DER CHRONIST

Zum Geleit

Kaum hatten fremde Truppen im Januar das Ruhrgebiet besetzt, da begann die Mark einen Absturz, der sie binnen weniger Monate von Tausenden auf Billionen je Dollar trieb, während sich in Sachsen, Thüringen, Hamburg, am Rhein und zuletzt in München das Reich gleich mehrfach am Rande der Auflösung sah. Im Herbst gelang mit der Rentenmark die Rettung der Währung fast über Nacht, während in Berlin zum ersten Mal eine Stimme durch den Äther sprach und über dem Tempelhofer Feld die ersten Linienflugzeuge abhoben.

Die Schlagzeilen des Jahres

Ruhrbesetzung und passiver Widerstand

Französischer Soldat und älterer Mann während der Ruhrbesetzung
„Mit gefälltem Bajonett gegen einen Greis." — zeitgenössische Bundesarchiv-Bildunterschrift zur Ruhrbesetzung, 1923 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Zwischen dem 11. und 16. Januar rücken französische und belgische Truppen, zunächst 60.000, später 100.000 Mann stark, in das Ruhrgebiet bis Dortmund ein. Anlass ist die Feststellung der Reparationskommission vom Dezember, das Reich sei mit seinen Kohlelieferungen in Verzug geraten. Reichskanzler Wilhelm Cuno ruft am 13. Januar zum „passiven Widerstand" auf: Generalstreiks legen das Ruhrgebiet lahm, Beamte verweigern den Besatzern die Zusammenarbeit, alle Reparationszahlungen werden eingestellt.

Finanziert wird der Widerstand über die Notenpresse der Reichsbank — ein Umstand, der die ohnehin galoppierende Geldentwertung zusätzlich anheizt. Erst die neue Reichsregierung unter Gustav Stresemann verkündet am 26. September den Abbruch des passiven Widerstands.

Aus heutiger Sicht

Der im kommenden Jahr vereinbarte Dawes-Plan regelt das Ende der Besetzung; der tatsächliche Abzug der fremden Truppen aus dem Ruhrgebiet zieht sich noch bis in den Sommer 1925 hin.

Cuno tritt zurück, Stresemann wird Kanzler

Gustav Stresemann
„Zum Regierungswechsel in Deutschland" — zeitgenössische Bundesarchiv-Bildunterschrift, August 1923 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Streikwellen — darunter in der Reichsdruckerei selbst —, ein gescheiterter Versuch der Reichsbank, die Mark zu stützen, und ein drohendes Misstrauensvotum zwingen Kanzler Cuno zum Rücktritt: Um 21:45 Uhr am 12. August reicht er sein Gesuch bei Reichspräsident Friedrich Ebert ein. Noch am selben Abend beauftragt Ebert den Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, Gustav Stresemann, mit der Regierungsbildung; am Folgetag wird er ernannt. Das Kabinett Stresemann, eine Große Koalition von DVP bis SPD, ist es, das im September den Ruhrkampf beendet und im November mit der Rentenmark die Stabilisierung der Währung einleitet.

Eine Reichstagswahl fand in diesem von Regierungskrisen und Geldentwertung geprägten Jahr nicht statt, ebenso wenig eine Wahl zum Reichspräsidenten oder zum Preußischen Landtag — Eberts Amtszeit war im Vorjahr per Verfassungsänderung bis 1925 verlängert worden, um eine Wahl inmitten der Krise zu vermeiden. Nur in drei deutschen Ländern ging man 1923 an die Wahlurne.

Die Wahlgänge des Jahres:

  • Oldenburg, 10. Juni — SPD 23,8 % (12 Sitze) knapp vor der DVP mit 22,6 % (ebenfalls 12 Sitze), dahinter Zentrum 20,7 % (10) und DDP 18,6 % (9); Wahlbeteiligung 70,8 %.
  • Mecklenburg-Strelitz, 8. Juli — DNVP 24,1 % (9 Sitze) vor SPD 22,7 % (8) und KPD 20,4 % (7); Wahlbeteiligung 76,0 %.
  • Bremen, 18. November — SPD 29,1 % (36 Sitze) deutlich vor DVP 20,2 % (26) und KPD 16,0 % (18); Wahlbeteiligung 79,65 %.

