DER CHRONIST

Ein Jahr der Wende: Was im Februar an der Wolga zerbricht, ist bis Jahresende nicht mehr zu kitten, und das Reich ruft zum „totalen Krieg" für einen Kampf, der nach Kursk militärisch längst entschieden ist. Im Warschauer Ghetto greifen die letzten jüdischen Kämpfer im April zu den Waffen, während sich im Atlantik binnen weniger Wochen der U-Boot-Krieg gegen die eigene Flotte wendet und britische Bomber die Ruhr-Talsperren brechen. Der Fund von Katyn zerreißt das Bündnis zwischen Moskau und der polnischen Exilregierung, noch ehe die Rote Armee im November mit der Rückeroberung Kiews den Rhythmus des Krieges endgültig übernimmt. Mussolini stürzt, Italien kapituliert, und in Teheran sitzen erstmals Roosevelt, Churchill und Stalin an einem Tisch, um über Kriegsende und Nachkriegsordnung zu beraten. Und der Krieg kehrt zurück in die eigenen Städte: Über Hamburg tobt ein Feuersturm, über Peenemünde brennt Hitlers Raketenprogramm — ein Jahr, das von der Wolga bis zur Ostsee, von Warschau bis Rom die Weichen für das Kriegsende stellt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die 6. Armee kapituliert in Stalingrad

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der in Stalingrad kapituliert
Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der in Stalingrad kapituliert (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Die Katastrophe an der Wolga kündigt sich seit Monaten an: Im Rahmen des Sommerfeldzugs „Fall Blau" war die 6. Armee 1942 bis in die Stadt Stalingrad vorgestoßen und hatte sich seit August in erbitterten Häuserkämpfen um Fabrikgelände wie das „Rote Barrikaden"-Werk festgebissen. Am 19. November 1942 durchbricht die Rote Armee mit der „Operation Uran" die rumänischen und deutschen Flanken nördlich und südlich der Stadt und schließt binnen weniger Tage rund 250.000 Soldaten der 6. Armee unter Generaloberst Friedrich Paulus sowie Teile der 4. Panzerarmee im Kessel ein. Ein von Generalfeldmarschall Erich von Manstein befehligter Entsatzversuch („Unternehmen Wintergewitter") bricht Mitte Dezember vor der Stadt zusammen; die von Reichsmarschall Hermann Göring zugesagte Luftversorgung erreicht nie annähernd die benötigten Mengen, während Kälte, Hunger und Krankheiten die eingeschlossenen Truppen dezimieren. Am 30. Januar befördert Hitler Paulus noch zum Generalfeldmarschall — in der Erwartung, kein deutscher Feldmarschall habe sich je gefangen nehmen lassen. Paulus kapituliert dennoch bereits am 31. Januar mit dem Südkessel; die letzten Einheiten im Nordkessel legen am 2. Februar die Waffen nieder. Von den rund 250.000 eingeschlossenen deutschen und verbündeten Soldaten geraten etwa 90.000 in sowjetische Gefangenschaft, aus der bis Kriegsende nur wenige Tausend zurückkehren; die Gesamtverluste der Achsenmächte in der gesamten Schlacht seit August 1942 gehen in die Hunderttausende. Das Reich verhängt drei Tage offizielle Staatstrauer, Rundfunk und Kinos schweigen — die Niederlage ist der militärische und propagandistische Wendepunkt des Krieges, der Mythos der Unbesiegbarkeit der Wehrmacht ist zerbrochen.

