DER CHRONIST

Zum Geleit

Zwischen den endlosen Materialschlachten von Verdun und der Somme, einer Seeschlacht, die als Sieg gefeiert wird, und dem bisher lautesten Aufbegehren gegen den Krieg auf dem Potsdamer Platz ist 1916 das Jahr, in dem der Krieg endgültig zur Materialschlacht und zur Existenzfrage der Heimat wird. Zum Jahresende bieten die Mittelmächte erstmals Friedensverhandlungen an — die Entente lehnt noch vor Silvester ab.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die Hölle von Verdun

Luftaufnahme von Fort Douaumont nach den Kämpfen, Mai 1916
Luftaufnahme des Forts Douaumont nach den Kämpfen des Mai 1916 (Opérateur Z, Médiathèque de l'architecture et du patrimoine via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Aufnahme 21. Juni 1916)

Am 21. Februar beginnt der deutsche Angriff auf die Festung Verdun. Schon am 25. Februar besetzen Truppen des Infanterie-Regiments 24 im Handstreich das Fort Douaumont.

  • DAMALS GEMELDET: Die Einnahme wird in der deutschen Öffentlichkeit als Triumph gefeiert. Die Meldung lautet, das Fort sei „fest in der Hand des Oberleutnants von Brandis" — die Frankfurter Zeitung deutet dies als „angeborenen Vorwärtsdrang" der deutschen Infanterie. Kaiser Wilhelm II. zeichnet Oberleutnant Cordt von Brandis mit dem Orden Pour le Mérite aus.

Die Schlacht zieht sich das ganze Jahr hin: Am 8. Mai kommen bei einem Munitionsunglück im Fort Douaumont mehrere Hundert deutsche Soldaten ums Leben. Am 23. Juni setzen deutsche Truppen erstmals Grünkreuz-Gasgranaten (Diphosgen) in großem Umfang ein, am 12. Juli scheitert ein Angriff auf Fort Souville — der weiteste deutsche Vorstoß der Schlacht. Am 24. Oktober erobern französische Truppen Fort Douaumont zurück, am 19. Dezember endet die Schlacht faktisch mit einer französischen Gegenoffensive.

Aus heutiger Sicht

Verdun wird zum französischen Nationalmythos — „Ils ne passeront pas" — und zum Menetekel der Materialschlacht, das vor allem die französische Verteidigungsdoktrin prägt (Maginot-Linie). Nach heutigem Forschungsstand kostet die Schlacht rund 337.000 bis 434.000 deutsche und 377.000 bis 540.000 französische Opfer; insgesamt setzen beide Seiten rund zwei Millionen Soldaten ein. Tatsächlich war das Fort bei der Einnahme nur schwach besetzt: 1926 räumte das Reichsarchiv ein, dass Hauptmann Haupt und Leutnant Eugen Radtke als Erste eingedrungen waren; 1979 zeigte der Militärhistoriker German Werth, dass das Fort praktisch kampflos fiel.

Die Schlacht an der Somme

Britischer Mark-I-Panzer an der Somme, September 1916
Britischer Mark-I-Panzer an der Somme (Ernest Brooks, gemeinfrei, Aufnahme 25. September 1916)

Nach siebentägiger Artillerievorbereitung mit rund 1,5 Millionen Granaten beginnt am

  1. Juli die britisch-französische Großoffensive an der Somme. Die deutschen Stellungen bleiben weitgehend intakt: Schon am ersten Tag erleiden die Angreifer schwerste Verluste. Am
  2. September kommen bei Flers-Courcelette erstmals Panzer zum Einsatz. Am 18. November endet die Schlacht ohne militärische Entscheidung, nach Erschöpfung des Materials auf beiden Seiten.