Die Rentenmark beendet die Hyperinflation

1000-Rentenmark-Schein vom 1. November 1923
1000-Rentenmark-Schein, 1. November 1923, Deutsche Rentenbank (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ende Oktober liegt die Inflationsrate bei 16,6 Millionen Prozent; am 29. September kostete der Dollar bereits 160 Millionen Mark, im Oktober und November bewegen sich die Kurse im Billionenbereich. Am 15. Oktober wird die Deutsche Rentenbank gegründet, mit 3,2 Milliarden Rentenmark Grundkapital, „gedeckt" durch eine Hypothek auf Gewerbe und Landwirtschaft. Ab dem 15. November werden die neuen Scheine und Münzen ausgegeben — der Umtauschkurs lautet eine Rentenmark für eine Billion Papiermark. Binnen weniger Tage kommt die Geldentwertung fast zum Stillstand; man spricht vom „Wunder der Rentenmark".

Hitlerputsch in München

Szene während des Hitlerputsches am Odeonsplatz
Hitler-Putsch, München, Odeonsplatz, 9. November 1923 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Im „Deutschen Kampfbund" versuchen Adolf Hitler und General Erich Ludendorff nach dem Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom den Umsturz. Am Abend des 8. November ruft Hitler im Bürgerbräukeller die „nationale Revolution" aus; am Mittag des 9. November marschieren die Putschisten vom Bürgerbräukeller in Richtung Stadtzentrum. An der Feldherrnhalle stoßen sie auf die Bayerische Landespolizei; um 12:45 Uhr fallen unter ungeklärten Umständen Schüsse. Vier Polizisten und sechzehn Putschisten sterben. Hitler flieht verletzt vom Ort des Geschehens und wird am 11. November verhaftet.

Aus heutiger Sicht

Der für 1924 angesetzte Prozess wird Hitler reichsweit bekannt machen; während seiner anschließenden Festungshaft in Landsberg beginnt er mit der Arbeit an „Mein Kampf".

Reichsexekution gegen Sachsen und Thüringen

Reichswehrkompanie auf dem Weg zum sächsischen Landtagsgebäude
Reichswehrkompanie auf dem Weg zum Landtagsgebäude, 23. Oktober 1923, Foto: Robert Sennecke (Wikimedia Commons, CC0)

In Sachsen und Thüringen regieren seit dem Herbst Koalitionen aus SPD und KPD unter den Ministerpräsidenten Erich Zeigner (Sachsen) und August Frölich (Thüringen). Am 22./23. Oktober rückt die Reichswehr in Sachsen ein; auf Grundlage von Artikel 48 der Reichsverfassung verhängt die Reichsregierung am 29. Oktober die Reichsexekution gegen Sachsen, am 6. November gegen Thüringen. Am 12. November treten die KPD-Minister in Sachsen zurück, Zeigner wird von Reichspräsident Ebert seines Amtes enthoben; das Thüringer Kabinett löst sich freiwillig auf.

Hamburger Aufstand

Straßenbarrikade während des Hamburger Aufstands in Hamburg-Barmbek
Straßenbarrikade in Hamburg-Barmbek während des Aufstands, 1923 (Bestand des Museums für Hamburgische Geschichte, 2023 als gemeinfrei auf Wikimedia Commons gestellt)

Rund 48 Stunden lang versucht die KPD in Hamburg, im Rahmen des reichsweit geplanten „Deutschen Oktober" einen Umsturz nach dem Vorbild der Oktoberrevolution von 1917 herbeizuführen. Ernst Thälmann und Hugo Urbahns hatten zur Erhebung mobilisiert, beteiligen sich selbst aber nicht aktiv — eine Kommunikationspanne hatte Hamburg nicht rechtzeitig über die Absage des reichsweiten Aufstands informiert. Die Bilanz: 88 zivile und sechs kommunistische Tote.

Aus heutiger Sicht

Die Niederlage stärkt in der KPD den Flügel um Thälmann gegenüber dem um Heinrich Brandler.

