DER CHRONIST

Zum Geleit

Am 1. Mai schießt die Polizei in Wedding und Neukölln auf Demonstranten, 33 Menschen sterben — der „Blutmai" hinterlässt eine tiefe Wunde im ohnehin zerrütteten Verhältnis von SPD und Kommunisten. In Paris einigen sich Sachverständige unter Owen D. Young im Juni auf einen neuen Reparationsplan, der Deutschlands Zahlungen bis 1988 festschreibt und im Dezember an einer Volksabstimmung der Rechten scheitert, ihre Kritiker zu stoppen. Berlin selbst erlebt ein Wechselbad: Im Juni eröffnet mit dem Karstadt-Haus am Hermannplatz das größte Warenhaus Europas, im Herbst erschüttert der Sklarek-Betrug den Magistrat und stürzt Oberbürgermeister Gustav Böß. Ein Jahrhundertwinter im Februar legt weite Teile Europas lahm, Gustav Stresemann stirbt im Oktober mitten in seinem Lebenswerk, und derselbe Monat bringt mit dem Krach an der Wall Street den Auftakt zu einer Krise, deren Ausmaß am Jahresende noch niemand ermessen kann. Dazwischen leuchten helle Momente: Thomas Mann erhält den Literaturnobelpreis, das Luftschiff „Graf Zeppelin" umrundet in 21 Tagen die nördliche Erdhalbkugel, und in Rom beenden die Lateranverträge den jahrzehntelangen Streit zwischen Papst und italienischem Staat.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die Lateranverträge beenden den Streit zwischen Papst und italienischem Staat

Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri und Ministerpräsident Benito Mussolini bei der Unterzeichnung der Lateranverträge im Lateranpalast
Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri und Ministerpräsident Benito Mussolini bei der Unterzeichnung der Lateranverträge im Lateranpalast (Istituto Luce / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Lateranpalast zu Rom unterzeichnen am 11. Februar Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri für den Heiligen Stuhl und Ministerpräsident Benito Mussolini für das Königreich Italien die Lateranverträge — ein Vertragswerk aus drei Teilen, das die seit der Eroberung Roms 1870 offene „Römische Frage" endlich löst. Ein politischer Vertrag begründet den neuen, nur 44 Hektar kleinen, aber völkerrechtlich souveränen Vatikanstaat; ein Konkordat regelt fortan das Verhältnis von Kirche und italienischem Staat und überträgt der Kirche unter anderem die Lateranbasilika, Santa Maria Maggiore, St. Paul vor den Mauern und die Sommerresidenz Castel Gandolfo mit exterritorialem Status. Eine dritte Finanzkonvention entschädigt den Vatikan mit 750 Millionen Lire in bar sowie einer Milliarde Lire in italienischen Staatsanleihen für den 1870 erlittenen Gebietsverlust.

Papst Pius XI., der die Verhandlungen seit Jahren betrieben hatte, kann damit erstmals seit fast sechzig Jahren wieder über ein eigenes Territorium verfügen; Mussolini wiederum sichert sich mit dem Vertragsschluss die Anerkennung durch die katholische Kirche und damit erheblichen innenpolitischen Rückhalt für sein faschistisches Regime.

Der Jahrhundertwinter — Rekordkälte legt weite Teile Europas lahm

Der zwischen Mannheim und Ludwigshafen völlig zugefrorene Rhein im Februar 1929
Der zwischen Mannheim und Ludwigshafen völlig zugefrorene Rhein im Februar 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein Jahrhundertwinter hält im Februar ganz Mitteleuropa in eisernem Griff — die kälteste Witterungsperiode, die Deutschland seit Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen um 1900 erlebt hat. Wochenlang sinken die Temperaturen auf 28 bis 29 Grad unter null, sämtliche größere Flüsse und Seen des Reichs frieren zu: Der Rhein steht zwischen Mannheim und Ludwigshafen so fest, dass ihn Fußgänger zu Tausenden zu Fuß überqueren, auch Elbe und Ems liegen wochenlang unter dicken Eisdecken. Die Ostsee vereist über weite Strecken; allein im Kieler Hafen liegen am 14. Februar 137 Schiffe fest, die Eisdicke erreicht stellenweise 120 Zentimeter und lässt selbst schwere Dampfer nicht mehr durch. Kriegsschiffe der Reichsmarine, darunter die Linienschiffe „Elsaß" und „Schleswig-Holstein", müssen als Eisbrecher aushelfen, um eingeschlossene Frachter aus der Ostsee nach Kiel zu bringen; vielen Besatzungen gehen an Bord Kohle und Proviant aus.

