DER CHRONIST

Zum Geleit

Innerhalb weniger Monate verwandelt sich das Deutsche Reich: Aus der Kanzlerschaft Hitlers vom 30. Januar wird über Reichstagsbrand, Ermächtigungsgesetz und die Zerschlagung von Parteien und Gewerkschaften ein Einparteienstaat, der im Oktober auch dem Völkerbund den Rücken kehrt. In Berlin lodern die Bücher auf dem Opernplatz, während erste Lager bei Oranienburg entstehen; in Bromberg beobachtet die deutsche Minderheit jenseits der Grenze die Ereignisse mit gemischten Gefühlen zwischen Hoffnung und Sorge. Draußen in der Welt tritt in Washington ein neuer Präsident sein Amt an und verspricht einen New Deal, während Wissenschaft und Flüchtlingshilfe zeigen, dass die Vernunft nicht überall schweigt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Hitler wird Reichskanzler

Fackelzug der SA und des Stahlhelm am Abend des 30. Januar 1933 vor der Reichskanzlei in Berlin
Fackelzug der SA und des Stahlhelm am Abend des 30. Januar 1933 vor der Reichskanzlei in Berlin (Bundesarchiv, Bild 102-02982A / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Schon am 15. Januar hatte die NSDAP bei der Landtagswahl im kleinen Land Lippe mit 39,5 Prozent der Stimmen (9 Sitze) vor der SPD mit 30,2 Prozent (7 Sitzen) zugelegt, bei einer Beteiligung von 85,1 Prozent. Der als Stimmungstest inszenierte Kleinstwahlkampf gilt der Partei danach als Beleg einer angeblich unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung, obwohl es sich nur um einen Landtag mit wenigen tausend Wahlberechtigten handelt. Nach dem Scheitern der Kabinette Papen und Schleicher ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar den NSDAP-Vorsitzenden Adolf Hitler zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen. Vizekanzler wird Franz von Papen, der glaubt, Hitler „eingerahmt" zu haben; Wilhelm Frick übernimmt das Reichsinnenministerium, Hermann Göring wird Reichsminister ohne Geschäftsbereich und zugleich preußischer Innenminister. Noch am Abend zieht ein stundenlanger Fackelzug von SA, SS und Stahlhelm durch das Brandenburger Tor die Wilhelmstraße hinauf an der Reichskanzlei vorbei, wo Hitler und Hindenburg an getrennten Fenstern die Huldigung entgegennehmen. Zehntausende Berliner säumen die Straßen; die nationalsozialistische Presse feiert den Tag als „Machtergreifung", während Sozialdemokraten und Kommunisten vor den Folgen warnen. Neuwahlen zum Reichstag werden für den 5. März angesetzt — die letzten, die noch mit mehreren konkurrierenden Parteien stattfinden.

2 · Der Reichstag brennt — die Notverordnung folgt auf dem Fuß (27./28. Februar) [Berlin]

Löscharbeiten am brennenden Reichstagsgebäude in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 Löscharbeiten am brennenden Reichstagsgebäude in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar steht das Berliner Reichstagsgebäude in Flammen; die Feuerwehr kann nur die Kuppel retten, der Plenarsaal brennt aus. Noch am Tatort wird der junge Holländer Marinus van der Lubbe festgenommen, der die Tat als Einzeltäter gesteht — ob er tatsächlich allein handelte oder die SA nachhalf, bleibt umstritten. Bereits am nächsten Morgen, dem 28. Februar, unterzeichnet Reichspräsident von Hindenburg auf Betreiben Hitlers und Görings die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" — die Reichstagsbrandverordnung. Sie setzt zentrale Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft: Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, das Brief- und Postgeheimnis sowie den Schutz vor willkürlicher Verhaftung. Auf ihrer Grundlage werden binnen weniger Tage reichsweit Tausende Kommunisten und Sozialdemokraten in „Schutzhaft" genommen, darunter fast die gesamte KPD-Reichstagsfraktion. Formal bis 1945 nie aufgehoben, bildet die Verordnung die juristische Grundlage für die folgenden Jahre der Verfolgung.

