DER CHRONIST

Zum Geleit

Zwischen dem Londoner Zahlungsplan über 132 Milliarden Goldmark, der Teilung Oberschlesiens und den Attentaten auf Matthias Erzberger und Talât Pascha war 1921 ein Jahr der offenen Wunden der jungen Republik. Zugleich eröffnete Berlin mit der AVUS die erste reine Autostraße der Welt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Londoner Ultimatum zwingt Deutschland zu 132 Milliarden Goldmark

Joseph Wirth
Der Zentrumspolitiker Joseph Wirth (Bundesarchiv, unbekannter Fotograf, CC BY-SA 3.0 DE; Aufnahmejahr aus dem Bundesarchiv-Bestand nicht genau datiert)

Bereits am 8. März hatten französische und belgische Truppen Düsseldorf und Duisburg/Ruhrort in der entmilitarisierten Zone besetzt — als Sanktion für ausbleibende deutsche Reparationszahlungen. Am 5. Mai legen Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien und Japan im „Londoner Ultimatum" die deutsche Reparationsschuld auf 132 Milliarden Goldmark fest und setzen eine Frist bis zum 11. Mai — andernfalls drohe die Besetzung des gesamten Ruhrgebiets. Der Reichstag nimmt den Londoner Zahlungsplan mit 220 zu 172 Stimmen an.

Volksabstimmung Oberschlesien — Teilung trotz deutscher Mehrheit

Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien
Deutsches Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien, 1921 (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Am 20. März stimmen die Bewohner Oberschlesiens bei einer Beteiligung von 97,5 % über die Zukunft ihres Gebiets ab: 59,6 % votieren für den Verbleib beim Deutschen Reich, 40,4 % für Polen. Trotz dieses Ergebnisses beginnen polnische Freischärler am 3. Mai den sogenannten Dritten Polnischen Aufstand, um den Anschluss Oberschlesiens an Polen militärisch zu erzwingen.

Am 20. Oktober beschließt die Pariser Botschafterkonferenz auf Basis eines Völkerbund-Ausschussberichts dennoch die Teilung Oberschlesiens: Das Industriegebiet in Ostoberschlesien fällt an Polen, obwohl die großen Industriestädte wie Kattowitz und Königshütte mehrheitlich für Deutschland gestimmt hatten.

Attentat auf Matthias Erzberger

Matthias Erzberger
Matthias Erzberger (Fotograf unbekannt, gemeinfrei; Aufnahme 1918, drei Jahre vor dem Attentat)

Der Zentrums-Politiker und frühere Reichsfinanzminister Matthias Erzberger wird am 26. August bei einem Spaziergang bei Bad Griesbach im Schwarzwald von zwei Attentätern erschossen. Täter sind die rechtsradikalen Freikorps-Mitglieder Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz, im Auftrag der Untergrundorganisation „Organisation Consul". Erzberger hatte am 11. November 1918 als Leiter der deutschen Waffenstillstandskommission den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet und galt rechten Kreisen seither als „Novemberverbrecher"; die Täter fliehen nach der Tat ins Ausland.

Aus heutiger Sicht

Der Mord war Teil einer Serie politischer Morde der Organisation Consul, die 1922 mit dem Mord an Walther Rathenau ihren Höhepunkt erreichte.

Erster Preußischer Landtag der Republik gewählt — Rechte Parteien legen zu

Das ehemalige Preußische Herrenhaus in der Leipziger Straße
Das ehemalige Preußische Herrenhaus in der Leipziger Straße, seit 1921 Sitz des neuen Preußischen Staatsrats; der Landtag tagt im benachbarten Abgeordnetenhaus (Carlos Delgado, CC BY-SA 4.0; Aufnahme 2015)

Am 20. Februar wählt Preußen seinen ersten ordentlichen Landtag der Republik. Die SPD wird mit rund 26 % (114 Sitze) stärkste Kraft vor der DNVP mit rund 18 % (75), dem Zentrum mit 17,2 % (81), der DVP mit 14,2 % (58), der KPD mit 7,4 % (31), der USPD mit 6,6 % (28) und der DDP mit 6,2 % (26) — insgesamt 428 Sitze bei einer Beteiligung von rund 77 %. Die Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und DDP behält damit nur knapp ihre Mehrheit, während die Rechtsparteien DNVP und DVP gegenüber der Wahl zur Preußischen Landesversammlung vom 26. Januar 1919 deutlich zulegen.

