DER CHRONIST

Zum Geleit

Zwei Reichstagswahlen, ein blutiger Wahlsommer und drei Reichskanzler binnen sieben Monaten — 1932 ist das Jahr, in dem die Republik ihre eigene Handlungsfähigkeit verliert. In Lausanne endet die leidige Reparationsfrage, doch daheim wächst die Zahl der Arbeitslosen auf über sechs Millionen. Berlin erlebt den offenen Verfassungsbruch gegen Preußen und einen Streik, in dem sich Nationalsozialisten und Kommunisten auf denselben Streikposten treffen. In Bromberg, das seit zwölf Jahren zu Polen gehört, kämpft die schrumpfende deutsche Minderheit mit der Weltwirtschaftskrise und dem eigenen Bedeutungsverlust. Übersee wählt Amerika einen neuen Präsidenten, der große Hoffnungen weckt — während im Reich die Frage offen bleibt, wer im nächsten Jahr regieren wird.

Die Schlagzeilen des Jahres

Hindenburg gegen Hitler — Zitterpartie um das Reichspräsidentenamt

Reichspräsident Paul von Hindenburg, 1932 zur Wiederwahl angetreten
Reichspräsident Paul von Hindenburg (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 102-13900, CC BY-SA 3.0 de)

Am 13. März tritt Reichspräsident Paul von Hindenburg, 84 Jahre alt, zur Wiederwahl an — getragen von einer ungewöhnlichen Koalition aus Zentrum, SPD und liberalen Parteien, die ihn als „kleineres Übel" gegen Adolf Hitler unterstützen. Hindenburg verfehlt mit 49,6 Prozent die absolute Mehrheit knapp; Hitler kommt auf 30,1 Prozent, der kommunistische Kandidat Ernst Thälmann auf 13,2 Prozent. Ein zweiter Wahlgang wird nötig.

Am 10. April entscheidet die Stichwahl: Hindenburg erreicht 53,0 Prozent und bleibt im Amt, Hitler steigert sich auf 36,8 Prozent, Thälmann fällt auf 10,2 Prozent zurück. Der Sieg ist für Hindenburg ein zweifelhafter Triumph — gewählt von jenen Parteien, die er selbst zeitlebens ablehnt, während sein eigenes konservativ-nationales Lager mehrheitlich für Hitler stimmt.

Die Wahl kostet Kraft und Geld auf beiden Seiten und bringt keine Lösung der eigentlichen Krise: Das Kabinett Brüning regiert weiter per Notverordnung ohne Mehrheit im Reichstag, die NSDAP nutzt den Wahlkampf zur weiteren Mobilisierung ihrer Anhänger. Wenige Tage nach der Wahl verfügt die Reichsregierung am 13. April das Verbot von SA und SS als Reaktion auf Berichte über deren Bürgerkriegsvorbereitungen — ein Verbot, das nur zwei Monate halten wird.

Getragen wird Hindenburgs Kandidatur von einer breiten, für die Republik ungewöhnlichen Front: Zeitungen fast aller demokratischen Lager, große Teile der Kirchen und Wirtschaftsverbände sowie die einst erbitterten Gegner von SPD und Zentrum werben gemeinsam für den greisen Feldmarschall, allein um eine Präsidentschaft Hitlers zu verhindern. Der Wahlkampf verschlingt auf beiden Seiten enorme Summen und wird mit einer für die Zeit ungewöhnlichen medialen Wucht geführt — Hitler reist per Flugzeug kreuz und quer durchs Reich und hält an einem einzigen Tag mehrere Massenkundgebungen, ein damals aufsehenerregendes Novum im deutschen Wahlkampf.

Brüning stürzt, Papen bildet das „Kabinett der Barone"

Franz von Papen, ab Juni 1932 Reichskanzler
Franz von Papen (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 102-13851, CC BY-SA 3.0 de)

Am 30. Mai entzieht Reichspräsident Hindenburg dem glücklosen Reichskanzler Heinrich Brüning sein Vertrauen — offiziell wegen dessen Plänen zur Aufsiedlung überschuldeter ostelbischer Güter, tatsächlich weil Hindenburgs Umfeld um General Kurt von Schleicher längst einen anderen Kurs verfolgt. Brüning tritt zurück, sein Kabinett hat die Republik vier Jahre lang fast ausschließlich mit Notverordnungen regiert.

Am 1. Juni ernennt Hindenburg Franz von Papen, ein bis dahin politisch wenig bekanntes Zentrumsmitglied ohne Rückhalt im eigenen Reichstagsclub, zum neuen Reichskanzler. Sein Kabinett besteht fast ausschließlich aus adligen Gutsbesitzern und parteilosen Fachleuten und verfügt über keine Mehrheit im Parlament — Zeitgenossen spotten rasch vom „Kabinett der Barone". Papen regiert von Beginn an auf Gedeih und Verderb mit Hindenburgs Vertrauen und dem Artikel 48 der Reichsverfassung.

Eine seiner ersten Amtshandlungen: Am 16. Juni hebt Papen das erst im April verhängte SA- und SS-Verbot wieder auf — ein Zugeständnis, mit dem er sich die Duldung der NSDAP im Reichstag zu sichern hofft. Die paramilitärischen Verbände marschieren fortan wieder öffentlich, die Straßengewalt nimmt in den Folgewochen spürbar zu.

