DER CHRONIST
Ein Jahr, das mit Fanfaren beginnt und mit brennenden Synagogen endet: Das Reich dehnt sich gewaltsam aus — erst über Österreich, dann über das Sudetenland — und wendet sich zugleich mit offener, staatlich gebilligter Gewalt gegen seine jüdischen Bürger. Während in Évian die Weltgemeinschaft den Verfolgten die Tür verschließt, nutzen auch Polen und Ungarn die Zerschlagung der Tschechoslowakei für eigene Gebietsgewinne. In Moskau lässt Stalin die letzten alten Bolschewiki hinrichten, in Spanien entscheidet die blutige Schlacht am Ebro den Bürgerkrieg zugunsten Francos, und selbst Wissenschaftler von Weltrang wie Sigmund Freud müssen ihre Heimat verlassen. Fernab der Krisenherde setzen die USA mit Mindestlohn und Achtstundentag ein sozialpolitisches Gegenzeichen — schwacher Trost in einem Jahr, das die Welt unaufhaltsam dem Krieg entgegentreibt.
Der „Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich

Vorausgegangen war jahrelanger Druck: Schon beim Treffen auf dem Obersalzberg am 12. Februar zwingt Hitler den österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, den überzeugten Nationalsozialisten Arthur Seyss-Inquart zum Innenminister zu machen. Als Schuschnigg daraufhin für den 13. März kurzfristig eine Volksabstimmung über ein „freies, unabhängiges Österreich" ansetzt, stellt Berlin ein Ultimatum: Absage der Abstimmung und Rücktritt — sonst Einmarsch. Am 11. März gibt Schuschnigg in einer Rundfunkansprache nach, verkündet den Rücktritt seiner Regierung und befiehlt der Armee, keinen Widerstand zu leisten. Seyss-Inquart, nun als Kanzler eingesetzt, „erbittet" formal deutsche Hilfstruppen — eine von Berlin selbst inszenierte Bitte. In der Nacht zum 12. März überschreiten deutsche Truppen ohne Gegenwehr die Grenze bei Braunau, Hitlers Geburtsort; am 13. März wird in Wien das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" verkündet — Österreich ist ausgelöscht, zur „Ostmark" degradiert. Am 15. März spricht Hitler vor jubelnden Massen auf dem Wiener Heldenplatz.
Die von den Machthabern binnen weniger Wochen angesetzte Volksabstimmung am 10. April wird zugleich als Reichstagswahl abgehalten: Auf einem gemeinsamen Stimmzettel entscheiden die Wahlberechtigten in einem über die Einheitsliste der NSDAP für den neuen Reichstag und über den bereits vollzogenen Anschluss — Zustimmung zur Partei und Zustimmung zur „Wiedervereinigung" sind so gar nicht mehr zu trennen. Es ist die erste Reichstagswahl, an der Österreich teilnimmt, und zugleich die letzte, die das Reich überhaupt noch abhält. Amtlich verkündet werden im Altreich 99,01 Prozent Ja-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 99,59 Prozent, in Österreich 99,73 Prozent bei ebenfalls über 99 Prozent Beteiligung. Von einem Meinungsbild kann dabei keine Rede sein: Gegenkandidaten gibt es nicht, der Stimmzettel zeigt einen auffällig großen Ja-Kreis neben einem winzigen Nein-Kreis, vielerorts fehlt die Wahlkabine, und die Stimme wird offen vor den Augen von Ortsgruppenleitern und Nachbarn abgegeben. Von der Abstimmung ausgeschlossen sind 300.000 bis 400.000 Menschen: Juden, Roma und Sinti sowie bekannte Regimegegner. Selbst die Gestapo zweifelt intern an den verkündeten Zahlen — einem ihrer eigenen Berichte zufolge steht in Wien wohl nur etwa ein Drittel der Bevölkerung tatsächlich hinter dem Anschluss, ein Indiz für Fälschungen bei der Auszählung. Für die rund 200.000 österreichischen Juden — allein etwa 170.000 davon in Wien — beginnt mit dem Einmarsch sofort eine Welle offener Gewalt, Demütigung und Enteignung: Wiener SA-Trupps zwingen jüdische Männer und Frauen auf offener Straße dazu, mit Bürsten politische Parolen vom Pflaster zu schrubben, Geschäfte werden geplündert, binnen Tagen setzt eine Verhaftungswelle ein. Viele Verzweifelte, darunter der Wiener Schriftsteller Egon Friedell, wählen den Freitod, um der Verfolgung zu entgehen.