Rheinische Separatisten rufen eine „Republik" aus

Separatisten der Rheinischen Republik vor dem Kurfürstlichen Schloss in Koblenz
Separatisten der Rheinischen Republik vor dem Kurfürstlichen Schloss in Koblenz, 22. November 1923, Bain News Service (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bereits am 15. August gründen Hans Adam Dorten und Josef Friedrich Matthes in Koblenz die „Vereinigte Rheinische Bewegung"; im Oktober ruft man dort eine „Vorläufige Regierung der Rheinischen Republik" aus. Nach Streit unter den Separatisten proklamiert Dorten am 15. November in Bad Ems eine eigene „Vorläufige Regierung" für Südrheinland und Pfalz. Ende November zieht Frankreich seine Unterstützung zurück, die Bewegung zerfällt — Dorten muss das Rheinland noch vor Silvester verlassen.

Pogrom im Scheunenviertel

Polizeirazzia in der Grenadierstraße, 1920
Polizeirazzia in der Grenadierstraße im Scheunenviertel, 25. Februar 1920 — gleicher Ort und gleiche Zielgruppe wie beim hier geschilderten Pogrom, jedoch drei Jahre zuvor aufgenommen (Bundesarchiv Bild 183-R98627, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

In den Straßen nördlich des Alexanderplatzes, vor allem in der Grenadierstraße, kommt es zu antisemitischen Ausschreitungen gegen sogenannte „Ostjuden" — befeuert durch eine aufgeheizte „Ostjudendebatte" inmitten der Inflationskrise. Am 5. November werden Mitglieder des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten beschimpft und geschlagen; die Polizei greift nach Berichten teils unzureichend, teils parteiisch ein.

Aus heutiger Sicht

Presse und Historiker bezeichnen die Ereignisse rückblickend als „das vergessene Pogrom" — eine der schwersten antisemitischen Gewalttaten der Weimarer Republik, die lange aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwand.

Rundfunk geht auf Sendung — die Funk-Stunde Berlin

Das Vox-Haus, aufgenommen 1960
Das Vox-Haus von Süden mit langer Brandwand, aufgenommen 1960 — 37 Jahre nach der Sendung, Foto: Willy Pragher (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Um 20 Uhr sendet die „Funk-Stunde Berlin" aus einer Dachkammer des Vox-Hauses am Potsdamer Platz die erste regelmäßige Rundfunksendung des Reiches, auf Welle 400 Meter. Friedrich Georg Knöpfke, Direktor der Radio-Stunde AG, eröffnet mit den Worten: „Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter." Der Rundfunkempfang ist von Beginn an genehmigungspflichtig; die Hörerlizenz kostet zunächst 25 Mark, inflationsbedingt laufend angepasst, ehe sie zum 1. Januar 1924 auf 60 Mark festgesetzt wird.

Flughafen Tempelhof nimmt Linienbetrieb auf

Das alte Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof, aufgenommen 1927
Das alte, hölzerne Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof, aufgenommen 1927, vier Jahre nach der Eröffnung (LABW — Staatsarchiv Freiburg, Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Das Reichsverkehrsministerium erteilt eine vorläufige Lizenz, und am 8. Oktober nimmt der seit Juni am Nordrand des Tempelhofer Felds gebaute Flughafen — zwei Holzhallen von je 1000 Quadratmetern, finanziert von der Junkers Luftverkehr AG und der Deutschen Aero Lloyd — den Linienbetrieb auf. Am Eröffnungstag starten vor mehreren hundert Zuschauern die ersten Linienflüge nach München mit Anschluss in die Schweiz, nach Österreich und auf den Balkan sowie nach Danzig und Königsberg mit Anschluss nach Moskau. Bis Jahresende zählt der Flughafen 100 Starts und Landungen, 150 Passagiere und 1300 Kilogramm Fracht.

Der „Freistaat Flaschenhals" wird besetzt

50-Pfennig-Notgeldschein aus dem Freistaat Flaschenhals
50-Pfennig-Notgeldschein der Stadt Lorch am Rhein aus dem „Freistaat Flaschenhals" — Reproduktion einer Originalnote von 1921, zwei Jahre vor dem Ende der Mikronation (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Lorch im Rheingau besetzen französische Truppen den seit 1919 bestehenden „Freistaat Flaschenhals" — einen unbesetzten, rund 8.000 Einwohner zählenden Landstrich zwischen den Besatzungszonen mit eigenem Notgeld. Bürgermeister Edmund Pnischeck wird bei seiner Rückkehr verhaftet und später wegen Schmuggels eines Kohlezugs verurteilt.

