DER CHRONIST

Zum Geleit

Die Reichstagswahl vom 20. Mai bringt der SPD den Sieg zurück und führt im Juni zur Bildung einer neuen Großen Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller — kaum im Amt, zerreibt sich das Kabinett am Streit um den Panzerkreuzer A. International schlägt das Jahr versöhnlichere Töne an: In Paris ächten fünfzehn Staaten mit dem Kellogg-Briand-Pakt feierlich den Krieg als Mittel der Politik, während deutsche Flieger und Luftschiffer den Atlantik erobern — die „Bremen" in Ost-West-Richtung im April, der „Graf Zeppelin" mit seiner ersten Amerikafahrt im Oktober. Amsterdam richtet die Olympischen Sommerspiele aus, ein Londoner Bakteriologe entdeckt zufällig das Penicillin, und in Berlin erlebt das Publikum mit der „Dreigroschenoper" einen der größten Theaterskandale und -erfolge der Epoche. Auch die Stadt selbst ordnet sich neu: Mit der BVG entsteht ein einheitlicher Verkehrsbetrieb für ganz Berlin, und auf der Funkausstellung flimmert erstmals ein Fernsehbild über die Mattscheibe. Ein Jahr, das nach vorne blickt — und doch, im Ringen um Panzerkreuzer und Koalitionsdisziplin, die Risse der Weimarer Demokratie nicht verbirgt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Reichstagswahl bringt SPD zurück an die Spitze

Ergebnisse der Reichstagswahl 1928 nach Wahlkreisen
Ergebnisse der Reichstagswahl 1928 nach Wahlkreisen (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Bei der Reichstagswahl am 20. Mai kehrt die SPD mit 29,8 Prozent der Stimmen als klar stärkste Kraft in den Reichstag zurück und gewinnt gegenüber der Wahl von 1924 deutlich hinzu. Die nationalistisch-konservative DNVP erleidet mit 14,3 Prozent die schwersten Verluste aller Parteien, das katholische Zentrum kommt auf 12,1 Prozent, die KPD steigert sich auf 10,6 Prozent und die liberale DVP erreicht 8,7 Prozent. Auffällig gering bleibt mit lediglich 2,6 Prozent das Ergebnis der noch jungen NSDAP unter Adolf Hitler — sie schneidet sogar schwächer ab als die bayerische Regionalpartei BVP. Insgesamt verteilen sich 491 Mandate auf den neuen Reichstag, davon 40 auf sieben kleinere Splitterparteien, die zusammen auf 9,4 Prozent der Stimmen kommen.

Das Ergebnis schwächt die bürgerliche Mitte insgesamt und stärkt die Ränder — SPD und KPD gewinnen, während DNVP, DDP und die übrigen Mittelparteien Anteile verlieren. Für die politische Praxis bedeutet der SPD-Sieg vor allem eines: Nach vier Jahren bürgerlicher Minderheits- und Bürgerblock-Regierungen muss eine neue, breitere Koalition gefunden werden, die auch die Sozialdemokratie einschließt.

Aus heutiger Sicht

Das magere Ergebnis der NSDAP von nur 2,6 Prozent markiert 1928 ihren vorläufigen Tiefpunkt. Schon bei der nächsten Reichstagswahl im September 1930 vervielfacht sich ihr Stimmenanteil auf 18,3 Prozent, bis Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird — ein Verlauf, der sich am Wahlabend 1928 niemandem abzeichnet.

Die „Bremen" gelingt der erste Ost-West-Atlantikflug

Hermann Köhl, Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und James Fitzmaurice vor der Junkers W 33 „Bremen"
Hermann Köhl, Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und James Fitzmaurice vor der Junkers W 33 „Bremen" (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 12. April starten der deutsche Pilot Hermann Köhl, sein Landsmann Ehrenfried Günther Freiherr von Hünefeld und der irische Co-Pilot James Fitzmaurice mit der einmotorigen Junkers W 33 „Bremen" vom irischen Flugplatz Baldonnel zum bislang unternommenen Versuch, den Nordatlantik erstmals von Ost nach West zu überqueren — die schwierigere Richtung gegen den vorherrschenden Westwind, an der zuvor mehrere Flieger gescheitert waren. Nach mehr als 36 Stunden in eisiger Kälte und dichtem Nebel gelingt der Besatzung am 13. April die Landung auf der zugefrorenen Greenly Island vor der Küste Labradors — die Maschine wird bei der Notlandung beschädigt, die drei Flieger bleiben unverletzt.

Der Erfolg löst im Deutschen Reich Jubel aus: Nach Charles Lindberghs Alleinflug von West nach Ost im Vorjahr gelingt nun erstmals die umgekehrte, als schwieriger geltende Strecke. Köhl, von Hünefeld und Fitzmaurice werden bei ihrer Rückkehr in New York und im Reich als Helden gefeiert; die „Bremen" selbst bleibt beschädigt auf Greenly Island zurück.

Hermann Müller bildet die zweite Große Koalition

Reichskanzler Hermann Müller, der ab 28. Juni 1928 die zweite Große Koalition führt
Reichskanzler Hermann Müller, der ab 28. Juni 1928 die zweite Große Koalition führt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach sechzehntägigen, schwierigen Verhandlungen empfängt Reichspräsident Paul von Hindenburg am Nachmittag des 28. Juni den Sozialdemokraten Hermann Müller im Reichspräsidentenpalais an der Berliner Wilhelmstraße und ernennt ihn zum Reichskanzler. Müller führt damit die zweite Große Koalition der Republik an — ein Bündnis aus SPD, Zentrum, DDP, BVP und DVP, das nach den Verlusten der bürgerlichen Mitte bei der Wahl vom 20. Mai die einzig tragfähige Mehrheit im Reichstag darstellt.

Das Kabinett gilt vielen Beobachtern von Beginn an als fragiles Zweckbündnis: SPD und DVP vertreten in zentralen Fragen der Sozial- und Wirtschaftspolitik gegensätzliche Interessen, und schon in den ersten Amtsmonaten zeigt sich am Streit um die Finanzierung eines neuen Kriegsschiffs, wie stark die Koalition unter innerer Spannung steht. Dennoch wird Müllers Regierung, getragen von der Hoffnung auf außenpolitische Erfolge wie den vorzeitigen Abzug der Rheinlandbesatzung, zunächst breit akzeptiert.

