DER CHRONIST
Mit dem Bruch der Großen Koalition im März beginnt in Berlin eine Zeit des Regierens per Notverordnung, die im September mit dem Erdrutschsieg der Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl eine erschreckende Antwort der Wähler erhält. Die Weltwirtschaftskrise, seit dem New Yorker Börsenkrach des Vorjahres über den Atlantik geschwappt, treibt die Arbeitslosenzahlen im Reich über die Drei-Millionen-Grenze. In Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit mit Sorge die polnischen Sejm-Wahlen im November, die unter dem Schatten von Verhaftungen und Einschüchterung der Opposition stehen. Doch das Jahr hat auch seine hellen Seiten: Gandhis Salzmarsch erschüttert das britische Kolonialreich gewaltlos, Uruguay richtet die erste Fußball-Weltmeisterschaft aus, und Berlin feiert mit Hertha BSC und „Der blaue Engel" seine Stars auf Rasen und Leinwand.
Gandhis Salzmarsch erschüttert das britische Kolonialreich

Am 12. März bricht Mohandas Karamchand Gandhi mit 78 vertrauten Gefolgsleuten von seinem Ashram in Sabarmati bei Ahmedabad auf, um in 24 Tagen die rund 385 Kilometer bis zur Küste bei Dandi am Arabischen Meer zu marschieren. Ziel des Protests ist das britische Salzmonopol, das den Verkauf und die Herstellung von Salz durch Inder unter Strafe stellt und selbst den Ärmsten eine Steuer auf ein Grundnahrungsmittel aufzwingt. Tag für Tag schließen sich dem Zug mehr Anhänger an; als Gandhi am 6. April um 8.30 Uhr morgens am Strand eigenhändig eine Handvoll Meersalz aufhebt, bricht er demonstrativ das Gesetz — ein symbolischer Akt des gewaltlosen zivilen Ungehorsams, der Millionen Inder zur Nachahmung ermutigt. Im ganzen Land kommt es zu Salzsiedereien, Streiks und Massenverhaftungen; auch Gandhi selbst wird im Mai festgenommen.
Der Salzmarsch wird zur spektakulärsten Kampagne, die Gandhi im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien führt, und macht seine Methode des Satyagraha — des gewaltlosen Widerstands — weltweit bekannt. Das britische Empire, das über den gesamten Subkontinent herrscht, sieht sich erstmals einer Massenbewegung gegenüber, die es weder ignorieren noch mit Gewalt zum Schweigen bringen kann.
Die Große Koalition zerbricht — Brüning regiert per Notverordnung

Am 27. März zerbricht die seit 1928 amtierende Große Koalition aus SPD, Zentrum, DDP und DVP unter Reichskanzler Hermann Müller am Streit um die Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung — die Deutsche Volkspartei verweigert dem Kompromiss ihre Zustimmung, an einem halben Prozentpunkt scheitert die letzte parlamentarisch getragene Reichsregierung der Republik. Nur drei Tage später, am 30. März, beruft Reichspräsident Paul von Hindenburg den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zum neuen Reichskanzler — an der Spitze eines Kabinetts, das von vornherein keine Mehrheit im Reichstag besitzt und darauf angewiesen ist, mit den Machtmitteln des Präsidenten zu regieren: Notverordnungen nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung und, falls nötig, die Auflösung des Reichstags nach Artikel 25.
Als der Reichstag im Juli eine seiner Notverordnungen zur Sanierung des Reichshaushalts ablehnt, löst Brüning das Parlament kurzerhand auf und setzt Neuwahlen für den 14. September an — ein Schritt, der sich als folgenschwerer Fehlgriff erweisen soll. Mit Brüning beginnt die Ära der Präsidialkabinette: Die Reichsregierungen der kommenden Jahre stützen sich nicht mehr auf eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler im Reichstag, sondern auf das Vertrauen eines einzelnen Mannes im Amt des Reichspräsidenten — ein stiller, aber fundamentaler Bruch mit dem parlamentarischen System der Weimarer Republik.
Aus heutiger Sicht
Die von Brüning eingeleitete Kette der Präsidialkabinette reißt nicht mehr ab: Ihm folgen 1932 Franz von Papen und Kurt von Schleicher, bis Reichspräsident Hindenburg am 30. Januar 1933 schließlich Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennt — das Ende parlamentarischer Regierungsbildung, das 1930 hier seinen Anfang nimmt, mündet binnen drei Jahren in die Zerstörung der Weimarer Demokratie selbst.
„Der blaue Engel" feiert Uraufführung im Berliner Gloria-Palast

Am 1. April feiert im Berliner Gloria-Palast am Kurfürstendamm die Uraufführung von „Der blaue Engel" — 300 private Karossen der Premierengäste rollen an diesem Abend vor. Regie führt Josef von Sternberg nach dem Roman „Professor Unrat" von Heinrich Mann; die Hauptrolle des vom Varieté verführten und ruinierten Gymnasialprofessors Immanuel Rath spielt Emil Jannings, bereits Träger des ersten Oscars für den besten Hauptdarsteller. Zum eigentlichen Ereignis des Abends aber wird eine Nebendarstellerin: Die bislang wenig bekannte Marlene Dietrich verkörpert als Kabarettsängerin Lola Lola eine laszive Verführerin von einer Direktheit, wie sie das deutsche Kino bis dahin kaum kannte, und singt das noch am selben Abend zum Welterfolg werdende Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".
Der Film — die erste abendfüllende deutsche Tonfilmproduktion der Ufa und zugleich als englischsprachige Fassung gedreht — macht Marlene Dietrich über Nacht zum internationalen Star; noch vor Jahresende reist sie nach Hollywood, wo Sternberg mit ihr weitere Filme dreht. Berlin hat mit „Der blaue Engel" einen Beitrag zum Weltkino geliefert, der noch lange nachhallen dürfte.
Max Schmeling wird erster deutscher Boxweltmeister im Schwergewicht

