DER CHRONIST
Das Jahr beginnt mit dem Zusammenbruch einer Wiener Großbank und endet mit einer zerbrochenen Weltwirtschaftsordnung: Von der Creditanstalt über die Danat-Bank bis zum Ende des britischen Goldstandards stürzen im Sommer und Herbst die Stützen des internationalen Finanzsystems ein. Kanzler Brüning regiert zunehmend per Notverordnung, an den Rändern der Weimarer Republik formiert sich mit der Harzburger Front eine neue Sammlungsbewegung der Rechten. In Ostasien besetzt Japan die Mandschurei, in Spanien wird die Monarchie durch eine Republik abgelöst. Bromberg spürt die Krise doppelt — als Wirtschaftskrise und als Druck auf die deutsche Minderheit in der Republik Polen.
Die Wiener Creditanstalt bricht zusammen

Am 11. Mai tritt die Führung der Österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe, des größten Bankhauses der Republik, vor die Öffentlichkeit und meldet einen Verlust von 140 Millionen Schilling — das gesamte Grundkapital der Bank ist aufgezehrt. Vorausgegangen war die Übernahme der insolventen Allgemeinen Bodenkreditanstalt im Jahr 1929, mit der sich das Kreditportfolio der Creditanstalt binnen kurzem verdoppelt hatte, dazu die Verstrickung mit halb Österreichs Industrie. Die Nachricht löst eine Flucht ausländischen Kapitals aus: Binnen weniger Wochen ziehen internationale Gläubiger ihre kurzfristigen Kredite ab, allein im Mai werden deutschen Banken 288 Millionen Reichsmark an ausländischen Krediten gekündigt. Die österreichische Regierung übernimmt mit ausländischen Anleihen die Mehrheit der Bankanteile und rettet das Institut mit letztlich rund 779 Millionen Schilling an öffentlichen Mitteln — faktisch eine Verstaatlichung. Für die übrige Welt aber ist der 11. Mai der Auftakt: Die Wiener Krise greift binnen Wochen auf Deutschland und darüber hinaus auf das gesamte internationale Bankensystem über.
Bankenkrise im Reich — Danat-Bank schließt, Bankfeiertage folgen

Der Zusammenbruch des Bremer Wollkonzerns Nordwolle — durch Bilanzfälschungen jahrelang verschleiert — reißt am 17. Juni die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) in den Abgrund, bei der der Konzern hoch verschuldet ist. Zwischen dem 1. und 17. Juni verliert die Reichsbank unter Präsident Hans Luther rund 1,4 Milliarden Reichsmark an Gold- und Devisenreserven — mehr als die Hälfte ihres Bestands —, ohne dass es gelingt, im Ausland neue Kredite zu beschaffen. Danat-Bank-Chef Jakob Goldschmidt sucht vergeblich eine Fusion mit der Deutschen Bank; am Morgen des 13. Juli bleiben die Schalter der Danat-Bank geschlossen, verzweifelte Sparer belagern die Sparkassen im ganzen Reich. Einen Tag später erklärt auch die Dresdner Bank ihre Zahlungsunfähigkeit. Die Reichsregierung unter Kanzler Heinrich Brüning verordnet für den 14. und 15. Juli allgemeine Bankfeiertage, übernimmt per Notverordnung die volle Garantie für die Danat-Einlagen, gründet eine Akzept- und Garantiebank zur Kreditversorgung, beschränkt den Devisenhandel auf die Reichsbank und hebt den Diskontsatz zum 1. August auf 15 Prozent. Bis 1932 halten Reich und Golddiskontbank 91 Prozent der mit der Danat fusionierten Dresdner Bank, 70 Prozent der Commerzbank und 30 Prozent der Deutschen Bank — die deutschen Großbanken sind faktisch verstaatlicht.
