: Die Bürger erhalten ein Heft mit 23 Wochenkarten, gültig bis zum 1. August. Der Magistrat setzt die Kopfmenge auf wöchentlich 2 Kilogramm Brot oder täglich 225 Gramm Mehl fest — die Ration wird bald auf 200 Gramm gesenkt. Vor dem Krieg lag der Mehlverbrauch pro Kopf und Tag bei rund 380 Gramm.
Ab dem 1. März gilt die Markenpflicht für Brot reichsweit.
Verschärfter U-Boot-Handelskrieg erklärt
Am 4. Februar erklärt das Reich die Gewässer um Großbritannien und Irland zum Kriegsgebiet; ab Mitte Februar sollen feindliche Handelsschiffe darin ohne Vorwarnung versenkt werden dürfen — eine Antwort auf die britische „Hungerblockade". Die Maßnahme markiert den Übergang zum verschärften U-Boot-Handelskrieg, den die Marineführung als wirksamste Waffe gegen die britische See-Übermacht betrachtet. Nach der Versenkung des britischen Passagierdampfers „Arabic" am 19. August schränkt die Reichsleitung im September den Handelskrieg wieder ein: Passagierdampfer dürfen fortan nur noch nach vorheriger Warnung angegriffen werden.
Versenkung der „Lusitania"

Das deutsche U-Boot U 20 unter Kapitänleutnant Walther Schwieger versenkt am 7. Mai vor der Südküste Irlands, nahe Old Head of Kinsale, den britischen Passagierdampfer „Lusitania". 1.198 Menschen sterben, darunter 128 US-Amerikaner, 94 Kinder und 287 Frauen.
Das Reich beruft sich auf seine U-Boot-Kriegs-Bekanntmachung vom 4. Februar und rechtfertigt den Angriff damit, die „Lusitania" habe als bewaffneter Blockadebrecher auch Kriegsmaterial geladen — rund 4.200 Kisten Gewehrmunition, 173 Tonnen. Die deutsche Botschaft in Washington hatte mit einer auf den 22. April datierten Anzeige, erschienen am Vortag der Abfahrt, in US-Zeitungen gewarnt.
Premiere „Der Golem"

Im U.T. Kurfürstendamm hat der Stummfilm „Der Golem" von Paul Wegener und Heinrich Galeen Premiere. Produziert von der Deutschen Bioscop GmbH in Berlin, entstanden die Atelieraufnahmen in den Bioscop-Ateliers Neubabelsberg, die Außenaufnahmen in Hildesheim; Kamera führte Guido Seeber, die Golem-Figur schuf der Bildhauer Rudolf Belling.
Ein Lehmkoloss im Prager Judenviertel wird durch eine Zauberformel zum Leben erweckt, verliebt sich in die Trödlertochter, wird zum zerstörerischen Monster und stürzt am Ende von einer Dachterrasse. Der Film misst 1.250 Meter, umfasst fünf Akte und ist mit Jugendverbot belegt.
Italien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg

Italien, seit dem 3. August 1914 neutral, hatte sich im Geheimvertrag von London vom 26. April gegenüber der Triple Entente zum Kriegseintritt binnen eines Monats verpflichtet. Am 23. Mai überreicht Botschafter Giuseppe Avarna in Wien Außenminister Stephan Burián die Kriegserklärung; parallel erfolgt die Übergabe an den k.u.k.-Botschafter Karl von Macchio in Rom. Ministerpräsident Antonio Salandra und Außenminister Sidney Sonnino hatten zuvor parallel mit beiden Kriegsparteien verhandelt.
Die neue Front am Isonzo bindet von nun an zusätzliche österreichisch-ungarische Kräfte.
Durchbruch von Gorlice-Tarnów und Fall Warschaus

