DER CHRONIST
Mit dem Abzug der Interalliierten Militär-Kontrollkommission im Januar endet für das Deutsche Reich eine sieben Jahre währende Überwachung seiner Abrüstung — ein erster sichtbarer Schritt zurück in die internationale Normalität, dem im Sommer die Einführung einer reichsweiten Arbeitslosenversicherung als sozialpolitischer Meilenstein folgt. Doch Reichspräsident Hindenburgs Tannenberg-Rede im September zeigt, wie unversöhnt die Kriegsschuldfrage in weiten Teilen der Bevölkerung bleibt. Berlin selbst erlebt ein Jahr der Superlative: Fritz Langs „Metropolis" feiert im Januar Uraufführung, im Mai erschüttert ein Börsenkrach die Reichshauptstadt als Vorbeben kommender Krisen, im Herbst eröffnet Erwin Piscator sein politisches Theater und Otto Klemperer die Kroll-Oper für die musikalische Avantgarde. Aus Amerika kommen mit Charles Lindberghs Ozeanflug und dem ersten Tonfilm zwei Sensationen, die Kontinente und Kinosäle in Atem halten, während in China der Bürgerkrieg zwischen Kuomintang und Kommunisten mit dem Massaker von Shanghai eine blutige Wendung nimmt und in Massachusetts die umstrittene Hinrichtung zweier italienischer Einwanderer weltweit Proteststürme auslöst. Auf der Solvay-Konferenz in Brüssel schließlich ringt die versammelte Physiker-Elite um Werner Heisenbergs neue Unschärferelation — ein stilles Ereignis, dessen Tragweite erst die Zukunft erweisen wird.
„Metropolis" feiert Uraufführung im Ufa-Palast am Zoo

Am 10. Januar versammelt sich in Berlins Ufa-Palast am Zoo die Prominenz aus Politik, Presse und Gesellschaft zur Uraufführung von „Metropolis", dem monumentalen Zukunftsfilm des Regisseurs Fritz Lang. Zwei Jahre Drehzeit, gewaltige Studiobauten in Babelsberg und ein Millionenbudget haben ein Werk entstehen lassen, das die geteilte Zukunftsstadt zwischen Herrschenden und Arbeitern in gigantischen Kulissen entwirft — mit der von Brigitte Helm gespielten Doppelrolle der Maria und ihres Maschinenmenschen als optischem Höhepunkt. Die Fassung der Uraufführung umfasst 4.189 Meter Filmlänge.
Die Reaktionen fallen gespalten aus: Neben Bewunderung für die technische Bildgewalt wird dem Film Überlänge und ein allzu plakatives Botschaftsende vorgeworfen. An den Kinokassen bleibt der Erfolg hinter den Erwartungen zurück, sodass die Ufa noch im Jahresverlauf eine deutlich gekürzte Fassung von 3.241 Metern für den bundesweiten Verleih herausbringt. Dennoch gilt „Metropolis" bereits jetzt als teuerste und ambitionierteste Produktion, die das deutsche Kino je gewagt hat.
Shanghai-Massaker besiegelt Bruch zwischen Kuomintang und Kommunisten

Am 12. April lässt Chiang Kai-shek, Oberbefehlshaber der Nationalrevolutionären Armee der Kuomintang, in Shanghai die von Kommunisten geführten Arbeitermilizen der Stadt gewaltsam entwaffnen. Bei der Aktion und den folgenden Straßenkämpfen sterben mehrere hundert Menschen; als Gewerkschafter und Studenten tags darauf gegen das Vorgehen protestieren, eröffnen Regierungstruppen erneut das Feuer. Der Bruch zwischen der bislang mit sowjetischer Unterstützung verbündeten Kuomintang und der Kommunistischen Partei Chinas, seit dem Tod Sun Yat-sens 1925 ohnehin brüchig, ist damit endgültig vollzogen — Chiang ruft in Nanking eine eigene Nationalregierung aus, die mit der noch kommunistenfreundlichen Regierung in Wuhan um die Führung der chinesischen Revolution konkurriert.
Im gesamten Land setzt in den folgenden Monaten eine Verfolgungswelle gegen tatsächliche und vermeintliche Kommunisten ein, der landesweit bereits jetzt Zehntausende zum Opfer gefallen sind. Der zuvor gemeinsam gegen die Kriegsherrenprovinzen geführte Feldzug der Kuomintang zur Einigung Chinas wandelt sich damit in einen offenen Bürgerkrieg zwischen den ehemaligen Verbündeten.
„Schwarzer Freitag" erschüttert die Berliner Börse

An der Berliner Börse bricht am 13. Mai der Aktienindex des Statistischen Reichsamts um 31,9 Prozent ein — der schwerste Kurssturz, den die Reichshauptstadt seit der Währungsstabilisierung erlebt hat. Auslöser ist eine plötzliche Verschärfung der Devisenbewirtschaftung durch die Reichsbank: Deutschen Kreditinstituten wird die Aufnahme neuer kurzfristiger Auslandskredite untersagt, bestehende sind zurückzuzahlen. Da ein erheblicher Teil der zuvor an den Börsen betriebenen Spekulation auf amerikanischen Dollarkrediten beruhte, bricht mit dem Kreditentzug binnen weniger Stunden ein Kartenhaus zusammen, das die Kurse zuvor monatelang künstlich hochgetrieben hatte.
Banken und Großanleger, die auf weiter steigende Kurse gesetzt hatten, erleiden empfindliche Verluste; das Vertrauen in die junge Stabilität der Reichsmark-Wirtschaft erhält einen schweren Dämpfer. Auch wenn sich die Realwirtschaft rasch wieder fängt, bleibt der „Schwarze Freitag" von Berlin ein Menetekel für die Abhängigkeit der deutschen Konjunktur von kurzfristigem amerikanischem Kapital.
Charles Lindbergh gelingt der erste Alleinflug über den Atlantik