Da Papen weder über eine eigene Parteibasis noch über eine Reichstagsmehrheit verfügt, verlässt er die Zentrumspartei, die seine Berufung als Verrat an der bisherigen Koalitionslinie mit der SPD empfindet und ihn kurz darauf aus der Partei ausschließt. Papen löst kurz nach Amtsantritt den erst 1930 gewählten Reichstag auf und setzt Neuwahlen für Ende Juli an — in der Hoffnung, mit der Rückendeckung Hindenburgs und der wiederzugelassenen SA eine regierungsfähige Mehrheit rechts der Mitte zu erzwingen. Die Rechnung geht, wie sich rasch zeigen wird, nicht auf.

Lausanner Konferenz beendet die Reparationen

Delegierte der Lausanner Konferenz 1932, darunter Herriot, von Papen und MacDonald
Delegierte der Lausanner Reparationskonferenz 1932, u. a. Édouard Herriot, Franz von Papen und Ramsay MacDonald (Wikimedia Commons, Bibliothèque nationale de France / Agence Rol, gemeinfrei)

In der Schweizer Stadt Lausanne verhandeln vom 16. Juni bis 9. Juli die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs über das drückendste außenpolitische Erbe des Weltkriegs: die deutschen Reparationen. Reichskanzler Franz von Papen reist mit dem Ziel an, die seit dem Young-Plan von 1929 laufenden Zahlungen endgültig zu beenden — die Weltwirtschaftskrise hat jede Zahlungsfähigkeit ohnehin zunichtegemacht.

Das Ergebnis übertrifft deutsche Erwartungen: Die Konferenz einigt sich auf eine einmalige Ablösesumme von nur noch drei Milliarden Reichsmark, zu zahlen erst nach einer dreijährigen Karenzzeit in Schuldverschreibungen — eine Summe, die faktisch nie vollständig eingefordert wird. Nach über einem Jahrzehnt Streit um Kriegsschulden und Wiedergutmachung ist das Reparationskapitel der Nachkriegsordnung damit praktisch beendet.

Der Erfolg von Lausanne stärkt Papens Ansehen in der Außenpolitik, ändert aber nichts an seiner fehlenden Mehrheit im Reichstag. Zugleich knüpft die Konferenz das Ende der Reparationen an eine „Gentleman's Agreement" genannte informelle Abmachung, wonach auch die alliierten Kriegsschulden gegenüber den USA nicht mehr eingefordert werden sollen — ein Vorhaben, das am Widerstand Washingtons scheitert.

Auf französischer Seite trägt vor allem Ministerpräsident Édouard Herriot die Verständigung mit, obgleich er sich im eigenen Land dem Vorwurf ausgesetzt sieht, zu weitgehende Zugeständnisse an den einstigen Kriegsgegner gemacht zu haben. Der britische Premierminister Ramsay MacDonald vermittelt zwischen den Positionen und drängt beide Seiten zu einer raschen Einigung, da eine weitere Verschärfung der internationalen Finanzkrise droht. Für das Reich bedeutet Lausanne trotz der günstigen Bedingungen keine wirtschaftliche Erleichterung im laufenden Jahr — die Wirkung der Einigung bleibt vorerst symbolisch, während die Massenarbeitslosigkeit im Inneren unvermindert anhält.

Altonaer Blutsonntag — 17 Tote bei SA-Marsch durch Arbeiterviertel

Erinnerungsstele an den Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932
Erinnerung an den Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Nach der Wiederzulassung von SA und SS marschieren am 17. Juli rund 7.000 SA-Männer demonstrativ durch die von Kommunisten und Sozialdemokraten dominierte Arbeiterstadt Altona bei Hamburg. Aus Fenstern und Hausdächern fallen Schüsse auf den Aufmarsch, die Polizei antwortet mit massivem Feuer in die dicht bevölkerten Straßen. Innerhalb weniger Minuten sterben 18 Menschen, die meisten von ihnen unbeteiligte Anwohner, Dutzende werden verletzt.

Der „Altonaer Blutsonntag" wird zum Fanal einer Woche, in der reichsweit bei politischen Zusammenstößen mehr als 80 Menschen ums Leben kommen. Reichskanzler Papen nutzt die Unruhen als Vorwand für einen längst vorbereiteten Schritt: Nur drei Tage später, am 20. Juli, entmachtet er die sozialdemokratisch geführte preußische Landesregierung unter Berufung auf angebliche Unfähigkeit, für Ordnung zu sorgen.

Die Ereignisse von Altona zeigen, wie weit die Republik im Sommer 1932 bereits von geordneten Verhältnissen entfernt ist: Straßenschlachten zwischen NSDAP, KPD und Reichsbanner gehören in vielen Städten zum Alltag, die Staatsgewalt reagiert uneinheitlich und oft überfordert. Erst Jahrzehnte später wird die genaue Schussfolge des 17. Juli rechtshistorisch aufgearbeitet; mehrere spätere Todesurteile gegen vermeintliche Täter gelten heute als Justizirrtum.

Die Wahl gerade Altonas als Aufmarschziel ist kein Zufall: Die Stadt, seit 1919 durch die SA-Führung als Hochburg der Arbeiterbewegung markiert, gilt in nationalsozialistischen Kreisen als besonders provokante Bühne für eine gezielte Machtdemonstration. Presseberichte der Wochen danach unterscheiden sich in ihrer Deutung der Ereignisse fundamental — sozialdemokratische Blätter sprechen von einem Blutbad durch überreagierende Polizei, nationalsozialistische Zeitungen von einem „kommunistischen Hinterhalt". Reichsweit wird der Sonntag in der öffentlichen Wahrnehmung rasch zum Symbol einer Republik, die ihr staatliches Gewaltmonopol in weiten Teilen schon verloren hat.

