DER CHRONIST
Ein Jahr der Wende: Der Krieg, den das Reich 1939 begann, kehrt sich gegen seine Urheber — an der Wolga, in der Wüste, im Pazifik. Im Fernen Osten triumphiert der japanische Bündnispartner noch über Singapur, ehe auch er bei Guadalcanal in die Defensive gerät. Vor der eigenen Haustür gelingt der Kriegsmarine ein spektakulärer Kanaldurchbruch, während Frankreichs Flotte sich vor dem Zugriff der Besatzer selbst versenkt. Fernab jeder Front zünden amerikanische Physiker in Chicago die erste kontrollierte Kettenreaktion, während in Peenemünde die erste Fernrakete der Welt abhebt. Und an einem See vor den Toren Berlins wird in aller Stille der Massenmord organisiert, der sich in diesem Jahr in Warschau und anderswo zum industriellen Verbrechen steigert.
Die Wannsee-Konferenz

In einer Villa am Großen Wannsee, am Rande Berlins und nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt, versammeln sich fünfzehn hohe Beamte und SS-Führer unter Vorsitz von Reinhard Heydrich. Den Auftrag dazu hatte ihm Hermann Göring bereits am 31. Juli 1941 schriftlich erteilt: Heydrich solle die „Gesamtlösung der Judenfrage" im deutschen Einflussbereich vorbereiten. Ursprünglich war die Zusammenkunft schon für den 9. Dezember 1941 angesetzt, wurde jedoch nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der USA auf den 20. Januar 1942 verschoben. Im Gästehaus der SS Am Großen Wannsee 56/58 besprechen die Teilnehmer die organisatorische und bürokratische Abwicklung der „Endlösung der Judenfrage" — der Massenmord an den europäischen Juden ist da längst im Gange, hier wird er zwischen den Ministerien und der SS koordiniert. Adolf Eichmann führt das Protokoll. Eine vorgelegte Statistik beziffert die Zahl der zur „Endlösung" vorgesehenen Juden auf rund elf Millionen — eingerechnet sind auch Juden aus Ländern außerhalb deutscher Herrschaft wie Großbritannien, Irland, der Schweiz, Schweden, Spanien und der Türkei, ein Beleg für den grenzenlosen Anspruch der Planung. Seit dem Frühjahr rollen die Deportationszüge aus dem gesamten besetzten Europa in die Vernichtungslager: Auschwitz-Birkenau wird ausgebaut, im Rahmen der ab März anlaufenden „Aktion Reinhardt" beginnt die Ermordung in den eigens dafür errichteten Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka; im Warthegau mordet das Lager Kulmhof (Chełmno) bereits seit Dezember 1941. Was am Wannsee auf dem Papier steht, bedeutet für Millionen Menschen den Tod — auch für jüdische Nachbarn, die einst in Luckenwalde lebten und längst vertrieben oder deportiert sind.
Beginn der Schlacht um Stalingrad

Die Schlacht ist Teil des „Falls Blau", der deutschen Sommeroffensive 1942, mit der Hitler die Ölfelder des Kaukasus bei Baku und Grosny sichern und zugleich die Flanke an der Wolga schützen will. Am 23. August greifen die deutsche 6. Armee unter General Friedrich Paulus und Teile der 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth, flankiert von der 4. rumänischen Armee, die Stadt an. Am selben Tag fliegt die Luftflotte 4 etwa 1.600 Einsätze und wirft rund 1.000 Tonnen Bomben auf Stalingrad; binnen weniger Tage sterben schätzungsweise 40.000 Zivilisten, die Innenstadt versinkt in Trümmern. Was als rascher Vorstoß gedacht war, verwandelt sich in monatelange Häuser- und Straßenkämpfe von bis dahin ungekannter Härte — um den Mamajew-Kurgan, das Getreidesilo und die Barrikady-Fabrik verteidigt die Rote Armee unter General Wassili Tschuikow buchstäblich jedes Zimmer. Am 19. November durchbricht die sowjetische Gegenoffensive „Operation Uranus" unter den Generälen Schukow und Wassilewski die von rumänischen Verbänden gehaltenen Frontabschnitte nördlich und südlich der Stadt; bis zum 23. November schließt sich der Ring um rund 250.000 bis 300.000 Mann der 6. Armee. Bis zum Jahresende ist die 6. Armee eingeschlossen — die Wende zeichnet sich ab, auch wenn das offizielle Ende erst 1943 kommt. Für die Heimatfront wird Stalingrad zum Symbol eines Krieges, der sich gegen das Reich zu wenden beginnt.
