DER CHRONIST

Ein Jahr der Wende: Der Krieg, den das Reich 1939 begann, kehrt sich gegen seine Urheber — an der Wolga, in der Wüste, im Pazifik. Im Fernen Osten triumphiert der japanische Bündnispartner noch über Singapur, ehe auch er bei Guadalcanal in die Defensive gerät. Vor der eigenen Haustür gelingt der Kriegsmarine ein spektakulärer Kanaldurchbruch, während Frankreichs Flotte sich vor dem Zugriff der Besatzer selbst versenkt. Fernab jeder Front zünden amerikanische Physiker in Chicago die erste kontrollierte Kettenreaktion, während in Peenemünde die erste Fernrakete der Welt abhebt. Und an einem See vor den Toren Berlins wird in aller Stille der Massenmord organisiert, der sich in diesem Jahr in Warschau und anderswo zum industriellen Verbrechen steigert.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die Wannsee-Konferenz

Das Haus der Wannsee-Konferenz am Großen Wannsee
Das Haus der Wannsee-Konferenz am Großen Wannsee (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

In einer Villa am Großen Wannsee, am Rande Berlins und nur eine Zugstunde von Luckenwalde entfernt, versammeln sich fünfzehn hohe Beamte und SS-Führer unter Vorsitz von Reinhard Heydrich. Den Auftrag dazu hatte ihm Hermann Göring bereits am 31. Juli 1941 schriftlich erteilt: Heydrich solle die „Gesamtlösung der Judenfrage" im deutschen Einflussbereich vorbereiten. Ursprünglich war die Zusammenkunft schon für den 9. Dezember 1941 angesetzt, wurde jedoch nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der USA auf den 20. Januar 1942 verschoben. Im Gästehaus der SS Am Großen Wannsee 56/58 besprechen die Teilnehmer die organisatorische und bürokratische Abwicklung der „Endlösung der Judenfrage" — der Massenmord an den europäischen Juden ist da längst im Gange, hier wird er zwischen den Ministerien und der SS koordiniert. Adolf Eichmann führt das Protokoll. Eine vorgelegte Statistik beziffert die Zahl der zur „Endlösung" vorgesehenen Juden auf rund elf Millionen — eingerechnet sind auch Juden aus Ländern außerhalb deutscher Herrschaft wie Großbritannien, Irland, der Schweiz, Schweden, Spanien und der Türkei, ein Beleg für den grenzenlosen Anspruch der Planung. Seit dem Frühjahr rollen die Deportationszüge aus dem gesamten besetzten Europa in die Vernichtungslager: Auschwitz-Birkenau wird ausgebaut, im Rahmen der ab März anlaufenden „Aktion Reinhardt" beginnt die Ermordung in den eigens dafür errichteten Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka; im Warthegau mordet das Lager Kulmhof (Chełmno) bereits seit Dezember 1941. Was am Wannsee auf dem Papier steht, bedeutet für Millionen Menschen den Tod — auch für jüdische Nachbarn, die einst in Luckenwalde lebten und längst vertrieben oder deportiert sind.

Aus heutiger Sicht

Die Wannsee-Konferenz selbst beschließt keinen Mord — sie organisiert ihn. In den Monaten nach dem 20. Januar 1942 wird das am Wannsee koordinierte Vorgehen zur Blaupause für die systematische, fabrikmäßige Vernichtung: Die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau, Belzec, Sobibor und Treblinka nehmen 1942 ihre Arbeit im industriellen Maßstab auf, mit Fahrplänen für Deportationszüge, standardisierten Tötungsverfahren und bürokratischer Verwaltung des Massenmords bis hin zur Verwertung der Habe der Ermordeten. Historiker datieren den Übergang von den Massenerschießungen der Einsatzgruppen 1941 zur industriellen Vernichtung des Holocaust maßgeblich auf dieses Jahr.

Beginn der Schlacht um Stalingrad

Die zerstörte Stadt Stalingrad, 1942
Die zerstörte Stadt Stalingrad, 1942 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Die Schlacht ist Teil des „Falls Blau", der deutschen Sommeroffensive 1942, mit der Hitler die Ölfelder des Kaukasus bei Baku und Grosny sichern und zugleich die Flanke an der Wolga schützen will. Am 23. August greifen die deutsche 6. Armee unter General Friedrich Paulus und Teile der 4. Panzerarmee unter Generaloberst Hoth, flankiert von der 4. rumänischen Armee, die Stadt an. Am selben Tag fliegt die Luftflotte 4 etwa 1.600 Einsätze und wirft rund 1.000 Tonnen Bomben auf Stalingrad; binnen weniger Tage sterben schätzungsweise 40.000 Zivilisten, die Innenstadt versinkt in Trümmern. Was als rascher Vorstoß gedacht war, verwandelt sich in monatelange Häuser- und Straßenkämpfe von bis dahin ungekannter Härte — um den Mamajew-Kurgan, das Getreidesilo und die Barrikady-Fabrik verteidigt die Rote Armee unter General Wassili Tschuikow buchstäblich jedes Zimmer. Am 19. November durchbricht die sowjetische Gegenoffensive „Operation Uranus" unter den Generälen Schukow und Wassilewski die von rumänischen Verbänden gehaltenen Frontabschnitte nördlich und südlich der Stadt; bis zum 23. November schließt sich der Ring um rund 250.000 bis 300.000 Mann der 6. Armee. Bis zum Jahresende ist die 6. Armee eingeschlossen — die Wende zeichnet sich ab, auch wenn das offizielle Ende erst 1943 kommt. Für die Heimatfront wird Stalingrad zum Symbol eines Krieges, der sich gegen das Reich zu wenden beginnt.

3 · Zwangsarbeit verschärft sich: das Stalag III-A vor der Haustür

Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den „Arbeitseinsatz“ (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Direkt vor den Toren Luckenwaldes liegt eines der größten Kriegsgefangenenlager des Reiches, das Stalag III-A. Über 200.000 Gefangene aus zehn Nationen durchlaufen es im Kriegsverlauf; kaum 8.000 sind je zugleich im Hauptlager untergebracht, der Rest wird in mehr als 1.000 Arbeitskommandos über ganz Brandenburg verteilt — in Landwirtschaft, Forst und Industrie, auch in Luckenwalder Betrieben. 1942 verschärft sich das System grundlegend: Am 21. März ernennt Hitler Fritz Sauckel, bis dahin Gauleiter von Thüringen, zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz". Sauckel untersteht formal Görings Vierjahresplan-Behörde und organisiert bis Kriegsende die Verschleppung von schätzungsweise fünf Millionen zivilen Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten ins Reich. Himmlers „Ostarbeitererlasse" vom Februar entrechten die verschleppten sowjetischen Zivilarbeiter zusätzlich: Sie müssen, ähnlich dem seit 1940 für Polen vorgeschriebenen „P"-Abzeichen, sichtbar die Kennzeichnung „OST" auf der Kleidung tragen, dürfen Lager nur eingeschränkt verlassen und erhalten die niedrigsten Löhne und Rationen. Am schlechtesten ergeht es sowjetischen Kriegsgefangenen: Weil die Sowjetunion die Genfer Konvention von 1929 nie ratifiziert hatte, verweigert ihnen das Reich deren Schutz und behandelt sie nach der NS-Rassenideologie als „Untermenschen"; im Winter 1941/42 sind bereits rund 2.500 von ihnen im Stalag III-A einer Typhus-Epidemie erlegen. Wer 1942 durch Luckenwalde geht, sieht sie bei der Feldarbeit und in den örtlichen Betrieben — stumme Zeugen eines Systems, über das die gleichgeschaltete Presse schweigt.

