DER CHRONIST

Zum Geleit

Das Jahr begann mit Frost, Hunger und dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg und endete mit einer Waffenruhe im Osten, während im Reich der Ruf nach einem Verständigungsfrieden und nach neuem Wahlrecht lauter wurde. In Rußland stürzte binnen weniger Monate zunächst der Zar, dann die Regierung Kerenski.

Die Schlagzeilen des Jahres

Umsturz in Rußland und Machtübernahme der Bolschewiki

Alexander Kerenski, Ministerpräsident der russischen Provisorischen Regierung, 1917
Alexander Kerenski, Ministerpräsident der Provisorischen Regierung (Karl Bulla, gemeinfrei)

Im März stürzt in Petrograd binnen weniger Tage die Ordnung des Zarenreichs: Nach Unruhen wegen Brotmangels läuft das Wolhynische Garderegiment über, ein Arbeiter- und Soldatenrat (Sowjet) konstituiert sich, und Zar Nikolaus II. unterzeichnet in Pskow das Abdankungsmanifest zugunsten seines Bruders Michail. Als auch dieser auf den Thron verzichtet, beginnt eine „Doppelherrschaft" von Provisorischer Regierung unter Fürst Lwow und Petrograder Sowjet. Zeitgenössisch spricht man vom „Umsturz in Rußland" oder der „russischen Revolution".

Mitten in diese Lage hinein reist im April der Emigrant Wladimir Iljitsch Lenin mit 31 weiteren Russen im „plombierten Wagen" von Zürich durch das Deutsche Reich. Über Sassnitz, Schweden und Finnland erreicht Lenin kurz vor Mitternacht des 16. April den Finnländischen Bahnhof in Petrograd.

In der Nacht zum 8. November besetzen bewaffnete Verbände der Bolschewiki unter Lenins Führung das Winterpalais und verhaften die Minister der Provisorischen Regierung; Ministerpräsident Kerenski war zuvor aus der Stadt entkommen. Leo Trotzki, Vorsitzender des Petrograder Sowjets, lenkt die Aktion über dessen Militärisch-Revolutionäres Komitee. Am Abend des 8. November bildet der Sowjetkongreß einen Rat der Volkskommissare unter Lenin. Am 15. Dezember unterzeichnen die Mittelmächte und die neue russische Regierung einen Waffenstillstand, der ab 17. Dezember gilt; die Berliner Presse wertete ihn als Erfolg und Entlastung für die Westfront. Der englische Manchester Guardian beschrieb den Sturz Kerenskis so:

„The Government of Kerensky fell before the Bolshevik insurgents because it had no supporters in the country. […] The Revolutionary Democracy lost faith in it because after eight months it had neither given land to the peasants nor established State control of industries, nor advanced the cause of the Russian peace programme." — Manchester Guardian (Morgan Philips Price), 19. November 1917

Aus heutiger Sicht

Die Bolschewiki werden den mit den Mittelmächten begonnenen Waffenstillstand im März 1918 im Frieden von Brest-Litowsk in einen förmlichen Separatfrieden überführen und Rußland damit endgültig aus dem Krieg nehmen. Lenins Durchreise war nur möglich, weil Staatssekretär Arthur Zimmermann im Auswärtigen Amt die Genehmigung dafür nach Abstimmung mit der Obersten Heeresleitung erteilt hatte.

Kohlennot, Frost und Schlangestehen: der dritte Kriegswinter trifft Berlin

Schlange wartender Menschen vor einem Lebensmittelgeschäft in Berlin, 1917
Schlangestehen vor einem Lebensmittelgeschäft in Berlin (Bundesarchiv, ADN-Zentralbild/Donath, CC BY-SA 3.0 DE)

Eine Kältewelle vom 6. Januar bis Mitte Februar trifft auf eine bereits katastrophale Versorgungslage: Nach der Kartoffelfäule des Vorjahres bleiben viele Berliner Wohnungen mangels Kohle kaum beheizt, die Milchversorgung bricht nach Angaben der Behörden „völlig zusammen". Zur Jahreswende waren die amtlichen Tagesrationen für Erwachsene in Preußen auf 270 Gramm Brot, 35 Gramm Fleisch mit Knochen, 25 Gramm Zucker, 11 Gramm Butter und ein Viertelei bemessen. Im Januar wird die Kartoffelration reichsweit auf täglich drei Viertelpfund gesenkt, in manchen Städten gar auf nur drei Pfund je Woche — ohne dass die Auslieferung dieser Menge garantiert werden konnte.

