DER CHRONIST

Ein Jahr, das mit Fanfaren beginnt und mit brennenden Synagogen endet: Das Reich dehnt sich gewaltsam aus — erst über Österreich, dann über das Sudetenland — und wendet sich zugleich mit offener, staatlich gebilligter Gewalt gegen seine jüdischen Bürger. Während in Évian die Weltgemeinschaft den Verfolgten die Tür verschließt, nutzen auch Polen und Ungarn die Zerschlagung der Tschechoslowakei für eigene Gebietsgewinne. In Moskau lässt Stalin die letzten alten Bolschewiki hinrichten, in Spanien entscheidet die blutige Schlacht am Ebro den Bürgerkrieg zugunsten Francos, und selbst Wissenschaftler von Weltrang wie Sigmund Freud müssen ihre Heimat verlassen. Fernab der Krisenherde setzen die USA mit Mindestlohn und Achtstundentag ein sozialpolitisches Gegenzeichen — schwacher Trost in einem Jahr, das die Welt unaufhaltsam dem Krieg entgegentreibt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Der „Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich

Jubelnde Menge auf dem Wiener Heldenplatz beim Anschluss Österreichs, März 1938
Jubelnde Menge auf dem Wiener Heldenplatz beim „Anschluss“ Österreichs, März 1938 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vorausgegangen war jahrelanger Druck: Schon beim Treffen auf dem Obersalzberg am 12. Februar zwingt Hitler den österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, den überzeugten Nationalsozialisten Arthur Seyss-Inquart zum Innenminister zu machen. Als Schuschnigg daraufhin für den 13. März kurzfristig eine Volksabstimmung über ein „freies, unabhängiges Österreich" ansetzt, stellt Berlin ein Ultimatum: Absage der Abstimmung und Rücktritt — sonst Einmarsch. Am 11. März gibt Schuschnigg in einer Rundfunkansprache nach, verkündet den Rücktritt seiner Regierung und befiehlt der Armee, keinen Widerstand zu leisten. Seyss-Inquart, nun als Kanzler eingesetzt, „erbittet" formal deutsche Hilfstruppen — eine von Berlin selbst inszenierte Bitte. In der Nacht zum 12. März überschreiten deutsche Truppen ohne Gegenwehr die Grenze bei Braunau, Hitlers Geburtsort; am 13. März wird in Wien das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" verkündet — Österreich ist ausgelöscht, zur „Ostmark" degradiert. Am 15. März spricht Hitler vor jubelnden Massen auf dem Wiener Heldenplatz.

Die von den Machthabern binnen weniger Wochen angesetzte Volksabstimmung am 10. April wird zugleich als Reichstagswahl abgehalten: Auf einem gemeinsamen Stimmzettel entscheiden die Wahlberechtigten in einem über die Einheitsliste der NSDAP für den neuen Reichstag und über den bereits vollzogenen Anschluss — Zustimmung zur Partei und Zustimmung zur „Wiedervereinigung" sind so gar nicht mehr zu trennen. Es ist die erste Reichstagswahl, an der Österreich teilnimmt, und zugleich die letzte, die das Reich überhaupt noch abhält. Amtlich verkündet werden im Altreich 99,01 Prozent Ja-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 99,59 Prozent, in Österreich 99,73 Prozent bei ebenfalls über 99 Prozent Beteiligung. Von einem Meinungsbild kann dabei keine Rede sein: Gegenkandidaten gibt es nicht, der Stimmzettel zeigt einen auffällig großen Ja-Kreis neben einem winzigen Nein-Kreis, vielerorts fehlt die Wahlkabine, und die Stimme wird offen vor den Augen von Ortsgruppenleitern und Nachbarn abgegeben. Von der Abstimmung ausgeschlossen sind 300.000 bis 400.000 Menschen: Juden, Roma und Sinti sowie bekannte Regimegegner. Selbst die Gestapo zweifelt intern an den verkündeten Zahlen — einem ihrer eigenen Berichte zufolge steht in Wien wohl nur etwa ein Drittel der Bevölkerung tatsächlich hinter dem Anschluss, ein Indiz für Fälschungen bei der Auszählung. Für die rund 200.000 österreichischen Juden — allein etwa 170.000 davon in Wien — beginnt mit dem Einmarsch sofort eine Welle offener Gewalt, Demütigung und Enteignung: Wiener SA-Trupps zwingen jüdische Männer und Frauen auf offener Straße dazu, mit Bürsten politische Parolen vom Pflaster zu schrubben, Geschäfte werden geplündert, binnen Tagen setzt eine Verhaftungswelle ein. Viele Verzweifelte, darunter der Wiener Schriftsteller Egon Friedell, wählen den Freitod, um der Verfolgung zu entgehen.

Aus heutiger Sicht

Jahrzehntelang stilisiert sich Österreich nach 1945 selbst zum „ersten Opfer" des Nationalsozialismus und blendet damit die Begeisterung aus, mit der große Teile der Bevölkerung den Anschluss 1938 tatsächlich begrüßten. Erst die internationale Debatte um die NS-Vergangenheit des Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim 1986 zwingt das Land zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit dieser „Opferthese" — die Mitverantwortung erkennt Bundeskanzler Franz Vranitzky erst 1991 offiziell an.

Konferenz von Évian — die Tür bleibt verschlossen

Das Hôtel Royal in Évian, Tagungsort der Flüchtlingskonferenz 1938
Das Hôtel Royal in Évian, Tagungsort der Flüchtlingskonferenz 1938 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Angesichts der durch den „Anschluss" Österreichs sprunghaft gewachsenen Zahl Verfolgungssuchender lädt der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt Vertreter aus 32 Staaten zu einer Konferenz nach Évian-les-Bains am Genfer See. Vom 6. bis 15. Juli tagen die Delegationen im Hôtel Royal — mit der ausdrücklichen Vorgabe, dass kein Land verpflichtet wird, seine bestehenden Einwanderungsquoten zu ändern. Das Ergebnis ist entsprechend ernüchternd: Delegation um Delegation erklärt, man habe bereits „genug" Flüchtlinge aufgenommen oder könne aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr verkraften — auch die USA und Großbritannien halten ihre Quoten unverändert. Einzig der Bruder des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo, Virgilio Trujillo Molina, bietet am 9. Juli die Aufnahme von bis zu 10.000 Verfolgten an — Trujillo, der zugleich von der internationalen Empörung über das von ihm befohlene Massaker an haitianischen Landarbeitern ablenken will, erhofft sich helle, gebildete Siedler für sein Land. Am Ende lässt sich in der Siedlung Sosúa nur eine kleine Gruppe von rund 600 jüdischen Flüchtlingen nieder. Für die Verfolgten im Reich bedeutet die ergebnislose Konferenz: Es gibt kaum noch ein Land, das sie aufnehmen will — ein Signal, das die nationalsozialistischen Machthaber als stillschweigende Bestätigung ihrer Politik werten.