Die Wüste kippt: El Alamein und die Landung in Nordafrika

Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Nordafrika
Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Nordafrika (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach dem deutsch-italienischen Vormarsch bis an die ägyptische Grenze im Frühsommer und der ergebnislosen Ersten Schlacht von El Alamein im Juli verhärtet sich die Front in der Wüste zum Stellungskrieg. Krankheitsbedingt kehrt Generalfeldmarschall Erwin Rommel am 23. September zur Behandlung nach Deutschland zurück; sein Vertreter General Georg Stumme stirbt bereits am zweiten Schlachttag an Herzversagen, so dass Rommel überstürzt an die Front zurückkehrt. Am 23. Oktober eröffnen britische Truppen der 8. Armee unter General Bernard Montgomery — rund 195.000 Mann und knapp 1.000 Panzer gegen etwa 116.000, zur Hälfte italienische, Soldaten und rund 500 Panzer auf deutsch-italienischer Seite — mit einem nächtlichen Trommelfeuer aus fast 900 Geschützen die Großoffensive gegen die Panzerarmee Afrika. Mit dem Durchbruchsangriff „Operation Supercharge" in der Nacht zum 2. November gelingt der entscheidende Durchbruch; bis zum 4. November ist die Frontlinie aufgerissen, Rommel tritt gegen Hitlers ausdrücklichen „Kampf bis zum Sieg oder Tod"-Befehl den Rückzug an. Nur vier Tage später, am 8. November, landen unter dem Oberbefehl von General Dwight D. Eisenhower im Rahmen der „Operation Torch" rund 107.000 amerikanische und britische Soldaten bei Casablanca, Oran und Algier in Marokko und Algerien und eröffnen eine zweite Front im Rücken der Achsenmächte. Der Krieg in Nordafrika, der noch im Sommer nach Ägypten zu tragen schien, wendet sich damit endgültig gegen das Reich.

Schlacht um Midway — die Wende im Pazifik

Der Flugzeugträger USS Yorktown wird bei Midway getroffen, Juni 1942
Der Flugzeugträger USS Yorktown wird bei Midway getroffen, Juni 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Fernab von Europa, aber folgenreich für den ganzen Krieg: Nach dem Überfall auf Pearl Harbor und dem amerikanischen Doolittle-Luftangriff auf Tokio im April will Admiral Isoroku Yamamoto die noch verbliebenen US-Flugzeugträger zur Entscheidungsschlacht zwingen und dazu das Atoll Midway erobern. Amerikanische Funkaufklärer um Commander Joseph Rochefort entziffern jedoch den japanischen Marinecode weitgehend und bestätigen durch eine gezielte Finte, dass Midway das nächste Angriffsziel ist. Admiral Chester Nimitz stellt daraufhin drei Flugzeugträger — Enterprise, Hornet und die in nur 72 Stunden notdürftig reparierte Yorktown — den vier japanischen Trägern Akagi, Kaga, Sōryū und Hiryū unter Vizeadmiral Nagumo entgegen. Am 4. Juni versenken amerikanische Sturzkampfbomber vom Typ Douglas SBD Dauntless binnen weniger Minuten Akagi, Kaga und Sōryū; die Hiryū folgt am selben Tag, nachdem ihre Gegenangriffe zuvor die Yorktown schwer beschädigt hatten, die am 7. Juni von einem japanischen U-Boot versenkt wird. Vier japanische Flugzeugträger samt zahlreichen erfahrenen Piloten und Bodenmannschaften gehen unter, die USA verlieren nur die Yorktown. Japan verliert damit die Initiative im Pazifik und gerät fortan in die Defensive — ein Fanal auch für das mit Japan verbündete Deutsche Reich, dessen Kriegsglück sich 1942 an allen Fronten zu wenden beginnt.

Der Kanaldurchbruch: Unternehmen Cerberus

Das Schlachtschiff Scharnhorst, 1942
Das Schlachtschiff Scharnhorst, das gemeinsam mit Gneisenau und Prinz Eugen den Kanal durchbrach, 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ein Husarenstück direkt vor der britischen Haustür: Weil die durch RAF-Luftangriffe im französischen Hafen Brest festliegenden Schlachtschiffe Scharnhorst und Gneisenau sowie der Schwere Kreuzer Prinz Eugen dort zunehmend gefährdet sind, befiehlt die Kriegsmarine unter Vizeadmiral Otto Ciliax den offenen Durchbruch durch den Ärmelkanal bei Tageslicht — eine Route, die die britische Admiralität für ausgeschlossen gehalten hatte. In der Nacht zum 12. Februar laufen die drei Schiffe aus, begleitet von Zerstörern, Schnellbooten und, in enger Abstimmung zwischen Luftwaffe und Marine, durchgehender Jägerdeckung. Britische Aufklärung und Küstenbatterien reagieren zu spät; erst als der Verband bereits die engste Stelle des Kanals passiert hat, greifen Torpedoboote, Zerstörer und Bomber der Royal Air Force an — vergeblich. Bis zum 13. Februar erreichen alle drei Schiffe deutsche Häfen, wenn auch Scharnhorst und Gneisenau zuvor auf Minen laufen; Scharnhorst fällt daraufhin für acht Monate aus. Die deutschen Verluste bleiben mit einem Begleitschiff und 17 Flugzeugen gering. Für die britische Öffentlichkeit ist der ungehinderte Durchzug feindlicher Großkampfschiffe durch die eigene Meerenge eine Demütigung, die Presse und Parlament tagelang beschäftigt. Für die deutsche Propaganda ist Cerberus dagegen einer der letzten unbeschwerten Erfolge des Jahres — bevor sich das Kriegsglück in Nordafrika, an der Wolga und im Pazifik zu wenden beginnt.