Nach amtlicher Darstellung meldete der Zusammenfassende Bericht aus dem deutschen Großen Hauptquartier zum ersten Kampftag:

„Trotzdem bedeutete für die Angreifer der erste Kampftag eine Enttäuschung. Aus allen Gefangenenaussagen geht hervor, daß Engländer wie Franzosen des festen Glaubens gewesen waren, der siebentägige Eisenhagel müsse die Widerstandskraft der Verteidigung bis auf den letzten Rest zertrümmert haben. Sie waren auf einen ‚Spaziergang' gefaßt gewesen und fanden trotzigen, hartnäckigen Widerstand." — Heeresbericht aus dem Großen Hauptquartier, 22./24./25. August

  • DAMALS GEMELDET: Derselbe Bericht rühmt den „unsterblichen Ruhm der Männer, die … dem Feind die Stirn geboten"; die Schlacht wird amtlich von Beginn an als erfolgreich abgewehrter Angriff dargestellt.
Aus heutiger Sicht

Allein am ersten Tag verlieren die Briten rund 20.000 Gefallene und 36.000 Verwundete — der verlustreichste Tag der britischen Militärgeschichte. Nach heutigem Forschungsstand verlieren die Briten insgesamt 419.654, die Franzosen rund 204.533 und die Deutschen offiziell 335.688 Soldaten, vermutlich bis zu 465.000 — insgesamt über eine Million Tote, Verwundete und Vermisste.

Die Skagerrakschlacht

Der beschädigte Schlachtkreuzer SMS Seydlitz nach der Skagerrakschlacht
Der beschädigte Schlachtkreuzer SMS Seydlitz nach der Skagerrakschlacht (Urheber unbekannt, gemeinfrei, Aufnahme 1. Juni 1916)

Vor der dänischen Küste treffen die deutsche Hochseeflotte unter Vizeadmiral Reinhard Scheer und Vizeadmiral Franz Ritter von Hipper und die britische Grand Fleet unter Admiral John Jellicoe und David Beatty in der größten Seeschlacht des Krieges aufeinander. Die deutsche Flotte verliert unter anderem den Schlachtkreuzer „Lützow", das Linienschiff „Pommern", vier leichte Kreuzer und fünf Torpedoboote — insgesamt 61.180 Tonnen Wasserverdrängung. Die britische Flotte verliert drei Schlachtkreuzer, drei Panzerkreuzer und acht Zerstörer, insgesamt 115.025 Tonnen Wasserverdrängung.

  • DAMALS GEMELDET: Die amtliche Meldung des Admiralstabs vom Abend des 1. Juni verkündet einen Sieg über die überlegene britische Flotte. Am 2. Juni gibt die Admiralität eine Presseerklärung heraus, die den Sieg für sich beansprucht; Schulen erhalten schulfrei, der Kaiser spricht von einem neuen Kapitel der Weltgeschichte. Der Verlust der eigenen Schiffe „Lützow", „Elbing" und „Rostock" wird zunächst verschwiegen.
Aus heutiger Sicht

Die heutige Forschung spricht von einem „taktischen deutschen Erfolg, strategischen Unentschieden" — die britische Seeblockade blieb ungebrochen, und die Hochseeflotte blieb nach ihrer Rückkehr in den Hafen für den Rest des Krieges weitgehend untätig.

Karl Liebknecht ruft „Nieder mit dem Krieg!" am Potsdamer Platz

Porträtfoto Karl Liebknecht
Porträtfoto Karl Liebknecht (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Bei einer von Polizei umzingelten Antikriegskundgebung auf dem Potsdamer Platz ergreift Karl Liebknecht am 1. Mai das Wort mit dem Ruf „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" Er wird noch am selben Tag verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Als am 28. Juni der Prozess beginnt, verurteilt das Feldgericht ihn zunächst zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus; am selben Tag legen rund 55.000 Berliner Arbeiter aus mindestens 35 Betrieben — darunter Borsig, AEG, Löwe und Schwartzkopff — für einen Tag die Arbeit nieder, organisiert von Vertrauensleuten des Deutschen Metallarbeiter-Verbands um Richard Müller; auch in Stuttgart, Bremen, Braunschweig und Essen wird gestreikt. Die Gewerkschaftsführung lehnt den Streik ab.