Reichstagswahl, Tag von Potsdam und Ermächtigungsgesetz — die Demokratie endet

Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler beim „Tag von Potsdam" am 21. März 1933
Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler beim „Tag von Potsdam" am 21. März 1933 (Bundesarchiv, Bild 183-S38324 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Reichstagswahl vom 5. März — noch unter dem Eindruck der Reichstagsbrandverordnung und massiver Einschüchterung der Opposition — erreicht die NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen und verfehlt die absolute Mehrheit knapp; erst mit der deutschnationalen „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" (8 Prozent) kommt eine Regierungsmehrheit zustande. Zeitgleich findet in Preußen eine eigenständige, aber ebenso unfreie Landtagswahl statt: Die NSDAP erhält dort 43,2 Prozent (211 Sitze) vor der SPD mit 16,6 Prozent (80 Sitzen) und dem Zentrum mit 14,1 Prozent (68 Sitzen), bei einer Beteiligung von 88,7 Prozent. Am 21. März inszeniert Joseph Goebbels die feierliche Eröffnung des neuen Reichstags als „Tag von Potsdam": In der Garnisonkirche, an der Gruft Friedrichs des Großen, reicht Hitler im Cut dem Reichspräsidenten Hindenburg in Feldmarschallsuniform die Hand — ein sorgfältig komponiertes Bild, das die neue Bewegung als Erbin preußischer Tradition und Ordnung zeigt und bürgerlich-konservative Kreise beruhigen soll. Zwei Tage später, am 23. März, beschließt der Reichstag in der Berliner Krolloper — der Plenarsaal ist nach dem Brand nicht nutzbar — das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich", das Ermächtigungsgesetz. Es erlaubt der Reichsregierung, Gesetze ohne Zustimmung von Reichstag und Reichsrat zu erlassen, notfalls auch verfassungswidrige. Die bereits verhafteten oder untergetauchten KPD-Abgeordneten sind von der Abstimmung ausgeschlossen, Zentrum und bürgerliche Parteien stimmen unter Druck zu; einzig die Sozialdemokraten um Otto Wels stimmen geschlossen dagegen — die letzte freie Rede im Reichstag der Weimarer Republik. Mit 444 zu 94 Stimmen ist der Weg zur Diktatur formal geebnet.

Auf dieser Grundlage ordnet das Reich am 31. März mit dem „Vorläufigen Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich" auch die übrigen Landesparlamente neu — nicht durch eigene Wahlen, sondern durch Neubildung nach den jeweiligen Länderergebnissen der Reichstagswahl vom 5. März:

  • Bayern — NSDAP 43,1 % (48 Sitze), BVP 27,2 % (30 Sitze)
  • Sachsen — NSDAP 45,0 % (38 Sitze), SPD 26,3 % (22 Sitze)
  • Württemberg — NSDAP 42,0 % (26 Sitze), Zentrum 16,9 % (10 Sitze)
  • Baden — NSDAP 45,4 % (30 Sitze), Zentrum 25,4 % (17 Sitze)
  • Thüringen — NSDAP 47,6 % (29 Sitze), SPD 20,6 % (13 Sitze)
  • Hessen — NSDAP 47,4 % (26 Sitze), SPD 21,7 % (11 Sitze); der Landtag wird zugleich auf 50 Sitze verkleinert
  • Hamburg (Bürgerschaft) — NSDAP 38,9 % (51 Sitze), SPD 26,9 % (35 Sitze)
  • Bremen (Bürgerschaft) — NSDAP 32,7 % (32 Sitze), SPD 30,4 % (32 Sitze)
  • Lübeck (Bürgerschaft) — NSDAP 42,8 % (22 Sitze), SPD 38,3 % (20 Sitze); auf 50 Sitze verkleinert
  • Mecklenburg-Schwerin — NSDAP 48,5 % (24 Sitze), SPD 24,5 % (12 Sitze)
  • Mecklenburg-Strelitz — NSDAP 51,6 % (9 Sitze), SPD 22,6 % (4 Sitze)
  • Oldenburg — NSDAP 46,5 % (18 Sitze), Zentrum 14,8 % (5 Sitze)
  • Braunschweig — NSDAP 49,1 % (29 Sitze), SPD 30,5 % (18 Sitze)
  • Anhalt — NSDAP 46,1 % (14 Sitze), SPD 30,8 % (9 Sitze)
  • Lippe (zweite Landtagsbildung 1933) — NSDAP 47,1 % (10 Sitze), SPD 28,0 % (6 Sitze)
  • Schaumburg-Lippe — NSDAP 43,4 % (6 Sitze), SPD 39,1 % (5 Sitze)