Aus heutiger Sicht

Formulierungen wie „Husarenstück" und „einer der letzten unbeschwerten Erfolge" folgen der Sprache der zeitgenössischen, gleichgeschalteten Kriegsberichterstattung, die militärische Operationen durchweg als heroische Leistungen inszeniert — unabhängig vom Kontext oder Kriegsverlauf. Diese Sprache blendet aus, dass der „Erfolg" Teil eines Angriffskriegs ist, der zu diesem Zeitpunkt bereits Millionen Menschen das Leben gekostet hat; sie wird hier zitiert, um die zeitgenössische Wahrnehmung zu dokumentieren, nicht um sie zu teilen.

Der Fall Singapurs

General Yamashita und Generalleutnant Percival besprechen die Kapitulationsbedingungen
General Yamashita und Generalleutnant Percival besprechen die Kapitulationsbedingungen, 15. Februar 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Tage später erschüttert eine Niederlage in Fernost das britische Empire in seinem Kern. Nach wochenlangem Rückzug durch die malaiische Halbinsel kapituliert Generalleutnant Arthur Percival am 15. Februar mit rund 140.000 britischen, indischen, australischen und malaiischen Soldaten vor dem japanischen Oberbefehlshaber Tomoyuki Yamashita, dessen Truppen auf der Insel selbst nur etwa 30.000 Mann zählen. Yamashita hatte die eigene zahlenmäßige Unterlegenheit durch täuschend selbstbewusstes Auftreten und raschen Vorstoß verschleiert und Percival zur Übergabe gedrängt, noch bevor dieser die eigene Übermacht erkennen konnte — Zeitgenossen sprechen später vom „größten Bluff des Krieges". Die als uneinnehmbar geltende Festung, „Gibraltar des Ostens" genannt, fällt binnen einer Woche seit dem japanischen Übersetzen auf die Insel. Über 62.000 alliierte Soldaten geraten in Kriegsgefangenschaft; mehr als die Hälfte von ihnen stirbt in den folgenden Jahren in den Lagern und beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn an Hunger, Krankheit und Zwangsarbeit. Winston Churchill nennt die Kapitulation später die schlimmste Katastrophe und größte Kapitulation der britischen Militärgeschichte. Für das mit Japan verbündete Deutsche Reich ist der Erfolg des Bündnispartners im Fernen Osten eine willkommene Propagandanachricht in einem Winter, der an der Ostfront selbst nur mühsame Abwehrkämpfe kennt.

Großaktion Warschau: Die Deportationen aus dem Ghetto

Der Umschlagplatz am Rand des Warschauer Ghettos
Der Umschlagplatz am Rand des Warschauer Ghettos, von dem die Deportationszüge nach Treblinka abgingen (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im besetzten Polen erreicht die im Januar am Wannsee bürokratisch geordnete „Endlösung" ihren bis dahin größten einzelnen Vernichtungsschlag. Ab dem 22. Juli beginnt die SS im Rahmen der „Aktion Reinhardt" die systematische Räumung des Warschauer Ghettos, in dem seit 1940 rund 400.000 Juden auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Täglich werden mehrere Tausend Menschen — Familien, Kranke, Kinder — am Umschlagplatz an der Ghettogrenze zusammengetrieben und in Güterwaggons gepfercht ins gut 80 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka deportiert, wo sie fast ausnahmslos noch am Ankunftstag in Gaskammern ermordet werden. Bis zum Ende der „Großaktion" am 21. September sind schätzungsweise 265.000 bis 300.000 Menschen deportiert und ermordet, weitere über 10.000 während der Razzien in der Stadt selbst erschossen worden. Zurück bleibt ein „Restghetto" von rund 60.000 Bewohnern, überwiegend jüngere Arbeitsfähige, unter ihnen jene, die im folgenden Frühjahr den Aufstand im Warschauer Ghetto wagen werden. Der Vorsitzende des Judenrats, Adam Czerniaków, nimmt sich am ersten Tag der Deportationen das Leben, um nicht bei deren Organisation mitwirken zu müssen. Was in Luckenwalde von den Deportationen kaum etwas durchdringt, ist im besetzten Osten längst das Kernstück jener Vernichtungspolitik, die am Großen Wannsee im Januar beschlossen worden war.

Aus heutiger Sicht

Unter den Deportierten der Großaktion befindet sich am 6. August auch der Pädagoge und Kinderarzt Janusz Korczak, der die rund 200 Waisenkinder seines Waisenhauses freiwillig auf dem letzten Weg zum Umschlagplatz und in den Deportationszug nach Treblinka begleitet, obwohl ihm selbst mehrfach die Rettung angeboten wird (siehe GESTORBEN).

Landung auf Guadalcanal

US-Marineinfanteristen stürmen den Strand von Guadalcanal
US-Marineinfanteristen stürmen den Strand von Guadalcanal, 7. August 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Pazifik gehen die US-Streitkräfte nach dem Sieg bei Midway erstmals selbst in die Offensive. Am 7. August landen rund 11.000 Mann der

  1. US-Marineinfanteriedivision unter Generalmajor Alexander Vandegrift, von einer Flotte unter Konteradmiral Richmond Kelly Turner an Land gebracht, auf Guadalcanal und den benachbarten Salomonen-Inseln Tulagi, Gavutu und Tanambogo — die „Operation Watchtower" ist die erste amerikanische Landoffensive des Krieges. Ziel ist ein fast fertiggestellter japanischer Feldflugplatz bei Lunga Point, der, in amerikanischer Hand als „Henderson Field" weitergebaut, zum entscheidenden Stützpunkt der Kampagne wird. Die japanische Besatzung wird von dem überraschenden Angriff überrumpelt; erst binnen 24 Stunden erfährt das Oberkommando in Rabaul überhaupt vom Ausmaß der Landung. Was als rascher Handstreich beginnt, entwickelt sich jedoch zu einem monatelangen Zermürbungskrieg zu Lande, zur See und in der Luft, mit verlustreichen nächtlichen Seeschlachten in der Meerenge um die Insel und verbissenen Kämpfen um Henderson Field; der Ausgang der Kampagne, die erst im Februar 1943 mit der japanischen Räumung endet, bleibt bis zum Jahreswechsel offen. Für das mit Japan verbündete Deutsche Reich ist Guadalcanal, fernab jeder Front, an der eigene Soldaten kämpfen, dennoch ein Menetekel: Auch der pazifische Bündnispartner gerät nach dem Erfolg von Midway nun endgültig in die Defensive.

