DER CHRONIST

Zum Geleit

Die Reichstagswahl vom 20. Mai bringt der SPD den Sieg zurück und führt im Juni zur Bildung einer neuen Großen Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller — kaum im Amt, zerreibt sich das Kabinett am Streit um den Panzerkreuzer A. International schlägt das Jahr versöhnlichere Töne an: In Paris ächten fünfzehn Staaten mit dem Kellogg-Briand-Pakt feierlich den Krieg als Mittel der Politik, während deutsche Flieger und Luftschiffer den Atlantik erobern — die „Bremen" in Ost-West-Richtung im April, der „Graf Zeppelin" mit seiner ersten Amerikafahrt im Oktober. Amsterdam richtet die Olympischen Sommerspiele aus, ein Londoner Bakteriologe entdeckt zufällig das Penicillin, und in Berlin erlebt das Publikum mit der „Dreigroschenoper" einen der größten Theaterskandale und -erfolge der Epoche. Auch die Stadt selbst ordnet sich neu: Mit der BVG entsteht ein einheitlicher Verkehrsbetrieb für ganz Berlin, und auf der Funkausstellung flimmert erstmals ein Fernsehbild über die Mattscheibe. Ein Jahr, das nach vorne blickt — und doch, im Ringen um Panzerkreuzer und Koalitionsdisziplin, die Risse der Weimarer Demokratie nicht verbirgt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Reichstagswahl bringt SPD zurück an die Spitze

Ergebnisse der Reichstagswahl 1928 nach Wahlkreisen
Ergebnisse der Reichstagswahl 1928 nach Wahlkreisen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Bei der Reichstagswahl am 20. Mai kehrt die SPD mit 29,8 Prozent der Stimmen als klar stärkste Kraft in den Reichstag zurück und gewinnt gegenüber der Wahl von 1924 deutlich hinzu. Die nationalistisch-konservative DNVP erleidet mit 14,3 Prozent die schwersten Verluste aller Parteien, das katholische Zentrum kommt auf 12,1 Prozent, die KPD steigert sich auf 10,6 Prozent und die liberale DVP erreicht 8,7 Prozent. Auffällig gering bleibt mit lediglich 2,6 Prozent das Ergebnis der noch jungen NSDAP unter Adolf Hitler — sie schneidet sogar schwächer ab als die bayerische Regionalpartei BVP. Insgesamt verteilen sich 491 Mandate auf den neuen Reichstag, davon 40 auf sieben kleinere Splitterparteien, die zusammen auf 9,4 Prozent der Stimmen kommen.

Das Ergebnis schwächt die bürgerliche Mitte insgesamt und stärkt die Ränder — SPD und KPD gewinnen, während DNVP, DDP und die übrigen Mittelparteien Anteile verlieren. Für die politische Praxis bedeutet der SPD-Sieg vor allem eines: Nach vier Jahren bürgerlicher Minderheits- und Bürgerblock-Regierungen muss eine neue, breitere Koalition gefunden werden, die auch die Sozialdemokratie einschließt.

Die „Bremen" gelingt der erste Ost-West-Atlantikflug

Hermann Köhl, Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und James Fitzmaurice vor der Junkers W 33 „Bremen"
Hermann Köhl, Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und James Fitzmaurice vor der Junkers W 33 „Bremen" (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 12. April starten der deutsche Pilot Hermann Köhl, sein Landsmann Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und der irische Co-Pilot James Fitzmaurice mit der einmotorigen Junkers W 33 „Bremen" vom irischen Flugplatz Baldonnel zum bislang unternommenen Versuch, den Nordatlantik erstmals von Ost nach West zu überqueren — die schwierigere Richtung gegen den vorherrschenden Westwind, an der zuvor mehrere Flieger gescheitert waren. Nach mehr als 36 Stunden in eisiger Kälte und dichtem Nebel gelingt der Besatzung am 13. April die Landung auf der zugefrorenen Greenly Island vor der Küste Labradors — die Maschine wird bei der Notlandung beschädigt, die drei Flieger bleiben unverletzt.