In allen Fällen liegt die NSDAP klar vorn, ohne dass die Wähler über diese Neubesetzung der Länderparlamente selbst befragt worden wären — die Landtage der Weimarer Zeit sind damit reichsweit ausgeschaltet.

Boykott jüdischer Geschäfte und das Berufsbeamtengesetz

SA-Männer postieren sich vor einem jüdischen Geschäft in Berlin während des Boykotts am 1. April 1933
SA-Männer postieren sich vor einem jüdischen Geschäft in Berlin während des Boykotts am 1. April 1933 (Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am Samstag, dem 1. April, stellen sich reichsweit SA- und SS-Männer vor Geschäfte, Kanzleien und Praxen jüdischer Inhaber und halten Passanten mit Schildern wie „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!" vom Betreten ab. Organisiert wird die Aktion vom „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze" unter Julius Streicher, offiziell als Reaktion auf angebliche „Greuelpropaganda" jüdischer Organisationen im Ausland. Die Bevölkerung reagiert überwiegend zurückhaltend, vielerorts kaufen Kunden demonstrativ weiter ein; die Führung bricht den Boykott bereits am Abend ab und erklärt ihn am 4. April offiziell für beendet. Wenige Tage später, am 7. April, folgt der gesetzliche Schritt: Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" erzwingt die Zwangspensionierung aller Beamten „nicht arischer Abstammung" sowie politisch Missliebiger — erstmals wird die Rassenideologie des Regimes in ein Reichsgesetz gegossen. Auf Drängen Hindenburgs bleiben zunächst jüdische Frontkämpfer des Weltkriegs und Hinterbliebene Gefallener ausgenommen, eine Ausnahme, deren Bestand angesichts des Kurses der Regierung fraglich erscheint.

Die Gewerkschaften werden zerschlagen

Theodor Leipart, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der am 2. Mai 1933 verhaftet wird
Theodor Leipart, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der am 2. Mai 1933 verhaftet wird (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Noch am Vortag lässt das Regime die freien Gewerkschaften selbst zur Großkundgebung antreten: Der 1. Mai wird per Gesetz zum bezahlten „Tag der nationalen Arbeit" erklärt, in Berlin marschieren Hunderttausende zum Tempelhofer Feld, wo Hitler vor gewaltiger Kulisse spricht — ein Täuschungsmanöver. Bereits am nächsten Morgen, dem 2. Mai, besetzen SA-Trupps und die nationalsozialistische Betriebszellenorganisation reichsweit die Häuser der freien Gewerkschaften; in Berlin dringen sie in die Zentrale des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in der Wallstraße ein. ADGB-Vorsitzender Theodor Leipart und Vorstandsmitglieder wie Wilhelm Leuschner werden verhaftet, Vermögen und Immobilien beschlagnahmt. Einen Tag später folgen auch christliche und liberale Richtungsgewerkschaften der „Gleichschaltung". An ihre Stelle tritt die neu gegründete „Deutsche Arbeitsfront" unter Robert Ley, in die fast alle 3,5 Millionen Mitglieder ohne nennenswerten Widerstand überführt werden. Mit einem einzigen Schlag verliert die Arbeiterschaft ihre organisierte Interessenvertretung.

