DER CHRONIST
Das Jahr beginnt mit dem Zusammenbruch einer Wiener Großbank und endet mit einer zerbrochenen Weltwirtschaftsordnung: Von der Creditanstalt über die Danat-Bank bis zum Ende des britischen Goldstandards stürzen im Sommer und Herbst die Stützen des internationalen Finanzsystems ein. Kanzler Brüning regiert zunehmend per Notverordnung, an den Rändern der Weimarer Republik formiert sich mit der Harzburger Front eine neue Sammlungsbewegung der Rechten. In Ostasien besetzt Japan die Mandschurei, in Spanien wird die Monarchie durch eine Republik abgelöst. Bromberg spürt die Krise doppelt — als Wirtschaftskrise und als Druck auf die deutsche Minderheit in der Republik Polen.
Die Wiener Creditanstalt bricht zusammen

Am 11. Mai tritt die Führung der Österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe, des größten Bankhauses der Republik, vor die Öffentlichkeit und meldet einen Verlust von 140 Millionen Schilling — das gesamte Grundkapital der Bank ist aufgezehrt. Vorausgegangen war die Übernahme der insolventen Allgemeinen Bodenkreditanstalt im Jahr 1929, mit der sich das Kreditportfolio der Creditanstalt binnen kurzem verdoppelt hatte, dazu die Verstrickung mit halb Österreichs Industrie. Die Nachricht löst eine Flucht ausländischen Kapitals aus: Binnen weniger Wochen ziehen internationale Gläubiger ihre kurzfristigen Kredite ab, allein im Mai werden deutschen Banken 288 Millionen Reichsmark an ausländischen Krediten gekündigt. Die österreichische Regierung übernimmt mit ausländischen Anleihen die Mehrheit der Bankanteile und rettet das Institut mit letztlich rund 779 Millionen Schilling an öffentlichen Mitteln — faktisch eine Verstaatlichung. Für die übrige Welt aber ist der 11. Mai der Auftakt: Die Wiener Krise greift binnen Wochen auf Deutschland und darüber hinaus auf das gesamte internationale Bankensystem über.
Bankenkrise im Reich — Danat-Bank schließt, Bankfeiertage folgen

Der Zusammenbruch des Bremer Wollkonzerns Nordwolle — durch Bilanzfälschungen jahrelang verschleiert — reißt am 17. Juni die Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) in den Abgrund, bei der der Konzern hoch verschuldet ist. Zwischen dem 1. und 17. Juni verliert die Reichsbank unter Präsident Hans Luther rund 1,4 Milliarden Reichsmark an Gold- und Devisenreserven — mehr als die Hälfte ihres Bestands —, ohne dass es gelingt, im Ausland neue Kredite zu beschaffen. Danat-Bank-Chef Jakob Goldschmidt sucht vergeblich eine Fusion mit der Deutschen Bank; am Morgen des 13. Juli bleiben die Schalter der Danat-Bank geschlossen, verzweifelte Sparer belagern die Sparkassen im ganzen Reich. Einen Tag später erklärt auch die Dresdner Bank ihre Zahlungsunfähigkeit. Die Reichsregierung unter Kanzler Heinrich Brüning verordnet für den 14. und 15. Juli allgemeine Bankfeiertage, übernimmt per Notverordnung die volle Garantie für die Danat-Einlagen, gründet eine Akzept- und Garantiebank zur Kreditversorgung, beschränkt den Devisenhandel auf die Reichsbank und hebt den Diskontsatz zum 1. August auf 15 Prozent. Bis 1932 halten Reich und Golddiskontbank 91 Prozent der mit der Danat fusionierten Dresdner Bank, 70 Prozent der Commerzbank und 30 Prozent der Deutschen Bank — die deutschen Großbanken sind faktisch verstaatlicht.
Hoover-Moratorium — Reparationen und Kriegsschulden ausgesetzt

Angesichts der sich ausbreitenden Bankenpanik schlägt US-Präsident Herbert Hoover am 20. Juni ein einjähriges Moratorium für sämtliche zwischenstaatlichen Zahlungen vor: sowohl für die deutschen Reparationen an die Siegermächte des Weltkriegs als auch für die interalliierten Kriegsschulden, mit denen Großbritannien und Frankreich bei den Vereinigten Staaten in der Kreide stehen. Gegen den zähen Widerstand Frankreichs, das um seine Reparationseinnahmen fürchtet, wird das Moratorium erst nach komplizierten Verhandlungen am 6./7. Juli wirksam — zu spät, um den Ausbruch der deutschen Bankenkrise eine Woche später noch zu verhindern. Für das Reich bedeutet der Aufschub eine spürbare, aber begrenzte Atempause: Die eigentliche Zahlungsfähigkeit ist längst durch den Kapitalabfluss der vergangenen Wochen erschüttert. Zwei internationale Expertenkomitees stellen im Spätsommer und Herbst fest, dass eine Wiederaufnahme der Reparationszahlungen nach Ablauf des Moratoriums das Vertrauen der ausländischen Geldgeber weiter untergraben würde — der Weg zur endgültigen Streichung der Reparationen auf der Konferenz von Lausanne im folgenden Jahr ist damit vorgezeichnet.
Brünings Notverordnungen — Regieren am Reichstag vorbei

Reichskanzler Heinrich Brüning, seit September 1930 ohne Parlamentsmehrheit im Amt und auf das Vertrauen von Reichspräsident Paul von Hindenburg angewiesen, regiert das Jahr über zunehmend per Notverordnung nach Artikel 48 der Reichsverfassung — mehr als vierzig solcher Verordnungen ergehen 1931, gegenüber nur 36 vom Reichstag beschlossenen Gesetzen. Sein Kurs ist streng deflationär: Ausgleich des Staatshaushalts durch höhere direkte und indirekte Steuern, Kürzung der Sozialausgaben sowie Lohn- und Gehaltssenkungen im öffentlichen Dienst, bei gleichzeitigem Festhalten am Goldstandard der Reichsmark. Brüning verfolgt damit auch ein außenpolitisches Kalkül: Die selbst verordnete wirtschaftliche Not soll im Ausland als Beleg dafür dienen, dass Deutschland zu weiteren Reparationszahlungen schlicht nicht mehr in der Lage ist. Im Land aber verschärft die prozyklische Sparpolitik die Krise zusätzlich — die Arbeitslosigkeit steigt unaufhaltsam weiter, und die Verachtung für das parlamentarische System wächst in dem Maß, in dem der Reichstag selbst an Bedeutung verliert.
Volksentscheid gegen den Preußischen Landtag scheitert am Quorum