3 · Zwangsarbeit verschärft sich: das Stalag III-A vor der Haustür
Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den „Arbeitseinsatz“ (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
Direkt vor den Toren Luckenwaldes liegt eines der größten Kriegsgefangenenlager des Reiches, das Stalag III-A. Über 200.000 Gefangene aus zehn Nationen durchlaufen es im Kriegsverlauf; kaum 8.000 sind je zugleich im Hauptlager untergebracht, der Rest wird in mehr als 1.000 Arbeitskommandos über ganz Brandenburg verteilt — in Landwirtschaft, Forst und Industrie, auch in Luckenwalder Betrieben. 1942 verschärft sich das System grundlegend: Am 21. März ernennt Hitler Fritz Sauckel, bis dahin Gauleiter von Thüringen, zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz". Sauckel untersteht formal Görings Vierjahresplan-Behörde und organisiert bis Kriegsende die Verschleppung von schätzungsweise fünf Millionen zivilen Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten ins Reich. Himmlers „Ostarbeitererlasse" vom Februar entrechten die verschleppten sowjetischen Zivilarbeiter zusätzlich: Sie müssen, ähnlich dem seit 1940 für Polen vorgeschriebenen „P"-Abzeichen, sichtbar die Kennzeichnung „OST" auf der Kleidung tragen, dürfen Lager nur eingeschränkt verlassen und erhalten die niedrigsten Löhne und Rationen. Am schlechtesten ergeht es sowjetischen Kriegsgefangenen: Weil die Sowjetunion die Genfer Konvention von 1929 nie ratifiziert hatte, verweigert ihnen das Reich deren Schutz und behandelt sie nach der NS-Rassenideologie als „Untermenschen"; im Winter 1941/42 sind bereits rund 2.500 von ihnen im Stalag III-A einer Typhus-Epidemie erlegen. Wer 1942 durch Luckenwalde geht, sieht sie bei der Feldarbeit und in den örtlichen Betrieben — stumme Zeugen eines Systems, über das die gleichgeschaltete Presse schweigt.
Die Wüste kippt: El Alamein und die Landung in Nordafrika

Nach dem deutsch-italienischen Vormarsch bis an die ägyptische Grenze im Frühsommer und der ergebnislosen Ersten Schlacht von El Alamein im Juli verhärtet sich die Front in der Wüste zum Stellungskrieg. Krankheitsbedingt kehrt Generalfeldmarschall Erwin Rommel am 23. September zur Behandlung nach Deutschland zurück; sein Vertreter General Georg Stumme stirbt bereits am zweiten Schlachttag an Herzversagen, so dass Rommel überstürzt an die Front zurückkehrt. Am 23. Oktober eröffnen britische Truppen der 8. Armee unter General Bernard Montgomery — rund 195.000 Mann und knapp 1.000 Panzer gegen etwa 116.000, zur Hälfte italienische, Soldaten und rund 500 Panzer auf deutsch-italienischer Seite — mit einem nächtlichen Trommelfeuer aus fast 900 Geschützen die Großoffensive gegen die Panzerarmee Afrika. Mit dem Durchbruchsangriff „Operation Supercharge" in der Nacht zum 2. November gelingt der entscheidende Durchbruch; bis zum 4. November ist die Frontlinie aufgerissen, Rommel tritt gegen Hitlers ausdrücklichen „Kampf bis zum Sieg oder Tod"-Befehl den Rückzug an. Nur vier Tage später, am 8. November, landen unter dem Oberbefehl von General Dwight D. Eisenhower im Rahmen der „Operation Torch" rund 107.000 amerikanische und britische Soldaten bei Casablanca, Oran und Algier in Marokko und Algerien und eröffnen eine zweite Front im Rücken der Achsenmächte. Der Krieg in Nordafrika, der noch im Sommer nach Ägypten zu tragen schien, wendet sich damit endgültig gegen das Reich.