Weil Kohle und Holz fehlen, schließen am 24. Februar sämtliche Berliner Schulen. Eine Woche zuvor, am 17. Februar, war Georg Michaelis zum Preußischen Staatskommissar für Volksernährung ernannt worden; drei Tage vor der Schulschließung war zudem eigens ein Ministerium für Lebensmittelversorgung gebildet worden. In der Not blühen Schleichhandel und Wuchergeschäfte: Während die Bevölkerung hungert, werden „Kriegsgewinnler" reich.

Uneingeschränkter U-Boot-Krieg

Tauchendes deutsches U-Boot im Krieg
Tauchendes deutsches U-Boot (Bundesarchiv Bild 102-00155, CC BY-SA 3.0 DE)

Am 1. Februar erklärt das Deutsche Reich erneut den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, durchgesetzt von der Admiralität gegen die Bedenken der politischen Führung, die einen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten fürchtet. Das strategische Ziel: mehr alliierten und neutralen Schiffsraum versenken, als nachgebaut werden kann, und Großbritannien binnen etwa sechs Monaten niederzwingen. Bis zum Jahresende versenken deutsche U-Boote 6,141 Millionen Bruttoregistertonnen alliierten und 1,127 Millionen Bruttoregistertonnen neutralen Schiffsraums.

Die Strategie verfehlt jedoch ihr Ziel und trägt maßgeblich zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten am 6. April bei.

Glockenabgabe: Kirchenglocken für die Rüstung eingezogen

Gesammelte Kirchenglocken zur Metallspende, Rostock 1917
Gesammelte Kirchenglocken zur Metallspende (Rostock, gemeinfrei)

Am 1. März ergeht die amtliche Bekanntmachung zur Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung von Bronzeglocken im gesamten Reich. Die Kirchengemeinden müssen ihre Glocken melden; sie werden in drei Gruppen eingeteilt — Gruppe A ist „in kürzester Frist zur Verfügung der militärischen Kommandostelle" abzuliefern, Gruppe B als kulturhistorisch wertvoll zunächst zurückgestellt, Gruppe C geschützt. Freiwillig hatten Gemeinden schon seit Mai 1915 Glocken gespendet, seit 1917 geschieht es zwangsweise. Zweck ist die Gewinnung von Kupfer und Zinn für die Rüstungsindustrie.

Manche Kirchtürme verstummen ganz, andere behalten vorerst eine einzige Glocke — ein Anblick, an den sich Berlins Gemeinden erst gewöhnen müssen, während in den Zeitungen lange Listen requirierter Glocken erscheinen.

Gründung der USPD in Gotha

Porträt Hugo Haase, USPD-Vorsitzender
Hugo Haase, Vorsitzender der neuen USPD (unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Im „Volkshaus zum Mohren" in Gotha gründen 124 Delegierte aus 91 sozialdemokratischen Wahlkreisorganisationen und 15 Reichstagsabgeordnete die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Erste Vorsitzende werden Hugo Haase und Georg Ledebour, geschäftsführender Sekretär ist Wilhelm Dittmann. Die neue Partei geht aus der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft hervor, einer Fraktionsgemeinschaft von SPD-Reichstagsabgeordneten, die die Burgfriedenspolitik und weitere Bewilligungen von Kriegskrediten ablehnten.

Die USPD vereint ein heterogenes Spektrum: traditionelle Sozialdemokraten, Revisionisten und revolutionäre Marxisten der Spartakusgruppe finden sich unter ihrem Dach zusammen.

