DER CHRONIST

Zum Geleit

Mit dem Bruch der Großen Koalition im März beginnt in Berlin eine Zeit des Regierens per Notverordnung, die im September mit dem Erdrutschsieg der Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl eine erschreckende Antwort der Wähler erhält. Die Weltwirtschaftskrise, seit dem New Yorker Börsenkrach des Vorjahres über den Atlantik geschwappt, treibt die Arbeitslosenzahlen im Reich über die Drei-Millionen-Grenze. In Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit mit Sorge die polnischen Sejm-Wahlen im November, die unter dem Schatten von Verhaftungen und Einschüchterung der Opposition stehen. Doch das Jahr hat auch seine hellen Seiten: Gandhis Salzmarsch erschüttert das britische Kolonialreich gewaltlos, Uruguay richtet die erste Fußball-Weltmeisterschaft aus, und Berlin feiert mit Hertha BSC und „Der blaue Engel" seine Stars auf Rasen und Leinwand.

Die Schlagzeilen des Jahres

Gandhis Salzmarsch erschüttert das britische Kolonialreich

Mahatma Gandhi erreicht am 5. April 1930 nach 24 Tagen Marsch die Küste bei Dandi
Mahatma Gandhi erreicht am 5. April 1930 nach 24 Tagen Marsch die Küste bei Dandi (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 12. März bricht Mohandas Karamchand Gandhi mit 78 vertrauten Gefolgsleuten von seinem Ashram in Sabarmati bei Ahmedabad auf, um in 24 Tagen die rund 385 Kilometer bis zur Küste bei Dandi am Arabischen Meer zu marschieren. Ziel des Protests ist das britische Salzmonopol, das den Verkauf und die Herstellung von Salz durch Inder unter Strafe stellt und selbst den Ärmsten eine Steuer auf ein Grundnahrungsmittel aufzwingt. Tag für Tag schließen sich dem Zug mehr Anhänger an; als Gandhi am 6. April um 8.30 Uhr morgens am Strand eigenhändig eine Handvoll Meersalz aufhebt, bricht er demonstrativ das Gesetz — ein symbolischer Akt des gewaltlosen zivilen Ungehorsams, der Millionen Inder zur Nachahmung ermutigt. Im ganzen Land kommt es zu Salzsiedereien, Streiks und Massenverhaftungen; auch Gandhi selbst wird im Mai festgenommen.

Der Salzmarsch wird zur spektakulärsten Kampagne, die Gandhi im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien führt, und macht seine Methode des Satyagraha — des gewaltlosen Widerstands — weltweit bekannt. Das britische Empire, das über den gesamten Subkontinent herrscht, sieht sich erstmals einer Massenbewegung gegenüber, die es weder ignorieren noch mit Gewalt zum Schweigen bringen kann.

Die Große Koalition zerbricht — Brüning regiert per Notverordnung

Reichskanzler Heinrich Brüning, der ab 30. März 1930 ohne parlamentarische Mehrheit regiert
Reichskanzler Heinrich Brüning, der ab 30. März 1930 ohne parlamentarische Mehrheit regiert (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 27. März zerbricht die seit 1928 amtierende Große Koalition aus SPD, Zentrum, DDP und DVP unter Reichskanzler Hermann Müller am Streit um die Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung — die Deutsche Volkspartei verweigert dem Kompromiss ihre Zustimmung, an einem halben Prozentpunkt scheitert die letzte parlamentarisch getragene Reichsregierung der Republik. Nur drei Tage später, am 30. März, beruft Reichspräsident Paul von Hindenburg den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning zum neuen Reichskanzler — an der Spitze eines Kabinetts, das von vornherein keine Mehrheit im Reichstag besitzt und darauf angewiesen ist, mit den Machtmitteln des Präsidenten zu regieren: Notverordnungen nach Artikel 48 der Weimarer Verfassung und, falls nötig, die Auflösung des Reichstags nach Artikel 25.