Sudetenkrise und Münchener Abkommen

Die Staatschefs beim Münchener Abkommen, 29. September 1938
Die Staatschefs beim Münchener Abkommen, 29. September 1938 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Angestachelt von Berlin fordert Konrad Henlein, Chef der Sudetendeutschen Partei, im April mit dem „Karlsbader Programm" faktisch die Auflösung der Tschechoslowakei. Den ganzen Spätsommer über treibt Hitler die Abtretung des Sudetenlandes mit immer schärferen Reden voran — am 12. September, auf dem Nürnberger Parteitag, droht er offen mit Krieg. Europa steht am Rand eines neuen Weltkriegs: Der britische Premier Neville Chamberlain fliegt binnen zwei Wochen dreimal zu Hitler — nach Berchtesgaden (15. September), Bad Godesberg (22. September) und schließlich nach München, wohin auch Mussolini vermittelnd einlädt. In der Nacht vom 29. auf den 30. September einigen sich Hitler, Mussolini, Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier auf die Abtretung — ohne Beteiligung der Tschechoslowakei selbst, deren Vertreter vor der Tür warten müssen, bis das Ergebnis feststeht. Betroffen sind rund drei Millionen Sudetendeutsche, aber auch etwa 690.000 Tschechen in den abzutretenden Gebieten; die Tschechoslowakei verliert ein Fünftel ihres Territoriums und ein Viertel ihrer Bevölkerung, darunter wichtige Grenzbefestigungen und Industrieanlagen. Ab dem 1. Oktober besetzt die Wehrmacht in fünf Zonen das Sudetenland, am 10. Oktober ist die Besetzung abgeschlossen. Chamberlain verkündet bei seiner Rückkehr am Flughafen Heston „Frieden für unsere Zeit"; tatsächlich ist es nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Krieg — schon im März 1939 lässt Hitler die „Rest-Tschechei" besetzen und bricht damit das Münchener Abkommen endgültig.

Reichspogromnacht — auch in Luckenwalde brennen die Synagogen

Eine brennende Synagoge in der Reichspogromnacht, November 1938
Eine brennende Synagoge in der Reichspogromnacht, November 1938 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Vorausgegangen war die „Polenaktion" Ende Oktober, bei der das Reich rund 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit abrupt über die Grenze abschiebt — darunter die Familie des 17-jährigen Herschel Grynszpan, der in Paris lebt. Aus Verzweiflung über deren Schicksal erschießt Grynszpan am 7. November den Gesandtschaftssekretär Ernst vom Rath; als dieser am 9. November seinen Verletzungen erliegt, nutzt Joseph Goebbels die Nachricht bei einer Feier zum Jahrestag des Hitler-Putsches in München, um vor führenden NSDAP-Funktionären gezielt Ausschreitungen anzustacheln. Daraufhin entfesseln SA und SS in der Nacht vom 9. auf den 10. November einen reichsweiten Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Über 1.400 Synagogen und Gebetsräume werden zerstört, mehr als 7.000 Geschäfte geplündert, über 25.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt; mindestens 91 Menschen werden unmittelbar ermordet, ungezählte weitere sterben in der Folgezeit an den Misshandlungen. Bereits am 12. November verhängt der Staat über die jüdische Gemeinschaft eine „Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark — die Opfer sollen auch noch für die gegen sie verübte Gewalt zahlen.

Auch in Luckenwalde, wo sich Juden bereits 1869 zu einer eigenen Synagogengemeinde zusammengeschlossen und 1897 ihre Synagoge in der Carlstraße (heute Puschkinstraße) erbaut hatten, trifft die Gewalt die jüdische Gemeinde mit voller Wucht. Schon seit der „Machtergreifung" 1933 war sie schrittweise entrechtet worden: Am 1. April 1933 boykottierten SA-Trupps die jüdischen Geschäfte der Stadt, wenig später brannten auf dem Marktplatz Bücher. Am 10. November 1938 wird die Synagoge verwüstet, die Inneneinrichtung zertrümmert und teils verbrannt; das Gebäude selbst bleibt äußerlich stehen, wird aber fortan nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Der jüdische Friedhof der Stadt wird geschändet und 1943 endgültig zerstört. Die meisten jüdischen Männer Luckenwaldes werden verhaftet und in das nahe gelegene KZ Sachsenhausen verschleppt. Im Frühjahr 1939 muss die Gemeinde die Synagoge an die Stadt Luckenwalde verkaufen; von den 1933 noch 113 in Luckenwalde lebenden Juden sind bis Ende 1939 nur noch 18 übrig — die anderen sind geflohen oder vertrieben. Seit 2009 erinnern in der Stadt, damals in Anwesenheit des israelischen Botschafters Yoram Ben-Zeev erstmals verlegt, „Stolpersteine" an einzelne Schicksale.

Aus heutiger Sicht

Die Reichspogromnacht gilt heute als der Wendepunkt, an dem sich die Verfolgung der deutschen und österreichischen Juden von schrittweiser rechtlicher und wirtschaftlicher Entrechtung zu offener, staatlich organisierter physischer Gewalt wandelt — ein Vorläufer der systematischen Vernichtung, die wenige Jahre später beginnt. Der Begriff „Reichskristallnacht", den die NS-Propaganda selbst zynisch für die zerstörten Glasscheiben prägte, wird nach 1945 zunächst unreflektiert weiterverwendet; erst seit den 1980er Jahren setzt sich zunehmend die sachlichere Bezeichnung „Novemberpogrome" durch.

„Gesamtentjudung" — der Staat verordnet die vollständige Enteignung

Hermann Göring, der die Gesamtentjudung der Wirtschaft verfügt
Hermann Göring, der die „Gesamtentjudung“ der Wirtschaft verfügt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als direkte Folge der Novemberpogrome erlässt die Reichsregierung bereits am 12. November die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben": Zum Jahresende müssen alle noch verbliebenen jüdischen Einzelhandelsgeschäfte, Handwerksbetriebe und Versandhäuser schließen. Am 3. Dezember folgt die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens", die den verbliebenen jüdischen Bürgern auch Grundbesitz, Wertpapiere und selbst den Führerschein entzieht und sie zum Zwangsverkauf ihres Eigentums nötigt. Bereits im April hatte Görings Anordnung zur Anmeldung jüdischen Vermögens ab 5.000 Reichsmark den Boden für diesen Zugriff bereitet; als Beauftragter für den Vierjahresplan sorgt Göring persönlich dafür, dass der Gewinn aus den erzwungenen „Arisierungen" dem Reich und nicht einzelnen Gauleitern oder Parteigrößen zufließt. Was 1933 mit Boykott und Berufsverboten begann, mündet Ende 1938 in die systematische, staatlich verordnete Ausplünderung — der letzte Schritt vor der vollständigen Rechtlosigkeit und, wie sich binnen weniger Jahre zeigen wird, vor der physischen Vernichtung.

Aus heutiger Sicht

Für die enteigneten jüdischen Eigentümer und ihre Erben beginnt eine Wiedergutmachung erst Jahre nach Kriegsende: Das Luxemburger Abkommen von 1952 zwischen der Bundesrepublik und Israel sowie spätere Rückerstattungs- und Entschädigungsgesetze regeln nur einen Teil der 1938 erzwungenen Verluste, viele Verfahren ziehen sich bis weit in die 1990er und 2000er Jahre hin, manche Ansprüche bleiben bis heute ungeklärt.