Hoover-Moratorium — Reparationen und Kriegsschulden ausgesetzt

Angesichts der sich ausbreitenden Bankenpanik schlägt US-Präsident Herbert Hoover am 20. Juni ein einjähriges Moratorium für sämtliche zwischenstaatlichen Zahlungen vor: sowohl für die deutschen Reparationen an die Siegermächte des Weltkriegs als auch für die interalliierten Kriegsschulden, mit denen Großbritannien und Frankreich bei den Vereinigten Staaten in der Kreide stehen. Gegen den zähen Widerstand Frankreichs, das um seine Reparationseinnahmen fürchtet, wird das Moratorium erst nach komplizierten Verhandlungen am 6./7. Juli wirksam — zu spät, um den Ausbruch der deutschen Bankenkrise eine Woche später noch zu verhindern. Für das Reich bedeutet der Aufschub eine spürbare, aber begrenzte Atempause: Die eigentliche Zahlungsfähigkeit ist längst durch den Kapitalabfluss der vergangenen Wochen erschüttert. Zwei internationale Expertenkomitees stellen im Spätsommer und Herbst fest, dass eine Wiederaufnahme der Reparationszahlungen nach Ablauf des Moratoriums das Vertrauen der ausländischen Geldgeber weiter untergraben würde — der Weg zur endgültigen Streichung der Reparationen auf der Konferenz von Lausanne im folgenden Jahr ist damit vorgezeichnet.
Brünings Notverordnungen — Regieren am Reichstag vorbei

Reichskanzler Heinrich Brüning, seit September 1930 ohne Parlamentsmehrheit im Amt und auf das Vertrauen von Reichspräsident Paul von Hindenburg angewiesen, regiert das Jahr über zunehmend per Notverordnung nach Artikel 48 der Reichsverfassung — mehr als vierzig solcher Verordnungen ergehen 1931, gegenüber nur 36 vom Reichstag beschlossenen Gesetzen. Sein Kurs ist streng deflationär: Ausgleich des Staatshaushalts durch höhere direkte und indirekte Steuern, Kürzung der Sozialausgaben sowie Lohn- und Gehaltssenkungen im öffentlichen Dienst, bei gleichzeitigem Festhalten am Goldstandard der Reichsmark. Brüning verfolgt damit auch ein außenpolitisches Kalkül: Die selbst verordnete wirtschaftliche Not soll im Ausland als Beleg dafür dienen, dass Deutschland zu weiteren Reparationszahlungen schlicht nicht mehr in der Lage ist. Im Land aber verschärft die prozyklische Sparpolitik die Krise zusätzlich — die Arbeitslosigkeit steigt unaufhaltsam weiter, und die Verachtung für das parlamentarische System wächst in dem Maß, in dem der Reichstag selbst an Bedeutung verliert.
Volksentscheid gegen den Preußischen Landtag scheitert am Quorum

Am 9. August stimmt Preußen, mit Abstand größtes Land des Deutschen Reichs, über die vorzeitige Auflösung seines Landtags ab. Angestoßen hat das Volksbegehren im Frühjahr der „Stahlhelm", getragen wird der Volksentscheid am Ende von einer ungewöhnlichen Front: NSDAP, DNVP und Stahlhelm kämpfen gemeinsam mit der KPD gegen die seit 1920 amtierende, von der SPD geführte Regierung des Ministerpräsidenten Otto Braun — ein Bündnis von rechts und links, das allein aus dem gemeinsamen Willen entsteht, die letzte große sozialdemokratisch geführte Landesregierung im Reich zu stürzen. Das Ergebnis verfehlt jedoch klar das verfassungsmäßige Quorum: Von den Stimmberechtigten stimmen nur 39,2 Prozent überhaupt ab, unter diesen votieren zwar 96,2 Prozent mit Ja — das sind aber lediglich rund 37,1 Prozent aller Stimmberechtigten, weit entfernt von der für die Auflösung nötigen absoluten Mehrheit. Der Landtag bleibt im Amt, Braun im Ministerpräsidentenstuhl. Bemerkenswert bleibt der Tag dennoch: Zum ersten Mal ziehen NSDAP und KPD in derselben Abstimmung an einem Strang, ein Zweckbündnis der beiden erklärten Gegner der parlamentarischen Republik.
Die Landtagswahlen des Jahres:
- Schaumburg-Lippe, 3. Mai — SPD 44,59 % (7 Sitze), NSDAP 26,94 % (4 Sitze).