Die Regierungsbildung fällt schwer: Adam Stegerwald (Zentrum) wird nur mit Mühe zum Ministerpräsidenten gewählt und bildet zunächst ein Kabinett aus Zentrum, DDP und Parteilosen — ohne die SPD. Nachdem sich die Sozialdemokraten vom Kurs dieses Kabinetts distanzieren, treten SPD und DVP im November in die Regierung ein, Stegerwald tritt zurück, und Otto Braun (SPD) übernimmt erneut das Amt des Ministerpräsidenten einer großen Koalition aus Zentrum, SPD, DDP und DVP.

Preußen ist 1921 nicht der einzige Landtag, der neu gewählt wird — und noch am selben 20. Februar findet, weit im Norden, auch eine Reichstags-Nachwahl statt:

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Groß-Berlin, 16. Oktober — Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung, nötig geworden, nachdem das Preußische Oberverwaltungsgericht die Wahl von 1920 im Juni wegen teilweisen Wahlbetrugs für ungültig erklärt hatte. Die SPD bleibt mit 20,5 % (46 Sitze) knapp vor USPD (19,1 %, 43) und DNVP (17,3 %, 40) stärkste Kraft; die KPD tritt erstmals bei einer Berliner Stadtverordnetenwahl an und zieht mit 21 Sitzen erstmals ins Rote Rathaus ein.
  • Schleswig-Holstein/Ostpreußen, 20. Februar — am selben Tag wie die Preußische Landtagswahl findet dort eine Nachwahl zum Reichstag statt.
  • Lippe, 23. Januar — SPD 32,7 % (8 Sitze) stärkste Kraft vor DNVP 22,8 % (5) und DVP 19,6 % (4).
  • Hamburg, 20. Februar — SPD 40,6 % (67 Sitze) vor DDP 14,1 % (23) und DVP 13,9 % (23).
  • Mecklenburg-Schwerin, 13. März — SPD 41,7 % (28 Sitze) stärkste Kraft vor DNVP 22,2 % (15) und DVP 17,5 % (12).
  • Thüringen, 11. September — SPD 22,8 % (13 Sitze) vor dem Landbund mit 18,9 % (10) und der USPD mit 16,4 % (9).
  • Baden, 30. Oktober — Zentrum 37,9 % (34 Sitze) stärkste Kraft vor SPD 22,7 % (20).
  • Lübeck, 13. November — SPD 48,7 % (39 Sitze) deutlich vor der „Bürgerlichen Parteiliste" mit 31,1 % (25).
  • Hessen, 27. November — SPD 32,6 % (24 Sitze) stärkste Kraft vor dem Zentrum mit 17,4 % (13).

Märzaktion der KPD erschüttert Mitteldeutschland

Max Hoelz
Max Hoelz, Anführer der bewaffneten Züge während der Märzkämpfe (Fotograf unbekannt, gemeinfrei; Aufnahme vor/um 1920, kurz vor den Ereignissen)

Zwischen dem 21. und 31. März versuchen KPD und KAPD im Industrierevier um Halle, Leuna und Merseburg sowie im Mansfelder Land und in Hamburg einen bewaffneten Aufstand. Max Hoelz (KAPD) zieht ab dem 22. März mit bewaffneten Arbeitern und Erwerbslosen durch das Gebiet um Mansfeld, Eisleben und Hettstedt: Brandstiftung, Plünderung, Bankraub, Bombenanschläge und Zugentgleisungen begleiten den Zug. Die von Arbeitern besetzten und verbarrikadierten Leuna-Werke werden mit Artillerie und Sturmangriff von Reichswehr und Polizei zurückerobert.

Die Bilanz: rund 200.000 Beteiligte, etwa 180 Tote, über 100 getötete Kommunisten, rund 6.000 Verhaftungen und etwa 4.000 Verurteilungen; die Mitgliederzahl der KPD sinkt danach um zwei Drittel.

Mord an Talât Pascha — Tehlirian vor Gericht freigesprochen

Talât Pascha
Talât Pascha (Fotograf unbekannt, gemeinfrei; Aufnahme vor 1921)

Am 15. März wird der frühere jungtürkische Großwesir Talât Pascha, Hauptverantwortlicher der Deportationen und Massaker an den Armeniern, in der Hardenbergstraße in Charlottenburg am hellichten Vormittag erschossen. Täter ist der armenische Student Soghomon Tehlirian; die Tatwaffe ist eine Pistole, der Schuss trifft aus nächster Nähe den Hinterkopf.