Der 25 Jahre alte amerikanische Postflieger Charles Lindbergh startet am 20. Mai in seiner eigens für den Flug konstruierten einmotorigen „Spirit of St. Louis" von Long Island bei New York aus zu einem Wagnis, an dem zuvor mehrere erfahrene Flieger gescheitert oder ums Leben gekommen waren: dem ersten Alleinflug ohne Zwischenlandung über den Atlantik. Um Gewicht zu sparen, hat er auf Funkgerät und Fallschirm verzichtet und blickt durch ein Periskop nach vorn, da die Frontscheibe vom zusätzlichen Treibstofftank verdeckt ist. Nach 33,5 Stunden und knapp 5.800 Kilometern über offenem Meer, in denen er vor allem gegen die eigene Erschöpfung kämpft, landet er am Abend des 21. Mai auf dem Flugfeld Le Bourget bei Paris, wo ihn eine jubelnde Menge von schätzungsweise 150.000 Menschen erwartet.
Der Flug macht den bis dahin unbekannten Postflieger über Nacht zum meistgefeierten Mann der Welt und beflügelt das öffentliche Interesse an der noch jungen Luftfahrt wie kein Ereignis zuvor. Auch in Deutschland verfolgt die Presse Lindberghs Reise mit ungeteilter Bewunderung für eine Leistung, die als Triumph des Einzelnen über Ozean und Technik gefeiert wird.
Der Nürburgring wird in der Eifel eröffnet

Mit dem Eifelrennen für Motorräder wird am 18. Juni in der Eifel der neue Nürburgring eröffnet, tags darauf folgt das erste Automobilrennen auf der Strecke. Die als Notstandsarbeit zur Bekämpfung der regionalen Arbeitslosigkeit konzipierte und binnen gut zwei Jahren gebaute Rennstrecke umfasst mit Nord- und Südschleife zusammen rund 28 Kilometer und schlängelt sich mit über 170 Kurven durch das bewaldete Mittelgebirge rings um die Burg Nürburg. Rund 85.000 Zuschauer verfolgen an den beiden Renntagen das Geschehen; das Automobilrennen gewinnt Rudolf Caracciola auf einem Mercedes-Kompressorwagen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 96,5 Kilometern pro Stunde.
Mit dem Nürburgring erhält der deutsche Motorsport eine permanente Prüfstrecke von internationalem Rang, die zugleich als Vorzeigeprojekt gegen die Not der Eifelregion gilt — Tausende Bauarbeiter haben an der Trasse ihr Auskommen gefunden.
Reichstag beschließt Arbeitslosenversicherung für das ganze Reich

Mit großer Mehrheit von 355 gegen 47 Stimmen verabschiedet der Reichstag am 7. Juli das am 16. Juli ausgefertigte „Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung" (AVAVG), das zum 1. Oktober in Kraft tritt. Erstmals erhalten Arbeiter und Angestellte im ganzen Reich einen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit, finanziert über paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebrachte Beiträge. Zur Durchführung wird die neue Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung mit Sitz in Berlin geschaffen; ihr erster Präsident wird Friedrich Syrup.
Das Gesetz gilt als einer der bedeutendsten sozialpolitischen Fortschritte der Weimarer Republik und rückt Deutschland näher an Länder wie Großbritannien heran, die eine solche Versicherung bereits länger kennen. Die Berechnungen der Reichsanstalt gehen von einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit aus, die das neue System bequem verkraften soll — eine Annahme, die sich als folgenreich optimistisch erweisen könnte, sollte sich die Konjunktur einmal deutlich eintrüben.
Hinrichtung von Sacco und Vanzetti löst weltweite Proteste aus

Kurz nach Mitternacht am 23. August werden die italienischstämmigen Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti im Staatsgefängnis von Charlestown, Massachusetts, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Die beiden Männer waren 1921 wegen eines Raubmordes zum Tode verurteilt worden, in einem Prozess, dem Beobachter auf beiden Seiten des Atlantiks vorwerfen, weniger von Beweisen als von der Fremdenfeindlichkeit und dem Antikommunismus jener Jahre geprägt gewesen zu sein. Trotz jahrelanger Revisionsbemühungen, internationaler Solidaritätskampagnen und eines Gutachtergremiums, das dem Gouverneur von Massachusetts letzte Zweifel nicht ausräumen konnte, lehnt dieser eine Begnadigung ab.
Am Vorabend der Hinrichtung versammeln sich rund 20.000 Menschen auf dem Boston Common zum Protest, in den Tagen danach säumen geschätzte 200.000 Menschen die Straßen beim Trauerzug. Auch in europäischen Hauptstädten, darunter Berlin, Paris und London, kommt es zu Kundgebungen und Streiks gegen das aus Sicht vieler Beobachter unrechtmäßige Todesurteil — der Fall Sacco und Vanzetti wird zu einem der meistdiskutierten Justizskandale der Zeit.
Aus heutiger Sicht
Erst 1977, zum fünfzigsten Jahrestag der Hinrichtung, erklärt der Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, offiziell, dass Sacco und Vanzetti kein faires Verfahren erhalten hätten und jede Schande von ihrem Namen und dem ihrer Familien zu nehmen sei — eine späte, von Historikern bis heute diskutierte Rehabilitierung, die an der Frage ihrer tatsächlichen Schuld nichts endgültig klärt.
Erwin Piscator eröffnet sein politisches Theater am Nollendorfplatz