USA erklären dem Deutschen Reich den Krieg

Porträtfoto Woodrow Wilson
Woodrow Wilson, Präsident der Vereinigten Staaten (Harris & Ewing, Aufnahme 1916, gemeinfrei)

Anfang März veröffentlichen amerikanische Zeitungen eine Depesche des Auswärtigen Amts, mit der das Reichsaußenamt Mexiko im Falle eines Krieges gegen die USA ein Bündnis anbot; Ende März bestätigt Außenstaatssekretär Arthur Zimmermann vor dem Reichstag dessen Echtheit. Am 2. April bittet Präsident Woodrow Wilson den Kongress in Sondersitzung um die Kriegserklärung und wirft dem Deutschen Reich vor, „Feinde gegen uns an unserer eigenen Tür" aufzustacheln. Am 6. April erklären die Vereinigten Staaten dem Deutschen Reich den Krieg.

Aus heutiger Sicht

Nennenswerte amerikanische Truppenkontingente erreichen die Westfront erst im Laufe des Jahres 1918; erst dann wird der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten militärisch kriegsentscheidend. Abgefangen und entschlüsselt worden war die Depesche bereits im Januar vom britischen Marine-Nachrichtendienst Room 40.

Streikwelle in Berlin: der Aprilstreik

Szene in einer deutschen Munitionsfabrik, Frauen bei der Herstellung von Kriegsmaterial
Deutsche Munitionsfabrik, Frauen bei der Herstellung von Kriegsmaterial (US National Archives, gemeinfrei)

Ausgelöst durch eine weitere Kürzung der Brotration, beginnt am 16. April in Berlin und zeitgleich in Leipzig der „Aprilstreik" — die größte Streikbewegung des Kriegsjahres. Nach einer vorbereitenden Versammlung der Berliner Obleute legen vor allem Beschäftigte der Rüstungsindustrie die Arbeit nieder, unter ihnen viele Frauen, die eingezogene Männer ersetzen. Die Zahl der Streikenden wird unterschiedlich beziffert.

Organisiert wird der Ausstand maßgeblich von den „Revolutionären Obleuten" um Richard Müller; die SPD-Führung wirkt auf eine Verhandlungslösung hin, Fabriken werden teils unter militärische Kontrolle gestellt. Zuletzt bleiben noch rund 50.000 Arbeiter im Ausstand, ehe die Arbeit wiederaufgenommen wird.

Rüstungsindustrie wächst: Frauen ersetzen eingezogene Männer

Peter-Behrens-Bau in Oberschöneweide
Der Behrensbau in Oberschöneweide, 1915–1917 für die AEG errichtet (Lienhard Schulz, CC BY-SA 3.0)

Die AEG ist neben der Friedrich Krupp AG der zweitgrößte Rüstungsproduzent des Reiches; sie baut unter anderem Flugzeuge für die Luftstreitkräfte. Ihre Tochter, die Nationale Automobil-Gesellschaft (NAG), baut Automobile und bezieht 1917 das neue Werk der NAG in Oberschöneweide nach Plänen von Peter Behrens, dessen Turm rund 70 Meter aufragt. Auch in der selbständigen Stadt Spandau, seit jeher Zentrum der Gewehr-, Munitions- und Geschützfertigung, wächst die Belegschaft der Rüstungsbetriebe kriegsbedingt stark.

Im ganzen Reich ersetzen Frauen in großer Zahl die zum Kriegsdienst eingezogenen Männer.

Sauerbruchs bewegliche Armprothese

Seit 1915 arbeitet der Chirurg Ferdinand Sauerbruch im Vereinslazarett Singen an einer neuartigen Unterarmprothese für Kriegsamputierte. Sein Verfahren legt einen Kanal durch die Oberarmmuskulatur; Elfenbein-Stiftchen übertragen die verbliebenen Bewegungsreflexe der Muskeln auf eine mechanische Greifhand mit Sperrmechanismus, konstruiert vom Mechaniker Jakob Hüfner. Am 25. Juni stellt Sauerbruch das Verfahren öffentlich in Wien vor: Es verschafft Amputierten eine außerordentliche, „willkürlich bewegliche" Beweglichkeit der Prothese.