Der 100-Billionen-Mark-Schein

100-Billionen-Mark-Schein vom 26. Oktober 1923
100-Billionen-Mark-Schein, datiert 26. Oktober 1923, Deutsche Reichsbank (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die höchste je in Deutschland ausgegebene Banknote — 100 Billionen Mark, ausgestellt auf den 26. Oktober — ist ein Rekord, der nie wieder erreicht wurde. Zwischen dem 25. Juli und dem 26. Oktober bringt die Reichsdruckerei allein 28 verschiedene Banknotentypen heraus. Auf dem Höhepunkt arbeiten 7.500 Menschen allein am Notendruck in der Reichsdruckerei, dazu 84 weitere Druckereien unmittelbar und 60 als Hilfsdruckereien.

Erste Bauhausausstellung in Weimar

Das Musterhaus Am Horn in Weimar, moderne Aufnahme
Das Musterhaus Am Horn in Weimar, moderne Außenaufnahme, Foto: Sailko, 5. November 2011 — das 1923 errichtete Gebäude steht noch (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Sechs Wochen lang zeigt das Bauhaus an drei Orten — dem Bauhaus-Gebäude selbst, dem Landesmuseum und dem eigens errichteten Musterhaus Am Horn — seine Arbeit vor rund 15.000 Besuchern. Das Haus Am Horn, in nur vier Monaten als komplett eingerichtetes Einfamilienhaus gebaut, führt erstmals gebündelt Bauhaus-Architektur, -Möbel und -Farbkonzepte vor. Trotz der Hyperinflation wird die Ausstellung kein wirtschaftlicher, aber ein großer publizistischer Erfolg und markiert den Kurswechsel des Bauhauses vom Handwerk zum Industrieprototyp.

Einstein holt seinen Nobelvortrag in Göteborg nach

Radierung: Porträt Albert Einstein von Emil Orlik, 1923
Emil Orlik: Porträt Albert Einstein, Radierung, 1923 — zeitgenössisches Kunstwerk, kein Foto (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Albert Einstein hatte den Nobelpreis für Physik 1921 für die Entdeckung des photoelektrischen Effekts erhalten, verliehen im Dezember 1922 — ohne dass er dazu einen Nobelvortrag gehalten hätte. Am 11. Juli holt er dies vor rund 2000 Zuhörern, darunter der schwedische König, bei der Versammlung skandinavischer Naturforscher in Göteborg nach — mit einem Vortrag über die Relativitätstheorie, obwohl die Preisbegründung diese ausdrücklich nicht erwähnt hatte.

Tutanchamuns Grabkammer wird geöffnet

Aufnahme aus der Grabungsdokumentation Tutanchamuns
Aus der Fotoserie „Tutankhamun tomb photographs" von Harry Burton — Aufnahmedatum laut Metadaten 1922, also die Zeit der Entdeckung, nicht der hier geschilderten Öffnung der Grabkammer im Februar 1923 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Howard Carter hatte das Grab bereits am 4. November 1922 entdeckt; die eigentliche Grabkammer mit Mumie und goldener Totenmaske wird erst am 16. Februar 1923 geöffnet, nachdem eigens eine Stromleitung verlegt worden war. Lord Carnarvon, der Finanzier der Grabung, stirbt am 5. April 1923 in Kairo — die Presse spricht seither vom „Fluch des Pharao".

Großes Kantō-Erdbeben erschüttert Japan

Zerstörungen im US-Marinehospital von Yokohama nach dem Erdbeben
Ruinen des US-Marinehospitals in Yokohama nach dem Großen Kantō-Erdbeben, 1923, US Navy Bureau of Medicine and Surgery (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Um 11:58 Uhr Ortszeit erschüttert ein Beben der Stärke 7,9 die Kantō-Ebene und zerstört Yokohama sowie weite Teile Tokios. Die Zahl der unmittelbaren Bebentoten wird mit 105.385 angegeben; rechnet man die Opfer der folgenden Großbrände hinzu, kommen die Schätzungen auf insgesamt rund 142.800 Tote.