Im New Yorker Yankee Stadium kämpft der 24 Jahre alte Hamburger Max Schmeling am 12. Juni um den vakanten Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen den Amerikaner Jack Sharkey. In der vierten Runde geht Schmeling zu Boden — der Schiedsrichter erkennt jedoch, dass Sharkey ihn mit einem verbotenen Tiefschlag getroffen hat, und disqualifiziert den Amerikaner. Schmeling wird damit als erster Europäer und erster Deutscher überhaupt Boxweltmeister im Schwergewicht — wenn auch unter Umständen, die Boxexperten lebhaft diskutieren, da noch nie zuvor ein Titel durch Foul vergeben worden war. Kritiker sprechen spöttisch vom „Weltmeister der Herzen", doch Schmeling selbst verteidigt seinen Anspruch auf den Titel energisch.
In Deutschland löst der Erfolg eine Welle des Nationalstolzes aus — inmitten von Wirtschaftskrise und politischer Krise liefert Schmeling dem niedergedrückten Publikum einen seltenen Grund zum Jubel. Seine endgültige Anerkennung als unangefochtener Champion muss er sich allerdings erst im kommenden Jahr mit einer erfolgreichen Titelverteidigung erkämpfen.
Hertha BSC wird nach vier vergeblichen Anläufen erstmals Deutscher Meister

Vor rund 40.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion gewinnt Hertha BSC am 22. Juni das Finale um die Deutsche Fußballmeisterschaft gegen Holstein Kiel mit 5:4 — nach einem dramatischen Spiel, das zur Halbzeit noch 3:3 steht. Für die Berliner ist es der Lohn für vier vergebliche Anläufe: Von 1926 bis 1929 hatte Hertha viermal in Folge das Endspiel erreicht und viermal verloren; erst im fünften Anlauf gelingt der Durchbruch zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Angeführt wird die Mannschaft von ihrem torgefährlichen Mittelstürmer Hanne Sobek, der zur Symbolfigur des Berliner Fußballs der zwanziger und dreißiger Jahre wird.
In der Reichshauptstadt wird der Titelgewinn ausgelassen gefeiert — nach Jahren des Wartens hat Berlins größter Fußballverein endlich die deutsche Krone errungen und seinen Platz an der Spitze des heimischen Sports behauptet.
Das Rheinland ist frei — letzte alliierte Truppen räumen fünf Jahre vor Frist

Mit dem Abzug der letzten französischen und belgischen Besatzungssoldaten am 30. Juni endet die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs andauernde alliierte Rheinlandbesetzung — fünf Jahre früher, als der Versailler Vertrag von 1919 es vorgesehen hatte. Möglich macht dies der Young-Plan von 1929, mit dem sich das Deutsche Reich zur Zahlung seiner Reparationen bis 1988 verpflichtet; im Gegenzug willigen Briten und Franzosen auf den beiden Haager Konferenzen im August 1929 und Januar 1930 in den vorzeitigen Abzug ein. Belgische und britische Truppen hatten das linksrheinische Gebiet bereits bis zum 30. November 1929 verlassen, nun folgen auch die Franzosen. Im ganzen Reich wird die Räumung als „Befreiung" gefeiert; am 22. Juli findet in Koblenz eine große Befreiungsfeier statt, zu deren Erinnerung eigens Gedenkmünzen zu 3 und 5 Reichsmark geprägt werden.
Der Jubel bleibt allerdings gedämpft: Angesichts der sich zuspitzenden Weltwirtschaftskrise tritt das nationale Fest schon nach wenigen Wochen hinter die wachsende Sorge um Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsnot zurück.
Uruguay richtet die erste Fußball-Weltmeisterschaft aus

Vom 13. bis 30. Juli trägt Uruguay anlässlich des hundertjährigen Bestehens seiner Verfassung die erste Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte aus — sämtliche Spiele finden in der Hauptstadt Montevideo statt, ein Großteil im eigens errichteten Estadio Centenario. Die weite und teure Anreise nach Südamerika schreckt viele europäische Verbände ab; nur vier europäische Mannschaften — darunter nicht das Deutsche Reich — nehmen die Seereise auf sich, insgesamt spielen 13 Nationalmannschaften um den Pokal. Im Finale am 30. Juli setzt sich Gastgeber Uruguay gegen den südamerikanischen Rivalen Argentinien mit 4:2 durch — das erste Mal in der Turniergeschichte, dass sich im Endspiel zwei Mannschaften desselben Kontinents gegenüberstehen. Der belgische Schiedsrichter John Langenus lässt sich vor Anpfiff zusichern, dass keine Schusswaffen ins vollbesetzte Stadion gelangen — den Zuschauern werden über 1.500 Revolver abgenommen, so aufgeheizt ist die Stimmung zwischen den verfeindeten Nachbarländern.
Mit dem Turnier begründet der Fußball-Weltverband FIFA eine Tradition, die binnen weniger Jahrzehnte zum größten Sportereignis der Welt heranwachsen wird — 1930 ist sie noch eine vorwiegend südamerikanische Angelegenheit.
Die Weltwirtschaftskrise treibt die Arbeitslosigkeit im Reich über drei Millionen

Der New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 erreicht das Deutsche Reich mit voller Wucht: Bereits zu Jahresbeginn liegt die Arbeitslosenquote bei über 14 Prozent, im Jahresverlauf steigt die Zahl der amtlich gemeldeten Arbeitslosen über die Marke von drei Millionen — ein Vielfaches der schon in den Vorjahren als hoch empfundenen Sockelarbeitslosigkeit. Amerikanische Kurzfristkredite, mit denen deutsche Banken und Kommunen seit der Währungsstabilisierung 1923/24 ihre Wirtschaft finanziert hatten, werden massenhaft abgezogen; Industrieproduktion und Steuereinnahmen brechen ein, während die Ausgaben für Erwerbslosenfürsorge die öffentlichen Haushalte sprengen. Reichskanzler Brüning antwortet mit einer strikten Deflationspolitik — Kürzung von Löhnen, Gehältern und Sozialleistungen —, um den Haushalt auszugleichen und die Reparationslast neu zu verhandeln; kurzfristig verschärft dies die Krise für die arbeitende Bevölkerung noch.
Was 1930 als schwere, aber scheinbar vorübergehende Konjunkturkrise beginnt, wird sich in den beiden folgenden Jahren zur größten wirtschaftlichen Katastrophe der deutschen Geschichte auswachsen — mit unmittelbaren politischen Folgen, die sich bereits im September dieses Jahres an der Wahlurne zeigen.
Aus heutiger Sicht
Die Zahl der Arbeitslosen steigt über die folgenden Winter noch deutlich weiter und erreicht im Januar 1932 mit gut sechs Millionen registrierten Erwerbslosen ihren Höchststand — ein Fünftel aller Erwerbspersonen im Reich, dessen soziale Verzweiflung den politischen Radikalen an beiden Rändern des Reichstags zusätzlichen Zulauf verschafft.
Reichstagswahl vom 14. September — die NSDAP versiebenfacht ihre Mandate