Am 9. August stimmt Preußen, mit Abstand größtes Land des Deutschen Reichs, über die vorzeitige Auflösung seines Landtags ab. Angestoßen hat das Volksbegehren im Frühjahr der „Stahlhelm", getragen wird der Volksentscheid am Ende von einer ungewöhnlichen Front: NSDAP, DNVP und Stahlhelm kämpfen gemeinsam mit der KPD gegen die seit 1920 amtierende, von der SPD geführte Regierung des Ministerpräsidenten Otto Braun — ein Bündnis von rechts und links, das allein aus dem gemeinsamen Willen entsteht, die letzte große sozialdemokratisch geführte Landesregierung im Reich zu stürzen. Das Ergebnis verfehlt jedoch klar das verfassungsmäßige Quorum: Von den Stimmberechtigten stimmen nur 39,2 Prozent überhaupt ab, unter diesen votieren zwar 96,2 Prozent mit Ja — das sind aber lediglich rund 37,1 Prozent aller Stimmberechtigten, weit entfernt von der für die Auflösung nötigen absoluten Mehrheit. Der Landtag bleibt im Amt, Braun im Ministerpräsidentenstuhl. Bemerkenswert bleibt der Tag dennoch: Zum ersten Mal ziehen NSDAP und KPD in derselben Abstimmung an einem Strang, ein Zweckbündnis der beiden erklärten Gegner der parlamentarischen Republik.
Die Landtagswahlen des Jahres:
- Schaumburg-Lippe, 3. Mai — SPD 44,59 % (7 Sitze), NSDAP 26,94 % (4 Sitze).
- Oldenburg, 17. Mai — NSDAP 37,23 % (19 Sitze) klar stärkste Kraft vor DNVP 17,71 % (9 Sitze) und Zentrum 17,61 % (9 Sitze), Beteiligung 74,90 %.
- Hamburg, 27. September — SPD 27,81 % (46 Sitze) knapp vor der NSDAP 26,25 % (43 Sitze) und der KPD 21,86 % (35 Sitze), Beteiligung 83,75 %.
- Hessen, 15. November — NSDAP 37,1 % (27 Sitze) stärkste Fraktion vor der SPD 21,4 % (16 Sitze), Beteiligung 82,3 %.
Die Harzburger Front — NSDAP, DNVP und Stahlhelm rücken zusammen

Am 11. Oktober versammeln sich im niedersächsischen Kurort Bad Harzburg Vertreter der selbsternannten „nationalen Opposition" zu einer gemeinsamen Kundgebung: Alfred Hugenbergs Deutschnationale Volkspartei (DNVP), Adolf Hitlers NSDAP, die Führung des Frontkämpferverbands „Stahlhelm" unter Franz Seldte und Theodor Duesterberg, dazu Reichslandbund und Alldeutscher Verband. Ziel des Bündnisses ist der Sturz der Regierung Brüning und eine gemeinsame Kampfansage gegen die Weimarer Demokratie. Doch schon die Inszenierung offenbart die Risse: Hitler verlässt nach der SA-Parade demonstrativ die Tribüne, ohne den Aufmarsch des Stahlhelm abzuwarten — ein unmissverständliches Signal, dass er sich keiner gemeinsamen Führung unterordnen, sondern die Alleinführung im rechten Lager beanspruchen will. Auf eine gemeinsame Strategie können sich die Beteiligten nicht einigen; die Harzburger Front tritt kein zweites Mal zusammen. Für die politische Öffentlichkeit demonstriert der Tag dennoch eindringlich, wie weit sich das bürgerlich-konservative Lager der NSDAP bereits angenähert hat.
Aus heutiger Sicht
Der Auftritt in Bad Harzburg wirkt auf viele Zeitgenossen zunächst wie ein Schaulaufen zerstrittener Rechtsparteien ohne gemeinsame Linie — Historiker sehen darin heute jedoch einen entscheidenden Schritt zur gesellschaftlichen Normalisierung der NSDAP: Indem sich traditionskonservative Eliten aus Wirtschaft, Militär und Politik öffentlich mit Hitler zeigen, verschaffen sie ihm eine Salonfähigkeit, die seine Partei bei den folgenden Wahlen und schließlich bei der Machtübertragung 1933 begünstigt.
Großbritannien verlässt den Goldstandard

Seit Mitte Juli fließen mehr als 200 Millionen Pfund aus dem Londoner Kapitalmarkt ab — Nachwirkung der deutschen Bankenkrise, die das Vertrauen in europäische Währungen erschüttert hat. Premierminister James Ramsay MacDonald, der im August mit einer Notregierung aus Konservativen, Liberalen und einem Teil seiner eigenen Labour-Partei die Sparpolitik zur Verteidigung des Pfunds durchsetzt, kann den Goldabfluss dennoch nicht stoppen. Am 21. September gibt die Regierung auf: Großbritannien verlässt den Goldstandard, das Pfund Sterling verliert binnen kurzem rund 25 Prozent seines Werts gegenüber Gold. Was seit dem 19. Jahrhundert als Fundament internationaler Handels- und Währungsordnung galt, zerbricht damit endgültig — in den USA löst die Nachricht Panik aus, Amerikaner beginnen aus Furcht vor einem ähnlichen Schritt Washingtons Gold zu horten und Banken zu stürmen. Für das an seiner eigenen Goldbindung weiter festhaltende Reich ist der britische Schritt ein Menetekel: Die internationale Währungsordnung, auf der auch die deutschen Reparationen und Kredite beruhen, löst sich vor aller Augen auf.
Japan besetzt die Mandschurei — der Mukden-Zwischenfall

Am Abend des 18. September verüben Offiziere der japanischen Kwantung-Armee — mutmaßlich unter Beteiligung des späteren Divisionskommandeurs Doihara Kenji — einen Sprengstoffanschlag auf die japanisch kontrollierte Südmandschurische Eisenbahn nahe der Stadt Mukden (heute Shenyang). Der Schaden an den Gleisen ist so gering, dass schon Minuten später ein Zug ungehindert die Stelle passiert — doch Japan macht öffentlich chinesische Saboteure verantwortlich und nutzt den Vorfall als Vorwand, ohne Weisung aus Tokio die chinesische Garnison in Mukden anzugreifen und die Stadt binnen Stunden zu erobern. In den folgenden Wochen dehnen japanische Truppen die Besetzung auf weite Teile der Mandschurei aus, ohne dass die Zivilregierung in Tokio den Vormarsch noch kontrollieren kann. Der Völkerbund verurteilt das Vorgehen, bleibt aber wie schon im Fall Abessiniens ohne wirksame Sanktionsmittel. Aus der Besetzung geht im Frühjahr 1932 der japanische Marionettenstaat Mandschukuo hervor — der Auftakt zu jener Politik militärischer Expansion, die Japan in offenen Gegensatz zum Völkerbund und zu China bringt.
Aus heutiger Sicht
Die Weltöffentlichkeit ahnt 1931 noch nicht, wie folgenreich der offenkundig inszenierte Zwischenfall ist: Aus japanischer Sicht setzt Mukden den Präzedenzfall, dass eine Armeeführung Fakten schafft, die selbst die eigene Zivilregierung nicht mehr rückgängig machen kann — ein Muster militärischer Expansion ohne politische Kontrolle, das binnen eines Jahrzehnts in den Zweiten Weltkrieg in Asien mündet. Der Völkerbund erweist sich als handlungsunfähig, was auch in Europa aufmerksam registriert wird.
Die Zweite Spanische Republik wird ausgerufen