- Oldenburg, 17. Mai — NSDAP 37,23 % (19 Sitze) klar stärkste Kraft vor DNVP 17,71 % (9 Sitze) und Zentrum 17,61 % (9 Sitze), Beteiligung 74,90 %.
- Hamburg, 27. September — SPD 27,81 % (46 Sitze) knapp vor der NSDAP 26,25 % (43 Sitze) und der KPD 21,86 % (35 Sitze), Beteiligung 83,75 %.
- Hessen, 15. November — NSDAP 37,1 % (27 Sitze) stärkste Fraktion vor der SPD 21,4 % (16 Sitze), Beteiligung 82,3 %.
Die Harzburger Front — NSDAP, DNVP und Stahlhelm rücken zusammen

Am 11. Oktober versammeln sich im niedersächsischen Kurort Bad Harzburg Vertreter der selbsternannten „nationalen Opposition" zu einer gemeinsamen Kundgebung: Alfred Hugenbergs Deutschnationale Volkspartei (DNVP), Adolf Hitlers NSDAP, die Führung des Frontkämpferverbands „Stahlhelm" unter Franz Seldte und Theodor Duesterberg, dazu Reichslandbund und Alldeutscher Verband. Ziel des Bündnisses ist der Sturz der Regierung Brüning und eine gemeinsame Kampfansage gegen die Weimarer Demokratie. Doch schon die Inszenierung offenbart die Risse: Hitler verlässt nach der SA-Parade demonstrativ die Tribüne, ohne den Aufmarsch des Stahlhelm abzuwarten — ein unmissverständliches Signal, dass er sich keiner gemeinsamen Führung unterordnen, sondern die Alleinführung im rechten Lager beanspruchen will. Auf eine gemeinsame Strategie können sich die Beteiligten nicht einigen; die Harzburger Front tritt kein zweites Mal zusammen. Für die politische Öffentlichkeit demonstriert der Tag dennoch eindringlich, wie weit sich das bürgerlich-konservative Lager der NSDAP bereits angenähert hat.
Großbritannien verlässt den Goldstandard

Seit Mitte Juli fließen mehr als 200 Millionen Pfund aus dem Londoner Kapitalmarkt ab — Nachwirkung der deutschen Bankenkrise, die das Vertrauen in europäische Währungen erschüttert hat. Premierminister James Ramsay MacDonald, der im August mit einer Notregierung aus Konservativen, Liberalen und einem Teil seiner eigenen Labour-Partei die Sparpolitik zur Verteidigung des Pfunds durchsetzt, kann den Goldabfluss dennoch nicht stoppen. Am 21. September gibt die Regierung auf: Großbritannien verlässt den Goldstandard, das Pfund Sterling verliert binnen kurzem rund 25 Prozent seines Werts gegenüber Gold. Was seit dem 19. Jahrhundert als Fundament internationaler Handels- und Währungsordnung galt, zerbricht damit endgültig — in den USA löst die Nachricht Panik aus, Amerikaner beginnen aus Furcht vor einem ähnlichen Schritt Washingtons Gold zu horten und Banken zu stürmen. Für das an seiner eigenen Goldbindung weiter festhaltende Reich ist der britische Schritt ein Menetekel: Die internationale Währungsordnung, auf der auch die deutschen Reparationen und Kredite beruhen, löst sich vor aller Augen auf.
Japan besetzt die Mandschurei — der Mukden-Zwischenfall

Am Abend des 18. September verüben Offiziere der japanischen Kwantung-Armee — mutmaßlich unter Beteiligung des späteren Divisionskommandeurs Doihara Kenji — einen Sprengstoffanschlag auf die japanisch kontrollierte Südmandschurische Eisenbahn nahe der Stadt Mukden (heute Shenyang). Der Schaden an den Gleisen ist so gering, dass schon Minuten später ein Zug ungehindert die Stelle passiert — doch Japan macht öffentlich chinesische Saboteure verantwortlich und nutzt den Vorfall als Vorwand, ohne Weisung aus Tokio die chinesische Garnison in Mukden anzugreifen und die Stadt binnen Stunden zu erobern. In den folgenden Wochen dehnen japanische Truppen die Besetzung auf weite Teile der Mandschurei aus, ohne dass die Zivilregierung in Tokio den Vormarsch noch kontrollieren kann. Der Völkerbund verurteilt das Vorgehen, bleibt aber wie schon im Fall Abessiniens ohne wirksame Sanktionsmittel. Aus der Besetzung geht im Frühjahr 1932 der japanische Marionettenstaat Mandschukuo hervor — der Auftakt zu jener Politik militärischer Expansion, die Japan in offenen Gegensatz zum Völkerbund und zu China bringt.
