DER CHRONIST
Am 1. Mai schießt die Polizei in Wedding und Neukölln auf Demonstranten, 33 Menschen sterben — der „Blutmai" hinterlässt eine tiefe Wunde im ohnehin zerrütteten Verhältnis von SPD und Kommunisten. In Paris einigen sich Sachverständige unter Owen D. Young im Juni auf einen neuen Reparationsplan, der Deutschlands Zahlungen bis 1988 festschreibt und im Dezember an einer Volksabstimmung der Rechten scheitert, ihre Kritiker zu stoppen. Berlin selbst erlebt ein Wechselbad: Im Juni eröffnet mit dem Karstadt-Haus am Hermannplatz das größte Warenhaus Europas, im Herbst erschüttert der Sklarek-Betrug den Magistrat und stürzt Oberbürgermeister Gustav Böß. Ein Jahrhundertwinter im Februar legt weite Teile Europas lahm, Gustav Stresemann stirbt im Oktober mitten in seinem Lebenswerk, und derselbe Monat bringt mit dem Krach an der Wall Street den Auftakt zu einer Krise, deren Ausmaß am Jahresende noch niemand ermessen kann. Dazwischen leuchten helle Momente: Thomas Mann erhält den Literaturnobelpreis, das Luftschiff „Graf Zeppelin" umrundet in 21 Tagen die nördliche Erdhalbkugel, und in Rom beenden die Lateranverträge den jahrzehntelangen Streit zwischen Papst und italienischem Staat.
Die Lateranverträge beenden den Streit zwischen Papst und italienischem Staat

Im Lateranpalast zu Rom unterzeichnen am 11. Februar Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri für den Heiligen Stuhl und Ministerpräsident Benito Mussolini für das Königreich Italien die Lateranverträge — ein Vertragswerk aus drei Teilen, das die seit der Eroberung Roms 1870 offene „Römische Frage" endlich löst. Ein politischer Vertrag begründet den neuen, nur 44 Hektar kleinen, aber völkerrechtlich souveränen Vatikanstaat; ein Konkordat regelt fortan das Verhältnis von Kirche und italienischem Staat und überträgt der Kirche unter anderem die Lateranbasilika, Santa Maria Maggiore, St. Paul vor den Mauern und die Sommerresidenz Castel Gandolfo mit exterritorialem Status. Eine dritte Finanzkonvention entschädigt den Vatikan mit 750 Millionen Lire in bar sowie einer Milliarde Lire in italienischen Staatsanleihen für den 1870 erlittenen Gebietsverlust.
Papst Pius XI., der die Verhandlungen seit Jahren betrieben hatte, kann damit erstmals seit fast sechzig Jahren wieder über ein eigenes Territorium verfügen; Mussolini wiederum sichert sich mit dem Vertragsschluss die Anerkennung durch die katholische Kirche und damit erheblichen innenpolitischen Rückhalt für sein faschistisches Regime.
Der Jahrhundertwinter — Rekordkälte legt weite Teile Europas lahm

Ein Jahrhundertwinter hält im Februar ganz Mitteleuropa in eisernem Griff — die kälteste Witterungsperiode, die Deutschland seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen um 1900 erlebt hat. Wochenlang sinken die Temperaturen auf 28 bis 29 Grad unter null, sämtliche größere Flüsse und Seen des Reichs frieren zu: Der Rhein steht zwischen Mannheim und Ludwigshafen so fest, dass ihn Fußgänger zu Tausenden zu Fuß überqueren, auch Elbe und Ems liegen wochenlang unter dicken Eisdecken. Die Ostsee vereist über weite Strecken; allein im Kieler Hafen liegen am 14. Februar 137 Schiffe fest, die Eisdicke erreicht stellenweise 120 Zentimeter und lässt selbst schwere Dampfer nicht mehr durch. Kriegsschiffe der Reichsmarine, darunter die Linienschiffe „Elsaß" und „Schleswig-Holstein", müssen als Eisbrecher aushelfen, um eingeschlossene Frachter aus der Ostsee nach Kiel zu bringen; vielen Besatzungen gehen an Bord Kohle und Proviant aus.
Auf dem Land bringt die Kälte in Verbindung mit starkem Schneefall Handel und Verkehr vielerorts zum Erliegen, abgelegene Landstriche werden zeitweise von der Versorgung abgeschnitten. Wo zugleich der Brennstoff knapp wird, sitzen zahllose Familien in ungeheizten Wohnungen — eine Kohlennot, die Behörden und Wohlfahrtsverbände im ganzen Reich mit Notmaßnahmen zu lindern versuchen, während Berichte über erfrorene Menschen aus mehreren Landesteilen eintreffen.
Blutmai — Polizei und Demonstranten liefern sich blutige Straßenkämpfe

Der preußische Innenminister Albert Grzesinski hatte im März wegen gewalttätiger Zusammenstöße ein allgemeines Demonstrationsverbot für Berlin verhängt — die KPD ruft dennoch für den 1. Mai zu Kundgebungen auf. Zunächst versammeln sich nur rund 8.000 Menschen in kleineren Gruppen, die Polizei unter dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel löst sie mit Gummiknüppeln, Wasserwerfern und Warnschüssen auf. Am Nachmittag eskaliert die Lage in den Arbeiterbezirken Wedding (Kösliner Straße) und Neukölln (Hermannplatz): Demonstranten errichten Barrikaden, die Polizei setzt gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren ein und schießt in bewohnte Häuser hinein. Am 2. Mai ruft die KPD zu Massenstreiks auf, denen sich etwa 25.000 Arbeiter anschließen; erst am 3. Mai kommen die Unruhen zur Ruhe.
Am Ende zählt die amtliche Bilanz 33 getötete Zivilisten, 198 Verletzte und 47 verletzte Polizeibeamte — der blutigste innenpolitische Zusammenstoß, den die Reichshauptstadt seit den Kämpfen der Nachkriegsjahre erlebt hat. Der „Blutmai" vertieft den Graben zwischen SPD und KPD auf Jahre hinaus: Die Kommunisten sprechen seither vom „Sozialfaschismus" der Sozialdemokratie, während die SPD ihre Politik der Härte gegen die eigene Arbeiterschaft rechtfertigen muss.
Der Young-Plan — Sachverständige einigen sich auf neues Reparationsregime