Bei den Kommunalwahlen vom 12. April erringen republikanische Kandidaten in 41 der 50 Provinzhauptstädte, darunter Madrid und Barcelona, klare Mehrheiten — ein Ergebnis, das trotz monarchistischer Erfolge auf dem Land als eindeutiges Votum gegen die Krone gewertet wird. König Alfons XIII. zieht daraus die Konsequenz und verlässt am 14. April das Land, ohne förmlich abzudanken. Noch am selben Tag ruft Niceto Alcalá-Zamora in Madrid die Zweite Spanische Republik aus und wird provisorisches Staatsoberhaupt; in den großen Städten strömen jubelnde Menschenmengen auf die Straßen und Plätze, um den Abschied von der Monarchie zu feiern — die neue Republik wird bald als „la niña bonita" (das hübsche Mädchen) apostrophiert. Die neue Regierung kündigt weitreichende Reformen an: eine demokratische Verfassung, Trennung von Kirche und Staat, Agrarreform und regionale Autonomie für Katalonien. Doch die alten sozialen und politischen Gegensätze zwischen Linken und Rechten, Klerikalen und Laizisten, Zentralisten und Regionalisten bleiben unter der neuen Staatsform virulent — der Grundstein für die Polarisierung, die Spanien binnen weniger Jahre in den Bürgerkrieg treiben wird, ist bereits gelegt.
10 · Ausschreitungen am Kurfürstendamm (12. September) [Berlin]
SA-Männer bei einem Generalappell im Berliner Sportpalast, April 1931 — thematisch nahes Bild, nicht vom Vorfall selbst (Bundesarchiv Bild 146-1982-160-12 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)
Am Abend des 12. September, dem jüdischen Neujahrsfest, versammeln sich auf Weisung von Gauleiter Joseph Goebbels und SA-Führer Wolf-Heinrich von Helldorff mehrere hundert SA-Männer in kleinen Gruppen von drei bis dreißig Mann auf dem Kurfürstendamm und den Nebenstraßen in Charlottenburg — einem Viertel, in dem rund ein Viertel der begüterten Anwohnerschaft jüdisch ist. Mit Rufen wie „Deutschland erwache" und „Juda verrecke" ziehen sie durch die Straßen und schlagen wahllos auf Passanten ein, die sie für Juden halten; das Café Reimann wird gestürmt, Gäste werden schwer verletzt, auch Besucher der nahen Synagoge in der Fasanenstraße werden angegriffen. Helldorff und sein Stabschef Karl Ernst koordinieren die Übergriffe, indem sie den Kurfürstendamm mehrfach im Auto abfahren und Anweisungen geben. In beschleunigten Verfahren werden binnen weniger Tage 33 Täter, überwiegend SA-Männer, zu Haftstrafen zwischen neun und einundzwanzig Monaten verurteilt; Helldorff und Ernst selbst kommen in einem ersten Prozess mit sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe davon. Der Vorfall zeigt der Berliner Öffentlichkeit unverstellt, mit welcher organisierten Gewalt die SA inzwischen im Herzen der Stadt auftritt.
Aus heutiger Sicht
Die vergleichsweise milden Haftstrafen für die Rädelsführer Helldorff und Ernst gelten Historikern heute als Beleg für die Nachsicht der Weimarer Justiz gegenüber rechter Straßengewalt — ein Muster, das der SA signalisiert, dass organisierte antisemitische Gewalt im öffentlichen Raum kaum wirksam verfolgt wird. Beide Täter machen nach 1933 Karriere im NS-Staat: Helldorff wird Berliner Polizeipräsident, bevor er 1944 nach dem Attentat vom 20. Juli hingerichtet wird.
11 · Uraufführung „M" von Fritz Lang (11. Mai) [Berlin]
Peter Lorre in seiner Rolle als Kindermörder in Fritz Langs Film „M" (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Im UFA-Palast am Zoo feiert am 11. Mai Fritz Langs erster Tonfilm „M — Eine Stadt sucht einen Mörder" seine umjubelte Premiere. Nach einem Drehbuch, das Lang gemeinsam mit Thea von Harbou verfasst und das sich lose an die aufsehenerregende Serie von Kindermorden im Düsseldorf der späten 1920er Jahre anlehnt, erzählt der Film von der Jagd auf einen Kindermörder — geführt zugleich von der Polizei und, mit noch größerer Konsequenz, von der organisierten Unterwelt Berlins, die den Fahndungsdruck auf ihr eigenes Gewerbe fürchtet. In der Hauptrolle des Mörders feiert der bislang wenig bekannte Schauspieler Peter Lorre seinen Durchbruch — eine Rolle, die ihn schlagartig berühmt, aber auch für Jahre auf den Typus des Bösewichts festlegen wird. Lang selbst betrachtet „M" später als sein bedeutendstes Werk; mit seiner nüchternen, von Geräuschmotiven (dem gepfiffenen Leitmotiv aus Griegs „Peer Gynt") geprägten Machart setzt der Film neue Maßstäbe für den noch jungen Tonfilm und wird zum kommerziellen Erfolg an den Kinokassen.
12 · Volkszählung vom 9. Dezember — die deutsche Minderheit schrumpft weiter (9. Dezember) [Bromberg]
Historische Aufnahme der Brda in Bromberg (Bydgoszcz), Aufnahme von vor 1939 (Foto: L. Ulatowski, Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Am 9. Dezember führt das polnische Hauptstatistikamt die zweite allgemeine Volkszählung der Republik seit deren Neugründung durch — nach 1921 nun mit der Muttersprache statt der „Nationalität" als Erhebungsmerkmal. Für die Wojewodschaft Posen, zu der der Kreis Bromberg gehört, weist die Zählung 186.693 deutschsprachige Einwohner aus — 10,0 Prozent von 1,86 Millionen; für Pommerellen sind es 105.400 beziehungsweise 9,8 Prozent. Reichsweit in Polen zählt die Statistik noch rund 741.000 Deutsche, keine Mehrheit mehr in irgendeinem Kreis oder einer Stadt. Für Bromberg selbst, das am Stichtag 117.537 Einwohner zählt, setzt sich damit ein seit 1920 ungebrochener Trend fort: Waren 1910, unter preußischer Verwaltung, noch gut 84 Prozent der knapp 58.000 Stadtbewohner Deutsche, mussten nach dem Übergang an Polen 1920 viele die polnische Staatsbürgerschaft annehmen oder das Land verlassen — bis 1926 war die deutsche Wohnbevölkerung der Stadt auf gut 11.000 gesunken. Wer bleibt, ist überwiegend älter, geschäftlich oder grundbesitzlich an die Stadt gebunden — die junge Generation wandert in wachsender Zahl ins Reich ab.
13 · Bromberg im Krisenjahr — Kanal, Kaufleute und deutsches Vereinsleben (ganzjährig) [Bromberg]
Der Bromberger Kanal (Kanał Bydgoski), der die Weichsel mit der Oder verbindet — thematisch nahes, aktuelles Bild des historischen Wasserwegs (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Auch das ferne Bromberg bleibt von der Weltwirtschaftskrise nicht verschont. Die Stadt, seit dem Übergang an Polen 1920 um ihre einstige Rolle als preußischer Verwaltungssitz gebracht, stützt ihre wirtschaftliche Bedeutung vor allem auf den Bromberger Kanal — die seit 1774 schiffbare Verbindung zwischen Brahe und Netze, die Weichsel und Oder verknüpft — sowie auf Maschinenbau, Holzverarbeitung und Baustoffindustrie im intensiv agrarisch geprägten Umland. Sinkende Frachtmengen auf dem Kanal und rückläufige Aufträge der ansässigen Betriebe treffen 1931 auch die noch verbliebenen deutschen Kaufleute und Fabrikanten der Stadt hart, von denen mancher schon durch den Staatswechsel von 1920 Vermögen und Kundenkreis verloren hatte. Das gesellschaftliche Rückgrat der deutschen Minderheit bilden weiterhin die evangelischen Kirchengemeinden, die noch bestehenden deutschen Privatschulen sowie die Tageszeitung „Deutsche Rundschau in Polen", die seit 1920 in Bromberg erscheint und mit nationalkonservativer Ausrichtung über Kommunalpolitik, Wirtschaft und das Vereinsleben der verbliebenen deutschen Bromberger berichtet — Kegel- und Gesangvereine, Handwerkerinnungen, Wohlfahrtseinrichtungen —, während sich die junge Generation zunehmend zwischen Anpassung an den polnischen Staat und Auswanderung ins Reich entscheiden muss.
Ernst Ruska und Max Knoll bauen den ersten Elektronenmikroskop-Prototyp

