DER CHRONIST
Das erste volle Kriegsjahr: Kaum ist im März der finnische Winterkrieg beendet, bricht die Wehrmacht binnen weniger Monate halb Westeuropa auf — Dänemark und Norwegen im April, die Niederlande, Belgien und Frankreich im Mai und Juni. Der Sieg über Frankreich wird im Reich als Triumph gefeiert, während sich über England die Luftwaffe festbeißt und Italien mit eigenen Feldzügen im Mittelmeer und auf dem Balkan nachzieht. Im Osten rückt die Sowjetunion in die baltischen Staaten ein und lässt im Wald von Katyn Tausende polnische Offiziere ermorden, während im oberschlesischen Auschwitz ein neues Lager entsteht und Warschaus jüdische Bevölkerung hinter einer Mauer eingeschlossen wird. Zum Jahresende besiegelt der Dreimächtepakt das Bündnis von Berlin, Rom und Tokio. Und in Luckenwalde selbst füllt sich das Stalag III A mit Zehntausenden Kriegsgefangenen aus halb Europa.
Überfall auf Dänemark und Norwegen

Vorausgegangen war im Februar der „Altmark"-Zwischenfall: Ein britischer Zerstörer befreite in norwegischen Hoheitsgewässern deutsche Gefangene von Bord des Versorgungsschiffs „Altmark" — ein Vorgang, der in Berlin als Beleg gewertet wird, dass London die norwegische Neutralität zu verletzen bereit sei, um die kriegswichtigen schwedischen Erzlieferungen über den eisfreien Winterhafen Narvik zu kappen. In den frühen Morgenstunden des 9. April greift die Wehrmacht daraufhin ohne Kriegserklärung Dänemark und Norwegen an — „Unternehmen Weserübung". Dänemark kapituliert noch am selben Tag; in Norwegen landen deutsche Verbände gleichzeitig in Oslo, Bergen, Trondheim, Kristiansand und Narvik. Vor Oslo versenkt die norwegische Festung Oscarsborg mit ihren aus deutscher Krupp-Produktion des 19. Jahrhunderts stammenden Kanonen den schweren Kreuzer „Blücher"; der Zeitgewinn erlaubt König Haakon VII. und der Regierung die Flucht und rettet das norwegische Staatsgold vor dem Zugriff. Der norwegische Politiker Vidkun Quisling ruft am selben Tag eine Marionettenregierung aus — sein Name wird seither zum Synonym für „Kollaborateur". Bei Narvik liefern sich deutsche und britische Zerstörer schwere Gefechte; ein britisch-französisches Expeditionskorps erobert die Stadt Ende Mai zurück, muss sie aber wegen des Zusammenbruchs an der Westfront bereits am 8. Juni wieder räumen. Truppen und Alliierte leisten erbitterten Widerstand, bis Norwegen am 10. Juni aufgibt. Die Kriegsmarine erkauft sich die Kontrolle über die norwegischen Fjorde und Atlantikstützpunkte teuer: Rund zehn Zerstörer gehen vor Narvik verloren, ein schwerer Aderlass für die spätere Handelskriegsführung. Der Krieg, bislang auf Polen und den „Sitzkrieg" im Westen beschränkt, greift damit erstmals auf Skandinavien über.
Westfeldzug — Blitzkrieg gegen die Niederlande, Belgien und Frankreich