Am 3. September eröffnet der Regisseur Erwin Piscator am Theater am Nollendorfplatz seine eigene Bühne mit Ernst Tollers Zeitstück „Hoppla, wir leben!" — finanziert vom Berliner Industriellen Ludwig Katzenellenbogen, dem Ehemann der Schauspielerin Tilla Durieux. Piscator, der das Theater bewusst als politisches Instrument versteht, setzt auf revolutionäre Bühnentechnik: Filmprojektionen, Simultanbühnen und Laufbänder verschmelzen dokumentarisches Material mit dem Live-Spiel der Schauspieler zu einer Form, die er selbst als „episches Theater" bezeichnet. Für Bühnenbilder gewinnt er den Fotomonteur John Heartfield, für Plakate den Maler George Grosz; zeitweise arbeitet auch der junge Dramatiker Bertolt Brecht in der Dramaturgie der neuen Bühne mit.
Mit der Piscator-Bühne erhält Berlins ohnehin lebendige Theaterszene ein Zentrum des sozialkritischen Gegenwartstheaters, das über die Reichshauptstadt hinaus Aufsehen erregt und ein Publikum anzieht, das im Theater weniger Unterhaltung als politische Stellungnahme sucht.
Hindenburgs Tannenberg-Rede stellt die deutsche Kriegsschuld infrage

Vor mehr als 70.000 Menschen weiht Reichspräsident Paul von Hindenburg am 18. September in Ostpreußen das neu errichtete Tannenberg-Denkmal ein, das an seinen Sieg über die russische Armee im Jahr 1914 erinnert. In Generalfeldmarschall-Uniform erschienen — ein Auftritt, den liberale und republikfreundliche Blätter als Verfassungsbruch in der Sache kritisieren —, nutzt Hindenburg die Zeremonie zu einer grundsätzlichen Erklärung: Das deutsche Volk weise den Vorwurf, den größten aller Kriege verschuldet zu haben, „einmütig" zurück; der Krieg sei für Deutschland vielmehr das letzte Mittel der Selbstbehauptung gegenüber einer feindlichen Welt gewesen. Zugleich fordert er eine Revision des Versailler Vertrags.
Die Rede löst im In- und Ausland heftige Reaktionen aus: Während sie in nationalistischen Kreisen als überfällige Klarstellung begrüßt wird, sehen ausländische Regierungen und die Anhänger der Verständigungspolitik Gustav Stresemanns darin einen schweren Rückschlag für das internationale Vertrauen in die Reichspolitik — ausgerechnet aus dem Munde des höchsten Repräsentanten des Staates.
Aus heutiger Sicht
Reichspräsident Hindenburg wird sechs Jahre später, im Januar 1933, in ähnlich zwiespältiger Rolle Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennen — ein Schritt, den Historiker auch im Licht seiner Tannenberg-Rede und der darin gepflegten Legende vom unbesiegten, nur verratenen deutschen Heer als Ausdruck seiner tiefen Distanz zur parlamentarischen Republik deuten, der er als Präsident eigentlich hätte dienen sollen.
„The Jazz Singer" eröffnet das Zeitalter des Tonfilms

Im New Yorker Warners' Theatre feiert am 6. Oktober „The Jazz Singer" der Warner-Studios Premiere — der erste abendfüllende Spielfilm mit synchron aufgezeichnetem Ton. Hauptdarsteller Al Jolson spricht in einer Szene die inzwischen berühmten Worte „Wait a minute, wait a minute, you ain't heard nothing yet", ehe er ins Singen übergeht; das Publikum reagiert nach anfänglicher Verblüffung mit spontanem Beifall über das ungewohnte Erlebnis, Stimme und Bild zugleich zu erleben. Der überwiegende Teil des Films bleibt stumm mit Musikuntermalung, doch die wenigen gesprochenen und gesungenen Passagen genügen, um eine Sensation auszulösen.
Der kommerzielle Erfolg des Films setzt eine rasche Umwälzung der gesamten Filmindustrie in Gang: Kinos rüsten auf Tonanlagen um, weitere Studios kündigen eigene Tonfilmprojekte an. Für die europäische Filmindustrie, die gerade erst mit Produktionen wie „Metropolis" neue technische Maßstäbe gesetzt hat, zeichnet sich ab, dass sie sich auf einen grundlegenden Umbruch ihres Mediums wird einstellen müssen.
Solvay-Konferenz in Brüssel ringt um die Deutung der Quantenmechanik

Vom 24. bis 29. Oktober tagt in Brüssel die fünfte Solvay-Konferenz für Physik, zu der 29 der bedeutendsten Physiker und Chemiker der Welt zusammenkommen — 17 von ihnen sind bereits Träger des Nobelpreises oder werden ihn noch erhalten. Im Zentrum der Debatten steht die neue Quantenmechanik und mit ihr die von dem 25 Jahre alten Leipziger Physiker Werner Heisenberg erst wenige Monate zuvor veröffentlichte Unbestimmtheitsrelation: Ort und Impuls eines Teilchens lassen sich demnach nicht zugleich beliebig genau bestimmen. Zwischen Niels Bohr, der gemeinsam mit Heisenberg für die sogenannte „Kopenhagener Deutung" eintritt, und Albert Einstein, der sich mit der statistischen Natur der neuen Theorie nicht abfinden will, entspinnt sich eine Debatte, die die Physik noch lange beschäftigen dürfte.
Für die junge Generation der Quantenphysiker markiert die Konferenz einen Durchbruch: Ihre Deutung der subatomaren Welt setzt sich gegen den Widerstand der älteren, mit Einstein und Max Planck verbundenen Physikergeneration weitgehend durch — wenngleich Einstein selbst nicht aufhört, mit immer neuen Gedankenexperimenten Zweifel anzumelden.
Aus heutiger Sicht
Einsteins Zweifel an der „Kopenhagener Deutung" verstummen nie ganz, doch erst Experimente der 1980er und 2000er Jahre auf Grundlage des 1964 von John Stewart Bell formulierten Theorems bestätigen die statistischen Vorhersagen der Quantenmechanik gegen alternative Erklärungen mit „verborgenen Variablen" — eine Klärung, für die drei beteiligte Physiker 2022 den Nobelpreis erhalten.
Otto Klemperer eröffnet die Kroll-Oper für die musikalische Moderne