Die von Brüning nach dem Scheitern seiner Haushaltspolitik im Reichstag ausgelöste Neuwahl vom 14. September endet mit einem politischen Erdbeben: Die NSDAP unter Adolf Hitler steigert ihren Stimmenanteil von 2,6 auf 18,3 Prozent und ihre Mandatszahl von zwölf auf 107 Sitze — sie wird aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft im Reichstag hinter der SPD, die mit 24,5 Prozent zwar stärkste Partei bleibt, aber ebenfalls Stimmen verliert. Auch die Kommunistische Partei (KPD) gewinnt hinzu, während die bürgerlichen Mittelparteien massiv einbrechen — die Wählerschaft der Weimarer Republik polarisiert sich in der Krise sichtbar an ihren Rändern. Die Wahl war als Versuch gedacht, Brünings Sparpolitik nachträglich demokratisch abzusichern; stattdessen liefert sie den Feinden der Republik einen dramatischen Popularitätsschub, den kaum ein Beobachter in diesem Ausmaß erwartet hatte.
Für die Regierungsfähigkeit des Reichstags hat das Ergebnis fatale Folgen: Eine arbeitsfähige Mehrheit ist praktisch nicht mehr zu bilden, Brünings Kabinett bleibt fortan endgültig auf das Regieren per Notverordnung angewiesen — und die Weimarer Demokratie tritt in ihre letzte, immer instabilere Phase ein.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Sachsen, 22. Juni — Die SPD bleibt mit 33,4 % (32 Sitze) klar stärkste Kraft, doch die NSDAP schiebt sich mit 14,4 % (14 Sitze) erstmals vor die KPD (13,6 %, 13 Sitze); Beteiligung 73,7 %. Eine Regierungsbildung scheitert in drei Wahlgängen an fehlenden Mehrheiten — das geschäftsführende Kabinett Schieck (DVP) bleibt kommissarisch im Amt.
- Braunschweig, 14. September (zeitgleich mit der Reichstagswahl) — Die SPD erhält 41,0 % (17 Sitze) vor der Bürgerlichen Einheitsliste mit 26,0 % (11 Sitze) und der NSDAP mit 22,2 % (9 Sitze); Beteiligung 89,3 %. Am 1. Oktober wählt der Landtag trotz der sozialdemokratischen Mehrheit eine Rechtsregierung aus DNVP und NSDAP — nach Thüringen ist Braunschweig damit das zweite Land im Reich, in dem die Nationalsozialisten an einer Landesregierung beteiligt sind.
- Bremen, 30. November — Die SPD bleibt mit 30,96 % (40 Sitze) stärkste Kraft in der Bürgerschaft, doch die NSDAP steigt mit 25,4 % (32 Sitze) überraschend zur zweitstärksten Partei auf, vor DVP (12,5 %) und KPD (10,7 %); Beteiligung 77,8 %.
Aus heutiger Sicht
Der Höhenflug der NSDAP endet 1930 nicht: Bei der Reichstagswahl vom Juli 1932 wird sie mit 37,3 Prozent und 230 Sitzen zur mit Abstand stärksten Fraktion, und am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler — der Wahlabend vom 14. September 1930, den viele Zeitgenossen als schweres, aber überstehbares Krisensymptom deuten, markiert im Rückblick den Beginn des Weges in die nationalsozialistische Diktatur.
Nobelpreise für Blutgruppen, Lichtstreuung und amerikanische Erzählkunst

Der Medizin-Nobelpreis geht an den österreichischen Serologen Karl Landsteiner für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen — eine bereits 1901 in Wien gemachte Entdeckung, die sichere Bluttransfusionen überhaupt erst ermöglicht hat und seither zahllose Leben rettet. Den Physik-Nobelpreis erhält der indische Physiker Chandrasekhara Venkata Raman für die Entdeckung des nach ihm benannten Effekts der unelastischen Streuung von Licht an Molekülen — er ist der erste Asiate, der in einer Naturwissenschaft mit dem Nobelpreis geehrt wird. Der Literaturnobelpreis schließlich fällt an den US-amerikanischen Romancier Sinclair Lewis, der mit Werken wie „Main Street" und „Babbitt" die amerikanische Kleinstadtgesellschaft mit Witz und Schärfe porträtiert hat — als erster US-Amerikaner überhaupt erhält er die höchste literarische Auszeichnung der Welt.
Drei sehr unterschiedliche Auszeichnungen, die in einem an politischen Krisen reichen Jahr daran erinnern, dass Wissenschaft und Kultur über nationale Grenzen und Konjunkturen hinweg ihren eigenen, stetigen Fortschritt nehmen.
Bromberg und die „Brester Wahlen" — Polens Opposition unter Druck

Auch in Bromberg (poln. Bydgoszcz), der drittgrößten Stadt der Woiwodschaft Posen mit ihrer seit dem Übergang an die Republik Polen 1920 stetig schrumpfenden deutschen Minderheit, verfolgt man aufmerksam die polnischen Sejm-Wahlen vom 16. November. Wenige Wochen zuvor hatte Marschall Józef Piłsudski führende Politiker der Oppositionsparteien — darunter den früheren Ministerpräsidenten Wincenty Witos und den schlesischen Volkstribun Wojciech Korfanty — in der Festung Brest (Brześć nad Bugiem) inhaftiert; nach ihnen wird die Wahl bald die „Brester Wahlen" genannt. Im ganzen Land werden auch zahllose weniger prominente Oppositionelle verhaftet und erst nach dem Urnengang wieder freigelassen; die Regierungsliste BBWR gewinnt unter diesem Druck und begünstigt durch Manipulationen 247 der 444 Sitze.
Für die deutsche Volksgruppe in Bromberg, die mit eigenen Schulen, Kirchengemeinden und der in der Stadt erscheinenden Zeitung „Deutsche Rundschau in Polen" ein Stück kulturelle Eigenständigkeit bewahrt, ist der Ausgang mit gemischten Gefühlen zu verfolgen: Die deutsche Minderheitenliste zieht zwar erneut mit eigenen Abgeordneten in Warschau ein, doch das raue politische Klima der „Brester Wahlen" lässt wenig Hoffnung auf eine Entspannung der Beziehungen zwischen Warschau und den nationalen Minderheiten im Grenzland aufkommen.
Berlin verbietet „Im Westen nichts Neues" nach SA-Krawallen im Kino