Der Erfolg löst im Deutschen Reich Jubel aus: Nach Charles Lindberghs Alleinflug von West nach Ost im Vorjahr gelingt nun erstmals die umgekehrte, als schwieriger geltende Strecke. Köhl, von Hünefeld und Fitzmaurice werden bei ihrer Rückkehr in New York und im Reich als Helden gefeiert; die „Bremen" selbst bleibt beschädigt auf Greenly Island zurück.

Hermann Müller bildet die zweite Große Koalition

Reichskanzler Hermann Müller, der ab 28. Juni 1928 die zweite Große Koalition führt
Reichskanzler Hermann Müller, der ab 28. Juni 1928 die zweite Große Koalition führt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach sechzehntägigen, schwierigen Verhandlungen empfängt Reichspräsident Paul von Hindenburg am Nachmittag des 28. Juni den Sozialdemokraten Hermann Müller im Reichspräsidentenpalais an der Berliner Wilhelmstraße und ernennt ihn zum Reichskanzler. Müller führt damit die zweite Große Koalition der Republik an — ein Bündnis aus SPD, Zentrum, DDP, BVP und DVP, das nach den Verlusten der bürgerlichen Mitte bei der Wahl vom 20. Mai die einzig tragfähige Mehrheit im Reichstag darstellt.

Das Kabinett gilt vielen Beobachtern von Beginn an als fragiles Zweckbündnis: SPD und DVP vertreten in zentralen Fragen der Sozial- und Wirtschaftspolitik gegensätzliche Interessen, und schon in den ersten Amtsmonaten zeigt sich am Streit um die Finanzierung eines neuen Kriegsschiffs, wie stark die Koalition unter innerer Spannung steht. Dennoch wird Müllers Regierung, getragen von der Hoffnung auf außenpolitische Erfolge wie den vorzeitigen Abzug der Rheinlandbesatzung, zunächst breit akzeptiert.

„Kinderspeisung statt Panzerkreuzer" — der Streit um den Panzerkreuzer A

Der spätere Panzerkreuzer „Deutschland" (vormals Panzerkreuzer A) beim Stapellauf in Kiel, 1931 — das Schiff, um dessen Finanzierung 1928 im Reichstag gestritten wird
Der spätere Panzerkreuzer „Deutschland" (vormals Panzerkreuzer A) beim Stapellauf in Kiel, 1931 — das Schiff, um dessen Finanzierung 1928 im Reichstag gestritten wird (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer" war die SPD im Frühjahr in den Wahlkampf gezogen, um die geplante Finanzierung eines modernen, mit den Versailler Bauvorschriften noch vereinbaren Panzerkreuzers – des sogenannten Panzerkreuzers A – anzuprangern, während zugleich Zuschüsse für die Schulspeisung bedürftiger Kinder zur Debatte standen. Umso mehr überrascht es, dass das neu gebildete Kabinett Müller im August dem Weiterbau einstimmig zustimmt, um eine Regierungskrise innerhalb der frisch geschlossenen Großen Koalition zu vermeiden. Die KPD versucht die Empörung an der SPD-Basis politisch zu nutzen und leitet im August ein Volksbegehren für ein gesetzliches Bauverbot ein; bei der Eintragung Anfang Oktober unterschreiben jedoch nur rund 1,2 Millionen Menschen — knapp 2,9 Prozent der Stimmberechtigten und damit weit unter dem für einen förmlichen Volksentscheid nötigen Zehntel. Das Volksbegehren scheitert, ein Volksentscheid findet nicht statt.

Im November unternimmt die SPD-Reichstagsfraktion selbst noch einen letzten Vorstoß: Unter dem Druck der eigenen Basis beantragt sie im Reichstag die Einstellung des Baus – die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder stimmen, der Fraktionsdisziplin folgend, gegen den eigenen Kabinettsbeschluss, während die Reichstagsmehrheit den Antrag ablehnt. Der Panzerkreuzer-Streit bleibt ein offener Widerspruch im Regierungshandeln der Großen Koalition und ein Vorgeschmack auf die Zerreißproben, die dem jungen Kabinett Müller noch bevorstehen.