Ein deutsch-österreichischer Großangriff unter Generaloberst August von Mackensen durchbricht ab dem 1./2. Mai bei Gorlice-Tarnów in Galizien die russische Front. Nach deutschen Angaben geraten rund 143.000 russische Soldaten in Gefangenschaft, österreichische Schätzungen sprechen von bis zu 150.000 Verlusten einschließlich 100.000 Gefangener.
Der deutsche Heeresbericht vom 13. Mai meldet einen durchschlagenden Erfolg — zeitgenössisch gilt der Durchbruch als einer der größten deutschen Siege des Krieges. Am 22. Juni wird Lemberg zurückerobert. Am 4./5. August besetzen Truppen der 9. Armee unter Prinz Leopold von Bayern Warschau, die Hauptstadt Russisch-Polens; Kongresspolen wird danach in ein deutsches und ein österreichisches Generalgouvernement geteilt.
Dauerwaldvertrag rettet den Grunewald

Der Zweckverband Groß-Berlin kauft vom Königlich-Preußischen Staat rund 10.000 Hektar Wald- und Wasserflächen — darunter Grunewald, Tegel, Grünau, Köpenick und Potsdam — für 50 Millionen Goldmark: 5 Millionen sofort, der Rest in 15 Jahresraten zu je 3 Millionen Mark. Der Vertrag verpflichtet den Zweckverband, die Flächen dauerhaft zum „Erwerb und zur Erhaltung größerer von der Bebauung frei zu haltender Flächen wie Wälder, Parks, Wiesen, Seen" zu nutzen — als Naherholung, Trinkwasserschutz und gegen Bodenspekulation.
Aus heutiger Sicht
Der Dauerwaldvertrag gilt bis heute; er ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Berlin unter den deutschen Großstädten einen überdurchschnittlichen Waldanteil besitzt — der Grunewald ist bis heute Wald.
Deportationen und Massaker an den Armeniern

Am 24. April beginnen in Konstantinopel Verhaftungen armenischer Intellektueller — zunächst 235, insgesamt offiziell 2.345 Deportierte. Ab Mai folgen Massendeportationen in die syrische und mesopotamische Wüste, begleitet von systematischen Massakern. Über die Vorgänge dringt praktisch nichts in die deutsche Öffentlichkeit: Die Zensur verhindert jede Berichterstattung, in Berlin kursieren allenfalls vage Gerüchte über Übergriffe gegen die armenische Bevölkerung im Osmanischen Reich. Zeitgenössisch ist, wo überhaupt davon die Rede ist, von „Ausrottung", „Ausschreitungen" oder „Massakern" die Rede.
Aus heutiger Sicht
Aus diplomatischen Berichten, die der Missionar Johannes Lepsius erst 1919 veröffentlicht, wird später bekannt, was 1915 in der Heimat verschwiegen bleibt: Botschafter Hans von Wangenheim berichtet im Juni, Innenminister Talât Bey habe erklärt, man wolle „mit den inneren Feinden — den einheimischen Christen — gründlich aufräumen"; Vizekonsul Max Erwin von Scheubner-Richter in Erzurum meldet das Ziel der „gänzlichen Ausrottung"; Konsul Walter Rößler in Aleppo berichtet von Massakern und Leichentransporten im Euphrat. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vermerkt am Rand eines dieser Berichte, sein einziges Ziel sei, die Türkei bis zum Ende des Krieges an der Seite Deutschlands zu halten, „gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht." Die 1915 begonnenen Massaker und Deportationen werden heute von Historikern und zahlreichen Parlamenten — darunter dem Deutschen Bundestag 2016 — als Völkermord an den Armeniern anerkannt.
„Schweinemord" — Massenschlachtung im Reich
Nach der britischen Seeblockade und dem Ausfall der Gerstenimporte für die Schweinemast lässt das Reich auf behördliche Anordnung im Frühjahr rund ein Drittel des Schweinebestands schlachten, Millionen Tiere.
Die Fleischpreise fallen zunächst, steigen dann aber wieder deutlich. Landwirtschaftliche Fachleute warnen bereits jetzt vor dem Verlust an Stickstoffdünger, der mit der Schweinehaltung verloren geht.
„Eiserner Hindenburg" am Königsplatz