Mit einer Neuinszenierung von Beethovens „Fidelio" gibt der Dirigent Otto Klemperer am 19. November an der Berliner Kroll-Oper gegenüber dem Reichstag sein Debüt als künstlerischer Leiter des Hauses — die erste Produktion, die ganz seinem Programm einer konsequent modernen, von Verzierung befreiten Musiktheater-Praxis folgt. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Hans Curjel will Klemperer aus dem Haus, das der Berliner Volksbühne als zweite Spielstätte dient, eine „Volksoper" der Avantgarde machen: Werke von Arnold Schönberg, Igor Strawinsky und Paul Hindemith sollen künftig neben dem klassischen Repertoire stehen und zeitgenössischen Komponisten eine Bühne in der Reichshauptstadt bieten.
Kritiker und Publikum reagieren auf die kühle, von historisierendem Bühnenzauber befreite Deutung des „Fidelio" gespalten; doch schon mit diesem ersten Abend ist klar, dass Klemperer der Kroll-Oper ein Profil zu geben gedenkt, das sie von den beiden traditionsreicheren Berliner Opernhäusern, der Staatsoper Unter den Linden und der Städtischen Oper, deutlich unterscheidet.
Erste „Miss Germany" wird im Sportpalast gekrönt

Bei der maskierten „Nacht der Frauen" im Berliner Sportpalast wählt am 5. März erstmals eine Jury eine deutsche Schönheitskönigin: Die 21 Jahre alte Hildegard Kwandt aus Ostpreußen setzt sich gegen die Konkurrentinnen durch und wird mit einem Blumenkranz zur ersten „Miss Germany" gekrönt. Der Jury gehören unter anderem der Regisseur Fritz Lang — erst zwei Monate zuvor mit „Metropolis" im Ufa-Palast am Zoo gefeiert —, der Bildhauer Ernesto de Fiori, der Maler Joseph Oppenheimer sowie der Berliner Conférencier Max Ehrlich an. Ein zeitgenössischer Bericht rühmt an der Siegerin „zierlichen Wuchs, schön proportionierte Beine, ein hübsches, sympathisches, dunkelblond umrahmtes Gesicht".
Über Nacht wird aus der jungen Frau eine gefragte Person des öffentlichen Lebens: Mehr als 200 Verlobungsanträge sollen sie erreichen, für eine einzige Modenschau erhält sie ein Honorar von 250 Reichsmark — das Fünffache eines wöchentlichen Facharbeiterlohns. Noch im selben und im folgenden Jahr reist Kwandt quer durch Deutschland und bis nach Amerika, während die Presse bereits über eine Fortsetzung des Wettbewerbs im kommenden Jahr rätselt.
Alfred Hugenberg übernimmt die Mehrheit an der Ufa

Der Vorsitzende der national-konservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und Herr über einen weitverzweigten Zeitungs- und Nachrichtenkonzern, Alfred Hugenberg, erwirbt am 26. März die Aktienmehrheit an der finanziell angeschlagenen Universum Film AG (Ufa) — jenem Konzern, der erst im Januar mit „Metropolis" für Aufsehen gesorgt hat. Mit dem Einstieg des früheren Krupp-Direktors gerät neben Hunderten von Zeitungen und der halbamtlichen Nachrichtenagentur Telegraphen-Union nun auch das größte deutsche Filmunternehmen in den Einflussbereich eines Mannes, dessen politische Überzeugungen weit rechts der bürgerlichen Mitte stehen.
Beobachter der Filmbranche registrieren den Einstieg mit Sorge um die künstlerische Unabhängigkeit des Studios, während Hugenberg selbst betont, an der geschäftlichen Sanierung, nicht an der politischen Ausrichtung der Produktionen interessiert zu sein.
Aus heutiger Sicht
Hugenbergs Presse- und Filmmacht wird in den folgenden Jahren zu einem wichtigen Hebel für die Verbreitung nationalistischer und später nationalsozialistischer Propaganda: 1931 besiegelt er mit Hitler die „Harzburger Front", im Januar 1933 tritt er als Reichswirtschafts- und -ernährungsminister in Hitlers erstes Kabinett ein — in der irrigen Annahme, die Nationalsozialisten dadurch einhegen zu können.
Der Hindenburgdamm verbindet Sylt mit dem Festland

Nach vier Jahren Bauzeit und Kosten von rund 25 Millionen Reichsmark weiht Reichspräsident Paul von Hindenburg am 1. Juni den gut 11 Kilometer langen Eisenbahndamm ein, der die Nordseeinsel Sylt erstmals fest mit dem Festland bei Klanxbüll verbindet. Die Firmen Philipp Holzmann aus Frankfurt und Peter Fix Söhne aus Duisburg haben sich mit den Bauarbeiten von je einer Seite der Wattflächen entgegengearbeitet; über den fertigen Damm rollen nun täglich Reisezüge, die den Sylt-Verkehr unabhängig von Wind, Wetter und Tide machen. Der Name „Hindenburgdamm" geht auf eine spontane Idee eines Westerländer Stadtverordneten beim Festessen zurück, ist von der Reichsbahn selbst zunächst nicht vorgesehen, setzt sich in der Bevölkerung aber sogleich durch.
Für die Insulaner endet mit dem Dammbau die Zeit, in der Sylt nur mit dem Postschiff und bei schwerem Wetter mitunter tagelang gar nicht zu erreichen war — ein Fortschritt, von dem sich Fremdenverkehr und Handel der Insel viel versprechen.
Reichsbahn führt reichsweit die 24-Stunden-Zeitangabe ein