Auf dem Land bringt die Kälte in Verbindung mit starkem Schneefall Handel und Verkehr vielerorts zum Erliegen, abgelegene Landstriche werden zeitweise von der Versorgung abgeschnitten. Wo zugleich der Brennstoff knapp wird, sitzen zahllose Familien in ungeheizten Wohnungen — eine Kohlennot, die Behörden und Wohlfahrtsverbände im ganzen Reich mit Notmaßnahmen zu lindern versuchen, während Berichte über erfrorene Menschen aus mehreren Landesteilen eintreffen.

Blutmai — Polizei und Demonstranten liefern sich blutige Straßenkämpfe

Eine Straßenbarrikade der Demonstranten während der Berliner Mai-Unruhen 1929
Eine Straßenbarrikade der Demonstranten während der Berliner Mai-Unruhen 1929 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der preußische Innenminister Albert Grzesinski hatte im März wegen gewalttätiger Zusammenstöße ein allgemeines Demonstrationsverbot für Berlin verhängt — die KPD ruft dennoch für den 1. Mai zu Kundgebungen auf. Zunächst versammeln sich nur rund 8.000 Menschen in kleineren Gruppen, die Polizei unter dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel löst sie mit Gummiknüppeln, Wasserwerfern und Warnschüssen auf. Am Nachmittag eskaliert die Lage in den Arbeiterbezirken Wedding (Kösliner Straße) und Neukölln (Hermannplatz): Demonstranten errichten Barrikaden, die Polizei setzt gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren ein und schießt in bewohnte Häuser hinein. Am 2. Mai ruft die KPD zu Massenstreiks auf, denen sich etwa 25.000 Arbeiter anschließen; erst am 3. Mai kommen die Unruhen zur Ruhe.

Am Ende zählt die amtliche Bilanz 33 getötete Zivilisten, 198 Verletzte und 47 verletzte Polizeibeamte — der blutigste innenpolitische Zusammenstoß, den die Reichshauptstadt seit den Kämpfen der Nachkriegsjahre erlebt hat. Der „Blutmai" vertieft den Graben zwischen SPD und KPD auf Jahre hinaus: Die Kommunisten sprechen seither vom „Sozialfaschismus" der Sozialdemokratie, während die SPD ihre Politik der Härte gegen die eigene Arbeiterschaft rechtfertigen muss.

Der Young-Plan — Sachverständige einigen sich auf neues Reparationsregime

Owen D. Young, der amerikanische Vorsitzende der Pariser Sachverständigenkonferenz von 1929
Owen D. Young, der amerikanische Vorsitzende der Pariser Sachverständigenkonferenz von 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vier Monate lang verhandelt in Paris ein Ausschuss unabhängiger Finanzexperten aus sieben Staaten unter dem Vorsitz des amerikanischen Industriellen Owen D. Young über eine endgültige Neuregelung der deutschen Reparationsschuld; für das Reich sitzen Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Stahlindustrieller Albert Vögler am Tisch. Am 7. Juni legen die vierzehn Sachverständigen ihren Abschlussbericht vor: Der nach seinem Vorsitzenden benannte Young-Plan setzt die Gesamtreparationsschuld des Reichs auf gut 36 Milliarden Reichsmark fest, zahlbar in jährlichen Raten von durchschnittlich rund 2 Milliarden Reichsmark bis zum Jahr 1988 — mit Zins und Tilgung ergibt das über die gesamte Laufzeit rund 112 Milliarden Reichsmark. Zugleich endet mit dem Plan die bisherige Fremdkontrolle über Teile der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik, und eine neu zu gründende Bank für Internationalen Zahlungsausgleich soll den Zahlungsverkehr künftig abwickeln.

Verglichen mit dem bisherigen, 1924 vereinbarten Dawes-Plan verspricht der Young-Plan dem Reich mehr Planungssicherheit und eine spürbar geringere jährliche Belastung. Die endgültige Unterzeichnung durch die Regierungschefs steht noch aus — sie soll erst nach einer zweiten Haager Konferenz erfolgen —, doch schon jetzt formiert sich im Reich erbitterter Widerstand gegen ein Abkommen, das Deutschland für weitere sechs Jahrzehnte an Reparationszahlungen bindet.

