DER CHRONIST

Das erste volle Kriegsjahr: Kaum ist im März der finnische Winterkrieg beendet, bricht die Wehrmacht binnen weniger Monate halb Westeuropa auf — Dänemark und Norwegen im April, die Niederlande, Belgien und Frankreich im Mai und Juni. Der Sieg über Frankreich wird im Reich als Triumph gefeiert, während sich über England die Luftwaffe festbeißt und Italien mit eigenen Feldzügen im Mittelmeer und auf dem Balkan nachzieht. Im Osten rückt die Sowjetunion in die baltischen Staaten ein und lässt im Wald von Katyn Tausende polnische Offiziere ermorden, während im oberschlesischen Auschwitz ein neues Lager entsteht und Warschaus jüdische Bevölkerung hinter einer Mauer eingeschlossen wird. Zum Jahresende besiegelt der Dreimächtepakt das Bündnis von Berlin, Rom und Tokio. Und in Luckenwalde selbst füllt sich das Stalag III A mit Zehntausenden Kriegsgefangenen aus halb Europa.

Die Schlagzeilen des Jahres

Überfall auf Dänemark und Norwegen

Der schwere Kreuzer Admiral Hipper vor Norwegen, 1940
Der schwere Kreuzer „Admiral Hipper“ vor Norwegen, 1940 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Vorausgegangen war im Februar der „Altmark"-Zwischenfall: Ein britischer Zerstörer befreite in norwegischen Hoheitsgewässern deutsche Gefangene von Bord des Versorgungsschiffs „Altmark" — ein Vorgang, der in Berlin als Beleg gewertet wird, dass London die norwegische Neutralität zu verletzen bereit sei, um die kriegswichtigen schwedischen Erzlieferungen über den eisfreien Winterhafen Narvik zu kappen. In den frühen Morgenstunden des 9. April greift die Wehrmacht daraufhin ohne Kriegserklärung Dänemark und Norwegen an — „Unternehmen Weserübung". Dänemark kapituliert noch am selben Tag; in Norwegen landen deutsche Verbände gleichzeitig in Oslo, Bergen, Trondheim, Kristiansand und Narvik. Vor Oslo versenkt die norwegische Festung Oscarsborg mit ihren aus deutscher Krupp-Produktion des 19. Jahrhunderts stammenden Kanonen den schweren Kreuzer „Blücher"; der Zeitgewinn erlaubt König Haakon VII. und der Regierung die Flucht und rettet das norwegische Staatsgold vor dem Zugriff. Der norwegische Politiker Vidkun Quisling ruft am selben Tag eine Marionettenregierung aus — sein Name wird seither zum Synonym für „Kollaborateur". Bei Narvik liefern sich deutsche und britische Zerstörer schwere Gefechte; ein britisch-französisches Expeditionskorps erobert die Stadt Ende Mai zurück, muss sie aber wegen des Zusammenbruchs an der Westfront bereits am 8. Juni wieder räumen. Truppen und Alliierte leisten erbitterten Widerstand, bis Norwegen am 10. Juni aufgibt. Die Kriegsmarine erkauft sich die Kontrolle über die norwegischen Fjorde und Atlantikstützpunkte teuer: Rund zehn Zerstörer gehen vor Narvik verloren, ein schwerer Aderlass für die spätere Handelskriegsführung. Der Krieg, bislang auf Polen und den „Sitzkrieg" im Westen beschränkt, greift damit erstmals auf Skandinavien über.

Westfeldzug — Blitzkrieg gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich

Der Waffenstillstand im Wald von Compiègne, Juni 1940
Der Waffenstillstand im Wald von Compiègne, Juni 1940 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 10. Mai, um 5.35 Uhr, beginnt der „Fall Gelb": Deutsche Truppen fallen in die Niederlande, Belgien und Luxemburg ein, Fallschirmjäger besetzen Brücken und Flugplätze im Hinterland. Die Niederlande kapitulieren bereits am 14. Mai — tags zuvor hat die Luftwaffe Rotterdam in Schutt gelegt —, Belgien folgt am 28. Mai. Während alliierte Kräfte diesen nördlichen Vorstoß für den Hauptangriff halten, führt der eigentliche Schlag nach dem Plan General Erich von Mansteins durch die als unpassierbar geltenden Ardennen: Panzerkorps unter Heinz Guderian überqueren am 13. Mai bei Sedan die Maas, durchbrechen die französische Front und stoßen in einem „Sichelschnitt" zur Kanalküste durch — die Maginot-Linie wird so umgangen, nicht durchbrochen. Das britische Expeditionskorps und Teile der französischen Armee werden bei Dünkirchen eingeschlossen; Hitlers „Haltebefehl" vom 24. Mai verschafft den Eingeschlossenen Verschnaufpause, sodass in der „Operation Dynamo" vom 26. Mai bis 4. Juni mit rund 900 Schiffen und Booten aller Art über 338.000 Soldaten — darunter etwa 198.000 Briten — nach England gerettet werden, wenn auch ohne ihr schweres Gerät. Am 14. Juni zieht die deutsche Armee in Paris ein, das zur offenen Stadt erklärt worden war; die französische Regierung flieht über Tours nach Bordeaux, Ministerpräsident Paul Reynaud tritt zurück, sein Nachfolger Philippe Pétain bittet um Waffenstillstand. Am 22. Juni unterzeichnet Frankreich in Compiègne — im selben Eisenbahnwagen 2419D, in dem 1918 der deutsche Waffenstillstand unterzeichnet worden war — den Waffenstillstand; er tritt am 25. Juni in Kraft und teilt das Land in ein besetztes Nordfrankreich sowie einen unbesetzten Rest-Staat mit Regierungssitz in Vichy unter Pétain. Im Reich herrscht Siegestaumel; für die besetzten Länder beginnt eine Zeit der Not.

Aus heutiger Sicht

Der Begriff „Blitzkrieg", den auch die deutsche Presse 1940 begeistert übernimmt, stammt ursprünglich aus der angelsächsischen Kriegsberichterstattung — die US-Zeitschrift „Time" prägt ihn bereits im September 1939. Seit Kriegsbeginn steuert das Reichspropagandaministerium mit täglichen „Sprachregelungen" der Reichspressekonferenz, was Zeitungen schreiben dürfen; die einheitliche „Deutsche Wochenschau", ab Juni 1940 unter der persönlichen Kontrolle von Goebbels und Hitler produziert, ersetzt ab diesem Jahr sämtliche konkurrierenden Kinojournale. Vom „Sieg" ist in solchen Quellen stets die Rede, von den eigenen Verlusten so gut wie nie.