Berlin ruft den „totalen Krieg" — und Widerstand zahlt mit dem Leben

Das Scholl-Denkmal in München erinnert an die Weiße Rose
Das Scholl-Denkmal in München erinnert an die „Weiße Rose“ (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur zwei Wochen nach Stalingrad, am 18. Februar, tritt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vor rund 15.000 sorgfältig ausgewählte Zuhörer — Soldaten, Verwundete, Rüstungsarbeiter, Parteigenossen — im Berliner Sportpalast auf und stellt in einer choreografierten, gut anderthalb Stunden dauernden Rede zehn rhetorische Fragen, deren letzte lautet, ob das Volk „den totalen Krieg" wolle, „wenn nötig totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können" — die aufgeputschte Menge tobt zustimmend. Die Rede, keine hundert Kilometer von Luckenwalde entfernt gehalten, markiert den Übergang zur rückhaltlosen Mobilisierung aller Reserven: Erlasse ordnen die Schließung nicht kriegswichtiger Geschäfte, Gaststätten und Luxusbetriebe an, Frauen werden verstärkt zur Rüstungsarbeit herangezogen, die letzten verfügbaren Jahrgänge eingezogen. Am selben 18. Februar werden in München die Geschwister Hans und Sophie Scholl von der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose" beim Verteilen ihres sechsten Flugblatts in der Universität ertappt — ein Hausmeister hält Sophie Scholl fest und übergibt beide der Gestapo. Bereits am 22. Februar, nur vier Tage später, verurteilt der eigens aus Berlin angereiste Präsident des „Volksgerichtshofs", Roland Freisler, sie in einem Schauprozess ohne wirksame Verteidigung mitsamt ihrem Mitstudenten Christoph Probst zum Tode; noch am selben Nachmittag werden alle drei im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet. Weitere Mitglieder der Gruppe, darunter Willi Graf, Alexander Schmorell und der Philosophieprofessor Kurt Huber, folgen in den Monaten danach demselben Schicksal. Zwei Ereignisse eines einzigen Monats zeigen das ganze Ausmaß des Jahres: die Mobilisierung aller Kräfte für einen Krieg, der nach Stalingrad militärisch nicht mehr zu gewinnen ist — und den Preis, den jeder offene Widerspruch dagegen kostet.

Die größte Panzerschlacht der Geschichte bei Kursk

Ein Panzer VI Tiger in der Panzerschlacht bei Kursk, 1943
Ein Panzer VI „Tiger“ in der Panzerschlacht bei Kursk, 1943 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Geplant war die Offensive „Zitadelle" bereits für Anfang Mai, doch Hitler verschiebt den Angriff auf Drängen seiner Generäle wiederholt, um mehr der neuen Panzer vom Typ „Tiger" und „Panther" heranzuführen — Zeit, die der sowjetischen Aufklärung erlaubt, den geplanten Angriff im Frontbogen von Kursk frühzeitig zu erkennen und die Verteidigung in bis zu acht gestaffelten Stellungssystemen mit Minenfeldern und Panzerabwehrgräben auszubauen. Zum Angriffsbeginn am 5. Juli stehen rund 780.000 deutsche Soldaten mit etwa 2.460 Panzern und Sturmgeschützen sowie starker Luftunterstützung knapp 1,9 Millionen sowjetischen Soldaten und rund 5.000 Panzern und Sturmgeschützen gegenüber — nach Personal- und Materialstärke die größte Panzerschlacht der Kriegsgeschichte. Am 12. Juli treffen bei Prochorowka deutsche Panzerverbände, darunter Einheiten der Waffen-SS, auf sowjetische Panzerreserven der 5. Gardepanzerarmee; beide Seiten erleiden schwere Verluste, ohne dass eine Entscheidung fällt. Noch während der Kämpfe im Süden erreicht Hitler die Meldung von der alliierten Landung auf Sizilien (10. Juli); er ordnet die Verlegung von Panzerverbänden nach Italien an, am 16. Juli wird „Zitadelle" endgültig abgebrochen. Die Rote Armee geht binnen Tagen mit den Gegenoffensiven „Kutusow" und „Rumjanzew" zum Angriff über, befreit im August Orjol und Belgorod und erobert am 23. August Charkow endgültig zurück. Es ist die letzte große deutsche Angriffsoperation im Osten — von nun an diktiert die Rote Armee bis Kriegsende unaufhaltsam das Tempo an der Ostfront.

Mussolinis Sturz, Italiens Kapitulation — und Tausende neue Gefangene in Luckenwalde