Am 10. Mai, um 5.35 Uhr, beginnt der „Fall Gelb": Deutsche Truppen fallen in die Niederlande, Belgien und Luxemburg ein, Fallschirmjäger besetzen Brücken und Flugplätze im Hinterland. Die Niederlande kapitulieren bereits am 14. Mai — tags zuvor hat die Luftwaffe Rotterdam in Schutt gelegt —, Belgien folgt am 28. Mai. Während alliierte Kräfte diesen nördlichen Vorstoß für den Hauptangriff halten, führt der eigentliche Schlag nach dem Plan General Erich von Mansteins durch die als unpassierbar geltenden Ardennen: Panzerkorps unter Heinz Guderian überqueren am 13. Mai bei Sedan die Maas, durchbrechen die französische Front und stoßen in einem „Sichelschnitt" zur Kanalküste durch — die Maginot-Linie wird so umgangen, nicht durchbrochen. Das britische Expeditionskorps und Teile der französischen Armee werden bei Dünkirchen eingeschlossen; Hitlers „Haltebefehl" vom 24. Mai verschafft den Eingeschlossenen Verschnaufpause, sodass in der „Operation Dynamo" vom 26. Mai bis 4. Juni mit rund 900 Schiffen und Booten aller Art über 338.000 Soldaten — darunter etwa 198.000 Briten — nach England gerettet werden, wenn auch ohne ihr schweres Gerät. Am 14. Juni zieht die deutsche Armee in Paris ein, das zur offenen Stadt erklärt worden war; die französische Regierung flieht über Tours nach Bordeaux, Ministerpräsident Paul Reynaud tritt zurück, sein Nachfolger Philippe Pétain bittet um Waffenstillstand. Am 22. Juni unterzeichnet Frankreich in Compiègne — im selben Eisenbahnwagen 2419D, in dem 1918 der deutsche Waffenstillstand unterzeichnet worden war — den Waffenstillstand; er tritt am 25. Juni in Kraft und teilt das Land in ein besetztes Nordfrankreich sowie einen unbesetzten Rest-Staat mit Regierungssitz in Vichy unter Pétain. Im Reich herrscht Siegestaumel; für die besetzten Länder beginnt eine Zeit der Not.
Luftschlacht um England und der „Blitz" gegen London

Nach dem Sieg im Westen bleibt Großbritannien unbezwungen — für die geplante Landung „Unternehmen Seelöwe" braucht die Wehrmacht zunächst die Lufthoheit über dem Kanal. Im Juli beginnt mit dem „Kanalkampf" die Luftschlacht um England: Die Luftwaffe unter Hermann Göring greift zunächst Geleitzüge und Häfen an, ab dem „Adlertag" am 13. August dann gezielt Flugplätze, Radarstationen und Fabriken der Royal Air Force, um deren Jagdverbände am Boden zu vernichten. Doch Air Chief Marshal Hugh Dowding hält mit einem engmaschigen Netz aus Radarstationen — dem „Dowding System" — und den Jägern Spitfire und Hurricane gegen die deutschen Bf 109 und Bf 110 dagegen. Nachdem deutsche Bomber in der Nacht zum 25. August versehentlich London bombardieren und die RAF mit einem Gegenschlag auf Berlin antwortet, verlagert die Luftwaffe ab 7. September ihre Angriffe systematisch auf London und andere Großstädte — der „Blitz". 56 von 57 aufeinanderfolgenden Nächten wird die britische Hauptstadt bombardiert, Zehntausende Menschen suchen Schutz in den U-Bahn-Schächten; am 14. November trifft ein verheerender Angriff die Industriestadt Coventry und legt deren mittelalterliche Kathedrale in Schutt. Doch die Royal Air Force behauptet die Lufthoheit: Bis Ende Oktober verliert die Luftwaffe fast 1.900 Flugzeuge, die RAF gut 1.000 — für die Invasion zu hohe Verluste. Hitler verschiebt „Seelöwe" am 17. September zunächst, dann auf unbestimmte Zeit. Erstmals seit Kriegsbeginn stößt die Wehrmacht an eine Grenze.
Der Dreimächtepakt — Berlin, Rom, Tokio