Luftschlacht um England und der „Blitz" gegen London

Die St Paul’s Cathedral über den Rauchwolken des Blitz, London 1940
Die St Paul’s Cathedral über den Rauchwolken des „Blitz“, London 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem Sieg im Westen bleibt Großbritannien unbezwungen — für die geplante Landung „Unternehmen Seelöwe" braucht die Wehrmacht zunächst die Lufthoheit über dem Kanal. Im Juli beginnt mit dem „Kanalkampf" die Luftschlacht um England: Die Luftwaffe unter Hermann Göring greift zunächst Geleitzüge und Häfen an, ab dem „Adlertag" am 13. August dann gezielt Flugplätze, Radarstationen und Fabriken der Royal Air Force, um deren Jagdverbände am Boden zu vernichten. Doch Air Chief Marshal Hugh Dowding hält mit einem engmaschigen Netz aus Radarstationen — dem „Dowding System" — und den Jägern Spitfire und Hurricane gegen die deutschen Bf 109 und Bf 110 dagegen. Nachdem deutsche Bomber in der Nacht zum 25. August versehentlich London bombardieren und die RAF mit einem Gegenschlag auf Berlin antwortet, verlagert die Luftwaffe ab 7. September ihre Angriffe systematisch auf London und andere Großstädte — der „Blitz". 56 von 57 aufeinanderfolgenden Nächten wird die britische Hauptstadt bombardiert, Zehntausende Menschen suchen Schutz in den U-Bahn-Schächten; am 14. November trifft ein verheerender Angriff die Industriestadt Coventry und legt deren mittelalterliche Kathedrale in Schutt. Doch die Royal Air Force behauptet die Lufthoheit: Bis Ende Oktober verliert die Luftwaffe fast 1.900 Flugzeuge, die RAF gut 1.000 — für die Invasion zu hohe Verluste. Hitler verschiebt „Seelöwe" am 17. September zunächst, dann auf unbestimmte Zeit. Erstmals seit Kriegsbeginn stößt die Wehrmacht an eine Grenze.

Der Dreimächtepakt — Berlin, Rom, Tokio

Unterzeichnung des Dreimächtepakts, September 1940
Unterzeichnung des Dreimächtepakts, September 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 27. September unterzeichnen das Deutsche Reich, Italien und Japan im Berliner Reichskanzlerpalais, verhandelt von Außenminister Joachim von Ribbentrop, dem italienischen Grafen Galeazzo Ciano und dem japanischen Sondergesandten Saburō Kurusu, den Dreimächtepakt. Er baut auf dem Anti-Komintern-Pakt von 1936 und dem deutsch-italienischen „Stahlpakt" vom Mai 1939 auf: Man verpflichtet sich zu gegenseitigem Beistand, falls eine der drei Mächte von einer bislang nicht am Krieg beteiligten Macht angegriffen wird — eine unverhohlene Warnung an die Vereinigten Staaten — und steckt die Interessensphären für ein „neues Europa" und „Großostasien" ab. Noch im November schließen sich unter deutschem Druck Ungarn (20. November), Rumänien (23. November) und die Slowakei (24. November) dem Pakt an. Er markiert die Formierung der Achsenmächte, die den Krieg endgültig zum Weltkrieg werden lässt.

Aus heutiger Sicht

Die im Pakt formulierte Warnung an die Vereinigten Staaten verfehlt ihre Wirkung gründlich: Als Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor angreift, verpflichtet der rein defensiv formulierte Dreimächtepakt das Deutsche Reich streng genommen gar nicht zum Kriegseintritt — Hitler erklärt den USA dennoch vier Tage später, am 11. Dezember 1941, aus freien Stücken den Krieg. Der Schritt gilt Historikern bis heute als einer der folgenreichsten strategischen Fehler des gesamten Krieges.

5 · Aus der Region — Stalag III A Luckenwalde füllt sich mit Kriegsgefangenen

Kriegsgefangene nach dem Westfeldzug, Mai 1940 Kriegsgefangene nach dem Westfeldzug, Mai 1940 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Direkt vor der eigenen Haustür wird der Westfeldzug greifbar. Das Stalag III A südlich Luckenwaldes besteht bereits seit dem Überfall auf Polen: Die ersten, polnischen Kriegsgefangenen bezogen hier im September 1939 notdürftig Zeltlager, ehe im Winter die ersten Baracken entstanden. Nach dem Sieg über die Niederlande und Belgien treffen im Frühsommer zunächst niederländische und belgische Gefangene ein, bleiben aber nur kurz. Ab dem Sommer strömen rund 40.000 französische Kriegsgefangene ins Lager — sie werden bis Kriegsende die größte Gruppe stellen. Das ursprünglich für rund 10.000 Mann ausgelegte, größte Lager des Wehrkreises III (Berlin-Brandenburg) platzt damit aus allen Nähten; über 1.000 Arbeitskommandos verteilen die Gefangenen bald über ganz Brandenburg — zur Zwangsarbeit in Landwirtschaft, Forst und Industrie. Was in Berlin als „Blitzsieg" gefeiert wird, bedeutet für Zehntausende Männer aus dem Westen: Gefangenschaft mitten in der Mark. Bis Kriegsende werden im Stalag III A und seinen Außenkommandos Angehörige von mehr als zehn kriegführenden Nationen interniert gewesen sein — mit den Franzosen von 1940 beginnt diese Geschichte ihren größten Abschnitt.

Aus heutiger Sicht

Nur rund 60 Kilometer von Luckenwalde entfernt beginnt im selben Jahr ein ganz anderes, geheim gehaltenes Kapitel des NS-Terrors: Anfang Januar 1940 lässt die „Aktion T4" im Alten Zuchthaus von Brandenburg an der Havel die erste Probevergasung behinderter und psychisch kranker Menschen durchführen, ab Februar folgt die systematische Ermordung. Bis Oktober 1940 sterben dort mehr als 9.000 Menschen — mitten in derselben Mark Brandenburg, in der zeitgleich Kriegsgefangene aus halb Europa im Stalag III A interniert werden.