„Preußenschlag" — Reichsregierung setzt Berlins Landesregierung ab

Otto Braun, bis zum Preußenschlag sozialdemokratischer Ministerpräsident Preußens
Otto Braun, preußischer Ministerpräsident bis zum Preußenschlag (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 102-10131, CC BY-SA 3.0 de)

Mit einer Notverordnung Hindenburgs setzt Reichskanzler Franz von Papen am 20. Juli die geschäftsführende preußische Regierung unter Ministerpräsident Otto Braun (SPD) ab und ernennt sich selbst zum Reichskommissar für Preußen. Offizielle Begründung ist die angebliche Unfähigkeit der Landesregierung, nach den Unruhen von Altona die öffentliche Ordnung zu sichern — tatsächlich beseitigt Papen damit die letzte große sozialdemokratische Machtposition im Reich.

Preußen umfasst zu dieser Zeit fast zwei Drittel des Reichsgebiets und seiner Bevölkerung, mit Berlin als Hauptstadt beider Ebenen; die preußische Polizei gilt als eine der letzten verlässlichen Stützen der Republik gegen politische Straßengewalt. Die abgesetzte Regierung Braun ruft zum passiven Widerstand auf, verzichtet aber – aus Furcht vor Bürgerkrieg und in Ungewissheit über die Haltung der Reichswehr – auf jeden aktiven Gegenschlag. Wenige Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die einen Generalstreik fordern, finden keine Mehrheit.

Der „Preußenschlag" gilt vielen Zeitgenossen und späteren Historikern als entscheidender Wendepunkt: Er zeigt, dass sich die Verfassung mit einer einzigen Notverordnung und ohne nennenswerten Widerstand aushebeln lässt — ein Präzedenzfall, den die neue Reichsregierung unter Hitler ein Jahr später nutzen wird, um auch die übrigen Länderregierungen gleichzuschalten. Braun klagt erfolglos vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig; das Urteil im Oktober stellt formale Mängel fest, ändert an den Machtverhältnissen aber nichts mehr.

Für Berlin, das zugleich Reichshauptstadt und preußische Landeshauptstadt ist, bedeutet der Preußenschlag den Verlust einer wichtigen politischen Gegenmacht zur zunehmend autoritär regierenden Reichsregierung. Zahlreiche sozialdemokratische Beamte im preußischen Innen- und Polizeiapparat werden in den Folgewochen abgelöst oder kaltgestellt, was die Handlungsfähigkeit der Berliner Polizei gegenüber politischer Straßengewalt spürbar schwächt.

NSDAP wird stärkste Reichstagsfraktion

Wahlplakate zur Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 an einer Berliner Litfaßsäule
Wahlplakate zur Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 an einer Berliner Litfaßsäule (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild B 145 Bild-P046288, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Reichstagswahl am 31. Juli wird die NSDAP mit 37,3 Prozent der Stimmen und 230 Sitzen erstmals stärkste Fraktion im Reichstag — ein Ergebnis, das ihren Wahlerfolg vom September 1930 fast verdoppelt. Die SPD verliert und kommt auf 21,6 Prozent, die KPD legt auf 14,3 Prozent zu. Zusammen verfügen NSDAP und KPD nun über eine „negative Mehrheit": Sie können jede Regierung stürzen, aber keine eigene bilden.

Reichskanzler Papen bleibt trotz des Wahlergebnisses im Amt, da seine Regierung ohnehin nicht auf eine Reichstagsmehrheit gestützt ist, sondern allein auf Hindenburgs Vertrauen. Hitler fordert nach dem Erfolg unverhohlen das Kanzleramt für sich selbst; ein Treffen mit Hindenburg am 13. August endet ergebnislos, der greise Reichspräsident lehnt es ab, den „böhmischen Gefreiten" zum Regierungschef zu machen.

Der neu gewählte Reichstag tritt am 12. September erstmals zusammen — und wird noch am selben Tag durch ein Misstrauensvotum mit überwältigender Mehrheit (512 zu 42 Stimmen) gestürzt, ehe Papen ihn formal auflösen kann. Damit steht bereits im September fest: Deutschland wählt im November zum zweiten Mal in diesem Jahr einen neuen Reichstag — die politische Instabilität nimmt weiter zu, während die parlamentarische Praxis der Republik zunehmend zur Fassade für ein System der Notverordnungen wird.

Der neue Reichstag ist damit von seiner ersten Sitzung an praktisch handlungsunfähig. Beobachter im In- und Ausland registrieren mit Sorge, dass das Parlament der größten Volkswirtschaft Kontinentaleuropas mittlerweile fast ausschließlich mit sich selbst und der eigenen Auflösung beschäftigt ist, während drängende Fragen wie die Massenarbeitslosigkeit unbearbeitet bleiben.

Olympische Sommerspiele in Los Angeles

Los Angeles Memorial Coliseum am Eröffnungstag der Olympischen Sommerspiele 1932
Los Angeles Memorial Coliseum am Eröffnungstag der Olympischen Sommerspiele 1932 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mitten in der Weltwirtschaftskrise, mit spürbar geringerer internationaler Beteiligung als noch 1928 in Amsterdam, finden vom 30. Juli bis 14. August die X. Olympischen Sommerspiele in Los Angeles statt. Nur rund 1.300 Athleten aus 37 Nationen reisen an — viele Länder, darunter auch etliche europäische, können sich wegen der Krise die weite und teure Anreise über den Atlantik kaum leisten. Die deutsche Mannschaft entsendet dennoch rund 90 Sportler.