Der Prozess vor dem Landgericht Berlin-Moabit beginnt am 2. Juni; bereits am 3. Juni spricht das zwölfköpfige Geschworenengericht Tehlirian nach eineinhalb Tagen wegen Schuldunfähigkeit frei.

Aus heutiger Sicht

Der Prozess gilt als früher Präzedenzfall für die öffentliche Verhandlung von Völkermord-Verantwortung vor einem staatlichen Gericht.

Kaiserin Auguste Viktoria stirbt im holländischen Exil

Kaiserin Auguste Viktoria
Kaiserin Auguste Viktoria (Fotograf unbekannt, gemeinfrei; Aufnahme 1890, gut drei Jahrzehnte vor ihrem Tod)

Die letzte deutsche Kaiserin, Auguste Viktoria, stirbt am 11. April an Herzversagen auf Haus Doorn in den Niederlanden, wo sie seit der Revolution im Exil lebt. Am 19. April wird sie im Antikentempel im Park von Sanssouci in Potsdam beigesetzt; rund 200.000 Menschen säumen den Trauerzug.

Explosionskatastrophe im BASF-Werk Oppau

Zerstörungen nach der Explosion in Oppau
Zerstörungen nach der Explosion im BASF-Werk Oppau, 1921 (Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Am 21. September um 7:32 Uhr kommt es bei einer Lockerungssprengung im Silo 110 des BASF-Werks Oppau bei Ludwigshafen zur Explosion, in dem rund 4.500 Tonnen verfestigtes Ammoniumsulfatnitrat lagern. Je nach Quelle sterben über 500 Menschen, rund 2.000 werden verletzt. Der Explosionskrater misst 19 Meter in der Tiefe und 125 mal 90 Meter in der Fläche — eine der schwersten Industriekatastrophen der deutschen Geschichte bis dahin.

AVUS eröffnet: erste reine Autostraße der Welt

AVUS-Eröffnungsrennen
Zeitgenössisches Foto vom AVUS-Eröffnungsrennen, September 1921 (Urheber unbekannt, gemeinfrei)

Privat von Hugo Stinnes finanziert, wird die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) am 24. September eröffnet — als erste Straße der Welt, die ausschließlich für Automobile gebaut wurde. Die Strecke verbindet Nordkurve (Halensee/Charlottenburg) und Südkurve (bei Nikolassee) zu einem rund 19 Kilometer langen Rundkurs. Beim Eröffnungsrennen am 24. und 25. September, im Rahmen der ersten Internationalen Automobilausstellung nach dem Krieg, findet das Geschehen vor großem Publikum statt. Das Hauptrennen gewinnt der Berliner Christian Riecken (NAG); Fritz von Opel fährt am Vortag in einer kleineren Klasse mit 128,8 km/h Schnitt die Tagesbestzeit.

Einsteinturm in Potsdam: Rohbau fertig, Berlin fiebert mit

Einsteinturm
Der Einsteinturm in Potsdam (Astrophysikalisches Institut Potsdam, Wikimedia Commons, Lizenz „Attribution“; neuere Aufnahme)

Bereits im November 1920 war das Mauerwerk von Sockel und Turmschaft des von Erich Mendelsohn entworfenen expressionistischen Sonnenobservatoriums fertig; am 10. August 1921 erfolgt die Rohbauabnahme. Am 4. September zeigt die auflagenstarke „Berliner Illustrirte Zeitung" den noch nicht fertiggestellten Turm auf ihrer Titelseite.

Aus heutiger Sicht

Der Einsteinturm gilt als Wahrzeichen moderner expressionistischer Architektur und ist bis heute als Sonnenobservatorium in Betrieb.

Der Tropfenwagen: Edmund Rumplers windschlüpfiges Automobil

Rumpler-Tropfenwagen auf der Automobilausstellung
Der Rumpler-Tropfenwagen auf der Deutschen Automobilausstellung Berlin, 1921 (Spaarnestad Photo-Archiv, gemeinfrei)

Einen Tag vor der AVUS-Eröffnung stellt der Wiener Ingenieur Edmund Rumpler am 23. September auf der Deutschen Automobilausstellung in den Hallen am Berliner Kaiserdamm seinen „Tropfenwagen" vor — ein Automobil mit tropfenförmiger, windschlüpfiger Karosserie. Der Fahrer sitzt mittig vorn, der Motor als Mittelmotor vor der Hinterachse; Windkanaltests der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen begleiten die Entwicklung bereits 1921. Zeitgenossen empfinden den Wagen als kurios und ungewöhnlich.