Karstadt eröffnet am Hermannplatz das größte Warenhaus Europas

Luftaufnahme des Hermannplatzes mit dem neuen Karstadt-Warenhaus, Berlin 1929
Luftaufnahme des Hermannplatzes mit dem neuen Karstadt-Warenhaus, Berlin 1929 (ETH-Bibliothek Zürich / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach zweijähriger Bauzeit eröffnet am 21. Juni am Neuköllner Hermannplatz das neue Warenhaus der Firma Karstadt — mit rund 70.000 Quadratmetern Verkaufs- und Nutzfläche das größte und modernste Kaufhaus Europas. Entworfen hat den sechsgeschossigen Stahlbetonbau Karstadts Chefarchitekt Philipp Schaefer, der Elemente der Neugotik, des Expressionismus und des Art déco verbindet und die Fassade mit fränkischem Muschelkalk verkleidet; zwei markante Türme mit hohen Lichtsäulen flankieren das Gebäude und sind noch aus großer Entfernung zu sehen. Zur technischen Ausstattung zählen 21 Rollsteige und 20 Aufzüge, ein direkter unterirdischer Zugang zur U-Bahn-Station Hermannplatz sowie ein 4.000 Quadratmeter großer Dachgarten mit Restaurant, der den Gästen einen weiten Blick über die Stadt bietet.

Für die Berliner ist das neue Haus weit mehr als ein Geschäft — es ist ein Schaufenster der modernen Konsumgesellschaft mitten im Arbeiterbezirk Neukölln und ein Ausrufezeichen des Unternehmens Karstadt, das mit dem Bau seinen Anspruch auf die Rolle des führenden deutschen Warenhauskonzerns unterstreicht.

„Graf Zeppelin" umrundet in 21 Tagen die nördliche Erdhalbkugel

Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" im Anflug auf Tokio während seiner Weltfahrt, August 1929
Das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" im Anflug auf Tokio während seiner Weltfahrt, August 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Unter dem Kommando des 61 Jahre alten Hugo Eckener startet das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin" am 1. August in Friedrichshafen zunächst über den Atlantik nach Lakehurst bei New York. Von dort aus beginnt am 7. August die eigentliche Weltfahrt: In nur drei Zwischenstationen — Friedrichshafen, dem japanischen Kasumigaura bei Tokio und Los Angeles — umrundet das Luftschiff die nördliche Erdhalbkugel und kehrt am 29. August nach Lakehurst zurück. Finanziert hat die spektakuläre Fahrt der amerikanische Verleger William Randolph Hearst, der sich im Gegenzug die weltweiten Berichterstattungsrechte außerhalb Europas gesichert hat. Insgesamt legt die „Graf Zeppelin" auf der gesamten Reise 49.618 Kilometer in sechs Etappen und 35 Tagen zurück und stellt dabei mit einer Nonstop-Fahrtdauer von 102 Stunden einen neuen Luftschiff-Weltrekord auf.

Die Weltfahrt macht die „Graf Zeppelin" und ihren Kommandanten Eckener über Nacht zu Symbolfiguren einer neuen, grenzüberschreitenden Luftfahrt — ein seltener Moment nationalen Stolzes für das Reich in einem Jahr, das innenpolitisch von Krisen geprägt ist.

Sklarek-Skandal stürzt Berlins Oberbürgermeister Gustav Böß

Der Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß mit seiner Gattin, deren Pelzmantel zum Politikum wird
Der Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß mit seiner Gattin, deren Pelzmantel zum Politikum wird (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 26. September verhaftet die Berliner Polizei die drei Brüder Max, Leo und Willi Sklarek, Inhaber einer Konfektionsfirma, die sich durch gefälschte Rechnungen und Bestechung städtischer Beamter das Privileg gesichert hatte, Berliner Krankenhäuser und Wohlfahrtseinrichtungen mit Kleidung zu beliefern — ein Betrug mit einem Schaden von über 10 Millionen Reichsmark. In den Skandal gerät auch Oberbürgermeister Gustav Böß (DDP), der sich zum Zeitpunkt der Enthüllung noch als Ehrengast in New York aufhält: Seine Gattin hatte von den Sklareks einen wertvollen Pelzmantel weit unter Preis erhalten. Zahlreiche weitere Magistratsbeamte und Kommunalpolitiker werden im Zuge der Ermittlungen entlassen, versetzt oder unter Anklage gestellt.