An der Technischen Hochschule Berlin gelingt dem 24-jährigen Doktoranden Ernst Ruska zusammen mit seinem Betreuer Max Knoll der Bau des weltweit ersten funktionsfähigen Elektronenmikroskops: eines Geräts, das statt Licht einen gebündelten Elektronenstrahl durch magnetische Linsen führt, um Objekte abzubilden. Der erste Prototyp erreicht zunächst nur eine rund 17-fache Vergrößerung — deutlich weniger, als gute optische Mikroskope zu jener Zeit schon leisten —, doch das physikalische Prinzip ist bewiesen: Elektronen lassen sich wie Licht mit magnetischen „Linsen" fokussieren und zur Bildgebung nutzen. In den folgenden Jahren verbessern Ruska und Knoll das Verfahren kontinuierlich; erst 1933 übertrifft ein Nachfolgegerät erstmals die Auflösung der besten Lichtmikroskope. Die Erfindung eröffnet der Wissenschaft einen bis dahin unzugänglichen Blick auf Viren, Zellstrukturen und Materialoberflächen im Nanometerbereich — 1986 wird Ruska dafür mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.
Auguste Piccard erreicht als erster Mensch die Stratosphäre

Am frühen Morgen des 27. Mai startet der Schweizer Physiker Auguste Piccard zusammen mit seinem Assistenten Paul Kipfer in einer druckdichten Aluminiumkugel, die unter dem mit Wasserstoff gefüllten Ballon FNRS hängt, von Augsburg aus in die Höhe — Stunden früher als geplant, weil die Bodencrew die Halteseile vorzeitig löst. Die beiden erreichen eine Höhe von rund 15.781 Metern und werden damit die ersten Menschen, die die Stratosphäre erreichen; sie messen dort kosmische Strahlung und gewinnen erste Daten über die obere Atmosphäre, während sich ihre Kabine in der dünnen Luft unerwartet aufheizt. Die geplante Landung verzögert sich um einen vollen Tag: Erst am Abend des 28. Mai setzt der Ballon auf dem Gurgler Ferner, einem Gletscher in den Ötztaler Alpen, auf — die Besatzung ist unversehrt, der Aufstieg gilt fortan als Beginn der bemannten Stratosphärenforschung.
Der Schienenzeppelin stellt einen Geschwindigkeitsweltrekord auf

Auf der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin stellt der Flugzeugkonstrukteur Franz Kruckenberg mit seinem selbstgebauten Schienenzeppelin einen Weltrekord auf: Zwischen Ludwigslust und Wittenberge erreicht das mit einem Zwölfzylinder-Flugmotor von BMW und einem Druckpropeller ausgestattete, an einen Zeppelin erinnernde Leichtbau-Fahrzeug 230,2 km/h — die gesamte Strecke von Hamburg-Bergedorf bis zum Berliner Lehrter Bahnhof, 257 Kilometer, legt es in nur 98 Minuten zurück. Der Rekord für schienengebundene Fahrzeuge hält 24 Jahre. Trotz des technischen Triumphs bleibt der Schienenzeppelin ein Einzelstück: Der einseitig angebrachte Propellerantrieb erschwert das Ankuppeln von Waggons und den Rückwärtsbetrieb, eine Serienfertigung kommt nie zustande — doch der Beweis, dass hohe Geschwindigkeiten auf der Schiene grundsätzlich möglich sind, wirkt weit über sein kurzes Dasein hinaus.
Der Weltbühne-Prozess — Ossietzky und Kreiser wegen Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt

Am 23. November verurteilt der IV. Strafsenat des Reichsgerichts in Leipzig den Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne", Carl von Ossietzky, sowie den Journalisten Walter Kreiser zu je 18 Monaten Gefängnis — wegen Verrats militärischer Geheimnisse. Anlass ist ein mehr als zwei Jahre zurückliegender Artikel Kreisers vom März 1929, der den heimlichen, durch den Versailler Vertrag verbotenen Aufbau einer deutschen Luftwaffe öffentlich machte. Die Verhandlung selbst findet am 17. und 19. November unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; auch die Urteilsbegründung wird nicht öffentlich verlesen. Ossietzky reagiert mit Sarkasmus: „Anderthalb Jahre Freiheitsstrafe? Es ist nicht so schlimm, denn es ist mit der Freiheit in Deutschland nicht weit her." Da das Reichsgericht keine Berufung zulässt, muss Ossietzky die Strafe antreten; ein Gnadengesuch prominenter Unterstützer wie Thomas Mann, Heinrich Mann und Albert Einstein an Reichspräsident Hindenburg wird vom Justizministerium nicht einmal an diesen weitergeleitet. Der Prozess gilt in- wie ausländischen Beobachtern als eines der schärfsten Vorgehen der deutschen Justiz gegen die kritische Presse in der Weimarer Republik.
Aus heutiger Sicht
Historiker werten das Urteil heute als Wegmarke auf dem Weg zur NS-Justiz — das Reichsgericht urteilt nach unbestimmten Begriffen wie „Staatswohl" statt nach klaren Gesetzen, ein Muster, das die nationalsozialistische Sondergerichtsbarkeit später fortsetzen wird. Für Ossietzky wird das Urteil zum Wendepunkt: Nach vorzeitiger Entlassung 1932 verhaften ihn die Nationalsozialisten unmittelbar nach dem Reichstagsbrand 1933; er stirbt 1938, kurz nach Verleihung des Friedensnobelpreises 1936, an den Spätfolgen der KZ-Haft.
AM RANDE NOTIERT
- 1. Mai, New York. Mit 381 Metern eröffnet das Empire State Building als höchstes Bauwerk der Welt — Präsident Hoover schaltet die Beleuchtung per Knopfdruck aus Washington ein.
- 21. August, Berlin. Die 8. Große Deutsche Funkausstellung öffnet im Ausstellungspark am Funkturm ihre Tore, mit 304 Ausstellern Schaufenster der noch jungen Rundfunk- und Phonoindustrie.
- 17./24. Oktober, Chicago. Der Gangsterboss Al Capone wird wegen Steuerhinterziehung schuldig gesprochen und zu elf Jahren Haft sowie hohen Geld- und Kostenstrafen verurteilt.
- Sommer, Zentralchina. Verheerende Überschwemmungen am Jangtsekiang fordern nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 150.000 unmittelbare Todesopfer; Hunger und Seuchen in den überfluteten Gebieten lassen weitere Hunderttausende befürchten.
- 11. Dezember, London. Das britische Parlament verabschiedet das Statut von Westminster und erklärt Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, den Irischen Freistaat und Neufundland als gleichberechtigte Dominions dem Mutterland gegenüber für souverän.
- 18. Oktober, West Orange (USA). Erfinder Thomas Alva Edison stirbt im Alter von 84 Jahren.
- Jahresende, Reich. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Deutschen Reich steigt auf über 5 Millionen — Schlangen vor den Arbeitsämtern gehören auch in Berlin zum Straßenbild.
- Bromberg. Auch die dortigen Sparkassen und Genossenschaftsbanken spüren die Nachwehen der Bankenkrise aus dem Reich: Kreditvergabe an Handwerk und Landwirtschaft im Umland wird spürbar restriktiver.
- 21. August, Berlin. Auf der Großen Deutschen Funkausstellung führt Manfred von Ardenne der Öffentlichkeit erstmals ein vollelektronisches Fernsehbild vor — mit einer Braunschen Röhre statt mechanischer Abtastscheiben; die New York Times berichtet auf der Titelseite.
- 9. November, Berlin. Erich Kästners Kinderbuch „Pünktchen und Anton" erscheint, mit Illustrationen von Walter Trier — sein zweiter Roman für junge Leser nach dem Erfolg von „Emil und die Detektive".
- 8. Mai, Berlin-Moabit. Im „Eden-Palast-Prozess" verhört Rechtsanwalt Hans Litten drei Stunden lang Adolf Hitler als Zeugen und zwingt ihn zu Widersprüchen über die Gewaltstrategie der SA — eine der seltenen öffentlichen Vernehmungen Hitlers unter Eid vor 1933.
WIRTSCHAFT · 1931
Das Jahr 1931 vertieft die Weltwirtschaftskrise im Deutschen Reich dramatisch: Das Volkseinkommen sinkt binnen eines Jahres deutlich, während die registrierten Arbeitslosen zum Jahresende die Marke von fünf Millionen überschreiten. Reichskanzler Brüning verordnet im Oktober eine Kürzung der Arbeitslosenunterstützung und setzt mit der Vierten Notverordnung vom 8. Dezember eine gezielte Deflationspolitik durch: Preise, Löhne, Gehälter, Mieten, Kartellpreise und Zinsen werden per Verordnung um bis zu 10 Prozent gesenkt, zugleich steigen die Steuern erneut. Die Maßnahme soll den Wettbewerbsnachteil ausgleichen, den das Reich durch den festen Goldstandard gegenüber Großbritannien erleidet, das im September abgewertet hat — trifft aber Arbeiter und Angestellte besonders hart, weil die Lohnkürzungen den nominalen Preissenkungen zeitlich vorausgehen. Die Reallöhne bleiben trotz sinkender Nominalpreise unter dem Niveau von 1928.
Der Preisspiegel (Berlin, in Reichsmark):
- Brot (1 kg): 0,38 RM
- Butter (1 kg): 3,42 RM
- Milch (1 Liter): 0,28 RM
- Ei (1 Stück): 0,12 RM
- Rindfleisch (1 kg): 2,45 RM
- Kaffee (1 kg): 6,28 RM
- Bier (1 Liter, Ausschank): 0,39 RM
- Monatslohn eines Facharbeiters: rund 192 RM
STIMMEN DER PRESSE · 1931
Zum Urteil im Weltbühne-Prozess gegen Carl von Ossietzky und Walter Kreiser meldet sich auch die ausländische Presse zu Wort — die Weltbühne selbst dokumentiert die internationalen Reaktionen in ihren Ausgaben vom 1. und 15. Dezember 1931:
„Es ist das härteste Urteil, das jemals über einen nicht-kommunistischen Publizisten verhängt wurde, und es ist typisch für die rigorose Behandlung, die deutsche Gerichte jetzt jedem zuteil werden lassen, der mit einer Rückkehr zum Vorkriegsmilitarismus in Deutschland nicht einverstanden ist." — New York Evening Post, 24. November 1931
„Es gibt keine Berufung und Ossietzky … muß diese lange Strafe antreten. Charakteristisch für die Tendenz deutscher Gerichte ist, daß nationalsozialistische Verräter immer milder, meistens mit Festung verurteilt werden, während ein liberaler Kritiker des Militarismus mit gemeinen Verbrechern zusammen eingesperrt wird." — New York Evening Post, 24. November 1931
SPORT · 1931
Am 14. Juni verteidigt Hertha BSC im Müngersdorfer Stadion zu Köln mit einem 3:2 über den TSV 1860 München seinen im Vorjahr errungenen Titel und wird zum zweiten Mal in Folge Deutscher Fußballmeister — nach