Aus heutiger Sicht

Der Tropfenwagen gilt heute als aerodynamischer Pionierentwurf, dessen Luftwiderstandswerte erst Jahrzehnte später von Serienfahrzeugen erreicht wurden.

Der Bubikopf erobert Deutschland — und empört die Sittenwächter

Asta Nielsen
Asta Nielsen (Alexander Binder/Ross-Verlag, gemeinfrei; Aufnahme um 1927, einige Jahre nach den Ereignissen)

Die dänische, in Berlin arbeitende Filmschauspielerin Asta Nielsen sorgt 1921 in einer Verfilmung von Shakespeares „Hamlet" mit einer kurzen „Bubikopf"-Frisur für Aufsehen: Der Film wird an den Kinokassen ein Erfolg, und die kurze Frisur sorgt landauf, landab für Gesprächsstoff in den deutschen Friseursalons.

Aus heutiger Sicht

Zur Massenmode wurde der Bubikopf erst um 1924 bis 1926. Aus diesen Jahren stammen auch die Berichte, wonach Kirchenvertreter den Kurzhaarschnitt als „gottlos" brandmarkten und traditionelle Kreise ihn als unweiblich ablehnten. Ehemänner sollen einem Bericht zufolge sogar Gerichtsurteile gegen Friseure erwirkt haben, die ihren Frauen die Haare kurz geschnitten hatten.

Dürre 1921 — Rhein und Elbe führen extremes Niedrigwasser

Hungerstein in der Elbe
Hungerstein, eine historische Wasserstandsmarkierung in der Elbe bei Meißen, wie sie beim Niedrigwasser 1921 an vielen Elbabschnitten sichtbar wurden (Dr. Bernd Gross, CC BY-SA 3.0 DE; Aufnahme 2018, Objekt seit Jahrhunderten unverändert am Standort)

Der Sommer 1921 bringt in weiten Teilen Deutschlands außergewöhnliche Hitze und Trockenheit: Am 28. Juli werden in Karlsruhe 39,4 °C gemessen, in Magdeburg 36,5 °C, in Jena 35,8 °C; Halle an der Saale verzeichnet 2.296 Sonnenscheinstunden im Jahr. Rhein und Elbe führen über weite Strecken des Jahres ausgeprägtes Niedrigwasser: Am Pegel Köln liegt der Rhein vom 27. Februar bis 20. Mai an 83 Tagen unter dem mittleren Niedrigwasserabfluss, am 31. Oktober bei weniger als zwei Dritteln des mittleren Niedrigwasserabflusses — die Rhein-Trockenheit liegt damit vor allem in den Monaten Februar bis Mai. Berlin selbst bleibt von der Trockenheit weitgehend verschont. An der Elbe unterschreiten Dresden — von Mitte August bis Ende Oktober — und Wittenberge — von Mitte Juli bis Mitte November — rund 130 Tage lang dauerhaft den mittleren Niedrigwasserabfluss.

Die Folgen betreffen Rhein und Elbe gleichermaßen: Die Flussschifffahrt kann nur mit stark reduzierter Ladung und erhöhter Unfallquote fahren, am Niederrhein unterhalb Ruhrort sterben Fische, in Brandenburg und Anhalt fallen Heu- und Kartoffelernte um 25 bis 35 % geringer aus, und mangels Verdünnung wird die Gewässerverschmutzung sichtbar. Am Elbufer bei Tetschen tritt bei diesem Niedrigwasser der historische Hungerstein zutage — ein jahrhundertealter Markstein, in den bei früheren Dürrejahren (unter anderem 1616, 1746 und 1868) Warnungen wie „Wenn du mich siehst, dann weine" eingemeißelt wurden. Baugleiche Hungersteine liegen auch in der sächsischen Elbe, etwa bei Meißen und Pirna.