Friede von Moskau beendet den Winterkrieg

Der finnische Außenminister Väinö Tanner verkündet im Rundfunk das Kriegsende, 1940
Außenminister Väinö Tanner verkündet im Rundfunk den Friedensschluss von Moskau, März 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach 105 Tagen erbitterten Widerstands unterzeichnen Finnland und die Sowjetunion in Moskau den Friedensvertrag, der den seit dem 30. November 1939 tobenden „Winterkrieg" beendet. Für die Sowjetseite verhandeln Wjatscheslaw Molotow, Andrei Shdanow und Alexander Wassilewski, für Finnland Ministerpräsident Risto Ryti und der Diplomat Juho Kusti Paasikivi. Finnland muss ganz Karelien samt der Stadt Viipuri (Wyborg), Teile von Salla sowie einige Inseln im Finnischen Meerbusen abtreten — rund elf Prozent seines Staatsgebiets und knapp ein Drittel seiner wirtschaftlichen Vorkriegsleistung. Zudem muss Helsinki der Sowjetunion die Halbinsel Hanko für dreißig Jahre als Flottenstützpunkt überlassen.

Trotz der schmerzhaften Gebietsverluste gilt der Friede in Finnland selbst als Erfolg: Die zahlenmäßig weit unterlegene finnische Armee hatte der Roten Armee erhebliche Verluste zugefügt und die staatliche Unabhängigkeit bewahrt — anders als die baltischen Nachbarstaaten, denen im Sommer dieses Jahres die vollständige Einverleibung droht. Für Moskau bestätigt der Krieg zugleich schmerzlich die eigenen militärischen Schwächen, die Stalin in den folgenden Monaten zu hastigen Reformen der Roten Armee veranlassen.

Massaker von Katyn

Postkarte an einen der in Katyn ermordeten polnischen Offiziere
Postkarte an einen der später in Katyn ermordeten polnischen Offiziere im Lager Kozielsk, gefunden auf einem der Opfer (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Wald von Katyn, rund 20 Kilometer westlich von Smolensk, erschießen Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zwischen dem 3. April und dem 11. Mai etwa 4.400 gefangene polnische Offiziere — Männer, die seit der sowjetischen Besetzung Ostpolens im September 1939 in Lagern interniert waren. Grundlage ist ein am 5. März von Josef Stalin und den Politbüromitgliedern Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch, Kliment Woroschilow, Anastas Mikojan, Lawrenti Beria und Michail Kalinin unterzeichneter Exekutionsbefehl.

Katyn ist nur einer von mehreren Tatorten: An mindestens fünf Orten in Russland, der Ukraine und Weißrussland werden im Frühjahr 1940 insgesamt 22.000 bis 25.000 polnische Berufs- und Reserveoffiziere, Polizisten, Priester und Angehörige der Intelligenz ermordet — im Wald bei Mednoje allein rund 6.300 weitere Offiziere und Polizisten. Ziel ist die systematische Auslöschung der polnischen Führungsschicht, um jeden künftigen Widerstand gegen eine sowjetische Kontrolle des Landes im Keim zu ersticken. Die Sowjetunion bestreitet die Tat jahrzehntelang und schiebt sie der deutschen Wehrmacht in die Schuhe, die die Massengräber 1943 entdeckt und öffentlich macht; erst 1990 räumt Moskau die eigene Verantwortung ein. 1940 bleibt das Verbrechen ein von der Weltöffentlichkeit unbemerktes, sorgsam verborgenes Kapitel des Krieges im Osten.

Gründung des Konzentrationslagers Auschwitz

Das Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei" am Lager Auschwitz I
Das im Mai/Juni 1940 eingerichtete Stammlager Auschwitz I mit dem Tor „Arbeit macht frei" (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Im oberschlesischen Auschwitz (Oświęcim) richtet die SS im Mai ein Konzentrationslager für polnische politische Gefangene ein — Anlass ist die schiere Masse der nach der Besetzung Polens Inhaftierten, für die die bestehenden Gefängnisse längst nicht mehr ausreichen. Am 20. Mai trifft mit 30 deutschen Kriminellen, die als Funktionshäftlinge Aufsicht führen sollen, der erste Transport ein. Als eigentlicher Beginn der Lagergeschichte gilt der 14. Juni: An diesem Tag treffen 728 polnische politische Gefangene aus dem Gefängnis von Tarnów ein — die Häftlingsnummern 31 bis 759.

Rudolf Höß, seit Mai Lagerkommandant, baut die frühere polnische Kaserne systematisch zum Terror- und Zwangsarbeitslager aus. Von den überwiegend christlichen Gefangenen aus Tarnów überleben nur rund 200 den Krieg. Was 1940 als Straf- und Arbeitslager für polnische Widerständler, Intellektuelle und Geistliche beginnt, wird binnen weniger Jahre zum größten Vernichtungsort des NS-Regimes ausgebaut.

Italiens Kriegseintritt

Titelseite der Zeitung „Dolomiten" vom 11. Juni 1940 zum italienischen Kriegseintritt
Die Südtiroler Zeitung „Dolomiten" meldet am 11. Juni 1940 triumphierend Mussolinis Kriegserklärung an Frankreich und Großbritannien (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Am Abend des 10. Juni tritt Italien in den Krieg ein: Außenminister Galeazzo Ciano übergibt in Rom den Botschaftern Frankreichs und Großbritanniens die Kriegserklärung, wenig später verkündet Benito Mussolini vom Balkon des Palazzo Venezia in einer Rede an die aufgebotene Menge den Schritt. Der Zeitpunkt ist kalkuliert: Erst der bereits abzusehende Zusammenbruch Frankreichs bringt den Duce dazu, den seit dem „Stahlpakt" von Mai 1939 zugesagten Beistand einzulösen — er will am Verhandlungstisch als Sieger sitzen, nicht als Zaungast eines fremden Triumphs.

Schon am 21. Juni eröffnet die italienische Armee entlang der Alpengrenze eine kurze, wenig erfolgreiche Offensive gegen die bereits geschlagenen französischen Stellungen. Die faktische militärische Bedeutungslosigkeit dieses späten Kriegseintritts steht in scharfem Kontrast zu seinen politischen Folgen: Italien sichert sich einen Platz unter den Siegermächten des Westfeldzugs, gerät zugleich aber zunehmend in die Abhängigkeit vom deutschen Verbündeten, dessen militärische Stärke die eigene bei weitem übertrifft.