Benito Mussolini, im Juli 1943 gestürzt
Benito Mussolini, im Juli 1943 gestürzt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der alliierten Landung auf Sizilien am 10. Juli und dem raschen Zusammenbruch der italienischen Verteidigung dort wächst der Druck auf den seit 1922 herrschenden Diktator: In der Nacht zum 25. Juli stimmt der Faschistische Großrat in Rom mit 19 gegen 7 Stimmen für einen Antrag des Grafen Dino Grandi, der Benito Mussolini faktisch die Vollmachten entzieht; noch am selben Tag lässt König Viktor Emanuel III. ihn verhaften und beauftragt Marschall Pietro Badoglio mit der Regierungsbildung. Badoglio verkündet öffentlich die Fortsetzung des Krieges an der Seite des Deutschen Reiches, verhandelt aber insgeheim mit den Alliierten und unterzeichnet am 3. September in Cassibile auf Sizilien einen Waffenstillstand, der erst am 8. September — am Vorabend der alliierten Landung bei Salerno — öffentlich bekanntgegeben wird: der erste der „Achsenmächte" scheidet aus dem Krieg. Das Reich, seit Wochen auf diesen Bruch vorbereitet, setzt umgehend „Fall Achse" in Gang und entwaffnet binnen weniger Tage hunderttausende italienische Soldaten in Italien, auf dem Balkan und in Frankreich; wer sich widersetzt, wird mancherorts erschossen. Die entwaffneten Soldaten werden zu „Militärinternierten" erklärt — ohne den Schutzstatus regulärer Kriegsgefangener — und zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Am 12. September befreit ein deutsches Fallschirmjäger- und SS-Kommando unter Otto Skorzeny den inhaftierten Mussolini vom Gran Sasso; er ruft wenig später die faschistische „Republik von Salò" als deutsches Marionettenregime in Norditalien aus. Ein Strang dieser Geschichte führt unmittelbar vor die Luckenwalder Haustür — im dortigen Stammlager (Stalag) III-A treffen binnen kurzer Zeit rund 16.000 italienische Militärinternierte ein, ehe die meisten von ihnen auf andere Lager verteilt werden. Das Lager südlich der Stadt, zu diesem Zeitpunkt bereits Durchgangsstation für Kriegsgefangene aus mehr als zehn Nationen, wird damit unmittelbarer Schauplatz der weltpolitischen Zäsur dieses Sommers.

Der Luftkrieg erreicht die deutschen Großstädte — Feuersturm über Hamburg

Der zerstörte Hamburger Hafen nach der Operation Gomorrha, 1943
Der zerstörte Hamburger Hafen nach der „Operation Gomorrha“, 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach massenhaft aus Flugzeugen abgeworfenen Aluminiumstreifen — genannt „Düppel" bzw. „Window" —, die die deutschen Funkmessgeräte blenden und die Nachtjagdverteidigung weitgehend lahmlegen, fliegt das britische Bomber Command ab der Nacht zum 25. Juli schwere Nachtangriffe auf Hamburg, tagsüber ergänzt durch Angriffe der US-amerikanischen Luftflotte — erstmals eine derart eng verzahnte Tag-und-Nacht-Offensive gegen eine deutsche Großstadt. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli werfen mehrere hundert britische Bomber bei ungewöhnlicher Sommerhitze und Trockenheit binnen kurzer Zeit tausende Spreng- und Brandbomben über den dicht bebauten östlichen Arbeitervierteln ab; die vielen Einzelbrände verschmelzen zu einem Feuersturm mit Temperaturen von mehreren hundert Grad und orkanartigen, in die Flammen hineinsaugenden Winden. Schätzungen der Opferzahl schwanken zwischen 34.000 und über 37.000 Toten, viele davon in Kellern erstickt oder in den Flammen verkohlt; rund 900.000 Menschen fliehen aus der Stadt oder werden evakuiert, weite Teile Hamburgs sind bis Kriegsende nur noch Ruinenfeld. Rüstungsminister Albert Speer warnt danach, weitere Angriffe dieses Ausmaßes gegen mehrere Großstädte könnten die deutsche Rüstungsproduktion insgesamt zum Erliegen bringen. Auch Berlin, in unmittelbarer Nähe der Mark Brandenburg, gerät im Spätsommer und Herbst zunehmend ins Ziel alliierter Bomber; ab dem 18./19. November beginnt die Royal Air Force mit der „Luftschlacht um Berlin" eine monatelange Serie von Großangriffen auf die Reichshauptstadt. Der Krieg, den das Reich seit 1939 in fremde Länder getragen hat, kehrt mit voller Wucht in die deutschen Städte zurück — auch über Luckenwalde, in unmittelbarer Nähe Berlins, ist der nächtliche Himmel nun von Fliegeralarm und Flakfeuer geprägt.