Fritz Langs „Der müde Tod" feiert Premiere in Berlin

Fritz Lang
Fritz Lang (Waldemar Titzenthaler, gemeinfrei; Aufnahme 1923/24, zwei bis drei Jahre nach der Premiere)

Am 6. Oktober feiert Fritz Langs Stummfilm „Der müde Tod" gleichzeitig im Mozartsaal und im U.T. Kurfürstendamm seine Uraufführung — eine Produktion der Decla-Bioscop unter Produzent Erich Pommer, mit der Bildgestaltung von Hermann Warm, Robert Herlth und Walter Röhrig. Zeitgenössische Kritiker sehen den Film zunächst eher kritisch; er läuft nur rund zwei Wochen in den Berliner Erstaufführungshäusern.

Anglo-Irischer Vertrag beendet den irischen Unabhängigkeitskrieg

Michael Collins
Michael Collins, irischer Unterhändler des Vertrags (Fotograf unbekannt, gemeinfrei; Aufnahme 1921)

Am 6. Dezember unterzeichnen irische und britische Unterhändler in London den Anglo-Irischen Vertrag; die Verhandlungen liefen seit dem 11. Oktober. Unterzeichner irischer Seite sind u. a. Arthur Griffith, Michael Collins und Robert Barton, britischer Seite u. a. David Lloyd George, Lord Birkenhead, Austen Chamberlain und Winston Churchill. Der Vertrag schafft den Irischen Freistaat als selbstverwaltetes Dominion nach kanadischem Vorbild innerhalb des britischen Empire; Nordirland erhält ein Optionsrecht zum Austritt aus dem Freistaat.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 13. Juni — Das Zeppelin-Luftschiff LZ 121 „Nordstern" wird als Reparationsleistung an Frankreich übergeben.
  • 29. Juli — Adolf Hitler übernimmt auf einer Mitgliederversammlung mit „diktatorischen Vollmachten" den NSDAP-Vorsitz von Anton Drexler.
  • September — Nach kriegsbedingter Unterbrechung findet das Oktoberfest in München erstmals wieder statt.
  • 4. November — Angehörige der SA greifen nach einer Rede Hitlers im Münchner Hofbräuhaus gewaltsam Zuhörer der Opposition an.
  • November — Die Turmhaus-AG schreibt einen Ideenwettbewerb für ein Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße aus.
  • 1921 — Die Berliner Schriftstellerin Doris Wittner warnt in der „Berliner Volks-Zeitung" vor grassierendem okkultistischem Unfug in der Hauptstadt.

WIRTSCHAFT · 1921

Das Londoner Ultimatum vom Mai legt die deutsche Reparationsschuld auf 132 Milliarden Goldmark fest und zwingt das Reich zu regelmäßigen Zahlungen in harter Währung. Der Dollarkurs, der am 31. Januar noch bei 60,43 Mark gelegen hatte, steigt bis zum 3. Oktober auf 127,37 Mark und erreicht nach der Oberschlesien-Entscheidung im November-Mittel rund 263 Mark, im Dezember-Mittel rund 192 Mark. Die Lebenshaltungskosten in Berlin liegen Mitte des Jahres bereits ein Vielfaches über dem Vorkriegsniveau.

Der Preisspiegel:

  • Kartoffeln (1 Pfund) — 1,20 Mark (Vorkrieg: 4 Pfennig)
  • Butter (1 Pfund) — 26 Mark (Vorkrieg: rund 1,30 Mark)
  • Eier (1 Stück) — 1,55 Mark (Vorkrieg: 9 Pfennig)
  • Huhn (1 Pfund) — 17 Mark (Vorkrieg: rund 1 Mark)
  • Rindfleisch (1 Pfund) — 12 Mark (Vorkrieg: 0,90 Mark)
  • Kalbfleisch (1 Pfund) — 16 Mark (Vorkrieg: rund 1,10 Mark)
  • Schweinefleisch (1 Pfund) — rund 20 Mark (Vorkrieg: rund 80 Pfennig)
  • Straßenbahnfahrkarte (Berlin) — 4 Mark (Vorkrieg: 10 Pfennig)

SPORT · 1921

Am 12. Juni wird der 1. FC Nürnberg durch ein 5:0 gegen Vorwärts Berlin deutscher Fußballmeister. Der Finne Paavo Nurmi läuft am 22. Juni einen Weltrekord über 10.000 Meter in 30:40,2 Minuten. In Monte Carlo beginnen am 24. März mit den ersten „Olympischen Spielen der Frauen" eigene internationale Wettkämpfe für Sportlerinnen. Im Sportpalast wird wieder ein Sechstagerennen gefahren.