Dritter Moskauer Schauprozess — Bucharin und Rykow werden erschossen

Porträt von Nikolai Bucharin
Nikolai Bucharin, Angeklagter im dritten Moskauer Schauprozess 1938 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 2. bis 12. März 1938 verhandelt ein Militärtribunal in Moskau gegen 21 Angeklagte des angeblichen „Blocks der Rechten und Trotzkisten" — der dritte und letzte der großen Schauprozesse in Stalins Großem Terror. Auf der Anklagebank sitzen prominente Bolschewiki der ersten Stunde: Nikolai Bucharin, einst Chefideologe der Partei und Komintern-Vorsitzender, sowie Alexei Rykow, von 1924 bis 1930 Vorsitzender des Rats der Volkskommissare — beide enge Weggefährten Lenins. Unter Folter und psychischem Druck gestehen sie erfundene Verbrechen: Sabotage, Spionage für ausländische Mächte, sogar die Ermordung des Schriftstellers Maxim Gorki. Der Prozess dient Josef Stalin dazu, die letzten überlebenden Rivalen aus der Führungsriege der Oktoberrevolution zu beseitigen und jede denkbare Opposition im Keim zu ersticken.

18 der 21 Angeklagten werden zum Tode verurteilt; am 15. März 1938 werden Bucharin und Rykow erschossen. Der Prozess markiert das Ende der öffentlichen Moskauer Schauprozesse, nicht aber der Säuberungen: Der „Große Terror" hat bis 1938 nach Schätzungen mehrere hunderttausend Menschenleben gefordert, ganze Jahrgänge von Partei-, Militär- und Verwaltungskadern sind ausgelöscht. Für die Weltöffentlichkeit, die die Prozesse in westlichen Zeitungen mitverfolgen kann, offenbart sich ein zweites totalitäres System neben dem nationalsozialistischen Deutschland — mit eigener, ebenso tödlicher Beweisführung durch erzwungene Geständnisse.

Aus heutiger Sicht

Erst 1988, unter Michail Gorbatschow und im Zuge der Politik der Glasnost, wird Nikolai Bucharin von der sowjetischen Justiz offiziell rehabilitiert — fünfzig Jahre nach seiner Erschießung gilt das gegen ihn 1938 erfundene Geständnis als das, was es war: ein unter Folter erzwungenes Produkt Stalins Terrorapparats.

Grundsteinlegung für die „Stadt des KdF-Wagens"

Grundsteinlegung für das Volkswagenwerk bei Fallersleben, 26. Mai 1938
Grundsteinlegung für das Werk des „KdF-Wagens" bei Fallersleben, 26. Mai 1938 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 26. Mai 1938 legt Adolf Hitler vor rund 50.000 geladenen Zuschauern am Mittellandkanal bei Fallersleben den Grundstein für das neue Volkswagenwerk und die zugehörige Werkssiedlung, die „Stadt des KdF-Wagens" — nach dem Krieg als Wolfsburg bekannt. Das Projekt ist Hitlers persönliches Steckenpferd: Über die NS-Organisation „Kraft durch Freude" (KdF) sollen Millionen deutsche Arbeiter per Sparmarken-System einen eigenen Volkswagen erwerben können, entwickelt vom Ingenieur Ferdinand Porsche. Der von Hitler diktierte Verkaufspreis von 990 Reichsmark liegt fast 500 Mark unter dem günstigsten Modell der etablierten Autoindustrie und soll die Überlegenheit der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung demonstrieren.

Tatsächlich läuft die zivile Fertigung nie richtig an: Kein einziger Käufer erhält 1938 oder in den Folgejahren einen fertigen Wagen, die eingezahlten Sparbeiträge fließen stattdessen in die Rüstung. Schon ab 1940 wird das Werk sukzessive auf Kriegsproduktion umgestellt — Flugzeugteile, Bomben, der geländegängige Kübelwagen und später Teile der „Vergeltungswaffe" V1 verlassen die Hallen. Bis 1944 arbeiten dort rund 20.000 ausländische Zwangsarbeiter, fast zwei Drittel der gesamten Belegschaft. Aus dem verheißenen „Volksauto" wird, wie schon bei so vielen Versprechen dieses Jahres, ein Instrument der Kriegswirtschaft.

Sigmund Freud verlässt Wien für immer

Porträt von Sigmund Freud
Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, der 1938 aus Wien fliehen musste (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem „Anschluss" Österreichs im März gerät auch der weltberühmte Begründer der Psychoanalyse, der 82-jährige Sigmund Freud, unmittelbar in Gefahr: Die Gestapo durchsucht seine Wiener Wohnung in der Berggasse, seine Tochter Anna Freud wird kurzzeitig verhört, Bücher der Familie werden öffentlich verbrannt. Nur durch internationale Fürsprache — unter anderem der französischen Prinzessin Marie Bonaparte, die einen Teil des geforderten Lösegelds aufbringt, sowie diplomatischen Drucks aus den USA und Großbritannien — gelingt es, für Freud und seine engste Familie die Ausreisegenehmigung zu erwirken.

Am Samstag, dem 4. Juni 1938, besteigt Freud mit seiner Frau Martha, seiner Tochter Anna und der Haushälterin Paula Fichtl am Wiener Westbahnhof den Orient-Express — sein Tagebuch vermerkt lediglich lakonisch „Abfahrt 3.25 Uhr". Über Paris erreicht die Familie London, wo Freud in einem Haus im Stadtteil Hampstead die letzten Monate seines Lebens verbringt; er stirbt dort im September 1939. Vier seiner Schwestern, die in Wien zurückbleiben, werden später in Konzentrationslagern ermordet. Freuds Flucht steht exemplarisch für den Aderlass, den die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler, Ärzte und Intellektueller 1938 für Wien und für die gesamte deutschsprachige Kultur bedeutet.

USA führen Mindestlohn und Achtstundentag ein

Porträt von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, 1938
US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der 1938 den „Fair Labor Standards Act" unterzeichnete (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Während in Europa die Kriegsgefahr wächst, unterzeichnet US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 25. Juni 1938 mit dem „Fair Labor Standards Act" eines der letzten großen Reformgesetze seines New Deal. Es schreibt erstmals einen bundesweiten Mindestlohn von 25 Cent pro Stunde fest, mit stufenweiser Anhebung auf 40 Cent bis 1945, führt die 44-Stunden-Woche ein — mit Aussicht auf eine 40-Stunden-Woche ab 1940 — und verpflichtet Arbeitgeber zu Überstundenzuschlägen. Zugleich verbietet das Gesetz Kinderarbeit in allen Branchen des zwischenstaatlichen Handels.

Roosevelt hatte ein solches Gesetz bereits Jahre zuvor gefordert, war jedoch am Widerstand von Kongress und Oberstem Gerichtshof gescheitert; erst nach seinem Wahlsieg 1936 und dem Ende der schärfsten Wirtschaftskrise gelingt die Verabschiedung. Landarbeiter und Beschäftigte im Dienstleistungssektor bleiben zunächst ausgenommen. Dennoch gilt der „Fair Labor Standards Act" schon jetzt als eine der weitreichendsten Arbeitsschutzregelungen, die die Vereinigten Staaten je beschlossen haben — ein Kontrapunkt zur Entrechtung, die zur selben Zeit im nationalsozialistischen Deutschland gegen jüdische Bürger vorangetrieben wird.