Die USA dominieren den Medaillenspiegel deutlich vor Italien und Frankreich; das Deutsche Reich belegt einen Platz im Mittelfeld. Los Angeles setzt mehrere organisatorische Maßstäbe, die spätere Spiele prägen: Erstmals gibt es ein eigens errichtetes olympisches Dorf für die männlichen Athleten, elektronische Zielfotografie und eine standardisierte Siegerehrung mit drei Podestplätzen.

Bereits im Februar hatte das US-amerikanische Lake Placid die IV. Olympischen Winterspiele ausgerichtet — ebenfalls von der Krise gezeichnet, mit deutlich weniger Teilnehmern als 1928 in St. Moritz. Für viele Zeitgenossen bleibt der sportliche Glanz beider Spiele 1932 seltsam kontrastiert von den Wirtschaftsnachrichten, die aus Europa und Amerika gleichermaßen berichten: Millionen Arbeitslose, Bankenkrisen und schrumpfender Welthandel prägen das Jahr weit mehr als der Sport.

Auch die Organisatoren in Los Angeles selbst spüren die Krise unmittelbar: Um Kosten zu senken und dennoch möglichst viele Nationen zur Teilnahme zu bewegen, senken sie die Unterbringungskosten im Olympischen Dorf drastisch und erlassen zahlreichen Verbänden einen Teil der Startgebühren. Die Zuschauerzahlen bleiben dennoch hinter den Erwartungen der Veranstalter zurück, da sich viele Amerikaner angesichts der eigenen wirtschaftlichen Not den Eintritt kaum leisten können. Rundfunkübertragungen und Wochenschauberichte sorgen dennoch dafür, dass die Spiele auch in Europa und im Deutschen Reich mit großem Interesse verfolgt werden — ein seltener Moment unpolitischer Ablenkung in einem ansonsten von Krisen geprägten Jahr.

Sechs Millionen Arbeitslose — Höhepunkt der Krise

Unruhen vor dem Arbeitsamt Nordost in Berlin, Mai 1932
Unruhen vor dem Arbeitsamt Nordost in Berlin, 4. Mai 1932 (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 146-1976-033-23, CC BY-SA 3.0 de)

Im Winter 1931/32 und erneut im Spätwinter 1932 meldet die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung mehr als sechs Millionen offiziell registrierte Arbeitslose — der historische Höchststand der Weimarer Republik. Rechnet man verdeckte Erwerbslosigkeit und Kurzarbeit hinzu, dürfte die tatsächliche Zahl der Betroffenen noch erheblich höher liegen. Nahezu jeder dritte deutsche Erwerbstätige ist zeitweise ohne Arbeit oder nur in Teilzeit beschäftigt.

Besonders hart trifft die Krise die Industriezentren und Großstädte: In Berlin bilden sich vor den Arbeitsämtern täglich lange Schlangen, es kommt wiederholt zu Tumulten wie im Mai vor dem Arbeitsamt Nordost, wenn Wartende gegen als willkürlich empfundene Ablehnungen protestieren. Suppenküchen, Wohlfahrtsunterstützung und die Notstandsarbeit der Kommunen reichen bei weitem nicht aus, um die Not zu lindern. Die Reichsregierungen unter Brüning, Papen und Schleicher reagieren mit gegensätzlichen Rezepten – von strikter Sparpolitik bis zu ersten, zögerlichen Ansätzen öffentlicher Arbeitsbeschaffung –, ohne die Zahlen spürbar zu senken.

Die Massenarbeitslosigkeit gilt Zeitgenossen und Historikern gleichermaßen als der wichtigste Nährboden für den Zulauf zu den radikalen Parteien an beiden politischen Rändern: NSDAP und KPD gewinnen ihre Wähler und Mitglieder in diesen Jahren überproportional unter Erwerbslosen und von Verarmung bedrohten Angestellten und Arbeitern.

Besonders hart trifft die Krise auch die jüngere Generation: Zehntausende junge Menschen finden nach Schule oder Lehre über Jahre keine Beschäftigung, viele Kommunen richten eigens „Notstandsarbeit" für Jugendliche ein, um wenigstens einen Teil dieser Erwerbslosigkeit aufzufangen. Auch die Wohnungsnot verschärft sich, da viele Zwangsversteigerungen und Mietrückstände die ohnehin angespannte Lage in den Großstädten weiter zuspitzen.

Berliner Verkehrsstreik — NSDAP und KPD auf denselben Streikposten

Streikposten während des BVG-Streiks in Berlin, November 1932
Streikposten während des Berliner Verkehrsstreiks (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 102-13991, CC BY-SA 3.0 de)

Kurz vor der Reichstagswahl legen vom 3. bis 7. November die Beschäftigten der Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) die U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen der Reichshauptstadt lahm — aus Protest gegen eine geplante Lohnkürzung um zwei Pfennig pro Stunde. Der Streik legt weite Teile des Berliner Nahverkehrs für vier Tage still und trifft eine Stadt, die längst an den ständigen Krisenmodus gewöhnt ist, dennoch hart.

Politisch ungewöhnlich: Sowohl die kommunistische RGO als auch die nationalsozialistische NSBO-Betriebszellenorganisation rufen gemeinsam zum Streik auf und stehen zeitweise Seite an Seite auf denselben Streikposten — ein taktisches Zweckbündnis zwischen den sonst erbittert verfeindeten Lagern, das reichsweit für Aufsehen sorgt. Die Sozialdemokraten und die freien Gewerkschaften halten sich dagegen zurück und werfen den Nationalsozialisten vor, den Streik nur zur eigenen Profilierung im Wahlkampf zu missbrauchen.