Vier Monate lang verhandelt in Paris ein Ausschuss unabhängiger Finanzexperten aus sieben Staaten unter dem Vorsitz des amerikanischen Industriellen Owen D. Young über eine endgültige Neuregelung der deutschen Reparationsschuld; für das Reich sitzen Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Stahlindustrieller Albert Vögler am Tisch. Am 7. Juni legen die vierzehn Sachverständigen ihren Abschlussbericht vor: Der nach seinem Vorsitzenden benannte Young-Plan setzt die Gesamtreparationsschuld des Reichs auf gut 36 Milliarden Reichsmark fest, zahlbar in jährlichen Raten von durchschnittlich rund 2 Milliarden Reichsmark bis zum Jahr 1988 — mit Zins und Tilgung ergibt das über die gesamte Laufzeit rund 112 Milliarden Reichsmark. Zugleich endet mit dem Plan die bisherige Fremdkontrolle über Teile der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik, und eine neu zu gründende Bank für Internationalen Zahlungsausgleich soll den Zahlungsverkehr künftig abwickeln.
Verglichen mit dem bisherigen, 1924 vereinbarten Dawes-Plan verspricht der Young-Plan dem Reich mehr Planungssicherheit und eine spürbar geringere jährliche Belastung. Die endgültige Unterzeichnung durch die Regierungschefs steht noch aus — sie soll erst nach einer zweiten Haager Konferenz erfolgen —, doch schon jetzt formiert sich im Reich erbitterter Widerstand gegen ein Abkommen, das Deutschland für weitere sechs Jahrzehnte an Reparationszahlungen bindet.
Aus heutiger Sicht
Von der bis 1988 geplanten Laufzeit wird kaum etwas Wirklichkeit — schon 1931 setzt das Hoover-Moratorium die Zahlungen aus, und die Lausanner Konferenz beendet 1932 die deutschen Reparationen faktisch ganz. Der auf sechs Jahrzehnte angelegte Young-Plan bleibt damit nur gut drei Jahre in Kraft.
Karstadt eröffnet am Hermannplatz das größte Warenhaus Europas

Nach zweijähriger Bauzeit eröffnet am 21. Juni am Neuköllner Hermannplatz das neue Warenhaus der Firma Karstadt — mit rund 70.000 Quadratmetern Verkaufs- und Nutzfläche das größte und modernste Kaufhaus Europas. Entworfen hat den sechsgeschossigen Stahlbetonbau Karstadts Chefarchitekt Philipp Schaefer, der Elemente der Neugotik, des Expressionismus und des Art déco verbindet und die Fassade mit fränkischem Muschelkalk verkleidet; zwei markante Türme mit hohen Lichtsäulen flankieren das Gebäude und sind noch aus großer Entfernung zu sehen. Zur technischen Ausstattung zählen 21 Rollsteige und 20 Aufzüge, ein direkter unterirdischer Zugang zur U-Bahn-Station Hermannplatz sowie ein 4.000 Quadratmeter großer Dachgarten mit Restaurant, der den Gästen einen weiten Blick über die Stadt bietet.
Für die Berliner ist das neue Haus weit mehr als ein Geschäft — es ist ein Schaufenster der modernen Konsumgesellschaft mitten im Arbeiterbezirk Neukölln und ein Ausrufezeichen des Unternehmens Karstadt, das mit dem Bau seinen Anspruch auf die Rolle des führenden deutschen Warenhauskonzerns unterstreicht.
„Graf Zeppelin" umrundet in 21 Tagen die nördliche Erdhalbkugel

Unter dem Kommando des 61 Jahre alten Hugo Eckener startet das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" am 1. August in Friedrichshafen zunächst über den Atlantik nach Lakehurst bei New York. Von dort aus beginnt am 7. August die eigentliche Weltfahrt: In nur drei Zwischenstationen — Friedrichshafen, dem japanischen Kasumigaura bei Tokio und Los Angeles — umrundet das Luftschiff die nördliche Erdhalbkugel und kehrt am 29. August nach Lakehurst zurück. Finanziert hat die spektakuläre Fahrt der amerikanische Verleger William Randolph Hearst, der sich im Gegenzug die weltweiten Berichterstattungsrechte außerhalb Europas gesichert hat. Insgesamt legt die „Graf Zeppelin" auf der gesamten Reise 49.618 Kilometer in sechs Etappen und 35 Tagen zurück und stellt dabei mit einer Nonstop-Fahrtdauer von 102 Stunden einen neuen Luftschiff-Weltrekord auf.
Die Weltfahrt macht die „Graf Zeppelin" und ihren Kommandanten Eckener über Nacht zu Symbolfiguren einer neuen, grenzüberschreitenden Luftfahrt — ein seltener Moment nationalen Stolzes für das Reich in einem Jahr, das innenpolitisch von Krisen geprägt ist.
Sklarek-Skandal stürzt Berlins Oberbürgermeister Gustav Böß

Am 26. September verhaftet die Berliner Polizei die drei Brüder Max, Leo und Willi Sklarek, Inhaber einer Konfektionsfirma, die sich durch gefälschte Rechnungen und Bestechung städtischer Beamter das Privileg gesichert hatte, Berliner Krankenhäuser und Wohlfahrtseinrichtungen mit Kleidung zu beliefern — ein Betrug mit einem Schaden von über 10 Millionen Reichsmark. In den Skandal gerät auch Oberbürgermeister Gustav Böß (DDP), der sich zum Zeitpunkt der Enthüllung noch als Ehrengast in New York aufhält: Seine Gattin hatte von den Sklareks einen wertvollen Pelzmantel weit unter Preis erhalten. Zahlreiche weitere Magistratsbeamte und Kommunalpolitiker werden im Zuge der Ermittlungen entlassen, versetzt oder unter Anklage gestellt.
Obwohl Böß selbst von strafrechtlichem Fehlverhalten freigesprochen wird, ist das Vertrauen in seine Amtsführung zerstört: Am 7. November, einen Tag nach seinem Freispruch in der Presse, erklärt er seinen Rücktritt vom Amt des Oberbürgermeisters, das er seit 1921 innehatte. Der Sklarek-Skandal trifft die ohnehin angeschlagene Weimarer Kommunalpolitik in einem Jahr, in dem das Vertrauen in die Institutionen der Republik ohnehin schon schwindet.
Außenminister Gustav Stresemann stirbt inmitten seines Lebenswerks

Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der das Auswärtige Amt seit 1923 ohne Unterbrechung führt, stirbt am 3. Oktober in Berlin — mitten in den Verhandlungen um die endgültige Umsetzung des Young-Plans, an dessen Zustandekommen er maßgeblich mitgewirkt hatte. Mit den Verträgen von Locarno 1925, dem Beitritt des Reichs zum Völkerbund 1926 und dem gemeinsam mit dem Franzosen Aristide Briand entgegengenommenen Friedensnobelpreis desselben Jahres hatte Stresemann eine Verständigungspolitik verkörpert, die Deutschland nach der Katastrophe des Weltkriegs schrittweise wieder in den Kreis der europäischen Großmächte zurückführte. Kurz vor seinem Tod äußerte er sich skeptisch über die Nachhaltigkeit seiner Erfolge und soll erklärt haben, ein einziges Zugeständnis der anderen Seite hätte genügt, sein Volk von seinem Kurs zu überzeugen.
Sein Tod trifft die Reichsregierung in einem denkbar ungünstigen Moment: Ohne seine international anerkannte Autorität verliert die deutsche Außenpolitik ausgerechnet in den Wochen, in denen sich mit dem Volksbegehren gegen den Young-Plan und der beginnenden Weltwirtschaftskrise gleich mehrere Krisen zuspitzen, eine ihrer wichtigsten Stimmen.
Schwarzer Donnerstag und Schwarzer Dienstag — die New Yorker Börse bricht ein

Am 24. Oktober, dem „Schwarzen Donnerstag", stürzen die Kurse an der New Yorker Börse Wall Street ins Bodenlose: Der Börsenwert der notierten Unternehmen sinkt an diesem einen Tag um umgerechnet 11 Milliarden Dollar, mehr als 13 Millionen Aktien wechseln in panischem Verkauf den Besitzer. Ein kurzzeitiges Eingreifen führender New Yorker Bankiers, die demonstrativ Aktien aufkaufen, kann den Absturz nur wenige Tage hinauszögern: Am 29. Oktober, dem „Schwarzen Dienstag", verlieren die Unternehmen weitere 14 Milliarden Dollar an Wert, bei einem Rekordumsatz von 16,5 Millionen gehandelten Aktien; einzelne Papiere brechen um bis zu 99 Prozent ein.
Was in New York als Ende einer jahrelangen Spekulationsblase beginnt, ist noch nicht als globale Katastrophe erkennbar — doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass amerikanische Banken die kurzfristigen Kredite, mit denen sie seit Jahren deutsche Unternehmen und Kommunen finanziert haben, zurückfordern könnten. Für ein Reich, dessen Wirtschaft an diesen Krediten hängt und dessen Reparationszahlungen gerade erst mit dem Young-Plan auf eine neue Grundlage gestellt wurden, ist der Crash an der Wall Street eine Nachricht von unmittelbarer Tragweite.
Aus heutiger Sicht
Historiker markieren den Herbst 1929 an der Wall Street bis heute als Beginn der Weltwirtschaftskrise — in Deutschland schnellt die Arbeitslosigkeit bis 1932 auf über sechs Millionen, und die soziale Verzweiflung dieser Jahre wird zu einem der wichtigsten Wachstumsbeschleuniger für die NSDAP.
Thomas Mann erhält den Literaturnobelpreis für „Buddenbrooks"

Die Schwedische Akademie gibt am 12. November in Stockholm bekannt, dass der Literaturnobelpreis des Jahres an den Lübecker Schriftsteller Thomas Mann geht — vor allem in Würdigung seines bereits 1901 erschienenen ersten Romans „Buddenbrooks", der den Niedergang einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie über vier Generationen erzählt. Mann selbst zeigt sich überrascht, dass sich das Komitee so stark auf sein Frühwerk und weniger auf seine seither erschienenen Bücher, darunter den „Zauberberg", stützt. Mit dem Preis verbunden ist ein Preisgeld von 200.000 Reichsmark, mit dem Mann teils Schulden seiner Kinder tilgt und teils den Bau eines Sommerhauses im ostpreußischen Nidden auf der Kurischen Nehrung plant.
Für die deutsche Literatur ist die Auszeichnung ein später, aber umso deutlicherer Ritterschlag — ein Achtungserfolg, der die kulturelle Ausstrahlung der Weimarer Republik in einem Jahr unterstreicht, das politisch von Krisen und Konflikten geprägt ist.
Berliner Kommunalwahl — Radikalisierung an beiden Rändern der Stadtverordnetenversammlung

Bei der Wahl zur Berliner Stadtverordnetenversammlung am 17. November treten mit 22 Parteien und Listen so viele Bewerber an wie nie zuvor bei einer Berliner Kommunalwahl. Von den 225 Sitzen entfallen 64 auf die SPD (28,4 Prozent), die trotz Verlusten stärkste Kraft bleibt, dicht gefolgt von der KPD mit 56 Sitzen (24,6 Prozent) — beide Parteien profitieren von der Verhärtung der Fronten nach dem Blutmai. Die DNVP erreicht 40 Sitze (17,6 Prozent), DVP und DDP kommen auf 16 beziehungsweise 14 Sitze, während das Zentrum nur noch 8 Sitze hält. Zum ersten Mal zieht die NSDAP mit 13 Abgeordneten (5,8 Prozent) in nennenswerter Stärke in die Stadtverordnetenversammlung der Reichshauptstadt ein.
Das Ergebnis fällt mitten in die durch den Sklarek-Skandal ausgelöste Krise der Berliner Stadtverwaltung und bestätigt einen Trend, der sich im ganzen Reich abzeichnet: Während die bürgerlichen Mittelparteien schwächeln, gewinnen die politischen Ränder — Kommunisten und Nationalsozialisten — an Boden.
Volksentscheid gegen den Young-Plan scheitert am Quorum