Als der Reichstag im Juli eine seiner Notverordnungen zur Sanierung des Reichshaushalts ablehnt, löst Brüning das Parlament kurzerhand auf und setzt Neuwahlen für den 14. September an — ein Schritt, der sich als folgenschwerer Fehlgriff erweisen soll. Mit Brüning beginnt die Ära der Präsidialkabinette: Die Reichsregierungen der kommenden Jahre stützen sich nicht mehr auf eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler im Reichstag, sondern auf das Vertrauen eines einzelnen Mannes im Amt des Reichspräsidenten — ein stiller, aber fundamentaler Bruch mit dem parlamentarischen System der Weimarer Republik.

„Der blaue Engel" feiert Uraufführung im Berliner Gloria-Palast

Marlene Dietrich um 1930, die als Lola Lola in „Der blaue Engel" zum Weltstar wird
Marlene Dietrich um 1930, die als Lola Lola in „Der blaue Engel" zum Weltstar wird (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 1. April feiert im Berliner Gloria-Palast am Kurfürstendamm die Uraufführung von „Der blaue Engel" — 300 private Karossen der Premierengäste rollen an diesem Abend vor. Regie führt Josef von Sternberg nach dem Roman „Professor Unrat" von Heinrich Mann; die Hauptrolle des vom Varieté verführten und ruinierten Gymnasialprofessors Immanuel Rath spielt Emil Jannings, bereits Träger des ersten Oscars für den besten Hauptdarsteller. Zum eigentlichen Ereignis des Abends aber wird eine Nebendarstellerin: Die bislang wenig bekannte Marlene Dietrich verkörpert als Kabarettsängerin Lola Lola eine laszive Verführerin von einer Direktheit, wie sie das deutsche Kino bis dahin kaum kannte, und singt das noch am selben Abend zum Welterfolg werdende Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".

Der Film — die erste abendfüllende deutsche Tonfilmproduktion der Ufa und zugleich als englischsprachige Fassung gedreht — macht Marlene Dietrich über Nacht zum internationalen Star; noch vor Jahresende reist sie nach Hollywood, wo Sternberg mit ihr weitere Filme dreht. Berlin hat mit „Der blaue Engel" einen Beitrag zum Weltkino geliefert, der noch lange nachhallen dürfte.

Max Schmeling wird erster deutscher Boxweltmeister im Schwergewicht

Boxweltmeister Max Schmeling im Ring
Boxweltmeister Max Schmeling im Ring (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Im New Yorker Yankee Stadium kämpft der 24 Jahre alte Hamburger Max Schmeling am 12. Juni um den vakanten Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen den Amerikaner Jack Sharkey. In der vierten Runde geht Schmeling zu Boden — der Schiedsrichter erkennt jedoch, dass Sharkey ihn mit einem verbotenen Tiefschlag getroffen hat, und disqualifiziert den Amerikaner. Schmeling wird damit als erster Europäer und erster Deutscher überhaupt Boxweltmeister im Schwergewicht — wenn auch unter Umständen, die Boxexperten lebhaft diskutieren, da noch nie zuvor ein Titel durch Foul vergeben worden war. Kritiker sprechen spöttisch vom „Weltmeister der Herzen", doch Schmeling selbst verteidigt seinen Anspruch auf den Titel energisch.

In Deutschland löst der Erfolg eine Welle des Nationalstolzes aus — inmitten von Wirtschaftskrise und politischer Krise liefert Schmeling dem niedergedrückten Publikum einen seltenen Grund zum Jubel. Seine endgültige Anerkennung als unangefochtener Champion muss er sich allerdings erst im kommenden Jahr mit einer erfolgreichen Titelverteidigung erkämpfen.

Hertha BSC wird nach vier vergeblichen Anläufen erstmals Deutscher Meister

Das Hertha-Stadion am Gesundbrunnen, die „Plumpe", die Heimspielstätte des Meisters von 1930
Das Hertha-Stadion am Gesundbrunnen, die „Plumpe", die Heimspielstätte des Meisters von 1930 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor rund 40.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion gewinnt Hertha BSC am 22. Juni das Finale um die Deutsche Fußballmeisterschaft gegen Holstein Kiel mit 5:4 — nach einem dramatischen Spiel, das zur Halbzeit noch 3:3 steht. Für die Berliner ist es der Lohn für vier vergebliche Anläufe: Von 1926 bis 1929 hatte Hertha viermal in Folge das Endspiel erreicht und viermal verloren; erst im fünften Anlauf gelingt der Durchbruch zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Angeführt wird die Mannschaft von ihrem torgefährlichen Mittelstürmer Hanne Sobek, der zur Symbolfigur des Berliner Fußballs der zwanziger und dreißiger Jahre wird.