„Kinderspeisung statt Panzerkreuzer" — der Streit um den Panzerkreuzer A

Der spätere Panzerkreuzer „Deutschland" (vormals Panzerkreuzer A) beim Stapellauf in Kiel, 1931 — das Schiff, um dessen Finanzierung 1928 im Reichstag gestritten wird
Der spätere Panzerkreuzer „Deutschland" (vormals Panzerkreuzer A) beim Stapellauf in Kiel, 1931 — das Schiff, um dessen Finanzierung 1928 im Reichstag gestritten wird (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer" war die SPD im Frühjahr in den Wahlkampf gezogen, um die geplante Finanzierung eines modernen, mit den Versailler Bauvorschriften noch vereinbaren Panzerkreuzers – des sogenannten Panzerkreuzers A – anzuprangern, während zugleich Zuschüsse für die Schulspeisung bedürftiger Kinder zur Debatte standen. Umso mehr überrascht es, dass das neu gebildete Kabinett Müller im August dem Weiterbau einstimmig zustimmt, um eine Regierungskrise innerhalb der frisch geschlossenen Großen Koalition zu vermeiden. Die KPD versucht die Empörung an der SPD-Basis politisch zu nutzen und leitet im August ein Volksbegehren für ein gesetzliches Bauverbot ein; bei der Eintragung Anfang Oktober unterschreiben jedoch nur rund 1,2 Millionen Menschen — knapp 2,9 Prozent der Stimmberechtigten und damit weit unter dem für einen förmlichen Volksentscheid nötigen Zehntel. Das Volksbegehren scheitert, ein Volksentscheid findet nicht statt.

Im November unternimmt die SPD-Reichstagsfraktion selbst noch einen letzten Vorstoß: Unter dem Druck der eigenen Basis beantragt sie im Reichstag die Einstellung des Baus – die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder stimmen, der Fraktionsdisziplin folgend, gegen den eigenen Kabinettsbeschluss, während die Reichstagsmehrheit den Antrag ablehnt. Der Panzerkreuzer-Streit bleibt ein offener Widerspruch im Regierungshandeln der Großen Koalition und ein Vorgeschmack auf die Zerreißproben, die dem jungen Kabinett Müller noch bevorstehen.

Aus heutiger Sicht

Der Streit um den Panzerkreuzer ist nur ein Vorbote: Am 27. März 1930 zerbricht die Große Koalition endgültig am Streit über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung, Reichskanzler Müller tritt zurück. Es folgen Präsidialkabinette ohne verlässliche parlamentarische Mehrheit — ein entscheidender Schritt auf dem Weg in die Krise der Weimarer Demokratie.

Olympische Sommerspiele in Amsterdam — Deutschland wieder dabei

Das eigens errichtete Olympiastadion in Amsterdam, Austragungsort der Sommerspiele 1928
Das eigens errichtete Olympiastadion in Amsterdam, Austragungsort der Sommerspiele 1928 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 28. Juli bis 12. August tragen die Niederlande in Amsterdam die Olympischen Sommerspiele aus — mit 109 Wettbewerben in 14 Sportarten die bislang umfangreichsten der olympischen Geschichte. Erstmals seit dem Ersten Weltkrieg darf eine deutsche Mannschaft wieder antreten; sie reist mit großen Erwartungen an und erringt am Ende zehnmal Gold, siebenmal Silber und 14-mal Bronze — Platz zwei im inoffiziellen Medaillenspiegel hinter den Vereinigten Staaten. Besonders gefeiert wird der Sieg der deutschen Wasserballmannschaft, der erste deutsche Olympiasieg in einer Mannschaftssportart überhaupt. Bei der Eröffnungsfeier wird erstmals in der olympischen Geschichte ein olympisches Feuer entzündet, und der spätere protokollarische Brauch, den Einmarsch der Athleten mit Griechenland zu beginnen und mit der gastgebenden Nation zu beschließen, hat hier seinen Ursprung.

Für die junge Weimarer Republik ist die Rückkehr auf die internationale Sportbühne auch ein politisches Signal: Nach Jahren der außenpolitischen Isolation nimmt das Deutsche Reich wieder gleichberechtigt an einem der größten Ereignisse der internationalen Gemeinschaft teil.

Kellogg-Briand-Pakt: Fünfzehn Staaten ächten den Krieg

Unterzeichnung des Kellogg-Briand-Pakts am 27. August 1928 im französischen Außenministerium in Paris
Unterzeichnung des Kellogg-Briand-Pakts am 27. August 1928 im französischen Außenministerium in Paris (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Pariser Außenministerium unterzeichnen am 27. August Vertreter von fünfzehn Staaten — darunter das Deutsche Reich, Frankreich, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Italien, Japan, Belgien, Polen und die Tschechoslowakei — den nach dem amerikanischen Außenminister Frank B. Kellogg und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand benannten Kriegsächtungspakt. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich darin, auf den Krieg als Mittel nationaler Politik zu verzichten und internationale Streitigkeiten künftig ausschließlich mit friedlichen Mitteln beizulegen. Für das Deutsche Reich unterzeichnet Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der bereits im Mai in einer vielbeachteten Rede in Heidelberg für einen Wandel der internationalen Beziehungen geworben hatte.

Dem Pakt fehlen wirksame Sanktionsmechanismen gegen Vertragsbrüche, und Kritiker bezweifeln von Anfang an seine praktische Durchsetzungskraft. Dennoch gilt die Unterzeichnung als bedeutendes Symbol einer neuen, kooperativeren Ära der internationalen Politik — ein später Höhepunkt der Verständigungspolitik, für die Stresemann seit Jahren wirbt.

Aus heutiger Sicht

Wirksame Sanktionen fehlen dem Pakt tatsächlich bis zuletzt: Als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfällt, erweist sich die feierliche Kriegsächtung von Paris als folgenlos. Dennoch bleibt der Kellogg-Briand-Pakt als erster völkerrechtlicher Versuch, Krieg generell zu ächten, ein wichtiger Baustein des späteren Völkerrechts.