Die Schlacht am Ebro — Wendepunkt im Spanischen Bürgerkrieg

Franco-treue Artillerie im Feuergefecht während der Schlacht am Ebro, Herbst 1938
Nationalspanische Artillerie im Gefecht gegen republikanischen Widerstand nahe Amposta, Schlacht am Ebro, Herbst 1938 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

In der Nacht zum 25. Juli 1938 überqueren Truppen der spanischen Republik in einer letzten großen Offensive den Fluss Ebro und erobern binnen weniger Tage weite Gebiete am Westufer zurück. Es folgen 115 Tage erbitterter Grabenkämpfe im Tal zwischen den Provinzen Tarragona und Saragossa — auf beiden Seiten kämpfen ausländische Freiwillige und reguläre Truppen: die Internationalen Brigaden mit deutscher, auch aus dem Reich stammender Beteiligung auf republikanischer Seite, die deutsche „Legion Condor" und italienische Verbände auf Seiten von General Francisco Franco. Die Kämpfe ähneln in ihrer Erbarmungslosigkeit den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs; über 100.000 Menschen werden getötet oder verwundet.

Am Ende siegt Francos materielle und luftwaffentechnische Überlegenheit: Die republikanischen Truppen müssen sich bis zum 16. November wieder hinter den Ebro zurückziehen, ohne territorialen Gewinn, aber mit verheerenden Verlusten an Soldaten und Ausrüstung. Die Schlacht gilt seither als der entscheidende Wendepunkt des Krieges — Francos Truppen beginnen unmittelbar danach ihren Vormarsch auf Katalonien, der wenige Monate später, im Frühjahr 1939, mit dem endgültigen Sieg der Falangisten und Francos Diktatur enden wird. Für Hitler und Mussolini, die Franco offen unterstützen, bestätigt sich die Schlacht als Erprobungsfeld moderner Waffentechnik und als Baustein der wachsenden Achse Berlin–Rom.

Polen annektiert das Olsagebiet

Polnische Truppen bei der Besetzung des Olsagebiets (Zaolzie), Oktober 1938
Polnische Truppen bei der Besetzung des Olsagebiets (Zaolzie), Oktober 1938 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Kaum ist das Münchener Abkommen unterzeichnet, nutzt auch Polen die Schwäche der Tschechoslowakei: Bereits am 30. September, dem Tag der Münchener Einigung, stellt die polnische Regierung unter Außenminister Józef Beck ein Ultimatum zur Abtretung des umstrittenen Olsagebiets (Zaolzie) um die Städte Teschen (Cieszyn/Český Těšín), das seit 1920 zwischen beiden Staaten geteilt ist. Die Tschechoslowakei, durch den Verlust des Sudetenlandes bereits geschwächt und ohne Aussicht auf Unterstützung der Westmächte, gibt dem Druck nach. Zwischen dem 1. und 11. Oktober besetzen polnische Truppen unter General Władysław Bortnowski das rund 900 Quadratkilometer große, wirtschaftlich bedeutende Gebiet mit seiner Schwerindustrie und rund 250.000 Einwohnern.

Warschau begründet den Schritt offiziell mit dem Schutz der polnischen Minderheit vor Ort, tatsächlich geht es auch darum, der Region zuvorzukommen, bevor sie unter deutschen Einfluss gerät. Ob die Genugtuung von Dauer ist, bleibt fraglich: Warschau hat sich damit derselben Politik der vollendeten Tatsachen bedient, mit der Berlin wenige Tage zuvor das Sudetenland genommen hat — und die polnische Westgrenze liegt näher an Deutschland als das Olsagebiet an Prag.

Erster Wiener Schiedsspruch teilt die Rest-Tschechoslowakei weiter auf

Verhandlungen zum Ersten Wiener Schiedsspruch: Chvalkovský, Ciano, Ribbentrop und Kánya
Verhandlungen zum Ersten Wiener Schiedsspruch (v.l.n.r. František Chvalkovský, Galeazzo Ciano, Joachim von Ribbentrop, Kálmán Kánya), Wien, November 1938 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf Einladung Berlins und Roms treffen sich die Außenminister des Deutschen Reichs, Joachim von Ribbentrop, und Italiens, Galeazzo Ciano, am 2. November 1938 im Wiener Schloss Belvedere, um über Gebietsansprüche Ungarns gegen die Rest-Tschechoslowakei zu entscheiden — ein direkter Nachklang des Münchener Abkommens. Die ungarische Delegation um Außenminister Kálmán Kánya hatte zuvor vergeblich versucht, die Gebiete in direkten Verhandlungen mit Prag zu erlangen. Der „Erste Wiener Schiedsspruch" spricht Ungarn nun rund 12.000 Quadratkilometer Südslowakei und der Karpatenukraine zu — Gebiete mit gut einer Million Einwohnern, davon etwa 600.000 ethnischen Ungarn, aber auch bedeutende slowakische und ruthenische Minderheiten.

Der Schiedsspruch, den die Rest-Tschechoslowakei mangels Alternativen widerspruchslos hinnehmen muss, festigt das Deutsche Reich in seiner selbstgewählten Rolle als Schiedsrichter über die Landkarte Mitteleuropas und bindet Ungarn zugleich enger an die Achse Berlin–Rom. Wirtschaftlich und militärisch bedeutsame Städte wie Kaschau (Košice) und Ungvár (Uschhorod) fallen an Budapest. Wie schon bei Münchener Abkommen und Olsagebiet zeigt sich: Die Zerschlagung der Tschechoslowakei erfolgt 1938 nicht in einem Schlag, sondern in mehreren, einander bedingenden Schritten — mit Deutschland stets als treibender oder zumindest schiedsrichternder Kraft im Hintergrund.

Konrad Zuse baut den ersten frei programmierbaren Rechner

Nachbau des Zuse Z1, des ersten frei programmierbaren, binären Rechners der Welt
Der Zuse Z1 (spätere Rekonstruktion) — erster frei programmierbarer, binärer Rechner der Welt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Fernab jeder Beachtung durch Partei und Presse vollendet der 28 Jahre alte Bauingenieur Konrad Zuse im Wohnzimmer seiner Eltern in Berlin nach zweijähriger Bastelarbeit den „Z1" — den ersten frei programmierbaren, binären Rechner der Welt. Aus tausenden dünnen Blechplatten, die er selbst zuschneidet, entstehen mechanische Schaltglieder, die Zahlen im Gleitkommaformat verarbeiten; gesteuert wird die Maschine über gelochte 35-Millimeter-Filmstreifen, die Zuse als Programmträger zweckentfremdet. Finanziert hat er das Projekt mit eigenen Ersparnissen, einem kleinen Kredit und der Unterstützung von Freunden, unter ihnen der Funktechniker Helmut Schreyer, der ihm zu einer schnelleren, elektronischen Bauweise rät — ein Rat, den Zuse aus Kostengründen zunächst verwirft.

Der Z1 rechnet unzuverlässig, die filigranen mechanischen Bauteile verklemmen sich häufig, doch das Funktionsprinzip ist tragfähig: Erstmals trennt eine Maschine Rechenwerk, Speicher und Steuerung so konsequent, dass sich beliebige Rechenprogramme eingeben lassen, ohne die Verdrahtung zu ändern. Reichsstellen und Rüstungsindustrie, die 1938 all ihre Mittel in Aufrüstung und Vierjahresplan stecken, nehmen von der Bastelei im Hinterzimmer keine Notiz.