  • DAMALS GEMELDET: Angeklagt wird Liebknecht zunächst wegen Hochverrats, das Zuchthausurteil ergeht schließlich wegen „Kriegsverrats" — die amtliche Darstellung deutet sein Auftreten damit als Angriff auf die Wehrkraft des Reiches.

Am 23. August erhöht das Oberkriegsgericht des Gouvernements Berlin das Urteil auf 4 Jahre und 1 Monat Zuchthaus; am 4. November bestätigt das Reichsmilitärgericht als letzte Instanz das Urteil endgültig. Mitte November tritt Liebknecht die Haft in Luckau an.

Aus heutiger Sicht

Liebknecht wird die Haft nicht bis zum Ende verbüßen — im Oktober 1918 kommt er vorzeitig frei.

Erstmals Sommerzeit im Deutschen Reich

Postkarte zur Einführung der Sommerzeit 1916
Zeitgenössische Postkarte zur Einführung der Sommerzeit am 30. April 1916 (Original Deutsches Uhrenmuseum, Digitalisierung Wikipedia-Nutzer Grafj, CC BY-SA 4.0)

Am 30. April führen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn als erste Staaten der Welt die Sommerzeit ein; sie endet am 1. Oktober. Die Umstellung der Uhren soll helfen, Kohle und Beleuchtung für die Kriegswirtschaft zu sparen, und damit Energie für die laufenden Materialschlachten freisetzen.

Hindenburg und Ludendorff übernehmen die Oberste Heeresleitung

Porträtfoto Erich Ludendorff
Porträtfoto Erich Ludendorff, um 1915 (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Am 29. August entlässt Kaiser Wilhelm II. den glücklosen Generalstabschef Erich von Falkenhayn und ernennt Paul von Hindenburg zu seinem Nachfolger, Erich Ludendorff zum Ersten Generalquartiermeister.

  • DAMALS GEMELDET: Hindenburg tritt sein Amt im Glanz des seit 1914 gepflegten Mythos des „Siegers von Tannenberg" an; seine Berufung wird in der deutschen Öffentlichkeit als Ernennung des populärsten Feldherrn des Reiches gefeiert.

Das nach Hindenburg benannte Rüstungsprogramm fordert bis zum Frühjahr 1917 eine Verdopplung der Munitions- und Minenwerferproduktion, eine Verdreifachung von Geschützen und Maschinengewehren sowie eine Steigerung der Pulverproduktion von 6.000 auf 12.000 Tonnen im Monat. Flankierend tritt am 5. Dezember das Hilfsdienstgesetz in Kraft: Es verpflichtet alle nicht zum Wehrdienst eingezogenen Männer von 17 bis 60 Jahren zu vaterländischer Dienstpflicht in der Rüstungsarbeit; ursprüngliche Pläne, auch Frauen und Kinder einzubeziehen, verwirft die Regierung.

Friedensangebot der Mittelmächte

Porträtfoto Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg
Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, 1913 (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Am 12. Dezember bieten Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich der Entente Friedensverhandlungen an, ohne konkrete Bedingungen zu nennen — verantwortlich zeichnet Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Noch vor Jahresende, am 30. Dezember, lehnt die Entente ab: Sie bezeichnet das Angebot als „Anregung ohne Bedingungen" und fordert Wiederherstellung, Wiedergutmachung und Garantien.

Kriegsernährungsamt und Kartoffelmissernte

Am 22. Mai wird das Kriegsernährungsamt zur Sicherung der Volksernährung gegründet. Die Kartoffelernte des Herbstes erreicht wegen schlechter Witterung und Kartoffelfäulnis nur rund die Hälfte des Friedensertrags. Für den Winter wird Schlimmeres befürchtet; schon jetzt werden Steckrüben als Kartoffelersatz ausgegeben, ihre Verteilung funktioniert schlecht.