Ein von DNVP-Vorsitzendem Alfred Hugenberg, der NSDAP unter Adolf Hitler und dem Frontkämpferverband Stahlhelm getragener „Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren" hatte im Oktober mit knapp über 10 Prozent der Stimmberechtigten gerade das nötige Quorum für ein Volksbegehren gegen den Young-Plan erreicht. Ihr „Gesetz gegen die Versklavung des deutschen Volkes" fordert die sofortige Ablehnung des Plans und stellt sogar die Kriegsschuld-Anerkennung selbst infrage. Am 22. Dezember kommt es zum Volksentscheid: Zwar stimmen 94,5 Prozent der abgegebenen Stimmen für das Volksbegehren, doch die Wahlbeteiligung bleibt mit rund 15 Prozent der Stimmberechtigten weit unter der für einen verfassungsändernden Volksentscheid nötigen absoluten Mehrheit aller Wahlberechtigten — das Begehren scheitert damit klar am Quorum.
Trotz der Niederlage an der Wahlurne hat die Kampagne einen politischen Ertrag, der über den Jahreswechsel hinausweist: Sie verschafft der NSDAP an der Seite der etablierten Rechten erstmals reichsweite Aufmerksamkeit und bringt Hitler in direkten Kontakt mit Hugenbergs Presse- und Finanzierungsnetzwerk.
Aus heutiger Sicht
Die 13 NSDAP-Sitze wirken 1929 wie eine Randnotiz neben SPD und KPD — tatsächlich ist es der erste reichsweit sichtbare Einbruch der Partei in ein deutsches Landesparlament westlich Bayerns, nur gut drei Jahre vor der Machtübernahme.
Werner Forßmann führt im Selbstversuch den ersten Herzkatheter am Menschen ein

Der 25 Jahre alte Assistenzarzt Werner Forßmann führt sich an einem Sommertag im Kreiskrankenhaus Eberswalde unter örtlicher Betäubung einen dünnen Harnleiterkatheter durch die linke Armvene bis in den rechten Herzvorhof — gegen den ausdrücklichen Willen seines Chefarztes und ohne jede Assistenz, da ihm niemand bei diesem als lebensgefährlich geltenden Vorhaben helfen will. Eine Röntgenaufnahme, die eine Schwester heimlich mit ihm anfertigt, dokumentiert erstmals in der Medizingeschichte einen Katheter im lebenden menschlichen Herzen. Am 5. November veröffentlicht Forßmann seine Ergebnisse in der „Klinischen Wochenschrift" — die medizinische Fachwelt reagiert überwiegend mit Ablehnung und hält den Selbstversuch für ärztlich unverantwortlich.
Für den jungen Arzt bringt die Veröffentlichung zunächst keine Anerkennung, sondern berufliche Nachteile: Mehrere Kliniken lehnen seine Weiterbeschäftigung ab, und er wechselt in die Urologie. Erst Jahrzehnte später wird sich zeigen, welchen Grundstein sein Wagnis für die moderne Kardiologie gelegt hat.
Aus heutiger Sicht
1956 erhält Forßmann gemeinsam mit den Amerikanern André Cournand und Dickinson Richards, die seine Technik klinisch weiterentwickelt hatten, den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin — die Herzkatheteruntersuchung ist heute eines der häufigsten diagnostischen und therapeutischen Verfahren der Kardiologie weltweit.
Schnelldampfer „Bremen" erobert auf ihrer Jungfernfahrt das Blaue Band

Der neue Schnelldampfer „Bremen" der Reederei Norddeutscher Lloyd sticht am 16. Juli zu seiner Jungfernfahrt von Bremerhaven nach New York in See — unter dem Kommando von Kommodore Leopold Ziegenbein und angetrieben von besonders leistungsstarken Turbinen, die das Schiff durch einen charakteristischen, weit nach vorn gezogenen Bugwulst noch weiter beschleunigen. Bei der Ankunft in New York steht fest: Die „Bremen" hat die Strecke in 4 Tagen, 17 Stunden und 42 Minuten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 27,83 Knoten zurückgelegt und damit der britischen „Mauretania" nach zwanzig Jahren das „Blaue Band" als schnellstes Passagierschiff auf der Nordatlantikroute abgenommen.
Für das Reich, dessen Ansehen als Seefahrtsnation seit dem Weltkrieg gelitten hat, ist der Erfolg der „Bremen" ein seltener Anlass zu ungetrübtem nationalem Stolz — ein technisches Prestigeprojekt, das noch vor dem Krach an der Wall Street und mitten im Krisenjahr 1929 zeigt, zu welchen Leistungen die deutsche Industrie fähig ist.
Riesenflugboot „Do X" hebt mit 169 Menschen an Bord ab — Weltrekord über dem Bodensee