Am 27. September unterzeichnen das Deutsche Reich, Italien und Japan im Berliner Reichskanzlerpalais, verhandelt von Außenminister Joachim von Ribbentrop, dem italienischen Grafen Galeazzo Ciano und dem japanischen Sondergesandten Saburō Kurusu, den Dreimächtepakt. Er baut auf dem Anti-Komintern-Pakt von 1936 und dem deutsch-italienischen „Stahlpakt" vom Mai 1939 auf: Man verpflichtet sich zu gegenseitigem Beistand, falls eine der drei Mächte von einer bislang nicht am Krieg beteiligten Macht angegriffen wird — eine unverhohlene Warnung an die Vereinigten Staaten — und steckt die Interessensphären für ein „neues Europa" und „Großostasien" ab. Noch im November schließen sich unter deutschem Druck Ungarn (20. November), Rumänien (23. November) und die Slowakei (24. November) dem Pakt an. Er markiert die Formierung der Achsenmächte, die den Krieg endgültig zum Weltkrieg werden lässt.
5 · Aus der Region — Stalag III A Luckenwalde füllt sich mit Kriegsgefangenen
Kriegsgefangene nach dem Westfeldzug, Mai 1940 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Direkt vor der eigenen Haustür wird der Westfeldzug greifbar. Das Stalag III A südlich Luckenwaldes besteht bereits seit dem Überfall auf Polen: Die ersten, polnischen Kriegsgefangenen bezogen hier im September 1939 notdürftig Zeltlager, ehe im Winter die ersten Baracken entstanden. Nach dem Sieg über die Niederlande und Belgien treffen im Frühsommer zunächst niederländische und belgische Gefangene ein, bleiben aber nur kurz. Ab dem Sommer strömen rund 40.000 französische Kriegsgefangene ins Lager — sie werden bis Kriegsende die größte Gruppe stellen. Das ursprünglich für rund 10.000 Mann ausgelegte, größte Lager des Wehrkreises III (Berlin-Brandenburg) platzt damit aus allen Nähten; über 1.000 Arbeitskommandos verteilen die Gefangenen bald über ganz Brandenburg — zur Zwangsarbeit in Landwirtschaft, Forst und Industrie. Was in Berlin als „Blitzsieg" gefeiert wird, bedeutet für Zehntausende Männer aus dem Westen: Gefangenschaft mitten in der Mark. Bis Kriegsende werden im Stalag III A und seinen Außenkommandos Angehörige von mehr als zehn kriegführenden Nationen interniert gewesen sein — mit den Franzosen von 1940 beginnt diese Geschichte ihren größten Abschnitt.
Friede von Moskau beendet den Winterkrieg

Nach 105 Tagen erbitterten Widerstands unterzeichnen Finnland und die Sowjetunion in Moskau den Friedensvertrag, der den seit dem 30. November 1939 tobenden „Winterkrieg" beendet. Für die Sowjetseite verhandeln Wjatscheslaw Molotow, Andrei Shdanow und Alexander Wassilewski, für Finnland Ministerpräsident Risto Ryti und der Diplomat Juho Kusti Paasikivi. Finnland muss ganz Karelien samt der Stadt Viipuri (Wyborg), Teile von Salla sowie einige Inseln im Finnischen Meerbusen abtreten — rund elf Prozent seines Staatsgebiets und knapp ein Drittel seiner wirtschaftlichen Vorkriegsleistung. Zudem muss Helsinki der Sowjetunion die Halbinsel Hanko für dreißig Jahre als Flottenstützpunkt überlassen.
Trotz der schmerzhaften Gebietsverluste gilt der Friede in Finnland selbst als Erfolg: Die zahlenmäßig weit unterlegene finnische Armee hatte der Roten Armee erhebliche Verluste zugefügt und die staatliche Unabhängigkeit bewahrt — anders als die baltischen Nachbarstaaten, denen im Sommer dieses Jahres die vollständige Einverleibung droht. Für Moskau bestätigt der Krieg zugleich schmerzlich die eigenen militärischen Schwächen, die Stalin in den folgenden Monaten zu hastigen Reformen der Roten Armee veranlassen.
Massaker von Katyn

Im Wald von Katyn, rund 20 Kilometer westlich von Smolensk, erschießen Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zwischen dem 3. April und dem 11. Mai etwa 4.400 gefangene polnische Offiziere — Männer, die seit der sowjetischen Besetzung Ostpolens im September 1939 in Lagern interniert waren. Grundlage ist ein am 5. März von Josef Stalin und den Politbüromitgliedern Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch, Kliment Woroschilow, Anastas Mikojan, Lawrenti Beria und Michail Kalinin unterzeichneter Exekutionsbefehl.
Katyn ist nur einer von mehreren Tatorten: An mindestens fünf Orten in Russland, der Ukraine und Weißrussland werden im Frühjahr 1940 insgesamt 22.000 bis 25.000 polnische Berufs- und Reserveoffiziere, Polizisten, Priester und Angehörige der Intelligenz ermordet — im Wald bei Mednoje allein rund 6.300 weitere Offiziere und Polizisten. Ziel ist die systematische Auslöschung der polnischen Führungsschicht, um jeden künftigen Widerstand gegen eine sowjetische Kontrolle des Landes im Keim zu ersticken. Die Sowjetunion bestreitet die Tat jahrzehntelang und schiebt sie der deutschen Wehrmacht in die Schuhe, die die Massengräber 1943 entdeckt und öffentlich macht; erst 1990 räumt Moskau die eigene Verantwortung ein. 1940 bleibt das Verbrechen ein von der Weltöffentlichkeit unbemerktes, sorgsam verborgenes Kapitel des Krieges im Osten.
Gründung des Konzentrationslagers Auschwitz