Der Streik endet nach vier Tagen ergebnislos, die Lohnkürzung wird trotz des massiven Widerstands größtenteils durchgesetzt. Für viele Berliner Zeitgenossen bleibt vor allem das befremdliche Bild in Erinnerung: SA-Männer und Kommunisten, die noch wenige Wochen zuvor in Straßenschlachten aufeinander schossen, blockieren gemeinsam die Betriebshöfe der Reichshauptstadt.

Für die Reichshauptstadt hat der Ausstand handfeste Alltagsfolgen: Wer auf Bus, Straßenbahn oder U-Bahn angewiesen ist, muss tagelang lange Fußwege oder improvisierte Mitfahrgelegenheiten in Kauf nehmen, während sich an mehreren Betriebshöfen auch gewalttätige Zusammenstöße mit Streikbrechern und Polizei ereignen. Wenige Tage vor der Reichstagswahl vom 6. November sorgt der Streik zusätzlich für Verunsicherung unter den Wählern — Kommentatoren streiten in der Berliner Presse, ob das ungewöhnliche Bündnis von NSDAP und KPD der jeweils eigenen Partei nützt oder eher schadet.

Zweite Reichstagswahl des Jahres — NSDAP verliert Stimmen im Reich, dominiert in den Ländern

Wahlplakat der SPD zur Reichstagswahl vom 6. November 1932
Wahlplakat der SPD zur Reichstagswahl vom 6. November 1932 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Bei der zweiten Reichstagswahl des Jahres am 6. November – der fünften Reichstagswahl seit 1928 – verliert die NSDAP erstmals seit Jahren an Boden: Sie fällt von 37,3 auf 33,1 Prozent und verliert rund zwei Millionen Wähler und 34 Sitze. Die KPD gewinnt dagegen hinzu und erreicht 16,9 Prozent, ihr bestes Ergebnis überhaupt. Die SPD bleibt mit 20,4 Prozent zweitstärkste Kraft, verliert aber ebenfalls Stimmen an die Kommunisten.

Der überraschende Rückgang der NSDAP – zurückgeführt unter anderem auf den BVG-Streik, innerparteiliche Ermüdungserscheinungen und den fünften kräftezehrenden Wahlkampf binnen eines Jahres – nährt in Kreisen um Reichskanzler Papen und General Schleicher die Hoffnung, die nationalsozialistische Bewegung könnte ihren Zenit bereits überschritten haben. Zugleich bleibt der Reichstag nach der Wahl weiterhin ohne mehrheitsfähige Koalition: NSDAP, KPD und in Teilen auch die Deutschnationalen lehnen jede Zusammenarbeit mit Papens Minderheitskabinett ab.

Papen erwägt in den Tagen nach der Wahl offen einen Verfassungsbruch — Auflösung des Reichstags ohne Neuwahltermin, Regierung allein per Notverordnung – scheitert damit aber am Widerstand der Reichswehrführung unter General Schleicher, der eine solche offene Diktatur für nicht durchsetzbar hält. Papen tritt daraufhin am 17. November zurück; die Kanzlerfrage bleibt bis Anfang Dezember ungeklärt.

In den Wochen zwischen Rücktritt und Neubesetzung des Kanzleramts führt Hindenburg eine Reihe von Sondierungsgesprächen mit Hitler, Papen und Schleicher, ohne dass sich eine tragfähige Mehrheit abzeichnet. Die politische Öffentlichkeit spekuliert in dieser Zeit offen über verschiedene Verfassungsbruch-Szenarien — von einer offenen Militärdiktatur bis zu einer Rückkehr Papens –, während die eigentliche Lösung, ein Kabinett unter General Schleicher, erst Anfang Dezember Gestalt annimmt.

Während der Reichstag im Reich zwischen zwei Wahlgängen taumelt, zeichnet sich in den Ländern ein noch deutlicheres Bild ab: In keinem anderen Jahr der Republik gehen die Deutschen so oft an die Wahlurne wie 1932 — neben der Reichspräsidentenwahl und den beiden Reichstagswahlen entscheiden acht Landtags- und Bürgerschaftswahlen über die politische Landkarte. Fast überall setzt sich dabei fort, was sich im Reich nur zeitweise umkehrt: der Aufstieg der NSDAP zur stärksten oder mitunter sogar mehrheitsfähigen Kraft.

Die Landtagswahlen des Jahres:

  • Mecklenburg-Strelitz, 13. März — DNVP 31,0 %, SPD 26,9 %, NSDAP 23,9 %. Die Deutschnationalen bleiben stärkste Kraft im kleinsten Freistaat des Reichs.
  • Preußen, Bayern, Württemberg, Anhalt und Hamburg, 24. April — am größten Wahltag des Jahres wird die NSDAP im bevölkerungsreichsten deutschen Land, Preußen, mit 36,3 % (162 Sitze) erstmals stärkste Fraktion, vor SPD 21,2 % und Zentrum 15,3 %; die bisherige „Weimarer Koalition" aus SPD, Zentrum und Deutscher Staatspartei verliert ihre Mehrheit, das Kabinett Braun bleibt nur geschäftsführend im Amt, da sich keine neue Regierung bildet. In Bayern liegt die BVP mit 32,6 % knapp vor der NSDAP mit 32,5 %. In Württemberg wird die NSDAP mit 26,4 % stärkste Kraft vor dem Zentrum. In Anhalt erreicht sie 40,9 % vor der SPD mit 34,3 %. In der Hamburger Bürgerschaft liegt sie mit 31,2 % knapp vor der SPD mit 30,2 %, dahinter die KPD mit 16,0 %.
  • Oldenburg, 29. Mai — NSDAP 48,4 % (24 Sitze) — die erste absolute Mehrheit einer nationalsozialistischen Landtagsfraktion in einem deutschen Landesparlament überhaupt.
  • Mecklenburg-Schwerin, 5. Juni — NSDAP 49,0 % (30 Sitze), knapp unter der absoluten Mehrheit, SPD 30,0 %.
  • Hessen, 19. Juni — NSDAP 44,0 % (32 Sitze), SPD 23,1 %; Wiederholung der im November 1931 gerichtlich für ungültig erklärten Landtagswahl.
  • Reichstagswahl, 31. Juli — NSDAP 37,3 % (230 Sitze) erstmals stärkste Fraktion im Reichstag (ausführlicher Bericht oben, „NSDAP wird stärkste Reichstagsfraktion"); am selben Tag wird in Thüringen der Landtag neu gewählt, auch dort mit klarem NSDAP-Sieg von 42,5 % (26 Sitze) vor der SPD mit 24,3 %.