Schlacht um Midway — die Wende im Pazifik

Fernab von Europa, aber folgenreich für den ganzen Krieg: Nach dem Überfall auf Pearl Harbor und dem amerikanischen Doolittle-Luftangriff auf Tokio im April will Admiral Isoroku Yamamoto die noch verbliebenen US-Flugzeugträger zur Entscheidungsschlacht zwingen und dazu das Atoll Midway erobern. Amerikanische Funkaufklärer um Commander Joseph Rochefort entziffern jedoch den japanischen Marinecode weitgehend und bestätigen durch eine gezielte Finte, dass Midway das nächste Angriffsziel ist. Admiral Chester Nimitz stellt daraufhin drei Flugzeugträger — Enterprise, Hornet und die in nur 72 Stunden notdürftig reparierte Yorktown — den vier japanischen Trägern Akagi, Kaga, Sōryū und Hiryū unter Vizeadmiral Nagumo entgegen. Am 4. Juni versenken amerikanische Sturzkampfbomber vom Typ Douglas SBD Dauntless binnen weniger Minuten Akagi, Kaga und Sōryū; die Hiryū folgt am selben Tag, nachdem ihre Gegenangriffe zuvor die Yorktown schwer beschädigt hatten, die am 7. Juni von einem japanischen U-Boot versenkt wird. Vier japanische Flugzeugträger samt zahlreichen erfahrenen Piloten und Bodenmannschaften gehen unter, die USA verlieren nur die Yorktown. Japan verliert damit die Initiative im Pazifik und gerät fortan in die Defensive — ein Fanal auch für das mit Japan verbündete Deutsche Reich, dessen Kriegsglück sich 1942 an allen Fronten zu wenden beginnt.
Der Kanaldurchbruch: Unternehmen Cerberus

Ein Husarenstück direkt vor der britischen Haustür: Weil die durch RAF-Luftangriffe im französischen Hafen Brest festliegenden Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau sowie der Schwere Kreuzer Prinz Eugen dort zunehmend gefährdet sind, befiehlt die Kriegsmarine unter Vizeadmiral Otto Ciliax den offenen Durchbruch durch den Ärmelkanal bei Tageslicht — eine Route, die die britische Admiralität für ausgeschlossen gehalten hatte. In der Nacht zum 12. Februar laufen die drei Schiffe aus, begleitet von Zerstörern, Schnellbooten und, in enger Abstimmung zwischen Luftwaffe und Marine, durchgehender Jägerdeckung. Britische Aufklärung und Küstenbatterien reagieren zu spät; erst als der Verband bereits die engste Stelle des Kanals passiert hat, greifen Torpedoboote, Zerstörer und Bomber der Royal Air Force an — vergeblich. Bis zum 13. Februar erreichen alle drei Schiffe deutsche Häfen, wenn auch Scharnhorst und Gneisenau zuvor auf Minen laufen; Scharnhorst fällt daraufhin für acht Monate aus. Die deutschen Verluste bleiben mit einem Begleitschiff und 17 Flugzeugen gering. Für die britische Öffentlichkeit ist der ungehinderte Durchzug feindlicher Großkampfschiffe durch die eigene Meerenge eine Demütigung, die Presse und Parlament tagelang beschäftigt. Für die deutsche Propaganda ist Cerberus dagegen einer der letzten unbeschwerten Erfolge des Jahres — bevor sich das Kriegsglück in Nordafrika, an der Wolga und im Pazifik zu wenden beginnt.