Das größte sportliche Ereignis des Jahres findet in Amerika statt: Am 2. Juli schlägt der US-Boxer Jack Dempsey den Franzosen Georges Carpentier in Boyle's Thirty Acres, Jersey City, durch K. o. in der vierten Runde. Vor rund 80.000 Zuschauern nimmt der Kampf mit Einnahmen von 1.789.238 US-Dollar die erste „Million-Dollar-Kasse" des Sports ein, und mit geschätzt 300.000 Hörern verfolgt erstmals ein Massenpublikum eine Radio-Liveübertragung eines Weltmeisterschaftskampfes.

MODE · 1921

Der Kurzhaarschnitt „Bubikopf" sorgt 1921 im Gefolge der Filmschauspielerin Asta Nielsen für Aufsehen in den deutschen Friseursalons. In den Berliner Bars, Cabarets und Tanzlokalen setzen sich daneben Shimmy, Foxtrott, Two-Step und Tango als neue Modetänze durch.

KULTUR · 1921

Am 2. Februar erlebt Oskar Kokoschkas Theaterstück „Orpheus und Eurydike" seine Uraufführung. Paul Hindemiths Einakter „Das Nusch-Nuschi" wird am 4. Juni 1921 in Stuttgart uraufgeführt.

KINO & FUNK · 1921

Am 6. Oktober feiert Fritz Langs Stummfilm „Der müde Tod" seine Uraufführung. Berlin zählt inzwischen über 400 Kinos. Einen öffentlichen Rundfunkbetrieb gibt es in Deutschland 1921 noch nicht.

GESTORBEN · 1921

  • Theobald von Bethmann Hollweg (64), früherer Reichskanzler (1909–1917) — 1./2. Januar.
  • Auguste Viktoria (62), letzte deutsche Kaiserin — 11. April, Haus Doorn (Niederlande).
  • Matthias Erzberger (45), Zentrumspolitiker, ermordet — 26. August, Bad Griesbach im Schwarzwald.
  • Enrico Caruso (48), italienischer Opern-Tenor — 2. August, Neapel.
  • Engelbert Humperdinck (67), Komponist von „Hänsel und Gretel" — 27. September, Neustrelitz.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1921

  • Bergius meldet Fortschritte bei der Kohleverflüssigung (25. Juni). Der Chemiker Friedrich Bergius stellt Erfolge bei der Umwandlung von Kohle in flüssigen Brennstoff vor.
  • Gründung des PEN Club (5. Okt., London). Der internationale Schriftstellerverband entsteht als Forum für Autorinnen und Autoren über Ländergrenzen hinweg.

DAS WETTER · 1921 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Berlin-Dahlem einen Höchstwert von 20,6 °C, das Tiefstwert lag bei 11,0 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt 15,8 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner — auch in der Woche danach nicht: Vom 10. bis 16. Juli blieb es mit Höchstwerten zwischen 20,0 °C und 32,1 °C durchgehend trocken.

Über das Jahr gesehen war der 2. August mit 34,2 °C der heißeste Tag, der 14. Dezember mit −16,0 °C der kälteste. Berlin verzeichnete 74 Frosttage und 15 Eistage, dazu 49 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon 12 heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 639,5 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 14,2 °C, das Tagesminimum 5,2 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1921

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland 1921 noch nicht; die folgende Liste stützt sich auf Berliner und Wiener Operettenpremieren sowie international verbreitete Foxtrott-Titel, die über Schallplatte und Notendruck auch die Berliner Tanzsäle erreichten. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich nur acht Titel mit gesichertem Entstehungsjahr 1921 belegen.

  1. Der Vetter aus Dingsda: „Ich bin nur ein armer Wandergesell" — Musik: Eduard Künneke
  2. Ain't We Got Fun — Musik: Richard A. Whiting, Text: Raymond B. Egan/Gus Kahn
  3. April Showers — Musik: Louis Silvers, Text: B. G. DeSylva
  4. I'm Just Wild About Harry — Musik: Eubie Blake, Text: Noble Sissle
  5. Second Hand Rose — Musik: James F. Hanley, Text: Grant Clarke
  6. Wabash Blues — Musik: Fred Meinken, Text: Dave Ringle
  7. Say It with Music — Musik & Text: Irving Berlin
  8. The Sheik of Araby — Musik: Ted Snyder, Text: Harry B. Smith/Francis Wheeler
Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Die „Magdalene Vinnen II“ läuft bei der Germaniawerft vom Stapel

Auf der Friedrich Krupp Germaniawerft in Kiel läuft am 23. März die Viermastbark „Magdalene Vinnen II“ vom Stapel, Baunummer 372. Bauherr ist die Bremer Reederei F. A. Vinnen. Das Schiff trägt den Namen der Ehefrau des Reeders Adolf Vinnen und ist das zweite der Reederei mit diesem Namen.