Rekordrausch auf der Autobahn — Caracciolas Höchstgeschwindigkeit, Rosemeyers Tod

Der Mercedes-Benz W125-Rekordwagen von Rudolf Caracciola
Der Mercedes-Benz-W125-Rekordwagen, mit dem Rudolf Caracciola am 28. Januar 1938 Weltrekord fuhr (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Auf der für den Verkehr gesperrten Reichsautobahn zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt liefern sich Mercedes-Benz und Auto Union am 28. Januar ein Wettrennen um den Geschwindigkeitsrekord auf öffentlicher Straße. Am Vormittag erreicht Rudolf Caracciola im stromlinienförmigen Mercedes-Benz-W125-Rekordwagen über den fliegenden Kilometer 432,7 km/h — Weltrekord. Am Nachmittag, bei inzwischen aufkommenden Windböen, verliert Bernd Rosemeyer im Auto-Union-Rekordwagen bei seinem eigenen Rekordversuch auf einer Brücke die Kontrolle über den Wagen; er stirbt sofort. Die Propagandamaschine, die solche Rekordfahrten sonst als Beweis deutscher Ingenieurskunst feiert, muss noch am selben Tag den Tod eines ihrer prominentesten Rennfahrer melden.

Aus heutiger Sicht

Caracciolas Rekord von 432,7 km/h auf einer öffentlichen Straße hält fast 80 Jahre — erst 2017 überbietet ihn ein moderner Supersportwagen bei einer Rekordfahrt auf einer gesperrten Autobahn in Nevada. Rosemeyers Tod am selben Tag macht schon 1938 sichtbar, welchen Preis die von Regime und Industrie gemeinsam betriebene Geschwindigkeitspropaganda fordert.

Max Schmeling versteckt die Brüder Lewin

Porträt von Max Schmeling
Der Boxweltmeister Max Schmeling, Ende der 1930er Jahre (Bundesarchiv Bild 102-09348 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Während in Berlin und im ganzen Reich Synagogen brennen und jüdische Geschäfte geplündert werden, schickt der jüdische Kaufmann David Lewin seine beiden Teenager-Söhne Werner und Henri in die Excelsior-Hotel-Suite eines langjährigen Freundes: des ehemaligen Boxweltmeisters Max Schmeling. Zwei Tage lang versteckt Schmeling die beiden Jugendlichen in seinem Hotelzimmer und teilt Essen und Unterkunft mit ihnen, bis die unmittelbare Gefahr der Verhaftung durch SA und SS vorüber ist.

Der Sportler, den die NS-Propaganda seit seinem Sieg über Joe Louis 1936 als Beweis „arischer" Überlegenheit feiert, riskiert mit der heimlichen Hilfe seine eigene gesellschaftliche Stellung — ein leiser Akt der Zivilcourage, der im Schatten seiner öffentlichen Rolle als Vorzeigesportler des NS-Staates verborgen bleibt.

Fernsehen wird schärfer — die 441-Zeilen-Norm

Der Telefunken-Fernsehempfänger FE VI in Betrieb
Der Telefunken-Fernsehempfänger „FE VI" in Betrieb (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 de)

Seit der Sender „Paul Nipkow" vom Berliner Funkturm 1935 sein Programm ausstrahlt, bleibt das Fernsehen ein Kuriosum für wenige: Private Empfänger kosten zwischen 2.500 und 3.600 Reichsmark — mehr als das Fünfzehnfache eines Monatslohns —, sodass die meisten Zuschauer das flimmernde Bild nur in einer der öffentlichen „Fernsehstuben" verfolgen können, von denen es 1936 bereits 27 im Reich gibt, betrieben von der Reichspost. Am 1. November stellt der Sender auf die neue 441-Zeilen-Norm um — eine deutliche Verbesserung gegenüber dem bisherigen, gröberen Bild. Im selben Sommer beschließt das Reichspostministerium gemeinsam mit der Industrie, einen standardisierten „Einheitsempfänger" in Serie zu bauen, um die Geräte für breitere Kreise erschwinglich zu machen.

Zu sehen gibt es in den Fernsehstuben vor allem Live-Übertragungen aus dem Berliner Fernsehsender-Studio und gelegentliche Filmeinspielungen — ein technisches Wunder, das die meisten Reichsbürger bislang nur vom Hörensagen kennen.

Kilian und Vopel gewinnen das Sechstagerennen von Chicago

Porträt des Radrennfahrers Gustav Kilian
Der Radrennfahrer Gustav Kilian, der mit Heinz Vopel 1938 in Chicago triumphierte (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im waghalsigen Spektakel der amerikanischen Sechstagerennen, bei denen sich Fahrerpaare rund um die Uhr auf einer engen Holzbahn ablösen, dominiert 1938 ein deutsches Duo: Gustav Kilian und Heinz Vopel gewinnen das erste der beiden Chicagoer Sechstagerennen des Jahres und belegen im zweiten den zweiten Platz — eine für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliche Serie von Erfolgen zweier Ausländer in einer Sportart, die dort seit Jahrzehnten Publikumsmagnet ist.

Zurück im Reich wird der sportliche Erfolg umgehend politisch verwertet: Die „Wilhelm-Gustloff-Stiftung" zeichnet die beiden Fahrer mit einer Prämie von 5.000 Reichsmark für ihr „deutsches Auftreten" in den USA aus, Hermann Göring empfängt das Duo persönlich. Kilian selbst stellt im Juni den Antrag auf Aufnahme in die NSDAP; zum 1. August wird er Parteimitglied — sportlicher Ruhm und politische Vereinnahmung gehen 1938 Hand in Hand.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Berlin-Dahlem, 17. Dezember: Die Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann weisen im Kaiser-Wilhelm-Institut erstmals die Kernspaltung des Urans nach — ohne es zunächst zu begreifen; erst die aus dem Reich geflohene Physikerin Lise Meitner, die selbst im Juli 1938 als Jüdin vor der Verfolgung hatte fliehen müssen, liefert im Exil die physikalische Erklärung. Ein Fund, der das Atomzeitalter einläutet — erdacht auch von einer, die das Reich gerade vertrieben hat.
  • In Luckenwalde wie im ganzen Reich ist 1938 das Jahr, in dem aus stiller Entrechtung offene, staatlich gebilligte Gewalt wird.
  • Luckenwalde, 1938: Die von Erich Mendelsohn erbaute Hutfabrik Steinberg, Herrmann & Co. — nach der Vertreibung ihrer jüdischen Eigentümerfamilien 1933/34 an die Norddeutsche Maschinenbau AG verkauft — fertigt in denselben Hallen inzwischen Flugzeugkanonen für Görings Luftwaffe: Aus Hüten sind Rüstungsgüter geworden.
  • New York, 30. Oktober: Orson Welles' Hörspiel-Adaption von H. G. Wells' „Krieg der Welten" versetzt Teile der US-Bevölkerung in echte Massenpanik — viele Hörer halten die fiktive Marsinvasion für eine reale Nachricht und flüchten aus ihren Häusern.
  • 1. Januar: Die neue reichseinheitliche Straßenverkehrs-Ordnung löst den bisherigen Flickenteppich regionaler Verkehrsschilder ab — ab dem 15. April gilt zusätzlich eine eigene Beschilderungsvorschrift für die Reichsautobahnen.
  • 18. April, New York: Das erste Heft „Action Comics" erscheint und stellt der Welt eine neue Figur namens Superman vor — der Beginn des amerikanischen Superheldencomics.
  • 25. Juni, Paris: Der ungarische Erfinder László Bíró lässt sich seinen Kugelschreiber patentieren — bis zur Marktreife und internationalen Verbreitung vergehen noch Jahre.