Der Fall Singapurs

Nur wenige Tage später erschüttert eine Niederlage in Fernost das britische Empire in seinem Kern. Nach wochenlangem Rückzug durch die malaiische Halbinsel kapituliert Generalleutnant Arthur Percival am 15. Februar mit rund 140.000 britischen, indischen, australischen und malaiischen Soldaten vor dem japanischen Oberbefehlshaber Tomoyuki Yamashita, dessen Truppen auf der Insel selbst nur etwa 30.000 Mann zählen. Yamashita hatte die eigene zahlenmäßige Unterlegenheit durch täuschend selbstbewusstes Auftreten und raschen Vorstoß verschleiert und Percival zur Übergabe gedrängt, noch bevor dieser die eigene Übermacht erkennen konnte — Zeitgenossen sprechen später vom „größten Bluff des Krieges". Die als uneinnehmbar geltende Festung, „Gibraltar des Ostens" genannt, fällt binnen einer Woche seit dem japanischen Übersetzen auf die Insel. Über 62.000 alliierte Soldaten geraten in Kriegsgefangenschaft; mehr als die Hälfte von ihnen stirbt in den folgenden Jahren in den Lagern und beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn an Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit. Winston Churchill nennt die Kapitulation später die schlimmste Katastrophe und größte Kapitulation der britischen Militärgeschichte. Für das mit Japan verbündete Deutsche Reich ist der Erfolg des Bündnispartners im Fernen Osten eine willkommene Propagandanachricht in einem Winter, der an der Ostfront selbst nur mühsame Abwehrkämpfe kennt.
Großaktion Warschau: Die Deportationen aus dem Ghetto

Im besetzten Polen erreicht die im Januar am Wannsee bürokratisch geordnete „Endlösung" ihren bis dahin größten einzelnen Vernichtungsschlag. Ab dem 22. Juli beginnt die SS im Rahmen der „Aktion Reinhardt" die systematische Räumung des Warschauer Ghettos, in dem seit 1940 rund 400.000 Juden auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Täglich werden mehrere Tausend Menschen — Familien, Kranke, Kinder — am Umschlagplatz an der Ghettogrenze zusammengetrieben und in Güterwaggons gepfercht ins gut 80 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie fast ausnahmslos noch am Ankunftstag in Gaskammern ermordet werden. Bis zum Ende der „Großaktion" am 21. September sind schätzungsweise 265.000 bis 300.000 Menschen deportiert und ermordet, weitere über 10.000 während der Razzien in der Stadt selbst erschossen worden. Zurück bleibt ein „Restghetto" von rund 60.000 Bewohnern, überwiegend jüngere Arbeitsfähige, unter ihnen jene, die im folgenden Frühjahr den Aufstand im Warschauer Ghetto wagen werden. Der Vorsitzende des Judenrats, Adam Czerniaków, nimmt sich am ersten Tag der Deportationen das Leben, um nicht bei deren Organisation mitwirken zu müssen. Was in Luckenwalde von den Deportationen kaum etwas durchdringt, ist im besetzten Osten längst das Kernstück jener Vernichtungspolitik, die am Großen Wannsee im Januar beschlossen worden war.
Landung auf Guadalcanal

Im Pazifik gehen die US-Streitkräfte nach dem Sieg bei Midway erstmals selbst in die Offensive. Am 7. August landen rund 11.000 Mann der
- US-Marineinfanteriedivision unter Generalmajor Alexander Vandegrift, von einer Flotte unter Konteradmiral Richmond Kelly Turner an Land gebracht, auf Guadalcanal und den benachbarten Salomonen-Inseln Tulagi, Gavutu und Tanambogo — die „Operation Watchtower" ist die erste amerikanische Landoffensive des Krieges. Ziel ist ein fast fertiggestellter japanischer Feldflugplatz bei Lunga Point, der, in amerikanischer Hand als „Henderson Field" weitergebaut, zum entscheidenden Stützpunkt der Kampagne wird. Die japanische Besatzung wird von dem überraschenden Angriff überrumpelt; erst binnen 24 Stunden erfährt das Oberkommando in Rabaul überhaupt vom Ausmaß der Landung. Was als rascher Handstreich beginnt, entwickelt sich jedoch zu einem monatelangen Zermürbungskrieg zu Lande, zur See und in der Luft, mit verlustreichen nächtlichen Seeschlachten in der Meerenge um die Insel und verbissenen Kämpfen um Henderson Field; der Ausgang der Kampagne, die erst im Februar 1943 mit der japanischen Räumung endet, bleibt bis zum Jahreswechsel offen. Für das mit Japan verbündete Deutsche Reich ist Guadalcanal, fernab jeder Front, an der eigene Soldaten kämpfen, dennoch ein Menetekel: Auch der pazifische Bündnispartner gerät nach dem Erfolg von Midway nun endgültig in die Defensive.