Im oberschlesischen Auschwitz (Oświęcim) richtet die SS im Mai ein Konzentrationslager für polnische politische Gefangene ein — Anlass ist die schiere Masse der nach der Besetzung Polens Inhaftierten, für die die bestehenden Gefängnisse längst nicht mehr ausreichen. Am 20. Mai trifft mit 30 deutschen Kriminellen, die als Funktionshäftlinge Aufsicht führen sollen, der erste Transport ein. Als eigentlicher Beginn der Lagergeschichte gilt der 14. Juni: An diesem Tag treffen 728 polnische politische Gefangene aus dem Gefängnis von Tarnów ein — die Häftlingsnummern 31 bis 759.
Rudolf Höß, seit Mai Lagerkommandant, baut die frühere polnische Kaserne systematisch zum Terror- und Zwangsarbeitslager aus. Von den überwiegend christlichen Gefangenen aus Tarnów überleben nur rund 200 den Krieg. Was 1940 als Straf- und Arbeitslager für polnische Widerständler, Intellektuelle und Geistliche beginnt, wird binnen weniger Jahre zum größten Vernichtungsort des NS-Regimes ausgebaut.
Italiens Kriegseintritt

Am Abend des 10. Juni tritt Italien in den Krieg ein: Außenminister Galeazzo Ciano übergibt in Rom den Botschaftern Frankreichs und Großbritanniens die Kriegserklärung, wenig später verkündet Benito Mussolini vom Balkon des Palazzo Venezia in einer Rede an die aufgebotene Menge den Schritt. Der Zeitpunkt ist kalkuliert: Erst der bereits abzusehende Zusammenbruch Frankreichs bringt den Duce dazu, den seit dem „Stahlpakt" von Mai 1939 zugesagten Beistand einzulösen — er will am Verhandlungstisch als Sieger sitzen, nicht als Zaungast eines fremden Triumphs.
Schon am 21. Juni eröffnet die italienische Armee entlang der Alpengrenze eine kurze, wenig erfolgreiche Offensive gegen die bereits geschlagenen französischen Stellungen. Die faktische militärische Bedeutungslosigkeit dieses späten Kriegseintritts steht in scharfem Kontrast zu seinen politischen Folgen: Italien sichert sich einen Platz unter den Siegermächten des Westfeldzugs, gerät zugleich aber zunehmend in die Abhängigkeit vom deutschen Verbündeten, dessen militärische Stärke die eigene bei weitem übertrifft.
Die baltischen Staaten werden der Sowjetunion einverleibt

Im Schatten des deutschen Sieges über Frankreich vollzieht die Sowjetunion die vollständige Annexion der drei baltischen Republiken. Bereits im Oktober 1939 hatte Moskau Litauen, Lettland und Estland unter Druck zur Einrichtung sowjetischer Militärstützpunkte gezwungen; im Juni 1940 folgt der nächste Schritt: Unter dem Vorwand angeblicher Vertragsverletzungen besetzt die Rote Armee am 9. Juni Estland, am 14. Juni Litauen und zwei Tage später Lettland vollständig. In allen drei Ländern werden die bestehenden Regierungen durch moskautreue Marionettenkabinette ersetzt, die rasch von der Sowjetunion gelenkte Scheinwahlen mit vorherbestimmtem Ergebnis abhalten lassen.
Die neu gewählten „Volksversammlungen" beantragen umgehend die Aufnahme in die Sowjetunion — dem der Oberste Sowjet in Moskau stattgibt: Litauen wird am 3. August, Lettland am 5. August und Estland am 6. August als 14., 15. und 16. Unionsrepublik eingegliedert. Für die drei erst 1918 unabhängig gewordenen Staaten bedeutet dies das abrupte Ende der staatlichen Souveränität; es beginnen Verhaftungswellen und Enteignungen.
Angriff auf die französische Flotte bei Mers-el-Kébir