WIRTSCHAFT · 1938

Die forcierte Aufrüstung im Rahmen des Vierjahresplans hat die Arbeitslosigkeit, die 1933 noch rund 6 Millionen Menschen betraf, bis 1938 auf unter 1 Million gedrückt — in vielen Branchen, vor allem im Bauwesen und der Rüstungsindustrie, herrscht inzwischen sogar Arbeitskräftemangel. Ein durchschnittlicher Industriearbeiter verdient rund 165 Reichsmark im Monat; die Löhne steigen jedoch langsamer als die Arbeitszeit, die durch Überstunden in der Rüstungsproduktion vielfach ausgeweitet wird.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg): 0,37 RM
  • Butter (1 kg): 6,98 RM
  • Milch (1 l): 0,26 RM
  • Bier (1 l): 0,39 RM
  • Eier (1 Stück): 0,11 RM
  • Kaffee (1 kg): 5,27 RM

STIMMEN DER PRESSE · 1938

Die reichsdeutsche Presse ist 1938 vollständig gleichgeschaltet; das folgende Zitat aus einem Leitartikel des Parteiorgans folgt einer direkten Presseanweisung des Propagandaministeriums nach der Ermordung Ernst vom Raths:

„Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, dass in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als ‚ausländische' Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassegenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen." — Völkischer Beobachter, 8. November 1938

Daneben zeichnet eine unabhängige Stimmungsquelle ein anderes Bild: Die aus dem Exil berichtende Sopade (Exil-SPD) sammelt in ihren „Deutschland-Berichten" verdeckte Reaktionen aus dem Reich selbst. Regionale Vertrauensleute melden aus Rheinland, Westfalen, Bayern und Berlin „große Empörung über diesen Vandalismus", aus Schlesien und Danzig, dass „die Exzesse scharf abgelehnt" würden:

„Die Ausschreitungen werden von der großen Mehrheit der Bevölkerung scharf verurteilt." — Sopade-Deutschlandbericht, November 1938

SPORT · 1938

Fernab der europäischen Krisenherde findet vom 4. bis 19. Juni die dritte Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich statt: Titelverteidiger Italien unter Trainer Vittorio Pozzo setzt sich im Finale mit 4:2 gegen Ungarn durch und behält den WM-Pokal. Für das Deutsche Reich wird das Turnier zum Debakel — und zur politischen Peinlichkeit: Weniger als drei Monate nach dem „Anschluss" zwingt die NSDAP-Parteiführung gegen den Willen von Reichstrainer Sepp Herberger die Bildung einer „großdeutschen Mannschaft" aus sechs deutschen und fünf österreichischen Spielern, obwohl Österreichs eigenes Team sich sportlich qualifiziert hatte. Im Achtelfinale gegen die Schweiz führt die Mannschaft zunächst 2:0, gerät dann aber ins Wanken: Das Spiel endet nach Verlängerung 1:1, der Wiener Johann Pesser fliegt vom Platz. Im Wiederholungsspiel unterliegt das Team erneut nach 2:0-Führung noch mit 2:4 — nie zuvor war für eine deutsche Auswahl bei einer Weltmeisterschaft nach nur zwei Partien schon Schluss. Im Schatten der Weltpolitik bleibt der sportliche Wettstreit für das Reich diesmal nur eine blamable Randnotiz.

MODE · 1938

Die Kriegsvorbereitung des Reiches erreicht auch die Kleiderschränke: Im Rahmen des Vierjahresplans schreiben Fasermaterial-Verordnung (1934) und Textilstoffgesetz (1935) den verstärkten Einsatz einheimischer Rohstoffe vor — echte Wolle und Baumwolle werden knapp, dafür wächst die Produktion von Zellwolle und Kunstseide in Werken wie der Kurmark Zellwolle- und Zellstoff-AG rasant. Zugleich verschwindet aus der deutschen Modebranche, wer sie einst mitgeprägt hat: Rund um den Berliner Hausvogteiplatz, jahrzehntelang Zentrum der von jüdischen Unternehmern getragenen Konfektionsindustrie, sind die meisten Betriebe seit 1933 boykottiert, „arisiert" oder ganz verschwunden. Auf den Straßen bleibt das von Regime und Deutschem Modeamt verordnete Trachten-Ideal die offizielle Linie, gedacht als Gegenentwurf zu „welschem" Modediktat aus Paris — während Hollywood-Glamour im Kino weiterhin die heimliche Sehnsucht vieler bleibt.

KINO & FUNK · 1938

Am 20. April — Hitlers 49. Geburtstag — feiert im Berliner Ufa-Palast am Zoo der zweite Teil von Leni Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Schönheit" Premiere, ein knappes Jahr nach dem ersten Teil „Fest der Völker"; die propagandistisch inszenierte Ästhetik der Olympischen Spiele 1936 bleibt damit noch weit ins Jahr 1938 hinein im Kinoprogramm präsent. Auf der Leinwand dominiert daneben weiterhin Zarah Leander, die mit „Heimat" und „Der Blaufuchs" zwei weitere Erfolge feiert und zur meistbeschäftigten Filmdiva des Jahres wird.

Im Rundfunk sorgt vor allem ein neues, billiges Gerät für Gesprächsstoff: Der „Deutsche Kleinempfänger 1938" (DKE 38), im Volksmund wegen seines schnauzenförmigen Lautsprechergitters bald „Goebbels-Schnauze" genannt, kommt für nur 35 Reichsmark auf den Markt — deutlich günstiger noch als der „Volksempfänger" von 1933 — und verkauft sich binnen des Jahres rund 2,5 Millionen Mal, womit das Regime seine propagandistische Reichweite bis in die entlegensten Haushalte ausdehnt.

GESTORBEN · 1938

  • Bernd Rosemeyer (28), Rennfahrer — 28. Januar, Reichsautobahn bei Frankfurt am Main (tödlicher Unfall bei einer Rekordfahrt).
  • Carl von Ossietzky (48), Publizist und Friedensnobelpreisträger — 4. Mai, Berlin.
  • Ödön von Horváth (36), Schriftsteller — 1. Juni, Paris (von einem herabstürzenden Ast erschlagen).
  • Ernst Barlach (68), Bildhauer, als „entartet" verfolgt — 24. Oktober, Rostock.
  • Mustafa Kemal Atatürk (57), Staatsgründer der Türkei — 10. November, Istanbul.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Enrico Fermi flieht mit dem Nobelpreis in die Freiheit (10. Dezember 1938). In Stockholm nimmt der italienische Physiker den Nobelpreis für Physik entgegen — und nutzt die Reise sogleich zur Flucht in die USA, denn Mussolinis neue Rassengesetze bedrohen seine jüdische Frau Laura; am selben Tag wird die Schriftstellerin Pearl Buck mit dem Literaturnobelpreis geehrt.
  • Der erste Kindertransport rettet jüdische Kinder aus Berlin (1. Dezember 1938). Vom Anhalter Bahnhof — Ausgangspunkt derselben Bahnstrecke, die auch über Luckenwalde nach Süden führt — bringt ein Zug 196 jüdische Kinder über die Niederlande nach Großbritannien in Sicherheit; bis Kriegsbeginn rettet die Aktion rund 10.000 Kindern das Leben.