In der Reichshauptstadt wird der Titelgewinn ausgelassen gefeiert — nach Jahren des Wartens hat Berlins größter Fußballverein endlich die deutsche Krone errungen und seinen Platz an der Spitze des heimischen Sports behauptet.

Das Rheinland ist frei — letzte alliierte Truppen räumen fünf Jahre vor Frist

Reichsmark-Gedenkmünze auf die Räumung des Rheinlands, geprägt 1930
Reichsmark-Gedenkmünze auf die Räumung des Rheinlands, geprägt 1930 (Wikimedia Commons, CC0)

Mit dem Abzug der letzten französischen und belgischen Besatzungssoldaten am 30. Juni endet die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs andauernde alliierte Rheinlandbesetzung — fünf Jahre früher, als der Versailler Vertrag von 1919 es vorgesehen hatte. Möglich macht dies der Young-Plan von 1929, mit dem sich das Deutsche Reich zur Zahlung seiner Reparationen bis 1988 verpflichtet; im Gegenzug willigen Briten und Franzosen auf den beiden Haager Konferenzen im August 1929 und Januar 1930 in den vorzeitigen Abzug ein. Belgische und britische Truppen hatten das linksrheinische Gebiet bereits bis zum 30. November 1929 verlassen, nun folgen auch die Franzosen. Im ganzen Reich wird die Räumung als „Befreiung" gefeiert; am 22. Juli findet in Koblenz eine große Befreiungsfeier statt, zu deren Erinnerung eigens Gedenkmünzen zu 3 und 5 Reichsmark geprägt werden.

Der Jubel bleibt allerdings gedämpft: Angesichts der sich zuspitzenden Weltwirtschaftskrise tritt das nationale Fest schon nach wenigen Wochen hinter die wachsende Sorge um Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsnot zurück.

Uruguay richtet die erste Fußball-Weltmeisterschaft aus

Das eigens für das Turnier errichtete Estadio Centenario in Montevideo, 1930
Das eigens für das Turnier errichtete Estadio Centenario in Montevideo, 1930 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 13. bis 30. Juli trägt Uruguay anlässlich des hundertjährigen Bestehens seiner Verfassung die erste Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte aus — sämtliche Spiele finden in der Hauptstadt Montevideo statt, ein Großteil im eigens errichteten Estadio Centenario. Die weite und teure Anreise nach Südamerika schreckt viele europäische Verbände ab; nur vier europäische Mannschaften — darunter nicht das Deutsche Reich — nehmen die Seereise auf sich, insgesamt spielen 13 Nationalmannschaften um den Pokal. Im Finale am 30. Juli setzt sich Gastgeber Uruguay gegen den südamerikanischen Rivalen Argentinien mit 4:2 durch — das erste Mal in der Turniergeschichte, dass sich im Endspiel zwei Mannschaften desselben Kontinents gegenüberstehen. Der belgische Schiedsrichter John Langenus lässt sich vor Anpfiff zusichern, dass keine Schusswaffen ins vollbesetzte Stadion gelangen — den Zuschauern werden über 1.500 Revolver abgenommen, so aufgeheizt ist die Stimmung zwischen den verfeindeten Nachbarländern.

Mit dem Turnier begründet der Fußball-Weltverband FIFA eine Tradition, die binnen weniger Jahrzehnte zum größten Sportereignis der Welt heranwachsen wird — 1930 ist sie noch eine vorwiegend südamerikanische Angelegenheit.