6 · Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz (10. Mai) [Berlin]

Studenten und SA-Männer bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933 Studenten und SA-Männer bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933 (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Als Höhepunkt der reichsweiten „Aktion wider den undeutschen Geist", die die nationalsozialistische Deutsche Studentenschaft organisiert, brennt am Abend des 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz, unweit der Humboldt-Universität, ein gewaltiger Scheiterhaufen. Rund 70.000 Menschen verfolgen, wie Studenten Zehntausende Bücher aus Bibliotheken und Buchhandlungen ins Feuer werfen — Werke von Autoren, die auf „schwarzen Listen" stehen: Karl Marx, Sigmund Freud, Erich Kästner (der selbst unter den Zuschauern steht), Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Erich Maria Remarque und zahlreiche weitere jüdische, sozialistische und pazifistische Schriftsteller. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hält eine Feuerrede, in der er das Ende des „jüdischen Intellektualismus" verkündet, während Studenten zwölf „Feuersprüche" rufen. Gleichzeitig lodern in rund 20 weiteren Universitätsstädten ähnliche Scheiterhaufen — die Bilder gehen um die Welt und markieren für viele im Ausland den endgültigen Bruch mit der Kulturnation Deutschland.

7 · Die ersten Konzentrationslager entstehen — Dachau und Oranienburg bei Berlin (ab 20./21. März) [Berlin]

SS-Wachmannschaft im Konzentrationslager Dachau, Mai 1933 SS-Wachmannschaft im Konzentrationslager Dachau, Mai 1933 (Bundesarchiv, Bild 152-01-16 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Kaum ist die Reichstagsbrandverordnung in Kraft, fehlt es an Haftplätzen für die Zehntausenden in „Schutzhaft" genommenen Regimegegner — provisorische Lager entstehen reichsweit. Münchens Polizeipräsident Heinrich Himmler kündigt am 20. März in einer leeren Munitionsfabrik bei Dachau das erste größere Lager an; am 22. März treffen die ersten Häftlinge ein, überwiegend Kommunisten und Sozialdemokraten, zunächst unter Aufsicht der bayerischen Landespolizei, ab April der SS. Fast zeitgleich richtet die SA-Standarte 208 in Oranienburg unmittelbar nördlich von Berlin, in einer stillgelegten Brauerei an der Berliner Straße, ein eigenes Lager ein — mitten in der Stadt gelegen, gut sichtbar für die Bevölkerung. In Berlin selbst dient das ehemalige Gefängnis „Columbia-Haus" nahe dem Tempelhofer Feld ab Sommer als berüchtigtes SA- und später Gestapo-Lager. Die frühen Lager sind noch uneinheitlich organisiert und regional verschieden geführt — erst mit Theodor Eicke, den Himmler im Juni zum Kommandanten von Dachau macht, entsteht das Modell, das später reichsweit Schule macht.

Der Einparteienstaat ist vollendet — und der Vatikan schließt Frieden mit Hitler

Unterzeichnung des Reichskonkordats in Rom am 20. Juli 1933
Unterzeichnung des Reichskonkordats in Rom am 20. Juli 1933 (Bundesarchiv, Bild 183-R24391 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach SPD-Verbot (22. Juni) und der Selbstauflösung der bürgerlichen Parteien — zuletzt löst sich am 5. Juli auch das katholische Zentrum auf — zieht die Reichsregierung am 14. Juli die formale Konsequenz: Das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" erklärt die NSDAP zur „einzigen politischen Partei" im Reich und stellt den Versuch, eine andere zu gründen oder aufrechtzuerhalten, unter Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis. Deutschland ist damit formal Einparteienstaat. Nur sechs Tage später, am 20. Juli, unterzeichnen Vizekanzler Franz von Papen für das Reich und Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli — der spätere Papst Pius XII. — für den Heiligen Stuhl in Rom das Reichskonkordat. Es sichert der katholischen Kirche Organisationsfreiheit, Schulen und Vermögensrechte zu, verpflichtet ihren Klerus aber im Gegenzug zu parteipolitischer Enthaltsamkeit — für das bereits aufgelöste Zentrum kommt diese Klausel zu spät. International wertet das Regime den Vertrag mit dem Vatikan als ersten großen außenpolitischen Prestigeerfolg und als Anerkennung seiner Herrschaft.