Die Zählung jüdischer Soldaten im Heer

Am 11. Oktober ordnet das preußische Kriegsministerium unter Adolf Wild von Hohenborn eine Zählung jüdischer Soldaten im Heer an, Stichtag ist der 1. November. Anlass sind Klagen, eine „unverhältnismäßig große Anzahl" jüdischer Wehrpflichtiger sei vom Heeresdienst befreit. Jüdische Organisationen und SPD-Abgeordnete protestieren bereits Anfang November öffentlich gegen die Zählung als diskriminierend. Die Ergebnisse werden bislang nicht veröffentlicht.

Die Inschrift „Dem deutschen Volke" am Reichstag

Die Inschrift „Dem deutschen Volke" am Reichstag-Westportal
Die Inschrift „Dem deutschen Volke" am Reichstag-Westportal, heutiger Zustand (Jörg Blobelt, CC BY-SA 3.0, Aufnahme 2011 — kein zeitgenössisches Foto der Anbringung von 1916 verfügbar)

Zwischen dem 20. und 24. Dezember wird über dem Westportal des Reichstags die Inschrift „Dem deutschen Volke" angebracht — entworfen bereits im Herbst 1915 von Architekt Peter Behrens. Die 60 Zentimeter hohen Bronzebuchstaben gießt die Gießerei S. A. Loevy aus zwei erbeuteten, eingeschmolzenen Geschützrohren der Befreiungskriege 1813 bis 1815. Kaiser Wilhelm II. genehmigt die Inschrift nur widerwillig: Er werde keine „ausdrückliche Genehmigung" erteilen, habe aber „keine Bedenken", wenn die Reichstagsausschmückungskommission sie beschließe.

Der Tod Kaiser Franz Josephs I.

Porträtfoto Kaiser Franz Joseph I.
Kaiser Franz Joseph I., 1899 (Atelier Strelisky, gemeinfrei)

Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn stirbt am 21. November im Alter von 86 Jahren auf Schloss Schönbrunn in Wien, nach 68 Regierungsjahren. Nachfolger wird sein Großneffe Karl I. Die Beisetzung in der Kapuzinergruft in Wien findet am 30. November statt.

Der Osteraufstand in Dublin

Die ausgebrannte Dubliner Hauptpost nach dem Osteraufstand
Die ausgebrannte Dubliner Hauptpost nach dem Osteraufstand, Mai 1916 (Keogh Brothers Ltd., gemeinfrei)

Irische Nationalisten um Patrick Pearse und James Connolly erheben sich vom 24. bis 29. April in Dublin gegen die britische Herrschaft. Deutschland unterstützt mit einer Waffenlieferung von rund 20.000 erbeuteten russischen Gewehren per Schiff „Aud" — die Lieferung scheitert an schlechter Koordination; Sir Roger Casement landet getrennt mit dem U-Boot U 19. Zur Ablenkung beschießt die deutsche Marine am 24. und 25. April die englischen Küstenorte Lowestoft und Great Yarmouth. Nach sechs Tagen wird der Aufstand niedergeschlagen; vom 3. bis 12. Mai werden 15 Anführer standrechtlich erschossen, darunter alle sieben Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Casement wird separat am 3. August gehängt.

Karl Schwarzschild löst Einsteins Feldgleichungen exakt

Porträtfoto Karl Schwarzschild
Porträtfoto Karl Schwarzschild (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Der Astronom Karl Schwarzschild, Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam, findet noch während seines Kriegsdienstes an der Ostfront die erste exakte Lösung von Einsteins Feldgleichungen. Er veröffentlicht sie unter dem Titel „Über das Gravitationsfeld eines Massenpunktes nach der Einstein'schen Theorie" in den Sitzungsberichten der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften. An der Front erkrankt Schwarzschild schwer an Pemphigus vulgaris, einer Autoimmunerkrankung der Haut, und kehrt im März dienstunfähig zurück. Am 11. Mai stirbt er, 42-jährig, in Potsdam an den Folgen der Krankheit.