Keine zehn Tage nach dem Waffenstillstand von Compiègne greift die britische Royal Navy unter Vizeadmiral James Somerville in der „Operation Catapult" die vor Anker liegende französische Flotte im algerischen Kriegshafen Mers-el-Kébir bei Oran an. Aus Sorge, die mächtigen Schlachtschiffe könnten den Deutschen oder Italienern in die Hände fallen, fordert London die französische Marine unter Admiral Marcel-Bruno Gensoul zunächst per Ultimatum auf, sich den Briten anzuschließen, in neutrale Häfen auszulaufen oder die Schiffe selbst zu versenken.
Als Gensoul ablehnt, eröffnen die Schlachtschiffe Hood, Valiant und Resolution sowie der Flugzeugträger Ark Royal das Feuer. Das Schlachtschiff „Bretagne" explodiert und sinkt, weitere Einheiten werden schwer beschädigt; rund 1.300 französische Matrosen sterben binnen weniger Minuten. Der Angriff auf den bisherigen Verbündeten löst in Frankreich Entsetzen und Wut aus und treibt das Vichy-Regime unter Marschall Philippe Pétain weiter von London weg — zugleich signalisiert Premierminister Winston Churchill damit der Welt, allen voran den noch zögernden Vereinigten Staaten, Großbritanniens unbedingten Kampfeswillen nach der Niederlage Frankreichs.
Italiens Angriff auf Griechenland

In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober übergibt der italienische Gesandte Emanuele Grazzi dem griechischen Ministerpräsidenten Ioannis Metaxas in Athen ein Ultimatum Benito Mussolinis: freien Durchmarsch italienischer Truppen zur Besetzung „strategischer Punkte" im griechischen Landesinnern. Metaxas lehnt mit einem knappen „Also, das bedeutet Krieg" ab — der Tag wird in Griechenland seither als „Ochi-Tag" (Tag des Nein) gefeiert. Noch am selben Morgen marschieren rund 155.000 italienische Soldaten vom seit 1939 besetzten Albanien aus in Richtung Epirus ein; Mussolinis Generalstab hatte dem Duce einen Feldzug von nur zwei Wochen versprochen.
Die Rechnung geht nicht auf: Die zahlenmäßig weit unterlegene griechische Armee stoppt den Vorstoß binnen weniger Wochen und drängt die Italiener bis Ende des Jahres tief nach Albanien zurück — der erste Sieg einer alliierten Streitmacht gegen eine Achsenmacht im Krieg. Für Adolf Hitler, der von dem eigenmächtigen Alleingang seines Bündnispartners überrascht wird, entsteht damit ein ungeplanter Kriegsschauplatz auf dem Balkan, der die Wehrmacht im Frühjahr 1941 zu einem Eingreifen zwingen wird, um die italienische Niederlage abzuwenden.
Das Warschauer Ghetto wird abgeriegelt

In der Nacht vom 15. auf den 16. November schließt die deutsche Besatzungsmacht das jüdische Wohnviertel der besetzten polnischen Hauptstadt Warschau endgültig von der Außenwelt ab. Eine gut 18 Kilometer lange, rund drei Meter hohe Mauer, gekrönt mit Stacheldraht und bewacht an ursprünglich 22 Toren, umschließt ein Gebiet von gut drei Quadratkilometern — kaum 2,4 Prozent der Stadtfläche. Errichtet worden war die Absperrung bereits seit dem Frühjahr; binnen sechs Wochen mussten rund 138.000 jüdische Warschauer in das zugewiesene Viertel umziehen, während nichtjüdische Bewohner es verlassen mussten.
Mit der Abriegelung leben nun rund 400.000 Menschen — knapp ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung Warschaus — auf engstem Raum eingesperrt; Bau- und Bewachungskosten der Mauer müssen die eingeschlossenen Bewohner selbst tragen. Lebensmittelrationen bleiben weit unter dem Existenzminimum, Hunger, Kälte und Seuchen wie Typhus fordern von Beginn an zahllose Opfer. Das Warschauer Ghetto wird zum größten seiner Art im deutsch besetzten Europa und zu einem zentralen Ort des Leidens, aus dem ab 1942 die Deportationen in die Vernichtungslager beginnen.
Angriff auf Taranto