Bei ihrem 42. Testflug hebt die von Claude Dornier konstruierte „Do X" am 21. Oktober vom Bodensee ab — mit 169 Menschen an Bord, größtenteils Werksangehörigen des Dornier-Werks Friedrichshafen und ihren Familien, stellt das von zwölf Motoren angetriebene Flugboot einen neuen Passagier-Weltrekord für ein einzelnes Fluggerät auf. Der gut 40-minütige Rundflug führt über Bregenz, Lindau und Friedrichshafen in rund 200 Metern Höhe; mit einer Rumpflänge von über 40 Metern und einer Spannweite von fast 48 Metern ist die „Do X" zu diesem Zeitpunkt das größte, schwerste und stärkste Flugzeug der Welt.
Der spektakuläre Rekordflug macht die „Do X" für einen Tag zur Sensation der internationalen Luftfahrtpresse — auch wenn sich das Riesenflugboot im regulären Linienverkehr wegen seines enormen Treibstoffverbrauchs später als wirtschaftlich kaum tragfähig erweisen wird.
AM RANDE NOTIERT
- 29. Januar — Der Roman „Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque erscheint als Buch bei Propyläen; nach dem Vorabdruck in der Vossischen Zeitung wird er binnen weniger Monate zum meistverkauften Buch des Reichs.
- Januar — Erich Kästner veröffentlicht mit „Emil und die Detektive" sein erstes Kinderbuch — Schauplatz ist ein Berlin, dessen Straßen, Straßenbahnen und Hinterhöfe die junge Leserschaft aus eigener Anschauung kennt.
- 12. Februar — Der aus der Sowjetunion verbannte Leo Trotzki trifft nach seiner Ausweisung an Bord des Dampfers „Ilyich" in Konstantinopel ein und beginnt dort sein Exil.
- 14. Februar — In Chicago werden bei einer als „Valentinstag- Massaker" bekannt gewordenen Bandenabrechnung sieben Männer der Rivalenbande von Al Capone erschossen.
- 4. März — Herbert Hoover wird als 31. Präsident der Vereinigten Staaten in Washington vereidigt.
- Sommer — Die Große Deutsche Funkausstellung öffnet auf dem Berliner Messegelände am Kaiserdamm ihre Tore und zeigt dem Publikum die neuesten Rundfunkempfänger und ersten Fernseh-Versuchsanlagen.
- 10. Oktober — Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns" mit Richard Tauber in der Hauptrolle wird am Berliner Metropol-Theater uraufgeführt und begeistert das Publikum vom ersten Abend an.
- 15. Oktober — Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond" hat im Berliner Ufa-Palast am Zoo Premiere — der Regisseur ließ sich für die Raketenszenen von zeitgenössischen Raumfahrtvisionären beraten.
- 29. Januar — Die Vereinigten Papierwerke Nürnberg reichen das gefaltete Papiertaschentuch „Tempo" zum Patent ein — der Beginn einer Produktkategorie, die binnen wenigen Jahren zum Alltagsgegenstand wird.
- 29. Mai — Testpilot Willi Neuenhofen stellt mit einer Junkers W 34 über Dessau einen neuen Höhenweltrekord von 12.739 Metern auf und übertrifft damit den bisherigen amerikanischen Rekord um mehr als 800 Meter — bei der Landung ist er nach Stunden im offenen Cockpit stark durchgefroren.
WIRTSCHAFT · 1929
Die Konjunktur kippt im Laufe des Jahres 1929 sichtbar: Nach Jahren relativer Stabilisierung steigt die Arbeitslosigkeit im Reich bis zum Jahresende auf rund 1,9 Millionen registrierte Arbeitslose, eine Quote von etwa 8,5 Prozent — und das noch, bevor sich die Folgen des New Yorker Börsenkrachs vom Oktober voll entfalten. Ein tariflich beschäftigter Facharbeiter verdient im Wochendurchschnitt rund 54 Reichsmark, ein ungelernter Arbeiter etwa 42 Reichsmark; die Realeinkommen liegen damit erstmals seit 1928 wieder über dem Vorkriegsniveau von 1913, doch die Krise an der Wall Street lässt bereits erahnen, dass dieser Vorsprung nicht von Dauer sein dürfte.
Preisspiegel 1929 (Berlin/Reich, ausgewählte Alltagspreise):
- Roggenbrot (1 kg) — 0,38 Reichsmark
- Butter (1 kg) — 3,90 Reichsmark
- Milch (1 Liter) — 0,30 Reichsmark
- Bier, helles Lager (0,5 Liter) — 0,36 Reichsmark
- Ei (1 Stück) — 0,16 Reichsmark
- Straßenbahn-Einzelfahrschein (BVG Berlin) — 0,20 Reichsmark
- Kinokarte, Vorparkett — 1,00 Reichsmark
- Tageszeitung (Vossische Zeitung, Einzelverkauf) — 0,20 Reichsmark
STIMMEN DER PRESSE · 1929
"[Die Polizei] jagte schon ab dem Vormittag immer wieder Wagen der Schutzpolizei heran, die Mannschaften sprangen herunter und begannen sofort, auf die dort befindlichen Personen einzuschlagen." — Frankfurter Zeitung, Anfang Mai 1929, über den Polizeieinsatz am Neuköllner Hermannplatz während des Blutmai
"Gebrüder Sklarek verhaftet. Die Stadt Berlin um große Summen geschädigt. Die bekannten Kaufleute und Rennstallbesitzer, die Gebrüder Max, Leo und Willi Sklarek sind unter dem Verdacht umfangreicher Betrügereien, die in die Hunderttausende gehen, von der Kriminalpolizei verhaftet und ins Polizeipräsidium gebracht worden." — Vorwärts, 27. September 1929
SPORT · 1929
Im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft setzt sich am 16. Juni in Nürnberg die SpVgg Fürth mit 3:2 gegen Hertha BSC durch — für die Berliner ist es nach 1926 und 1928 bereits die dritte verlorene Endspielteilnahme in Folge, ein bitteres Muster, das die Hauptstadtelf noch immer nicht durchbrechen kann. Auf internationalem Parkett sorgt der junge Schwergewichtsboxer Max Schmeling für Aufsehen: Am 27. Juni schlägt er in New York den Spanier Paulino Uzcudun und gilt seither als ernstzunehmender Herausforderer für die amerikanische Boxweltspitze.
In Berlin selbst zieht das Sechstagerennen im Sportpalast wieder Zehntausende Zuschauer nächtelang in seinen Bann — für viele Berliner ist die Mischung aus Radsport, Kapelle und Kneipenstimmung unter dem Glasdach am Potsdamer Platz der sportliche Höhepunkt des Winters.
MODE · 1929
Die Mode des Jahres verabschiedet sich endgültig von der knappen, knabenhaften Linie der frühen Zwanziger: Pariser Häuser wie das von Madeleine Vionnet zeigen fließende, im Schrägschnitt gearbeitete Kleider, die Taille rückt wieder an ihren natürlichen Platz, Säume sinken abends bis zum Boden. Zum Abendkleid gehört häufig eine kurze Bolerojacke oder ein Cape aus Samt, tagsüber dominiert weiterhin der schlichte, glockenförmige Rock in Waden- bis Knöchellänge.
In Berlin setzen die großen Modehäuser der Leipziger Straße und die neu eröffneten Warenhäuser wie das Kaufhaus am Hermannplatz auf Konfektionsware, die Pariser Schnitte für ein bürgerliches Publikum erschwinglich macht — ein Zeichen dafür, dass sich die einst nur der Oberschicht vorbehaltene Mode zunehmend demokratisiert.