Olympische Sommerspiele in Amsterdam — Deutschland wieder dabei

Das eigens errichtete Olympiastadion in Amsterdam, Austragungsort der Sommerspiele 1928
Das eigens errichtete Olympiastadion in Amsterdam, Austragungsort der Sommerspiele 1928 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 28. Juli bis 12. August tragen die Niederlande in Amsterdam die Olympischen Sommerspiele aus — mit 109 Wettbewerben in 14 Sportarten die bislang umfangreichsten der olympischen Geschichte. Erstmals seit dem Ersten Weltkrieg darf eine deutsche Mannschaft wieder antreten; sie reist mit großen Erwartungen an und erringt am Ende zehnmal Gold, siebenmal Silber und 14-mal Bronze — Platz zwei im inoffiziellen Medaillenspiegel hinter den Vereinigten Staaten. Besonders gefeiert wird der Sieg der deutschen Wasserballmannschaft, der erste deutsche Olympiasieg in einer Mannschaftssportart überhaupt. Bei der Eröffnungsfeier wird erstmals in der olympischen Geschichte ein olympisches Feuer entzündet, und der spätere protokollarische Brauch, den Einmarsch der Athleten mit Griechenland zu beginnen und mit der gastgebenden Nation zu beschließen, hat hier seinen Ursprung.

Für die junge Weimarer Republik ist die Rückkehr auf die internationale Sportbühne auch ein politisches Signal: Nach Jahren der außenpolitischen Isolation nimmt das Deutsche Reich wieder gleichberechtigt an einem der größten Ereignisse der internationalen Gemeinschaft teil.

Kellogg-Briand-Pakt: Fünfzehn Staaten ächten den Krieg

Unterzeichnung des Kellogg-Briand-Pakts am 27. August 1928 im französischen Außenministerium in Paris
Unterzeichnung des Kellogg-Briand-Pakts am 27. August 1928 im französischen Außenministerium in Paris (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Pariser Außenministerium unterzeichnen am 27. August Vertreter von fünfzehn Staaten — darunter das Deutsche Reich, Frankreich, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Italien, Japan, Belgien, Polen und die Tschechoslowakei — den nach dem amerikanischen Außenminister Frank B. Kellogg und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand benannten Kriegsächtungspakt. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich darin, auf den Krieg als Mittel nationaler Politik zu verzichten und internationale Streitigkeiten künftig ausschließlich mit friedlichen Mitteln beizulegen. Für das Deutsche Reich unterzeichnet Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der bereits im Mai in einer vielbeachteten Rede in Heidelberg für einen Wandel der internationalen Beziehungen geworben hatte.

Dem Pakt fehlen wirksame Sanktionsmechanismen gegen Vertragsbrüche, und Kritiker bezweifeln von Anfang an seine praktische Durchsetzungskraft. Dennoch gilt die Unterzeichnung als bedeutendes Symbol einer neuen, kooperativeren Ära der internationalen Politik — ein später Höhepunkt der Verständigungspolitik, für die Stresemann seit Jahren wirbt.

„Die Dreigroschenoper" — Skandal und Welterfolg am Schiffbauerdamm

Titelblatt der als Manuskript gedruckten Erstausgabe der „Dreigroschenoper", Wien: Universal-Edition, 1928
Titelblatt der als Manuskript gedruckten Erstausgabe der „Dreigroschenoper", Wien: Universal-Edition, 1928 (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Am 31. August feiert im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die „Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill ihre Uraufführung — ein „Stück mit Musik" nach John Gays „Beggar's Opera", von Elisabeth Hauptmann übersetzt und von Brecht für die Berliner Bühne bearbeitet. In der Titelrolle des Verbrecherkönigs Macheath brilliert Harald Paulsen, während der Bänkelsänger-Song „Die Moritat von Mackie Messer" — erst kurz vor der Premiere hinzugefügt — von Kurt Gerron vorgetragen wird, der zugleich den Polizeichef Tiger Brown spielt; die Rolle der Polly übernimmt Roma Bahn, die auch das „Seeräuberjenny" singt. Regie führt Erich Engel, die Bühnenbilder stammen von Caspar Neher.