Aus heutiger Sicht

Die „Schwarzschild-Lösung" wird zur Grundlage der modernen Theorie Schwarzer Löcher — ein Begriff, den es 1916 noch nicht gibt.

Das Kino-Ereignis des Jahres: „Homunculus"

Werbeplakat zu einer späteren Folge der Filmserie „Homunculus"
Werbeplakat zu einer späteren Folge der Serie (1917) (Künstler Nándor Honti, gemeinfrei)

Der sechsteilige Stummfilm „Homunculus" unter der Regie von Otto Rippert, mit dem dänischen Star Olaf Fönss in der Hauptrolle, wird ab Mai in den Ateliers Neubabelsberg für die Deutsche Bioscop gedreht. Am 22. Juni hat Teil 1 als Sondervorführung im Berliner Kino „Marmorhaus" Premiere; die Teile 2 bis 5 folgen im Laufe des Jahres.

Berlins Großküchen gegen den Hunger

Grafik einer Berliner Kinder-Volksküche von Max Liebermann
Grafik einer Berliner Kinder-Volksküche von Max Liebermann, 1915 (gemeinfrei)

Wohltätige Vereine betreiben bis Oktober reichsweit 1.457 Massenspeisungseinrichtungen, sogenannte Kriegsküchen, in 357 Gemeinden — überwiegend Suppenausgabe, gegründet ab 1915 zur Abfederung der Ernährungskrise. Am 10. Juli versorgt allein eine Großküche in einer Berliner Markthalle nach amtlicher Angabe bis zu 30.000 Menschen täglich mit warmem Essen.

Cabaret Voltaire eröffnet in Zürich

Werbeplakat für das Cabaret Voltaire in Zürich
Original-Werbeplakat für das Cabaret Voltaire (Marcel Słodki, gemeinfrei, 1916)

Hugo Ball eröffnet mit Emmy Hennings am 5. Februar das „Cabaret Voltaire" in der Spiegelgasse 1 in Zürich — Ausgangspunkt der Bewegung, die sich „Dada" nennt. Über die Herkunft des Namens kursieren verschiedene Erzählungen. Das neutrale Zürich ist als Zufluchtsort für Kriegsflüchtlinge und -gegner Ausgangspunkt der Gründung.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 7. Januar — In Berlin eröffnet die „Deutsche Kriegs-Ausstellung".
  • 9. März — Das Deutsche Reich erklärt Portugal den Krieg.
  • 12. März — In Groß-Berlin werden Butterkarten eingeführt.
  • 1. Juli — Die Tabaksteuer wird erhöht, der Zigarettenpreis verdoppelt sich.
  • 1. August — Post- und Telegraphengebühren werden erhöht.
  • 2. Oktober — Die Reichsfleischkarte tritt in Kraft: 250 Gramm Fleisch pro Kopf und Woche.
  • 13. Oktober — In Oldenburg wird ohne Gegenkandidaten ein neuer Landtag bestellt; auch in Schwarzburg-Sondershausen gibt es eine solche „Friedenswahl".
  • 25. Oktober — Gründung des „Deutschen Industrierats".
  • 26. Oktober — Höchstpreise für Rüben und Möhren werden amtlich festgelegt.