Die Zweite Spanische Republik wird ausgerufen

Bei den Kommunalwahlen vom 12. April erringen republikanische Kandidaten in 41 der 50 Provinzhauptstädte, darunter Madrid und Barcelona, klare Mehrheiten — ein Ergebnis, das trotz monarchistischer Erfolge auf dem Land als eindeutiges Votum gegen die Krone gewertet wird. König Alfons XIII. zieht daraus die Konsequenz und verlässt am 14. April das Land, ohne förmlich abzudanken. Noch am selben Tag ruft Niceto Alcalá-Zamora in Madrid die Zweite Spanische Republik aus und wird provisorisches Staatsoberhaupt; in den großen Städten strömen jubelnde Menschenmengen auf die Straßen und Plätze, um den Abschied von der Monarchie zu feiern — die neue Republik wird bald als „la niña bonita" (das hübsche Mädchen) apostrophiert. Die neue Regierung kündigt weitreichende Reformen an: eine demokratische Verfassung, Trennung von Kirche und Staat, Agrarreform und regionale Autonomie für Katalonien. Doch die alten sozialen und politischen Gegensätze zwischen Linken und Rechten, Klerikalen und Laizisten, Zentralisten und Regionalisten bleiben unter der neuen Staatsform virulent — der Grundstein für die Polarisierung, die Spanien binnen weniger Jahre in den Bürgerkrieg treiben wird, ist bereits gelegt.
10 · Ausschreitungen am Kurfürstendamm (12. September) [Berlin]
SA-Männer bei einem Generalappell im Berliner Sportpalast, April 1931 — thematisch nahes Bild, nicht vom Vorfall selbst (Bundesarchiv Bild 146-1982-160-12 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
Am Abend des 12. September, dem jüdischen Neujahrsfest, versammeln sich auf Weisung von Gauleiter Joseph Goebbels und SA-Führer Wolf-Heinrich von Helldorff mehrere hundert SA-Männer in kleinen Gruppen von drei bis dreißig Mann auf dem Kurfürstendamm und den Nebenstraßen in Charlottenburg — einem Viertel, in dem rund ein Viertel der begüterten Anwohnerschaft jüdisch ist. Mit Rufen wie „Deutschland erwache" und „Juda verrecke" ziehen sie durch die Straßen und schlagen wahllos auf Passanten ein, die sie für Juden halten; das Café Reimann wird gestürmt, Gäste werden schwer verletzt, auch Besucher der nahen Synagoge in der Fasanenstraße werden angegriffen. Helldorff und sein Stabschef Karl Ernst koordinieren die Übergriffe, indem sie den Kurfürstendamm mehrfach im Auto abfahren und Anweisungen geben. In beschleunigten Verfahren werden binnen weniger Tage 33 Täter, überwiegend SA-Männer, zu Haftstrafen zwischen neun und einundzwanzig Monaten verurteilt; Helldorff und Ernst selbst kommen in einem ersten Prozess mit sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe davon. Der Vorfall zeigt der Berliner Öffentlichkeit unverstellt, mit welcher organisierten Gewalt die SA inzwischen im Herzen der Stadt auftritt.