Die Uraufführung selbst verläuft zunächst verhalten, doch binnen weniger Tage schlägt die Stimmung um: Das Stück wird zum größten Bühnenerfolg der Saison, mehrere Songs — allen voran die Moritat — verbreiten sich rasch über Berlin hinaus. Mit ihrer schonungslosen Milieuschilderung und der bewusst schroffen Musiksprache Weills markiert die „Dreigroschenoper" einen der prägendsten Theaterabende der Berliner Bühnengeschichte dieser Jahre.

Erste Fernsehvorführungen auf der Großen Deutschen Funkausstellung

Besucherandrang auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, August 1928
Besucherandrang auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, August 1928 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, die am 31. August ihre Tore öffnet, präsentieren gleich zwei Erfinder erstmals einem größeren Publikum ihre Fernsehapparate: Der aus Ungarn stammende Dénes von Mihály zeigt sein Gerät „Telehor", das ein nur 4 mal 4 Zentimeter kleines, aus 900 Bildpunkten zusammengesetztes Bild liefert — mit zehn Bildwechseln pro Sekunde noch weit von einer flüssigen Bewegung entfernt, aber beim Publikum von großer Wirkung. Der Ingenieur August Karolus, der mit der Firma Telefunken zusammenarbeitet, stellt parallel ein technisch weiter fortgeschrittenes System mit einem 8 mal 10 Zentimeter großen Empfangsbild und rund 10.000 Bildpunkten vor — die deutlich bessere Bildqualität bleibt jedoch hinter der Publikumsresonanz für Mihálys kleineres Gerät zurück.

Auf beiden Systemen ist das gezeigte Bild noch weit von einem alltagstauglichen Fernsehempfang entfernt, doch die Vorführungen markieren für die Berliner Ausstellungsbesucher die erste unmittelbare Begegnung mit einer Technik, die eines Tages den Rundfunk um bewegte Bilder ergänzen könnte.

„Graf Zeppelin" fliegt erstmals über den Atlantik

Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" über Berlin, 1928
Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" über Berlin, 1928 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 18. September startet das neue Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" unter dem Kommando von Hugo Eckener in Friedrichshafen zu seiner gut dreistündigen Jungfernfahrt. Nur wenige Wochen später, am 11. Oktober, sticht das Schiff mit 40 Besatzungsmitgliedern und 20 Passagieren zu seiner ersten Fahrt über den Atlantik in See — nach 111 Stunden und 44 Minuten in der Luft landet der „Graf Zeppelin" am 15. Oktober im amerikanischen Lakehurst und vollbringt damit den ersten kommerziellen Passagierflug über den Atlantik der Geschichte. Am 29. Oktober tritt das Luftschiff den Rückflug an und erreicht am 1. November wieder Friedrichshafen.

Die Amerikafahrt wird in den Vereinigten Staaten wie im Deutschen Reich als technische Sensation gefeiert und als Beweis gewertet, dass deutsche Ingenieurskunst wieder auf der Höhe der Zeit ist — ein seltener Anlass für ungetrübten nationalen Stolz in einem politisch angespannten Jahr.

Alexander Fleming entdeckt zufällig das Penicillin

Sir Alexander Fleming, der im September 1928 in London das Penicillin entdeckt (Aufnahme von 1945)
Sir Alexander Fleming, der im September 1928 in London das Penicillin entdeckt (Aufnahme von 1945) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als der schottische Bakteriologe Alexander Fleming Anfang September aus dem Urlaub in sein Labor am St. Mary's Hospital in London zurückkehrt, macht er beim Durchsehen liegen gelassener Kulturschalen eine folgenreiche Beobachtung: Eine Schale mit Staphylokokken-Bakterien ist durch ein am offenen Fenster eingedrungenes Schimmelpilzsporen kontaminiert worden — und rund um den Pilz sind die Bakterien abgestorben. Fleming identifiziert den Pilz als Angehörigen der Gattung Penicillium und erkennt, dass nicht der Pilz selbst, sondern ein von ihm abgesondertes „Pilzsaft" die keimtötende Wirkung entfaltet; er nennt die Substanz Penicillin. In ersten Versuchen zeigt sich die Wirksamkeit gegen eine Reihe gefährlicher Erreger, die Krankheiten wie Scharlach, Lungenentzündung und Diphtherie auslösen.