Konferenz von Évian — die Tür bleibt verschlossen

Angesichts der durch den „Anschluss" Österreichs sprunghaft gewachsenen Zahl Verfolgungssuchender lädt der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt Vertreter aus 32 Staaten zu einer Konferenz nach Évian-les-Bains am Genfer See. Vom 6. bis 15. Juli tagen die Delegationen im Hôtel Royal — mit der ausdrücklichen Vorgabe, dass kein Land verpflichtet wird, seine bestehenden Einwanderungsquoten zu ändern. Das Ergebnis ist entsprechend ernüchternd: Delegation um Delegation erklärt, man habe bereits „genug" Flüchtlinge aufgenommen oder könne aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr verkraften — auch die USA und Großbritannien halten ihre Quoten unverändert. Einzig der Bruder des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo, Virgilio Trujillo Molina, bietet am 9. Juli die Aufnahme von bis zu 10.000 Verfolgten an — Trujillo, der zugleich von der internationalen Empörung über das von ihm befohlene Massaker an haitianischen Landarbeitern ablenken will, erhofft sich helle, gebildete Siedler für sein Land. Am Ende lässt sich in der Siedlung Sosúa nur eine kleine Gruppe von rund 600 jüdischen Flüchtlingen nieder. Für die Verfolgten im Reich bedeutet die ergebnislose Konferenz: Es gibt kaum noch ein Land, das sie aufnehmen will — ein Signal, das die nationalsozialistischen Machthaber als stillschweigende Bestätigung ihrer Politik werten.
Sudetenkrise und Münchener Abkommen

Angestachelt von Berlin fordert Konrad Henlein, Chef der Sudetendeutschen Partei, im April mit dem „Karlsbader Programm" faktisch die Auflösung der Tschechoslowakei. Den ganzen Spätsommer über treibt Hitler die Abtretung des Sudetenlandes mit immer schärferen Reden voran — am 12. September, auf dem Nürnberger Parteitag, droht er offen mit Krieg. Europa steht am Rand eines neuen Weltkriegs: Der britische Premier Neville Chamberlain fliegt binnen zwei Wochen dreimal zu Hitler — nach Berchtesgaden (15. September), Bad Godesberg (22. September) und schließlich nach München, wohin auch Mussolini vermittelnd einlädt. In der Nacht vom 29. auf den 30. September einigen sich Hitler, Mussolini, Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier auf die Abtretung — ohne Beteiligung der Tschechoslowakei selbst, deren Vertreter vor der Tür warten müssen, bis das Ergebnis feststeht. Betroffen sind rund drei Millionen Sudetendeutsche, aber auch etwa 690.000 Tschechen in den abzutretenden Gebieten; die Tschechoslowakei verliert ein Fünftel ihres Territoriums und ein Viertel ihrer Bevölkerung, darunter wichtige Grenzbefestigungen und Industrieanlagen. Ab dem 1. Oktober besetzt die Wehrmacht in fünf Zonen das Sudetenland, am 10. Oktober ist die Besetzung abgeschlossen. Chamberlain verkündet bei seiner Rückkehr am Flughafen Heston „Frieden für unsere Zeit"; tatsächlich ist es nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Krieg — schon im März 1939 lässt Hitler die „Rest-Tschechei" besetzen und bricht damit das Münchener Abkommen endgültig.
Reichspogromnacht — auch in Luckenwalde brennen die Synagogen

Vorausgegangen war die „Polenaktion" Ende Oktober, bei der das Reich rund 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit abrupt über die Grenze abschiebt — darunter die Familie des 17-jährigen Herschel Grynszpan, der in Paris lebt. Aus Verzweiflung über deren Schicksal erschießt Grynszpan am 7. November den Gesandtschaftssekretär Ernst vom Rath; als dieser am 9. November seinen Verletzungen erliegt, nutzt Joseph Goebbels die Nachricht bei einer Feier zum Jahrestag des Hitler-Putsches in München, um vor führenden NSDAP-Funktionären gezielt Ausschreitungen anzustacheln. Daraufhin entfesseln SA und SS in der Nacht vom 9. auf den 10. November einen reichsweiten Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Über 1.400 Synagogen und Gebetsräume werden zerstört, mehr als 7.000 Geschäfte geplündert, über 25.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt; mindestens 91 Menschen werden unmittelbar ermordet, ungezählte weitere sterben in der Folgezeit an den Misshandlungen. Bereits am 12. November verhängt der Staat über die jüdische Gemeinschaft eine „Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark — die Opfer sollen auch noch für die gegen sie verübte Gewalt zahlen.