Peenemünde: Der erste erfolgreiche A4-Start

An der pommerschen Ostseeküste gelingt der Heeresversuchsanstalt Peenemünde unter der technischen Leitung von Wernher von Braun ein Durchbruch, der weit über den laufenden Krieg hinausweist. Nach mehreren fehlgeschlagenen Erprobungen seit März startet am 3. Oktober die Flüssigkeitsrakete Aggregat 4 — später als „Vergeltungswaffe 2" (V2) propagandistisch vermarktet — erstmals erfolgreich: Sie erreicht eine Höhe von rund 84,5 Kilometern, überfliegt in knapp fünf Minuten eine Strecke von 190 Kilometern und erzielt dabei nahezu die fünffache Schallgeschwindigkeit. Es ist der erste von Menschenhand gebaute Flugkörper, der die Grenze zum Weltraum erreicht — eine wissenschaftlich-technische Pioniertat, über die im Reich zunächst strengstes Stillschweigen herrscht. Für das Heereswaffenamt ist der Erfolg Anlass, die Produktion der Rakete als Vergeltungswaffe gegen England voranzutreiben; in den kommenden Kriegsjahren werden Zehntausende Zwangsarbeiter, viele aus Konzentrationslagern, unter mörderischen Bedingungen zum Bau der Serienraketen gezwungen. Die militärische Wirkung der V2 wird sich als begrenzt erweisen, ihr Beitrag zur Raumfahrttechnik jedoch — über von Braun selbst, der nach dem Krieg für die USA arbeitet — das 20. Jahrhundert prägen. 1942 ist davon nichts zu ahnen; hier gilt der Start als geheimer Sieg der deutschen Ingenieurskunst inmitten eines Krieges, der sich an allen Fronten zu wenden beginnt.
Selbstversenkung der französischen Flotte in Toulon

Nach der alliierten Landung in Nordafrika Anfang November besetzen deutsche und italienische Truppen im Rahmen des „Unternehmens Anton" ab dem 11. November das bis dahin unbesetzte Vichy-Frankreich, um einem befürchteten Überlaufen der französischen Flotte zu den Alliierten zuvorzukommen. Der Hafen von Toulon, letzter großer Stützpunkt der Kriegsmarine des Vichy-Regimes, bleibt zunächst durch diplomatisches Taktieren der französischen Admiralität ausgespart. Als deutsche Truppen unter dem Decknamen „Unternehmen Lila" in der Nacht zum 27. November dennoch den Hafen und die dortigen Schiffe zu besetzen versuchen, verzögern französische Kommandanten den Zugriff durch Verhandlungen und Hinhaltemanöver so lange, bis Admiral Gabriel Auphan den zuvor erteilten Befehl zur Selbstversenkung ausführen lässt. Innerhalb weniger Stunden werden 77 Kriegsschiffe — darunter drei Schlachtschiffe, sieben Kreuzer, 15 Zerstörer und zwölf U-Boote — von ihren eigenen Besatzungen versenkt oder in Brand gesetzt, um sie weder den Deutschen noch, im Sinne des Vichy-Regimes, den Alliierten in die Hände fallen zu lassen. Für die Kriegsmarine, die auf die intakte Übernahme der einst mächtigen französischen Flotte gehofft hatte, ist der Verlust ein empfindlicher Rückschlag; für das Vichy-Regime markiert der Vorgang zugleich den endgültigen Verlust jeder militärischen Eigenständigkeit gegenüber dem Besatzer.