Der Segler ist über alles 117,5 Meter lang und 14,6 Meter breit und hat zusätzlich eine Hilfsmaschine an Bord. Kapitän Lorenz Peters, der den Neubau seit Kriegsende begleitet hat, führt das Schiff noch in diesem Jahr auf seine erste Reise.

Für die Germaniawerft ist der Auftrag eines der neuen Geschäfte. Seit dem Friedensschluss bleiben die Aufträge der Marine aus, die Werft gerät in ernste Schwierigkeiten und sucht neue Tätigkeitsfelder. Ein Großsegler für eine Handelsreederei gehört dazu.

Zweite Kieler Herbstwoche: Max von Laue spricht über das „physikalische Weltbild“

Im September findet die zweite „Kieler Herbstwoche für Kunst und Wissenschaft“ statt, und sie gibt sich volkstümlicher als die erste im Vorjahr. Eröffnet wird sie auf dem Marktplatz, am Beginn steht eine Volksvorstellung, deren billige Karten nicht öffentlich verkauft, sondern über Bildungsorganisationen verteilt werden. Der Arbeitsausschuss will der Woche ausdrücklich „einen stark demokratischen Charakter“ geben und die Minderbemittelten und Erwerbslosen besonders bedenken. Viele Veranstaltungen sind unentgeltlich oder kosten wenig, dazu kommen ein Volks- und Kinderfest und sportliche Darbietungen. Eingeladen sind außerdem 300 Dozenten und Studenten aus Norwegen, Schweden und Finnland.

Zu den Rednern des Jahres zählt der Physiker Max von Laue. Er hält auf der Herbstwoche den Vortrag „Das physikalische Weltbild“, der noch im selben Jahr als Druck von 25 Seiten in Karlsruhe erscheint.

Aus heutiger Sicht

Die Herbstwoche war als bürgerlich-demokratisches Gegenstück zur kaiserlichen Segelwoche gedacht. Sie wurde von 1920 bis 1927 veranstaltet.

Niederdeutsche Bühne Kiel eröffnet im Schauspielhaus

Am 10. April hebt sich im Kieler Schauspielhaus an der Holtenauer Straße der Vorhang für die Niederdeutsche Bühne Kiel. Auf dem Programm der Eröffnungsvorstellung stehen die Einakter „Doggerbank“ und „Cilli Cohrs“ von Gorch Fock und „Dat Schattenspeel“ von Hermann Boßdorf, gespielt auf Plattdeutsch.

Den Anstoß hat der Sprachwissenschaftler Otto Mensing gegeben. Ein Gastspiel des Niederdeutschen Theaters Hamburg war 1920 in Kiel gut aufgenommen worden, und daraus wuchs der Plan einer eigenen niederdeutschen Bühne in der Stadt.

Auf der Bühne stehen ausschließlich Laien, und keiner von ihnen wird bezahlt. Das städtische Theater stellt der jungen Bühne seine Räume zur Verfügung, sodass die Spielgemeinschaft ohne eigenes Haus beginnen kann. Mensing leitet die Bühne.

Zwei Tanker aus den Hüllen unfertiger U-Boote

Die Germaniawerft hat nach dem Krieg vier Hüllen unfertiger U-Boote der Kaiserlichen Marine vor der Verschrottung bewahrt, die ihnen nach dem Versailler Vertrag drohte. Aus ihnen entstehen zwei Tankschiffe: die „Ostpreussen“ mit der Baunummer 412 und die „Oberschlesien“ mit der Baunummer 413. Bauherr ist die Hugo Stinnes AG für Seeschiffahrt und Überseehandel in Hamburg.

Die Schiffe sind 84,13 Meter lang, 12,34 Meter breit und messen 2.083 Bruttoregistertonnen. Je zwei MAN-Dieselmotoren mit zusammen 2.800 Pferdestärken treiben die Tanker mit etwa zehn Knoten.