Am 4. Dezember läuft im Berliner Mozartsaal die deutsche Fassung der amerikanischen Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues" an — zunächst störungsfrei. Bereits am folgenden Tag jedoch inszeniert der Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels am selben Ort den Höhepunkt seiner Kampagne gegen den Film: Bei den Vorstellungen kommt es zu organisierten Tumulten, es werden Stinkbomben gezündet und weiße Mäuse in den Zuschauerraum ausgesetzt — keine spontane Empörung, sondern gezielte Störaktionen der Nationalsozialisten. An den folgenden Tagen, dem 7., 8. und 9. Dezember, demonstrieren rund 6.000 Nationalsozialisten auf dem Nollendorfplatz, Goebbels hält vor ihnen eine aufwiegelnde Rede gegen den angeblich das deutsche Ansehen schädigenden Film.
Der Druck zeigt Wirkung: Am 10. Dezember widerruft die zuständige Filmoberprüfstelle die erst Ende November erteilte Aufführungserlaubnis für Berlin — mit der Begründung, der Film gefährde das deutsche Ansehen und die öffentliche Ordnung und wirke „verrohend". Der Fall markiert einen frühen, öffentlichkeitswirksamen Erfolg nationalsozialistischer Straßenpolitik gegen ein unliebsames Kunstwerk — und ein Alarmzeichen für die Verwundbarkeit der Weimarer Meinungsfreiheit gegenüber organisierter Einschüchterung.
Aus heutiger Sicht
Das Berliner Aufführungsverbot von 1930 ist erst der Anfang einer Entwicklung, die drei Jahre später in flächendeckender Zensur mündet: Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung verschwinden Remarques Bücher zusammen mit denen zahlloser weiterer Autorinnen und Autoren bei den reichsweiten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 endgültig aus den deutschen Kinos, Buchhandlungen und Bibliotheken.
Amy Johnson fliegt als erste Frau allein von England nach Australien

Am 5. Mai startet die 26 Jahre alte Londoner Sekretärin und Hobbypilotin Amy Johnson vom Flugplatz Croydon in ihrer einmotorigen de Havilland Gipsy Moth namens „Jason" zum Alleinflug nach Australien — mit gerade 100 Flugstunden Erfahrung und einer Fluglizenz als Ingenieurin in der Tasche. Über 19 Tage und rund 17.700 Kilometer kämpft sie sich durch Sandstürme über dem Irak, sintflutartigen Regen über Birma und eine Notlandung wegen Treibstoffmangels auf Java, bis sie am 24. Mai in Darwin an der australischen Nordküste landet.
Die britische Presse feiert sie als „Draufgängerin der Lüfte"; bei ihrer Rückkehr nach London im Juli begrüßen sie über eine Million Menschen an den Straßenrändern und am Bahnhof Croydon. Innerhalb weniger Wochen ist aus einer unbekannten Büroangestellten die berühmteste Fliegerin der Welt geworden.
Flugkadett Frank Whittle meldet Patent für ein Strahltriebwerk an

Am 16. Januar meldet der gerade 22 Jahre alte britische Flugkadett Frank Whittle, der am Royal Air Force College in Cranwell ausgebildet wird, ein Patent für ein neuartiges Strahltriebwerk an — einen Antrieb, der ohne Propeller allein durch den Rückstoß heißer Gase Schub erzeugen soll. Whittle, dessen Vorgesetzte seine Idee zunächst mit Skepsis betrachten, findet beim Luftfahrtministerium keine Förderung; die Royal Air Force setzt weiterhin uneingeschränkt auf konventionelle Propellermaschinen.
Für den jungen Kadetten bleibt die Erfindung zunächst reine Theorie auf Papier — ohne Geldgeber und offizielles Interesse fehlt ihm jede Möglichkeit, einen Prototyp zu bauen.
Riesenflugboot „Dornier Do X" startet vom Bodensee zur Weltreise

Am 5. November hebt die „Dornier Do X", mit rund 40 Metern Länge und zwölf Motoren das größte Flugzeug der Welt, vom Bodensee bei Friedrichshafen zu einer geplanten Weltreise über vier Erdteile ab — Ziel ist, über Bordeaux, Lissabon und die Kanarischen Inseln den Atlantik nach Rio de Janeiro und New York zu überqueren. Schon die ersten Etappen offenbaren die Schwächen des Prachtstücks deutscher Ingenieurskunst: Die zwölf Siemens-Jupiter-Motoren sind für das schwere Flugboot zu schwach ausgelegt, sodass es kaum über 500 Meter Höhe steigt, und wiederholte Motorpannen zwingen die Besatzung zu ungeplanten Zwischenstopps.
Was als triumphaler Beweis deutscher Luftfahrttechnik gedacht war, gerät schon in den ersten Wochen zu einer Geduldsprobe aus Reparaturen und Wartezeiten — von einer zügigen Atlantiküberquerung ist die „Do X" zum Jahresende noch weit entfernt.
Professor Piccards Stratosphärenballon zerreißt vor dem Start in Augsburg