Fleming selbst kann die Substanz zu diesem Zeitpunkt weder in ausreichender Menge noch in stabiler Form gewinnen, weshalb seine Entdeckung zunächst vor allem in Fachkreisen Beachtung findet. Dennoch gilt der Fund bereits jetzt als eine der folgenreichsten Beobachtungen der modernen Medizin.

Berlin bekommt einen einheitlichen Verkehrsbetrieb — die BVG wird gegründet

Berliner Straßenverkehr an der Potsdamer Brücke, kurz vor der Fusion zur BVG im Dezember 1928 — Omnibusse und Straßenbahnen noch in unterschiedlicher Gestaltung der bisherigen Einzelgesellschaften
Berliner Straßenverkehr an der Potsdamer Brücke, kurz vor der Fusion zur BVG im Dezember 1928 — Omnibusse und Straßenbahnen noch in unterschiedlicher Gestaltung der bisherigen Einzelgesellschaften (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Am 10. Dezember wird in Berlin mit einem Grundkapital von 400 Millionen Reichsmark die Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) gegründet — auf Initiative des Stadtrats für Verkehr, Ernst Reuter. In ihr gehen die bislang getrennt wirtschaftenden Unternehmen der Hochbahngesellschaft (U-Bahn), der Allgemeinen Berliner Omnibus-Actien-Gesellschaft (ABOAG) und der Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH auf. Bislang mussten Fahrgäste, die zwischen U-Bahn, Bus und Straßenbahn umsteigen wollten, mit unterschiedlichen Fahrscheinen und unabgestimmten Fahrplänen zurechtkommen — ein Zustand, der aus der Zeit vor der Bildung Groß-Berlins 1920 stammt, als die einzelnen Bezirke noch eigene, konkurrierende Verkehrsunternehmen betrieben.

Mit der Fusion entsteht künftig ein Verkehrsverbund aus rund 90 Straßenbahnlinien, mehr als 30 Omnibuslinien und sieben U-Bahn-Strecken unter einer einheitlichen Leitung und einem einheitlichen Fahrpreis von 20 Pfennig. Den regulären Betrieb nimmt die BVG zum Jahreswechsel auf — für die Berlinerinnen und Berliner der Beginn einer neuen, bequemeren Ära des öffentlichen Nahverkehrs.

Micky Maus feiert Filmdebüt in „Steamboat Willie"

Micky und Minnie Maus in ihrem Filmdebüt „Steamboat Willie", uraufgeführt am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre
Micky und Minnie Maus in ihrem Filmdebüt „Steamboat Willie", uraufgeführt am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im New Yorker Colony Theatre feiert am 18. November der Zeichentrick- Kurzfilm „Steamboat Willie" seine Premiere — das Debüt der Figur Micky Maus, geschaffen von Walt Disney und animiert von Ub Iwerks. Der von Disney selbst als Micky vertonte Film ist zwar nicht der erste mit der neuen Maus-Figur, aber der erste Zeichentrickfilm mit vollständig synchronisiertem Ton — Musik und Geräusche laufen exakt im Takt mit den Bewegungen auf der Leinwand, eine für das Publikum völlig neue Erfahrung. Wenige Wochen nach der Premiere läuft der Film auch im Roxy Theatre, dem seinerzeit größten Kino der Welt, erneut an.