11 · Uraufführung „M" von Fritz Lang (11. Mai) [Berlin]
Peter Lorre in seiner Rolle als Kindermörder in Fritz Langs Film „M" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Im UFA-Palast am Zoo feiert am 11. Mai Fritz Langs erster Tonfilm „M — Eine Stadt sucht einen Mörder" seine umjubelte Premiere. Nach einem Drehbuch, das Lang gemeinsam mit Thea von Harbou verfasst und das sich lose an die aufsehenerregende Serie von Kindermorden im Düsseldorf der späten 1920er Jahre anlehnt, erzählt der Film von der Jagd auf einen Kindermörder — geführt zugleich von der Polizei und, mit noch größerer Konsequenz, von der organisierten Unterwelt Berlins, die den Fahndungsdruck auf ihr eigenes Gewerbe fürchtet. In der Hauptrolle des Mörders feiert der bislang wenig bekannte Schauspieler Peter Lorre seinen Durchbruch — eine Rolle, die ihn schlagartig berühmt, aber auch für Jahre auf den Typus des Bösewichts festlegen wird. Lang selbst betrachtet „M" später als sein bedeutendstes Werk; mit seiner nüchternen, von Geräuschmotiven (dem gepfiffenen Leitmotiv aus Griegs „Peer Gynt") geprägten Machart setzt der Film neue Maßstäbe für den noch jungen Tonfilm und wird zum kommerziellen Erfolg an den Kinokassen.
12 · Volkszählung vom 9. Dezember — die deutsche Minderheit schrumpft weiter (9. Dezember) [Bromberg]
Historische Aufnahme der Brda in Bromberg (Bydgoszcz), Aufnahme von vor 1939 (Foto: L. Ulatowski, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Am 9. Dezember führt das polnische Hauptstatistikamt die zweite allgemeine Volkszählung der Republik seit deren Neugründung durch — nach 1921 nun mit der Muttersprache statt der „Nationalität" als Erhebungsmerkmal. Für die Wojewodschaft Posen, zu der der Kreis Bromberg gehört, weist die Zählung 186.693 deutschsprachige Einwohner aus — 10,0 Prozent von 1,86 Millionen; für Pommerellen sind es 105.400 beziehungsweise 9,8 Prozent. Reichsweit in Polen zählt die Statistik noch rund 741.000 Deutsche, keine Mehrheit mehr in irgendeinem Kreis oder einer Stadt. Für Bromberg selbst, das am Stichtag 117.537 Einwohner zählt, setzt sich damit ein seit 1920 ungebrochener Trend fort: Waren 1910, unter preußischer Verwaltung, noch gut 84 Prozent der knapp 58.000 Stadtbewohner Deutsche, mussten nach dem Übergang an Polen 1920 viele die polnische Staatsbürgerschaft annehmen oder das Land verlassen — bis 1926 war die deutsche Wohnbevölkerung der Stadt auf gut 11.000 gesunken. Wer bleibt, ist überwiegend älter, geschäftlich oder grundbesitzlich an die Stadt gebunden — die junge Generation wandert in wachsender Zahl ins Reich ab.
13 · Bromberg im Krisenjahr — Kanal, Kaufleute und deutsches Vereinsleben (ganzjährig) [Bromberg]
Der Bromberger Kanal (Kanał Bydgoski), der die Weichsel mit der Oder verbindet — thematisch nahes, aktuelles Bild des historischen Wasserwegs (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Auch das ferne Bromberg bleibt von der Weltwirtschaftskrise nicht verschont. Die Stadt, seit dem Übergang an Polen 1920 um ihre einstige Rolle als preußischer Verwaltungssitz gebracht, stützt ihre wirtschaftliche Bedeutung vor allem auf den Bromberger Kanal — die seit 1774 schiffbare Verbindung zwischen Brahe und Netze, die Weichsel und Oder verknüpft — sowie auf Maschinenbau, Holzverarbeitung und Baustoffindustrie im intensiv agrarisch geprägten Umland. Sinkende Frachtmengen auf dem Kanal und rückläufige Aufträge der ansässigen Betriebe treffen 1931 auch die noch verbliebenen deutschen Kaufleute und Fabrikanten der Stadt hart, von denen mancher schon durch den Staatswechsel von 1920 Vermögen und Kundenkreis verloren hatte. Das gesellschaftliche Rückgrat der deutschen Minderheit bilden weiterhin die evangelischen Kirchengemeinden, die noch bestehenden deutschen Privatschulen sowie die Tageszeitung „Deutsche Rundschau in Polen", die seit 1920 in Bromberg erscheint und mit nationalkonservativer Ausrichtung über Kommunalpolitik, Wirtschaft und das Vereinsleben der verbliebenen deutschen Bromberger berichtet — Kegel- und Gesangvereine, Handwerkerinnungen, Wohlfahrtseinrichtungen —, während sich die junge Generation zunehmend zwischen Anpassung an den polnischen Staat und Auswanderung ins Reich entscheiden muss.