Friedensresolution des Reichstags und Kanzlerwechsel

Porträtfoto Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg
Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (Agence Rol, gemeinfrei)

Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg tritt am 13. Juli zurück, nachdem Generalfeldmarschall Hindenburg und General Ludendorff von der Obersten Heeresleitung mit dem eigenen Rücktritt gedroht hatten, sollte er im Amt bleiben. Sein Nachfolger Georg Michaelis ist der erste bürgerliche Reichskanzler ohne Adelstitel. Am 19. Juli beschließt der Reichstag mit 216 gegen 126 Stimmen die von dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger initiierte Friedensresolution für einen „Verständigungsfrieden" ohne erzwungene Gebietsannexionen, getragen von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei. Gegen sie stimmen USPD, Nationalliberale und Deutschkonservative. Über die Antrittsrede des neuen Kanzlers berichtete die Frankfurter Zeitung:

„Berlin, 19. Juli. (Priv.-Tel.) Haus und Tribünen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Am Bundesratstisch außer dem Reichskanzler Michaelis sämtliche Staatssekretäre und sämtliche preußischen Minister […]" — Frankfurter Zeitung, 20. Juli 1917

Kanzler Michaelis akzeptiert die Resolution öffentlich nur „wie ich sie auffasse" und unterläuft sie damit faktisch. Am 1. November löst Georg Graf von Hertling ihn als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident ab.

Ersatzstoff-Flut: Kriegsmus, Kunsthonig und 10.200 „Ersatzmittel"

Neueröffnung einer städtischen Kriegsküche, 1917
Neueröffnung einer städtischen Kriegsküche (Hauptstaatsarchiv Stuttgart/LABW, CC BY 4.0)

Im April führt das Kriegsernährungsamt 1.400 „Ersatzmittel"; bis Oktober ist die Zahl auf 10.200 gestiegen. Als Marmeladenersatz verbreitet sich seit dem Frühjahr das „Kriegsmus" aus Rüben, teils mit bis zu 61,8 Prozent Wasseranteil. Daneben tauchen Kunsthonig, Kaffee-Ersatz, Puddingpulver und Suppenwürfel in den Küchen auf, dazu ein „künstlicher Pfeffer" aus einem kohlebasierten Piperidid der Chemiker Paul Immerwahr und Hermann Staudinger.

Manche Hausfrau, so klagt man in Berlin, kenne den Geschmack von echtem Kaffee kaum noch — dafür kennt sie inzwischen ein Dutzend Namen für das, was ihn ersetzen soll.

Deutsche Vaterlandspartei gegründet

Porträt Großadmiral a.D. Alfred von Tirpitz
Großadmiral a.D. Alfred von Tirpitz (Bundesarchiv Bild 134-C1743, CC BY-SA 3.0 DE)

In Königsberg gründet sich am 2. September die Deutsche Vaterlandspartei, Vorsitzender wird Großadmiral a.D. Alfred von Tirpitz, sein Stellvertreter Wolfgang Kapp, Ehrenvorsitzender Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg. Ihr Ziel ist ein „Siegfrieden" mit weitreichenden Gebietsgewinnen; sie lehnt eine Parlamentarisierung ab und fordert eine autoritäre Führung — ein bewusstes Gegenprogramm zur Friedensresolution des Reichstags. Ihre Basis ist überwiegend bildungsbürgerlich-protestantisch, in der Arbeiterschaft findet sie kaum Anhänger.

Matrosen-Unruhen der Hochseeflotte: Reichpietsch und Köbis erschossen

Großlinienschiff SMS Prinzregent Luitpold
SMS Prinzregent Luitpold, eines der beiden Schiffe der Meuterei (unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Auf den Linienschiffen „Friedrich der Große" und „Prinzregent Luitpold" organisieren die Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis im Sommer Proteste gegen die schlechte Behandlung der Mannschaften und deren schlechtere Verpflegung gegenüber den Offizieren. Anfang August demonstrieren in Wilhelmshaven rund 400 Matrosen für den Frieden, wenig später kommt es zu weiteren Meutereien in der Hochseeflotte; die Anführer werden verhaftet. Am 25. August verurteilt ein Kriegsgericht fünf Anführer zum Tode; Flottenchef Admiral Reinhard Scheer wandelt drei Urteile in Haftstrafen um, besteht aber auf der Erschießung des Matrosen Reichpietsch und des Heizers Köbis, der Hauptredner bei den Protestversammlungen. Am 5. September werden Max Reichpietsch (22) und Albin Köbis auf dem Schießplatz Wahn bei Köln nach kriegsgerichtlichem Urteil erschossen.

Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik gegründet, Einstein Direktor

Gemälde-Porträt Albert Einstein von Erich Büttner, 1917
Albert Einstein, Gemälde von Erich Büttner (Erich Büttner, 1917, gemeinfrei)

In Berlin (Sitz: Einsteins Wohnung, Haberlandstraße 5, in der Stadt Schöneberg) nimmt am

  1. Oktober das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik den Betrieb auf; erster Direktor, als „Beständiger Ehrensekretär", wird Albert Einstein. Finanziert wird das Institut durch eine Stiftung des Bankiers Leopold Koppel über 500.000 Mark, ergänzt durch staatliche Gehälter für die Wissenschaftler. Zu den Initiatoren im Direktorium zählen Max Planck, Walther Nernst, Fritz Haber, Heinrich Rubens und Emil Warburg. Ein eigenes Institutsgebäude besitzt man vorerst nicht — das Institut firmiert unter Einsteins Privatadresse und ist zunächst eine reine Förderinstitution ohne Laborbau.

Mata Hari erschossen

Mata Hari am Tag ihrer Verhaftung, 13. Februar 1917
Mata Hari am Tag ihrer Verhaftung (unbekannter Fotograf, gemeinfrei)

Ein französisches Militärgericht verurteilt die niederländische Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle, bekannt als Mata Hari, am 25. Juli wegen Spionage für Deutschland zum Tode. Am 15. Oktober wird sie in Vincennes bei Paris durch ein Exekutionskommando erschossen.

Aus heutiger Sicht

Erst 1999 freigegebene Akten des britischen Geheimdienstes MI5 deuten darauf hin, dass Mata Hari keine wesentlichen Geheimnisse an Deutsche oder Franzosen verriet und eher als Sündenbock für militärische Rückschläge diente.

Durchbruch von Flitsch-Tolmein

Truppen der Mittelmächte während der Isonzoschlacht
Truppen der Mittelmächte während der Isonzoschlacht (Bundesarchiv Bild 183-R33718, CC BY-SA 3.0 DE)

Die deutsche 14. Armee unter General Otto von Below durchbricht zusammen mit österreichisch-ungarischen Verbänden unter Svetozar Boroević von Bojna und Alexander von Krobatin vom 24. bis 27. Oktober bei Flitsch-Tolmein die italienische Front — insgesamt 34 Divisionen, rund 400.000 Soldaten der Mittelmächte. Am 27. Oktober fällt Görz, der operative Durchbruch ist vollständig. Hunderttausende Italiener geraten in Gefangenschaft. In Berlin spricht man vom „Durchbruch von Flitsch-Tolmein" oder der „Schlacht bei Karfreit".

Universum-Film AG (Ufa) gegründet

Ufa-Aufnahmegelände in Tempelhof
Das Ufa-Aufnahmegelände in Tempelhof (Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0 DE)

Am 18. Dezember wird in Berlin die Universum Film AG (Ufa) gegründet. Treibende Kraft ist die Oberste Heeresleitung, namentlich Erich Ludendorff, der einen staatlich gelenkten Filmkonzern zur „psychologischen Kriegführung" und zur Auslandspropaganda wünscht — eine Reaktion auf die als überlegen empfundene alliierte Filmpropaganda. Konsortialführerin ist die Deutsche Bank; ihr Vorstandsmitglied Emil Georg Stauß wird Aufsichtsratsmitglied. Das Stammkapital beträgt 25 Millionen Mark.