Obwohl Böß selbst von strafrechtlichem Fehlverhalten freigesprochen wird, ist das Vertrauen in seine Amtsführung zerstört: Am 7. November, einen Tag nach seinem Freispruch in der Presse, erklärt er seinen Rücktritt vom Amt des Oberbürgermeisters, das er seit 1921 innehatte. Der Sklarek-Skandal trifft die ohnehin angeschlagene Weimarer Kommunalpolitik in einem Jahr, in dem das Vertrauen in die Institutionen der Republik ohnehin schon schwindet.

Außenminister Gustav Stresemann stirbt inmitten seines Lebenswerks

Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Friedensnobelpreisträger von 1926, gestorben am 3. Oktober 1929
Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Friedensnobelpreisträger von 1926, gestorben am 3. Oktober 1929 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der das Auswärtige Amt seit 1923 ohne Unterbrechung führt, stirbt am 3. Oktober in Berlin — mitten in den Verhandlungen um die endgültige Umsetzung des Young-Plans, an dessen Zustandekommen er maßgeblich mitgewirkt hatte. Mit den Verträgen von Locarno 1925, dem Beitritt des Reichs zum Völkerbund 1926 und dem gemeinsam mit dem Franzosen Aristide Briand entgegengenommenen Friedensnobelpreis desselben Jahres hatte Stresemann eine Verständigungspolitik verkörpert, die Deutschland nach der Katastrophe des Weltkriegs schrittweise wieder in den Kreis der europäischen Großmächte zurückführte. Kurz vor seinem Tod äußerte er sich skeptisch über die Nachhaltigkeit seiner Erfolge und soll erklärt haben, ein einziges Zugeständnis der anderen Seite hätte genügt, sein Volk von seinem Kurs zu überzeugen.

Sein Tod trifft die Reichsregierung in einem denkbar ungünstigen Moment: Ohne seine international anerkannte Autorität verliert die deutsche Außenpolitik ausgerechnet in den Wochen, in denen sich mit dem Volksbegehren gegen den Young-Plan und der beginnenden Weltwirtschaftskrise gleich mehrere Krisen zuspitzen, eine ihrer wichtigsten Stimmen.

Schwarzer Donnerstag und Schwarzer Dienstag — die New Yorker Börse bricht ein

Menschenmenge vor der New Yorker Börse an der Wall Street im Oktober 1929
Menschenmenge vor der New Yorker Börse an der Wall Street im Oktober 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 24. Oktober, dem „Schwarzen Donnerstag", stürzen die Kurse an der New Yorker Börse Wall Street ins Bodenlose: Der Börsenwert der notierten Unternehmen sinkt an diesem einen Tag um umgerechnet 11 Milliarden Dollar, mehr als 13 Millionen Aktien wechseln in panischem Verkauf den Besitzer. Ein kurzzeitiges Eingreifen führender New Yorker Bankiers, die demonstrativ Aktien aufkaufen, kann den Absturz nur wenige Tage hinauszögern: Am 29. Oktober, dem „Schwarzen Dienstag", verlieren die Unternehmen weitere 14 Milliarden Dollar an Wert, bei einem Rekordumsatz von 16,5 Millionen gehandelten Aktien; einzelne Papiere brechen um bis zu 99 Prozent ein.

Was in New York als Ende einer jahrelangen Spekulationsblase beginnt, ist noch nicht als globale Katastrophe erkennbar — doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass amerikanische Banken die kurzfristigen Kredite, mit denen sie seit Jahren deutsche Unternehmen und Kommunen finanziert haben, zurückfordern könnten. Für ein Reich, dessen Wirtschaft an diesen Krediten hängt und dessen Reparationszahlungen gerade erst mit dem Young-Plan auf eine neue Grundlage gestellt wurden, ist der Crash an der Wall Street eine Nachricht von unmittelbarer Tragweite.