Aufstand im Warschauer Ghetto

Deutsche Einheiten treiben jüdische Kämpfer aus einem Bunker im Warschauer Ghetto, 1943
Deutsche Einheiten treiben jüdische Kämpfer aus einem Bunker im Warschauer Ghetto, 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als SS und Polizei am 19. April ins Warschauer Ghetto einrücken, um die letzten rund 55.000 dort verbliebenen jüdischen Bewohner — nach den Massendeportationen von 1942 in das Vernichtungslager Treblinka — endgültig zu „liquidieren", stoßen sie auf bewaffneten Widerstand: Die Jüdische Kampforganisation (ŻOB) unter dem 24-jährigen Mordechaj Anielewicz sowie der Jüdische Militärverband (ŻZW) hatten in den Monaten zuvor heimlich Pistolen, wenige Gewehre, selbstgebaute Handgranaten und Molotow-Cocktails ins Ghetto geschmuggelt und ein Netz aus Bunkern und Kellerverbindungen angelegt. Der von SS-Brigadeführer Jürgen Stroop befehligte Einsatz, ursprünglich auf drei Tage veranschlagt, zieht sich fast einen Monat hin: Haus für Haus, Bunker für Bunker lässt Stroop das Ghetto niederbrennen und sprengen, um die Kämpfer aus ihren Verstecken zu treiben.

Am 16. Mai meldet Stroop nach Berlin, das „jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr", und lässt symbolisch die Große Synagoge der Stadt sprengen. Mehr als 56.000 Menschen werden während der Kämpfe von SS- und Polizeieinheiten getötet oder in die Lager Treblinka und Majdanek deportiert; nur wenigen Kämpfern gelingt die Flucht aus dem brennenden Ghetto. Es ist der größte bewaffnete jüdische Widerstand gegen die deutsche Vernichtungspolitik im gesamten Krieg.

Der „Schwarze Mai" — Wendepunkt der Schlacht im Atlantik

Besatzung eines deutschen U-Boots am Beobachtungsposten, 1943
Besatzung eines deutschen U-Boots am Beobachtungsposten, 1943 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Monatelang hatten deutsche U-Boot-„Rudel" den alliierten Nachschub über den Atlantik empfindlich getroffen; im Frühjahr 1943 kippt das Kräfteverhältnis abrupt. Neue Langstreckenbomber vom Typ „Liberator" schließen, von Neufundland, Island und Nordirland aus operierend, die bislang ungeschützte Lücke mitten im Ozean; ein neu entwickeltes Zentimeter-Radar (ASV Mark III) macht es möglich, aufgetauchte U-Boote selbst nachts und bei schlechter Sicht aufzuspüren, während verbesserte Geleitzugsicherung die Verluste der Handelsschifffahrt weiter drückt. Innerhalb weniger Wochen verliert die deutsche Kriegsmarine 41 bis 43 U-Boote — rund ein Viertel ihrer einsatzbereiten Flotte —, ohne dass die eigenen Versenkungszahlen alliierter Schiffe die Verluste noch aufwiegen.

Am 24. Mai zieht Großadmiral Karl Dönitz, seit Januar Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, die Konsequenz und befiehlt den weitgehenden Rückzug der U-Boote aus dem Nordatlantik; er räumt intern ein, die Schlacht im Atlantik sei vorerst verloren. Für das Deutsche Reich bedeutet der „Schwarze Mai" den endgültigen Verlust der Fähigkeit, die alliierte Versorgung Großbritanniens und den Aufbau amerikanischer Truppen für eine spätere Invasion Europas ernsthaft zu gefährden.

Die „Dambusters" brechen die Möhne- und Edertalsperre

Wing Commander Guy Gibson, Kommandeur der „Dambusters"-Staffel 617, 1943
Wing Commander Guy Gibson, Kommandeur der „Dambusters"-Staffel 617, 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 17. Mai fliegen 19 eigens umgerüstete Lancaster-Bomber der neu aufgestellten No. 617 Squadron der Royal Air Force einen der ungewöhnlichsten Angriffe des Krieges: Mit einer vom Ingenieur Barnes Wallis entwickelten, über das Wasser springenden Rollbombe greifen sie mehrere Talsperren im Ruhrgebiet und in Nordhessen an, um Industrie und Energieversorgung im „Waffenschmiede des Reiches" genannten Ruhrgebiet zu treffen. Die Möhnetalsperre wird auf 77 Metern Breite und 20 Metern Tiefe durchbrochen, die Edertalsperre auf 70 Metern Breite und 22 Metern Tiefe; Angriffe auf die Sorpe-, Lister- und Ennepetalsperre bleiben dagegen erfolglos. Acht der 19 Bomber gehen bei dem Einsatz verloren.