- FC Nürnberg erst der zweite Verein, dem die Titelverteidigung gelingt; für den Berliner Klub ist es bereits das sechste Endspiel in Folge. Im Boxring verteidigt Max Schmeling am 3. Juli vor rund 35.000 Zuschauern im neu eröffneten Cleveland Municipal Stadium seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen den US-Amerikaner Young Stribling: Nach einem harten rechten Treffer in der 9. Runde und einem Niederschlag in der 15. erklärt der Ringrichter Schmeling Sekunden vor Rundenende zum Sieger — ein Kampf, der später zum „Kampf des Jahres" gekürt wird. Im Berliner Sportpalast lockt wie jedes Jahr das Sechstagerennen Zehntausende aus allen Bevölkerungsschichten an, eine Mischung aus Hochleistungssport, Varieté und Volksfest. In Bromberg krönt der Fußballklub Polonia Bydgoszcz seine Vereinsgeschichte 1931 mit dem fünften Gewinn der städtischen Meisterschaft und der pommerellischen Bezirksliga — ein sportlicher Lichtblick für die polnische Mehrheitsbevölkerung der Stadt in einem sonst von Krise geprägten Jahr.
MODE · 1931
Die Weltwirtschaftskrise prägt auch die Garderobe: Aufwendige, kostspielige Roben weichen zunehmend schlichteren, funktionaleren Schnitten, die sich mit weniger Stoff und geringerem Aufwand fertigen lassen. Bei Damen setzt sich die natürliche, schmale Taille endgültig gegen die Wadenlose der zwanziger Jahre durch, Röcke fallen wieder länger bis zur Wadenmitte, während schräg geschnittene Stoffbahnen (der „Bias Cut") den Kleidern trotz sparsamerer Materialverwendung einen fließenden, eleganten Fall verleihen. Bei den Herren bleibt der klassische Anzug mit weitem Beinschnitt der Hose Standard; wer es sich noch leisten kann, orientiert sich an Hollywoodstars wie den Herren aus den erfolgreichen Tonfilmen des Jahres. In Bromberg wie in Berlin gilt gleichermaßen: Wer in der Krise noch neue Kleidung kauft, kauft sparsamer, praktischer — und öfter beim heimischen Schneider als beim modischen Modehaus.
KINO & FUNK · 1931
Der Tonfilm hat den Stummfilm inzwischen endgültig verdrängt und beherrscht 1931 die Kinoprogramme — Musikfilme wie „Der Kongreß tanzt" mit Lilian Harvey und „Bomben auf Monte Carlo" mit den Comedian Harmonists füllen die Säle, während Fritz Langs „M" (siehe oben) zeigt, wie ernst und gesellschaftskritisch der neue Tonfilm auch sein kann. Im Rundfunk bleibt die 1929 gegründete Reichs-Rundfunk-Gesellschaft die zentrale Dachorganisation der regionalen Sender; zur Großen Deutschen Funkausstellung im August präsentiert Manfred von Ardenne der Öffentlichkeit erstmals ein vollständig elektronisches Fernsehbild mit Braunscher Röhre (siehe „Am Rande notiert") — noch Zukunftsmusik für den Alltag, aber ein internationales Aufsehen erregender Vorgriff auf das Fernsehzeitalter. Die laufenden Rundfunkgebühren, die jeder Hörer entrichten muss, geraten angesichts der Wirtschaftskrise zunehmend unter Druck; die Zahl der angemeldeten Rundfunkteilnehmer wächst 1931 trotzdem weiter, da das Radio als preiswerte Unterhaltung in der Krise an Bedeutung gewinnt.
GESTORBEN · 1931
- Anna Pawlowa (49), russische Primaballerina — 23. Januar, Den Haag.
- Knute Rockne (43), US-amerikanischer Football-Trainer (Notre Dame) — 31. März, bei einem Flugzeugabsturz in Kansas.
- Arnold Bennett (63), britischer Schriftsteller — 27. März, London.
- Arthur Schnitzler (69), österreichischer Schriftsteller und Dramatiker — 21. Oktober, Wien.
- Vachel Lindsay (52), US-amerikanischer Lyriker — 5. Dezember, Springfield, Illinois.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1931
- Friedensnobelpreis für Jane Addams (Dezember 1931, Oslo). Die amerikanische Sozialreformerin und Pazifistin wird als erste Amerikanerin mit dem Friedensnobelpreis geehrt — für ihren jahrzehntelangen Einsatz für Abrüstung und internationale Verständigung; sie teilt sich die Auszeichnung mit Nicholas Murray Butler.
- Chemie-Nobelpreis für Carl Bosch und Friedrich Bergius (November 1931). Die beiden deutschen Chemiker werden für die Entwicklung chemischer Hochdruckverfahren geehrt, die Grundlagen der Ammoniak- und Kraftstoffsynthese.
- Medizin-Nobelpreis für Otto Warburg (Oktober 1931). Der Berliner Biochemiker wird für die Entdeckung des Atmungsferments und seiner Wirkungsweise ausgezeichnet — Spitzenforschung am Kaiser-Wilhelm-Institut.
- George-Washington-Brücke fertiggestellt (24. Oktober, New York). Acht Monate früher als geplant und unter Budget vollendet, verbindet die damals längste Hängebrücke der Welt New York und New Jersey über den Hudson — ein Ingenieurserfolg mitten in der Weltwirtschaftskrise.
- Empire State Building vollendet (1. Mai, New York). In nur 410 Tagen errichtet, beweist der neue höchste Wolkenkratzer der Welt, dass auch in der Depression noch Großes gelingt.
DAS WETTER · 1931 in Berlin
Am 13. Juli — dem Tag, an dem im Reich noch die letzten Nachbeben der sich anbahnenden Bankenkrise zu spüren sind — zeigt sich der Berliner Sommer von seiner freundlichen Seite: Die Station Berlin-Dahlem misst ein Tageshöchst von 24,0 °C, ein Tagestiefst von 15,0 °C und 4,0 mm Niederschlag; das Tagesmittel der Station Berlin-Tempelhof liegt bei 20,3 °C.
Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres ist der 5. August mit 32,0 °C, der kälteste der 1. Dezember mit −10,8 °C. Berlin-Dahlem zählt 31 Sommertage (≥25 °C) und 114 Frosttage, bei einem Jahresniederschlag von 708 mm, einem mittleren Tageshöchst von 12,1 °C und einem mittleren Tagestiefst von 4,4 °C.
(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1931
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Das gibt's nur einmal — Lilian Harvey (aus Der Kongreß tanzt)
- Das ist die Liebe der Matrosen — Comedian Harmonists (aus Bomben auf Monte Carlo)
- Das muß ein Stück vom Himmel sein — Paul Hörbiger (aus Der Kongreß tanzt)
- Ich laß mir meinen Körper schwarz bepinseln — Willy Fritsch
- Jonny — Marlene Dietrich
- Ich bin ja heut' so glücklich — Renate Müller
- Wenn der Wind weht über das Meer — Comedian Harmonists
- Ich hab' ein Diwanpüppchen — Rosy Barsony & Fritz Steiner
- My Golden Baby — Rosy Barsony & Harald Paulsen
- Ich bin so schüchtern, Madame — Paul O'Montis
- Was kann der Sigismund dafür — Paul O'Montis
- Ich denk' an Mädi die ganze Nacht — Leo Monosson
- Du hast mir heimlich die Liebe ins Haus gebracht — Lilian Harvey & Willy Fritsch
- Leben ohne Liebe kannst du nicht — Lilian Harvey
- Laß mich einmal deine Carmen sein — Lilian Harvey
- Ich kann nicht schlafen heut' Nacht — Curt Bois
- Bin nur ein Jonny — Harald Paulsen
- My Little Boy — Rosy Barsony & Fritz Steiner
- Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin — Oskar Karlweis
- Ich hab' 'ne alte Tante — Orchester des Metropol-Theaters Berlin
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de/schlager-1931 · spectre-media.com „Die Schlager des Jahres 1931") — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Panzerschiff „Deutschland“ läuft vorzeitig vom Stapel