DAS WETTER · 1938 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 21,1 °C, in der Nacht 13,5 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 5,5 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C — gut 0,6 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 34 °C am 8. Juli, kältester −17 °C am 19. Dezember. 8 Hitzetage (≥30 °C), 20 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 544 mm.

Der Winter 1937/38 blieb ungewöhnlich mild — nur sieben Tage mit strengem Frost.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1938

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Kann denn Liebe Sünde sein — Zarah Leander
  2. Der Wind hat mir ein Lied erzählt — Zarah Leander
  3. Von der Puszta will ich träumen — Zarah Leander
  4. Eine Frau wird erst schön durch die Liebe — Zarah Leander
  5. Ich brech' die Herzen der stolzesten Frau'n — Heinz Rühmann
  6. Roter Mohn — Rosita Serrano
  7. Kornblumenblau — Willy Schneider
  8. O mia bella Napoli — Rudi Schuricke-Terzett
  9. Eine Insel aus Träumen geboren — Rudi Schuricke
  10. Der Onkel Doktor hat gesagt — Peter Igelhoff
  11. Land in Sicht — Marika Rökk
  12. In einer Nacht im Mai — Marika Rökk
  13. Und die Musik spielt dazu — Rosita Serrano
  14. Küß mich, bitte, bitte, küß mich — Rosita Serrano
  15. Gute Nacht, Mutter — Wilhelm Strienz
  16. Das Fräulein Gerda — Die Metropol Vocalisten
  17. Spatzenkonzert — Die goldene Sieben & Peter Igelhoff
  18. Traumwalzer — Eric Helgar
  19. Vieni, Vieni — Heinz Wehner & sein Tanzorchester
  20. Sag' mir nicht Adieu — Zarah Leander

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Novemberpogrom in Kiel: Die Synagoge an der Goethestraße brennt

Die jüdische Gemeinde in Kiel zählte 1933 etwas über 600 Mitglieder und war nach Altona die zweitgrößte in Schleswig-Holstein; rund die Hälfte besaß die polnische Staatsangehörigkeit. Am 29. Oktober waren die polnischen Juden aus Kiel ausgewiesen worden, sie konnten zurückkehren, weil sich Deutschland und Polen einigten. Am 10. November sprechen die „Nordische Rundschau“ und die „Kieler Neuesten Nachrichten“ von „spontanen judenfeindlichen Kundgebungen“. Gelenkt wurde die Aktion von SA, SS und Gestapo auf Befehl; die Weisung gab am Abend des 9. November SA-Obergruppenführer Joachim Meyer-Quade, Führer der SA-Gruppe Nordmark und Kieler Polizeipräsident, telefonisch aus München an seinen Stabsführer Carsten Volquardsen in Kiel.

Gegen 3 Uhr nachts sammeln sich SA- und SS-Männer und Parteimitglieder auf dem „Adolf-Hitler-Platz“, dem Rathausplatz. Wer Uniform trägt, erhält im Rathaus eine Bürojacke zur Tarnung. Lastwagen bringen Benzinkanister zur Synagoge Ecke Goethestraße und Humboldtstraße, die 1910 eingeweiht wurde. Die Innenräume werden zertrümmert und mit Benzin und Sprengstoff in Brand gesetzt. Der Feuerwehr ist das Löschen zunächst verboten, erst nach der Detonation darf sie eingreifen. Mindestens elf Geschäfte und eine unbekannte Zahl von Wohnungen werden demoliert.

Am Morgen überfällt die SA Paul Leven und Gustav Lask, Mitglied des Gemeindevorstands; beide werden misshandelt und angeschossen und überleben. 58 jüdische Bürger im Alter von 17 bis 72 Jahren werden verhaftet. Nach der Freilassung der „Ostjuden“ kommen die übrigen mit anderen Juden aus Schleswig-Holstein in das Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg.

Aus heutiger Sicht

Die Stadt kaufte Ruine und Grundstück 1939 für 20.000 Reichsmark; geschätzt war die Synagoge zuvor auf rund 200.000. Eine Tafel erinnerte seit 1968 an sie, 1989 folgte das Mahnmal von Doris Waschk-Balz in der Goethestraße 13. Mindestens 239 jüdische Kieler wurden nachweislich Opfer des Nationalsozialismus; die tatsächliche Zahl lag deutlich höher.

„Prinz Eugen“ läuft bei der Germaniawerft vom Stapel

Auf der Fried. Krupp Germaniawerft in Gaarden läuft am Montag der Schwere Kreuzer „Prinz Eugen“ vom Stapel. Die Taufe vollzieht Magdolna von Horthy, die Gattin des ungarischen Reichsverwesers; die Taufrede hält der Reichsstatthalter in Österreich, Arthur Seyß-Inquart. Anwesend sind Reichskanzler Hitler, Reichsverweser Miklós Horthy und Generaladmiral Raeder. Horthy hatte im Weltkrieg, Anfang 1918, das Linienschiff „Prinz Eugen“ der österreichisch-ungarischen Flotte kommandiert. Zehntausende stehen auf den Straßen, auf dem Bahnhofsplatz und auf der Bellevue-Brücke.

Nach der Feier fährt Horthy mit Raeder auf der Stationsjacht „Nixe“ nach Laboe und legt am Marine-Ehrenmal einen Kranz nieder. Auf dem Ostufer der Förde bis hinauf nach Laboe wehen die Fahnen des Reiches und Ungarns. Danach geht Horthy an Bord des Aviso „Grille“, auf dem sich auch Hitler befindet, zur Flottenparade in der Kieler Bucht: mehr als 110 Einheiten, darunter das Schlachtschiff „Gneisenau“. Frau von Horthy verfolgt sie mit Ehrengästen vom HAPAG-Schiff „Patria“.

Aus heutiger Sicht

Der Besuch war eine außenpolitische Inszenierung der Aufrüstung nach dem „Anschluss“ Österreichs. Der Name „Prinz Eugen“ war als Geste an Österreich und Ungarn gedacht. Das Marine-Ehrenmal in Laboe, 1936 eingeweiht, wurde in der NS-Zeit ideologisch vereinnahmt. Der Kreuzer nahm im Krieg an der „Rheinübung“ und am „Kanaldurchbruch“ teil und überstand den Krieg.

Dachstuhlbrand im Kieler Schloss

Das Kieler Schloss, Blick über die Förde auf den Ostflügel
Der Ostflügel des Kieler Schlosses, Blick über die Förde, Aufnahme von 1893 (Wilhelm Dreesen, gemeinfrei)

Am Dienstagabend gerät der Dachstuhl des Ostflügels des Kieler Schlosses in Brand. Das Feuer greift auf den Teil zwischen Flaggen- und Glockenturm über. In dem Flügel sind die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek und Polizeidienststellen untergebracht; wertvolle Bestände werden ins Freie geschafft.

Löschzüge der Werften, SA, SS, andere Parteiformationen und die Kriegsmarine unterstützen die Feuerwehr. Motorpumpen speisen die Schlauchleitungen aus dem Hafen, die Landungsbrücke der Dampferverkehrsgesellschaften wird abgesperrt. Eine große Zahl von Löschmannschaften muss mit schweren Rauchvergiftungen abtransportiert werden. Gegen Mitternacht ist das Feuer auf seinen Herd beschränkt, kurz danach gelöscht. Das benachbarte „altgermanische Museum“ bleibt trotz Funkenflugs verschont.