Die aus den geborstenen Stauseen schießenden Flutwellen reißen Ortschaften im Möhne- und Edertal mit sich und fordern zwischen 1.300 und mehr als 2.400 Menschenleben — darunter zahlreiche ausländische Zwangsarbeiterinnen und alliierte Kriegsgefangene in flussabwärts gelegenen Lagern, die der Flut schutzlos ausgeliefert sind. Der von der britischen Propaganda als „Dambusters"-Coup gefeierte Angriff beeinträchtigt Ruhrindustrie und Wasserversorgung zwar geringer als erhofft, wird in Großbritannien aber zu einem der bekanntesten Symbole des Luftkriegs gegen das Reich.

Massengräber von Katyn entdeckt — Moskau bricht mit den Exil-Polen

Exhumierung der Massengräber von Katyn, 1943
Exhumierung der Massengräber von Katyn, 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 13. April meldet der deutsche Rundfunk den Fund von Massengräbern im Wald von Katyn nahe Smolensk: Deutsche Truppen haben dort die Leichen von mehr als 4.000 polnischen Offizieren entdeckt, die 1940 aus dem sowjetischen Gefangenenlager Kozielsk verschwunden waren — Teil eines weit größeren Massakers, dem nach heutigem Kenntnisstand rund 22.000 polnische Offiziere, Polizisten und Angehörige der Intelligenz auf Befehl Stalins zum Opfer fielen. Die deutsche Propaganda unter Joseph Goebbels nutzt den Fund sofort, um die Sowjetunion der Tat zu bezichtigen — eine Beschuldigung, die zutrifft, auch wenn Moskau sie bis zum Ende des Kalten Krieges dem NS-Regime anlastet. Die polnische Exilregierung in London verlangt daraufhin eine unabhängige Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz.

Diesen Schritt nimmt die sowjetische Führung zum Anlass, in der Nacht zum 26. April die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung abzubrechen — ein Bruch, der bis Kriegsende nicht mehr gekittet wird und die Weichen für die spätere kommunistische Nachkriegsregierung Polens unter sowjetischer Kontrolle stellt. Für die Anti-Hitler-Koalition ist der Streit ein erstes offenes Zerwürfnis mitten im gemeinsamen Kampf gegen das Deutsche Reich — und ein Vorgeschmack auf die Konflikte um die Nachkriegsordnung Osteuropas.

Luftangriff auf Peenemünde bremst Hitlers Raketenwaffe

Luftaufnahme der Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit V2-Raketen, Juni 1943
Luftaufnahme der Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit V2-Raketen, Juni 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 18. August greifen 596 schwere Bomber des britischen Bomber Command die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom an — die Forschungs- und Erprobungsstätte für die als „Vergeltungswaffen" angekündigte Fernrakete A4/V2 und den Marschflugkörper V1. Erstmals dirigiert ein sogenannter „Master Bomber", Gruppenkapitän John Searby, die anfliegenden Verbände per Funk direkt über dem Ziel — eine neue Angriffstaktik, mit der die Royal Air Force ihre Treffergenauigkeit erheblich steigert. Rund drei Viertel der Wohnsiedlung Karlshagen werden zerstört, Teile der Fertigungshallen beschädigt oder für Monate lahmgelegt; 733 Menschen kommen ums Leben, darunter führende Wissenschaftler des Raketenprogramms und zahlreiche Zwangsarbeiter des nahen Lagers Trassenheide.

Der Angriff, der erste einer später „Crossbow" genannten alliierten Kampagne gegen die deutschen Wunderwaffen, verzögert den geplanten Serieneinsatz der V2 um mehrere Monate. Als Konsequenz verlegt das Reich die Produktion in unterirdische Stollenanlagen des Mittelwerks bei Nordhausen im Harz, wo KZ-Häftlinge unter mörderischen Bedingungen zur Zwangsarbeit gezwungen werden. Erst ab Sommer 1944 schlagen die ersten V1 und V2 tatsächlich in London und Antwerpen ein — zu spät, um den Kriegsverlauf noch zu wenden.

Die Rote Armee erobert Kiew zurück

Sowjetische Panzer während der Kiew-Offensive, November 1943
Sowjetische Panzer während der Kiew-Offensive, November 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der Überquerung des Dnjepr im Herbst weitet die Rote Armee ihre Brückenköpfe nördlich und südlich von Kiew aus und tritt Anfang November zum Sturm auf die seit September 1941 besetzte ukrainische Hauptstadt an. In der Nacht zum 6. November — bewusst terminiert auf den Vorabend des 26. Jahrestags der Oktoberrevolution, dem Stalin propagandistisch großen Wert beimisst — nehmen sowjetische Truppen die größte von deutschen Truppen besetzt gewesene Stadt der Sowjetunion endgültig ein und stoßen weit nach Westen darüber hinaus vor. Ein von Generalfeldmarschall Erich von Manstein befehligter deutscher Gegenangriff bei Schytomyr gewinnt im November und Dezember zwar vorübergehend Gelände zurück, kann Kiew selbst aber nicht mehr zurückerobern.