Am Königsplatz wird die 12,50 Meter hohe Holzstatue „Eiserner Hindenburg" erstmals genagelt — Entwurf: Maler und Bildhauer Georg Marschall, Ausführung: Diplomingenieur Kohlrausch. Die Figur besteht aus 26 Tonnen Erlenholz auf einem 6 Tonnen schweren Eisengerüst, die Kopfhöhe misst 1,35 Meter, der Mantelumfang 9,50 Meter — als größte Holzstatue der Welt beworben.
Gegen eine Spende dürfen Berliner eiserne, silberne oder goldene Nägel einschlagen; der Erlös kommt der Stiftung Luftfahrerdank, der Nationalstiftung und der Stadt Berlin zugute. Bis Jahresende sind zahlreiche Nägel eingeschlagen.
Aus heutiger Sicht
Bis Kriegsende übersteigt der Erlös aus den Nagelspenden eine Million Mark.
Hinrichtung von Edith Cavell

Die britische Krankenschwester Edith Cavell wird in Brüssel von einem deutschen Militärgericht wegen „Zuführung von Mannschaften an den Feind" — Fluchthilfe für alliierte Soldaten — zum Tode verurteilt und erschossen. Die Botschafter der neutralen USA und Spaniens sowie der Papst intervenieren erfolglos für eine Begnadigung. Die Hinrichtung sorgt weltweit für Aufsehen. Die deutschen Militärbehörden verteidigen das Urteil öffentlich als rechtmäßig nach Kriegsrecht.
Butterkrawalle im Berliner Osten und in Lichtenberg
Am Abend des 14. Oktober verspottet ein Butterhändler im Berliner Osten seine Kundschaft; die gedemütigten Kundinnen zerschlagen daraufhin Schaufenster und nehmen sich Ware. Am Abend des 15. Oktober eskaliert vor dem Laden des Kaufmanns Göbel in der Landsberger Allee ein weiterer Protest gegen die Butterpreise; die Menge wächst nach Ladenschluss auf rund 6.000 Personen, die johlen, pfeifen und Schaufenster und Polizei mit Steinen bewerfen, bis gegen 22:30 Uhr die Ordnung wiederhergestellt ist.
Am Nachmittag des 16. Oktober protestieren Frauen und Kinder auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz in der Stadt Lichtenberg gegen Wucherpreise für Brot, Gemüse und Butter und plündern Marktstände; zeitweise richten sich die Proteste auch gegen Krieg und Obrigkeit. Die Behörden nehmen die zuvor erfolgten Preiserhöhungen daraufhin zurück.
Nobelpreise für Max von Laue und Richard Willstätter

Kriegsbedingt wird der Physik-Nobelpreis für 1914 erst am 11. November an Max von Laue vergeben, „für die Entdeckung der Beugung von Röntgenstrahlen an Kristallen". Der Chemie-Nobelpreis für 1915 geht an Richard Willstätter vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Dahlem bei Berlin „für seine Forschungen über Pflanzenfarbstoffe, besonders Chlorophyll".
Frauen als Straßenbahn-Schaffnerinnen
Weil ein großer Teil der rund 9.000 Betriebsbediensteten der Großen Berliner Straßenbahn zum Kriegsdienst eingezogen ist, stellt das Unternehmen 1915 erstmals Frauen als Schaffnerinnen ein, teils auch als Fahrerinnen. Reichsweit übernehmen Frauen im Krieg auch andere bislang männlich besetzte Berufe, etwa in der Munitionsindustrie, bei elf bis zwölf Stunden Arbeitszeit am Tag, unter gefährlichen Bedingungen und zu deutlich niedrigerer Bezahlung als Männer.
Junkers J 1 — erstes Ganzmetallflugzeug fliegt

Auf dem Heeresflugplatz Döberitz bei Berlin startet die Junkers J 1 — im Soldatenjargon „Blechesel" — zu ihrem Erstflug: das weltweit erste Ganzmetallflugzeug. Konstrukteur Hugo Junkers hat die Außenhaut aus 0,1 bis 0,2 Millimeter dünnen, elektrisch verschweißten Stahlblech-Streifen auf Eisenrippen gefertigt. Am Steuer sitzt Leutnant Theodor Mallinckrodt: Die über eine Tonne schwere Maschine hebt bereits nach 40 Metern Anlauf ab, obwohl mindestens 250 Meter erwartet worden waren.
Einstein legt Feldgleichungen der Gravitation vor