Die baltischen Staaten werden der Sowjetunion einverleibt

Sowjetische Soldaten landen auf der Insel Naissaar vor Tallinn, 1940
Sowjetische Soldaten landen auf der estnischen Insel Naissaar vor Tallinn, Sommer 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Schatten des deutschen Sieges über Frankreich vollzieht die Sowjetunion die vollständige Annexion der drei baltischen Republiken. Bereits im Oktober 1939 hatte Moskau Litauen, Lettland und Estland unter Druck zur Einrichtung sowjetischer Militärstützpunkte gezwungen; im Juni 1940 folgt der nächste Schritt: Unter dem Vorwand angeblicher Vertragsverletzungen besetzt die Rote Armee am 9. Juni Estland, am 14. Juni Litauen und zwei Tage später Lettland vollständig. In allen drei Ländern werden die bestehenden Regierungen durch moskautreue Marionettenkabinette ersetzt, die rasch von der Sowjetunion gelenkte Scheinwahlen mit vorherbestimmtem Ergebnis abhalten lassen.

Die neu gewählten „Volksversammlungen" beantragen umgehend die Aufnahme in die Sowjetunion — dem der Oberste Sowjet in Moskau stattgibt: Litauen wird am 3. August, Lettland am 5. August und Estland am 6. August als 14., 15. und 16. Unionsrepublik eingegliedert. Für die drei erst 1918 unabhängig gewordenen Staaten bedeutet dies das abrupte Ende der staatlichen Souveränität; es beginnen Verhaftungswellen und Enteignungen.

Angriff auf die französische Flotte bei Mers-el-Kébir

Das französische Schlachtschiff Bretagne, aufgenommen am 3. Juli 1940
Das französische Schlachtschiff „Bretagne", aufgenommen am 3. Juli 1940 — noch am selben Tag explodiert es beim britischen Angriff auf Mers-el-Kébir (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Keine zehn Tage nach dem Waffenstillstand von Compiègne greift die britische Royal Navy unter Vizeadmiral James Somerville in der „Operation Catapult" die vor Anker liegende französische Flotte im algerischen Kriegshafen Mers-el-Kébir bei Oran an. Aus Sorge, die mächtigen Schlachtschiffe könnten den Deutschen oder Italienern in die Hände fallen, fordert London die französische Marine unter Admiral Marcel-Bruno Gensoul zunächst per Ultimatum auf, sich den Briten anzuschließen, in neutrale Häfen auszulaufen oder die Schiffe selbst zu versenken.

Als Gensoul ablehnt, eröffnen die Schlachtschiffe Hood, Valiant und Resolution sowie der Flugzeugträger Ark Royal das Feuer. Das Schlachtschiff „Bretagne" explodiert und sinkt, weitere Einheiten werden schwer beschädigt; rund 1.300 französische Matrosen sterben binnen weniger Minuten. Der Angriff auf den bisherigen Verbündeten löst in Frankreich Entsetzen und Wut aus und treibt das Vichy-Regime unter Marschall Philippe Pétain weiter von London weg — zugleich signalisiert Premierminister Winston Churchill damit der Welt, allen voran den noch zögernden Vereinigten Staaten, Großbritanniens unbedingten Kampfeswillen nach der Niederlage Frankreichs.

Italiens Angriff auf Griechenland

Britische RAF-Offiziere im Feldlager bei Paramythia, Griechenland 1940/41
Britische RAF-Offiziere beim Essen im Freiluft-Offizierskasino bei Paramythia während des griechisch-italienischen Krieges 1940/41 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober übergibt der italienische Gesandte Emanuele Grazzi dem griechischen Ministerpräsidenten Ioannis Metaxas in Athen ein Ultimatum Benito Mussolinis: freien Durchmarsch italienischer Truppen zur Besetzung „strategischer Punkte" im griechischen Landesinnern. Metaxas lehnt mit einem knappen „Also, das bedeutet Krieg" ab — der Tag wird in Griechenland seither als „Ochi-Tag" (Tag des Nein) gefeiert. Noch am selben Morgen marschieren rund 155.000 italienische Soldaten vom seit 1939 besetzten Albanien aus in Richtung Epirus ein; Mussolinis Generalstab hatte dem Duce einen Feldzug von nur zwei Wochen versprochen.

Die Rechnung geht nicht auf: Die zahlenmäßig weit unterlegene griechische Armee stoppt den Vorstoß binnen weniger Wochen und drängt die Italiener bis Ende des Jahres tief nach Albanien zurück — der erste Sieg einer alliierten Streitmacht gegen eine Achsenmacht im Krieg. Für Adolf Hitler, der von dem eigenmächtigen Alleingang seines Bündnispartners überrascht wird, entsteht damit ein ungeplanter Kriegsschauplatz auf dem Balkan, der die Wehrmacht im Frühjahr 1941 zu einem Eingreifen zwingen wird, um die italienische Niederlage abzuwenden.

Aus heutiger Sicht

Die aus eigener Kraft verlorene Balkanoffensive markiert den Anfang vom Ende der Rolle Mussolinis als eigenständiger Kriegsherr: Die wachsende Abhängigkeit von deutscher Rettung nährt in Italien den Unmut, der am 25. Juli 1943 im Sturz des Duce durch den Großen Faschistischen Rat mündet — Mussolini wird verhaftet, Italien wechselt im September 1943 die Fronten.

Das Warschauer Ghetto wird abgeriegelt

Bau der Ghettomauer in Warschau auf deutsche Anordnung, August 1940
Bau der Mauer um das Warschauer Ghetto auf deutsche Anordnung, August 1940 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht vom 15. auf den 16. November schließt die deutsche Besatzungsmacht das jüdische Wohnviertel der besetzten polnischen Hauptstadt Warschau endgültig von der Außenwelt ab. Eine gut 18 Kilometer lange, rund drei Meter hohe Mauer, gekrönt mit Stacheldraht und bewacht an ursprünglich 22 Toren, umschließt ein Gebiet von gut drei Quadratkilometern — kaum 2,4 Prozent der Stadtfläche. Errichtet worden war die Absperrung bereits seit dem Frühjahr; binnen sechs Wochen mussten rund 138.000 jüdische Warschauer in das zugewiesene Viertel umziehen, während nichtjüdische Bewohner es verlassen mussten.