Mit Beginn des Sommerfahrplans zum 15. Mai stellt die Deutsche Reichsbahn ihre gesamte Zeitangabe von der bisherigen zweimal-zwölf-Stunden-Zählung auf die durchgehende 24-Stunden-Zählung um — zwei Wochen bevor die internationale Umstellung für alle europäischen Eisenbahnen ohnehin verbindlich wird. „Statt 1 Uhr nachmittags heißt es nun 13 Uhr", erläutert die Reichsbahn den verwirrten Reisenden in ihren Aushängen, und auch Abfahrts- und Ankunftszeiten in Kursbüchern, auf Bahnhofstafeln und in Fahrkarten werden fortan einheitlich von 0 bis 24 Uhr gezählt.
Was zunächst nach einer trockenen Verwaltungsvorschrift klingt, erspart Reisenden und Fahrdienstleitern gleichermaßen die bisher üblichen Verwechslungen zwischen Vormittags- und Nachmittagsterminen und setzt sich binnen kurzer Zeit auch außerhalb der Bahnhöfe als gebräuchliche Zeitangabe durch.
AM RANDE NOTIERT
- 7. Januar — Zwischen New York und London wird das erste transatlantische Ferngespräch der Geschichte per Funktelefon geführt.
- 30. Januar — Bei der Landtagswahl in Thüringen wird die bürgerliche Einheitsliste mit 33,7 Prozent stärkste Kraft vor der SPD (31,6 %) und der KPD (14,1 %).
- 31. Januar — Die Interalliierte Militär-Kontrollkommission stellt nach dem Pariser Abkommen über die deutschen Grenzbefestigungen ihre siebenjährige Überwachungstätigkeit ein.
- Mai — Die Genfer Weltwirtschaftskonferenz des Völkerbunds berät über den Abbau von Zöllen und Handelsschranken in Europa.
- 12. Juni — Im Deutschen Stadion in Berlin gewinnt 1. FC Nürnberg mit 2:0 gegen Hertha BSC das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft — der fünfte Titel der „Club"-Elf.
- 6. November — Max Schmeling verteidigt in Leipzig durch K. o. in der siebten Runde gegen Hein Domgörgen seinen deutschen und europäischen Halbschwergewichtstitel.
- 27. November — Mit dem Stresemann-Jackowski-Abkommen entspannt sich der seit 1925 andauernde deutsch-polnische Zollkrieg vorübergehend durch einen kurzfristigen Handelsvertrag.
- In Berlin-Britz wachsen unter der Leitung des Architekten Bruno Taut und der Bauträgerin Gehag weitere Bauabschnitte der Hufeisensiedlung heran, eines der ambitioniertesten Wohnungsbauprojekte für Arbeiter und Angestellte im Reich.
- 28. Februar — Nach jahrelangem behördlichem Verbot des Straßenkarnevals zieht der Kölner Rosenmontagszug unter dem Motto „Die alte und die neue Zeit" erstmals seit Kriegsbeginn 1914 wieder durch die Stadt.
- Frühjahr — Auf der Leipziger Frühjahrsmesse stellt der Essener Konzern Krupp den neuen Hartmetall-Schneidstoff „Widia" („hart wie Diamant") vor, der die Werkzeugindustrie revolutionieren soll.
- Im Herbst — In Fürth gründet der Kaufmann Gustav Schickedanz das Versandgeschäft „Quelle", aus dem eines der größten deutschen Versandhäuser hervorgehen wird.
WIRTSCHAFT · 1927
Das Jahr steht im Zeichen der fortgesetzten Erholung nach der Hyperinflation von 1923: Getragen von einem Investitionsboom, der zu erheblichen Teilen auf kurzfristigen amerikanischen Krediten beruht, wächst die deutsche Industrie kräftig, und der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters steigt auf 148 Reichsmark — nach 139 RM im Vorjahr ein Plus von rund 6,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit sinkt in der kurzen Stabilisierungsphase 1927/28 auf etwa 6 Prozent, wobei nach wie vor rund 1,5 Millionen Menschen im Reich ohne Arbeit gemeldet sind — für sie tritt zum 1. Oktober die neue Arbeitslosenversicherung in Kraft, wie an anderer Stelle berichtet. Wie brüchig der Aufschwung ist, zeigt der „Schwarze Freitag" der Berliner Börse im Mai, ebenfalls an anderer Stelle vermerkt: Ein erheblicher Teil der Prosperität hängt am Tropf ausländischen, vor allem amerikanischen Kapitals, dessen plötzlicher Abzug die Kurse binnen Stunden einbrechen lässt.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 0,38 RM
- Butter (1 kg) — 4,20 RM
- Milch (1 l) — 0,31 RM
- Bier (0,5 l) — 0,36 RM
- Zeitung (Tagesausgabe) — 10 Reichspfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1927
Zum meistbeachteten Ereignis des Jahres, Charles Lindberghs Alleinflug über den Atlantik, meldet sich auch die Wiener Presse mit ungeteilter Bewunderung zu Wort:
„Eine sportliche Höchstleistung und eine Großtat menschlichen Mutes. Wie nahe sind Amerika und Europa einander gerückt!" — Neue Freie Presse, 22. Mai 1927