Peenemünde: Der erste erfolgreiche A4-Start

Eine Aggregat-4-Rakete (V2) auf der Startrampe in Peenemünde
Eine Aggregat-4-Rakete (V2) auf der Startrampe in Peenemünde, 1942 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

An der pommerschen Ostseeküste gelingt der Heeresversuchsanstalt Peenemünde unter der technischen Leitung von Wernher von Braun ein Durchbruch, der weit über den laufenden Krieg hinausweist. Nach mehreren fehlgeschlagenen Erprobungen seit März startet am 3. Oktober die Flüssigkeitsrakete Aggregat 4 — später als „Vergeltungswaffe 2" (V2) propagandistisch vermarktet — erstmals erfolgreich: Sie erreicht eine Höhe von rund 84,5 Kilometern, überfliegt in knapp fünf Minuten eine Strecke von 190 Kilometern und erzielt dabei nahezu die fünffache Schallgeschwindigkeit. Es ist der erste von Menschenhand gebaute Flugkörper, der die Grenze zum Weltraum erreicht — eine wissenschaftlich-technische Pioniertat, über die im Reich zunächst strengstes Stillschweigen herrscht. Für das Heereswaffenamt ist der Erfolg Anlass, die Produktion der Rakete als Vergeltungswaffe gegen England voranzutreiben; in den kommenden Kriegsjahren werden Zehntausende Zwangsarbeiter, viele aus Konzentrationslagern, unter mörderischen Bedingungen zum Bau der Serienraketen gezwungen. Die militärische Wirkung der V2 wird sich als begrenzt erweisen, ihr Beitrag zur Raumfahrttechnik jedoch — über von Braun selbst, der nach dem Krieg für die USA arbeitet — das 20. Jahrhundert prägen. 1942 ist davon nichts zu ahnen; hier gilt der Start als geheimer Sieg der deutschen Ingenieurskunst inmitten eines Krieges, der sich an allen Fronten zu wenden beginnt.

Selbstversenkung der französischen Flotte in Toulon

Die französischen Zerstörer Vauquelin und Kersaint nach der Selbstversenkung in Toulon
Die französischen Zerstörer Vauquelin und Kersaint nach der Selbstversenkung in Toulon, 27. November 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der alliierten Landung in Nordafrika Anfang November besetzen deutsche und italienische Truppen im Rahmen des „Unternehmens Anton" ab dem 11. November das bis dahin unbesetzte Vichy-Frankreich, um einem befürchteten Überlaufen der französischen Flotte zu den Alliierten zuvorzukommen. Der Hafen von Toulon, letzter großer Stützpunkt der Kriegsmarine des Vichy-Regimes, bleibt zunächst durch diplomatisches Taktieren der französischen Admiralität ausgespart. Als deutsche Truppen unter dem Decknamen „Unternehmen Lila" in der Nacht zum 27. November dennoch den Hafen und die dortigen Schiffe zu besetzen versuchen, verzögern französische Kommandanten den Zugriff durch Verhandlungen und Hinhaltemanöver so lange, bis Admiral Gabriel Auphan den zuvor erteilten Befehl zur Selbstversenkung ausführen lässt. Innerhalb weniger Stunden werden 77 Kriegsschiffe — darunter drei Schlachtschiffe, sieben Kreuzer, 15 Zerstörer und zwölf U-Boote — von ihren eigenen Besatzungen versenkt oder in Brand gesetzt, um sie weder den Deutschen noch, im Sinne des Vichy-Regimes, den Alliierten in die Hände fallen zu lassen. Für die Kriegsmarine, die auf die intakte Übernahme der einst mächtigen französischen Flotte gehofft hatte, ist der Verlust ein empfindlicher Rückschlag; für das Vichy-Regime markiert der Vorgang zugleich den endgültigen Verlust jeder militärischen Eigenständigkeit gegenüber dem Besatzer.

Chicago Pile-1: Die erste kontrollierte Kettenreaktion

Das Team von Chicago Pile-1 um Enrico Fermi
Das Team von Chicago Pile-1 um Enrico Fermi, hier bei einem Wiedersehen 1946 — vom geheimen Versuch selbst existieren keine Fotografien (Wikimedia Commons, Attribution)

Fernab jeder Front, in einer stillgelegten Squash-Halle unter der Tribüne des Universitätsstadions von Chicago, gelingt Wissenschaftlern des streng geheimen amerikanischen Atomprogramms ein Durchbruch, der die Kriegsführung der kommenden Jahrzehnte verändern wird. Am 2. Dezember um 15:22 Uhr Ortszeit lässt der italienische Physiker Enrico Fermi, der 1938 vor dem faschistischen Italien in die USA emigriert war, im von ihm konstruierten Reaktor „Chicago Pile-1" — einem meterhohen Stapel aus Graphitblöcken und Uran — die letzten Kadmiumstäbe, die die Kettenreaktion bremsen, schrittweise herausziehen. Als der letzte Stab entfernt ist, wird die Reaktion selbsttragend: Die weltweit erste vom Menschen kontrollierte, sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion ist gelungen. Fermi meldet dem anwesenden Physiker Arthur Compton lakonisch, das Experiment sei geglückt und werde nun sich selbst erhalten; nach 28 Minuten lässt er die Stäbe wieder einfahren und die Reaktion abbrechen. Der Versuch, Teil des im selben Jahr unter Leitung von General Leslie Groves anlaufenden „Manhattan-Projekts", liefert den technischen Machbarkeitsnachweis für den Bau von Reaktoren zur Plutoniumgewinnung — die Grundlage der amerikanischen Atombombe, die drei Jahre später über Japan eingesetzt wird. Von dem Ereignis dringt 1942 naturgemäß nichts an die Öffentlichkeit, weder in den USA noch im Reich, dessen eigenes, weit weniger vorangetriebenes „Uranprojekt" zu diesem Zeitpunkt technisch weit zurückliegt.

Die Weiße Rose: Erste Flugblätter gegen das Regime

Faksimile des dritten Flugblatts der Weißen Rose
Faksimile des dritten Flugblatts der Weißen Rose, Juni/Juli 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In München formiert sich um die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell, bald verstärkt durch Christoph Probst, Willi Graf und Hans' Schwester Sophie Scholl, ein kleiner Kreis, der sich selbst „Weiße Rose" nennt. Zwischen Ende Juni und Mitte Juli 1942 verfassen und verteilen sie vier Flugblätter, anonym per Post verschickt oder in Hörsälen und Telefonzellen ausgelegt, die zum passiven Widerstand gegen das NS-Regime aufrufen und offen benennen, was in der deutschen Öffentlichkeit sonst verschwiegen wird: „Seit der Eroberung Polens sind auf bestialischeste Weise 300.000 Juden in diesem Lande ermordet worden", heißt es im dritten Flugblatt. Die Texte zitieren Goethe, Schiller, Novalis, Aristoteles und die Bibel und fordern „Sabotage" in Rüstungsbetrieben, Zeitungen und NSDAP-Kulturveranstaltungen. Im Juli wird Hans Scholl mit Schmorell und Graf als Sanitätssoldat an die Ostfront abkommandiert, wo sie Zeugen der Verbrechen an der Zivilbevölkerung werden; im November kehrt die Gruppe, nun verstärkt um Sophie Scholl, nach München zurück und bereitet weitere Aktionen vor. Von den Behörden bleibt sie 1942 unentdeckt.