„Die Dreigroschenoper" — Skandal und Welterfolg am Schiffbauerdamm

Titelblatt der als Manuskript gedruckten Erstausgabe der „Dreigroschenoper", Wien: Universal-Edition, 1928
Titelblatt der als Manuskript gedruckten Erstausgabe der „Dreigroschenoper", Wien: Universal-Edition, 1928 (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Am 31. August feiert im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die „Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill ihre Uraufführung — ein „Stück mit Musik" nach John Gays „Beggar's Opera", von Elisabeth Hauptmann übersetzt und von Brecht für die Berliner Bühne bearbeitet. In der Titelrolle des Verbrecherkönigs Macheath brilliert Harald Paulsen, während der Bänkelsänger-Song „Die Moritat von Mackie Messer" — erst kurz vor der Premiere hinzugefügt — von Kurt Gerron vorgetragen wird, der zugleich den Polizeichef Tiger Brown spielt; die Rolle der Polly übernimmt Roma Bahn, die auch das „Seeräuberjenny" singt. Regie führt Erich Engel, die Bühnenbilder stammen von Caspar Neher.

Die Uraufführung selbst verläuft zunächst verhalten, doch binnen weniger Tage schlägt die Stimmung um: Das Stück wird zum größten Bühnenerfolg der Saison, mehrere Songs — allen voran die Moritat — verbreiten sich rasch über Berlin hinaus. Mit ihrer schonungslosen Milieuschilderung und der bewusst schroffen Musiksprache Weills markiert die „Dreigroschenoper" einen der prägendsten Theaterabende der Berliner Bühnengeschichte dieser Jahre.

Erste Fernsehvorführungen auf der Großen Deutschen Funkausstellung

Besucherandrang auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, August 1928
Besucherandrang auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, August 1928 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, die am 31. August ihre Tore öffnet, präsentieren gleich zwei Erfinder erstmals einem größeren Publikum ihre Fernsehapparate: Der aus Ungarn stammende Dénes von Mihály zeigt sein Gerät „Telehor", das ein nur 4 mal 4 Zentimeter kleines, aus 900 Bildpunkten zusammengesetztes Bild liefert — mit zehn Bildwechseln pro Sekunde noch weit von einer flüssigen Bewegung entfernt, aber beim Publikum von großer Wirkung. Der Ingenieur August Karolus, der mit der Firma Telefunken zusammenarbeitet, stellt parallel ein technisch weiter fortgeschrittenes System mit einem 8 mal 10 Zentimeter großen Empfangsbild und rund 10.000 Bildpunkten vor — die deutlich bessere Bildqualität bleibt jedoch hinter der Publikumsresonanz für Mihálys kleineres Gerät zurück.

Auf beiden Systemen ist das gezeigte Bild noch weit von einem alltagstauglichen Fernsehempfang entfernt, doch die Vorführungen markieren für die Berliner Ausstellungsbesucher die erste unmittelbare Begegnung mit einer Technik, die eines Tages den Rundfunk um bewegte Bilder ergänzen könnte.

„Graf Zeppelin" fliegt erstmals über den Atlantik

Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" über Berlin, 1928
Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" über Berlin, 1928 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 18. September startet das neue Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" unter dem Kommando von Hugo Eckener in Friedrichshafen zu seiner gut dreistündigen Jungfernfahrt. Nur wenige Wochen später, am 11. Oktober, sticht das Schiff mit 40 Besatzungsmitgliedern und 20 Passagieren zu seiner ersten Fahrt über den Atlantik in See — nach 111 Stunden und 44 Minuten in der Luft landet der „Graf Zeppelin" am 15. Oktober im amerikanischen Lakehurst und vollbringt damit den ersten kommerziellen Passagierflug über den Atlantik der Geschichte. Am 29. Oktober tritt das Luftschiff den Rückflug an und erreicht am 1. November wieder Friedrichshafen.

Die Amerikafahrt wird in den Vereinigten Staaten wie im Deutschen Reich als technische Sensation gefeiert und als Beweis gewertet, dass deutsche Ingenieurskunst wieder auf der Höhe der Zeit ist — ein seltener Anlass für ungetrübten nationalen Stolz in einem politisch angespannten Jahr.

Alexander Fleming entdeckt zufällig das Penicillin

Sir Alexander Fleming, der im September 1928 in London das Penicillin entdeckt (Aufnahme von 1945)
Sir Alexander Fleming, der im September 1928 in London das Penicillin entdeckt (Aufnahme von 1945) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als der schottische Bakteriologe Alexander Fleming Anfang September aus dem Urlaub in sein Labor am St. Mary's Hospital in London zurückkehrt, macht er beim Durchsehen liegen gelassener Kulturschalen eine folgenreiche Beobachtung: Eine Schale mit Staphylokokken-Bakterien ist durch ein am offenen Fenster eingedrungenes Schimmelpilzsporen kontaminiert worden — und rund um den Pilz sind die Bakterien abgestorben. Fleming identifiziert den Pilz als Angehörigen der Gattung Penicillium und erkennt, dass nicht der Pilz selbst, sondern ein von ihm abgesondertes „Pilzsaft" die keimtötende Wirkung entfaltet; er nennt die Substanz Penicillin. In ersten Versuchen zeigt sich die Wirksamkeit gegen eine Reihe gefährlicher Erreger, die Krankheiten wie Scharlach, Lungenentzündung und Diphtherie auslösen.

Fleming selbst kann die Substanz zu diesem Zeitpunkt weder in ausreichender Menge noch in stabiler Form gewinnen, weshalb seine Entdeckung zunächst vor allem in Fachkreisen Beachtung findet. Dennoch gilt der Fund bereits jetzt als eine der folgenreichsten Beobachtungen der modernen Medizin.

Aus heutiger Sicht

Erst gut ein Jahrzehnt später gelingt es den Forschern Howard Florey und Ernst Boris Chain, Flemings Substanz in reiner, wirksamer Form herzustellen. Rechtzeitig zur Invasion in der Normandie im Juni 1944 läuft in den USA die industrielle Massenproduktion an — 1945 erhalten Fleming, Florey und Chain gemeinsam den Nobelpreis für Medizin.