Franklin D. Roosevelt gewinnt die amerikanische Präsidentschaftswahl

Franklin D. Roosevelt, im November 1932 zum US-Präsidenten gewählt
Franklin D. Roosevelt, im November 1932 zum US-Präsidenten gewählt (Wikimedia Commons, National Archives and Records Administration, gemeinfrei)

Am 8. November wählen die amerikanischen Wähler in einem Erdrutschsieg den demokratischen Gouverneur von New York, Franklin Delano Roosevelt, zum 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er besiegt den bisherigen republikanischen Amtsinhaber Herbert Hoover, dessen Politik in den Augen vieler Amerikaner für die anhaltende Weltwirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich gemacht wird, in 42 von 48 Bundesstaaten.

Roosevelt hat im Wahlkampf einen „New Deal" für das amerikanische Volk versprochen, ohne dessen konkrete Ausgestaltung im Detail zu benennen — doch das Versprechen eines entschlossenen staatlichen Eingreifens gegen die Krise verfängt bei einer Wählerschaft, die von Hoovers zurückhaltender Politik enttäuscht ist. Amtsantritt ist erst am 4. März 1933; die viermonatige Übergangszeit („lame duck"-Periode) fällt mitten in eine weitere Verschärfung der Bankenkrise.

Auch in Deutschland wird der Wahlausgang aufmerksam verfolgt: Roosevelts Ankündigung, mit staatlichen Programmen aktiv gegen die Arbeitslosigkeit vorzugehen, gilt manchen Beobachtern als möglicher Fingerzeig auch für die europäischen Krisenländer — wenngleich die politische Lage im Deutschen Reich zum Jahresende von ganz anderen, weit instabileren Vorzeichen geprägt ist als in den Vereinigten Staaten.

Hoover selbst hatte im Wahlkampf noch vor den angeblichen Risiken eines Kurswechsels gewarnt und auf die begonnene, seiner Ansicht nach bereits wirkende Erholungspolitik seiner Regierung verwiesen — ein Argument, das angesichts von landesweit rund einem Viertel Erwerbsloser und zusammengebrochenen Banken bei den Wählern kaum verfängt. Roosevelts Sieg gilt zeitgenössischen Beobachtern als deutliches Signal, dass auch in etablierten Demokratien die Geduld mit reiner Krisenverwaltung erschöpft ist — eine Stimmung, die sich in ganz ähnlicher Form auch im Deutschen Reich beobachten lässt, dort jedoch weit radikaleren politischen Strömungen zugutekommt.

General Schleicher wird letzter Kanzler vor Hitler

General Kurt von Schleicher, ab Dezember 1932 Reichskanzler
General Kurt von Schleicher, ab Dezember 1932 Reichskanzler (Wikimedia Commons, Bundesarchiv Bild 183-B0527-0001-020, CC BY-SA 3.0 de)

Nach dem Rücktritt Papens und wochenlangem Ringen ernennt Reichspräsident Hindenburg am 3. Dezember General Kurt von Schleicher, bislang graue Eminenz der Reichswehr und Strippenzieher hinter mehreren vorangegangenen Kabinettswechseln, selbst zum Reichskanzler. Schleicher verfolgt einen ungewöhnlichen Plan: Er will die NSDAP spalten, indem er dem Parteilinken Gregor Strasser das Amt des Vizekanzlers und eine breite Querfront aus Gewerkschaften, Reichsbanner und NSDAP-Sozialrevolutionären anbietet.

Der Plan scheitert rasch: Hitler unterbindet jeden Alleingang Strassers, der daraufhin resigniert und sich aus der Politik zurückzieht, ohne die erhoffte Spaltung der Partei herbeizuführen. Auch Schleichers wirtschaftspolitische Ansätze — ein bescheidenes öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm und Zugeständnisse an die Gewerkschaften — tragen ihm zugleich das Misstrauen der ostelbischen Großagrarier und der Industrie ein.

Schleicher regiert, wie schon seine beiden Vorgänger, ohne Mehrheit im Reichstag und ist wie Papen vollständig auf das Vertrauen Hindenburgs angewiesen. Genau dieses Vertrauen verspielt er in den letzten Dezembertagen, als der zuvor entmachtete Papen im Hintergrund eine neue Kombination aus Hitler, Hindenburg und den Deutschnationalen einfädelt. Schleichers Kanzlerschaft, erst wenige Wochen alt, steht zum Jahreswechsel bereits erkennbar auf tönernen Füßen — mit weitreichenden Folgen, die sich erst im neuen Jahr zeigen werden.