Auch in Luckenwalde, wo sich Juden bereits 1869 zu einer eigenen Synagogengemeinde zusammengeschlossen und 1897 ihre Synagoge in der Carlstraße (heute Puschkinstraße) erbaut hatten, trifft die Gewalt die jüdische Gemeinde mit voller Wucht. Schon seit der „Machtergreifung" 1933 war sie schrittweise entrechtet worden: Am 1. April 1933 boykottierten SA-Trupps die jüdischen Geschäfte der Stadt, wenig später brannten auf dem Marktplatz Bücher. Am 10. November 1938 wird die Synagoge verwüstet, die Inneneinrichtung zertrümmert und teils verbrannt; das Gebäude selbst bleibt äußerlich stehen, wird aber fortan nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Der jüdische Friedhof der Stadt wird geschändet und 1943 endgültig zerstört. Die meisten jüdischen Männer Luckenwaldes werden verhaftet und in das nahe gelegene KZ Sachsenhausen verschleppt. Im Frühjahr 1939 muss die Gemeinde die Synagoge an die Stadt Luckenwalde verkaufen; von den 1933 noch 113 in Luckenwalde lebenden Juden sind bis Ende 1939 nur noch 18 übrig — die anderen sind geflohen oder vertrieben. Seit 2009 erinnern in der Stadt, damals in Anwesenheit des israelischen Botschafters Yoram Ben-Zeev erstmals verlegt, „Stolpersteine" an einzelne Schicksale.
„Gesamtentjudung" — der Staat verordnet die vollständige Enteignung

Als direkte Folge der Novemberpogrome erlässt die Reichsregierung bereits am 12. November die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben": Zum Jahresende müssen alle noch verbliebenen jüdischen Einzelhandelsgeschäfte, Handwerksbetriebe und Versandhäuser schließen. Am 3. Dezember folgt die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens", die den verbliebenen jüdischen Bürgern auch Grundbesitz, Wertpapiere und selbst den Führerschein entzieht und sie zum Zwangsverkauf ihres Eigentums nötigt. Bereits im April hatte Görings Anordnung zur Anmeldung jüdischen Vermögens ab 5.000 Reichsmark den Boden für diesen Zugriff bereitet; als Beauftragter für den Vierjahresplan sorgt Göring persönlich dafür, dass der Gewinn aus den erzwungenen „Arisierungen" dem Reich und nicht einzelnen Gauleitern oder Parteigrößen zufließt. Was 1933 mit Boykott und Berufsverboten begann, mündet Ende 1938 in die systematische, staatlich verordnete Ausplünderung — der letzte Schritt vor der vollständigen Rechtlosigkeit und, wie sich binnen weniger Jahre zeigen wird, vor der physischen Vernichtung.
Dritter Moskauer Schauprozess — Bucharin und Rykow werden erschossen

Vom 2. bis 12. März 1938 verhandelt ein Militärtribunal in Moskau gegen 21 Angeklagte des angeblichen „Blocks der Rechten und Trotzkisten" — der dritte und letzte der großen Schauprozesse in Stalins Großem Terror. Auf der Anklagebank sitzen prominente Bolschewiki der ersten Stunde: Nikolai Bucharin, einst Chefideologe der Partei und Komintern-Vorsitzender, sowie Alexei Rykow, von 1924 bis 1930 Vorsitzender des Rats der Volkskommissare — beide enge Weggefährten Lenins. Unter Folter und psychischem Druck gestehen sie erfundene Verbrechen: Sabotage, Spionage für ausländische Mächte, sogar die Ermordung des Schriftstellers Maxim Gorki. Der Prozess dient Josef Stalin dazu, die letzten überlebenden Rivalen aus der Führungsriege der Oktoberrevolution zu beseitigen und jede denkbare Opposition im Keim zu ersticken.