Chicago Pile-1: Die erste kontrollierte Kettenreaktion

Fernab jeder Front, in einer stillgelegten Squash-Halle unter der Tribüne des Universitätsstadions von Chicago, gelingt Wissenschaftlern des streng geheimen amerikanischen Atomprogramms ein Durchbruch, der die Kriegsführung der kommenden Jahrzehnte verändern wird. Am 2. Dezember um 15:22 Uhr Ortszeit lässt der italienische Physiker Enrico Fermi, der 1938 vor dem faschistischen Italien in die USA emigriert war, im von ihm konstruierten Reaktor „Chicago Pile-1" — einem meterhohen Stapel aus Graphitblöcken und Uran — die letzten Kadmiumstäbe, die die Kettenreaktion bremsen, schrittweise herausziehen. Als der letzte Stab entfernt ist, wird die Reaktion selbsttragend: Die weltweit erste vom Menschen kontrollierte, sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion ist gelungen. Fermi meldet dem anwesenden Physiker Arthur Compton lakonisch, das Experiment sei geglückt und werde nun sich selbst erhalten; nach 28 Minuten lässt er die Stäbe wieder einfahren und die Reaktion abbrechen. Der Versuch, Teil des im selben Jahr unter Leitung von General Leslie Groves anlaufenden „Manhattan-Projekts", liefert den technischen Machbarkeitsnachweis für den Bau von Reaktoren zur Plutoniumgewinnung — die Grundlage der amerikanischen Atombombe, die drei Jahre später über Japan eingesetzt wird. Von dem Ereignis dringt 1942 naturgemäß nichts an die Öffentlichkeit, weder in den USA noch im Reich, dessen eigenes, weit weniger vorangetriebenes „Uranprojekt" zu diesem Zeitpunkt technisch weit zurückliegt.
AM RANDE NOTIERT
- Köln, Nacht zum 31. Mai: Die Royal Air Force fliegt mit „Operation Millennium" den ersten „Tausend-Bomber-Angriff" des Krieges gegen eine deutsche Stadt — der Luftkrieg erreicht eine neue Dimension.
- In Luckenwalde selbst ist für 1942 kein einzelnes Tagesereignis der Lokalpresse belegt; die Stadt lebt, wie das ganze Reich, im Rhythmus der Frontmeldungen und der Rüstungsproduktion — und im Schatten des Lagers vor ihren Toren.
- Baedeker-Angriffe, ab 23. April: Als Vergeltung für RAF-Bomben auf Lübeck und Rostock lässt die Luftwaffe gezielt englische Kulturstädte wie Exeter, Bath, Norwich, York und Canterbury bombardieren — benannt nach dem Reiseführer, der die Ziele auswählte. Über 1.600 Zivilisten sterben, mehr als 50.000 Gebäude werden zerstört oder schwer beschädigt.
- Luckenwalder Tuch- und Hutfabriken: Die traditionsreichen Textilbetriebe der Stadt, einst unter den größten ihrer Art in der Mark Brandenburg, fertigen 1942 überwiegend für die Wehrmacht — Uniformstoffe und Filzhüte statt ziviler Ware. Wie die Metallindustrie am Ort ist auch die Tuchmacherei längst der Rüstung untergeordnet.
SPORT · 1942
Der Ligabetrieb schrumpft weiter: Immer mehr Spieler der Gauliga-Mannschaften stehen im Feld, Vereine müssen Mannschaften zusammenlegen oder Wettbewerbe aussetzen. Von geregeltem Sport im Vorkriegssinne kann im dritten Kriegsjahr kaum noch die Rede sein. Umso mehr Beachtung findet, dass der reguläre Spielbetrieb trotz allem zu Ende geführt wird: Am 4. Juli krönt sich der FC Schalke 04 im Berliner Olympiastadion vor 90.000 Zuschauern mit einem 2:0 gegen den First Vienna FC zum sechsten Mal zum Deutschen Meister — die Tore erzielen Ernst Kalwitzki (14. Minute) und der Schalker Kapitän Fritz Szepan (42. Minute). Der „Club aus der Kohle" bleibt damit, allen Kriegseinschränkungen zum Trotz, die dominierende Mannschaft der Ära. Abseits solcher Höhepunkte gilt für die Masse der Vereine: Trainingsbetrieb, Reisen und Zuschauerzahlen leiden unter Rohstoff- und Treibstoffmangel, und mit jedem Jahresbericht verlieren die Mannschaftslisten weitere Namen an die Wehrmachtsberichte von der Front.