Ausrufung der Republik Türkei

Mustafa Kemal Pascha, Balıkesir, 1923
Mustafa Kemal Pascha (später Atatürk), Balıkesir, 1923 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Ankara ruft die Nationalversammlung die Republik aus; Mustafa Kemal, der spätere Atatürk, wird ihr erster Staatspräsident, Ankara löst Istanbul als Hauptstadt ab. Vorausgegangen war der Vertrag von Lausanne vom 24. Juli, mit dem die neue türkische Regierung anerkannt wurde — das Ende des Osmanischen Reichs nach dem Türkischen Unabhängigkeitskrieg.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 30. August — An der New Yorker Devisenbörse kostet ein US-Dollar 11.111.111 Papiermark.
  • Herbst — Die Zahl der im Umlauf befindlichen Notgeldscheine schnellt auf über 2.800 verschiedene Typen.
  • 1. Oktober — In Küstrin versucht Bruno Ernst Buchrucker, Führer der illegalen „Schwarzen Reichswehr", mit einem Handstreich die Festung zu besetzen; die Reichswehr verhindert die Einnahme. Am 25. Oktober verurteilt ihn das Sondergericht Cottbus zu zehn Jahren Festungshaft und einer Geldstrafe von 100 Milliarden Mark — nach dem damaligen Kurs umgerechnet zehn Goldmark.
  • Ende Oktober — Das Porto für eine Postkarte kostet nun 2 Millionen Mark, im November bereits 200 Millionen.
  • 31. Oktober — Der Zigarrenhändler Wilhelm Kollhoff aus der Moabiter Turmstraße erhält die „Genehmigungsurkunde für Rundfunkempfänger Nr. 1" — Gebühr: 350 Milliarden Mark.
  • 7. November — Der Mindest-Eintrittspreis fürs Kino liegt laut „Film-Kurier" bei 40 Milliarden Mark, Premierenkarten kosten ein Mehrfaches.
  • November — Die „Berliner Illustrirte" verdoppelt mit der Währungsstabilisierung ihren Preis auf 20 (Renten-)Pfennig.

WIRTSCHAFT · 1923

Löhne werden 1923 wegen der rasanten Geldentwertung täglich, oft zweimal täglich ausgezahlt und sofort in Waren umgesetzt, die Auszahlung erfolgt teils in Körben und Säcken voller Banknoten. Der passive Widerstand im Ruhrgebiet wird über die Notenpresse der Reichsbank mitfinanziert und verschärft die Inflation zusätzlich. Am 15. November stabilisiert die neue Rentenmark die Währung binnen weniger Tage.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 163 Mark (3. Jan.) → 233 Milliarden Mark (19. Nov.) → 840 Milliarden Mark (Ende Nov./Anfang Dez.)
  • Rindfleisch (1 kg) — 1.800 Mark (3. Jan.)
  • Kartoffeln (1 Pfund) — 55 Milliarden Mark (Ende Nov./Anfang Dez.)
  • Butter (1 Pfund) — 2,8 Billionen Mark (Ende Nov./Anfang Dez.)
  • Ei (1 Stück) — 800 Mark (9. Juni) → 320 Milliarden Mark (2. Dez.)
  • Milch (1 l) — 1.440 Mark (9. Juni) → 360 Milliarden Mark (2. Dez.)
  • Bier (1 Glas) — 4 Milliarden Mark (1. Nov.) → 52 Milliarden Mark (15. Nov.)
  • Straßenbahnfahrkarte — 150 Milliarden Mark (Ende Nov./Anfang Dez.)

SPORT · 1923

Im Finale um die Deutsche Fußballmeisterschaft 1922/23 schlägt der Hamburger SV am 10. Juni im Deutschen Stadion Berlin vor 64.000 Zuschauern den SC Union Oberschöneweide mit 3:0 — Tore durch Harder (34.), Breuel (70.) und Schneider (90.) — und wird damit zum ersten Mal Deutscher Meister. Beim 10. Berliner Sechstagerennen im Sportpalast erklingt erstmals der eigens komponierte „Sportpalastwalzer" von Siegfried Translateur, gespielt vom Orchester Otto Kermbach und durch Ansager Reinhold „Krücke" Habisch populär gemacht.