In der Nacht zum 12. November greifen 21 zweisitzige Doppeldecker-Torpedobomber vom Typ Fairey Swordfish der britischen Marineflieger, gestartet vom Flugzeugträger HMS Illustrious, die im süditalienischen Kriegshafen Tarent vor Anker liegende italienische Schlachtflotte an. Unter dem Kommando von Admiral Andrew Cunningham gelingt der Royal Navy damit der erste rein von Flugzeugträgern aus geführte Seeangriff der Geschichte. Von den sechs im Hafen liegenden italienischen Schlachtschiffen unter Admiral Inigo Campioni werden drei — „Littorio", „Conte di Cavour" und „Caio Duilio" — durch Torpedotreffer schwer beschädigt oder auf Grund gesetzt; die „Cavour" sinkt endgültig.
Die italienische Marine verliert damit auf einen Schlag die Hälfte ihrer Schlachtschiffe, bei einem Verlust von nur zwei britischen Flugzeugen. Der Erfolg des Nachtangriffs mit Torpedos in dem als zu flach geltenden Hafenbecken sorgt weltweit für Aufsehen unter Marinestrategen — auch in Japan, wo Beobachter der Kaiserlichen Marine den Angriff aufmerksam studieren; gut ein Jahr später dient er als eines der Vorbilder für den japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Für die britische Mittelmeerflotte verschiebt sich mit Taranto das Kräfteverhältnis gegenüber Italien spürbar zu ihren Gunsten.
AM RANDE NOTIERT
- Zwischen Weserübung und Westfeldzug, am 10. Mai, löst Winston Churchill in London Neville Chamberlain als Premierminister ab — Großbritanniens Antwort auf die deutsche Offensive.
- Auch 1940 bleibt für Luckenwalde die stille, unerzählte Schlagzeile: Die Entrechtung und Verfolgung jüdischer Bürger setzt sich im Schatten der Kriegsereignisse fort.
- Für belegte lokale Tagesmeldungen aus Luckenwalde jenseits des Stalag III A wäre weiterhin das „Luckenwalder Kreisblatt" im Zeitungsarchiv einzusehen.
- Am 21. August wird Leo Trotzki in seinem mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten mit einem Eispickel ermordet — ein später, blutiger Nachhall der sowjetischen Säuberungen erreicht auch dieses Kriegsjahr.
- Ab September beginnt reichsweit die Kinderlandverschickung: Um Kinder aus bombengefährdeten Großstädten zu schützen, werden ganze Schulklassen in ländliche Lager verlegt — der Krieg erreicht damit auch den Alltag der Kleinsten.
- In Luckenwaldes Tuch- und Hutfabriken stellt sich die Produktion zunehmend auf Wehrmachtsbedarf um: Uniformstoffe und Filzhelme statt ziviler Mode — die Industriestadt südlich Berlins wird zum Rüstungsstandort.
SPORT · 1940
Der Krieg fordert auch im Sport seinen Tribut: Die für dieses Jahr geplanten Olympischen Spiele hatten schon eine wechselvolle Vorgeschichte — Tokio hatte den Zuschlag für die Sommerspiele bereits 1938 wegen des Krieges gegen China zurückgegeben, worauf Helsinki einsprang; auch die Winterspiele wanderten von Sapporo nach St. Moritz und schließlich nach Garmisch-Partenkirchen. Mit dem Krieg in Europa fallen nun auch diese Pläne endgültig dem Krieg zum Opfer und werden ersatzlos abgesagt — zum ersten Mal seit 1916 finden in einem olympischen Jahr keine Spiele statt. Im Reich selbst läuft der Ligabetrieb noch notdürftig unter Kriegsbedingungen weiter: FC Schalke 04 sichert sich mit dem 1:0-Finalsieg über den Dresdner SC bereits seinen siebten Meistertitel in Folge und bleibt die dominierende Kraft der Gauliga. Doch immer mehr Sportler werden zur Wehrmacht eingezogen, Wettkämpfe finden unter Verdunkelung und Rationierung statt, und mancher Meister der Vorkriegsjahre steht inzwischen selbst an der Front.
MODE · 1940