Das Reich verlässt den Völkerbund

Reichsaußenminister Konstantin von Neurath, der den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund verkündet
Reichsaußenminister Konstantin von Neurath, der den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund verkündet (Bundesarchiv, N 1310 Bild-135 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auf der Genfer Abrüstungskonferenz scheitert das Reich mit der Forderung nach militärischer Gleichberechtigung; als Großbritannien stattdessen ein System zur Kontrolle deutscher Aufrüstung vorschlägt, verkündet Hitler am 14. Oktober in einer Rundfunkansprache den sofortigen Austritt Deutschlands sowohl aus der Abrüstungskonferenz als auch aus dem Völkerbund in Genf. Reichsaußenminister Konstantin von Neurath rechtfertigt den Schritt zwei Tage später vor der ausländischen Presse mit der angeblichen Diskriminierung des Reichs. Um den einseitigen Bruch mit dem internationalen Staatensystem nachträglich zu legitimieren, lässt das Regime am 12. November eine gleichgeschaltete Reichstagswahl abhalten, bei der nur die Einheitsliste der NSDAP antritt: Sie erhält amtlich 92,1 Prozent der gültigen Stimmen. Zeitgleich lässt das Regime bei derselben Wahlbeteiligung von 89,9 Prozent eine Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund abhalten: Amtlich stimmen 95,1 Prozent der Wähler zu — Ergebnisse, die schon Zeitgenossen als Resultat von Druck und Manipulation gelten, da eine echte Alternative zur Abstimmung nicht zugelassen ist. International markiert der Austritt die endgültige Abkehr des Reichs von der Genfer Nachkriegsordnung.

Reichstagsbrandprozess in Leipzig — Freispruch für Dimitroff

Der Bulgare Georgi Dimitroff, der wegen mutmaßlicher Beteiligung am Reichstagsbrand vor dem Reichsgericht in Leipzig angeklagt wird
Der Bulgare Georgi Dimitroff, der wegen mutmaßlicher Beteiligung am Reichstagsbrand vor dem Reichsgericht in Leipzig angeklagt wird (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vor dem Reichsgericht in Leipzig beginnt am 21. September der international beachtete Prozess um den Reichstagsbrand. Neben Marinus van der Lubbe sitzen drei bulgarische Kommunisten auf der Anklagebank, darunter der Komintern-Funktionär Georgi Dimitroff, sowie der deutsche KPD-Fraktionsvorsitzende Ernst Torgler. Dimitroff verteidigt sich selbst und liefert sich mit dem als Zeugen geladenen Hermann Göring ein rhetorisches Duell, in dem er den Reichsminister mit gezielten Fragen zur Wutrede provoziert — eine Szene, die in aller Welt Aufsehen erregt und Dimitroff zum kommunistischen Helden macht. Am 23. Dezember verkündet der Vierte Strafsenat des Reichsgerichts das Urteil: Van der Lubbe wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im Januar 1934 hingerichtet; Dimitroff, Torgler und die übrigen Mitangeklagten werden mangels Beweisen freigesprochen. Für das Regime ist der Freispruch eine international sichtbare Blamage — Dimitroff darf im Februar 1934 in die Sowjetunion ausreisen, während die Reichsführung fortan eigene, williger gefügte Sondergerichte für politische Prozesse bevorzugt.

11 · Bromberg: Die deutsche Minderheit zwischen Hoffnung und Sorge (ganzjährig) [Bromberg]