Auf Helling 1 der Deutschen Werke Kiel liegt seit der Kielstreckung im Februar 1929 das Panzerschiff „A“, Bauname „Ersatz Preußen“. Am Dienstag soll es getauft werden. Reichspräsident Hindenburg trifft um 11.40 Uhr an der Werft ein, anwesend sind unter anderen Reichswehrminister Groener und der Chef der Marineleitung, Admiral Raeder; die Ehrenkompanie stellt die Marineschule Friedrichsort. Die Taufrede des Reichskanzlers Brüning wird über alle deutschen und österreichischen Rundfunksender verbreitet.
Gegen Mittag setzt sich der Rumpf in Bewegung, noch während Brüning spricht. Hindenburg spricht den Taufspruch noch während der Fahrt: „Du sollst ‚Deutschland‘ heißen.“ Die übliche Flaschentaufe entfällt; Salutschüsse und Hochrufe übertönen den Spruch. Das Schiff gleitet bis über die Mitte des Hafens hinaus, Werftschlepper greifen zu. Unglücksfälle gibt es nicht. In Kiel kursieren zahlreiche Witze. Zehntausende haben sich eingefunden, die Flotte liegt flaggengeschmückt im Hafen.
Aus heutiger Sicht
Der Bau war ein innenpolitischer Streitfall gewesen: Im Reichstagswahlkampf 1928 wurde über den „Panzerkreuzer A“ heftig gestritten, und die Zustimmung der SPD entgegen ihren Wahlversprechen machte den Bau möglich. Das Schiff war auf die 10 000 Tonnen zugeschnitten, die der Versailler Vertrag für den Ersatz der alten Linienschiffe zuließ; im Ausland hieß es bald „Taschenschlachtschiff“. Die Panzerschiffe der Klasse dienten später dem NS-Regime: Im Spanischen Bürgerkrieg wurde die „Deutschland“ im Mai 1937 vor Ibiza aus der Luft getroffen, worauf die „Admiral Scheer“ die Stadt Almería beschoss; 1939 erhielt die „Deutschland“ den Namen „Lützow“.
Volksentscheid: 41 Prozent Ja in Kiel, Zusammenstöße am Rondell
Beim Volksentscheid über die Auflösung des Preußischen Landtags stimmen die Kieler am Sonntag ab. Nach dem vorläufigen Ergebnis gibt es in der Stadt Kiel 151 535 Stimmberechtigte; 62 860 stimmen mit Ja, das sind 41 Prozent, 829 mit Nein. Für einen Erfolg wäre die Zustimmung von der Hälfte der Stimmberechtigten nötig gewesen. Im Landkreis Plön fällt das Ergebnis höher aus: Von 32 100 Stimmberechtigten stimmen 16 895 mit Ja, 53 Prozent.
Am Nachmittag des Abstimmungstags kommt es am Rondell zu Zusammenstößen. Stahlhelmleute und Nationalsozialisten geraten dort mit dem Reichsbanner aneinander, fünf Reichsbannerleute werden „nicht unerheblich verletzt“; die Täter flüchten beim Erscheinen der Polizei und bleiben unerkannt.
Holstein Kiel dreht in Dresden ein 1:3 und steht im Halbfinale
Als Meister der Oberliga Schleswig-Holstein und Norddeutscher Vizemeister ist Holstein Kiel der zweite norddeutsche Vertreter bei der Deutschen Meisterschaft. Im Achtelfinale schlagen die Kieler am 10. Mai auf dem Holstein-Platz Prussia-Samland Königsberg 3:2.
Am 17. Mai folgt das Viertelfinale beim Dresdner SC im Ostragehege, bei fast 35 000 Zuschauern und hochsommerlicher Hitze. Zur Pause führt Dresden 3:1. Nach dem Wechsel drehen die Kieler die Partie und gewinnen 4:3. Die Presse spricht von „der eigentlich ersten großen Überraschung der diesjährigen Endspiele“; die Sächsische Volkszeitung sieht den Sieg dagegen „nicht einmal als rein überraschend“.
Im Halbfinale am 31. Mai im Duisburger Wedaustadion unterliegt Holstein dem TSV 1860 München 0:2, vor 12 000 Zuschauern. Die Münchner stehen damit im Endspiel, das am 14. Juni in Köln stattfindet. Es ist das siebte Halbfinale der Vereinsgeschichte; im Vorjahr hatten die Kieler im Endspiel gestanden und waren Vizemeister geworden.
Kreuzer „Karlsruhe“ geht auf einjährige Auslandsreise