18 der 21 Angeklagten werden zum Tode verurteilt; am 15. März 1938 werden Bucharin und Rykow erschossen. Der Prozess markiert das Ende der öffentlichen Moskauer Schauprozesse, nicht aber der Säuberungen: Der „Große Terror" hat bis 1938 nach Schätzungen mehrere hunderttausend Menschenleben gefordert, ganze Jahrgänge von Partei-, Militär- und Verwaltungskadern sind ausgelöscht. Für die Weltöffentlichkeit, die die Prozesse in westlichen Zeitungen mitverfolgen kann, offenbart sich ein zweites totalitäres System neben dem nationalsozialistischen Deutschland — mit eigener, ebenso tödlicher Beweisführung durch erzwungene Geständnisse.
Grundsteinlegung für die „Stadt des KdF-Wagens"

Am 26. Mai 1938 legt Adolf Hitler vor rund 50.000 geladenen Zuschauern am Mittellandkanal bei Fallersleben den Grundstein für das neue Volkswagenwerk und die zugehörige Werkssiedlung, die „Stadt des KdF-Wagens" — nach dem Krieg als Wolfsburg bekannt. Das Projekt ist Hitlers persönliches Steckenpferd: Über die NS-Organisation „Kraft durch Freude" (KdF) sollen Millionen deutsche Arbeiter per Sparmarken-System einen eigenen Volkswagen erwerben können, entwickelt vom Ingenieur Ferdinand Porsche. Der von Hitler diktierte Verkaufspreis von 990 Reichsmark liegt fast 500 Mark unter dem günstigsten Modell der etablierten Autoindustrie und soll die Überlegenheit der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung demonstrieren.
Tatsächlich läuft die zivile Fertigung nie richtig an: Kein einziger Käufer erhält 1938 oder in den Folgejahren einen fertigen Wagen, die eingezahlten Sparbeiträge fließen stattdessen in die Rüstung. Schon ab 1940 wird das Werk sukzessive auf Kriegsproduktion umgestellt — Flugzeugteile, Bomben, der geländegängige Kübelwagen und später Teile der „Vergeltungswaffe" V1 verlassen die Hallen. Bis 1944 arbeiten dort rund 20.000 ausländische Zwangsarbeiter, fast zwei Drittel der gesamten Belegschaft. Aus dem verheißenen „Volksauto" wird, wie schon bei so vielen Versprechen dieses Jahres, ein Instrument der Kriegswirtschaft.
Sigmund Freud verlässt Wien für immer

Nach dem „Anschluss" Österreichs im März gerät auch der weltberühmte Begründer der Psychoanalyse, der 82-jährige Sigmund Freud, unmittelbar in Gefahr: Die Gestapo durchsucht seine Wiener Wohnung in der Berggasse, seine Tochter Anna Freud wird kurzzeitig verhört, Bücher der Familie werden öffentlich verbrannt. Nur durch internationale Fürsprache — unter anderem der französischen Prinzessin Marie Bonaparte, die einen Teil des geforderten Lösegelds aufbringt, sowie diplomatischen Drucks aus den USA und Großbritannien — gelingt es, für Freud und seine engste Familie die Ausreisegenehmigung zu erwirken.
Am Samstag, dem 4. Juni 1938, besteigt Freud mit seiner Frau Martha, seiner Tochter Anna und der Haushälterin Paula Fichtl am Wiener Westbahnhof den Orient-Express — sein Tagebuch vermerkt lediglich lakonisch „Abfahrt 3.25 Uhr". Über Paris erreicht die Familie London, wo Freud in einem Haus im Stadtteil Hampstead die letzten Monate seines Lebens verbringt; er stirbt dort im September 1939. Vier seiner Schwestern, die in Wien zurückbleiben, werden später in Konzentrationslagern ermordet. Freuds Flucht steht exemplarisch für den Aderlass, den die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler, Ärzte und Intellektueller 1938 für Wien und für die gesamte deutschsprachige Kultur bedeutet.
USA führen Mindestlohn und Achtstundentag ein

Während in Europa die Kriegsgefahr wächst, unterzeichnet US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 25. Juni 1938 mit dem „Fair Labor Standards Act" eines der letzten großen Reformgesetze seines New Deal. Es schreibt erstmals einen bundesweiten Mindestlohn von 25 Cent pro Stunde fest, mit stufenweiser Anhebung auf 40 Cent bis 1945, führt die 44-Stunden-Woche ein — mit Aussicht auf eine 40-Stunden-Woche ab 1940 — und verpflichtet Arbeitgeber zu Überstundenzuschlägen. Zugleich verbietet das Gesetz Kinderarbeit in allen Branchen des zwischenstaatlichen Handels.