MODE · 1923

Der Bubikopf setzt sich als bestimmende Frisur des Jahrzehnts durch — da es noch keine Damenfriseure gibt, müssen Frauen dafür zum Herrenfriseur. Dazu tragen sie eng anliegende Topf- und Glockenhüte. Im Vergleich zu den kürzeren Vorjahren werden die Röcke wieder knöchel- bis wadenlang, während Unterröcke und füllige Unterwäsche aus der Mode kommen: Kleider werden gerade und schmal geschnitten, die Taille nur mit einem Hüftgürtel angedeutet.

KINO & FUNK · 1923

Aus den Ufa-Häusern der Hauptstadt meldet das Jahr vier Premieren: „Ein Glas Wasser" von Ludwig Berger (1. Februar, Ufa-Palast am Zoo), „Schlagende Wetter" von Karl Grune (15. Februar, Ufa-Theater Kurfürstendamm), „Die Flamme" von Ernst Lubitsch (11. September, Ufa-Palast am Zoo) und „Schatten" von Arthur Robison (16. Oktober, U.T. Nollendorfplatz). Mit dem Sendestart der Funk-Stunde Berlin (siehe Story 9) beginnt zugleich das Zeitalter der genehmigungspflichtigen Hörerlizenz.

GESTORBEN · 1923

  • Wilhelm Conrad Röntgen (77), Physiker, Entdecker der Röntgenstrahlen — 10. Februar, München.
  • Gerdt von Bassewitz (45), Schriftsteller, u. a. „Peterchens Mondfahrt" — 6. Februar, Berlin.
  • Sarah Bernhardt (78), französische Schauspielerin — 26. März, Paris.
  • Lord Carnarvon (56), Finanzier der Tutanchamun-Grabung (siehe Story 15) — 5. April, Kairo.
  • Pancho Villa (45), mexikanischer Revolutionsgeneral, erschossen — 20. Juli, Parral (Mexiko).
  • Gustave Eiffel (91), französischer Ingenieur, Erbauer des Eiffelturms — 27. Dezember, Paris.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1923

  • Hermann Oberths Raketenschrift (1923, München). Mit „Die Rakete zu den Planetenräumen" legt der Verlag Oldenbourg ein Grundlagenwerk der modernen Raumfahrttechnik vor, das erstmals flüssigkeitsgetriebene Mehrstufenraketen im Detail beschreibt.
  • Höhenflugrekord auf der Wasserkuppe (16.–31. Aug., Rhön). Beim Rhön-Segelflugwettbewerb stellt Pilot Hackmack mit dem von Willy Messerschmitt konstruierten Flugzeug „Messerschmitt S 14" einen neuen Höhenrekord von 310 Metern auf.
  • Gründung der Hilfskasse gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen (10. März, Berlin). Aus der Not der Nachkriegsinflation heraus gründen die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege eine Selbsthilfe-Finanzierung für soziale Einrichtungen — Vorläuferin der heutigen Bank für Sozialwirtschaft.
  • Gründung der Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents (25./26. Aug., Berlin). Hermann Pohle, Max Hilzheimer und Julius Riemer gründen unter dem Vorsitz von Kurt Priemel eine Gesellschaft zur Rettung des Wisents vor dem Aussterben.

DAS WETTER · 1923 in Berlin

Am 13. Juli erreichte das Thermometer an der Station Berlin-Dahlem einen Höchstwert von 33,7 °C, das Tiefstwert lag bei 16,8 °C; das Mittel aus beiden Werten ergibt rund 25,3 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor). Niederschlag fiel an diesem Tag keiner. Der Tag lag mitten in einer Hitzewelle: Bereits am 12. Juli waren 31,0 °C erreicht worden, am 14. Juli 34,0 °C, und am 15. Juli mit 34,5 °C der heißeste Tag des gesamten Jahres.

Über das Jahr gesehen war damit der 15. Juli der wärmste, der 27. Dezember mit −16,3 °C der kälteste Tag. Berlin verzeichnete 75 Frosttage und 25 Eistage, dazu 24 Sommertage mit mindestens 25 °C, davon sieben heiße Tage über 30 °C. Der Jahresniederschlag summierte sich auf 573 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,2 °C, das Tagesminimum 4,5 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1923

Amtliche Verkaufscharts gibt es in Deutschland noch nicht; die folgende Liste stützt sich auf Bühnenpremieren, dokumentierte Schallplattenaufnahmen und international verbreitete Tanztitel des Jahres. Von zwanzig vorgesehenen Plätzen ließen sich nur 16 Titel mit gesichertem Entstehungsjahr 1923 belegen; auf Verdachtstitel wurde verzichtet.