WIRTSCHAFT · 1916

Das Wirtschaftsjahr steht im Zeichen wachsender Kriegswirtschaft und beginnender Zwangsbewirtschaftung. Nach der von Kartoffelfäule gezeichneten Herbsternte übernimmt das im Mai gegründete Kriegsernährungsamt die Lenkung der Volksernährung. Am 21. August schreibt eine reichsweite Verordnung die Fleischkarte vor — die Vollkarte umfasst 40, die Kinderkarte 20 Marken je Woche, die Höchstmenge legt das Kriegsernährungsamt fest. Ab dem 30. Oktober regelt für Groß-Berlin eine einheitliche Milchverordnung die jeweils verfügbare Wochenration. Mit dem Hilfsdienstgesetz vom 5. Dezember verpflichtet das Reich alle nicht zum Wehrdienst eingezogenen Männer von 17 bis 60 Jahren zur vaterländischen Dienstpflicht in der Rüstungsproduktion, begleitet vom Hindenburg-Programm zur Verdopplung der Munitionsproduktion. Bereits am 28. Juni hatten rund 55.000 Berliner Arbeiter aus mindestens 35 Betrieben, darunter Borsig, AEG, Löwe und Schwartzkopff, für einen Tag die Arbeit niedergelegt — aus Protest gegen das Urteil gegen Karl Liebknecht.

Der Preisspiegel:

  • Roggenbrot (1 kg) — 0,74 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Schweinefleisch (1 kg) — 3,24 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Butter (1 kg) — 3,60 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Milch (1 Liter) — 0,46 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Ei (1 Stück) — 0,25 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Arbeiter-Monatslohn — 103,00 Mark (im Reichsdurchschnitt)

SPORT · 1916

Die für 1916 nach Berlin vergebenen VI. Olympischen Sommerspiele finden kriegsbedingt nicht statt. Das eigens dafür 1913 errichtete Deutsche Stadion im Grunewald, bei seiner Eröffnung Schauplatz einer Vorführung von 35.000 Sportlern, bleibt für den geplanten Anlass ungenutzt.

MODE · 1916

Die Rohstoffnot des Krieges prägt zunehmend die zivile Kleidung. Wolle und Baumwolle werden knapp und teuer, die Textilindustrie stellt auf Ersatzstoffe um: Gewebe aus Brennnesselfasern und aus Papiergarn ersetzen Baumwolle in Hosen, Oberbekleidung und selbst in Schuhsohlen. Die Papiergarne gelten als überraschend reißfest und lassen sich färben und bedrucken wie gewohnte Stoffe — ein Notbehelf, der zum vertrauten Bild der Kriegsjahre wird.

KULTUR · 1916

Das Kulturleben des Reiches setzt sich trotz des Krieges fort, wenn auch gedämpft. Am 14. September zeigt München eine Sonderausstellung mit Werken des Malers Franz Marc, der am 4. März bei Verdun gefallen war — die erste größere Würdigung nach seinem Tod. In Wien hat am 4. Oktober die Zweitfassung von Richard Strauss' Oper „Ariadne auf Naxos" (Libretto Hugo von Hofmannsthal) Premiere, ein reichsweit beachtetes Bühnenereignis.

KINO & FUNK · 1916

Neben der vielbeachteten Premiere des Sechsteilers „Homunculus" im Marmorhaus dreht Henny Porten, Deutschlands erster großer Kinostar, unter anderem „Das wandernde Licht" unter der Regie von Robert Wiene für die Produktionsfirma Oskar Messters; ihr Ehemann und bisheriger Regisseur Curt A. Stark fällt im selben Jahr im Krieg. Die Reichsmarine baut die Großfunkstelle Nauen, seit Kriegsbeginn unter ihrer Kontrolle, deutlich aus: Die Antennenanlage wird vergrößert, weitere Hochfrequenzmaschinensender gehen in Betrieb. Seit die Alliierten die deutschen Überseekabel gekappt haben, ist Nauen die wichtigste drahtlose Verbindung des Reiches zur übrigen Welt.

GESTORBEN · 1916

  • Franz Marc (36), Maler, gefallen — 4. März, bei Braquis nahe Verdun.
  • Max Reger (43), Komponist und Organist, Herzversagen — 11. Mai, Leipzig.
  • Karl Schwarzschild (42), Astronom — 11. Mai, Potsdam.
  • Gorch Fock (35), Schriftsteller, gefallen in der Skagerrakschlacht — 31. Mai.
  • Jack London (40), US-amerikanischer Schriftsteller — 22. November, Glen Ellen (Kalifornien).