Aus heutiger Sicht

Nur wenige Monate später, im Februar 1943, werden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen eines sechsten Flugblatts in der Münchner Universität entdeckt, verhaftet und binnen vier Tagen vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet; Christoph Probst stirbt mit ihnen. Was 1942 als kleiner Kreis Studierender beginnt, wird posthum zu einem der bekanntesten Symbole des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

14 · Berthold Beitz rettet jüdische Arbeiter in Boryslaw

Berthold Beitz Berthold Beitz, Aufnahme des Fotografen Otto Steinert (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Im besetzten Galizien leitet der 28-jährige Ölkaufmann Berthold Beitz als Direktor der Karpathen-Öl AG die Erdölfelder von Boryslaw — kriegswichtig für die deutsche Treibstoffversorgung. Als die SS 1942 mit der systematischen Deportation der jüdischen Bevölkerung der Stadt beginnt, nutzt Beitz seine Stellung, um Hunderte jüdische Arbeiter und ihre Familien als angeblich „kriegswichtige Fachkräfte" registrieren zu lassen, obwohl viele keine einschlägige Qualifikation besitzen — Handwerker, Ärzte, auch Kinder erhalten so gefälschte Ausweise, die sie formal dem Zugriff der Deportationskommandos entziehen. Wiederholt holt er Menschen direkt von den Sammelplätzen und aus abfahrbereiten Deportationszügen, unter dem Vorwand, sie würden dringend in den Ölfeldern gebraucht. Nach Schätzungen der Gedenkstätte Yad Vashem rettet er auf diese Weise mehreren hundert Juden das Leben — ein Handeln, das er nach dem Krieg zeit seines Lebens öffentlich macht.

Airey Neave: Erste erfolgreiche Flucht eines Briten aus Colditz

Airey Neave
Der britische Offizier Airey Neave, dem im Januar 1942 die Flucht aus dem als ausbruchssicher geltenden Schloss Colditz gelang (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf Schloss Colditz in Sachsen, seit 1939 Sonderlager der Wehrmacht für „ausbruchsgefährdete" alliierte Offiziere, gilt die Flucht als nahezu unmöglich — Dutzende Versuche britischer, französischer, polnischer und niederländischer Gefangener sind bereits gescheitert. Dem 25-jährigen britischen Leutnant Airey Neave gelingt in der Nacht zum 5. Januar gemeinsam mit dem niederländischen Offizier Anthony Luteyn der Durchbruch: Als deutscher Gefreiter verkleidet, in einer aus Pappe, Kunstwollstoff und Schuhcreme gefertigten Uniform, verlassen beide das Lager unbemerkt durch einen präparierten Bühnenboden im Burgtheater und gelangen über Leipzig und das besetzte Protektorat Böhmen und Mähren in die Schweiz und von dort weiter ins zunächst unbesetzte Frankreich. Neave ist damit der erste Brite, dem die vollständige Flucht aus Colditz gelingt („home run"); im Verlauf des Krieges schaffen es insgesamt nur rund 30 von hunderten Fluchtversuchen bis in die Freiheit. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien im Frühjahr wird Neave zum Fluchthelferdienst MI9 versetzt, der weiteren alliierten Kriegsgefangenen zur Flucht verhilft.

Störfall an der Leipziger „Uranmaschine"

Die havarierte Leipziger Uranmaschine
Die havarierte Leipziger Uranmaschine nach dem Störfall, 1942 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am Physikalischen Institut der Universität Leipzig experimentieren die Physiker Werner Heisenberg und Robert Döpel im Rahmen des geheimen deutschen „Uranprojekts" mit einer kugelförmigen Versuchsanordnung aus Uranpulver und schwerem Wasser, der „Uranmaschine" — einem frühen Vorläufer heutiger Kernreaktoren. Beim vierten Versuch dieser Reihe, L-IV, zeigen die Messkurven am 23. Juni erstmals eine Neutronenvermehrung, ein erstes Anzeichen einer beginnenden Kettenreaktion. Als ein Assistent Döpels auf dessen Anweisung die Einfüllöffnung der rund 80 Zentimeter durchmessenden Kugel öffnet, schlägt binnen Sekunden eine Stichflamme aus der Apparatur; das Uranpulver entzündet sich, die Kugel birst, glühendes Uran spritzt bis zu sechs Meter hoch durch das Labor. Die herbeigerufene Feuerwehr dämmt den Brand mit Decken und Schaum ein, vollständig erlischt er erst nach 45 Stunden von selbst. Verletzte gibt es bei dem Störfall nicht, wohl aber Sachschaden am Institutsgebäude — nach Einschätzung von Physikhistorikern der erste dokumentierte nukleare Unfall der Geschichte. Von dem Vorfall dringt in der Öffentlichkeit nichts nach außen; er bleibt, wie das gesamte „Uranprojekt", strengster Geheimhaltung unterworfen.

Aus heutiger Sicht

Nur fünfeinhalb Monate nach diesem Störfall gelingt in Chicago die erste kontrollierte Kettenreaktion (siehe Bericht oben) — ein Vorsprung, den das deutsche „Uranprojekt" nie aufholt. Mangelnder Zugang zu ausreichend reinem Grafit als Moderator und die Zersplitterung der Forschung auf konkurrierende Institute lassen das deutsche Programm bis Kriegsende weit hinter dem amerikanischen zurückfallen; zu einer deutschen Atombombe kommt es nicht.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Köln, Nacht zum 31. Mai: Die Royal Air Force fliegt mit „Operation Millennium" den ersten „Tausend-Bomber-Angriff" des Krieges gegen eine deutsche Stadt — der Luftkrieg erreicht eine neue Dimension.
  • In Luckenwalde selbst ist für 1942 kein einzelnes Tagesereignis der Lokalpresse belegt; die Stadt lebt, wie das ganze Reich, im Rhythmus der Frontmeldungen und der Rüstungsproduktion — und im Schatten des Lagers vor ihren Toren.
  • Baedeker-Angriffe, ab 23. April: Als Vergeltung für RAF-Bomben auf Lübeck und Rostock lässt die Luftwaffe gezielt englische Kulturstädte wie Exeter, Bath, Norwich, York und Canterbury bombardieren — benannt nach dem Reiseführer, der die Ziele auswählte. Über 1.600 Zivilisten sterben, mehr als 50.000 Gebäude werden zerstört oder schwer beschädigt.
  • Luckenwalder Tuch- und Hutfabriken: Die traditionsreichen Textilbetriebe der Stadt, einst unter den größten ihrer Art in der Mark Brandenburg, fertigen 1942 überwiegend für die Wehrmacht — Uniformstoffe und Filzhüte statt ziviler Ware. Wie die Metallindustrie am Ort ist auch die Tuchmacherei längst der Rüstung untergeordnet.
  • München, 21. Januar: Mit −30,5 °C wird die bis heute kälteste je in der Stadt gemessene Temperatur registriert — mitten im zweiten harten Kriegswinter in Folge.
  • Garmisch-Partenkirchen, 3. Januar: Um der Wehrmacht Skier für die Ostfront zur Verfügung zu stellen, werden sämtliche Wintersportveranstaltungen des Jahres abgesagt — darunter die geplante Ski-Weltmeisterschaft am Ort der Olympischen Winterspiele von 1936.
  • Frankfurt, 21. Juni: Die Kölnerin Anneliese Steinheuer verbessert mit 47,24 Metern den zehn Jahre alten Weltrekord im Speerwurf der Frauen um einen halben Meter.