  1. Sportpalastwalzer — Musik: Siegfried Translateur
  2. Mir fehlt nichts als ein kleiner ägyptischer Flirt (aus „Die Perlen der Cleopatra") — Musik: Oscar Straus
  3. Und zum Schluss – schuf der liebe Gott den Kuss (aus „Der Fürst von Pappenheim") — Musik: Hugo Hirsch
  4. War die erste Frau 'ne Pleite (aus „Señora") — Musik: Hugo Hirsch
  5. Dornröschen aus'm Wedding — Musik: Friedrich Hollaender, gesungen von Claire Waldoff
  6. Solang noch Untern Linden die alten Bäume blühn (aus „Drunter und Drüber") — Musik: Walter Kollo
  7. Warte, warte nur ein Weilchen (aus „Marietta") — Musik: Walter Kollo
  8. Mensch sei frech, dann hast du Chancen (aus „Die Schönste der Frauen") — Musik: Walter Bromme
  9. Ich bleib' dir treu (aus „Die tolle Lola") — Musik: Hugo Hirsch, Interpret: Marek Weber und sein Orchester
  10. Mädi — Musik: Robert Stolz
  11. Des Königs Nachbarin — Musik: Leon Jessel
  12. Ein Märchen aus Florenz — Musik: Ralph Benatzky
  13. Die gelbe Jacke — Musik: Franz Lehár
  14. Katja, die Tänzerin — Musik: Jean Gilbert
  15. Bajazzos Abenteuer — Musik: Michael Krasznay-Krausz
  16. Yes! We Have No Bananas — Musik: Irving Cohn, Text: Frank Silver
Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Hungerherbst: Unruhen in Kiel

Die Werften entlassen im Lauf des Jahres Hunderte von Arbeitern, und 20 bis 30 Prozent der Kieler leben von öffentlicher Unterstützung. SPD und Gewerkschaften verlieren Mitglieder, die KPD gewinnt Anhänger. In den Tagen um den 23./24. Oktober entlädt sich die Lage auf der Straße: Menschen sammeln sich, auf den Werften wird gestreikt, Polizeistreifen werden überfallen, und die Plünderungen von Lebensmittelgeschäften nehmen zu. Die Kieler KPD ruft zum Generalstreik auf.

Die Itzehoer Nachrichten melden am 25. Oktober: „Festgenommen sind 74 Menschen, fast ausnahmslos junge Burschen. Verwundet sind etwa 20. Ein Mann ist am Markt durch einen Herzschuß getötet worden.“ Unter den Verwundeten sind sechs Polizisten. Es ist der einzige Tote.

Aus heutiger Sicht

Ein Zusammenhang der Kieler Unruhen mit dem Aufstand in Hamburg galt als möglich, ließ sich aber nicht belegen. Nach einem Bericht des sowjetischen Generalkonsuls in Hamburg hatte die Kieler KPD eine Beteiligung am Aufstand zunächst abgelehnt, weil sie unzureichend vorbereitet war.

Holstein Kiel verliert das Norddeutsche Finale gegen den HSV

Holstein Kiel ist Meister der Kreisliga Schleswig-Holstein, mit 13 Siegen und einem Unentschieden aus 14 Spielen, und spielt damit um die Norddeutsche Meisterschaft. In der Qualifikation im März schlagen die Kieler den VfB Swinemünde mit 9:1. Im Viertelfinale haben sie ein Freilos, im Halbfinale am 15. April schlagen sie Union 03 Altona mit 5:1.

Das Finale findet am 29. April im Stadion Hoheluft in Hamburg statt, der Gegner ist der Hamburger SV. Holstein verliert 0:2 und wird Norddeutscher Vizemeister. Der HSV wird danach auch Deutscher Meister.

Aus der Fährstraße wird die Legienstraße

Am 27. März benennt die Stadt die Fährstraße im Damperhof um, an der das Gewerkschaftshaus steht. Sie heißt nun Legienstraße, zu Ehren von Carl Legien, dem 1920 gestorbenen Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der 1893 für den Wahlkreis Kiel-Rendsburg erstmals in den Reichstag gewählt worden war.