Für jeden Tanker hat die Werft zwei der U-Boot-Hüllen zu einem Schiffsrumpf zusammengefügt. Beide Schiffe haben elektrisches Licht und eine Funkanlage an Bord. Die „Ostpreussen“ geht im August an die Hamburger Reederei, die „Oberschlesien“ im September.

KURZ NOTIERT · Kiel 1921

  • Januar — Die Howaldtswerke übergeben das Tankschiff „Vistula“, Baunummer 588, an die Baltisch-Amerikanische Petroleum-Import-Gesellschaft in Danzig.
  • März — Am Nordhafen beginnt der Bau eines Getreidesilos. Bauherr ist das 1920 eingerichtete städtische Handels- und Industrieamt.
  • 14. Juni — Der Tröndelweg erhält seinen Namen.
  • 1. Juli — Die Stadt kauft den rund 14 Hektar großen Werftpark an der Werftstraße vom in Auflösung begriffenen Wohlfahrtsverein der Kaiserlichen Werft, um die Parkanlage zu erhalten. Das Ostufer hat bis dahin nur kleine Grünflächen.
  • 1921 — Auf der Reichswerft, der früheren Kaiserlichen Werft, arbeiten rund 7.000 Menschen, darunter etwa 3.000 ehemalige Beschäftigte, die nach dem Krieg zurückgekehrt sind. Die Werft liefert Fischdampfer an Hamburger Reeder und repariert Lokomotiven und Eisenbahnwagen.
  • 1921 — Der 1916 emeritierte Soziologe Ferdinand Tönnies nimmt einen Lehrauftrag an, um in Kiel das Fach Soziologie aufzubauen.
  • 1921 — Die Gaststätte „Reichspfennig“ in Gaarden wird zum Kino, dem „Reichspfennig-Theater“.

RUND UM DIE FÖRDE · 1921

  • 3. Februar, Bordesholm — Der preußische Innenminister Carl Severing schlägt Waldemar von Mohl, Regierungsrat in seinem Ministerium, als Landrat des Kreises Bordesholm vor. Er soll Arthur Zabel (SPD) nachfolgen, der das Amt seit 1920 führt. Im Kreistag wird er von der SPD und der „bürgerlichen Einheitsliste“ gewählt.
  • 13. November, Schönberg — Der Landschafts- und Marinemaler Fritz Stoltenberg stirbt in Schönberg (Holstein), wo er seit 1914 lebte. Der gebürtige Kieler, geboren am 7. April 1855, wird auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf begraben.

SPORT AN DER FÖRDE · 1921

  • Holstein Kiel — In der Saison 1920/21 wird der Verein hinter dem Hamburger SV Zweiter der Nordkreisliga unter zehn Mannschaften: 18 Spiele, 11 Siege, 4 Unentschieden, 3 Niederlagen, 26:10 Punkte.
  • Leichtathletik — Georg Scheer von Holstein Kiel wird bei den Deutschen Meisterschaften am 20. und 21. August im Hamburger Sievekingspark Vizemeister über 800 Meter, Zeit 1:58,3 Minuten.
  • Arbeitersport — Die Freie Turnerschaft Friedrichsort und Umgebung gewinnt die Nordmark-Meisterschaft im Fußball und unterliegt danach in der Regionalmeisterschaft der FT Unterweser mit 1:6.
  • Kieler Woche — Die 34. Kieler Woche ist stärker besucht als die des Vorjahres, bei der nur rund 50 kleinere Boote aus deutschen Städten und eine einzige ausländische Yacht, eine schwedische, antraten.
  • Holstein-Platz — Am 3. November deckt eine Windhose das Tribünendach des Platzes ab. Präsident des Vereins ist Ernst Föge.

DAS WETTER · 1921 in Kiel

An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster eine Höchsttemperatur von 16,6 °C und eine Tiefsttemperatur von 9,4 °C, das Tagesmittel lag bei 13,8 °C. Niederschlag fiel nicht: 0,0 mm. Neumünster liegt rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland.

Das Jahr über: Die Jahresmitteltemperatur betrug 9,3 °C. Der wärmste Tag war der 2. August mit 34,5 °C, der kälteste Wert, der Tiefstwert des Jahres, wurde am 28. November mit −11,1 °C gemessen. Es gab 5 Hitzetage (Höchsttemperatur ab 30 °C), 33 Sommertage (ab 25 °C), 8 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 76 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Der Jahresniederschlag summierte sich auf 691 mm.

(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)