Berlin bekommt einen einheitlichen Verkehrsbetrieb — die BVG wird gegründet

Berliner Straßenverkehr an der Potsdamer Brücke, kurz vor der Fusion zur BVG im Dezember 1928 — Omnibusse und Straßenbahnen noch in unterschiedlicher Gestaltung der bisherigen Einzelgesellschaften
Berliner Straßenverkehr an der Potsdamer Brücke, kurz vor der Fusion zur BVG im Dezember 1928 — Omnibusse und Straßenbahnen noch in unterschiedlicher Gestaltung der bisherigen Einzelgesellschaften (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Am 10. Dezember wird in Berlin mit einem Grundkapital von 400 Millionen Reichsmark die Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) gegründet — auf Initiative des Stadtrats für Verkehr, Ernst Reuter. In ihr gehen die bislang getrennt wirtschaftenden Unternehmen der Hochbahngesellschaft (U-Bahn), der Allgemeinen Berliner Omnibus-Actien-Gesellschaft (ABOAG) und der Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH auf. Bislang mussten Fahrgäste, die zwischen U-Bahn, Bus und Straßenbahn umsteigen wollten, mit unterschiedlichen Fahrscheinen und unabgestimmten Fahrplänen zurechtkommen — ein Zustand, der aus der Zeit vor der Bildung Groß-Berlins 1920 stammt, als die einzelnen Bezirke noch eigene, konkurrierende Verkehrsunternehmen betrieben.

Mit der Fusion entsteht künftig ein Verkehrsverbund aus rund 90 Straßenbahnlinien, mehr als 30 Omnibuslinien und sieben U-Bahn-Strecken unter einer einheitlichen Leitung und einem einheitlichen Fahrpreis von 20 Pfennig. Den regulären Betrieb nimmt die BVG zum Jahreswechsel auf — für die Berlinerinnen und Berliner der Beginn einer neuen, bequemeren Ära des öffentlichen Nahverkehrs.

Micky Maus feiert Filmdebüt in „Steamboat Willie"

Micky und Minnie Maus in ihrem Filmdebüt „Steamboat Willie", uraufgeführt am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre
Micky und Minnie Maus in ihrem Filmdebüt „Steamboat Willie", uraufgeführt am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im New Yorker Colony Theatre feiert am 18. November der Zeichentrick- Kurzfilm „Steamboat Willie" seine Premiere — das Debüt der Figur Micky Maus, geschaffen von Walt Disney und animiert von Ub Iwerks. Der von Disney selbst als Micky vertonte Film ist zwar nicht der erste mit der neuen Maus-Figur, aber der erste Zeichentrickfilm mit vollständig synchronisiertem Ton — Musik und Geräusche laufen exakt im Takt mit den Bewegungen auf der Leinwand, eine für das Publikum völlig neue Erfahrung. Wenige Wochen nach der Premiere läuft der Film auch im Roxy Theatre, dem seinerzeit größten Kino der Welt, erneut an.

Kritik und Publikum reagieren begeistert auf die pfiffige, rundliche Zeichentrickfigur und den technischen Kniff der Tonsynchronisation — der Startpunkt einer Karriere, die Micky Maus binnen kurzer Zeit zum bekanntesten Zeichentrickcharakter der Welt machen dürfte.

Mit Raketenkraft über die AVUS — Fritz von Opels Rekordfahrt

Fritz von Opel am Steuer seines Raketenwagens Opel RAK 2 vor der ersten Probefahrt auf der Berliner AVUS, Mai 1928
Fritz von Opel am Steuer seines Raketenwagens Opel RAK 2 vor der ersten Probefahrt auf der Berliner AVUS, Mai 1928 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bereits am 11. April hatte der Opel-Ingenieur und Rennfahrer Kurt C. Volkhart auf der firmeneigenen Teststrecke in Rüsselsheim vor der versammelten Presse einen ersten Vorgeschmack gegeben: Sein zum Raketenwagen umgebauter Rennwagen RAK 1, angetrieben von den Pulverraketen des Ingenieurs Friedrich Wilhelm Sander, beschleunigte in nur acht Sekunden auf 100 Stundenkilometer — ganz ohne Verbrennungsmotor.

Am 23. Mai übertrifft die Fortsetzung alle Erwartungen: Auf der Berliner Rennstrecke AVUS setzt sich Fritz von Opel, Enkel des Firmengründers, persönlich hinter das Steuer des mit seitlichen Stabilisierungsflügeln versehenen Nachfolgemodells RAK 2 und zündet nacheinander 24 Feststoffraketen im Heck des Wagens. Unter ohrenbetäubendem Zischen und einer meterlangen Feuerfahne schießt der Wagen auf rund 238 Stundenkilometer. Mehr als 100.000 Schaulustige säumen die Strecke, unter ihnen Filmleute wie Fritz Lang und Lilian Harvey sowie der Boxer Max Schmeling — der Raketenwagen wird zum Gesellschaftsereignis der Saison.

Zu einem serienreifen Antrieb für Automobile taugt die Technik nicht, dafür sorgen schon Kürze und Unberechenbarkeit des Raketenschubs. Doch als spektakulärer Beweis, dass sich mit Rückstoßkraft erstaunliche Geschwindigkeiten erzielen lassen, sorgt die Opel-RAK-Reihe für Gesprächsstoff weit über die Motorsportwelt hinaus.