WIRTSCHAFT · 1942

Das dritte Kriegsjahr bringt für die deutsche Zivilbevölkerung die einschneidendste Rationskürzung des gesamten Krieges: Zum 6. April senkt die Reichsregierung die Zuteilungen für „Normalverbraucher" drastisch — die Brotration sinkt von 9,6 auf 6,4 Kilogramm im Monat, die Fleischzuteilung von 1.600 auf 1.200 Gramm, die Fettration von 1.053 auf 825 Gramm. Nach den vertraulichen „Meldungen aus dem Reich" des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, die die Stimmung der Bevölkerung heimlich für die NS-Führung erfassen, wirkt die Kürzung „verheerend" — stärker als fast jedes andere Kriegsereignis zuvor löst sie in weiten Teilen der Bevölkerung Erschöpfung und offene Unzufriedenheit aus. Amtliche Festpreise, seit Kriegsbeginn eingefroren, sollen die knappe Ware verteilbar halten; Zuteilung erfolgt ausschließlich gegen Lebensmittelkarten, während der Schwarzmarkt zunehmend die Lücken füllt, die die Rationen lassen.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 0,37 RM
  • Butter (1 kg) — 7,25 RM
  • Milch (1 l) — 0,27 RM
  • Eier (1 Stück) — 0,12 RM
  • Bier (0,5 l) — 0,39 RM

STIMMEN DER PRESSE · 1942

Da die deutsche Presse durchweg gleichgeschaltet ist und Zweifel an der Kriegführung nicht drucken darf, kommt kritische Beobachtung 1942 nur von außerhalb des Reichs. Nach dem Kanaldurchbruch der Kriegsmarine durch den Ärmelkanal (siehe Bericht oben) reagiert die britische Times in ihrem Leitartikel mit ungewöhnlicher Offenheit über das Ausmaß der Demütigung:

„Vice Admiral Ciliax has succeeded where the Duke of Medina Sidonia failed. Nothing more mortifying to the pride of our sea-power has happened since the seventeenth century." — The Times, 14. Februar 1942

„It spelled the end of the Royal Navy legend that in wartime no enemy battle fleet could pass through what we proudly call the English Channel." — The Times, 14. Februar 1942

SPORT · 1942

Der Ligabetrieb schrumpft weiter: Immer mehr Spieler der Gauliga-Mannschaften stehen im Feld, Vereine müssen Mannschaften zusammenlegen oder Wettbewerbe aussetzen. Von geregeltem Sport im Vorkriegssinne kann im dritten Kriegsjahr kaum noch die Rede sein. Umso mehr Beachtung findet, dass der reguläre Spielbetrieb trotz allem zu Ende geführt wird: Am 4. Juli krönt sich der FC Schalke 04 im Berliner Olympiastadion vor 90.000 Zuschauern mit einem 2:0 gegen den First Vienna FC zum sechsten Mal zum Deutschen Meister — die Tore erzielen Ernst Kalwitzki (14. Minute) und der Schalker Kapitän Fritz Szepan (42. Minute). Der „Club aus der Kohle" bleibt damit, allen Kriegseinschränkungen zum Trotz, die dominierende Mannschaft der Ära. Abseits solcher Höhepunkte gilt für die Masse der Vereine: Trainingsbetrieb, Reisen und Zuschauerzahlen leiden unter Rohstoff- und Treibstoffmangel, und mit jedem Jahresbericht verlieren die Mannschaftslisten weitere Namen an die Wehrmachtsberichte von der Front.

MODE · 1942

Rationierung und Rohstoffmangel prägen weiterhin jede Kleideranschaffung: Alte Stücke werden gewendet, geflickt und umgearbeitet, echte Wolle und Seide sind längst Mangelware. Die seit November 1939 gültige Reichskleiderkarte gewährt ihren Inhabern rechnerisch 100 Punkte im Jahr — ein Paar Strümpfe kostet 4 Punkte, ein Pullover 25, ein neues Kleid 45 Punkte —, doch zum 15. September 1942 wird die Zuteilung auf nur noch 70 Punkte gekürzt. Kleidung aus Zellwolle, dem synthetischen Zellstofffaser-Ersatz für Wolle und Baumwolle, kostet spürbar weniger Punkte als echte Textilware und findet sich deshalb in immer mehr Kleiderschränken, auch wenn sie rascher verschleißt und schlechter wärmt. Der Grund für die Kürzung liegt an der Front: Nach dem harten Kriegswinter 1941/42, in dem der Wehrmacht warme Winterausrüstung fehlte, sollen mit den eingesparten Rohstoffen rechtzeitig vor dem nächsten Winter Mäntel, Pelze und Wollsachen für die Ostfront beschafft werden. Frauen in der Rüstungsproduktion tragen zunehmend praktische Arbeitskleidung statt modischer Garderobe.

KINO & FUNK · 1942

An der Kinokasse dominiert 1942 der große Ufa-Melodram-Erfolg „Die große Liebe", der am 12. Juni uraufgeführt wird: Zarah Leander spielt eine Sängerin, die sich in einen Luftwaffenoffizier verliebt — die beiden im Film enthaltenen Schlager „Davon geht die Welt nicht unter" und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n" avancieren zu den meistgespielten Liedern des Jahres (siehe Hitliste). Zum 10. Januar bündelt Reichsfilmintendant Fritz Hippler unter Aufsicht von Propagandaminister Joseph Goebbels die gesamte deutsche Filmproduktion in der neu geschaffenen „Ufa-Film GmbH" (Ufi) — praktisch die vollständige Verstaatlichung der Filmwirtschaft, die fortan ausschließlich regimekonforme Produktionen zulässt. Im Radio erreicht unterdessen ein anderes Lied ungeahnte Popularität über die Frontlinien hinweg: „Lili Marleen", gesungen von Lale Andersen, läuft allabendlich um 21:55 Uhr über den von der Wehrmacht betriebenen „Soldatensender Belgrad" und wird, sehr zum Missfallen der NS-Führung, auch von britischen und amerikanischen Soldaten auf der anderen Seite der Front gehört und mitgesungen.