Der Bromberger Kanal (Kanał Bydgoski), Lebensader der Stadt Der Bromberger Kanal (Kanał Bydgoski), Lebensader der Stadt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Bromberg (poln. Bydgoszcz), Verwaltungssitz im Kreis der Woiwodschaft Posen der Republik Polen, verfolgt die noch immer beträchtliche, aber seit 1920 stetig geschrumpfte deutsche Minderheit die Ereignisse jenseits der Grenze mit gemischten Gefühlen. Die Tageszeitung „Deutsche Rundschau in Polen", in Bromberg unter Chefredakteur Gotthold Starke erscheinend und Nachfolgerin des traditionsreichen „Bromberger Tageblatts", berichtet ausführlich über die Berliner Ereignisse — vorsichtig formuliert, denn polnische Behörden beobachten die deutschsprachige Presse genau. Viele Angehörige der Minderheit, organisiert in Vereinen, Kirchengemeinden und Handelshäusern entlang des Bromberger Kanals, erhoffen sich vom neuen Berliner Regime stärkeren Rückhalt gegen die fortschreitende Polonisierung; andere fürchten, dass die aggressive NS-Rhetorik die ohnehin gespannten deutsch-polnischen Beziehungen weiter verschärft und die eigene Lage in Polen erschwert. Tatsächlich kursieren im Frühjahr in Paris Gerüchte über einen polnischen „Präventivkrieg" gegen das Reich — zugleich mehren sich zum Jahresende Anzeichen, dass Berlin und Warschau über einen Ausgleich verhandeln, der auch den langjährigen deutsch-polnischen Zollkrieg beenden könnte. In Bromberg selbst bleibt der Alltag zunächst ruhig: Handel, Schulen und Vereinsleben der Minderheit laufen weiter, doch die politische Unsicherheit wächst mit jedem Monat.

12 · Der Volksempfänger erobert die Berliner Funkausstellung (18. August) [Berlin]

Ein Volksempfänger VE301, der auf der Berliner Funkausstellung 1933 vorgestellte preisgünstige Rundfunkgerät Ein Volksempfänger VE301, das auf der Berliner Funkausstellung 1933 vorgestellte preisgünstige Rundfunkgerät (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Auf der 10. Großen Deutschen Funkausstellung am Berliner Kaiserdamm präsentiert Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am 18. August den „Volksempfänger VE301" — sein Name verweist mit der Ziffer 301 auf den 30. Januar, den Tag der Machtübernahme. Entwickelt im Auftrag des Propagandaministeriums, konstruiert vom Ingenieur Otto Griessing bei der Firma Seibt, kostet das schlichte Gerät in der Netzausführung 76 Reichsmark, in der Batterieversion 65 Reichsmark — deutlich weniger als bisherige Rundfunkempfänger und für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich. Allein während der Ausstellung werden rund 100.000 Geräte verkauft. Für Goebbels ist der Rundfunk das „modernste Massenbeeinflussungsmittel, das es gibt": Der günstige Empfänger soll die Reichweite von Hitlers Reden und der gleichgeschalteten Sender massiv erhöhen, technisch aber bewusst auf den Empfang starker deutscher Mittelwellensender begrenzt bleiben. Innerhalb weniger Jahre wird der VE301 zum meistverkauften Radiogerät des Reichs und prägt den Klang der Berliner Wohnzimmer.