Schleicher ist damit binnen eines einzigen Jahres bereits der dritte Reichskanzler nach Brüning und Papen — ein Tempo des Regierungswechsels, das selbst in den unruhigen letzten Jahren der Weimarer Republik ohne Beispiel ist. Zum Jahresende richten sich viele Blicke bereits auf die Frage, ob es Papen im Hintergrund gelingen könnte, seine im Dezember begonnenen informellen Gespräche mit Hitler zu einer neuen Regierungskombination zu verdichten.

Bromberg in der Krise — Wirtschaftsnot und schrumpfende deutsche Minderheit

Das Stadttheater von Bromberg (Bydgoszcz) über dem Kanal, hier auf einer Aufnahme von 1923
Das Stadttheater von Bromberg (Bydgoszcz) über dem Kanal, Aufnahme von 1923 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auch in Bromberg (polnisch Bydgoszcz), seit 1920 Teil der Woiwodschaft Posen der Republik Polen, hinterlässt die Weltwirtschaftskrise tiefe Spuren: Fabriken der einst blühenden Holz-, Textil- und Maschinenindustrie entlang des Bromberger Kanals arbeiten nur noch mit halber Kraft oder stehen still, die Arbeitslosigkeit steigt Woiwodschaft wie Reich vergleichbar stark. Der Kanal, seit dem 18. Jahrhundert Verbindung zwischen Weichsel und Netze, bleibt zentrale Lebensader der Stadtwirtschaft, kann den Rückgang von Handel und Frachtverkehr aber nicht aufhalten.

Für die deutsche Minderheit der Stadt kommt zur wirtschaftlichen eine demografische Krise hinzu: Hatte Bromberg 1921 noch einen Bevölkerungsanteil von rund 27 Prozent Deutschen, ist dieser Anteil bis zur Volkszählung von 1931 auf nur noch etwa 10 Prozent gesunken — Folge von Auswanderung in Richtung Reich, Überalterung und dem allmählichen Rückgang deutscher Schulen und Vereine seit dem Ende der deutschen Herrschaft 1920. Die seit 1920 in Bromberg erscheinende Tageszeitung „Deutsche Rundschau in Polen" bleibt gleichwohl eine wichtige Stimme des verbliebenen Deutschtums und berichtet regelmäßig über die Sorgen der Gemeinde: schließende deutsche Schulen, schrumpfende Kirchengemeinden, aber auch fortbestehende Handelshäuser und Vereine.

Die polnische Woiwodschaftsverwaltung bemüht sich unterdessen um wirtschaftliche Impulse für die Region, während sich die außenpolitische Lage Polens im Sommer mit dem am 25. Juli unterzeichneten polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakt etwas entspannt. Für das deutschsprachige Bromberg bleibt das Jahr 1932 dennoch vor allem eines: ein weiterer Schritt in einem langsamen, unaufhaltsam erscheinenden Bedeutungsverlust der einst dominierenden deutschen Kultur in der Stadt.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • 13. April/16. Juni: Die Reichsregierung verbietet SA und SS nach Berichten über Bürgerkriegspläne — Kanzler Papen hebt das Verbot bereits zwei Monate später wieder auf.
  • 30. Mai (Berlin): Uraufführung des Films „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" von Slatan Dudow nach einem Drehbuch von Bertolt Brecht — ein Sozialdrama über Berliner Arbeitslosigkeit, das kurz darauf wegen „staatsgefährdender" Tendenzen zeitweise verboten wird.
  • 25. Juli (Bromberg/Polen): Polen und die Sowjetunion unterzeichnen einen Nichtangriffspakt — für die deutsche Minderheit in Bromberg ein Signal außenpolitischer Konsolidierung der polnischen Westgrenze.
  • Februar: Der britische Physiker James Chadwick entdeckt in Cambridge das Neutron — ein Baustein des Atomkerns, der die Physik der kommenden Jahrzehnte prägen wird.
  • August: Der amerikanische Physiker Carl Anderson weist erstmals das Positron nach, das erste bekannte Antimaterie-Teilchen.
  • August/September (Berlin): Die 9. Große Deutsche Funkausstellung öffnet trotz der Krise ihre Tore und zeigt erste Fernseh-Versuchsgeräte.
  • 12. Juni: Der FC Bayern München wird durch einen 2:0-Sieg über Eintracht Frankfurt erstmals Deutscher Fußballmeister.

SPORT · 1932

Der sportliche Höhepunkt des Jahres für viele deutsche Sportfans liegt nicht in Berlin, sondern in New York: Am 21. Juni verliert Boxweltmeister Max Schmeling in einem hart umstrittenen Punktrichter- Urteil seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht an den Amerikaner Jack Sharkey. Schmelings Manager Joe Jacobs prägt mit dem empörten Ausruf „We wuz robbed!" einen Satz, der sofort die Runde macht und zum geflügelten Wort für zweifelhafte Punktrichterentscheidungen wird — viele Beobachter halten Schmeling für den eigentlichen Sieger des Kampfes.

Im deutschen Vereinsfußball krönt sich der FC Bayern München am 12. Juni mit einem 2:0-Finalsieg über Eintracht Frankfurt in Nürnberg erstmals zum Deutschen Meister — der erste große Titel des Vereins. In Berlin bleibt Hertha BSC dagegen ohne Titel, das traditionsreiche Berliner Sechstagerennen im Sportpalast füllt weiterhin zuverlässig die Ränge und bietet den krisengeplagten Berlinern eine willkommene Ablenkung.

In Bromberg spielt der polnische Verein Polonia Bydgoszcz eine zunehmend wichtige Rolle im regionalen Sportleben der Woiwodschaft Posen — für die schrumpfende deutsche Sportvereinskultur der Stadt wird es in der Wirtschaftskrise dagegen zusehends schwerer, Mitglieder und Mittel zu halten. International sorgt der Sommer mit den Olympischen Spielen in Los Angeles (siehe Story 7) für die größten Schlagzeilen des Sportjahres.