Der „Eiserne Gustav" fährt mit der Droschke von Berlin nach Paris

Der Droschkenkutscher Gustav Hartmann, genannt „der Eiserne Gustav", bei seiner Rückkehr nach Berlin, September 1928
Der Droschkenkutscher Gustav Hartmann, genannt „der Eiserne Gustav", bei seiner Rückkehr nach Berlin, September 1928 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 2. April bricht der 69-jährige Droschkenkutscher Gustav Hartmann aus Berlin-Wannsee mit seiner Pferdedroschke Nr. 120 und dem Wallach Grasmus zu einer ungewöhnlichen Fahrt auf: Ziel ist Paris, über die Reichsstraße 1 mehr als 1.000 Kilometer entfernt. An seinem Gefährt prangt die Aufschrift, er unternehme als ältester Droschkenkutscher vom Wannsee diese „letzte Fahrt Berlin–Paris", weil das Pferdefuhrwerk dem Automobil zu weichen drohe. Ein Zeitungsreporter begleitet ihn und berichtet unterwegs laufend — der Alte mit dem Zylinderhut wird zur Berühmtheit, noch ehe er die Grenze erreicht.

Ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag, dem 4. Juni, trifft Hartmann in Paris ein und wird dort wie ein Staatsgast empfangen: Pariser Kutscherkollegen ernennen ihn zu ihrem Ehrenmitglied, die Presse beider Länder berichtet ausführlich. Über den Sommer tritt er den Rückweg an, und am 12. September, nach 165 Tagen und mehr als 2.000 gefahrenen Kilometern, kehrt der „Eiserne Gustav" — wie ihn die Berliner inzwischen nennen — unter dem Jubel Hunderttausender in seine Heimatstadt zurück.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 11. Juni — Auf der Berliner Stadtbahn zwischen Potsdam und Erkner beginnt der elektrische Betrieb — Auftakt der „Großen Stadtbahn-Elektrisierung", in deren Verlauf 1928 über 115 Kilometer Streckennetz elektrifiziert werden.
  • 20. Oktober — Alfred Hugenberg, Medienunternehmer und Vorsitzender des Hugenberg-Konzerns, wird zum neuen Parteivorsitzenden der DNVP gewählt und drängt die Partei auf einen scharf rechten Kurs.
  • 6. November — Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl siegt der Republikaner Herbert Hoover mit großem Abstand über den Demokraten Alfred E. Smith.
  • 1. Oktober — In der Sowjetunion beginnt der erste Fünfjahresplan zur forcierten Industrialisierung des Landes.
  • 10. Oktober — In China übernimmt Chiang Kai-shek nach dem erfolgreichen Abschluss des „Nordfeldzugs" den Vorsitz der neuen Nationalregierung mit Sitz in Nanjing; am 29. Dezember wird die Wiedervereinigung des Landes unter der Kuomintang offiziell verkündet.
  • Der Nobelpreis für Physik wird 1928 von der schwedischen Akademie nicht vergeben — keine der eingereichten Arbeiten erfüllt aus Sicht der Jury die Kriterien des Nobelschen Testaments.
  • 17./18. Juni — Die Amerikanerin Amelia Earhart überquert als erste Frau den Atlantik im Flugzeug — allerdings nur als Passagierin an Bord der „Friendship" (siehe LICHTBLICKE).
  • 1. September — Im Berliner Großen Schauspielhaus feiert die Revue-Operette „Casanova" von Johann Strauss/Ralph Benatzky Premiere und bringt dem jungen Vokalensemble Comedian Harmonists seinen ersten großen Berliner Bühnenauftritt.
  • 29. Juli — Im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft besiegt der Hamburger SV in Altona den Berliner Vertreter Hertha BSC mit 5:2 (siehe SPORT).
  • 23. Februar — Der Kunstflieger Ernst Udet landet mit einem 20-PS-Sportflugzeug auf der Aussichtsplattform der Zugspitze — ein Husarenstück, das ihm reichsweite Schlagzeilen einträgt.
  • April — Die Magdeburger Schwimmerin Lotte Mühe verbessert in ihrer Heimatstadt den Weltrekord über 100 Meter Brust um zweieinhalb Sekunden auf 1:26,3 Minuten — wenige Monate später holt sie in Amsterdam über 200 Meter Brust die olympische Bronzemedaille.

WIRTSCHAFT · 1928

Das Jahr 1928 gilt Ökonomen im Rückblick als Höhepunkt der kurzen Stabilisierungsphase der Weimarer Republik: Die Arbeitslosigkeit sinkt im Zuge der Konjunkturerholung auf gut 6 Prozent — die niedrigste Quote seit der Hyperinflation —, und laut Gewerkschaftspresse übersteigen die Reallöhne 1928 erstmals wieder das Vorkriegsniveau von 1913. Dennoch bleibt der soziale Friede brüchig: Als die Metallindustrie im rheinisch- westfälischen Ruhrgebiet Ende Oktober die Tarifverträge kündigt und über 200.000 Arbeiter ab dem 1. November ausgesperrt werden, kommt es zum größten Arbeitskampf der Republik — dem „Ruhreisenstreit". Erst ein Schlichterspruch von Reichsinnenminister Carl Severing beendet den Konflikt am 3. Dezember mit einem Kompromiss, den die Gewerkschaften als Rückschritt gegenüber dem zunächst verhandelten, von den Arbeitgebern aber verworfenen ersten Schlichterspruch empfinden.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 0,38 RM
  • Butter (1 kg) — 4,25 RM
  • Milch (1 l) — 0,30 RM
  • Eier (1 Stück) — 0,15 RM
  • Bier (0,5 l) — 0,36 RM
  • Benzin, Normal (1 l) — 0,33 RM
  • Der Chronist (Zeitungspreis) — 10 Reichspfennig

STIMMEN DER PRESSE · 1928

Zur Uraufführung der „Dreigroschenoper" am 31. August im Theater am Schiffbauerdamm schreibt der einflussreiche Kritiker Alfred Kerr im Berliner Tageblatt:

„Kaum heimgekehrt, bewundert man als Provinzler das Theater von Berlin: Mit Brecht." — Berliner Tageblatt, 1. September 1928

Auch die Musik lobt Kerr ausdrücklich:

„Weill hat es lieblich vertont, ja, sehr fein in der Grobheit mit Jazz und Kitsch und Orgelharmonium und Leierkasten." — Berliner Tageblatt, 1. September 1928