GESTORBEN · 1942

  • Robert Bosch (80), Industrieller und Unternehmensgründer — 12. März, Stuttgart.
  • Stefan Zweig (60), österreichischer Schriftsteller im brasilianischen Exil — 22. Februar, Petrópolis (Freitod).
  • Robert Musil (61), österreichischer Schriftsteller im Schweizer Exil — 15. April, Genf.
  • Edith Stein (50), Philosophin und Ordensfrau, als „nichtarisch" verfolgt — 9. August, Auschwitz-Birkenau (ermordet).
  • Janusz Korczak (64), polnisch-jüdischer Pädagoge und Kinderarzt — 6. August, Treblinka (ermordet, siehe Bericht oben).

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Konrad Zuse beginnt den Bau des Z4 (1942). In Berlin startet der Ingenieur die Konstruktion des programmgesteuerten Relaisrechners Z4 — nach dem Krieg gilt die Maschine als einer der ersten funktionsfähigen Computer der Welt und überlebt, nach Süddeutschland gerettet, bis zu ihrem späteren Einsatz an der ETH Zürich.
  • Erste lebensrettende Penicillin-Behandlung in den USA (14. März 1942). Die schwerkranke Anne Miller wird in New Haven als erste Patientin erfolgreich mit dem neuen Antibiotikum behandelt — binnen Tagen sinkt ihr tagelang lebensbedrohliches Fieber, sie überlebt um weitere 57 Jahre. Der Durchbruch ebnet der breiten Anwendung des Penicillins den Weg.
  • Rote-Kreuz-Hilfe für westalliierte Gefangene im Stalag III-A (1942). Anders als den sowjetischen Gefangenen kommt britischen, amerikanischen, französischen und belgischen Kriegsgefangenen im Lager vor Luckenwalde der Schutz der Genfer Konvention zugute: Das Internationale Rote Kreuz inspiziert das Lager und liefert Verpflegungspakete — ein schmaler Lichtblick inmitten des Grauens, das das Lager sonst prägt.

DAS WETTER · 1942 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein kühler Sommertag: Höchstwert 17,8 °C, in der Nacht 12,3 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne zeigte sich rund 1,7 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 7,5 °C — rund 1,3 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 33 °C am 30. August, kältester −22 °C am 27. Januar. 9 Hitzetage (≥30 °C), 52 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 510 mm.

Der Hungerwinter 1941/42 brachte erneut bis −22 °C und 52 Eistage — der dritte harte Kriegswinter in Folge.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1942

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n — Zarah Leander
  2. Davon geht die Welt nicht unter — Zarah Leander
  3. Wir machen Musik — Ilse Werner
  4. Ich hab' dich und du hast mich — Ilse Werner
  5. Mein Herz hat heut' Premiere — Ilse Werner
  6. Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei — Lale Andersen
  7. Lili Marleen — Lale Andersen
  8. Das Karussell — Evelyn Künneke
  9. Haben Sie schon mal im Dunkeln geküßt? — Evelyn Künneke
  10. Wer die Heimat liebt — Herbert Ernst Groh
  11. Ich trag' im Herzen drin' — Hans Moser
  12. Wiener Blut — Willi Forst
  13. Liebe kleine Schaffnerin — Rudolf Carl
  14. Sing mit mir — Marika Rökk
  15. Heimat, deine Sterne — Rudi Schuricke
  16. Blaue Husaren — Zarah Leander
  17. In The Mood — Glenn Miller
  18. A String Of Pearls — Glenn Miller
  19. Nach jedem Abschied gibt's ein Wiederseh'n — Rosita Serrano
  20. Ich spiel mit dir — Johannes Heesters

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Zwei Bombennächte: Universität getroffen, Bombe auf der Gneisenau

Das Schlachtschiff Gneisenau im Schwimmdock der Deutschen Werke in Kiel
Das Schlachtschiff Gneisenau im Schwimmdock der Deutschen Werke, um März 1942 (Australian War Memorial, SUK11783, Public domain)

In der Nacht zum 26. Februar hat nach mehreren Wochen Pause wieder ein Luftangriff auf Kiel stattgefunden. Getroffen wurden die Kunsthalle, die Seeburg, die Universität und die Universitätskliniken. In der folgenden Nacht kamen die Bomber erneut.

Auf den Deutschen Werken lag seit dem 13. Februar das Schlachtschiff Gneisenau im Schwimmdock. Eine Bombe durchschlug Ober- und Batteriedeck und detonierte auf dem Panzerdeck nahe der Entlüftung der Pulverkammer. Der gesamte Pulvervorrat des Turms A verbrannte, der Turm wurde aus der Barbette gehoben. 112 Männer kamen ums Leben. Das Vorschiff war ausgeglüht, Schiffskörper und Antrieb blieben unbeschädigt. Für den Umbau in Gotenhafen, mit einer Verlängerung um etwa zehn Meter und sechs 38-Zentimeter-Geschützen, wurde das Schiff am 1. Juli außer Dienst gestellt; veranschlagt war rund ein Jahr.

Aus heutiger Sicht

Ziel der britischen Bomber war in beiden Nächten das Schwimmdock mit der Gneisenau. Knapp zwei Wochen zuvor, am 14. Februar 1942, hatte das britische Luftfahrtministerium die Area Bombing Directive erlassen, die Flächenbombardements gegen Städte vorsah. Bis Mai 1945 fielen auf Kiel rund 44.000 Sprengbomben, 900 Luftminen und etwa 500.000 Brandbomben; 167.000 der damals rund 272.000 Einwohner wurden obdachlos.

Sammelplatz Kleiner Kuhberg: Hedwig Lunczer wählt den Tod vor der Deportation

Im Juli 1942 wurde in Kiel ein weiterer Deportationstransport vorbereitet. Als Sammelplatz war der Kleine Kuhberg bestimmt, mitten im Gängeviertel, wo die Gestapo die jüdischen Einwohner seit 1939 in „Judenhäusern“ zusammengezogen hatte, im Eckhaus Kleiner Kuhberg 25/Feuergang 2 und in der Flämischen Straße 22a. Das Judenreferat der Kieler Gestapo leitete seit 1941 Fritz Barnekow.