Aus heutiger Sicht

Die Ufa wird sich zum prägenden deutschen Filmkonzern der kommenden Jahre entwickeln; ihre großen Ateliers in Babelsberg entstehen allerdings erst ab 1922. Zu ihrem Stammkapital trugen, damals nicht offengelegt, auch geheime Beteiligungen der Reichsregierung und des Kriegsministeriums bei.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 6. Februar — Die Große Berliner Straßenbahn übernimmt im Auftrag der Reichspost Posttransporte, ab dem 10./11. Februar mit zwei eigens umgebauten Straßenbahnzügen.
  • 20. Februar — Fünf-Pfennig-Münzen aus Kupfernickel werden für Kriegszwecke eingezogen und durch Münzen aus Eisen ersetzt.
  • 25. Februar — Ein deutsches U-Boot versenkt den britischen Passagierdampfer „Laconia".
  • 3. März — Wegen der schlechten Ernährungslage gibt die Kriegsernährungsstelle Dosengemüse frei, ein Kilogramm pro Lebensmittelkarte.
  • 12. März — In Berlin werden 135 Pockenerkrankungen sowie zahlreiche Fälle von Hungertyphus gemeldet.
  • 7. April — Die „Osterbotschaft" Kaiser Wilhelms II. verspricht für die Zeit nach dem Kriege eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts; auch 1917 wird im Reich nirgends gewählt.
  • 7. Juni — Die Reichsfrauenkonferenz der Sozialdemokraten in Berlin fordert das Frauenwahlrecht.
  • 13. Juni — Erster Tagesangriff deutscher Großflugzeuge auf London, 162 Tote.
  • 20. September — Der Frauenanteil an deutschen Hochschulen liegt bei rund einem Zehntel — im letzten Vorkriegsjahr waren es nur 6,7 Prozent.
  • 20. November — Britische Streitkräfte setzen bei Cambrai erstmals Tanks in großer Zahl geschlossen ein.
  • 9. Dezember — Jerusalem übergibt sich britischen Truppen; am 11. Dezember zieht General Allenby in die Stadt ein. Die Einnahme beendet rund 400 Jahre osmanischer Herrschaft.
  • 22. Dezember — In Berlin gründet sich der Normenausschuß der deutschen Industrie.

WIRTSCHAFT · 1917

Der dritte, soeben überstandene Kriegswinter zwingt das Reich zu immer neuen Kriegsanleihen: Die im März und April aufgelegte sechste Kriegsanleihe bringt 13.122 Millionen Mark, die siebte im September nur noch 12.626 Millionen — während die ausstehenden Schatzanweisungen bereits auf 27.204 Millionen anwachsen. Im April werden auch ledige Frauen zwischen 16 und 35 Jahren, die noch nicht im Hilfsdienst stehen, in Listen erfasst — eine Ergänzung zum Hilfsdienstgesetz vom Dezember 1916, das bislang nur Männer erfasst hatte.

Der Preisspiegel:

  • Straßenbahn Berlin, Einzelfahrschein — 10 Pfennig (unverändert)
  • Kartoffeln auf Karte (Woche) — teils nur 3 Pfund (reichsweit, Januar)
  • Weizenbrot (1 kg) — 1,58 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Schweinefleisch (1 kg) — 4,20 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Milch (1 l) — 0,46 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Zucker (1 kg) — 0,77 Mark (im Reichsdurchschnitt)
  • Arbeiter-Monatslohn — 119,00 Mark (im Reichsdurchschnitt)

SPORT · 1917

In der Berliner Fußballmeisterschaft des Verbands Brandenburgischer Ballspielvereine gewinnt der BFC Hertha 1892 zum zweiten Mal den Titel. Zehn Mannschaften bestreiten alle 90 angesetzten Rundenspiele, ein Absteiger gibt es nicht; zur Folgesaison wird die Liga auf 18 Vereine aufgestockt. Eine gesamtdeutsche Fußballmeisterschaft findet kriegsbedingt weiterhin nicht statt.

MODE · 1917

Die kriegsbedingte Rohstoffnot, verschärft durch die englische Blockade, treibt die Suche nach Ersatztextilien voran: Papiergarn und Papiergewebe aus Holzzellulose gelten als reißfest und werden zu Kleidung verarbeitet. Auch der Anbau von Brennnesseln als Ersatz-Textilfaser wird propagiert, erlangt aber keine praktische Bedeutung.