Mit der Abriegelung leben nun rund 400.000 Menschen — knapp ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung Warschaus — auf engstem Raum eingesperrt; Bau- und Bewachungskosten der Mauer müssen die eingeschlossenen Bewohner selbst tragen. Lebensmittelrationen bleiben weit unter dem Existenzminimum, Hunger, Kälte und Seuchen wie Typhus fordern von Beginn an zahllose Opfer. Das Warschauer Ghetto wird zum größten seiner Art im deutsch besetzten Europa und zu einem zentralen Ort des Leidens, aus dem ab 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager beginnen.

Angriff auf Taranto

Das italienische Schlachtschiff Conte di Cavour vor Taranto
Das italienische Schlachtschiff „Conte di Cavour" vor Taranto (Aufnahme von 1919) — beim britischen Angriff im November 1940 torpediert und im Hafen versenkt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 12. November greifen 21 zweisitzige Doppeldecker-Torpedobomber vom Typ Fairey Swordfish der britischen Marineflieger, gestartet vom Flugzeugträger HMS Illustrious, die im süditalienischen Kriegshafen Tarent vor Anker liegende italienische Schlachtflotte an. Unter dem Kommando von Admiral Andrew Cunningham gelingt der Royal Navy damit der erste rein von Flugzeugträgern aus geführte Seeangriff der Geschichte. Von den sechs im Hafen liegenden italienischen Schlachtschiffen unter Admiral Inigo Campioni werden drei — „Littorio", „Conte di Cavour" und „Caio Duilio" — durch Torpedotreffer schwer beschädigt oder auf Grund gesetzt; die „Cavour" sinkt endgültig.

Die italienische Marine verliert damit auf einen Schlag die Hälfte ihrer Schlachtschiffe, bei einem Verlust von nur zwei britischen Flugzeugen. Der Erfolg des Nachtangriffs mit Torpedos in dem als zu flach geltenden Hafenbecken sorgt weltweit für Aufsehen unter Marinestrategen — auch in Japan, wo Beobachter der Kaiserlichen Marine den Angriff aufmerksam studieren; gut ein Jahr später dient er als eines der Vorbilder für den japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Für die britische Mittelmeerflotte verschiebt sich mit Taranto das Kräfteverhältnis gegenüber Italien spürbar zu ihren Gunsten.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Zwischen Weserübung und Westfeldzug, am 10. Mai, löst Winston Churchill in London Neville Chamberlain als Premierminister ab — Großbritanniens Antwort auf die deutsche Offensive.
  • Auch 1940 bleibt für Luckenwalde die stille, unerzählte Schlagzeile: Die Entrechtung und Verfolgung jüdischer Bürger setzt sich im Schatten der Kriegsereignisse fort.
  • Für belegte lokale Tagesmeldungen aus Luckenwalde jenseits des Stalag III A wäre weiterhin das „Luckenwalder Kreisblatt" im Zeitungsarchiv einzusehen.
  • Am 21. August wird Leo Trotzki in seinem mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten mit einem Eispickel ermordet — ein später, blutiger Nachhall der sowjetischen Säuberungen erreicht auch dieses Kriegsjahr.
  • Ab September beginnt reichsweit die Kinderlandverschickung: Um Kinder aus bombengefährdeten Großstädten zu schützen, werden ganze Schulklassen in ländliche Lager verlegt — der Krieg erreicht damit auch den Alltag der Kleinsten.
  • In Luckenwaldes Tuch- und Hutfabriken stellt sich die Produktion zunehmend auf Wehrmachtsbedarf um: Uniformstoffe und Filzhelme statt ziviler Mode — die Industriestadt südlich Berlins wird zum Rüstungsstandort.

WIRTSCHAFT · 1940

Der Krieg prägt auch die Wirtschaft des Reiches: Seit 1936/37 herrscht offiziell Vollbeschäftigung, und die amtliche Lohnstatistik weist für 1940 einen Stundenlohn-Index von 91 und einen Wochenlohn-Index von 93 aus (Basis 1928 = 100) — bei einem auf 86 gesunkenen Lebenshaltungskosten-Index ergibt sich rechnerisch sogar ein Reallohn-Index von 108. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arbeiters oder Angestellten liegt bei rund 2.150 Reichsmark, keine 180 RM im Monat. Seit dem reichsweiten Preisstopp vom 17. Oktober 1936 sind die meisten Alltagspreise amtlich eingefroren; Lebensmittelkarten, seit dem 27. August 1939 ausgegeben, regeln inzwischen nicht mehr, was etwas kostet, sondern ob es überhaupt zu haben ist.

Der Preisspiegel:

  • Brot (Graubrot, 1 kg) — 0,31 RM
  • Butter (1 kg) — 3,10 RM
  • Milch (1 l) — 0,23 RM
  • Bier (1 l) — 0,88 RM
  • Eier (1 Stück) — 0,13 RM
  • Kinokarte — ab 0,40 RM
  • Miete (Arbeiterhaushalt, Monat) — rund 24 RM

STIMMEN DER PRESSE · 1940

Zum Ereignis, das den deutschen Sommer 1940 beherrscht — den Zusammenbruch Frankreichs und die Rettung des britischen Expeditionskorps bei Dünkirchen — äußert sich naturgemäß auch die britische Presse, die dieselben Tage aus der Gegenperspektive schildert. Die „Manchester Guardian" schreibt am Morgen nach der Ankunft der ersten Schiffe:

„In the grey chill dawn today in a south-eastern port, war correspondents watched with incredulous joy the happening of a miracle." — Manchester Guardian, 1. Juni 1940

Die „Daily Mail" formuliert es so:

„It is a picture of staggering heroism, fighting spirit and determination that never weakened in the face of overwhelming odds in men and material." — Daily Mail, 1. Juni 1940

Wo die deutsche Presse denselben Sommer als lückenlosen Triumph feiert, verwandelt die britische Presse dieselben Tage in eine Erzählung von Rettung und Durchhaltewillen.