Hedwig Lunczer, geborene Wolff, wohnte in Heikendorf, Schützenstraße 6. Sie war 83 Jahre alt, in Kiel geboren und einst Tänzerin im Zirkus Renz. Am 14. Juli erhielt sie schriftlich den Befehl, sich am 18. Juli am Kleinen Kuhberg zur „Evakuierung“ einzufinden. Ihr Vermögen sei rückwirkend beschlagnahmt, 50 Reichsmark habe sie mitzubringen. Am 17. Juli, einen Tag vor dem Termin, nahm sie sich das Leben.

Am 19. Juli ging ein Sammeltransport mit 801 Juden aus Hamburg und Schleswig-Holstein nach Theresienstadt. Im November lebten in ganz Schleswig-Holstein nur noch 59 Juden an 18 Orten; 1933 waren es rund 1.900 gewesen.

Hermann Kobold gestorben: Der Mann der „Astronomischen Nachrichten“

In Kiel ist der Astronom Hermann Kobold im Alter von 83 Jahren gestorben. Geboren am 5. August 1858 in Hannover, kam er 1902 von Straßburg als Observator an die Kieler Sternwarte; von 1921 bis 1924 war er ordentlicher Professor der Astronomie.

Weit über die Förde hinaus bekannt wurde er als Herausgeber der Fachzeitschrift „Astronomische Nachrichten“, die er von 1907 bis 1938 betreute, mehr als drei Jahrzehnte lang. Die Zeitschrift ist das Blatt, in dem Sternkundler aus aller Welt Entdeckungen und Beobachtungen bekanntgeben.

Auch als Beobachter hat Kobold seinen Namen gemacht: Er entdeckte 22 bis dahin unbekannte kleinere Galaxien im Coma-Haufen, einer Ansammlung von Sternsystemen im Sternbild Haar der Berenike. Ein Asteroid, den Karl Wilhelm Reinmuth 1930 entdeckte, trägt seinen Namen: (1164) Kobolda.

Aus zwei Zeitungen wird eine: Die „Kieler Zeitung“ erscheint als Parteiblatt

Am 30. September sind die Kieler Neueste Nachrichten und die Nordische Rundschau zum letzten Mal erschienen. Die Neuesten Nachrichten waren die größte Zeitung Schleswig-Holsteins, die Nordische Rundschau das Gauorgan der NSDAP. Seit dem 1. Oktober gibt es nur noch eine Kieler Tageszeitung: die neue „Kieler Zeitung“.

Die Zusammenlegung hat die NSDAP angeordnet. Die Zeitung trägt den Untertitel „Das Gauamtliche Organ der NSDAP“ und den Zusatz „Nachrichtenblatt aller Behörden“.

Aus heutiger Sicht

Die Zwangsfusion war ein Schritt der Gleichschaltung der Presse. Am 3. April 1946 erschien die erste Ausgabe der „Kieler Nachrichten“.

KURZ NOTIERT · Kiel 1942

  • 26. Februar — Das seit dem 21. Dezember 1939 als Wohnschiff der Kriegsmarine dienende frühere Passagierschiff „Monte Sarmiento“ sinkt nach einem Bombentreffer; 38 Besatzungsmitglieder sterben.
  • 4. April — Das schwer beschädigte Schlachtschiff Gneisenau verlässt Kiel aus eigener Kraft und läuft mit dem Linienschiff Schlesien und einem Eisbrecher nach Gotenhafen aus.
  • 28./29. April — Bei einem Luftangriff mit 88 Flugzeugen werden die drei Großwerften, das Marine-Lazarett, die Universitätsbibliothek und Wohnhäuser getroffen.
  • 16. Juni — Schwester Therese Blunck stirbt in Kiel. Die gebürtige Bothkamperin gründete 1908 mit Kieler Bürgern den Fürsorgeverein Kieler Mädchenheim, widmete sich seit 1920 ganz dem Heim und baute es 1928 auf Platz für 110 Personen aus.
  • 27. Juli — Der Bankier Ludwig Ahlmann stirbt; von 1900 bis 1919 war er Stadtverordnetenvorsteher in Kiel.
  • 31. Dezember — Kiel zählt 306.452 Einwohner, einschließlich der kriegsbedingt eingesetzten „Fremdarbeiter“. Ende 1939 waren es 272.198.

RUND UM DIE FÖRDE · 1942

  • 29. Juni, Randgemeinden Kiels — Eine Anordnung des Kartoffelwirtschaftsverbandes Schleswig-Holstein tritt in Kraft: Im geschlossenen Verbrauchsgebiet Kiel dürfen Erzeuger ihre Speisefrühkartoffeln nicht selbst vermarkten. Ausgenommen sind die Wochenmärkte und die Gemeinden Suchsdorf, Kronshagen, Russee, Molfsee, Mönkeberg, Heikendorf und Laboe; dort ansässige Erzeuger dürfen direkt an Verbraucher verkaufen, an Haushalte nur gegen den amtlichen Bezugsausweis für Speisekartoffeln.
  • 23. August, Eckernförde — Am ersten Punktspieltag der Kreisgruppenklassen verlieren beide Eckernförder Mannschaften: Die Betriebssportgemeinschaft der Torpedoversuchsanstalt (TVA) unterliegt Flensburg 1:3, der Sportverein Eckernförde dem Sportverein Brunswik aus Kiel 1:2.

SPORT AN DER FÖRDE · 1942

  • Holstein Kiel — Die Gauliga Nordmark 1941/42 beendet Holstein auf Platz 3 von zehn Mannschaften: 11 Siege, 7 Niederlagen, Tore 52:27 aus 18 Spielen. Meister wird der Eimsbütteler TV vor dem Hamburger SV; Aufsteiger Kilia Kiel wird Achter.
  • Gauliga geteilt — Zur Saison 1942/43 wird die Gauliga Nordmark aufgeteilt. Holstein Kiel spielt nun in der Gauliga Schleswig-Holstein mit zehn Mannschaften, darunter SC Friedrichsort 08, Kilia, SV Ellerbek, Borussia Gaarden und SC Comet Kiel.
  • Kieler Woche — Wie in den Vorjahren fällt die Kieler Woche aus.

DAS WETTER · 1942 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler Julitag: Höchstwert 18,0 °C, in der Nacht 12,5 °C, im Mittel 14,2 °C. Es blieb trocken (0,0 mm), die Sonne schien rund 10,5 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 7,1 °C. Wärmster Tag 30,5 °C am 18. August, kältester Tiefstwert −20,8 °C am 27. Januar. 1 Hitzetag (≥30 °C), 17 Sommertage (≥25 °C), 63 Eistage (Höchstwert unter 0 °C) und 107 Frosttage; Jahresniederschlag 582 mm.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)