Der Krieg erreicht endgültig auch die Kleiderschränke: Bereits am 14. November 1939, kurz nach den Lebensmittelmarken, hatte Reichsbeauftragter Hans Kehrl die Reichskleiderkarte eingeführt — mit ihr wird Kleidung nur noch gegen ein Punktekonto von 100 Punkten pro Jahr und Person zugeteilt: Ein Paar Socken kostet 4 Punkte, ein Pullover 25, ein neues Kleid schon 45 — wer sein Konto ausgereizt hat, geht leer aus, ganz gleich, ob die Ware im Laden liegt. Jüdische Bürger sind von der Zuteilung bereits seit dem 6. Februar dieses Jahres ausgeschlossen. Das Umarbeiten alter Stücke wird damit zur Notwendigkeit, Schneidereien erleben einen Boom im Wenden und Kürzen gebrauchter Stoffe. Rocklängen verkürzen sich aus Stoffersparnis, und immer mehr Frauen tragen in Rüstungsbetrieben und im Kriegsdienst praktische Hosen und Uniformen statt Röcke.
LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft
- Varian Frys Rettungsaktion in Marseille (ab August 1940). Sein Emergency Rescue Committee organisiert Fluchtwege für über tausend gesuchte deutsche Emigranten, darunter Heinrich und Golo Mann, Hannah Arendt, Anna Seghers und Lion Feuchtwanger.
- Nelly Sachs flieht nach Schweden (Mai 1940). Die deutsch-jüdische Dichterin entgeht der Deportation in letzter Minute per Flugzeug — vermittelt durch die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf.
- Thomas Manns „Deutsche Hörer!" beginnen (Oktober 1940). Von London aus richtet der Exilautor bis Kriegsende regelmäßige BBC-Ansprachen an die deutsche Bevölkerung — kultureller Widerstand aus der Ferne.
- Der Penicillin-Durchbruch in Oxford (25. Mai 1940). Howard Florey und Ernst Boris Chain zeigen erstmals, dass gereinigtes Penicillin infizierte Mäuse heilt — der Grundstein für die spätere Massenproduktion des ersten Antibiotikums.
- Chaplins „Der große Diktator" feiert Premiere (15. Oktober 1940). In New York lacht das Kino über den Diktator „Hynkel" — eine mutige Filmsatire auf Hitler, während der echte Krieg längst tobt.
- Konrad Zuse vollendet den Rechner Z2 in Berlin (1940). Nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt entsteht mit dem ersten funktionsfähigen Relaisrechner ein früher Meilenstein der Computergeschichte.
DAS WETTER · 1940 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 18,6 °C, in der Nacht 12,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 2,1 mm, die Sonne zeigte sich rund 3,7 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 6,6 °C — rund 2,2 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 30 °C am 24. Juni, kältester −22 °C am 12. Januar. 1 Hitzetage (≥30 °C), 61 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 590 mm.
Der Kriegswinter 1939/40 zählte zu den strengsten des Jahrhunderts: bis −22 °C, 61 Eistage und wochenlanger Dauerfrost — das ganze Jahr blieb bitterkalt (Jahresmittel nur 6,6 °C).
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1940
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Er heißt Waldemar — Zarah Leander
- Die kleine Stadt will schlafen geh'n — Ilse Werner
- Stern von Rio — Rudi Schuricke
- Wenn ein junger Mann kommt — Willy Fritsch
- Mir geht's gut — Heinz Rühmann & Hertha Feiler
- Melodia (Hörst du mein heimliches Rufen?) — Rudi Schuricke
- Abends in der Taverne — Wilhelm Strienz
- I'll Never Smile Again — Tommy Dorsey and his Orchestra
- Frenesi — Artie Shaw & his Orchestra
- Frühling in Sorrent — Herbert Ernst Groh
- Wo ist dein Herz? — Zarah Leander
- Du darfst mir nie mehr rote Rosen schenken — Zarah Leander
- Schiff Ahoi! — Zarah Leander
- Für eine Nacht voller Seligkeit — Marika Rökk
- Warum soll ich treu sein? — Marika Rökk
- Wenn der Toni mit der Vroni — Rosita Serrano
- Ti Pi Tin — Rosita Serrano
- Wanderlied (Ein Schneider, der muss wandern) — Heinz Rühmann
- Der kleine Postillion — Rudi Schuricke
- Wenn der weiße Flieder wieder blüht — Kurt Widmann & Orchester
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.