SPORT · 1940

Der Krieg fordert auch im Sport seinen Tribut: Die für dieses Jahr geplanten Olympischen Spiele hatten schon eine wechselvolle Vorgeschichte — Tokio hatte den Zuschlag für die Sommerspiele bereits 1938 wegen des Krieges gegen China zurückgegeben, worauf Helsinki einsprang; auch die Winterspiele wanderten von Sapporo nach St. Moritz und schließlich nach Garmisch-Partenkirchen. Mit dem Krieg in Europa fallen nun auch diese Pläne endgültig dem Krieg zum Opfer und werden ersatzlos abgesagt — zum ersten Mal seit 1916 finden in einem olympischen Jahr keine Spiele statt. Im Reich selbst läuft der Ligabetrieb noch notdürftig unter Kriegsbedingungen weiter: FC Schalke 04 sichert sich mit dem 1:0-Finalsieg über den Dresdner SC bereits seinen siebten Meistertitel in Folge und bleibt die dominierende Kraft der Gauliga. Doch immer mehr Sportler werden zur Wehrmacht eingezogen, Wettkämpfe finden unter Verdunkelung und Rationierung statt, und mancher Meister der Vorkriegsjahre steht inzwischen selbst an der Front.

MODE · 1940

Der Krieg erreicht endgültig auch die Kleiderschränke: Bereits am 14. November 1939, kurz nach den Lebensmittelmarken, hatte Reichsbeauftragter Hans Kehrl die Reichskleiderkarte eingeführt — mit ihr wird Kleidung nur noch gegen ein Punktekonto von 100 Punkten pro Jahr und Person zugeteilt: Ein Paar Socken kostet 4 Punkte, ein Pullover 25, ein neues Kleid schon 45 — wer sein Konto ausgereizt hat, geht leer aus, ganz gleich, ob die Ware im Laden liegt. Jüdische Bürger sind von der Zuteilung bereits seit dem 6. Februar dieses Jahres ausgeschlossen. Das Umarbeiten alter Stücke wird damit zur Notwendigkeit, Schneidereien erleben einen Boom im Wenden und Kürzen gebrauchter Stoffe. Rocklängen verkürzen sich aus Stoffersparnis, und immer mehr Frauen tragen in Rüstungsbetrieben und im Kriegsdienst praktische Hosen und Uniformen statt Röcke.

KINO & FUNK · 1940

Das Kinojahr 1940 gehört, was die reinen Zuschauerzahlen angeht, der Ufa-Produktion „Wunschkonzert": Der am 30. Dezember im Berliner Ufa-Palast am Zoo uraufgeführte Film mit Ilse Werner in der Hauptrolle greift die überaus populäre gleichnamige Sonntagssendung auf, mit der seit dem 1. Oktober 1939 alle Reichssender „Front und Heimat" per Rundfunk verbinden — Musikwünsche und Grüße für Soldaten, verlesen vor Millionen Hörern, sollen die Kriegsstimmung heben. Der Film wird zum größten deutschen Kassenerfolg der Kriegsjahre. Weit weniger harmlos ist der zweite große Kinoerfolg des Jahres: Am 5. September, mit Vorabpremiere beim Filmfestival von Venedig, läuft Veit Harlans „Jud Süß" an, ein von Goebbels' Propagandaministerium mit rund zwei Millionen Reichsmark gefördertes antisemitisches Hetzwerk mit Ferdinand Marian und Heinrich George — später Pflichtvorführung für SS- und Polizeieinheiten sowie, in den besetzten Ostgebieten, für Teile der Zivilbevölkerung. Im übrigen Rundfunkprogramm dominieren neben dem sonntäglichen Wunschkonzert Frontberichte, Durchhalteparolen und leichte Unterhaltungsmusik; das Abhören ausländischer Sender bleibt seit Kriegsbeginn strafbar.

GESTORBEN · 1940

  • Selma Lagerlöf (81), schwedische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin — 16. März, Mårbacka.
  • Paul Klee (60), Maler — 29. Juni, Muralto bei Locarno.
  • Walter Benjamin (48), deutscher Philosoph und Kritiker — 26. September, Portbou (Spanien).
  • Leo Trotzki (60), sowjetischer Revolutionär im mexikanischen Exil — 21. August, Mexiko-Stadt.
  • Neville Chamberlain (71), britischer Politiker, bis Mai Premierminister — 9. November, Heckfield bei Reading.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Varian Frys Rettungsaktion in Marseille (ab August 1940). Sein Emergency Rescue Committee organisiert Fluchtwege für über tausend gesuchte deutsche Emigranten, darunter Heinrich und Golo Mann, Hannah Arendt, Anna Seghers und Lion Feuchtwanger.
  • Nelly Sachs flieht nach Schweden (Mai 1940). Die deutsch-jüdische Dichterin entgeht der Deportation in letzter Minute per Flugzeug — vermittelt durch die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf.
  • Thomas Manns „Deutsche Hörer!" beginnen (Oktober 1940). Von London aus richtet der Exilautor bis Kriegsende regelmäßige BBC-Ansprachen an die deutsche Bevölkerung — kultureller Widerstand aus der Ferne.
  • Der Penicillin-Durchbruch in Oxford (25. Mai 1940). Howard Florey und Ernst Boris Chain zeigen erstmals, dass gereinigtes Penicillin infizierte Mäuse heilt — der Grundstein für die spätere Massenproduktion des ersten Antibiotikums.
  • Chaplins „Der große Diktator" feiert Premiere (15. Oktober 1940). In New York lacht das Kino über den Diktator „Hynkel" — eine mutige Filmsatire auf Hitler, während der echte Krieg längst tobt.
  • Konrad Zuse vollendet den Rechner Z2 in Berlin (1940). Nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt entsteht mit dem ersten funktionsfähigen Relaisrechner ein früher Meilenstein der Computergeschichte.

DAS WETTER · 1940 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 18,6 °C, in der Nacht 12,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 2,1 mm, die Sonne zeigte sich rund 3,7 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 6,6 °C — rund 2,2 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 30 °C am 24. Juni, kältester −22 °C am 12. Januar. 1 Hitzetage (≥30 °C), 61 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 590 mm.

Der Kriegswinter 1939/40 zählte zu den strengsten des Jahrhunderts: bis −22 °C, 61 Eistage und wochenlanger Dauerfrost — das ganze Jahr blieb bitterkalt (Jahresmittel nur 6,6 °C).