Der Schweizer Physiker Auguste Piccard will als erster Mensch mit einer druckfesten Gondel in die Stratosphäre aufsteigen, um dort die kosmische Strahlung zu erforschen — die gewaltige, 55 Meter hohe Ballonhülle hat er eigens bei der Riedinger'schen Ballonfabrik bei Augsburg fertigen lassen, um lange Transportwege zu vermeiden. Ein erster Startversuch am 9. September muss wegen Windes abgesagt werden. Beim zweiten Versuch am 14. September kommt es zum Debakel: Böiger Wind wirft die Gondel von ihrem Transportwagen und beschädigt sie, während die bereits mit Wasserstoff gefüllte Hülle reißt und in sich zusammenfällt. Piccard erntet für den gescheiterten Start Spott in der Presse.
Der Professor lässt sich nicht entmutigen und verschiebt den Aufstieg auf das kommende Jahr — vom sicheren Erfolg ist die Augsburger Stratosphärenfahrt Ende 1930 jedenfalls noch weit entfernt.
AM RANDE NOTIERT
- 18. Februar — Der amerikanische Astronom Clyde Tombaugh entdeckt am Lowell-Observatorium in Arizona den Planeten Pluto.
- 22. April — Der Londoner Flottenvertrag begrenzt Kriegsschiffbau und U-Boot-Rüstung der fünf führenden Seemächte.
- 13. November — Die Berliner Stadt-Schnellbahn erhält offiziell den Namen „S-Bahn" und ein neues grünes Signet.
- 18. April — In Berlin geht die neue U-Bahn-Linie D in Betrieb, am 29. Juni folgt die Verlängerung nach Pankow.
- In Bromberg bleibt der Bromberger Kanal die wichtigste Wirtschaftsader der Wojewodschaft Pommerellen — er verbindet Weichsel und Netze und trägt maßgeblich zum Warenverkehr der Stadt bei.
- Am 2. November krönt sich Ras Tafari in Addis Abeba als Kaiser Haile Selassie I. von Äthiopien — zehn Tage Festlichkeiten mit Delegationen aus aller Welt.
- In der Sowjetunion beginnt im Januar die gewaltsame Zwangskollektivierung der Landwirtschaft; Hunderttausende „Kulaken" werden verhaftet oder deportiert.
- 17. Januar — Im Berliner Kino „Universum" flimmert als Vorfilm zu „Wenn Du einmal Dein Herz verschenkst" erstmals ein Micky-Maus-Streifen über eine deutsche Leinwand — der Film-Kurier zeigt sich am Folgetag von der tönenden Zeichentrick-Groteske angetan.
- 12. Juli — Die Berliner Leichtathletin Ellen Braumüller wirft den Speer als erste Frau der Welt über die 40-Meter-Marke — Weltrekord mit 40,27 Metern.
- 10. September — Die Ufa zeigt mit der „Ufa-Tonwoche" die erste tönende Wochenschau in deutschen Kinos — im munteren Nebeneinander: ein Tennisländerspiel, junge Löwen im Zoo und der Maler Max Liebermann vor dem Mikrofon.
WIRTSCHAFT · 1930
Die Weltwirtschaftskrise (siehe Story 8) prägt auch den Alltag an Ladentheke und Küchentisch: Wer noch in Arbeit ist, gibt sein Geld vorsichtiger aus, während die Reichsregierung mit Lohn- und Gehaltskürzungen die öffentlichen Kassen zu entlasten versucht. Die Preise selbst bleiben 1930 noch vergleichsweise stabil — die eigentliche Deflationswelle mit fallenden Löhnen und Preisen setzt erst in den folgenden Jahren voll ein.
Der Preisspiegel (Reich, Reichsmark/Reichspfennig):
- Zeitungspreis „Der Chronist": 10 Reichspfennig
- 1 kg Brot: 39 Pfennig
- 1 kg Butter: 5,53 Reichsmark
- 1 kg Rindfleisch: 2,35 Reichsmark
- 1 Liter Milch: 28 Pfennig
- 1 Liter Bier: 35 Pfennig
- Monatslohn eines Arbeiters (Durchschnitt): rund 180 Reichsmark
STIMMEN DER PRESSE · 1930
Zum Ausgang der Reichstagswahl vom 14. September beschreibt die liberale Frankfurter Zeitung die aufgewühlte Stimmung im Land mit nüchterner Schärfe:
„Erbitterungs-Wahlen also, in denen eine aus vielen Quellen gespeiste Stimmung, durch eine wilde Verhetzung aufgewühlt, sich in radikalen Stimmzetteln entlud." — Frankfurter Zeitung, 15. September 1930
Zu „Der blaue Engel" (siehe Story 3) schreibt Carl von Ossietzky — Herausgeber der linksliberalen Wochenschrift Die Weltbühne und selbst in diesem Jahr wegen seiner Enthüllungen zur geheimen Reichswehr-Aufrüstung vor Gericht — unter dem Pseudonym „Celsus" zwar kritisch über die Romanverfilmung, zählt Marlene Dietrichs Auftritt als Lola-Lola aber zu „den wenigen wirklich großen Filmeindrücken seit Jahren".
SPORT · 1930
Das Sportjahr steht ganz im Zeichen der drei großen Ereignisse, die diese Ausgabe eingangs würdigt: Max Schmelings Boxweltmeistertitel, Herthas erster deutscher Fußballmeisterschaft und der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Uruguay. Daneben füllt im Winter wieder das Berliner Sechstagerennen im Sportpalast tagelang die Ränge mit einem Millionenpublikum, das den Radrennfahrern beim Kampf gegen Erschöpfung und Uhr zujubelt. In Wimbledon verteidigen der Amerikaner Bill Tilden und die Amerikanerin Helen Wills Moody ihre Vormachtstellung im internationalen Tennis. In Bromberg spielt der Verein Polonia Bydgoszcz 1930 in der pommerellischen B-Klasse, während deutsche Turn- und Rudervereine der Stadt weiterhin regelmäßig auf dem Bromberger Kanal trainieren — der Sport bleibt hier, wie in vielen Vereinen der deutschen Minderheit, einer der letzten Räume gemeinsamen Vereinslebens.
MODE · 1930
Nach dem kurzen, geraden Schnitt der zwanziger Jahre vollzieht die Mode 1930 eine deutliche Wende zur femininen Eleganz: Die Pariser Haute Couture zeigt wieder eine betonte, natürliche Taille, und die Rocklängen wandern für den Tag auf Wadenlänge, für den Abend bis zu den Knöcheln hinab. Prägenden Einfluss hat die französische Modeschöpferin Madeleine Vionnet mit ihrem Schrägschnitt — Stoffbahnen, diagonal zum Fadenlauf zugeschnitten, die sich weich um die Körperformen legen, ohne einzuengen, und dabei zugleich sparsam mit dem teuren Material umgehen. Auch in Berlin und Bromberg übernehmen Schneiderinnen und Modehäuser die neue Linie: schmalere Hüte mit größerer Krempe lösen die enganliegende Cloche-Kappe der zwanziger Jahre allmählich ab, während gerade in wirtschaftlich schwieriger Zeit selbst genähte und umgearbeitete Kleider den knappen Geldbeutel vieler Familien schonen.