Am Montagnachmittag tritt der Leichte Kreuzer „Karlsruhe“ der Reichsmarine in Kiel seine zweite Auslandsreise an, die ein volles Jahr dauern soll. Die Reise dient vor allem der Ausbildung von 45 Seekadetten und 12 Ingenieurkadetten und führt über Spanien und die Kanarischen Inseln nach Süd-, Mittel- und Nordamerika. Kommandant ist Fregattenkapitän Waßner, die Besatzung zählt 540 Mann. Der Kreuzer läuft von der Reede in die Holtenauer Schleuse und führt die Flagge des Stationschefs der Ostsee, Vizeadmiral Hansen.
Auf der Schleuse stehen der Flottenchef, Vizeadmiral Gladisch, Kapitän zur See Bredow, der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein und der Oberbürgermeister von Kiel. Beide Ufer des Kaiser-Wilhelm-Kanals sind bis zur Hochbrücke von Menschenmauern eingefasst. Die Musik der Ersten Marineartillerieabteilung spielt, das Schiff wird geradezu mit Blumen überschüttet. Händeschütteln und Küsse gibt es auf der Schleuse, bis das Signal „Alle Mann an Bord“ ertönt.
Am selben Nachmittag tritt der neue Kreuzer „Leipzig“, am 8. Oktober in Wilhelmshaven in Dienst gestellt und auf seiner ersten Ausreise um Kap Skagen nach Kiel gekommen, die Rückreise nach Wilhelmshaven an.
KURZ NOTIERT · Kiel 1931
- 23. März — Delegierte der norddeutschen Segelvereine beraten in Kiel die Wettfahrttermine und die Ostsee-Frage des Sommerprogramms.
- 25. April — Bei der Friedrich Krupp Germaniawerft läuft vormittags die Viermastbark „Hussar“ vom Stapel, gebaut für amerikanische Rechnung (Auftraggeber E. F. Hutton, New York). Sie misst 93,27 m in der Länge und 14,94 m in der Breite und trägt rund 3328 m² Segelfläche; als Hilfsantrieb dient eine dieselelektrische Anlage, deren Strom vier Krupp-Dieselmotoren zu je 800 PS erzeugen. Getauft wird sie von Frau Lawson, der Gattin des Kapitäns.
- 19./20. Mai — Kiel ist in den Tagen des Stapellaufs „von Fremden überfüllt“; Reisende weichen nach Preetz, 16 km entfernt, und nach Möltenort aus.
- 4. Juli — Die britischen 10 000-t-Kreuzer „Dorsetshire“ und „Norfolk“ unter Admiral E. A. Astley-Rushton laufen gegen 9 Uhr aus Stockholm kommend in Kiel ein. Der Besuch dauert bis 11. Juli, mit Bootswettkämpfen deutscher und englischer Kriegsschiffe am 5. und 6. Juli und einem Empfang im Ratskeller am 7. Juli; beim Ball des Kieler Yachtklubs sind rund 20 englische Offiziere zu Gast.
- 23. August — Die Kieler Sozialdemokratie feiert ihr 40-jähriges Jubiläum; Arthur Crispien, einer der Vorsitzenden der SPD, spricht vor „mehr als 15 000 Menschen“.
- 5. Oktober — Ein 17-jähriger Bäckerlehrling wird beim Brotaustragen von drei gutgekleideten Männern festgehalten, die ihn in ein Auto zerren wollen; seine Hilferufe vertreiben sie. Vermutet werden Werber der Fremdenlegion, denn kurz zuvor war bereits ein junger Mann aus Heikendorf bedrängt worden. Die Kriminalpolizei ermittelt.
- 24. Oktober — Das alte Linienschiff „Lothringen“ und der Kreuzer „Nymphe“ gehen an die Firma Dr. Kubatz, Berlin, und werden bei Blohm & Voss in Hamburg abgewrackt, obwohl die Verschrottung auf Intervention des Kieler Magistrats ursprünglich in Kiel stattfinden sollte. Außerdem schreibt die Marineleitung das 30 Jahre alte Kanonenboot „Panther“ (977 t) zum Verkauf aus.
RUND UM DIE FÖRDE · 1931
- 15. Januar, Preetz — Die beantragte Eingemeindung eines Teils der Gemeinde Schellhorn ist genehmigt, auch Wakendorf dürfte folgen. Preetz wächst damit um über 700 Hektar und etwa 600 Einwohner.
- 20. Mai, Laboe — Reichspräsident Hindenburg nimmt an Bord des Kreuzers „Königsberg“ auf der Außenförde eine Flottenparade ab. Von 10.50 bis 11.05 Uhr ziehen die Linienschiffe „Schlesien“, „Hessen“, „Hannover“ und „Schleswig-Holstein“, die Kreuzer „Köln“ und „Karlsruhe“, danach Zerstörer, Torpedoboote, Vermessungsschiffe und Tender vorbei; vom Marine-Ehrenmal bei Laboe steht erst der Turm.
SPORT AN DER FÖRDE · 1931
- Holstein Kiel — Die Oberliga Schleswig-Holstein 1930/31 schließen die Kieler als Erster ab, mit 83:18 Toren und 27:1 Punkten. In der Endrunde Nord gewinnen sie am 15. März 10:4 gegen den SC Leu 06 Braunschweig und am 29. März 2:1 gegen Phönix Lübeck.
- Kieler Woche — Die Wettfahrten beginnen am 2. Juli. Gemeldet sind rund 100 Boote, davon 44 Klassenyachten; Aus dem Ausland starten nur Holländer; die Schweden kommen nicht, die Dänen sagen ihre Meldungen wieder ab. Als Grund gilt der ungünstige wirtschaftliche Zustand in allen Ländern.
- Starboot — Ein vom Holländer Maas aus Bremen gebautes Starboot nimmt am Morgen des 2. Juli an den ersten Wettfahrten dieser neuen Klasse in Deutschland teil.
- 30-m²-Schärenkreuzer — Am 3. Juli siegt Stinnes' „Glückauf“, das einzige Kieler Neubauboot der Klasse.
- Zwölf-Fuß-Jollen — Den Andersen-Gedächtnis-Preis am 12. und 13. Juli in Kiel gewinnt der Norddeutsche Regatta-Verein Hamburg mit Steuermann Wilzer.
DAS WETTER · 1931 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 km südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, ein Maximum von 23,3 °C und ein Minimum von 14,4 °C; das Tagesmittel lag bei 19,1 °C, der Niederschlag bei 4,2 mm.
Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 7,9 °C. Der wärmste Tag war der 28. Mai mit 30,9 °C, der kälteste Tiefstwert fiel mit −14,6 °C auf den 5. März. Die Station zählte 2 Hitzetage (Höchstwert ab 30 °C), 12 Sommertage (ab 25 °C), 22 Eistage (Höchstwert unter 0 °C) und 103 Frosttage (Tiefstwert unter 0 °C). Der Jahresniederschlag betrug 864 mm.
(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)