Thomas Mann erhält den Literaturnobelpreis für „Buddenbrooks"

Der Schriftsteller Thomas Mann, dem 1929 der Literaturnobelpreis zuerkannt wird
Der Schriftsteller Thomas Mann, dem 1929 der Literaturnobelpreis zuerkannt wird (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Die Schwedische Akademie gibt am 12. November in Stockholm bekannt, dass der Literaturnobelpreis des Jahres an den Lübecker Schriftsteller Thomas Mann geht — vor allem in Würdigung seines bereits 1901 erschienenen ersten Romans „Buddenbrooks", der den Niedergang einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie über vier Generationen erzählt. Mann selbst zeigt sich überrascht, dass sich das Komitee so stark auf sein Frühwerk und weniger auf seine seither erschienenen Bücher, darunter den „Zauberberg", stützt. Mit dem Preis verbunden ist ein Preisgeld von 200.000 Reichsmark, mit dem Mann teils Schulden seiner Kinder tilgt und teils den Bau eines Sommerhauses im ostpreußischen Nidden auf der Kurischen Nehrung plant.

Für die deutsche Literatur ist die Auszeichnung ein später, aber umso deutlicherer Ritterschlag — ein Achtungserfolg, der die kulturelle Ausstrahlung der Weimarer Republik in einem Jahr unterstreicht, das politisch von Krisen und Konflikten geprägt ist.

Berliner Kommunalwahl — Radikalisierung an beiden Rändern der Stadtverordnetenversammlung

Ein Papierfähnchen aus dem Wahlkampf der Deutschen Demokratischen Partei zur Berliner Kommunalwahl 1929
Ein Papierfähnchen aus dem Wahlkampf der Deutschen Demokratischen Partei zur Berliner Kommunalwahl 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei der Wahl zur Berliner Stadtverordnetenversammlung am 17. November treten mit 22 Parteien und Listen so viele Bewerber an wie nie zuvor bei einer Berliner Kommunalwahl. Von den 225 Sitzen entfallen 64 auf die SPD (28,4 Prozent), die trotz Verlusten stärkste Kraft bleibt, dicht gefolgt von der KPD mit 56 Sitzen (24,6 Prozent) — beide Parteien profitieren von der Verhärtung der Fronten nach dem Blutmai. Die DNVP erreicht 40 Sitze (17,6 Prozent), DVP und DDP kommen auf 16 beziehungsweise 14 Sitze, während das Zentrum nur noch 8 Sitze hält. Zum ersten Mal zieht die NSDAP mit 13 Abgeordneten (5,8 Prozent) in nennenswerter Stärke in die Stadtverordnetenversammlung der Reichshauptstadt ein.

Das Ergebnis fällt mitten in die durch den Sklarek-Skandal ausgelöste Krise der Berliner Stadtverwaltung und bestätigt einen Trend, der sich im ganzen Reich abzeichnet: Während die bürgerlichen Mittelparteien schwächeln, gewinnen die politischen Ränder — Kommunisten und Nationalsozialisten — an Boden.

Volksentscheid gegen den Young-Plan scheitert am Quorum

Wahlplakat des „Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren" gegen den Young-Plan, 1929
Wahlplakat des „Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren" gegen den Young-Plan, 1929 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein von DNVP-Vorsitzendem Alfred Hugenberg, der NSDAP unter Adolf Hitler und dem Frontkämpferverband Stahlhelm getragener „Reichsausschuss für das deutsche Volksbegehren" hatte im Oktober mit knapp über 10 Prozent der Stimmberechtigten gerade das nötige Quorum für ein Volksbegehren gegen den Young-Plan erreicht. Ihr „Gesetz gegen die Versklavung des deutschen Volkes" fordert die sofortige Ablehnung des Plans und stellt sogar die Kriegsschuld-Anerkennung selbst infrage. Am 22. Dezember kommt es zum Volksentscheid: Zwar stimmen 94,5 Prozent der abgegebenen Stimmen für das Volksbegehren, doch die Wahlbeteiligung bleibt mit rund 15 Prozent der Stimmberechtigten weit unter der für einen verfassungsändernden Volksentscheid nötigen absoluten Mehrheit aller Wahlberechtigten — das Begehren scheitert damit klar am Quorum.