KINO & FUNK · 1930
Der Tonfilm hat sich endgültig durchgesetzt: Neben „Der blaue Engel" (siehe Story 3) füllt die Ufa-Komödie „Die Drei von der Tankstelle" mit Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann die Kinosäle und liefert mit dem Schlager „Ein Freund, ein guter Freund" einen der meistgesungenen Ohrwürmer des Jahres (siehe Die Hits des Jahres). Im Rundfunk wächst die Zahl der Teilnehmer auf rund 3,5 Millionen Haushalte im Reich; die Große Deutsche Funkausstellung im August in Berlin präsentiert dem Publikum die neuesten Empfänger und erste Ferntonversuche. Am 10. September zeigt die Ufa zudem mit der „Ufa-Tonwoche" ihre erste tönende Wochenschau (siehe Am Rande notiert) — ein weiterer Schritt vom stummen zum sprechenden Kino-Alltag.
GESTORBEN · 1930
- Helene Lange (82), deutsche Frauenrechtlerin und Politikerin — 13. Mai, Berlin.
- William Howard Taft (72), 27. Präsident der USA und späterer Oberster Bundesrichter — 8. März, Washington, D.C.
- Arthur Conan Doyle (71), britischer Schriftsteller, Schöpfer von Sherlock Holmes — 7. Juli, Crowborough, England.
- Alfred Wegener (50), deutscher Geophysiker und Polarforscher, Begründer der Kontinentalverschiebungstheorie — Anfang/Mitte November (genaues Datum ungeklärt), wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag, auf dem Rückweg von der Grönland-Station „Eismitte".
- Lon Chaney (47), US-amerikanischer Schauspieler, „Der Mann mit den tausend Gesichtern" — 26. August, Los Angeles.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1930
- Nobelpreis für die Blutgruppen-Entdeckung (Oktober, Stockholm). Karl Landsteiners Forschung macht sichere Bluttransfusionen möglich und rettet seither ungezählte Leben (siehe Story 10).
- Sinclair Lewis als erster US-Amerikaner mit dem Literaturnobelpreis geehrt (November). Ein Achtungserfolg für die junge amerikanische Erzählkunst auf der Weltbühne.
- C. V. Raman als erster Asiate mit einem naturwissenschaftlichen Nobelpreis geehrt (November, Stockholm). Der indische Physiker erhält den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der nach ihm benannten Lichtstreuung — ein Achtungserfolg für die Wissenschaft außerhalb Europas und Amerikas.
DAS WETTER · 1930 in Berlin
An diesem 13. Juli zeigte sich in Berlin-Dahlem ein warmer Sommertag mit kurzem Regen: Höchstwert 20,6 °C, nachts 11,5 °C — im Mittel aus beiden Werten rund 16 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor) —, dazu ein Schauer mit 3,8 mm Niederschlag.
Das Jahr über: Wärmster Tag war der 12. Juni mit 33,6 °C, kältester der 10. Februar mit −8,4 °C. Die Station zählte 87 Frosttage und 25 Sommertage (≥ 25 °C); der Jahresniederschlag lag bei 766 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,2 °C, das Tagesminimum 5,3 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1930
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt — Marlene Dietrich
- Ein Freund, ein guter Freund — Heinz Rühmann, Willy Fritsch & Oskar Karlweis
- Liebling, mein Herz lässt dich grüßen — Lilian Harvey & Willy Fritsch
- Veronika, der Lenz ist da — Comedian Harmonists
- Wochenend und Sonnenschein — Comedian Harmonists
- Ich hab' für dich 'nen Blumentopf bestellt — Comedian Harmonists
- Adieu, mein kleiner Gardeoffizier — Liane Haid
- Darf ich um den nächsten Tango bitten? — Richard Tauber
- Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche — Paul O'Montis
- Das Herz eines Boxers — Max Schmeling, Hugo Fischer-Köppe & Kurt Gerron
- Ich bin die fesche Lola — Marlene Dietrich
- Einmal am Rhein — Willi Ostermann
- Oh, Donna Clara! — Jacques Rotter
- Auch du wirst mich einmal betrügen — Greta Keller
- Ich hab' kein Auto, ich hab' kein Rittergut — Max Hansen
- Kuck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin — Curt Bois
- Mausi, süß warst du heute Nacht — Lizzi Waldmüller & Oskar Dénes
- Wenn ich mir was wünschen dürfte — Marlene Dietrich
- Guten Tag, gnädige Frau — Comedian Harmonists
- Im weißen Rössl am Wolfgangsee — Max Hansen
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Kiel wählt den Reichstag: Sozialdemokraten vorn, Nationalsozialisten an zweiter Stelle
Die Kieler wählen am 14. September den Reichstag. Nach dem vorläufigen Stadtergebnis erhalten die Sozialdemokraten rund 48 700 Stimmen, die Nationalsozialisten 29 731 und die Kommunisten 13 507. Dahinter folgen die Deutschnationalen mit 11 784, die Deutsche Volkspartei mit 10 696, die Wirtschaftspartei mit 4 393, die Staatspartei mit 3 679, die Konservative Volkspartei mit 2 806 und das Zentrum mit 2 093 Stimmen.
Im Wahlkreis Schleswig-Holstein bleiben die Sozialdemokraten ebenfalls vorn. Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis kommen sie auf 265 225 Stimmen (1928: 278 801), die Nationalsozialisten auf 240 185 (1928: 31 790). Die Kommunisten steigen von 62 106 auf 94 168 Stimmen. Die Deutschnationalen fallen von 181 028 auf 54 548, die Deutsche Volkspartei von 107 922 auf 64 358 und die Staatspartei von 44 751 auf 42 297. Die Wirtschaftspartei geht von 42 070 auf 35 643 zurück, das Zentrum liegt bei 9 215 (1928: 8 527). Das Landvolk, bei der vorigen Wahl mit 2 473 Stimmen verzeichnet, erreicht 33 513. Gültig sind 891 007 Stimmen, vor zwei Jahren waren es rund 788 700.
Drei amerikanische Schlachtschiffe machen in Kiel fest