Am selben Tag erhalten weitere Straßen neue Namen. In der Wik heißt die nach Prinz Heinrichs Sohn Waldemar benannte Waldemarstraße künftig Seeblick; die Sigismundstraße wird nach dem 1922 gestorbenen Internisten Heinrich Quincke, lange Direktor der Medizinischen Klinik der Universität, zur Quinckestraße, die Irenestraße nach dem Gut Projensdorf zur Projensdorfer Straße. In Hassee bekommen der Eiderbrook und der Hammerbusch Namen nach alten Flurbezeichnungen, der Landweg Speckenbek heißt nun Speckenbeker Weg.

KURZ NOTIERT · Kiel 1923

  • Mai — Bei den Howaldtswerken läuft der Frachter „Syra“ (2465 BRT) für die Deutsche Levante-Linie vom Stapel.

  • 10. September — Admiral a. D. Volkmar von Arnim stirbt in Kiel.

  • 13. September — Der Baurat Hans Rogge stirbt. Er leitete von 1907 bis 1916 das Kanalbauamt Kiel-Wik.

  • 13. Oktober — Die Kleinbahn Neuwittenbek–Voßbrook wird eröffnet, rund 11 Kilometer von der Bahnlinie Kiel–Flensburg über Holtenau zum Militärgelände Voßbrook und weiter nach Friedrichsort. Sie schließt ein Werk an das Schienennetz an, dessen Lokomotiven bisher per Fähre zum Kieler Hauptbahnhof gebracht werden mussten. Der Güterverkehr läuft seit dem 23. Oktober.

  • 5. Dezember — Die Siedlung Kronsburg, bisher Teil der Gemeinde Wellsee im Kreis Bordesholm, wird auf Betreiben ihrer Bewohner, die meist in Kiel arbeiten, nach Kiel eingemeindet.

RUND UM DIE FÖRDE · 1923

  • 1923, Heikendorf — Der in Kiel geborene Maler Heinrich Blunck heiratet Käte Thede und bezieht mit ihr ein neu erworbenes Haus mit weitläufigem Garten in Heikendorf am Ostufer der Förde.
  • 1923, Laboe — Die Laboer Mühle, Wahrzeichen des Ortes seit 1872, 1904 abgebrannt, 1906 neu errichtet und 1914 aus strategischen Gründen erneut abgebrannt, wird vom Müller W. Thiessen wieder aufgebaut.

SPORT AN DER FÖRDE · 1923

  • Kreisliga — Hinter Meister Holstein wird Kilia Kiel Zweiter der Kreisliga Schleswig-Holstein mit acht Mannschaften; Aufsteiger Hohenzollern-Hertha wird Fünfter, Borussia Gaarden Letzter, behauptet sich aber in der Relegationsrunde.
  • THW Kiel — Im Turnverein Hassee-Winterbek von 1904 beantragen Jugendliche auf einer Mitgliederversammlung vergeblich eine Fußballsparte und beginnen im Sommer stattdessen mit Handball. Ein eigener Platz fehlt, gespielt wird zunächst nur auswärts.
  • Segeln — Der Lübecker Unternehmer Hermann Eschenburg verkauft aus wirtschaftlichen Gründen seine Regattayacht „Heti“, die mehrfach die Kieler Woche gewonnen hat.
  • Fußball — Am 2. September weiht der SV Hohenzollern-Hertha seinen Sportplatz an der Waldwiese an der Hamburger Chaussee mit einem Ligaspiel gegen Holstein Kiel ein.

DAS WETTER · 1923 in Kiel

An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster eine Höchsttemperatur von 34,1 °C und eine Tiefsttemperatur von 14,6 °C, das Tagesmittel lag bei 25,8 °C. Niederschlag fiel nicht (0,0 mm). Neumünster liegt rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland.

Das Jahr über: Das Jahresmittel betrug 7,7 °C. Der wärmste Tag war der 14. Juli mit 35,7 °C, der kälteste der 27. Dezember mit einem Tiefstwert von −15,8 °C. Es gab 6 Hitzetage (Höchstwert ab 30 °C), 15 Sommertage (Höchstwert ab 25 °C), 22 Eistage (Höchstwert unter 0 °C) und 99 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Im ganzen Jahr fielen 838 mm Niederschlag.

(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)