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1940

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Er heißt Waldemar — Zarah Leander
  2. Die kleine Stadt will schlafen geh'n — Ilse Werner
  3. Stern von Rio — Rudi Schuricke
  4. Wenn ein junger Mann kommt — Willy Fritsch
  5. Mir geht's gut — Heinz Rühmann & Hertha Feiler
  6. Melodia (Hörst du mein heimliches Rufen?) — Rudi Schuricke
  7. Abends in der Taverne — Wilhelm Strienz
  8. I'll Never Smile Again — Tommy Dorsey and his Orchestra
  9. Frenesi — Artie Shaw & his Orchestra
  10. Frühling in Sorrent — Herbert Ernst Groh
  11. Wo ist dein Herz? — Zarah Leander
  12. Du darfst mir nie mehr rote Rosen schenken — Zarah Leander
  13. Schiff Ahoi! — Zarah Leander
  14. Für eine Nacht voller Seligkeit — Marika Rökk
  15. Warum soll ich treu sein? — Marika Rökk
  16. Wenn der Toni mit der Vroni — Rosita Serrano
  17. Ti Pi Tin — Rosita Serrano
  18. Wanderlied (Ein Schneider, der muss wandern) — Heinz Rühmann
  19. Der kleine Postillion — Rudi Schuricke
  20. Wenn der weiße Flieder wieder blüht — Kurt Widmann & Orchester

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Die ersten Bomben fallen auf Kiel

Einschlag einer Sprengbombe an der Holstenbrücke
Holstenbrücke, Ecke Willestraße, nach dem Einschlag einer Sprengbombe; Aufnahme vom Juli 1940 (Stadtarchiv Kiel, Urheber unbekannt, CC BY-SA 3.0 de)

In der Nacht zum 2. Juli greifen britische Flugzeuge zum ersten Mal das Kieler Stadtgebiet an, knapp ein Jahr nach Kriegsbeginn. An der Holstenbrücke, Ecke Willestraße, schlägt eine Sprengbombe ein und richtet erhebliche Glas- und Dachschäden an. In der Gartenstraße wird das Gebäude der NSDAP-Kreisleitung getroffen; vor dem Brandschutzmuseum in derselben Straße wird ein Feldwachtmeister der Stadt durch Bombensplitter und Maschinengewehrfeuer tödlich verletzt. Am Sophienblatt 48a trifft eine Sprengbombe einen Pferdestall: Neun Pferde sind tot oder verletzt. In Neumühlen-Dietrichsdorf reißt ein Sprengtrichter am Langensaal, bei der Knabenvolksschule, die Mauer eines Luftschutzraums ein. Der Luftschutzraum Dammstraße 18 bleibt unversehrt.

Auf der Kriegsmarinewerft fallen mehrere 225-Kilogramm-Sprengbomben auf Bauwerft und Ausrüstungskai, ein Holzlager brennt. Auf der Germaniawerft erhält der noch unfertige Schwere Kreuzer Prinz Eugen am Ausrüstungskai einen Bombentreffer. Auf dem aufgespülten Gelände an der Schwentinemündung stürzt eine britische Maschine ab, eine zweite an der Ecke Forstweg und Ziethenstraße. Im Seminargarten am Landratsamt in Eckernförde wird ein Blindgänger von etwa 250 Kilogramm gefunden; der Sicherheits- und Hilfsdienst Kiel sprengt ihn.

Aus heutiger Sicht

Der Angriff war der erste von nach alter Zählung 90 Bombenangriffen auf Kiel bis Mai 1945, dazu kamen 633 Vollalarme. Fast 3.000 Zivilisten kamen ums Leben, über 5.000 wurden verletzt. Von den rund 272.000 Einwohnern Ende 1939 wurden 167.000 obdachlos.

Zwangseinweisung in die „Judenhäuser“ am Kleinen Kuhberg

Straßenansicht Kleiner Kuhberg
Der Kleine Kuhberg in Kiel, Aufnahme aus den Jahren 1938 bis 1941 (Gotthold Sommer, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 9. Dezember werden die Geschwister Clara Heller, geborene David, und Siegfried David aus ihrer Wohnung am Papenkamp 7 in eines der „Judenhäuser“ am Kleinen Kuhberg 25 und Feuergang 2 eingewiesen. Clara Heller ist 65, ihr Bruder 64 Jahre alt. Beide stammen aus Osnabrück und gehören seit den 1890er Jahren der Israelitischen Gemeinde Kiel an; Clara Heller hatte 1898 in der Kieler Ringstraße ein Geschäft für Textilien und Herrenartikel eröffnet, das sie unter dem Druck der Verfolgung verloren hat.

Die Häuser gehörten dem jüdischen Kaufmann Alter Weber, der dort eine Gebrauchtwarenhandlung betrieb und einen Betsaal für aus dem Osten stammende Juden unterhielt. Seit dem 9. September 1939 sitzt Weber mit seinem Sohn Oskar im Kieler Gerichtsgefängnis; während seiner Haft hat sich die Stadt Kiel den Grundbesitz der Familie angeeignet, 1940 ist sie Eigentümerin. Sie weist jüdische Familien in die Häuser ein, die Bewohner zahlen eine behördlich festgesetzte Miete. Auch das Haus Flämische Straße 22a dient diesem Zweck.

Aus heutiger Sicht

Die Stadt Kiel hatte sich die Häuser auf scheinlegale Weise angeeignet und machte sie zu „Judenhäusern“. Am 4. Dezember 1941 wurden die Geschwister mit etwa 40 weiteren Kieler Jüdinnen und Juden im Rathausbunker eingesperrt und am 6. Dezember über Hamburg in das Lager Jungfernhof bei Riga deportiert; beide gelten als in Riga verschollen. Auch Alter Weber und sein Sohn Oskar wurden nach Riga deportiert und ermordet. 1943 zerstörten Bomben beide Häuser.

Horst Mahlstedt aus Holtenau tritt den Dienst nicht an

Am 28. Mai 1940 erhält der zwanzigjährige Horst Mahlstedt aus Holtenau die Einberufung zur Seenotstaffel in List auf Sylt. Er tritt den Dienst nicht an.

Mahlstedt ist am 22. Februar 1920 in Kiel-Holtenau geboren und Einzelkind. Die Familie wohnt in der Kanalstraße 41; sein Vater Anton Johannes Mahlstedt ist Schiffsmakler und beliefert die Holtenauer Schleuse. Kurze Zeit nach dem Einberufungstermin wird der Sohn von der Kieler Gestapo festgenommen. Er gilt als „Schutzhäftling“, ein Gerichtsverfahren gibt es nicht. Verhört wird er in der Dienststelle der Gestapo in der Düppelstraße.