Das amerikanische Geschwader unter Admiral Cluverius, die Schlachtschiffe „Arkansas“, „Florida“ und „Utah“, läuft am 1. Juli aus Cherbourg aus und trifft am 5. Juli in Kiel ein. Es heißt, es sei der erste Besuch „einer größeren Einheit der amerikanischen Flotte in unseren Gewässern“. Beim Passieren von Friedrichsort tauscht die Salutbatterie den Landessalut mit den Schiffen; die Schlachtschiffe machen an Bojen fest. Der amerikanische Generalkonsul in Hamburg, Kehl, besucht die „Arkansas“. Admiral Cluverius macht Besuch bei Admiral Hansen, dem Chef der Marinestation der Ostsee, bei Oberpräsident Kürbis, bei Oberbürgermeister Dr. Lueken und bei Konteradmiral Foerster, dem stellvertretenden Flottenchef.
Rund 400 Offiziere, Kadetten und Mannschaften fahren am 6. Juli im Sonderzug nach Berlin, andere Gruppen am 7. Juli nach Hamburg und Bremen, nach Bad Segeberg und in die Holsteinische Schweiz; danach geht die Reise weiter nach Oslo. Am 9. Juli läuft das Geschwader aus. Per Funkspruch richtet Cluverius an Admiral Hansen die Worte: „Beim Abschied von Kiel erwidere ich Ihre guten Wünsche und danke Ihnen für die überaus gastliche Aufnahme. Wir scheiden mit lebhaftem Bedauern und hoffen, Sie bald wiederzusehen.“ An Konteradmiral Foerster geht ein zweiter Funkspruch „mit dem Wunsche, bald wieder deutsche Schiffe zu sehen“. Am 10. Juli läuft der englische Kreuzer „Centaur“ mit sechs Zerstörern auf der Rückreise von Danzig in den Kieler Hafen ein; Friedrichsort salutiert auch ihm.
Das Zielschiff „Zähringen“ brennt im Kieler Hafen
Am Abend des 10. September trifft bei einem Übungsschießen ein Treffer das Achterdeck der „Zähringen“, des besatzungslosen, ferngelenkten Zielschiffs der Reichsmarine. Dem Schiff, das sich auf der Fahrt von Schleimünde nach Kiel befindet, schickt die Berufsfeuerwehr ein Löschboot entgegen. An der Boje 12 festgemacht, wird es später ins Arsenal geschleppt. Mit dem Schneidbrenner müssen Löcher ins Deck geschnitten werden, damit zwölf Rohre Wasser ins Innere gelangen.
Am 11. September wälzt sich ein „übelriechender weißlicher Rauch“ über den Hafen, so dicht, dass Hafendampfer minutenlang darin verschwinden. Die Feuerwehr ist fast 20 Stunden lang mit einem Löschboot und vier Motorspritzen im Einsatz; die Mannschaften müssen wegen des Rauchs des schwelenden Korks jeweils nach kurzer Zeit abgelöst werden, es kommt zu leichten Rauchvergiftungen.
Am 12. September hat sich das Feuer auf das Mittelschiff ausgedehnt, von den Maschinenräumen bis zum Heck. Sechs Löschboote liegen längsseits. Das Wasser, das in die untersten Räume geleitet wird, muss das Schiff mit eigenen Pumpen ständig wieder hinausdrücken, um nicht zu kentern; seit Donnerstagmittag leitet man Kohlensäure ins Schiffsinnere. Der Rumpf birgt 1 700 Tonnen Kork. Blätter, die vom „größten Korklager der Welt“ und von „zwei Jahresernten Spaniens“ schreiben, berichtigt die Kork-Industrie-Zeitung am 21. September: Eine spanische Jahresernte allein umfasse etwa 60 000 Tonnen. Das Linienschiff der Wittelsbach-Klasse, 1901 bei der Germaniawerft in Kiel vom Stapel gelaufen, hatte die Reichsmarine 1927/28 zum Zielschiff umbauen lassen. Am 12. September heißt es noch, man lasse das Schiff ausbrennen; dann schneidet man den Panzer über der Wasserlinie mit Sauerstoffgebläse auf und leitet so viel Wasser ein, dass die „Zähringen“ neben der Hafenmauer auf Grund geht. Nach 62 Stunden ist der Brand vorüber. Um den 20. September kehrt das Schiff mit eigener Kraft nach Wilhelmshaven zurück, wo die Marinewerft die Schäden ausbessert; als Ursache nennt man Gase, die sich in den Korkmassen gebildet hatten und von einem Treffer entzündet wurden.
„Wer ist Geheimrat Baumgarten?“ — Streit an der Universität nach dem Bachfest