Roosevelt hatte ein solches Gesetz bereits Jahre zuvor gefordert, war jedoch am Widerstand von Kongress und Oberstem Gerichtshof gescheitert; erst nach seinem Wahlsieg 1936 und dem Ende der schärfsten Wirtschaftskrise gelingt die Verabschiedung. Landarbeiter und Beschäftigte im Dienstleistungssektor bleiben zunächst ausgenommen. Dennoch gilt der „Fair Labor Standards Act" schon jetzt als eine der weitreichendsten Arbeitsschutzregelungen, die die Vereinigten Staaten je beschlossen haben — ein Kontrapunkt zur Entrechtung, die zur selben Zeit im nationalsozialistischen Deutschland gegen jüdische Bürger vorangetrieben wird.
Die Schlacht am Ebro — Wendepunkt im Spanischen Bürgerkrieg

In der Nacht zum 25. Juli 1938 überqueren Truppen der spanischen Republik in einer letzten großen Offensive den Fluss Ebro und erobern binnen weniger Tage weite Gebiete am Westufer zurück. Es folgen 115 Tage erbitterter Grabenkämpfe im Tal zwischen den Provinzen Tarragona und Saragossa — auf beiden Seiten kämpfen ausländische Freiwillige und reguläre Truppen: die Internationalen Brigaden mit deutscher, auch aus dem Reich stammender Beteiligung auf republikanischer Seite, die deutsche „Legion Condor" und italienische Verbände auf Seiten von General Francisco Franco. Die Kämpfe ähneln in ihrer Erbarmungslosigkeit den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs; über 100.000 Menschen werden getötet oder verwundet.
Am Ende siegt Francos materielle und luftwaffentechnische Überlegenheit: Die republikanischen Truppen müssen sich bis zum 16. November wieder hinter den Ebro zurückziehen, ohne territorialen Gewinn, aber mit verheerenden Verlusten an Soldaten und Ausrüstung. Die Schlacht gilt seither als der entscheidende Wendepunkt des Krieges — Francos Truppen beginnen unmittelbar danach ihren Vormarsch auf Katalonien, der wenige Monate später, im Frühjahr 1939, mit dem endgültigen Sieg der Falangisten und Francos Diktatur enden wird. Für Hitler und Mussolini, die Franco offen unterstützen, bestätigt sich die Schlacht als Erprobungsfeld moderner Waffentechnik und als Baustein der wachsenden Achse Berlin–Rom.
Polen annektiert das Olsagebiet

Kaum ist das Münchener Abkommen unterzeichnet, nutzt auch Polen die Schwäche der Tschechoslowakei: Bereits am 30. September, dem Tag der Münchener Einigung, stellt die polnische Regierung unter Außenminister Józef Beck ein Ultimatum zur Abtretung des umstrittenen Olsagebiets (Zaolzie) um die Städte Teschen (Cieszyn/Český Těšín), das seit 1920 zwischen beiden Staaten geteilt ist. Die Tschechoslowakei, durch den Verlust des Sudetenlandes bereits geschwächt und ohne Aussicht auf Unterstützung der Westmächte, gibt dem Druck nach. Zwischen dem 1. und 11. Oktober besetzen polnische Truppen unter General Władysław Bortnowski das rund 900 Quadratkilometer große, wirtschaftlich bedeutende Gebiet mit seiner Schwerindustrie und rund 250.000 Einwohnern.
Warschau begründet den Schritt offiziell mit dem Schutz der polnischen Minderheit vor Ort, tatsächlich geht es auch darum, der Region zuvorzukommen, bevor sie unter deutschen Einfluss gerät. Ob die Genugtuung von Dauer ist, bleibt fraglich: Warschau hat sich damit derselben Politik der vollendeten Tatsachen bedient, mit der Berlin wenige Tage zuvor das Sudetenland genommen hat — und die polnische Westgrenze liegt näher an Deutschland als das Olsagebiet an Prag.