Aus heutiger Sicht

Auf eine Strafverfügung aus Berlin hin wurde Mahlstedt am 7. Januar 1941 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und am 23. Mai 1941 mit den ersten Häftlingen in das neu eröffnete KZ Natzweiler-Struthof im besetzten Elsass gebracht. Am 17. August 1942 kam er in das KZ Dachau, wo er als Deserteur zur besonders menschenverachtend behandelten Häftlingskategorie „Sonderaktion Wehrmacht“ gehörte; dort starb er am 26. September 1942 mit 22 Jahren, amtlich an „Herzversagen“. Seit dem 14. Juni 2017 erinnert vor dem Haus Kanalstraße 41 in Holtenau ein Stolperstein an ihn.

Eiswinter: Die Scharnhorst im Eis vor Kiel

Der Winter 1939/40 ist in Norddeutschland besonders kalt, die Häfen und vor allem die westliche Ostsee sind voller Eis. Als das Schlachtschiff Scharnhorst im Januar nach Kiel geschickt wird, sind die Eisverhältnisse so schwer, dass es eine geplante Ausbildungs- und Schießübung in der Ostsee nicht abschließen kann.

Im Kieler Hafen selbst liegt das Eis so dicht, dass Besatzungsmitglieder des Schlachtschiffs auf dem Eis stehen können.

Auch der Kanal-Eisbrecher Wal des Wasserstraßenmaschinenamts Rendsburg, der im Januar zum ersten Mal auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal Eis bricht, wird gebraucht: Vom 3. Februar bis zum 30. März fordert ihn die Kriegsmarine an, und die Marinestation der Ostsee hält mit ihm den Kieler Hafen und die Förde offen. Linienschiffe, Vorpostenboote, U-Boote und Transportschiffe erhalten von ihm Eisbrecherhilfe.

KURZ NOTIERT · Kiel 1940

  • 11. Januar — Der Sozialdemokrat und Redakteur Wilhelm Brecour stirbt im Alter von 73 Jahren in der Kleiststraße 21. Er war von 1904 bis 1931 Redakteur der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“, 1894 bis 1899 Vorsitzender der Kieler SPD und verhinderte 1912 als Stadtverordneter die Einführung des Dreiklassenwahlrechts in Kiel.
  • 14. April — Bei der Germaniawerft läuft das Versuchs-U-Boot VS 80 vom Stapel. Das unbewaffnete Boot ist 22,05 Meter lang, hat drei bis fünf Mann Besatzung und erhält einen Walter-Antrieb mit Wasserstoffperoxid.
  • 30. Mai — Die Fried. Krupp Germaniawerft feiert Richtfest für drei Bauvorhaben am Germaniaring in Gaarden und an der Preetzer Chaussee in Elmschenhagen.
  • 9. Juli — In der Nacht zum 9. Juli vernichtet bei einem Angriff eine Sprengbombe ein Haus der Anlage Kieler Straße 22a bis d in Gaarden; ein Toter, zwei Verletzte.
  • 2. September — Der jüdische Kaufmann Fritz Ascher, dessen Familie bis 1937 in der Feldstraße 7–9 wohnte, kommt als „Schutzhäftling“ ins Polizeigefängnis Kiel und wird fünf Tage später über Berlin ins KZ Sachsenhausen gebracht.
  • 15./16. Oktober — Sprengbomben fallen auf die Kriegsmarinewerft und treffen den Tanker Schlettstadt. Am Kleinen Kuhberg 23 stürzt ein Stallgebäude ein; zwei verschüttete Pferde werden gerettet.
  • 19. Oktober — Bei einem Luftangriff zwischen 2 und 4 Uhr gibt es keine Opfer, doch der erste Bombentreffer im Schloss richtet schweren Schaden in der Landesbibliothek an.
  • 16. Dezember — Bei einem Angriff stürzt das Haus Brückenstraße 5 in Wellingdorf nach einem Sprengbombentreffer ein; zwei Tote, drei Verletzte. Am selben Tag stirbt in Tondern der Geschichtsforscher Ludwig Andresen, Schriftführer der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte.

RUND UM DIE FÖRDE · 1940

  • Februar, Eckernförde — Im Stadtgebiet von Eckernförde werden nach und nach 21 ermattete Wildgänse eingefangen; der Hafenmeister pflegt die Tiere im Schuppen einer Eckernförder Firma.
  • 11. September, Schönhagener Strand — In der Nacht zum 11. September geht ein britischer Bomber vom Typ Whitley mit der Kennung GE-T nach Treffern der leichten Waffen der Torpedo-Versuchsanstalt Eckernförde-Süd am Schönhagener Strand nieder; die Besatzung gerät in Gefangenschaft.

SPORT AN DER FÖRDE · 1940

  • Holstein Kiel — In der Bereichsliga Nordmark, bis Januar noch Gauliga, belegt Holstein in der Saison 1939/40 in Gruppe 1 mit sieben Mannschaften Platz drei: 5 Siege, 1 Remis, 4 Niederlagen, 30:31 Tore, 11:9 Punkte. Gruppensieger ist der Eimsbütteler TV, der im Finale am 28. April und 8. Mai den Hamburger SV schlägt; Phönix Lübeck zieht sich zurück.
  • Holstein Kiel — Die Saison 1940/41 beginnt im Herbst, die Bereichsliga spielt mit zwölf Mannschaften.
  • THW Kiel — Die Handballer des Turnvereins Hassee-Winterbek (THW) werden im Feldhandball Nordmark-Vizemeister. Die Gaumeisterschaften werden trotz ständig wechselnder Aufstellungen weitergespielt.
  • Kieler Woche — Die Kieler Woche fällt in diesem Jahr aus.

DAS WETTER · 1940 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein trüber, verregneter Julitag: Höchstwert 15,7 °C, Tiefstwert 11,3 °C, Tagesmittel 14,2 °C. Es fielen 8,5 mm Regen, die Sonne schien 0,0 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 6,6 °C. Wärmster Tag 26,9 °C am 11. Juli, kältester Tiefstwert −24,8 °C am 13. Februar. Kein Hitzetag (≥30 °C), 7 Sommertage (≥25 °C), 51 Eistage (Dauerfrost) und 111 Frosttage. Jahresniederschlag 660 mm, Sonnenscheindauer 1669 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)