Kritik und Publikum reagieren begeistert auf die pfiffige, rundliche Zeichentrickfigur und den technischen Kniff der Tonsynchronisation — der Startpunkt einer Karriere, die Micky Maus binnen kurzer Zeit zum bekanntesten Zeichentrickcharakter der Welt machen dürfte.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 11. Juni — Auf der Berliner Stadtbahn zwischen Potsdam und Erkner beginnt der elektrische Betrieb — Auftakt der „Großen Stadtbahn-Elektrisierung", in deren Verlauf 1928 über 115 Kilometer Streckennetz elektrifiziert werden.
  • 20. OktoberAlfred Hugenberg, Medienunternehmer und Vorsitzender des Hugenberg-Konzerns, wird zum neuen Parteivorsitzenden der DNVP gewählt und drängt die Partei auf einen scharf rechten Kurs.
  • 6. November — Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl siegt der Republikaner Herbert Hoover mit großem Abstand über den Demokraten Alfred E. Smith.
  • 1. Oktober — In der Sowjetunion beginnt der erste Fünfjahresplan zur forcierten Industrialisierung des Landes.
  • 10. Oktober — In China übernimmt Chiang Kai-shek nach dem erfolgreichen Abschluss des „Nordfeldzugs" den Vorsitz der neuen Nationalregierung mit Sitz in Nanjing; am 29. Dezember wird die Wiedervereinigung des Landes unter der Kuomintang offiziell verkündet.
  • Der Nobelpreis für Physik wird 1928 von der schwedischen Akademie nicht vergeben — keine der eingereichten Arbeiten erfüllt aus Sicht der Jury die Kriterien des Nobelschen Testaments.
  • 17./18. Juni — Die Amerikanerin Amelia Earhart überquert als erste Frau den Atlantik im Flugzeug — allerdings nur als Passagierin an Bord der „Friendship" (siehe LICHTBLICKE).
  • 1. September — Im Berliner Großen Schauspielhaus feiert die Revue-Operette „Casanova" von Johann Strauss/Ralph Benatzky Premiere und bringt dem jungen Vokalensemble Comedian Harmonists seinen ersten großen Berliner Bühnenauftritt.
  • 29. Juli — Im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft besiegt der Hamburger SV in Altona den Berliner Vertreter Hertha BSC mit 5:2 (siehe SPORT).

SPORT · 1928

Das Sportjahr steht ganz im Zeichen der Olympischen Sommerspiele in Amsterdam, bei denen die deutsche Mannschaft erstmals seit dem Weltkrieg wieder mitwirken darf und mit zehn Goldmedaillen einen beachtlichen zweiten Platz im Medaillenspiegel erringt. Im Fußball gewinnt der Hamburger SV am 29. Juli in Altona mit 5:2 gegen Hertha BSC die Deutsche Meisterschaft — für die Berliner die vierte Finalniederlage binnen weniger Jahre, während der Hamburger Sieg mit Toren von Kolzen (2), Harder, Horn und Rave klar ausfällt. Im Boxring verteidigt der Hamburger Max Schmeling seinen Europameistertitel im Halbschwergewicht erfolgreich mit einem Knockout-Sieg in der ersten Runde über den Italiener Michele Bonaglia — ein weiterer Schritt auf dem Weg des jungen Boxers zur Weltspitze. In Berlin füllt im Winter wieder das traditionsreiche Sechstagerennen im Sportpalast tagelang die Ränge, wenngleich der Wettkampf 1928 auch durch Berichte über abgesprochene Absprachen unter einzelnen Fahrern in Verruf gerät.

MODE · 1928

Die Mode des Jahres 1928 bleibt der schlanken, geraden Linie der „Roaring Twenties" treu, verfeinert sie aber: Rocksäume liegen für den Tag knapp unterhalb des Knies, während Abendkleider durch asymmetrisch gestufte Volants und einen fließenden, oft in der Diagonale zugeschnittenen Stoff neue Bewegung erhalten. Der Bubikopf und die eng anliegende Cloche-Kappe bleiben tonangebend, ergänzt um dezenten Modeschmuck aus Perlen und Straß, wie ihn Modehäuser von Paris bis Berlin propagieren. In Berlin prägen die Auslagen der Modehäuser am Kurfürstendamm und in der Leipziger Straße das Straßenbild, während in den zahllosen Revuen und Kabaretts der Stadt – von der „Dreigroschenoper" bis zur Casanova-Revue im Großen Schauspielhaus – die Kostümbildner mit Pailletten, Federboas und knappen Trikots das Bild der „Neuen Frau" auf die Bühne bringen und von dort in die Schaufenster der Stadt zurückwirken.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1928