Albert Einstein, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, legt der Akademie am 25. November seine Arbeit „Die Feldgleichungen der Gravitation" vor — den Abschluss der allgemeinen Relativitätstheorie. Es handelt sich um einen akademischen Sitzungsbericht, kein öffentliches Presseereignis: Einstein ist der breiten Öffentlichkeit noch nicht bekannt.
Aus heutiger Sicht
Erst die 1919 von Arthur Eddington während einer Sonnenfinsternis bestätigte Lichtablenkung macht Einstein und seine Relativitätstheorie weltberühmt; 1915 nimmt davon außerhalb der Fachwelt kaum jemand Notiz.
AM RANDE NOTIERT
- Das ganze Jahr — Allgemeine Wahlen finden kriegshalber nicht statt; die Landtage bleiben über ihre Wahlperiode hinaus im Amt.
- 9. Juli — Deutsch-Südwestafrika kapituliert vor südafrikanischen Truppen; die Kolonie wird besetzt.
- Januar — Der Berliner Humorist Otto Reutter nimmt mehrere Kriegs-Couplets auf Schallplatte auf, darunter „Neunzehnhundertvierzehn".
- 20. August — In Friedrichshafen gründet der Luftschiffbau Zeppelin die Zahnradfabrik GmbH.
- 17. November — In Wien hat die Operette „Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán Uraufführung — in Wien sofort ein Erfolg.
- Das ganze Jahr — In deutschen Städten kommt es zu ersten Hungerunruhen wegen unzureichender Lebensmittelverteilung, getragen vor allem von Frauen und Jugendlichen.
WIRTSCHAFT · 1915
Das zweite Kriegsjahr bringt die ersten großflächigen Eingriffe des Staates in die Lebensmittelversorgung. Am 25. Januar beschlagnahmt das Reich per Bundesratsverordnung alle Brotgetreide- und Mehlbestände; allein im Januar treten 16 weitere Verordnungen zur Lebensmittelversorgung in Kraft. Vom 27. Februar bis zum 19. März zeichnet die Bevölkerung die zweite Kriegsanleihe des Reichs mit 9,1 Milliarden Mark. In der Rüstungsindustrie ersetzen Frauen zunehmend die eingezogenen Männer, bei elf bis zwölf Stunden Arbeitszeit am Tag und deutlich niedrigerer Bezahlung.
Der Preisspiegel:
- Brot auf Karte (Woche) — 2 kg
- Mehl auf Karte (Tag) — 225 g
- Milch auf Karte (Kinder bis 2 Jahre, Tag, reichsweit ab 11. Nov.) — 1 Liter
- Straßenbahn Berlin, Einzelfahrschein — 10 Pfennig (unverändert seit 1901)
- Arbeiter-Monatslohn (Reichsdurchschnitt) — 91 Mark
STIMMEN DER PRESSE · 1915
„Die Versenkung des riesigen englischen Dampfers ist ein Erfolg von noch größerer moralischer als materieller Bedeutung. Mit freudigem Stolz betrachten wir diese neueste Tat unserer Marine. […] Wir haben lediglich ein englisches Schiff mit Passagieren versenkt, die auf eigene Gefahr und Verantwortung das Operationsgebiet befuhren." (sinngetreue Übersetzung) — Kölnische Volkszeitung, Mai 1915
„Was das amerikanische Volk von dem Verbrechen hält, ist offenkundig. Die Zeitungen verurteilen es aufs Schärfste; die Öffentlichkeit ist empört — mit Ausnahme der Deutschamerikaner, die das Ereignis als großen und typischen Sieg ihres Heimatlandes feiern." (sinngetreue Übersetzung) — The Manchester Guardian, 10. Mai 1915
SPORT · 1915
Der BFC Hertha 92 wird 1915 zum zweiten Mal nach 1905/06 Berliner Fußballmeister — der Spielbetrieb läuft trotz Krieg eingeschränkt weiter. International ist der Sportbetrieb 1915 stark eingeschränkt.
MODE · 1915
In der Rüstungsindustrie tragen Frauen mancherorts erstmals Herrenhosen — ein Bruch mit der bisherigen Frauenmode.
KINO & FUNK · 1915
Am 14. Januar hat der Stummfilm „Der Golem" von Paul Wegener im U.T. Kurfürstendamm Premiere. Rund um den Kurfürstendamm konkurrieren Lichtspielhäuser wie das „Marmorhaus" (eröffnet 1913) und das U.T. Kurfürstendamm. In der Funkentelegrafie gewinnt die Großfunkstelle Nauen bei Berlin durch den Krieg entscheidend an Bedeutung, weil die deutschen Überseekabel gleich zu Kriegsbeginn vom Gegner gekappt wurden — Nauen wird zur zentralen deutschen Funkverbindung ins Ausland.