Die Weltwirtschaftskrise treibt die Arbeitslosigkeit im Reich über drei Millionen

Ein Berliner Ladengeschäft mit einem Sonderangebot für Arbeitslose — Alltagsbild der beginnenden Weltwirtschaftskrise
Ein Berliner Ladengeschäft mit einem Sonderangebot für Arbeitslose — Alltagsbild der beginnenden Weltwirtschaftskrise (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 erreicht das Deutsche Reich mit voller Wucht: Bereits zu Jahresbeginn liegt die Arbeitslosenquote bei über 14 Prozent, im Jahresverlauf steigt die Zahl der amtlich gemeldeten Arbeitslosen über die Marke von drei Millionen — ein Vielfaches der schon in den Vorjahren als hoch empfundenen Sockelarbeitslosigkeit. Amerikanische Kurzfristkredite, mit denen deutsche Banken und Kommunen seit der Währungsstabilisierung 1923/24 ihre Wirtschaft finanziert hatten, werden massenhaft abgezogen; Industrieproduktion und Steuereinnahmen brechen ein, während die Ausgaben für Erwerbslosenfürsorge die öffentlichen Haushalte sprengen. Reichskanzler Brüning antwortet mit einer strikten Deflationspolitik — Kürzung von Löhnen, Gehältern und Sozialleistungen —, um den Haushalt auszugleichen und die Reparationslast neu zu verhandeln; kurzfristig verschärft dies die Krise für die arbeitende Bevölkerung noch.

Was 1930 als schwere, aber scheinbar vorübergehende Konjunkturkrise beginnt, wird sich in den beiden folgenden Jahren zur größten wirtschaftlichen Katastrophe der deutschen Geschichte auswachsen — mit unmittelbaren politischen Folgen, die sich bereits im September dieses Jahres an der Wahlurne zeigen.

Reichstagswahl vom 14. September — die NSDAP versiebenfacht ihre Mandate

Das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, KPD-Zentrale, am Tag der Reichstagswahl 1930
Das Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, KPD-Zentrale, am Tag der Reichstagswahl 1930 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Die von Brüning nach dem Scheitern seiner Haushaltspolitik im Reichstag ausgelöste Neuwahl vom 14. September endet mit einem politischen Erdbeben: Die NSDAP unter Adolf Hitler steigert ihren Stimmenanteil von 2,6 auf 18,3 Prozent und ihre Mandatszahl von zwölf auf 107 Sitze — sie wird aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft im Reichstag hinter der SPD, die mit 24,5 Prozent zwar stärkste Partei bleibt, aber ebenfalls Stimmen verliert. Auch die Kommunistische Partei (KPD) gewinnt hinzu, während die bürgerlichen Mittelparteien massiv einbrechen — die Wählerschaft der Weimarer Republik polarisiert sich in der Krise sichtbar an ihren Rändern. Die Wahl war als Versuch gedacht, Brünings Sparpolitik nachträglich demokratisch abzusichern; stattdessen liefert sie den Feinden der Republik einen dramatischen Popularitätsschub, den kaum ein Beobachter in diesem Ausmaß erwartet hatte.

Für die Regierungsfähigkeit des Reichstags hat das Ergebnis fatale Folgen: Eine arbeitsfähige Mehrheit ist praktisch nicht mehr zu bilden, Brünings Kabinett bleibt fortan endgültig auf das Regieren per Notverordnung angewiesen — und die Weimarer Demokratie tritt in ihre letzte, immer instabilere Phase ein.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Sachsen, 22. Juni — Die SPD bleibt mit 33,4 % (32 Sitze) klar stärkste Kraft, doch die NSDAP schiebt sich mit 14,4 % (14 Sitze) erstmals vor die KPD (13,6 %, 13 Sitze); Beteiligung 73,7 %. Eine Regierungsbildung scheitert in drei Wahlgängen an fehlenden Mehrheiten — das geschäftsführende Kabinett Schieck (DVP) bleibt kommissarisch im Amt.
  • Braunschweig, 14. September (zeitgleich mit der Reichstagswahl) — Die SPD erhält 41,0 % (17 Sitze) vor der Bürgerlichen Einheitsliste mit 26,0 % (11 Sitze) und der NSDAP mit 22,2 % (9 Sitze); Beteiligung 89,3 %. Am 1. Oktober wählt der Landtag trotz der sozialdemokratischen Mehrheit eine Rechtsregierung aus DNVP und NSDAP — nach Thüringen ist Braunschweig damit das zweite Land im Reich, in dem die Nationalsozialisten an einer Landesregierung beteiligt sind.
  • Bremen, 30. November — Die SPD bleibt mit 30,96 % (40 Sitze) stärkste Kraft in der Bürgerschaft, doch die NSDAP steigt mit 25,4 % (32 Sitze) überraschend zur zweitstärksten Partei auf, vor DVP (12,5 %) und KPD (10,7 %); Beteiligung 77,8 %.