SPORT · 1928

Das Sportjahr steht ganz im Zeichen der Olympischen Sommerspiele in Amsterdam, bei denen die deutsche Mannschaft erstmals seit dem Weltkrieg wieder mitwirken darf und mit zehn Goldmedaillen einen beachtlichen zweiten Platz im Medaillenspiegel erringt. Im Fußball gewinnt der Hamburger SV am 29. Juli in Altona mit 5:2 gegen Hertha BSC die Deutsche Meisterschaft — für die Berliner die vierte Finalniederlage binnen weniger Jahre, während der Hamburger Sieg mit Toren von Kolzen (2), Harder, Horn und Rave klar ausfällt. Im Boxring verteidigt der Hamburger Max Schmeling seinen Europameistertitel im Halbschwergewicht erfolgreich mit einem Knockout-Sieg in der ersten Runde über den Italiener Michele Bonaglia — ein weiterer Schritt auf dem Weg des jungen Boxers zur Weltspitze. In Berlin füllt im Winter wieder das traditionsreiche Sechstagerennen im Sportpalast tagelang die Ränge, wenngleich der Wettkampf 1928 auch durch Berichte über abgesprochene Absprachen unter einzelnen Fahrern in Verruf gerät.

MODE · 1928

Die Mode des Jahres 1928 bleibt der schlanken, geraden Linie der „Roaring Twenties" treu, verfeinert sie aber: Rocksäume liegen für den Tag knapp unterhalb des Knies, während Abendkleider durch asymmetrisch gestufte Volants und einen fließenden, oft in der Diagonale zugeschnittenen Stoff neue Bewegung erhalten. Der Bubikopf und die eng anliegende Cloche-Kappe bleiben tonangebend, ergänzt um dezenten Modeschmuck aus Perlen und Straß, wie ihn Modehäuser von Paris bis Berlin propagieren. In Berlin prägen die Auslagen der Modehäuser am Kurfürstendamm und in der Leipziger Straße das Straßenbild, während in den zahllosen Revuen und Kabaretts der Stadt – von der „Dreigroschenoper" bis zur Casanova-Revue im Großen Schauspielhaus – die Kostümbildner mit Pailletten, Federboas und knappen Trikots das Bild der „Neuen Frau" auf die Bühne bringen und von dort in die Schaufenster der Stadt zurückwirken.

KINO & FUNK · 1928

An den Kinokassen dominiert weiterhin der Stummfilm mit Orchesterbegleitung — der Tonfilm hat den Sprung über den Atlantik noch nicht geschafft. Größter deutscher Filmerfolg des Jahres wird Fritz Langs Spionagethriller „Spione", der am 22. März im Ufa-Palast am Zoo Premiere feiert: Nach dem finanziellen Fiasko seines Monumentalwerks „Metropolis" liefert Lang mit knappem Budget einen temporeichen Publikumserfolg um den Meisterspion „Nr. 326" ab, mit Rudolf Klein-Rogge in der Hauptrolle.

Im Rundfunk wächst die Zahl der angemeldeten Teilnehmer 1928 auf rund 2,5 Millionen Haushalte — gut ein Zwanzigstel der Reichsbevölkerung hört inzwischen regelmäßig mit. Die Berliner Funk-Stunde bleibt größter deutscher Sender und überträgt neben Musik und Vorträgen zunehmend auch Live-Reportagen von Sportereignissen und politischen Anlässen.

GESTORBEN · 1928

  • Thomas Hardy (87), englischer Schriftsteller — 11. Januar, Dorchester.
  • Emmeline Pankhurst (69), britische Frauenrechtlerin und Suffragetten-Führerin — 14. Juni, London.
  • Roald Amundsen (55), norwegischer Polarforscher — seit dem 18. Juni auf einem Rettungsflug über der Barentssee vermisst und seither verschollen.
  • Leoš Janáček (74), tschechischer Komponist — 12. August, Mährisch-Ostrau.
  • Klabund, eigentlich Alfred Henschke (37), deutscher Schriftsteller und Lyriker — 14. August, Davos.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1928

  • Amelia Earhart überquert als erste Frau den Atlantik im Flugzeug (17./18. Juni). Die Amerikanerin fliegt als Passagierin mit den Piloten Wilmer Stultz und Louis Gordon in gut 20 Stunden von Neufundland nach Wales — ein Rekord, der sie über Nacht weltberühmt macht.
  • Sigrid Undset erhält den Literaturnobelpreis (Dezember, Stockholm). Die norwegische Schriftstellerin wird für ihre kraftvollen Schilderungen des mittelalterlichen Nordens geehrt — als dritte Frau überhaupt mit dieser Auszeichnung.
  • Adolf Windaus erhält den Chemienobelpreis (Stockholm). Der deutsche Chemiker wird für seine Forschung zur Struktur der Sterine und ihrer Verbindung mit den Vitaminen geehrt — Grundlage für das Verständnis von Vitamin D.
  • Charles Nicolle erhält den Medizinnobelpreis (Stockholm). Der französische Bakteriologe wird für den Nachweis geehrt, dass der Fleckfieber-Erreger durch die Kleiderlaus übertragen wird — eine Erkenntnis, die im Ersten Weltkrieg bereits ungezählte Leben gerettet hat.
  • Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins (September, London). Ein zufälliger Fund im Labor, der nach Einschätzung von Fachleuten das Potential hat, den Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten grundlegend zu verändern (siehe Story 10).

DAS WETTER · 1928 in Berlin

An diesem 13. Juli herrschte in Berlin-Dahlem drückende Sommerhitze: Höchstwert 33,3 °C, nachts kühlte es auf 17,8 °C ab — im Mittel aus beiden Werten rund 25,5 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor) —, dabei blieb es vollständig trocken (0,0 mm Niederschlag). Ein Hochsommertag dicht am Jahresmaximum.