KINO & FUNK · 1917

Am 18. Dezember gründet sich die Ufa; schon jetzt zählt man im Reich rund 2.000 feste Lichtspielhäuser, am Kurfürstendamm in Charlottenburg stehen die großen „Kinopaläste". Die aus Dänemark stammende Asta Nielsen gehört 1917 zu den größten Stars des deutschen Stummfilms.

GESTORBEN · 1917

  • William Frederick „Buffalo Bill" Cody (70), US-Bisonjäger und Zirkusunternehmer — 10. Januar, Denver.
  • Ferdinand Graf von Zeppelin (78), Entwickler des Starrluftschiffs — 8. März, Charlottenburg.
  • Emil von Behring (63), Begründer der Serumtherapie, Nobelpreisträger für Physiologie/Medizin 1901 — 31. März, Marburg.
  • Adolf von Baeyer (81), Chemiker, Nobelpreisträger für Chemie 1905 — 20. August, Starnberg.
  • Walter Flex (30), Schriftsteller, gefallen — 16. Oktober, Insel Ösel.
  • Auguste Rodin (77), französischer Bildhauer — 17. November, Meudon.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1917

  • Auf der Suche nach Treibstoff aus Kohle. Chemiker Franz Fischer arbeitet am Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung an der Gewinnung von Treibstoff aus Kohle.
  • Reichsfrauenkonferenz für das Frauenwahlrecht (7. Juni, Berlin). Die sozialdemokratische Konferenz fordert das Wahlrecht für Frauen.
  • Grundstein für die Industrienorm (22. Dez., Berlin). Der Normenausschuß der deutschen Industrie wird gegründet.
  • Steigender Frauenanteil an den Hochschulen (20. Sept.). Er liegt inzwischen bei rund einem Zehntel, im letzten Vorkriegsjahr waren es nur 6,7 Prozent.

DAS WETTER · 1917 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Dahlem bei Berlin ein Tagesmaximum von 24,6 °C, das Minimum lag bei 9,9 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 17,2 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner.

Der heißeste Tag des Jahres war der 20. Juni mit 33,3 °C, der kälteste (nach dem Tagesminimum) der 5. Februar mit −22,3 °C. Berlin zählte 118 Frosttage und 51 Eistage, dazu 54 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon neun heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 510,0 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,9 °C, das Tagesminimum 4,0 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1917

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die Liste stützt sich auf Operetten-Musiknummern (Schwarzwaldmädel, Die Faschingsfee, Drei alte Schachteln) sowie die Otto-Reutter-Diskografie. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich 10 Titel mit konkretem Liedtitel und Jahresbeleg finden.

  1. Mädle aus dem schwarzen Wald — Quintett, aus „Schwarzwaldmädel" (Leon Jessel)
  2. Erklingen zum Tanze die Geigen — Duett, aus „Schwarzwaldmädel" (Leon Jessel)
  3. Heut' flieg ich aus — aus „Die Faschingsfee" (Emmerich Kálmán)
  4. Liebling, du mein Liebling — aus „Die Faschingsfee" (Emmerich Kálmán)
  5. Lieber Himmelvater sei nicht bös — aus „Die Faschingsfee" (Emmerich Kálmán)
  6. Solang noch Unter'n Linden die alten Bäume blühn, kann nichts uns überwinden, Berlin bleibt doch Berlin — aus „Drei alte Schachteln" (Walter Kollo)
  7. Ach Jott, wat sind de Männer dumm — aus „Drei alte Schachteln" (Walter Kollo) — Claire Waldoff
  8. Was nützt denn dem Mädchen die Liebe — aus „Drei alte Schachteln" (Walter Kollo)
  9. Na, nun geht es schon wieder so'n bisschen — aus „Drei alte Schachteln" (Walter Kollo) — Claire Waldoff
  10. Zeitgemäße Antworten — Couplet — Otto Reutter