KINO & FUNK · 1929
Am 12. März feiert im Ufa-Palast am Zoo mit „Melodie der Welt" von Walter Ruttmann der erste abendfüllende deutsche Tonfilm Premiere — ein Montage-Dokumentarfilm ohne Spielhandlung, der die neue Tontechnik vor allem an Musik und Geräuschen der Weltmeere und Kontinente erprobt. Nur wenige Tage zuvor, am 8. März, gelingt in Berlin-Witzleben die erste öffentlich vorgeführte Übertragung bewegter Fernsehbilder auf deutschem Boden — noch ein technisches Experiment ohne Publikumsprogramm, aber ein früher Vorbote eines künftigen Massenmediums. Am 11. April öffnet mit dem Kino Babylon am Bülowplatz einer der modernsten Lichtspielpaläste Berlins seine Tore, gebaut vom Architekten Hans Poelzig eigens für Stumm- und beginnende Tonfilmvorführungen.
Auf den Bühnen der Operette bleibt Franz Lehárs „Das Land des Lächelns" mit Richard Tauber das Publikumsereignis des Herbstes, während im Rundfunk die im Sommer eröffnete Große Deutsche Funkausstellung zeigt, wie rasch sich Radioempfänger vom teuren Luxusgegenstand zum erschwinglichen Haushaltsgerät entwickeln — Programm macht in Berlin vor allem die Funk-Stunde Berlin, mit Konzertübertragungen, Hörspielen und den ersten regelmäßigen Nachrichtensendungen des Reichs.
GESTORBEN · 1929
- Carl Benz (84), Automobilpionier und Miterfinder des Verbrennungsmotor-Automobils, gestorben am 4. April in Ladenburg.
- Hans Meyer (71), Geograph und Afrikaforscher, 1889 Erstbesteiger des Kilimandscharo-Gipfels, gestorben am 5. Juli in Leipzig.
- Hugo von Hofmannsthal (55), österreichischer Dichter und Librettist Richard Strauss’, gestorben am 15. Juli in Rodaun bei Wien.
- Wilhelm Maybach (83), Motorenkonstrukteur und Mitbegründer der Maybach-Motorenbau GmbH, gestorben am 29. Dezember in Stuttgart-Cannstatt.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1929
- Erste Academy Awards (16. Mai, Hollywood). Die amerikanische Filmakademie verleiht in Los Angeles zum ersten Mal ihre Auszeichnungen für herausragende Filmkunst — der Beginn einer Tradition, die dem noch jungen Medium Film künstlerische Anerkennung verschafft.
- Barcelona-Pavillon (Mai, Barcelona). Der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe errichtet für die Weltausstellung in Barcelona den Deutschen Pavillon — ein Bau aus Glas, Stahl und edlem Marmor, der mit seiner klaren, offenen Konstruktion als wegweisend für die moderne Architektur gilt.
- Hubbles Entdeckung der Fluchtbewegung der Galaxien. Der amerikanische Astronom Edwin Hubble veröffentlicht Beobachtungen, wonach sich ferne Galaxien umso schneller von uns entfernen, je weiter sie entfernt sind — ein fundamentaler Beitrag zum Verständnis eines sich ausdehnenden Weltalls.
- Eröffnung des Museum of Modern Art (7. November, New York). In New York öffnet mit dem MoMA ein neues Museum, das sich ausschließlich der Kunst der Gegenwart widmet.
- Byrds Flug zum Südpol (28./29. November). Der amerikanische Flieger Richard E. Byrd überfliegt mit seiner Besatzung als Erster den Südpol und liefert damit einen weiteren Beleg für die rasanten Fortschritte der Luftfahrt in diesem Jahrzehnt.
DAS WETTER · 1929 in Berlin
Am 13. Juli meldet die Wetterstation Berlin-Dahlem ein Höchstwert von 22,8 Grad und ein Tagestief von 15,4 Grad, bei völliger Niederschlagsfreiheit — ein rechnerisches Tagesmittel aus Höchst- und Tiefstwert ergibt rund 19 Grad, eine amtliche Tagesmitteltemperatur wird für diesen Tag nicht ausgewiesen. Es ist ein Sommertag von durchschnittlichem Charakter, wie ihn Berlin in diesem Juli mehrfach erlebt.
Das Jahr über zeigt sich als eines der wetterreichsten seit Beginn der Aufzeichnungen: Dem Jahrhundertwinter mit seinem Tiefstwert von minus 26,0 Grad am 11. Februar — dem Höhepunkt der Kältewelle, die weite Teile Mitteleuropas erfasste — steht am 21. Juli mit 33,3 Grad der wärmste Tag des Jahres gegenüber. Insgesamt zählt die Station 104 Frosttage und 41 Sommertage, bei einer Jahresniederschlagssumme von 499 Millimetern. Die mittlere Tageshöchsttemperatur liegt bei 12,3 Grad, das mittlere Tagestief bei 3,4 Grad — Zahlen, die das Jahr 1929 als klimatisch außergewöhnlich ausweisen.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1929
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Dein ist mein ganzes Herz — Richard Tauber (aus „Das Land des Lächelns", Uraufführung 10. Oktober)
- Immer nur lächeln — Richard Tauber (aus „Das Land des Lächelns")
- Freunderl, mach' dir nix draus — Vera Schwarz (aus „Das Land des Lächelns")
- Ich küsse Ihre Hand, Madame — Richard Tauber (Tango, 1928/29)
- Schöner Gigolo, armer Gigolo — Kurt Mühlhardt mit Orchester Dajos Béla
- Surabaya Johnny — Carola Neher (aus „Happy End", Uraufführung 2. September)
- Bilbao-Song — Oskar Homolka (aus „Happy End")
- In einer kleinen Konditorei — Max Mensing mit Saxophon-Orchester Dobbri
- Schöne Frau im Mond — Marek Weber und sein Orchester (zu Fritz Langs Film „Frau im Mond")
- Einmal sagt man sich adieu — Richard Tauber (aus dem Film „Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna")
- Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh'n — Dajos Béla Orchester
- Ist dein kleines Herz für mich noch frei, Baby? — Paul O'Montis (deutsche Fassung von „I Can't Give You Anything But Love")
- Es liegt in der Luft — Marlene Dietrich und Margo Lion (aus der Revue „Es liegt in der Luft", 1928)
- Wenn der weiße Flieder wieder blüht — Ruth Arden mit Orchester (1928)
- Ramona — Dajos Béla Orchester (1928)
- Singin' in the Rain — Cliff Edwards
- Am I Blue — Ethel Waters
- Tiptoe Through the Tulips — Nick Lucas
- Ain't Misbehavin' — Louis Armstrong (aus „Hot Chocolates")
- Louise — Maurice Chevalier (aus „Innocents of Paris")
Quellen: Wikipedia-Kategorien „Lied 1929" und „Musikjahr 1929", SecondHandSongs.com, Wikipedia-Artikel zu „Das Land des Lächelns (Operette)", „Happy End (Komödie)", „Schöner Gigolo, armer Gigolo (Lied)", „Ramona (Lied)", „Ich küsse Ihre Hand, Madame (Lied)", „Schöne Frau im Mond", „Einmal sagt man sich adieu", „I Can't Give You Anything but Love", „Es liegt in der Luft" — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Kiel im Eis — sowjetische Eisbrecher öffnen den Kanal