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1916

  • Der Balkanzug fährt erstmals durch (15. Jan., Berlin–Konstantinopel). Dank der eroberten Landverbindung durch Serbien verbindet der neue Zug erstmals durchgehend die vier Mittelmächte auf dem Landweg und ersetzt den eingestellten Orient-Express — eine logistische Meisterleistung mitten im Krieg.
  • Die Anthologie „Cabaret Voltaire" erscheint (Juni 1916, Zürich). Erstmals steht das Wort „Dada" gedruckt — trotz Papierknappheit und Zensur ein kulturelles Zeichen im neutralen Zürich, Zufluchtsort für Kriegsgegner und -flüchtlinge.
  • Vereinigte Staaten gründen den National Park Service (25. Aug., Washington). Präsident Wilson unterzeichnet das Gesetz zur Schaffung einer eigenen Bundesbehörde, die künftig die Nationalparks und Naturdenkmäler der Vereinigten Staaten einheitlich verwalten und schützen soll.
  • Literaturnobelpreis für Verner von Heidenstam (9. Nov., Stockholm). Die Schwedische Akademie ehrt den schwedischen Dichter und Romancier als „führenden Vertreter einer neuen Epoche" der Literatur mit dem diesjährigen Nobelpreis.

DAS WETTER · 1916 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 20,7 °C, das Minimum lag bei 11,7 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 16,2 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner, während es tags darauf, am 14. Juli, mit 2,6 mm noch etwas regnete.

Der heißeste Tag des Jahres war der 24. Juni mit 29,2 °C, der kälteste (nach Tagesminimum) der 21. Februar mit −8,0 °C. Berlin zählte 61 Frosttage und 9 Eistage, dazu 20 Sommertage mit mindestens 25 °C, jedoch keinen einzigen heißen Tag über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 649,0 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,2 °C, das Tagesminimum 5,1 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1916

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf eine Operetten-Musiknummer, die Liedliste von Claire Waldoff und die Otto-Reutter-Diskografie. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 12 Titel mit konkretem Liedtitel und Jahresbeleg finden.

  1. O Rose von Stambul, nur du allein, sollst meine Scherezade sein — Walzerlied des Achmed Bey aus der Operette „Die Rose von Stambul", Musik: Leo Fall (Uraufführung 2. Dezember, Theater an der Wien)
  2. Wozu hat der Soldat eine Braut? — Musik: Bromme, Interpretin: Claire Waldoff
  3. Maxe von der schweren Artillerie! — Musik: Leander, Interpretin: Claire Waldoff
  4. Kriegslied eines Tertianers — Musik: Ludwig Mendelssohn, Interpretin: Claire Waldoff
  5. Dann hat Reserve Ruh — Musik: Konrad Scherber, Interpretin: Claire Waldoff
  6. Schlesisches Soldatenlied — Musik: Willy Prager, im Repertoire von Claire Waldoff
  7. Jetzt ist's zu Ende mit der Schiesserei — Musik: Hartmann, Interpretin: Claire Waldoff
  8. Ballade von der Marmelade — Musik und Text: Otto Reutter, Couplet (aufgenommen Berlin, August)
  9. Mutter Erde — Musik und Text: Otto Reutter, Couplet (aufgenommen Berlin, August)
  10. Uns kann keiner — Musik: Paul Lincke, Text: Otto Reutter, Couplet (aufgenommen Berlin, August)
  11. John Bulls Friedenswünsche — Musik und Text: Otto Reutter, Couplet (aufgenommen Berlin, November)
  12. Die sechs feindlichen Zecher — Musik und Text: Otto Reutter, Couplet (aufgenommen Berlin, November)