Erster Wiener Schiedsspruch teilt die Rest-Tschechoslowakei weiter auf

Auf Einladung Berlins und Roms treffen sich die Außenminister des Deutschen Reichs, Joachim von Ribbentrop, und Italiens, Galeazzo Ciano, am 2. November 1938 im Wiener Schloss Belvedere, um über Gebietsansprüche Ungarns gegen die Rest-Tschechoslowakei zu entscheiden — ein direkter Nachklang des Münchener Abkommens. Die ungarische Delegation um Außenminister Kálmán Kánya hatte zuvor vergeblich versucht, die Gebiete in direkten Verhandlungen mit Prag zu erlangen. Der „Erste Wiener Schiedsspruch" spricht Ungarn nun rund 12.000 Quadratkilometer Südslowakei und der Karpatenukraine zu — Gebiete mit gut einer Million Einwohnern, davon etwa 600.000 ethnischen Ungarn, aber auch bedeutende slowakische und ruthenische Minderheiten.
Der Schiedsspruch, den die Rest-Tschechoslowakei mangels Alternativen widerspruchslos hinnehmen muss, festigt das Deutsche Reich in seiner selbstgewählten Rolle als Schiedsrichter über die Landkarte Mitteleuropas und bindet Ungarn zugleich enger an die Achse Berlin–Rom. Wirtschaftlich und militärisch bedeutsame Städte wie Kaschau (Košice) und Ungvár (Uschhorod) fallen an Budapest. Wie schon bei Münchener Abkommen und Olsagebiet zeigt sich: Die Zerschlagung der Tschechoslowakei erfolgt 1938 nicht in einem Schlag, sondern in mehreren, einander bedingenden Schritten — mit Deutschland stets als treibender oder zumindest schiedsrichternder Kraft im Hintergrund.
AM RANDE NOTIERT
- Berlin-Dahlem, 17. Dezember: Die Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann weisen im Kaiser-Wilhelm-Institut erstmals die Kernspaltung des Urans nach — ohne es zunächst zu begreifen; erst die aus dem Reich geflohene Physikerin Lise Meitner, die selbst im Juli 1938 als Jüdin vor der Verfolgung hatte fliehen müssen, liefert im Exil die physikalische Erklärung. Ein Fund, der das Atomzeitalter einläutet — erdacht auch von einer, die das Reich gerade vertrieben hat.
- In Luckenwalde wie im ganzen Reich ist 1938 das Jahr, in dem aus stiller Entrechtung offene, staatlich gebilligte Gewalt wird.
- Luckenwalde, 1938: Die von Erich Mendelsohn erbaute Hutfabrik Steinberg, Herrmann & Co. — nach der Vertreibung ihrer jüdischen Eigentümerfamilien 1933/34 an die Norddeutsche Maschinenbau AG verkauft — fertigt in denselben Hallen inzwischen Flugzeugkanonen für Görings Luftwaffe: Aus Hüten sind Rüstungsgüter geworden.
- New York, 30. Oktober: Orson Welles' Hörspiel-Adaption von H. G. Wells' „Krieg der Welten" versetzt Teile der US-Bevölkerung in echte Massenpanik — viele Hörer halten die fiktive Marsinvasion für eine reale Nachricht und flüchten aus ihren Häusern.
SPORT · 1938
Fernab der europäischen Krisenherde findet vom 4. bis 19. Juni die dritte Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich statt: Titelverteidiger Italien unter Trainer Vittorio Pozzo setzt sich im Finale mit 4:2 gegen Ungarn durch und behält den WM-Pokal. Für das Deutsche Reich wird das Turnier zum Debakel — und zur politischen Peinlichkeit: Weniger als drei Monate nach dem „Anschluss" zwingt die NSDAP-Parteiführung gegen den Willen von Reichstrainer Sepp Herberger die Bildung einer „großdeutschen Mannschaft" aus sechs deutschen und fünf österreichischen Spielern, obwohl Österreichs eigenes Team sich sportlich qualifiziert hatte. Im Achtelfinale gegen die Schweiz führt die Mannschaft zunächst 2:0, gerät dann aber ins Wanken: Das Spiel endet nach Verlängerung 1:1, der Wiener Johann Pesser fliegt vom Platz. Im Wiederholungsspiel unterliegt das Team erneut nach 2:0-Führung noch mit 2:4 — nie zuvor war für eine deutsche Auswahl bei einer Weltmeisterschaft nach nur zwei Partien schon Schluss. Im Schatten der Weltpolitik bleibt der sportliche Wettstreit für das Reich diesmal nur eine blamable Randnotiz.