MODE · 1932

Die Weltwirtschaftskrise prägt auch die Mode des Jahres: Aufwendige, teure Garderobe weicht zunehmend einfacheren, praktischeren Schnitten, das Selbstschneidern nach Schnittmustervorlagen aus Zeitschriften erlebt einen Aufschwung, und Stoffe werden häufiger wiederverwertet als neu gekauft. Bei den Damen setzt sich die schmalere, körperbetontere Silhouette der frühen 1930er Jahre gegenüber der geraden Linie der zwanziger Jahre weiter durch — die Taille rückt wieder an ihren natürlichen Platz, Röcke fallen länger als im vorigen Jahrzehnt.

Kurze, gewellte Haartuffs im Stil der „Marcel-Welle" bleiben bei jungen Frauen beliebt, auch wenn erste Anzeichen eines Trends zu wieder längeren Frisuren erkennbar sind. Hollywood-Stars wie Greta Garbo und einheimische UFA-Diven prägen über die Kinoleinwand weiterhin das modische Vorbild vieler Deutscher — für die meisten bleibt eine solche Eleganz in der Krise aber Kino-Traum statt Alltag. In Bromberg wie in Berlin gilt gleichermaßen: Wer es sich leisten kann, folgt den Pariser und Berliner Modejournalen, für die Mehrheit der Bevölkerung bestimmt jedoch schlichte Zweckmäßigkeit die Garderobe des Krisenjahres.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1932

  • Nobelpreis für Physik (November, Stockholm). Werner Heisenberg erhält den Nobelpreis für Physik „für die Begründung der Quantenmechanik" — im Alter von nur 31 Jahren einer der jüngsten Physik-Nobelpreisträger überhaupt.
  • Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (November, Stockholm). Sir Charles Scott Sherrington und Edgar Douglas Adrian werden gemeinsam für ihre grundlegenden Entdeckungen über die Funktionsweise von Nervenzellen ausgezeichnet.
  • Nobelpreis für Chemie (November, Stockholm). Irving Langmuir erhält den Chemie-Nobelpreis für seine Arbeiten zur Oberflächenchemie.
  • Entdeckung des Neutrons (Februar, Cambridge). James Chadwick weist das Neutron nach und legt damit einen Grundstein für das moderne Verständnis des Atomkerns.
  • Entdeckung des Positrons (August, Pasadena). Carl Anderson entdeckt mit dem Positron das erste bekannte Antimaterie-Teilchen — ein Meilenstein der Teilchenphysik trotz aller politischen Krisen des Jahres.

DAS WETTER · 1932 in Berlin

Der 13. Juli 1932 bringt der Reichshauptstadt einen ausgeprägten Hochsommertag: An der Station Berlin-Dahlem steigt die Temperatur auf ein Tageshöchst von 30,6 °C, das nächtliche Tief liegt bei 19,0 °C, dazu fallen 3,6 mm Niederschlag. Am nahegelegenen Flughafen Tempelhof wird sogar ein Höchstwert von 31,1 °C gemessen, das Tagesmittel dort liegt bei 25,6 °C.

Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres ist der 21. August mit 35,8 °C, der kälteste der 11. Februar mit −15,2 °C. Berlin verzeichnet 1932 insgesamt 108 Frosttage und 44 Sommertage (mit mindestens 25 °C). Der Jahresniederschlag fällt mit nur 467 mm vergleichsweise gering aus — ein trockenes Jahr. Im Mittel liegt die Tageshöchsttemperatur bei 13,4 °C, die Tagestiefsttemperatur bei 4,8 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1932

Amtliche Verkaufscharts gibt es vor 1959 nicht — die folgende Liste versammelt die meistgespielten und meistverkauften Schlager und Filmlieder des Jahres 1932, wie sie zeitgenössische Diskografien und Musikarchive dokumentieren.

  1. Einmal schafft's jede — Willi Forst & Willy Fritsch
  2. Hoppla, jetzt komm' ich! — Hans Albers
  3. Irgendwo auf der Welt — Lilian Harvey
  4. Wir zahlen keine Miete mehr — Willy Fritsch, Lilian Harvey & Willi Forst
  5. Heute Nacht oder nie — Jan Kiepura
  6. Es führt kein and'rer Weg zur Seligkeit — Comedian Harmonists
  7. Der Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba — Comedian Harmonists
  8. Komm auf die Schaukel, Luise — Hans Albers
  9. Seemanns-Choral (In Hamburg an der Elbe) — Hans Albers
  10. Ich kam aus Alabama — Hans Albers
  11. Wenn ich sonntags in mein Kino geh' — Käthe von Nagy
  12. Ein bisschen Liebe für mich — Lee Parry
  13. Eine Nacht in Monte Carlo — Orchester Otto Dobrindt
  14. Ich bin eine Frau, die weiß, was sie will — Fritzi Massary
  15. Einmal möcht' ich keine Sorgen haben — Max Hansen
  16. Die Dame von der alten Schule — Hilde Hildebrand
  17. O Gott, wie sind wir vornehm! — Gustaf Gründgens und Hilde Hildebrand
  18. Solidaritätslied (Vorwärts und nicht vergessen) — Ernst Busch
  19. Tanzt du auch so gern wie ich? — Paul O'Montis
  20. Ich bin von Rockefeller g'rad das Gegenteil — Max Hansen

Quelle für die Titelauswahl: musikhimmel.de — Schlager und Hits im Jahr 1932