Anfang Februar messen die Kieler minus 14 Grad, im Umland sind es minus 18; am 10. Februar misst man in Kiel stellenweise minus 26 Grad. Am selben Tag ist der Kaiser-Wilhelm-Kanal völlig gesperrt. Das Eis ist 30 bis 50 Zentimeter dick, Autos fahren darauf. Am 12. Februar sitzen 60 Schiffe aller Nationen mit mehr als 1000 Mann Besatzung auf der Holtenauer Reede fest. Das Segelschulschiff „Bremen“, mit Salpeter nach Danzig unterwegs, muss umkehren. Ende Februar klagt die Presse, Deutschland besitze keine leistungsstarken Eisbrecher.
Ende Februar bitten das Reichs-Kanalamt und der Verband deutscher Reeder die Sowjetunion um die Eisbrecher „Jermak“ und „Truvor“; die Charter kostet 15.000 Reichsmark am Tag. Am 7. März wird die „Jermak“ in der Außenförde gesichtet, am 14. März liegen beide in Holtenau. Am 15. März beginnen sie, den Kanal aufzubrechen: 40 Zentimeter Eis, vor Brunsbüttel einen Meter. Am 18. März fahren nach fünf Wochen die ersten Schiffe wieder durch.
Die untätigen Holtenauer Lotsen gründen in diesem Winter den Lotsengesangverein „Knurrhahn“, einen Shanty-Chor.
Kommunalwahl: Die SPD zieht mit 27 Mandaten in die Stadtverordnetenversammlung
Am 17. November wählen die Kieler die Stadtverordnetenversammlung; am selben Tag wird der Provinziallandtag gewählt. Gewählt wird in Mehrpersonenwahlkreisen: Kiel, Holtenau, Pries, Friedrichsort und Neumühlen-Dietrichsdorf. Die SPD erreicht 27 Mandate, 1924 waren es 20. Unter den Gewählten sind der Redakteur Andreas Gayk, Wilhelm Spiegel und Carl Balleng; Fraktionsvorsitzender ist Wilhelm Timm. Die Fraktion arbeitet meist mit der Liste „Volkswohl“ zusammen. Nach der Wahl stellt die SPD drei unbesoldete Magistratsmitglieder.
In der Provinz Schleswig-Holstein kommt die SPD bei der Wahl zum Provinziallandtag auf 33,3 Prozent und liegt damit vor der Liste „Heimat und Wirtschaft“. „Heimat und Wirtschaft“ erreicht 25,3 Prozent, die NSDAP 10,3 Prozent und sieben Sitze, die KPD 7,3 Prozent und fünf Sitze. Die sieben NSDAP-Abgeordneten kommen alle aus Dithmarschen. Das neue Gemeindewahlrecht nach der Auflösung der Gutsbezirke 1928 stärkt die SPD auf dem Land.
Deutsche Werke: Vier Frachter für Norwegen, der Kreuzer „Karlsruhe“ verlässt die Förde
Die Deutsche Werke Kiel AG baut 1929 vier Motorfrachter für die norwegische Reederei Wilhelm Wilhelmsen in Tønsberg, Baunummern 220 bis 223, jeweils rund 6700 bis 7100 BRT. Baunummer 221 läuft am 19. Januar vom Stapel, Baunummer 222 schwimmt am 27. Februar auf, Baunummer 223 läuft am 4. Mai vom Stapel. Übergeben werden die Schiffe am 21. März (220), 26. März (221), 4. Juni (222) und 27. August (223).
Der Leichte Kreuzer „Karlsruhe“, Baunummer 207 der Werft, gehört zur Königsberg-Klasse; die Reichsmarine baut ihn unter den Beschränkungen des Versailler Vertrags. Er liegt seit dem Stapellauf am 20. August 1927 in Kiel. Die Werftprobefahrten enden am 15. Oktober mit der Überführungsfahrt von Kiel nach Wilhelmshaven unter Werftflagge; damit hat der Kreuzer die Förde verlassen. Dort stellt ihn die Reichsmarine am 6. November unter Fregattenkapitän Eugen Lindau in Dienst. Die Baukosten betragen rund 36 Millionen Reichsmark.
Holstein Kiel wird Norddeutscher Vizemeister
Fünf Vereine aus Hamburg, vier aus Altona und Umgebung und Holstein Kiel hatten 1928 aus Protest gegen die vielen Bezirksligen die „Runde der Zehn“ als eigene Spielklasse gegründet. Holstein wird dort Zweiter hinter dem Hamburger SV, in neun Spielen mit sechs Siegen, drei Niederlagen und 38:20 Toren (12:6 Punkte). Zugleich gewinnen die Kieler die Bezirksmeisterschaft Schleswig-Holstein, Staffel Nord.
In der Endrunde zur Norddeutschen Meisterschaft schlägt Holstein in der Qualifikation den St. Pauli Sportverein 6:1. Das Viertelfinale am 21. April bei der SpVgg Hannover 1897 endet 8:0 für die Kieler. In der Finalrunde treffen Hannover 96, Holstein, der Hamburger SV und Altona 93 aufeinander. Drei Mannschaften enden in der Finalrunde punktgleich; im Play-off wird der Hamburger SV Erster, Holstein Zweiter. Damit ist Holstein Norddeutscher Vizemeister, beide Mannschaften sind für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Der Hamburger SV wird zum siebten Mal Norddeutscher Meister. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft scheidet Holstein am 16. Juni im Achtelfinale auf dem Sportplatz Hoheluft in Hamburg mit 1:6 gegen den 1. FC Nürnberg aus.
Prinz Heinrich von Preußen stirbt auf Gut Hemmelmark

Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, der jüngere Bruder Kaiser Wilhelms II., stirbt am 20. April auf Gut Hemmelmark an einem Krebsleiden. Am 24. April wird er im Mausoleum auf der Feldmark zwischen Hohenstein und Hemmelmark beigesetzt. Den Sarg auf einer Lafette ziehen 32 Marineoffiziere, dahinter geht die Witwe Irene. Die Grabkapelle im byzantinischen Stil folgt dem Vorbild des Mausoleums der Galla Placidia; die Fenster stammen von den Brüdern Rudolf und Otto Linnemann.
Rund 30 Jahre lang wohnte Heinrich im Kieler Schloss. 1903 wurde er Chef der Marinestation der Ostsee, am 12. November 1911 machte ihn die Stadt zum Ehrenbürger, als Vizekommodore des Kaiserlichen Yacht-Clubs war er für die Kieler Woche zuständig. Die Stadt schenkte ihm und seiner Frau 1888 zur Hochzeit den Kilia-Brunnen. Gut Hemmelmark kaufte er 1894. 1908 ließ er den ersten deutschen Scheibenwischer patentieren, 1910 erwarb er bei August Euler den Flugzeugführerschein.
Aus heutiger Sicht
Heinrich war seit 1898 Schirmherr des Deutschen Flottenvereins, des größten nationalistischen Propagandavereins des Kaiserreichs. Den Kielern galt er als volksnah, politisch hatte er keinen Einfluss. Die Verehrung des Kaiserhauses prägte die Marinestadt auch in der Republik.
Laboe: Der Turm des Marine-Ehrenmals wächst auf 68 Meter
Im August beginnt in Laboe der Bau des Turms für das Marine-Ehrenmal: Die Schalung des Unterbaus wird aufgestellt. Im November hat der Turm 68,20 Meter erreicht, in dreieinhalb Monaten. Die Betonpumpe der Kieler Firma Max Giese fördert den Beton bis in 30 Meter Höhe, darüber bringt ihn ein Aufzug nach oben; die Pumpe ist gleichzeitig beim Bau des Deutschen Hauses in Flensburg im Einsatz.
Der Anstoß kam 1925 vom ehemaligen Obermaat Wilhelm Lammertz, der dem Deutschen Marinebund eine Gedenkstätte vorschlug; die Gemeinde Laboe stimmte 1926 zu. Im Ersten Weltkrieg waren 34.836 Marinesoldaten auf See umgekommen. Den Grundstein legte Admiral Reinhard Scheer am 8. August 1927 auf dem Gelände eines ehemaligen Panzerturms der Kieler Hafenbefestigung. Nach dem Wettbewerb von 1927 bevorzugte die Kommission den Entwurf von Gustav August Munzer in vereinfachter Form. Munzer wollte „ein Bauwerk, mit der Erde und der See fest verwurzelt und gen Himmel steigend wie eine Flamme“. Das Geld kommt aus Spenden und von der Stadt Kiel.
Aus heutiger Sicht
Der Bau ruhte zunächst wegen Geldmangels in der Wirtschaftskrise und ging 1933 weiter. Am 30. Mai 1936 wurde das Ehrenmal in Anwesenheit Adolf Hitlers mit einer Flottenparade eingeweiht und im Nationalsozialismus als Weihestätte genutzt. Am 30. Mai 1954 erhielt der Deutsche Marinebund das Ehrenmal zurück; 1996 wurde es zur Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen aller Nationen und zum Mahnmal für eine friedliche Seefahrt umgewidmet.
KURZ NOTIERT · Kiel 1929
- 17. Januar — Der Mittelweg in Projensdorf wird in Wiesenweg umbenannt.
- 22. März — Die Gemeindevertretung von Russee beschließt die Eingemeindung nach Kiel; vollzogen wird sie in diesem Jahr nicht.
- 15.–23. Juni — Kiel richtet die Nordisch-Deutsche Woche für Kunst und Wissenschaft zusammen mit dem Nordisch-Deutschen Universitätstag aus, um die kulturellen Bindungen zu Skandinavien nach dem Weltkrieg zu beleben. Das Plakat stammt von Alfred Mahlau, die Vereinigten Städtischen Theater geben ein Programmheft heraus, die Universitätsbibliothek zeigt Ausstellungen und veröffentlicht ein Verzeichnis nordischer Zeitschriften und Zeitungen.
- Kieler Woche — Zur 42. Kieler Woche liegen die Linienschiffe „Hessen“, „Elsaß“, „Schlesien“ und „Schleswig-Holstein“ sowie der Leichte Kreuzer „Königsberg“ der Reichsmarine im Kieler Hafen.
- 9. September — Der Sozialdemokrat Hermann Adam, seit 1919 Mitglied des Kieler Magistrats, stirbt mit 61 Jahren in Kiel.
RUND UM DIE FÖRDE · 1929
- Februar, Laboe — Ein Fördedampfer fährt durch Eisschollen über Friedrichsort nach Laboe und kommt in den Hafen nur durch eine enge Rinne. Zwischen Möltenort und Laboe ziehen Fischer mit dem Schlitten über das Eis und angeln durch Axtlöcher Dorsche.
- 17. November, Klausdorf — Der junge SPD-Ortsverein erreicht bei der Gemeindewahl rund 62 Prozent der Stimmen und 6 von 9 Sitzen. Der Ortsverein Klausdorf hatte sich im Januar gegründet, als Gastredner kam der Holtenauer Lehrer Hermann Hamann.
SPORT AN DER FÖRDE · 1929
- Norddeutscher Sportverband — Der Verbandstag beschließt am 10. März die Ligareform: sechs Oberligen ab der Saison 1929/30.
- Holstein Kiel — Am 5. Mai stirbt in Kiel Georg P. Blaschke, Hauptbetreiber der Vereinsfusion von 1917, bis 1928 geschäftsführender Vorsitzender des DFB und seit 1928 Vorsitzender des Norddeutschen Sport-Verbands.
- Wassersport — Am 12. Mai weiht die Wassersportabteilung der Freien Turnerschaft, ein Segel- und Ruderverein für Arbeiter, ihr erstes Klubhaus an der Wiker Bucht ein; im Obergeschoss ist eine Jugendherberge.
DAS WETTER · 1929 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster als Höchstwert 21,4 °C, als Tiefstwert 11,6 °C und als Tagesmittel 15,2 °C; Niederschlag fiel keiner (0,0 mm). Neumünster liegt rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland.
Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 7,3 °C. Der wärmste Tag war der 1. September mit 31,4 °C, der kälteste Tiefstwert lag bei −21,4 °C am 11. Februar. Es gab 3 Hitzetage (Höchstwert ab 30 °C), 26 Sommertage (Höchstwert ab 25 °C), 47 Eistage (Höchstwert unter 0 °C) und 110 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Im Jahr fielen 596 mm Niederschlag.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)