Nobelpreise für Blutgruppen, Lichtstreuung und amerikanische Erzählkunst

Karl Landsteiner, der 1930 den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der Blutgruppen erhält
Karl Landsteiner, der 1930 den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der Blutgruppen erhält (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Medizin-Nobelpreis geht an den österreichischen Serologen Karl Landsteiner für die Entdeckung der menschlichen Blutgruppen — eine bereits 1901 in Wien gemachte Entdeckung, die sichere Bluttransfusionen überhaupt erst ermöglicht hat und seither zahllose Leben rettet. Den Physik-Nobelpreis erhält der indische Physiker Chandrasekhara Venkata Raman für die Entdeckung des nach ihm benannten Effekts der unelastischen Streuung von Licht an Molekülen — er ist der erste Asiate, der in einer Naturwissenschaft mit dem Nobelpreis geehrt wird. Der Literaturnobelpreis schließlich fällt an den US-amerikanischen Romancier Sinclair Lewis, der mit Werken wie „Main Street" und „Babbitt" die amerikanische Kleinstadtgesellschaft mit Witz und Schärfe porträtiert hat — als erster US-Amerikaner überhaupt erhält er die höchste literarische Auszeichnung der Welt.

Drei sehr unterschiedliche Auszeichnungen, die in einem an politischen Krisen reichen Jahr daran erinnern, dass Wissenschaft und Kultur über nationale Grenzen und Konjunkturen hinweg ihren eigenen, stetigen Fortschritt nehmen.

Bromberg und die „Brester Wahlen" — Polens Opposition unter Druck

Der Sitz von Sejm und Senat in Warschau, aufgenommen 1930
Der Sitz von Sejm und Senat in Warschau, aufgenommen 1930 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auch in Bromberg (poln. Bydgoszcz), der drittgrößten Stadt der Woiwodschaft Posen mit ihrer seit dem Übergang an die Republik Polen 1920 stetig schrumpfenden deutschen Minderheit, verfolgt man aufmerksam die polnischen Sejm-Wahlen vom 16. November. Wenige Wochen zuvor hatte Marschall Józef Piłsudski führende Politiker der Oppositionsparteien — darunter den früheren Ministerpräsidenten Wincenty Witos und den schlesischen Volkstribun Wojciech Korfanty — in der Festung Brest (Brześć nad Bugiem) inhaftiert; nach ihnen wird die Wahl bald die „Brester Wahlen" genannt. Im ganzen Land werden auch zahllose weniger prominente Oppositionelle verhaftet und erst nach dem Urnengang wieder freigelassen; die Regierungsliste BBWR gewinnt unter diesem Druck und begünstigt durch Manipulationen 247 der 444 Sitze.

Für die deutsche Volksgruppe in Bromberg, die mit eigenen Schulen, Kirchengemeinden und der in der Stadt erscheinenden Zeitung „Deutsche Rundschau in Polen" ein Stück kulturelle Eigenständigkeit bewahrt, ist der Ausgang mit gemischten Gefühlen zu verfolgen: Die deutsche Minderheitenliste zieht zwar erneut mit eigenen Abgeordneten in Warschau ein, doch das raue politische Klima der „Brester Wahlen" lässt wenig Hoffnung auf eine Entspannung der Beziehungen zwischen Warschau und den nationalen Minderheiten im Grenzland aufkommen.