AM RANDE NOTIERT
- 1. Mai, New York. Mit 381 Metern eröffnet das Empire State Building als höchstes Bauwerk der Welt — Präsident Hoover schaltet die Beleuchtung per Knopfdruck aus Washington ein.
- 21. August, Berlin. Die 8. Große Deutsche Funkausstellung öffnet im Ausstellungspark am Funkturm ihre Tore, mit 304 Ausstellern Schaufenster der noch jungen Rundfunk- und Phonoindustrie.
- 17./24. Oktober, Chicago. Der Gangsterboss Al Capone wird wegen Steuerhinterziehung schuldig gesprochen und zu elf Jahren Haft sowie hohen Geld- und Kostenstrafen verurteilt.
- Sommer, Zentralchina. Verheerende Überschwemmungen am Jangtsekiang fordern nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 150.000 unmittelbare Todesopfer; Hunger und Seuchen in den überfluteten Gebieten lassen weitere Hunderttausende befürchten.
- 11. Dezember, London. Das britische Parlament verabschiedet das Statut von Westminster und erklärt Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, den Irischen Freistaat und Neufundland als gleichberechtigte Dominions dem Mutterland gegenüber für souverän.
- 18. Oktober, West Orange (USA). Erfinder Thomas Alva Edison stirbt im Alter von 84 Jahren.
- Jahresende, Reich. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Deutschen Reich steigt auf über 5 Millionen — Schlangen vor den Arbeitsämtern gehören auch in Berlin zum Straßenbild.
- Bromberg. Auch die dortigen Sparkassen und Genossenschaftsbanken spüren die Nachwehen der Bankenkrise aus dem Reich: Kreditvergabe an Handwerk und Landwirtschaft im Umland wird spürbar restriktiver.
SPORT · 1931
Am 14. Juni verteidigt Hertha BSC im Müngersdorfer Stadion zu Köln mit einem 3:2 über den TSV 1860 München seinen im Vorjahr errungenen Titel und wird zum zweiten Mal in Folge Deutscher Fußballmeister — nach
- FC Nürnberg erst der zweite Verein, dem die Titelverteidigung gelingt; für den Berliner Klub ist es bereits das sechste Endspiel in Folge. Im Boxring verteidigt Max Schmeling am 3. Juli vor rund 35.000 Zuschauern im neu eröffneten Cleveland Municipal Stadium seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen den US-Amerikaner Young Stribling: Nach einem harten rechten Treffer in der 9. Runde und einem Niederschlag in der 15. erklärt der Ringrichter Schmeling Sekunden vor Rundenende zum Sieger — ein Kampf, der später zum „Kampf des Jahres" gekürt wird. Im Berliner Sportpalast lockt wie jedes Jahr das Sechstagerennen Zehntausende aus allen Bevölkerungsschichten an, eine Mischung aus Hochleistungssport, Varieté und Volksfest. In Bromberg krönt der Fußballklub Polonia Bydgoszcz seine Vereinsgeschichte 1931 mit dem fünften Gewinn der städtischen Meisterschaft und der pommerellischen Bezirksliga — ein sportlicher Lichtblick für die polnische Mehrheitsbevölkerung der Stadt in einem sonst von Krise geprägten Jahr.
MODE · 1931
Die Weltwirtschaftskrise prägt auch die Garderobe: Aufwendige, kostspielige Roben weichen zunehmend schlichteren, funktionaleren Schnitten, die sich mit weniger Stoff und geringerem Aufwand fertigen lassen. Bei Damen setzt sich die natürliche, schmale Taille endgültig gegen die Wadenlose der zwanziger Jahre durch, Röcke fallen wieder länger bis zur Wadenmitte, während schräg geschnittene Stoffbahnen (der „Bias Cut") den Kleidern trotz sparsamerer Materialverwendung einen fließenden, eleganten Fall verleihen. Bei den Herren bleibt der klassische Anzug mit weitem Beinschnitt der Hose Standard; wer es sich noch leisten kann, orientiert sich an Hollywoodstars wie den Herren aus den erfolgreichen Tonfilmen des Jahres. In Bromberg wie in Berlin gilt gleichermaßen: Wer in der Krise noch neue Kleidung kauft, kauft sparsamer, praktischer — und öfter beim heimischen Schneider als beim modischen Modehaus.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1931
- Friedensnobelpreis für Jane Addams (Dezember 1931, Oslo). Die amerikanische Sozialreformerin und Pazifistin wird als erste Amerikanerin mit dem Friedensnobelpreis geehrt — für ihren jahrzehntelangen Einsatz für Abrüstung und internationale Verständigung; sie teilt sich die Auszeichnung mit Nicholas Murray Butler.