Wochen später, in einer ausführlichen Reportage über den inzwischen zur Ikone gewordenen Flieger, hebt die Wiener Journalistin Ann Tizia Leitich dessen demonstrative Bescheidenheit hervor:
„Er vermeidet das ominöse Wort ‚Ich'. ‚We' sagt er statt dessen." — Neue Freie Presse, 3. Juli 1927
SPORT · 1927
Im Motorsport setzt die Eröffnung des Nürburgrings im Juni das Ereignis des Jahres, während Max Schmeling mit seinem Titelgewinn im Halbschwergewicht und dessen Verteidigung im November zum aufsteigenden Stern des deutschen Boxsports wird. Im Fußball behauptet sich der „Club" aus Nürnberg als das Maß aller Dinge im Reich, während Berlins Vereine noch auf ihren ersten großen Titel warten müssen. Im Winter füllt wieder das Berliner Sechstagerennen im Sportpalast tagelang die Ränge, und auf der AVUS im Grunewald liefern sich die schnellsten Rennwagen des Kontinents ihre Duelle vor Zehntausenden Zuschauern — Berlin bleibt neben Fußball und Boxsport auch als Schauplatz des Motorsports ein Anziehungspunkt für ein sportbegeistertes Massenpublikum.
MODE · 1927
Das Modebild des Jahres bleibt geprägt von der knabenhaften Silhouette der „Garçonne": kurze, gerade geschnittene Kleider mit tief angesetzter Taille, dazu der kurze Bubikopf, der in diesem Jahr endgültig auch in bürgerlichen Kreisen Berlins zur akzeptierten Frisur avanciert. Cloche-Hüte mit eng anliegender Glockenform vervollständigen das Bild der modernen, sportlich-selbstbewussten jungen Frau, wie es auf den Straßen des Berliner Westens und in den Revuen der Reichshauptstadt zu besichtigen ist. Bei den Herren setzen sich schmalere Anzugsschnitte und der zweireihige Mantel durch, während der Schlips in kräftigeren Mustern gegenüber der schlichten Vorkriegsmode an Boden gewinnt.
KINO & FUNK · 1927
An den deutschen Kinokassen ist das Jahr vor allem eines der einheimischen Superlative: „Metropolis" eröffnet im Januar mit gewaltigem Aufwand das Kinojahr, auch wenn die Ufa die Fassung noch vor Jahresende deutlich kürzt, um an den Kassen bestehen zu können. Zugleich verschiebt sich die Machtstruktur der Branche: Mit dem Einstieg Alfred Hugenbergs bei der Ufa im März gerät das größte deutsche Filmunternehmen unter den Einfluss eines Verlegers, der bislang vor allem als Zeitungs- und Nachrichtenmagnat bekannt war. Aus den Vereinigten Staaten meldet sich im Oktober mit „The Jazz Singer" eine Sensation, die auch in Berlin mit Spannung diskutiert wird: dem ersten Spielfilm mit synchronem Ton, dem viele in der Branche schon jetzt eine Revolution des Mediums zutrauen.
Im Rundfunk, der seit der Gründung der Funk-Stunde Berlin 1923 rasch an Hörern gewinnt, übernimmt 1927 der Wiesbadener Theaterintendant Carl Hagemann die künstlerische Leitung; Vorträge, Musiksendungen und Hörspiele füllen die Sendezeit, während unter den Hörern nach amtlichen Schätzungen zahlreiche „Schwarzhörer" ohne die vorgeschriebene Rundfunkgebühr von 2 Mark im Monat mitlauschen.
GESTORBEN · 1927
- Isadora Duncan (50), US-amerikanische Tänzerin und Wegbereiterin des modernen Tanzes — 14. September, Nizza.
- Hugo Ball (41), deutscher Schriftsteller und Mitbegründer der Dada-Bewegung — 14. September, Sant'Abbondio (Schweiz).
- Juan Gris (40), spanischer Maler des Kubismus — 11. Mai, Boulogne-Billancourt bei Paris.
- Svante Arrhenius (68), schwedischer Chemiker und Physik-Nobelpreisträger — 2. Oktober, Stockholm.
- Willem Einthoven (67), niederländischer Physiologe, Erfinder des Elektrokardiographen und Medizin-Nobelpreisträger — 29. September, Leiden.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1927
- Erste transatlantische Telefonverbindung (7. Januar, New York/ London). Erstmals lässt sich ein Gespräch per Funktelefon über den ganzen Atlantik hinweg führen — ein Meilenstein für die weltweite Kommunikation.
- Nobelpreis für Physik an Arthur Compton und Charles T. R. Wilson (November, Stockholm). Der Amerikaner wird für den nach ihm benannten Streueffekt geehrt, der Schotte für seine Nebelkammer, die die Bahnen einzelner geladener Teilchen sichtbar macht.
- Nobelpreis für Medizin an Julius Wagner-Jauregg (Oktober, Stockholm). Der Wiener Psychiater wird für die Entdeckung der Fiebertherapie mittels Malaria-Impfung bei fortgeschrittener Nervenlähmung geehrt — die erste Nobelpreisvergabe an einen Psychiater überhaupt.
- Nobelpreis für Literatur an Henri Bergson (November, Stockholm). Der französische Philosoph wird für den Ideenreichtum und die glänzende Darstellungskunst seines Werks ausgezeichnet.