Amerika im Umbruch: Roosevelts New Deal und das Ende der Prohibition

Franklin D. Roosevelt bei seiner ersten Amtseinführung als US-Präsident am 4. März 1933 in Washington
Franklin D. Roosevelt bei seiner ersten Amtseinführung als US-Präsident am 4. März 1933 in Washington (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mitten in der tiefsten Weltwirtschaftskrise tritt Franklin D. Roosevelt am 4. März vor dem Kapitol sein Amt als 32. Präsident der Vereinigten Staaten an und verspricht in seiner Antrittsrede vor rund 100.000 Zuhörern, „das Einzige, wovor wir uns fürchten müssen, ist die Furcht selbst". Binnen weniger Tage verkündet er einen landesweiten „Bank Holiday", um die Bankenpanik zu stoppen, und lässt in den berühmten „Hundert Tagen" bis Juni ein beispielloses Bündel an Gesetzen durch den Kongress bringen — von der Bankenreform über die Landwirtschaftshilfe bis zum Beschäftigungsprogramm Civilian Conservation Corps: der „New Deal". Am 5. Dezember folgt ein zweiter Umbruch: Mit der Ratifizierung des 21. Verfassungszusatzes durch Utah als 36. Bundesstaat endet nach knapp vierzehn Jahren die landesweite Prohibition — Roosevelt hatte die Aufhebung des Alkoholverbots im Wahlkampf 1932 versprochen. Für viele Amerikaner, gebeutelt von Massenarbeitslosigkeit und Bankenkrise, markiert das Jahr damit einen doppelten Neubeginn: wirtschaftspolitisch mit dem New Deal, gesellschaftlich mit dem Ende der Prohibition.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Berlin, April/Juli — Das Bauhaus, seit 1932 als private Lehranstalt in einer stillgelegten Telefonfabrik in Berlin-Steglitz ansässig, schließt unter dem Druck der Behörden im April und löst sich im Juli auf eigenen Beschluss der Lehrer endgültig auf.
  • Berlin, 28. März — Albert Einstein, bei der Machtübernahme in den USA, erklärt seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften und kehrt nicht mehr ins Reich zurück; auch Bertolt Brecht verlässt Deutschland bereits im Februar über Prag und Wien.
  • 23. August — Mit der ersten „Ausbürgerungsliste" entzieht das Regime prominenten Emigranten die deutsche Staatsangehörigkeit, darunter Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Ernst Toller und der frühere Reichskanzler Philipp Scheidemann.
  • Berlin, 22. September — Goebbels gründet die Reichskulturkammer, über die künftig jeder Kunstschaffende — von Musikern bis Verlegern — Zugehörigkeit und Duldung durch das Regime nachweisen muss.
  • Nürnberg, 30. August–3. September — Erster Reichsparteitag als alleinregierende Partei unter dem Motto „Sieg des Glaubens".
  • 23. September — Bei Frankfurt am Main erfolgt der erste Spatenstich zur Reichsautobahn — Beginn eines gewaltigen, propagandistisch begleiteten Straßenbauprogramms.
  • Bromberg — Trotz wachsender politischer Spannungen bleibt der Bromberger Kanal zwischen Weichsel, Netze und Oder ganzjährig befahrbar; Handelshäuser der deutschen Minderheit setzen den Warenverkehr mit dem Reich fort, so gut es die Zollschranken erlauben.
  • Im Ausland formieren sich bereits im März spontane Boykottbewegungen gegen deutsche Waren, organisiert von jüdischen und antifaschistischen Organisationen in den USA und Großbritannien — eine Reaktion, die das Regime seinerseits mit dem Boykott vom 1. April beantwortet.

SPORT · 1933

Herbe Enttäuschung für das Reich im Ring: Am 8. Juni verliert Ex-Weltmeister Max Schmeling im New Yorker Yankee Stadium vor 56.000 Zuschauern gegen den Amerikaner Max Baer durch technischen K.o. in der zehnten Runde — Schiedsrichter Arthur Donovan bricht den Kampf nach 1:51 Minuten ab. Auf dem grünen Rasen dagegen ein historischer Coup: Fortuna Düsseldorf bezwingt am 11. Juni im Kölner Müngersdorfer Stadion vor 60.000 Zuschauern den hoch favorisierten FC Schalke 04 mit 3:0 (Tore: Zwolanowski, Mehl, Hochgesang) und wird zum bislang einzigen Mal Deutscher Fußballmeister. In Bromberg spielt derweil der lokale Sportklub Polonia Bydgoszcz in der polnischen Liga, während sich Turn- und Sportvereine der deutschen Minderheit weiterhin um eigene Wettkämpfe und Sportfeste bemühen — ein letztes Stück organisierten Vereinslebens in unsicherer Zeit.

MODE · 1933

Auch modisch beginnt die „Gleichschaltung": Die neu gegründete Reichsmode-Gesellschaft und das Deutsche Modeamt unter Vorsitz von Magda Goebbels propagieren eine „deutsche Mode" abseits Pariser Vorbilder — heimische Stoffe, schlichte, hochgeschlossene Schnitte und die Dirndl-inspirierte Landhausmode werden als „arttypisch" beworben. Zugleich verlieren jüdische Modehäuser, die bis 1933 einen Großteil der Berliner Konfektionsindustrie prägten, unter dem Druck des Boykotts und der „Arisierung" zunehmend Kunden und Existenzgrundlage. Auf der Straße hält sich der internationale Einfluss dennoch: schmal geschnittene Kostüme, Wadenlänge und kleine, kokett getragene Hüte bleiben trotz der Regimepropaganda tonangebend.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1933