MODE · 1942
Rationierung und Rohstoffmangel prägen weiterhin jede Kleideranschaffung: Alte Stücke werden gewendet, geflickt und umgearbeitet, echte Wolle und Seide sind längst Mangelware. Die seit November 1939 gültige Reichskleiderkarte gewährt ihren Inhabern rechnerisch 100 Punkte im Jahr — ein Paar Strümpfe kostet 4 Punkte, ein Pullover 25, ein neues Kleid 45 Punkte —, doch zum 15. September 1942 wird die Zuteilung auf nur noch 70 Punkte gekürzt. Kleidung aus Zellwolle, dem synthetischen Zellstofffaser-Ersatz für Wolle und Baumwolle, kostet spürbar weniger Punkte als echte Textilware und findet sich deshalb in immer mehr Kleiderschränken, auch wenn sie rascher verschleißt und schlechter wärmt. Der Grund für die Kürzung liegt an der Front: Nach dem harten Kriegswinter 1941/42, in dem der Wehrmacht warme Winterausrüstung fehlte, sollen mit den eingesparten Rohstoffen rechtzeitig vor dem nächsten Winter Mäntel, Pelze und Wollsachen für die Ostfront beschafft werden. Frauen in der Rüstungsproduktion tragen zunehmend praktische Arbeitskleidung statt modischer Garderobe.
LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft
- Gründung der Weißen Rose (Sommer/Herbst 1942). Münchner Studierende um Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst und Alexander Schmorell verteilen erste Flugblätter gegen NS-Verbrechen und Krieg — studentischer Widerstand mitten im totalitären Staat.
- Berthold Beitz rettet jüdische Arbeiter in Boryslaw (1942). Der deutsche Öl-Manager stattet Hunderte Juden mit falschen „kriegswichtigen" Papieren aus und holt sie von Deportationszügen — geschätzt über 800 gerettete Leben durch die Zivilcourage eines Einzelnen.
- Erste lebensrettende Penicillin-Behandlung in den USA (14. März 1942). Die schwerkranke Anne Miller wird in New Haven als erste Patientin erfolgreich mit dem neuen Antibiotikum behandelt — binnen Tagen sinkt ihr tagelang lebensbedrohliches Fieber, sie überlebt um weitere 57 Jahre. Der Durchbruch ebnet der breiten Anwendung des Penicillins den Weg.
- Rote-Kreuz-Hilfe für westalliierte Gefangene im Stalag III-A (1942). Anders als den sowjetischen Gefangenen kommt britischen, amerikanischen, französischen und belgischen Kriegsgefangenen im Lager vor Luckenwalde der Schutz der Genfer Konvention zugute: Das Internationale Rote Kreuz inspiziert das Lager und liefert Verpflegungspakete — ein schmaler Lichtblick inmitten des Grauens, das das Lager sonst prägt.
DAS WETTER · 1942 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,8 °C, in der Nacht 12,3 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne zeigte sich rund 1,7 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 7,5 °C — rund 1,3 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 33 °C am 30. August, kältester −22 °C am 27. Januar. 9 Hitzetage (≥30 °C), 52 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 510 mm.
Der Hungerwinter 1941/42 brachte erneut bis −22 °C und 52 Eistage — der dritte harte Kriegswinter in Folge.
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1942
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n — Zarah Leander
- Davon geht die Welt nicht unter — Zarah Leander
- Wir machen Musik — Ilse Werner
- Ich hab' dich und du hast mich — Ilse Werner
- Mein Herz hat heut' Premiere — Ilse Werner
- Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei — Lale Andersen
- Lili Marleen — Lale Andersen
- Das Karussell — Evelyn Künneke
- Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt? — Evelyn Künneke
- Wer die Heimat liebt — Herbert Ernst Groh
- Ich trag' im Herzen drin' — Hans Moser
- Wiener Blut — Willi Forst
- Liebe kleine Schaffnerin — Rudolf Carl
- Sing mit mir — Marika Rökk
- Heimat, deine Sterne — Rudi Schuricke
- Blaue Husaren — Zarah Leander
- In The Mood — Glenn Miller
- A String Of Pearls — Glenn Miller
- Nach jedem Abschied gibt's ein Wiederseh'n — Rosita Serrano
- Ich spiel mit dir — Johannes Heesters
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.