- Friedensnobelpreis für Ferdinand Buisson und Ludwig Quidde (Dezember, Oslo). Der französische Pädagoge und der deutsche Pazifist werden gemeinsam für ihren Beitrag zu einer deutsch-französischen Verständigungsbewegung geehrt — ein Zeichen der Hoffnung mitten in einem von nationalen Ressentiments belasteten Jahrzehnt.
DAS WETTER · 1927 in Berlin
An diesem 13. Juli zeigte sich in Berlin-Dahlem ein trockener, warmer Sommertag: Höchstwert 26,0 °C, nachts 16,0 °C — im Mittel aus beiden Werten rund 21 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor) —, dabei fiel kein Niederschlag (0,0 mm).
Das Jahr über: Wärmster Tag war der 1. Juni mit 31,3 °C, kältester der 21. Dezember mit −19,4 °C. Die Station zählte 86 Frosttage und 24 Sommertage (≥ 25 °C); der Jahresniederschlag lag bei 692 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,3 °C, das Tagesminimum 4,8 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1927
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Es steht ein Soldat am Wolgastrand (aus der Operette „Der Zarewitsch", Uraufführung 16. Februar 1927) — Richard Tauber
- Blue Skies — Ben Selvin und sein Orchester
- Ausgerechnet Bananen — Marek Weber Orchester
- Diane (aus dem Film „7th Heaven") — Nat Shilkret und das Victor-Orchester
- Valencia — Paul Godwin Orchester
- Ich hab mich am Rhein in ein Mädel verliebt — Kalliope Orchester
- My Blue Heaven — Gene Austin
- Berlin ist ja so groß — Otto Reutter
- Was machst du mit dem Knie, lieber Hans — Efim Schachmeister Orchester
- Stardust — Hoagy Carmichael and His Pals
- Puppchen, du bist mein Augenstern (aus der Operette „Puppchen") — Marek Weber Orchester
- O wie praktisch — Claire Waldoff
- Muß i denn zum Städtele hinaus — schwäbisches Volkslied, in zahlreichen Kapellen- und Chorfassungen
- Ain't She Sweet — Lou Gold Orchester
- Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren — Richard Tauber
- Nehm'n Sie 'n Alten! — Otto Reutter
- Sunday — Jean Goldkette und sein Orchester
- Ich hab' das Fräulein Helen baden sehn — Fritz Grünbaum
- Berliner sein genügt (aus der Revue „Von Mund zu Mund") — Claire Waldoff
- Me and My Shadow — Whispering Jack Smith
Quellen: Musikjahr 1927 (de.wikipedia.org) · Operetten- und Schlager-Diskografien (secondhandsongs.com · otto-reutter.de · musik-sammler.de · discogs.com) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Die SPD tagt in Kiel: Hilferding und der „organisierte Kapitalismus“
Vom 22. bis 27. Mai tagt in Kiel der 34. Reichsparteitag der SPD; die Stadt verlängert den Flaggenschmuck eigens bis Ende Mai. Die Eröffnung findet am 22. Mai in der Nord-Ostsee-Halle statt, der Messehalle an der Gutenbergstraße, die 1925 gebaut wurde und 170 Meter lang ist. Die weiteren Sitzungen folgen im Gewerkschaftshaus. 415 Delegierte versammeln sich unter dem Motto „Heran an das Volk“.
Im Mittelpunkt steht das Hauptreferat von Rudolf Hilferding, „Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik“. Er beschreibt den Wandel vom Konkurrenzkapitalismus zum „organisierten Kapitalismus“ und setzt auf den demokratischen Weg zum Sozialismus; Theorien vom bevorstehenden Zusammenbruch der Wirtschaftsordnung lehnt er ab. Die Beschlussvorlage des Parteivorstands wird mit Mehrheit angenommen, ein Gegenantrag der Linken scheitert mit 255 zu 83 Stimmen. Außerdem beschließt der Parteitag ein Agrarprogramm, an dem Fritz Baade mitgearbeitet hat; es soll helfen, die nächsten Wahlen zu gewinnen.
Im Anschluss tagt vom 27. bis 29. Mai im Gewerkschaftshaus die Reichsfrauenkonferenz der SPD mit 127 Delegierten. Sie fordert ein umfassendes Wohnungsbauprogramm; das Referat über „Wohnungsnot und Wohnungsreform“ hält Hertha Kraus, die Leiterin des Kölner Wohlfahrtsamtes.
Kreuzer „Karlsruhe“ läuft bei den Deutschen Werken vom Stapel
Bei den Deutschen Werken in Kiel wird am 20. August der Leichte Kreuzer „Karlsruhe“ vom Stapel gelassen. Es ist das zweite Schiff der Königsberg-Klasse und trägt auf der Werft die Baunummer 207. Gebaut wird es für die Reichsmarine; die Baukosten betragen 36 Millionen Reichsmark.
Die Taufrede hält der Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe, Finter. Den Taufakt vollzieht Frau Köhler, die Witwe des Fregattenkapitäns Erich Köhler. Er befehligte die frühere „Karlsruhe“ und fiel am 4. November 1914. Das neue Schiff trägt den Namen des älteren Kreuzers weiter.
Flanderndenkmal für das Marinekorps Flandern eingeweiht