Trotz der Niederlage an der Wahlurne hat die Kampagne einen politischen Ertrag, der über den Jahreswechsel hinausweist: Sie verschafft der NSDAP an der Seite der etablierten Rechten erstmals reichsweite Aufmerksamkeit und bringt Hitler in direkten Kontakt mit Hugenbergs Presse- und Finanzierungsnetzwerk.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 29. Januar — Der Roman „Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque erscheint als Buch bei Propyläen; nach dem Vorabdruck in der Vossischen Zeitung wird er binnen weniger Monate zum meistverkauften Buch des Reichs.
  • JanuarErich Kästner veröffentlicht mit „Emil und die Detektive" sein erstes Kinderbuch — Schauplatz ist ein Berlin, dessen Straßen, Straßenbahnen und Hinterhöfe die junge Leserschaft aus eigener Anschauung kennt.
  • 12. Februar — Der aus der Sowjetunion verbannte Leo Trotzki trifft nach seiner Ausweisung an Bord des Dampfers „Ilyich" in Konstantinopel ein und beginnt dort sein Exil.
  • 14. Februar — In Chicago werden bei einer als „Valentinstag- Massaker" bekannt gewordenen Bandenabrechnung sieben Männer der Rivalenbande von Al Capone erschossen.
  • 4. MärzHerbert Hoover wird als 31. Präsident der Vereinigten Staaten in Washington vereidigt.
  • Sommer — Die Große Deutsche Funkausstellung öffnet auf dem Berliner Messegelände am Kaiserdamm ihre Tore und zeigt dem Publikum die neuesten Rundfunkempfänger und ersten Fernseh-Versuchsanlagen.
  • 10. Oktober — Franz Lehárs Operette „Das Land des Lächelns" mit Richard Tauber in der Hauptrolle wird am Berliner Metropol-Theater uraufgeführt und begeistert das Publikum vom ersten Abend an.
  • 15. Oktober — Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond" hat im Berliner Ufa-Palast am Zoo Premiere — der Regisseur ließ sich für die Raketenszenen von zeitgenössischen Raumfahrtvisionären beraten.

SPORT · 1929

Im Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft setzt sich am 16. Juni in Nürnberg die SpVgg Fürth mit 3:2 gegen Hertha BSC durch — für die Berliner ist es nach 1926 und 1928 bereits die dritte verlorene Endspielteilnahme in Folge, ein bitteres Muster, das die Hauptstadtelf noch immer nicht durchbrechen kann. Auf internationalem Parkett sorgt der junge Schwergewichtsboxer Max Schmeling für Aufsehen: Am 27. Juni schlägt er in New York den Spanier Paulino Uzcudun und gilt seither als ernstzunehmender Herausforderer für die amerikanische Boxweltspitze.

In Berlin selbst zieht das Sechstagerennen im Sportpalast wieder Zehntausende Zuschauer nächtelang in seinen Bann — für viele Berliner ist die Mischung aus Radsport, Kapelle und Kneipenstimmung unter dem Glasdach am Potsdamer Platz der sportliche Höhepunkt des Winters.

MODE · 1929

Die Mode des Jahres verabschiedet sich endgültig von der knappen, knabenhaften Linie der frühen Zwanziger: Pariser Häuser wie das von Madeleine Vionnet zeigen fließende, im Schrägschnitt gearbeitete Kleider, die Taille rückt wieder an ihren natürlichen Platz, Säume sinken abends bis zum Boden. Zum Abendkleid gehört häufig eine kurze Bolerojacke oder ein Cape aus Samt, tagsüber dominiert weiterhin der schlichte, glockenförmige Rock in Waden- bis Knöchellänge.

In Berlin setzen die großen Modehäuser der Leipziger Straße und die neu eröffneten Warenhäuser wie das Kaufhaus am Hermannplatz auf Konfektionsware, die Pariser Schnitte für ein bürgerliches Publikum erschwinglich macht — ein Zeichen dafür, dass sich die einst nur der Oberschicht vorbehaltene Mode zunehmend demokratisiert.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1929

  • Erste Academy Awards (16. Mai, Hollywood). Die amerikanische Filmakademie verleiht in Los Angeles zum ersten Mal ihre Auszeichnungen für herausragende Filmkunst — der Beginn einer Tradition, die dem noch jungen Medium Film künstlerische Anerkennung verschafft.
  • Barcelona-Pavillon (Mai, Barcelona). Der deutsche Architekt Ludwig Mies van der Rohe errichtet für die Weltausstellung in Barcelona den Deutschen Pavillon — ein Bau aus Glas, Stahl und edlem Marmor, der mit seiner klaren, offenen Konstruktion als wegweisend für die moderne Architektur gilt.
  • Hubbles Entdeckung der Fluchtbewegung der Galaxien. Der amerikanische Astronom Edwin Hubble veröffentlicht Beobachtungen, wonach sich ferne Galaxien umso schneller von uns entfernen, je weiter sie entfernt sind — ein fundamentaler Beitrag zum Verständnis eines sich ausdehnenden Weltalls.
  • Eröffnung des Museum of Modern Art (7. November, New York). In New York öffnet mit dem MoMA ein neues Museum, das sich ausschließlich der Kunst der Gegenwart widmet.
  • Byrds Flug zum Südpol (28./29. November). Der amerikanische Flieger Richard E. Byrd überfliegt mit seiner Besatzung als Erster den Südpol und liefert damit einen weiteren Beleg für die rasanten Fortschritte der Luftfahrt in diesem Jahrzehnt.