Das Jahr über: Wärmster Tag war der 16. Juli mit 33,8 °C, kältester der 21. Dezember mit −11,5 °C. Die Station zählte 93 Frosttage und 28 Sommertage (≥ 25 °C); der Jahresniederschlag blieb mit 517 mm deutlich unter dem langjährigen Mittel — ein trockenes Jahr. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 12,9 °C, das Tagesminimum 4,4 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1928

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager, Operetten- und Revuenummern sowie internationale Jazz- und Tanzhits des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Bühnenerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Die Moritat von Mackie Messer — Kurt Gerron (Dreigroschenoper)
  2. Die Seeräuberjenny — Roma Bahn (Dreigroschenoper)
  3. Warum hast du mich wachgeküßt? — Richard Tauber (Friederike)
  4. Ich küsse Ihre Hand, Madame — Richard Tauber
  5. Im Rausch der Genüsse — Michael Bohnen (Casanova)
  6. Nonnenchor — Casanova-Ensemble
  7. Es kommt jeder dran! — Friedrich-Hollaender-Revue
  8. Ramona — Gene Austin
  9. Sweethearts on Parade — Guy Lombardo
  10. Ol' Man River — Paul-Whiteman-Orchester (Gesang: Bing Crosby)
  11. Sonny Boy — Al Jolson
  12. Sweet Sue, Just You — Ben-Pollack-Orchester
  13. I Wanna Be Loved by You — Helen Kane
  14. Get Out and Get Under the Moon — Helen Kane
  15. I Can't Give You Anything but Love — Adelaide Hall
  16. Diga Diga Doo — Duke-Ellington-Orchester
  17. Doin' the New Low-Down — Bill „Bojangles" Robinson
  18. Let's Do It, Let's Fall in Love — Irene Bordoni
  19. Makin' Whoopee — Eddie Cantor
  20. West End Blues — Louis Armstrong

Quellen: Musikjahr 1928 (de.wikipedia.org), Operetten- und Schlagerchroniken — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Barlachs „Geistkämpfer“ steht vor der Heiligengeistkirche

Vorbereitungsarbeiten für die Aufstellung der Barlach-Plastik an der Falckstraße in Kiel
Blick Richtung Falckstraße mit den Vorbereitungsarbeiten für die Aufstellung der Plastik „Geistkämpfer“ von Ernst Barlach, 1928 (Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 28. November trifft die Bronzefigur in Kiel ein, einen Tag später steht sie an der Gabelung von Falckstraße und Klosterkirchhof vor der Heiligengeistkirche. Stadtoberbaurat Willy Hahn meldet die Ankunft nach Güstrow, wo der Bildhauer Ernst Barlach lebt. Bei der Aufstellung sind Barlachs Mitarbeiter Bernhard Böhmer und Noack junior von der Berliner Gießerei zugegen; Hahn ist an diesem Tag nicht in Kiel, und auch Barlach fehlt, weil er sich nicht wohl fühlt.

Der Weg bis hierher war lang. Hahn hatte Barlach schon 1924 um eine Großplastik für Kiel gebeten. Der Künstler lehnte zunächst ab und sagte erst 1927 zu, als ihm künstlerische Freiheit ohne Einschränkung zugesichert wurde. Der Magistrat beschloss das Vorhaben am 16. August 1927, der Kirchengemeindeverband stimmte dem Standort zu, und am 19. Januar 1928 unterzeichneten Hahn und Barlach in Güstrow den Vertrag. Gegossen wurde bei H. Noack in Berlin-Friedenau, den Sockel verkleidete man mit Klinkern der Kieler Kunstkeramik AG.

Die Figur ist über fünf Meter hoch. Die Enthüllung geschieht in aller Heimlichkeit, ohne Feier und Weihe, vermutlich um kein Aufsehen zu erregen: Nationalistische Kreise kritisieren Barlach, weil sein Name ohne sein Wissen unter einem kommunistischen Aufruf gegen den Panzerkreuzerbau gestanden hatte. Beim Volk überwiegt die Ablehnung. Einen Namen hat Barlach der Figur nicht gegeben; die „Kieler Zeitung“ schlägt am 11. Dezember den Titel „Geistkämpfer“ vor, und Barlach widerspricht nicht.

Geiger und Müller führen in Kiel das „Elektronenzählrohr“ vor

Der Physiker Hans Geiger, 1928
Der Physiker Hans Geiger, 1928 (GFHund, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Auf der Kieler Tagung des Gauvereins Niedersachsen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft tragen Hans Geiger und Walther Müller am 7. Juli ein neues Messgerät vor und führen es vor: das „Elektronenzählrohr“. Geiger ist seit 1925 Professor für Experimentalphysik an der Kieler Universität, Müller war sein erster Doktorand in Kiel.

Das Zählrohr dient der Messung schwächster Aktivitäten. Es weist Alpha-, Beta- und Gammastrahlung bei sehr hoher Empfindlichkeit nach. Die kurze Fassung der Arbeit, „Elektronenzählrohr zur Messung schwächster Aktivitäten“, erscheint im August in den „Naturwissenschaften“ (Band 16, Seiten 617 und 618) mit dem Vermerk, sie sei auf der Kieler Tagung vorgetragen und demonstriert worden. Die ausführliche Fassung, „Das Elektronenzählrohr“, steht im selben Jahr in der Physikalischen Zeitschrift (Band 29, Seiten 839 bis 841).

Aus heutiger Sicht

Das Zählrohr, das Geiger und Müller in Kiel vorführten, wurde als Geigerzähler zum gängigen Messgerät für Strahlung. Geiger blieb bis 1929 Professor in Kiel.

Der Yacht-Club verliert seine Offiziere — noch vor der Kieler Woche

Strandpromenade mit dem Yacht-Club in Kiel
Der Strandweg mit dem früheren Clubhaus des Kaiserlichen Yacht-Clubs, Aufnahme von 1921 (Bundesarchiv, Bild 146-2007-0102, CC BY-SA 3.0 de)

Bis zum 15. Juni, also noch vor der Kieler Woche, müssen die Offiziere der Reichsmarine aus dem Kaiserlichen Yacht-Club austreten. So verfügt es der Reichswehrminister Wilhelm Groener. Die Begründung: Der Club zeige schon durch seinen Namen, dass er in monarchischer Tradition stehe. Der Name, auf den sich die Verfügung stützt, stammt aus dem Jahr 1891; der Club führt ihn seitdem, auch im neuen Clubhaus am Strandweg, das er am 1. Juli 1926 eingeweiht hat.