- Chemie-Nobelpreis für Carl Bosch und Friedrich Bergius (November 1931). Die beiden deutschen Chemiker werden für die Entwicklung chemischer Hochdruckverfahren geehrt, die Grundlagen der Ammoniak- und Kraftstoffsynthese.
- Medizin-Nobelpreis für Otto Warburg (Oktober 1931). Der Berliner Biochemiker wird für die Entdeckung des Atmungsferments und seiner Wirkungsweise ausgezeichnet — Spitzenforschung am Kaiser-Wilhelm-Institut.
- George-Washington-Brücke fertiggestellt (24. Oktober, New York). Acht Monate früher als geplant und unter Budget vollendet, verbindet die damals längste Hängebrücke der Welt New York und New Jersey über den Hudson — ein Ingenieurserfolg mitten in der Weltwirtschaftskrise.
- Empire State Building vollendet (1. Mai, New York). In nur 410 Tagen errichtet, beweist der neue höchste Wolkenkratzer der Welt, dass auch in der Depression noch Großes gelingt.
DAS WETTER · 1931 in Berlin
Am 13. Juli — dem Tag, an dem im Reich noch die letzten Nachbeben der sich anbahnenden Bankenkrise zu spüren sind — zeigt sich der Berliner Sommer von seiner freundlichen Seite: Die Station Berlin-Dahlem misst ein Tageshöchst von 24,0 °C, ein Tagestiefst von 15,0 °C und 4,0 mm Niederschlag; das Tagesmittel der Station Berlin-Tempelhof liegt bei 20,3 °C.
Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres ist der 5. August mit 32,0 °C, der kälteste der 1. Dezember mit −10,8 °C. Berlin-Dahlem zählt 31 Sommertage (≥25 °C) und 114 Frosttage, bei einem Jahresniederschlag von 708 mm, einem mittleren Tageshöchst von 12,1 °C und einem mittleren Tagestiefst von 4,4 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1931
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Das gibt's nur einmal — Lilian Harvey (aus Der Kongreß tanzt)
- Das ist die Liebe der Matrosen — Comedian Harmonists (aus Bomben auf Monte Carlo)
- Das muß ein Stück vom Himmel sein — Paul Hörbiger (aus Der Kongreß tanzt)
- Ich laß mir meinen Körper schwarz bepinseln — Willy Fritsch
- Jonny — Marlene Dietrich
- Ich bin ja heut' so glücklich — Renate Müller
- Wenn der Wind weht über das Meer — Comedian Harmonists
- Ich hab' ein Diwanpüppchen — Rosy Barsony & Fritz Steiner
- My Golden Baby — Rosy Barsony & Harald Paulsen
- Ich bin so schüchtern, Madame — Paul O'Montis
- Was kann der Sigismund dafür — Paul O'Montis
- Ich denk' an Mädi die ganze Nacht — Leo Monosson
- Du hast mir heimlich die Liebe ins Haus gebracht — Lilian Harvey & Willy Fritsch
- Leben ohne Liebe kannst du nicht — Lilian Harvey
- Laß mich einmal deine Carmen sein — Lilian Harvey
- Ich kann nicht schlafen heut' Nacht — Curt Bois
- Bin nur ein Jonny — Harald Paulsen
- My Little Boy — Rosy Barsony & Fritz Steiner
- Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin — Oskar Karlweis
- Ich hab' 'ne alte Tante — Orchester des Metropol-Theaters Berlin
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de/schlager-1931 · spectre-media.com „Die Schlager des Jahres 1931") — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.