MODE · 1938
Die Kriegsvorbereitung des Reiches erreicht auch die Kleiderschränke: Im Rahmen des Vierjahresplans schreiben Fasermaterial-Verordnung (1934) und Textilstoffgesetz (1935) den verstärkten Einsatz einheimischer Rohstoffe vor — echte Wolle und Baumwolle werden knapp, dafür wächst die Produktion von Zellwolle und Kunstseide in Werken wie der Kurmark Zellwolle- und Zellstoff-AG rasant. Zugleich verschwindet aus der deutschen Modebranche, wer sie einst mitgeprägt hat: Rund um den Berliner Hausvogteiplatz, jahrzehntelang Zentrum der von jüdischen Unternehmern getragenen Konfektionsindustrie, sind die meisten Betriebe seit 1933 boykottiert, „arisiert" oder ganz verschwunden. Auf den Straßen bleibt das von Regime und Deutschem Modeamt verordnete Trachten-Ideal die offizielle Linie, gedacht als Gegenentwurf zu „welschem" Modediktat aus Paris — während Hollywood-Glamour im Kino weiterhin die heimliche Sehnsucht vieler bleibt.
LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft
- Max Schmeling versteckt die Brüder Lewin (November 1938). Während der Novemberpogrome nimmt der Boxweltmeister zwei jüdische Jungen heimlich in seinem Berliner Hotelzimmer auf und bewahrt sie so vor dem Zugriff von SA und SS — Zivilcourage eines prominenten Deutschen inmitten der Gewalt.
- Konrad Zuse vollendet den Z1 (1938). In der elterlichen Wohnung in Berlin baut der Ingenieur den ersten frei programmierbaren, binären Rechner der Welt — Vorläufer des modernen Computers, entstanden fernab der Propaganda des Jahres.
- Enrico Fermi flieht mit dem Nobelpreis in die Freiheit (10. Dezember 1938). In Stockholm nimmt der italienische Physiker den Nobelpreis für Physik entgegen — und nutzt die Reise sogleich zur Flucht in die USA, denn Mussolinis neue Rassengesetze bedrohen seine jüdische Frau Laura; am selben Tag wird die Schriftstellerin Pearl Buck mit dem Literaturnobelpreis geehrt.
- Der erste Kindertransport rettet jüdische Kinder aus Berlin (1. Dezember 1938). Vom Anhalter Bahnhof — Ausgangspunkt derselben Bahnstrecke, die auch über Luckenwalde nach Süden führt — bringt ein Zug 196 jüdische Kinder über die Niederlande nach Großbritannien in Sicherheit; bis Kriegsbeginn rettet die Aktion rund 10.000 Kindern das Leben.
DAS WETTER · 1938 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 21,1 °C, in der Nacht 13,5 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 5,5 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C — gut 0,6 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 34 °C am 8. Juli, kältester −17 °C am 19. Dezember. 8 Hitzetage (≥30 °C), 20 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 544 mm.
Der Winter 1937/38 blieb ungewöhnlich mild — nur sieben Tage mit strengem Frost.
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1938
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Kann denn Liebe Sünde sein — Zarah Leander
- Der Wind hat mir ein Lied erzählt — Zarah Leander
- Von der Puszta will ich träumen — Zarah Leander
- Eine Frau wird erst schön durch die Liebe — Zarah Leander
- Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n — Heinz Rühmann
- Roter Mohn — Rosita Serrano
- Kornblumenblau — Willy Schneider
- O mia bella Napoli — Rudi Schuricke-Terzett
- Eine Insel aus Träumen geboren — Rudi Schuricke
- Der Onkel Doktor hat gesagt — Peter Igelhoff
- Land in Sicht — Marika Rökk
- In einer Nacht im Mai — Marika Rökk
- Und die Musik spielt dazu — Rosita Serrano
- Küß mich, bitte, bitte, küß mich — Rosita Serrano
- Gute Nacht, Mutter — Wilhelm Strienz
- Das Fräulein Gerda — Die Metropol Vocalisten
- Spatzenkonzert — Die goldene Sieben & Peter Igelhoff
- Traumwalzer — Eric Helgar
- Vieni, Vieni — Heinz Wehner & sein Tanzorchester
- Sag' mir nicht Adieu — Zarah Leander
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.