Der gesamte Dachstuhl ist vernichtet, die darunterliegenden Stockwerke sind schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das Schloss brannte schon einmal, vor beinahe genau hundert Jahren, 1838. Die Ursache des jetzigen Brandes steht noch nicht fest, die Ermittlungen sind im Gange.

Kieler Woche: Ein Schwede gewinnt den Reichskanzlerpreis

Auto-Blumenkorso auf dem Hindenburgufer
Auto-Blumenkorso auf dem Hindenburgufer, Kieler Woche 1938 (Fritz Hübner, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Die Kieler Woche wird am Sonnabend, dem 18. Juni, „unter ausgezeichneter internationaler und deutscher Beteiligung“ eröffnet. Am zweiten Tag sorgt ein stetiger Südwind für „völlig einwandfreie Wettfahrten“.

In der 6mR-Klasse siegt am Sonntag das schwedische Boot „Tidsfördrif II“ von Ewald Elander vor „Irmi V“ des Kielers Dr. H. Lubinus; am Dienstag, dem 21. Juni, gewinnt „Tidsfördrif II“ auch den Reichskanzlerpreis. Bei den 8mR gewinnt „Germania III“ von Dr. Krupp von Bohlen und Halbach auch die zweite Wettfahrt und damit den Preis des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. In der Starbootklasse wird der Italiener Salata, Europameister von 1936, mit seinem Boot „Castore“ in einer Wettfahrt Dritter.

An Land laufen in der Herzog-Friedrich-Straße die Vorbereitungen, und ein Auto-Blumenkorso fährt von der Kösterallee über das Hindenburgufer bis zum Signalturm.

KURZ NOTIERT · Kiel 1938

  • 5. Februar — Die Ascheberger, die Eutiner, die Lensahner und die Oldenburger Straße erhalten ihre Namen.
  • 18. März — Der Maler und Grafiker Julius Fürst stirbt in Kiel.
  • 21. Mai — Das Schlachtschiff „Gneisenau“ wird am Probefahrtskai der Deutschen Werke AG um 12 Uhr durch Kapitän zur See Erich Förste in Dienst gestellt, mit einer kurzen militärischen Feier.
  • 20. Juni — Die Fried. Krupp Germaniawerft AG in Gaarden feiert die Grundsteinlegung für ein Bauvorhaben an der Ostseite des Germaniarings.
  • Anfang August — Ein U-Boot auf dem Weg aus der Ostsee in die Kieler Förde sichtet einen schwimmenden Rehbock. Der Kommandant lässt beidrehen und das Beiboot aussetzen. Der ermattete Bock weicht mehrfach aus, wird aber eingeholt, in Wolldecken gehüllt und an Heizkörpern getrocknet; warme Milch lehnt er entschieden ab. Weil sich in Kiel keine Gelegenheit zum Absetzen findet, fährt er bis Neustadt in der Lübecker Bucht mit, wo ihn ein Besatzungsmitglied im Auto in den Wald bringt. Im Tauchtagebuch von „U 2“ steht unter „Eingeschifft“: „Oskar“, ein Rehbock.
  • 22./23. August — Ein Händler lässt in Kiel einen Packen Postkarten mit dem Bild Horthys und seiner Gemahlin mit dem Sonderstempel des Stapellaufs abstempeln und bietet sie beim Besuch des Reichsverwesers in Hamburg als philatelistische Besonderheit an.
  • 8. Dezember — Bei den Deutschen Werken läuft um 13.15 Uhr der Flugzeugträger „Graf Zeppelin“ vom Stapel. Taufpatin ist Gräfin Hella von Brandenstein-Zeppelin, die Taufrede hält Generalfeldmarschall Göring; Hitler und Generaladmiral Raeder sind anwesend. Zu starker Wind hatte den Stapellauf zunächst in Frage gestellt.

RUND UM DIE FÖRDE · 1938

  • 15. Mai, Preetz — Die Kleinbahn Kirchbarkau–Preetz–Lütjenburg stellt den Personenverkehr zwischen Preetz und Lütjenburg ein, zugleich den gesamten Güterverkehr der Strecke. Der Abschnitt Kirchbarkau–Preetz Kleinbahnhof–Seekrug wird abgebaut.
  • 2. September, Plön — Zum 50. Geburtstag des Dichters Hans Friedrich Blunck bringen Erzieher und über 200 „Jungmannen“ der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt im Plöner Schloss ihm am Vorabend einen Fackelzug. Der Leiter der Anstalt, Oberführer Brunck, trägt Blunck die Ehrenkameradschaft der Anstalt an; das neu eingerichtete Bibliothekszimmer im Schloss erhält den Namen „Hans-Friedrich-Blunck-Zimmer“.

SPORT AN DER FÖRDE · 1938

  • Holstein Kiel — In der Gauliga Nordmark 1937/38 belegt Holstein Kiel mit 12 Siegen, 1 Remis und 9 Niederlagen bei 65:50 Toren und 25:19 Punkten den 4. Platz unter zwölf Mannschaften. Meister wird der Hamburger SV vor dem Eimsbütteler TV und dem SV Polizei Lübeck. Gespielt wird auf dem Holstein-Platz.
  • THW Kiel — Die Handballer des THW Kiel sind 1938 wie schon 1937 Vizemeister der Gauliga Nordmark hinter Oberalster VfW aus Hamburg.
  • Segeln — Bei der Starboot-Europameisterschaft auf der Kieler Außenförde im Juli werden in der ersten Wettfahrt 18 Boote aus sechs Nationen gezählt. Im Schlussrennen am Donnerstag, dem 21. Juli, wird Agostino Straulino aus Italien Europameister vor dem Holländer Bob Maas; Italien holt den Titel nach einjähriger Pause zurück und war mit sieben Booten nach Kiel gekommen. Die Schiedsrichter verhandeln drei Einsprüche von Maas bis in die Nacht, Cosentino aus Neapel wird ausgeschlossen.
  • Marine-Pokal — Bei den IV. Internationalen Marine-Pokal-Wettfahrten auf der Kieler Förde segeln im Juli Marineoffiziere aus elf Nationen; die deutsche Mannschaft mit Oberleutnant zur See Koppenhagen am Steuer, Kapitänleutnant Merten und Leutnant zur See Christiansen gewinnt am Donnerstag, dem 14. Juli, auch die vierte Wettfahrt und damit das Jahresanrecht auf den Hindenburg-Erinnerungspokal.

DAS WETTER · 1938 in Kiel

An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Neumünster, rund 28 km südsüdwestlich von Kiel im Binnenland gelegen, eine Höchsttemperatur von 18,9 °C, einen Tiefstwert von 11,9 °C und ein Tagesmittel von 14,8 °C; es fielen 0,6 mm Niederschlag.

Das Jahr über: Das Jahresmittel lag bei 9,5 °C. Der wärmste Tag war der 31. Juli mit 31,6 °C, der kälteste mit einem Tiefstwert von −14,8 °C der 20. Dezember. Es gab 8 Hitzetage, 29 Sommertage, 15 Eistage und 56 Frosttage. Im Jahr fielen 683 mm Niederschlag.

(Messwerte der DWD-Station Neumünster. Quelle: DWD Climate Data Center.)