328 Offiziere und Beamte der Marine müssen den Club verlassen, für ihn eine große Einbuße. Der Verein entschließt sich deshalb zu einem Schritt, der neu ist: Er nimmt auch weibliche Mitglieder auf, um den Mitgliederschwund aufzufangen. Kaiser Wilhelm II. bleibt Kommodore auf Lebenszeit. Die Marineangehörigen sammeln sich im wiedergegründeten Marine-Regatta-Verein.

Aus heutiger Sicht

Anlass der Verfügung war die republikfeindliche Haltung des Clubs. Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung löste sich der Club 1936 auf und ging im „Yacht-Club von Deutschland“ auf.

Reichstagswahl: Kiel wählt zu rund 41 Prozent SPD

Bei der Reichstagswahl am 20. Mai liegt die Wahlbeteiligung in Kiel weit über 80 Prozent; in Schleswig-Holstein sind es 76,9, im Reich 75,6 Prozent. Die SPD kommt in Kiel auf rund 41 Prozent und nähert sich damit wieder ihrem Ergebnis von 1921. In der Provinz erreicht sie 35,3 Prozent, im Reich 29,8 Prozent.

Die KPD liegt in Kiel bei gut 7 Prozent, im Reich bei 10,6 Prozent. Die NSDAP bleibt in Kiel unter 3 Prozent, im Reich kommt sie auf 2,6 Prozent. Die DNVP bleibt im bürgerlichen Lager die stärkste und insgesamt die zweitstärkste Partei.

Der Wahlkampf der SPD unter dem Schlagwort „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ berührt Kiel unmittelbar: Das Schiff soll bei den Deutschen Werken in Kiel gebaut werden.

KURZ NOTIERT · Kiel 1928

  • 21. Februar — Großadmiral a. D. Hans von Koester, Ehrenbürger der Stadt und einst Chef der aktiven Schlachtflotte, stirbt in Kiel. Er wird auf dem Nordfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt.
  • 31. Mai — Der Magistrat benennt die Maybachstraße, die Schwanebeckstraße und die Spolertstraße, bisher Teile der Straße Friedrichsberg in Gaarden.
  • 21. Juni — Die Frerich-Frerichs-Allee, die an den Elmschenhagener Intendanturrat erinnert, und der Wenrade erhalten ihre Namen.
  • 14. Juli — Bei der Deutsche Werke Kiel AG läuft das Motorfrachtschiff „Tai Yang“ (Bau-Nr. 220, 7084 BRT) für die norwegische Reederei Wilhelm Wilhelmsen in Tönsberg vom Stapel.
  • 2. August — Die Dehnckestraße erhält per Magistratsbeschluss ihren Namen.
  • 20. Dezember — Eine Straße mitten durch die Siedlung in der Wik erhält per Magistratsbeschluss den Namen „Mittelweg“.
  • 1928 — Das Handels- und Industrieamt der Stadt, nun auch für Fremdenverkehrsangelegenheiten zuständig, heißt fortan „Hafen- und Verkehrsamt“.
  • 1928 — Die Hafenrundfahrt AG stellt den Ringverkehr der Fördedampfer ein.

RUND UM DIE FÖRDE · 1928

  • 30. September/1. Oktober, Quarnbek, Schilksee, Heikendorf, Klausdorf, Pohnsdorf — Nach dem preußischen Gesetz über die Regelung verschiedener Punkte des Gemeindeverfassungsrechts vom 27. Dezember 1927 werden zum Stichtag die Gutsbezirke aufgelöst. Quarnbek westlich von Kiel entsteht als Gemeinde, nachdem der Gutsverwaltung die Gewalt entzogen und gewählte Selbstverwaltung der Bürger geschaffen wurde. Schilksee, Dänischenhagen, Alt-Bülk, Neu-Bülk, Eckhof, Kaltenhof und Uhlenhorst bilden die Großgemeinde Schilksee. In Heikendorf schließen sich Heikendorf, Neu Heikendorf und der aufgelöste Gutsbezirk Schrevenborn zusammen. Die Güter Knoop und Stift sowie Ländereien von Kaltenhof und Projensdorf kommen zur Gemeinde Klausdorf im Dänischen Wohld. Auch bei Pohnsdorf nahe Preetz werden die Gutsbezirke zum 30. September aufgelöst.
  • 1928, Plön — Die „Plöner Speeldeel e. V.“ wird gegründet und führt plattdeutsches Theater auf.

SPORT AN DER FÖRDE · 1928

  • Holstein Kiel — Meister der Bezirksliga Schleswig-Holstein 1927/28 und norddeutscher Vizemeister hinter dem Hamburger SV. In der Finalrunde gewinnt der Verein 11 von 12 Spielen bei 77:12 Toren.
  • Holstein Kiel — In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft siegt Holstein am 1. Juli im Entscheidungsspiel um den zweiten norddeutschen Platz 3:2 gegen Union 03 Altona und am 8. Juli im Achtelfinale in Stettin 4:1 gegen Preußen Stettin. Das Viertelfinale am 12. Juli in Kiel verliert die Mannschaft 0:4 gegen Hertha BSC, die das Finale erreicht.
  • Kieler Woche — Bei den Regatten auf der Förde segeln unter anderem die deutschen Sechser „Hamburg“ und „Pan“ sowie die „Aloha“ des Konstrukteurs Gustaf Estlander.
  • Frauenhandball — Holstein Kiel gründet im November eine Frauen-Handballsparte.
  • Waldwiese — Der SV Hohenzollern-Hertha Kiel geht in Konkurs; sein Sportplatz Waldwiese fällt an den VfB Kiel.

DAS WETTER · 1928 in Kiel

An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 km südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 28,7 °C, einen Tiefstwert von 15,4 °C und ein Tagesmittel von 21,3 °C. Es fiel kein Niederschlag (0,0 mm).

Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 8,0 °C. Der wärmste Tag war der 15. Juli mit 30,9 °C, der kälteste Tag der 3. Januar mit einem Tiefstwert von −12,5 °C. Es gab 1 Hitzetag (Höchsttemperatur mindestens 30 °C), 8 Sommertage (mindestens 25 °C), 13 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 85 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Insgesamt fielen 854 mm Niederschlag.

(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)