Vom 4. bis 6. Oktober findet in Kiel das 18. Deutsche Bachfest statt. Als Redner vorgesehen ist der Kieler Theologe Geheimrat Professor Dr. Otto Baumgarten, 1858 geboren und Linksliberaler der Demokratischen Partei. Schon 1926 hatte er sich mit der Schrift „Kreuz und Hakenkreuz“ gegen den Nationalsozialismus gewandt.
Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, Hochschulgruppe Kiel, verbreitet ein Flugblatt unter dem Titel „Wer ist Geheimrat Baumgarten?“. Es wirft dem Pazifisten Baumgarten „Landesverrat“ vor.
Am 24. Oktober hängt der Rektor einen Beschluss des Akademischen Senats aus: Der Hochschulgruppe Kiel des Studentenbundes „werden die Anerkennung und die Rechte eines akademischen Vereins entzogen“. Das Flugblatt habe „einem akademischen Lehrer der Universität Kiel eine schwere Kränkung zugefügt und gegen Ehre, Ansehen und Ordnung der akademischen Lehr- und Lerngemeinschaft schwer verstoßen“, lautet die Begründung.
Möltenort weiht das U-Boot-Ehrenmal ein
Am Pfingstsonnabend, dem 7. Juni, reisen Hunderte ehemalige U-Boot-Fahrer und Angehörige aus dem ganzen Reich an. Beim Begrüßungsabend ernennt Konteradmiral a. D. Eschenburg, der Vorsitzende des Ehrenmal-Ausschusses, den Kapitänleutnant a. D. Weißhuhn und den Schiffsreeder Grammerstorf zu Ehrenmitgliedern; Kapitän zur See Walther leitet als Vorsitzender die Kieler Ortsgruppe der U-Boot-Kameradschaft.
Die Weihe findet am Pfingstsonntag auf der Möltenorter Schanze am Ostufer der Förde statt, bei strahlendem Sonnenschein, vor vielen Hunderten. Die Reichsmarine stellt eine Kapelle und eine Ehrenkompanie, die Marinepfarrer Dehmel und Arndt halten die Weihereden. Vizeadmiral a. D. Michelsen, der frühere Befehlshaber der U-Boot-Streitkräfte, hält die Festrede und übergibt das Denkmal der Gemeinde Heikendorf.
Das Mal besteht aus rötlich-braunem Beton in Form eines umgekehrten Obelisken, nach Plänen des Kieler Architekten Hansen; der Adler stammt vom Frankfurter Bildhauer Becker und misst sieben Meter in der Flügelspannung. Die Inschrift nennt 199 untergegangene U-Boote und 5 132 Seeleute. Auf der Rückseite steht: „Es kommt der Tag, wo Recht über Macht triumphiert.“
Aus heutiger Sicht
Das Gedenken an die Toten verband sich 1930 mit der Verherrlichung des Kampfes der U-Boot-Waffe, im Ton der Zeitungen als „kühne Angriffsbereitschaft“ und „unbezwungene U-Boot-Waffe“. Das Denkmal wurde 1938 wegen Bauschäden abgerissen und neu errichtet, bis 1945 trug es ein Hakenkreuz. Spätere Gedenktafeln der Anlage nannten für den Ersten Weltkrieg 4 744 gefallene U-Boot-Fahrer, die Inschrift von 1930 dagegen 5 132.
KURZ NOTIERT · Kiel 1930
- 11. Januar — Der Hamburger Schlepper „Heros“ bringt ein 3 500-Tonnen-Dock, das die Howaldtswerke von der Reichsmarine in Wilhelmshaven gemietet haben, nach Kiel; das Kieler 6 000-Tonnen-Schwimmdock der Werft geht dafür nach Hamburg, wo drei Schlepper es am 19. Januar einbringen.
- 14. Januar — Eine Einbrecherbande aus neun Personen, die seit Oktober 1929 die Kieler Geschäftswelt heimsuchte, ist gefasst: rund 25 Einbrüche sind nachgewiesen, Geldschränke wurden mit Sauerstoff aufgebrannt, darunter bei der Barmer Ersatzkasse und im Finanzamt.
- 15. März — Das Arbeitsamt am Wilhelmplatz, nach Plänen von Willy Hahn und Rudolf Schroeder erbaut, wird eingeweiht: Flachdach, Klinkerverblendung in Rot und Gelb, turmartige Rundbauten für die Treppenhäuser.
- 4. Juli — Das 19. Kreisturnfest beginnt in Kiel; Turner aus Nordschleswig werden am Bahnhof feierlich abgeholt und ziehen im Fahnenzug zum Stadttheater.
- 1. August — Die Kieler Milchhof AG bricht zusammen (Aktienkapital 590 000 Reichsmark, Staatskredite 750 000 Reichsmark); viele Landleute der Propstei sind beteiligt. Zugleich verkauft die Ferienkammer der Städtischen Kollegien die städtische Meierei für 100 000 Reichsmark an einen Flensburger Kaufmann.
- Oktober — Die Küstenverbände beschließen, die Kieler Woche 1931 in den Juli zu verlegen.
- 18. November — Auf der Germaniawerft läuft die für den amerikanischen Millionär Vanderbilt gebaute Motoryacht „Alva“ vom Stapel, mit rund 3 500 Tonnen Verdrängung und 16 Knoten; es ist der 21. Yachtneubau der Werft. Gast ist der amerikanische Marineattaché Castleman.
- 25. November — Die Germaniawerft macht Neueinstellungen davon abhängig, dass im Maschinenbau 15 Prozent, im Schiffbau 10 Prozent der „tarifwidrig überhöhten Akkordpreise“ als abbaufähige Ausgleichszulage gezahlt werden; der Metallarbeiterverband verhängt daraufhin die Sperre über die Werft.
RUND UM DIE FÖRDE · 1930
- 7. Januar, Laboe — Der Bauausschuss des Bundes Deutscher Marinevereine unter Vorsitz von Admiral Rösing nimmt den im Hochbau fertigen Turm des Marine-Ehrenmals am Eingang der Kieler Förde ab und beschließt, die erforderlichen Erdarbeiten fortzusetzen.
- 6. Juni, Plön — Senator a. D. Dr. Rautenberg, Ehrenbürger der Stadt, feiert seinen 90. Geburtstag. Die Stadt gibt bekannt, dass die Straße „Hohenberg“ künftig Rautenberg-Straße heißt.
SPORT AN DER FÖRDE · 1930
- Holstein Kiel — Der Verein wird Erster der Oberliga Schleswig-Holstein und norddeutscher Meister, sein sechster Titel: In der Endrunde folgen ein 8:4 beim Wilhelmsburger FV 09, ein 8:0 gegen die SpVgg Hannover 1897 und Platz 1 in der Finalrunde vor Arminia Hannover. In der Deutschen Meisterschaft schlagen die Kieler am 18. Mai den VfB Leipzig in Hamburg 4:3, am 1. Juni Eintracht Frankfurt in Berlin 4:2 und am 15. Juni den Dresdner SC in Duisburg 2:0. Nach Angabe von Holsteins Föge empfängt die Kieler Bürgerschaft die Mannschaft überraschend am Hauptbahnhof; „Zehntausend Menschen“ hätten ihr den Weg versperrt.
- Holstein Kiel — Das Endspiel am 22. Juni im Düsseldorfer Rheinstadion vor 40 000 Zuschauern geht 4:5 gegen Hertha BSC verloren. Widmayer und Ritter bringen Kiel durch zwei Strafstöße in der 4. und 8. Minute 2:0 in Führung, Ludwig stellt zwischenzeitlich auf 3:2, Ritter gleicht in der 82. Minute zum 4:4 aus, in der 87. Minute fällt das 4:5. Die Zuschauer bedenken Schiedsrichter Guyenz, der Kiels Mittelstürmer Ludwig vom Platz gestellt hatte, mit einem Pfeifkonzert. Nach Föges Angabe fahren allein 28 Schnellastwagen mit Schlachtenbummlern für je 10 Mark statt mit der Eisenbahn nach Düsseldorf.
- Kieler Woche — Am 17. Juni gehen 117 Boote an den Start, unter den ausländischen Nationen England, Dänemark und Holland; Schweden ist mit einem Boot vertreten. Im deutsch-amerikanischen Länderkampf vom 24. bis 28. Juni um den vom Reichspräsidenten von Hindenburg gestifteten Ehrenpreis siegt Deutschland 67:36; „Michl V“ wird fünfmal Erster. Miss Hovey segelt mit einem durchlöcherten Ballonfock, einem Spinnaker mit kreisrunden Löchern.
- Segeln — Die Ostsee-Herbstwoche in Kiel vom 30. August bis 1. September bringt vier Wettfahrten, am zweiten Tag eine schwere Sturmregatta. Punktpreise gehen unter anderem an „Erma II“ bei den Zweiundzwanzigern und an „Freya von der Marine“ bei den 60-Quadratmeter-Kreuzern.
DAS WETTER · 1930 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 Kilometer südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 23,2 °C, einen Tiefstwert von 11,4 °C und ein Tagesmittel von 17,3 °C. Niederschlag fiel keiner (0,0 mm).
Das Jahr über: Das Jahresmittel liegt bei 8,8 °C. Der wärmste Tag ist der 3. Juli mit 32,4 °C, der kälteste der 8. Februar mit einem Tiefstwert von −6,7 °C. Das Jahr bringt einen Hitzetag (Höchsttemperatur mindestens 30 °C), 17 Sommertage (mindestens 25 °C), 7 Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) und 80 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Insgesamt fallen 713 mm Niederschlag.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)