DAS WETTER · 1929 in Berlin

Am 13. Juli meldet die Wetterstation Berlin-Dahlem ein Höchstwert von 22,8 Grad und ein Tagestief von 15,4 Grad, bei völliger Niederschlagsfreiheit — ein rechnerisches Tagesmittel aus Höchst- und Tiefstwert ergibt rund 19 Grad, eine amtliche Tagesmitteltemperatur wird für diesen Tag nicht ausgewiesen. Es ist ein Sommertag von durchschnittlichem Charakter, wie ihn Berlin in diesem Juli mehrfach erlebt.

Das Jahr über zeigt sich als eines der wetterreichsten seit Beginn der Aufzeichnungen: Dem Jahrhundertwinter mit seinem Tiefstwert von minus 26,0 Grad am 11. Februar — dem Höhepunkt der Kältewelle, die weite Teile Mitteleuropas erfasste — steht am 21. Juli mit 33,3 Grad der wärmste Tag des Jahres gegenüber. Insgesamt zählt die Station 104 Frosttage und 41 Sommertage, bei einer Jahresniederschlagssumme von 499 Millimetern. Die mittlere Tageshöchsttemperatur liegt bei 12,3 Grad, das mittlere Tagestief bei 3,4 Grad — Zahlen, die das Jahr 1929 als klimatisch außergewöhnlich ausweisen.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1929

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Dein ist mein ganzes Herz — Richard Tauber (aus „Das Land des Lächelns", Uraufführung 10. Oktober)
  2. Immer nur lächeln — Richard Tauber (aus „Das Land des Lächelns")
  3. Freunderl, mach' dir nix draus — Vera Schwarz (aus „Das Land des Lächelns")
  4. Ich küsse Ihre Hand, Madame — Richard Tauber (Tango, 1928/29)
  5. Schöner Gigolo, armer Gigolo — Kurt Mühlhardt mit Orchester Dajos Béla
  6. Surabaya Johnny — Carola Neher (aus „Happy End", Uraufführung 2. September)
  7. Bilbao-Song — Oskar Homolka (aus „Happy End")
  8. In einer kleinen Konditorei — Max Mensing mit Saxophon-Orchester Dobbri
  9. Schöne Frau im Mond — Marek Weber und sein Orchester (zu Fritz Langs Film „Frau im Mond")
  10. Einmal sagt man sich adieu — Richard Tauber (aus dem Film „Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna")
  11. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh'n — Dajos Béla Orchester
  12. Ist dein kleines Herz für mich noch frei, Baby? — Paul O'Montis (deutsche Fassung von „I Can't Give You Anything But Love")
  13. Es liegt in der Luft — Marlene Dietrich und Margo Lion (aus der Revue „Es liegt in der Luft", 1928)
  14. Wenn der weiße Flieder wieder blüht — Ruth Arden mit Orchester (1928)
  15. Ramona — Dajos Béla Orchester (1928)
  16. Singin' in the Rain — Cliff Edwards
  17. Am I Blue — Ethel Waters
  18. Tiptoe Through the Tulips — Nick Lucas
  19. Ain't Misbehavin' — Louis Armstrong (aus „Hot Chocolates")
  20. Louise — Maurice Chevalier (aus „Innocents of Paris")

Quellen: Wikipedia-Kategorien „Lied 1929" und „Musikjahr 1929", SecondHandSongs.com, Wikipedia-Artikel zu „Das Land des Lächelns (Operette)", „Happy End (Komödie)", „Schöner Gigolo, armer Gigolo (Lied)", „Ramona (Lied)", „Ich küsse Ihre Hand, Madame (Lied)", „Schöne Frau im Mond", „Einmal sagt man sich adieu", „I Can't Give You Anything but Love", „Es liegt in der Luft" — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.