  • Nobelpreis für Physik (November, Stockholm). Paul A. M. Dirac und Erwin Schrödinger werden gemeinsam für ihre Beiträge zur neuen Atomtheorie ausgezeichnet — ein Höhepunkt der theoretischen Physik trotz der politischen Umbrüche.
  • Nobelpreis für Medizin (Oktober, Stockholm). Der amerikanische Genetiker Thomas Hunt Morgan erhält die Auszeichnung für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Rolle der Chromosomen bei der Vererbung.
  • Nobelpreis für Literatur (November, Stockholm). Der russische Emigrantenschriftsteller Iwan Bunin wird als erster russischer Autor überhaupt mit dem Literaturnobelpreis geehrt.
  • Gründung des Academic Assistance Council (Mai, London). Britische Wissenschaftler um William Beveridge gründen eine Hilfsorganisation, die aus Deutschland vertriebenen Gelehrten Stellen und Stipendien im Ausland vermittelt und Hunderten Wissenschaftlern die Flucht erleichtert.
  • Ernennung eines Flüchtlingshochkommissars (Oktober, Genf). Der Völkerbund beruft den Amerikaner James G. McDonald zum Hochkommissar für die aus Deutschland kommenden Flüchtlinge — ein erster institutioneller Schritt internationaler Flüchtlingshilfe.
  • Einsteins Rede für die Wissenschaftsfreiheit (3. Oktober, London). Albert Einstein spricht in der Royal Albert Hall vor Tausenden für die Freiheit von Forschung und Lehre und zugunsten des Hilfsfonds für vertriebene Gelehrte — ein Fanal der Zivilcourage aus dem Exil.

DAS WETTER · 1933 in Berlin

Am 13. Juli, dem meteorologischen Stichtag dieser Ausgabe, meldet die Station Berlin-Dahlem ein Tagestief von 15,1 °C und ein Tageshoch von 24,6 °C, bei einem Niederschlag von 3,8 mm. Das Tagesmittel für Berlin-Tempelhof liegt bei 20,3 °C — ein freundlicher, sommerlicher Tag.

Das Jahr über: Der heißeste Tag des Jahres ist der 28. Juli mit 32,7 °C, der kälteste der 16. Dezember mit −18,0 °C. Berlin zählt 92 Frosttage und 24 Sommertage mit 25 °C oder mehr. Der Jahresniederschlag summiert sich auf 516 mm, das mittlere Tagesmaximum liegt bei 12,4 °C, das mittlere Minimum bei 4,1 °C.

(Messwerte der Station Berlin-Dahlem, Tagesmittel Berlin-Tempelhof. Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1933

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Filmlieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Ein Lied geht um die Welt — Joseph Schmidt
  2. So ein Mädel vergißt man nicht — Willi Forst
  3. Kleiner Mann — was nun? — Comedian Harmonists
  4. Allein in einer großen Stadt — Marlene Dietrich
  5. Ach, Luise — Max Hansen
  6. Immer wenn ich glücklich bin — Hans Albers
  7. Ich kauf' mir 'ne Rakete — Die Weintraub Syncopators
  8. Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo — Hans Albers
  9. Gruß und Kuß, Veronika — Eva Busch & Die Weintraubs
  10. Wie hab' ich nur leben können ohne dich — Lilian Harvey
  11. Wo ist der Mann — Marlene Dietrich
  12. Mein blondes Baby — Marlene Dietrich
  13. Schön ist jeder Tag, den du mir schenkst, Marie-Luise — Marcel Wittrisch
  14. Wenn Rosen träumen — Marcel Wittrisch
  15. An der Donau, wenn der Wein blüht — Willy Fritsch
  16. Bei der blonden Kathrein — Die Fidelios
  17. Du schwarzer Zigeuner — Leo Monosson
  18. Ein Kuß, der muß aus Spanien sein — Eva Busch
  19. Ali Baba — Comedian Harmonists
  20. So ein Kuß kommt von allein — Comedian Harmonists

Quellen: Schlager-Chroniken (spectre-media.com · musikhimmel.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.