Einen Tag nach dem Stapellauf der „Karlsruhe“ wird in Kiel das Flanderndenkmal eingeweiht. Es erinnert an die Gefallenen des Marinekorps Flandern aus den Jahren 1914 bis 1918. Geschaffen hat es der Bildhauer Fritz Theilmann, der 1925 nach Kiel kam und die Abteilung Baukeramik der Kieler Kunstkeramik leitet.
Zur Einweihung versammeln sich Veteranen des Marinekorps Flandern; auch der Chef der Marineleitung, Admiral Hans Zenker, nimmt an der Feier teil.
Aus heutiger Sicht
Das Denkmal verband das Gedenken an die Gefallenen mit der Pflege militärischer Tradition durch Veteranen und Marineleitung. Im Zweiten Weltkrieg wurde es schwer beschädigt und danach abgetragen.
Kinderrepublik Seekamp: Mehr als 2000 Arbeiterkinder zelten an der Förde
Auf Gut Seekamp entsteht im Sommer ein Zeltlager von ungewöhnlicher Größe: die „Kinderrepublik“ der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde. Mehr als 2000 Arbeiterkinder aus dem Reich, aus Dänemark, Österreich und der Tschechoslowakei verbringen hier vier Wochen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft wurde 1923 unter Beteiligung von SPD, Gewerkschaften und Arbeiterwohlfahrt gegründet; seit 1924 leitet sie Kurt Löwenstein. Das Gut, das die Stadt Kiel 1925 gekauft hat, stellt zwei große Scheunen und eine Wiese zur Verfügung.
Die Kinder verwalten sich selbst. Es gibt ein Kinderparlament, Dorf- und Lagerpräsidenten und sogar Minister; die Erwachsenen sind nur Berater. Gefeiert wird unter anderem der „Roter-Falken-Tag“ und eine „Nie-wieder-Krieg-Feier“.
Andreas Gayk, Redakteur der Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung, ruft die „erste freie deutsche Kinderrepublik“ aus. Eröffnet wird die Kinderrepublik in der Kieler Nord-Ostsee-Halle; das Lager dauert vom 16. Juli bis zum 12. August.
Laboe: Grundstein für das Marine-Ehrenmal gelegt
In Laboe legt am 8. August Admiral a. D. Reinhard Scheer den Grundstein für das Marine-Ehrenmal, eine Gedenkstätte für die im Weltkrieg gefallenen deutschen Marinesoldaten. Der Platz liegt auf dem Gelände eines ehemaligen Panzerturms der Kieler Hafenbefestigung.
Die Anregung zu dem Mal gab 1925 der frühere Obermaat Wilhelm Lammertz. Am 6. Juli 1925 beschloss der Delegiertentag des Deutschen Marinebundes in Erfurt den Bau, 1926 stimmte die Gemeinde Laboe zu. Im Jahr der Grundsteinlegung läuft der Architektenwettbewerb: Heinz Stoffregens Entwurf „Der Opferdank“ erhält formal den ersten Preis, die Kommission bevorzugt aber den expressionistischen Entwurf von Gustav August Munzer aus Düsseldorf, den die Preisrichter vereinfacht umgesetzt sehen wollen. Der Kostenrahmen beträgt 500.000 Reichsmark.
Aus heutiger Sicht
Die Grundsteinlegung stand unter dem Eindruck des verlorenen Weltkriegs; Scheers Weihespruch bei der Grundsteinlegung beschwor die Wiederkehr der Flotte und spiegelte die Revanchehoffnung der Zeit. 1936 vereinnahmten die Nationalsozialisten das Ehrenmal. Nach der Rückgabe an den Deutschen Marinebund 1954 wurde es neu gewidmet und 1996 zur Gedenkstätte für die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen umgewidmet.
KURZ NOTIERT · Kiel 1927
- 3. Februar — Konsul Hermann Grimm stirbt. Er gehörte lange der Holtenauer Gemeindevertretung an.
- 11. Mai — Der Magistrat beschließt, den Wilhelmplatz am Schreventeich in „Platz der Republik“ umzubenennen. Auf dem Platz, seit 1883 Markt- und Paradeplatz der Garnison und seit 1894 nach Kaiser Wilhelm I. benannt, war 1918 im Matrosenaufstand Gustav Noske zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates gewählt worden.
- 27. Mai — In Kiel stirbt der Philosoph und Psychologe Götz Martius, geboren 1853 und zweimal Rektor der Universität, 1910/11 und 1916/17.
- 2. Juni — In der Küterstraße 19 brennt die alte sechsflügelige Mühle, ein Wahrzeichen der Altstadt und zuletzt Sägemühle der Maßmannschen Goldleistenfabrik. Sie ist so schwer beschädigt, dass sie abgerissen werden muss.
- 4. August — Das neue Gebäude des Bankhauses Ahlmann am Rathausplatz wird eingeweiht.
- 1927 — Die Kieler Flughafen-Gesellschaft wird gegründet, Träger des geplanten Landflughafens Kiel.
- 1927 — Das Landesarbeitsgericht Kiel entsteht am Landgericht, nachdem das Arbeitsgerichtsgesetz vom 23. Dezember 1926 Arbeitsgerichte im Reich eingeführt hat.
- 1927 — Die Handballer des Turnvereins Hassee-Winterbek wählen Trikots mit Zebrastreifen und holen sich so den Spitznamen „Zebras“.
RUND UM DIE FÖRDE · 1927
- 22. März, Rastorf — Die Gemeinde Rastorfer Passau im Kreis Plön entsteht durch Ausgliederung aus dem Gutsbezirk Rastorf.
SPORT AN DER FÖRDE · 1927
- Holstein Kiel — Die Kieler gewinnen die Staffel Förde der Bezirksliga Schleswig-Holstein und schlagen im Finale der Provinz die FVgg Kilia Kiel mit 5:1. In der norddeutschen Endrunde siegen sie am 13. März gegen Viktoria Wilhelmsburg mit 6:0, belegen in der Siegerstaffel vor dem Hamburger SV den ersten Platz und sind damit zum fünften Mal Norddeutscher Meister.
- Deutsche Meisterschaft — Im Achtelfinale schlägt Holstein Kiel am 8. Mai auf dem Holstein-Platz Titania Stettin mit 9:1. Im Viertelfinale am 22. Mai in Berlin-Tempelhof unterliegt es Hertha BSC mit 2:4.
- FVgg Kilia Kiel — Kilia wird Sieger der Staffel Eider und Vizemeister des Bezirks. In der norddeutschen Endrunde beendet der Verein die Siegerstaffel auf Platz vier.
- Norddeutscher Pokal — Holstein Kiel erreicht das Finale des Pokalwettbewerbs des Norddeutschen Fußball-Verbandes und unterliegt dort dem Hamburger SV mit 1:3.
DAS WETTER · 1927 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 21,7 °C und eine Tiefsttemperatur von 13,0 °C bei einem Mittel von 16,7 °C; Niederschlag fiel keiner (0,0 mm).
Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 8,0 °C. Der wärmste Tag war der 17. Juni mit 28,7 °C, der kälteste der 21. Dezember mit einem Tiefstwert von −16,4 °C. Es gab keinen Hitzetag (Höchsttemperatur ab 30 °C), aber 13 Sommertage (ab 25 °C), 27 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 85 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Im Jahr fielen 1066 mm Niederschlag.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)