Berlin verbietet „Im Westen nichts Neues" nach SA-Krawallen im Kino

Plakat zur US-Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues"
Plakat zur US-Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 4. Dezember läuft im Berliner Mozartsaal die deutsche Fassung der amerikanischen Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues" an — zunächst störungsfrei. Bereits am folgenden Tag jedoch inszeniert der Berliner NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels am selben Ort den Höhepunkt seiner Kampagne gegen den Film: Bei den Vorstellungen kommt es zu organisierten Tumulten, es werden Stinkbomben gezündet und weiße Mäuse in den Zuschauerraum ausgesetzt — keine spontane Empörung, sondern gezielte Störaktionen der Nationalsozialisten. An den folgenden Tagen, dem 7., 8. und 9. Dezember, demonstrieren rund 6.000 Nationalsozialisten auf dem Nollendorfplatz, Goebbels hält vor ihnen eine aufwiegelnde Rede gegen den angeblich das deutsche Ansehen schädigenden Film.

Der Druck zeigt Wirkung: Am 10. Dezember widerruft die zuständige Filmoberprüfstelle die erst Ende November erteilte Aufführungserlaubnis für Berlin — mit der Begründung, der Film gefährde das deutsche Ansehen und die öffentliche Ordnung und wirke „verrohend". Der Fall markiert einen frühen, öffentlichkeitswirksamen Erfolg nationalsozialistischer Straßenpolitik gegen ein unliebsames Kunstwerk — und ein Alarmzeichen für die Verwundbarkeit der Weimarer Meinungsfreiheit gegenüber organisierter Einschüchterung.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 18. Februar — Der amerikanische Astronom Clyde Tombaugh entdeckt am Lowell-Observatorium in Arizona den Planeten Pluto.
  • 22. April — Der Londoner Flottenvertrag begrenzt Kriegsschiffbau und U-Boot-Rüstung der fünf führenden Seemächte.
  • 13. November — Die Berliner Stadt-Schnellbahn erhält offiziell den Namen „S-Bahn" und ein neues grünes Signet.
  • 18. April — In Berlin geht die neue U-Bahn-Linie D in Betrieb, am 29. Juni folgt die Verlängerung nach Pankow.
  • In Bromberg bleibt der Bromberger Kanal die wichtigste Wirtschaftsader der Wojewodschaft Pommerellen — er verbindet Weichsel und Netze und trägt maßgeblich zum Warenverkehr der Stadt bei.
  • Am 2. November krönt sich Ras Tafari in Addis Abeba als Kaiser Haile Selassie I. von Äthiopien — zehn Tage Festlichkeiten mit Delegationen aus aller Welt.
  • In der Sowjetunion beginnt im Januar die gewaltsame Zwangskollektivierung der Landwirtschaft; Hunderttausende „Kulaken" werden verhaftet oder deportiert.

SPORT · 1930

Das Sportjahr steht ganz im Zeichen der drei großen Ereignisse, die diese Ausgabe eingangs würdigt: Max Schmelings Boxweltmeistertitel, Herthas erster deutscher Fußballmeisterschaft und der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Uruguay. Daneben füllt im Winter wieder das Berliner Sechstagerennen im Sportpalast tagelang die Ränge mit einem Millionenpublikum, das den Radrennfahrern beim Kampf gegen Erschöpfung und Uhr zujubelt. In Wimbledon verteidigen der Amerikaner Bill Tilden und die Amerikanerin Helen Wills Moody ihre Vormachtstellung im internationalen Tennis. In Bromberg spielt der Verein Polonia Bydgoszcz 1930 in der pommerellischen B-Klasse, während deutsche Turn- und Rudervereine der Stadt weiterhin regelmäßig auf dem Bromberger Kanal trainieren — der Sport bleibt hier, wie in vielen Vereinen der deutschen Minderheit, einer der letzten Räume gemeinsamen Vereinslebens.

MODE · 1930

Nach dem kurzen, geraden Schnitt der zwanziger Jahre vollzieht die Mode 1930 eine deutliche Wende zur femininen Eleganz: Die Pariser Haute Couture zeigt wieder eine betonte, natürliche Taille, und die Rocklängen wandern für den Tag auf Wadenlänge, für den Abend bis zu den Knöcheln hinab. Prägenden Einfluss hat die französische Modeschöpferin Madeleine Vionnet mit ihrem Schrägschnitt — Stoffbahnen, diagonal zum Fadenlauf zugeschnitten, die sich weich um die Körperformen legen, ohne einzuengen, und dabei zugleich sparsam mit dem teuren Material umgehen. Auch in Berlin und Bromberg übernehmen Schneiderinnen und Modehäuser die neue Linie: schmalere Hüte mit größerer Krempe lösen die enganliegende Cloche-Kappe der zwanziger Jahre allmählich ab, während gerade in wirtschaftlich schwieriger Zeit selbst genähte und umgearbeitete Kleider den knappen Geldbeutel vieler Familien schonen.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1930