  • Amelia Earhart überquert als erste Frau den Atlantik im Flugzeug (17./18. Juni). Die Amerikanerin fliegt als Passagierin mit den Piloten Wilmer Stultz und Louis Gordon in gut 20 Stunden von Neufundland nach Wales — ein Rekord, der sie über Nacht weltberühmt macht.
  • Sigrid Undset erhält den Literaturnobelpreis (Dezember, Stockholm). Die norwegische Schriftstellerin wird für ihre kraftvollen Schilderungen des mittelalterlichen Nordens geehrt — als dritte Frau überhaupt mit dieser Auszeichnung.
  • Adolf Windaus erhält den Chemienobelpreis (Stockholm). Der deutsche Chemiker wird für seine Forschung zur Struktur der Sterine und ihrer Verbindung mit den Vitaminen geehrt — Grundlage für das Verständnis von Vitamin D.
  • Charles Nicolle erhält den Medizinnobelpreis (Stockholm). Der französische Bakteriologe wird für den Nachweis geehrt, dass der Fleckfieber-Erreger durch die Kleiderlaus übertragen wird — eine Erkenntnis, die im Ersten Weltkrieg bereits ungezählte Leben gerettet hat.
  • Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins (September, London). Ein zufälliger Fund im Labor, der nach Einschätzung von Fachleuten das Potential hat, den Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten grundlegend zu verändern (siehe Story 10).

DAS WETTER · 1928 in Berlin

An diesem 13. Juli herrschte in Berlin-Dahlem drückende Sommerhitze: Höchstwert 33,3 °C, nachts kühlte es auf 17,8 °C ab — im Mittel aus beiden Werten rund 25,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor) —, dabei blieb es vollständig trocken (0,0 mm Niederschlag). Ein Hochsommertag dicht am Jahresmaximum.

Das Jahr über: Wärmster Tag war der 16. Juli mit 33,8 °C, kältester der 21. Dezember mit −11,5 °C. Die Station zählte 93 Frosttage und 28 Sommertage (≥ 25 °C); der Jahresniederschlag blieb mit 517 mm deutlich unter dem langjährigen Mittel — ein trockenes Jahr. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,9 °C, das Tagesminimum 4,4 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1928

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager, Operetten- und Revuenummern sowie internationale Jazz- und Tanzhits des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Bühnenerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Die Moritat von Mackie Messer — Kurt Gerron (Dreigroschenoper)
  2. Die Seeräuberjenny — Roma Bahn (Dreigroschenoper)
  3. Warum hast du mich wachgeküßt? — Richard Tauber (Friederike)
  4. Ich küsse Ihre Hand, Madame — Richard Tauber
  5. Im Rausch der Genüsse — Michael Bohnen (Casanova)
  6. Nonnenchor — Casanova-Ensemble
  7. Es kommt jeder dran! — Friedrich-Hollaender-Revue
  8. Ramona — Gene Austin
  9. Sweethearts on Parade — Guy Lombardo
  10. Ol' Man River — Paul-Whiteman-Orchester (Gesang: Bing Crosby)
  11. Sonny Boy — Al Jolson
  12. Sweet Sue, Just You — Ben-Pollack-Orchester
  13. I Wanna Be Loved by You — Helen Kane
  14. Get Out and Get Under the Moon — Helen Kane
  15. I Can't Give You Anything but Love — Adelaide Hall
  16. Diga Diga Doo — Duke-Ellington-Orchester
  17. Doin' the New Low-Down — Bill „Bojangles" Robinson
  18. Let's Do It, Let's Fall in Love — Irene Bordoni
  19. Makin' Whoopee — Eddie Cantor
  20. West End Blues — Louis Armstrong

Quellen: Musikjahr 1928 (de.wikipedia.org), Operetten- und Schlagerchroniken — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.