GESTORBEN · 1915
- Paul Ehrlich (61), Chemiker und Serologe, Nobelpreisträger 1908, Entdecker des Salvarsan — 20. August, Bad Homburg vor der Höhe.
- Emil Rathenau (76), Ingenieur und Industrieller, Gründer der AEG — 20. Juni, Berlin.
- Friedrich Loeffler (62), Bakteriologe, Direktor des Instituts für Infektionskrankheiten „Robert Koch" in Berlin — 9. April, Berlin.
- Rupert Brooke (27), britischer Soldat und Kriegsdichter — 23. April, an Bord eines Schiffs in der Ägäis.
- Alexander Skrjabin (43), russischer Komponist und Pianist — 27. April, Moskau.
- Alois Alzheimer (51), Psychiater und Neuropathologe — 19. Dezember, Breslau.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1915
- Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1915, Braunschweig). Der Geophysiker Alfred Wegener veröffentlicht sein Buch und begründet damit die Theorie der Kontinentaldrift.
- Ein neues Ballspiel für Mädchen (1915, Berlin). Der Berliner Lehrer Max Heiser erfindet das Torballspiel.
- Fortbestand des Internationalen Olympischen Komitees (10. April, Lausanne). Das IOC verlegt seinen Sitz von Paris in die neutrale Schweiz und sichert damit seinen Fortbestand trotz des Krieges.
DAS WETTER · 1915 in Berlin
Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 21,4 °C, das Minimum lag bei 11,1 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 16,2 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fielen an diesem Tag 0,7 mm.
Der heißeste Tag des Jahres war der 10. Juni mit 34,0 °C, der kälteste (nach dem Minimum) der 22. Dezember mit −15,6 °C. Berlin zählte 97 Frosttage und 20 Eistage, dazu 28 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon fünf heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 631,1 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,6 °C, das Tagesminimum 4,2 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1915
Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten-Musiknummern, die Otto-Reutter-Diskografie mit datierten Kriegscouplets und die Liedliste von Claire Waldoff. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich zwölf Titel mit konkretem Liedtitel und Jahresbeleg finden.
- Argonnerwald um Mitternacht — Soldatenlied, Fassung von Hermann Albert von Gordon
- Mein Justav — aus der Operette „Woran wir denken", Musik: Jean Gilbert, Interpretin: Claire Waldoff
- Da kann kein Kaiser und kein König was machen — Bearbeitung eines älteren Soldatenlieds, Interpretin: Claire Waldoff
- Die vier Patienten — Couplet von Otto Reutter, aufgenommen Berlin Januar 1915
- Kriegsgeschichte 1914 — Couplet-Potpourri von Otto Reutter, aufgenommen Berlin Januar 1915
- Das ist der Leutnant — Otto Reutter, aus der Revue „Neunzehnhundertvierzehn", aufgenommen Berlin Januar 1915
- Genau wie 1870 — Otto Reutter, aus der Revue „Neunzehnhundertvierzehn", aufgenommen Berlin Januar 1915
- Vor dem eisernen Hindenburg — Couplet-Potpourri von Otto Reutter, aufgenommen Berlin Oktober 1915
- 's ist Krieg! — Couplet von Otto Reutter, aufgenommen Berlin Oktober 1915
- Die Liebesgabenkiste — Couplet von Otto Reutter, aufgenommen Berlin Oktober 1915
- Machen wir's den Schwalben nach — Duett (Stasi, Edwin) aus der Operette „Die Csárdásfürstin", Musik: Emmerich Kálmán, UA 17. November 1915, Johann-Strauß-Theater Wien
- Die Mädis vom Chantant — Marsch-Ensemble aus „Die Csárdásfürstin", Musik: Emmerich Kálmán