  • Amy Johnson fliegt allein von England nach Australien (5.–24. Mai). Die britische Pilotin bewältigt in einer einmotorigen De-Havilland-Moth als erste Frau die 17.700 Kilometer lange Strecke im Alleinflug — bei ihrer Rückkehr feiern sie über eine Million Menschen in London.
  • Frank Whittle meldet das Patent für ein Strahltriebwerk an (16. Januar, Cranwell). Der britische Luftwaffenoffizier legt als Kadett den Grundstein für einen Antrieb, der dem Flugzeug eines Tages ein Zeitalter ohne Propeller eröffnen könnte.
  • Nobelpreis für die Blutgruppen-Entdeckung (Oktober, Stockholm). Karl Landsteiners Forschung macht sichere Bluttransfusionen möglich und rettet seither ungezählte Leben (siehe Story 10).
  • Sinclair Lewis als erster US-Amerikaner mit dem Literaturnobelpreis geehrt (November). Ein Achtungserfolg für die junge amerikanische Erzählkunst auf der Weltbühne.
  • C. V. Raman als erster Asiate mit einem naturwissenschaftlichen Nobelpreis geehrt (November, Stockholm). Der indische Physiker erhält den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der nach ihm benannten Lichtstreuung — ein Achtungserfolg für die Wissenschaft außerhalb Europas und Amerikas.

DAS WETTER · 1930 in Berlin

An diesem 13. Juli zeigte sich in Berlin-Dahlem ein warmer Sommertag mit kurzem Regen: Höchstwert 20,6 °C, nachts 11,5 °C — im Mittel aus beiden Werten rund 16 °C (ein amtliches Tagesmittel liegt für diesen Tag nicht vor) —, dazu ein Schauer mit 3,8 mm Niederschlag.

Das Jahr über: Wärmster Tag war der 12. Juni mit 33,6 °C, kältester der 10. Februar mit −8,4 °C. Die Station zählte 87 Frosttage und 25 Sommertage (≥ 25 °C); der Jahresniederschlag lag bei 766 mm. Im Mittel erreichte das Tagesmaximum 13,2 °C, das Tagesminimum 5,3 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1930

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Schallplattenverkauf und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt — Marlene Dietrich
  2. Ein Freund, ein guter Freund — Heinz Rühmann, Willy Fritsch & Oskar Karlweis
  3. Liebling, mein Herz lässt dich grüßen — Lilian Harvey & Willy Fritsch
  4. Veronika, der Lenz ist da — Comedian Harmonists
  5. Wochenend und Sonnenschein — Comedian Harmonists
  6. Ich hab' für dich 'nen Blumentopf bestellt — Comedian Harmonists
  7. Adieu, mein kleiner Gardeoffizier — Liane Haid
  8. Darf ich um den nächsten Tango bitten? — Richard Tauber
  9. Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche — Paul O'Montis
  10. Das Herz eines Boxers — Max Schmeling, Hugo Fischer-Köppe & Kurt Gerron
  11. Ich bin die fesche Lola — Marlene Dietrich
  12. Einmal am Rhein — Willi Ostermann
  13. Oh, Donna Clara! — Jacques Rotter
  14. Auch du wirst mich einmal betrügen — Greta Keller
  15. Ich hab' kein Auto, ich hab' kein Rittergut — Max Hansen
  16. Kuck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin — Curt Bois
  17. Mausi, süß warst du heute Nacht — Lizzi Waldmüller & Oskar Dénes
  18. Wenn ich mir was wünschen dürfte — Marlene Dietrich
  19. Guten Tag, gnädige Frau — Comedian Harmonists
  20. Im weißen Rössl am Wolfgangsee — Max Hansen

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.