Die Rückeroberung Kiews, Höhepunkt der monatelangen „Schlacht am Dnjepr", markiert einen weiteren Meilenstein auf dem Rückzug der Wehrmacht aus der Sowjetunion, der seit dem Scheitern von „Zitadelle" bei Kursk im Sommer ununterbrochen anhält: Nach Orjol, Belgorod und Charkow verliert das Reich mit Kiew nun auch die politisch und symbolisch bedeutendste ukrainische Stadt endgültig.

Teheran-Konferenz — erstes Treffen der „Großen Drei"

Stalin, Roosevelt und Churchill auf der Teheran-Konferenz, 1943
Stalin, Roosevelt und Churchill auf der Teheran-Konferenz, 1943 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der sowjetischen Botschaft in Teheran treffen sich vom 28. November bis 1. Dezember erstmals im Krieg die Regierungschefs der drei Hauptalliierten persönlich an einem Tisch: US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Diktator Josef Stalin. Auf Drängen Stalins, der seit Monaten eine Entlastung der Ostfront durch eine „zweite Front" im Westen fordert, sagen Roosevelt und Churchill eine alliierte Landung in Nordfrankreich für Mai 1944 zu — die spätere Operation „Overlord". Stalin verspricht im Gegenzug, nach der Niederlage Deutschlands auch in den Krieg gegen Japan einzutreten.

Neben der militärischen Koordination beraten die drei Staatschefs erste, noch unverbindliche Überlegungen zur Aufteilung Deutschlands nach einem Sieg, zur Ahndung deutscher Kriegsverbrechen und zur Gründung einer neuen internationalen Organisation zur Sicherung des Friedens — Vorläufer der späteren Vereinten Nationen. Die Konferenz von Teheran markiert damit den Beginn der konkreten alliierten Planungen für die Schlussphase des Krieges in Europa und für die politische Neuordnung danach, während sich in den besetzten Gebieten des Reiches der Krieg unvermindert fortsetzt.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Mit dem Fall von Stalingrad und dem Ausscheiden Italiens verliert das Reich binnen eines Jahres seine militärische Initiative und seinen wichtigsten Bündnispartner in Europa.
  • In und um Luckenwalde prägen 1943 verstärkte Zwangsarbeit und ein weiter wachsendes Kriegsgefangenenlager den Alltag — für belegte Einzelheiten zur Lage der Stadt selbst in diesem Jahr wäre das „Luckenwalder Kreisblatt" von 1943 im Zeitungsarchiv einzusehen.
  • Auf der Casablanca-Konferenz einigen sich Roosevelt und Churchill im Januar auf die Formel der „bedingungslosen Kapitulation" als einziges Kriegsziel gegenüber den Achsenmächten — ein Verhandlungsfrieden ist damit ausgeschlossen.
  • Auch in Luckenwalde stellen Tuch-, Hut- und Metallbetriebe ihre Produktion zunehmend auf Rüstungsgüter um; der Eisenbahnknoten südlich Berlins wird zur kriegswichtigen Lebensader für Nachschub und Truppentransporte.

SPORT · 1943

Der Sportbetrieb bricht weiter ein: Mit jeder Kriegsniederlage werden mehr Spieler und Funktionäre eingezogen, viele Erstligavereine können nur noch als „Kriegsspielgemeinschaften" — befristeten Zusammenschlüssen mehrerer Clubs — überhaupt eine spielfähige Mannschaft stellen. Ganze Gauliga-Wettbewerbe müssen zusammengelegt, Spielpläne wegen Reiseproblemen, Bombenschäden und Materialmangel immer wieder umgeworfen werden. Dennoch findet die deutsche Fußballmeisterschaft noch einmal statt: Am 27. Juni setzt sich der Dresdner SC im Berliner Olympiastadion vor rund 80.000 Zuschauern gegen den FV Saarbrücken durch und wird erstmals deutscher Meister — einer der letzten sportlichen Höhepunkte, die das Reich noch in großem Rahmen inszeniert. Im Jahr von Stalingrad und dem „totalen Krieg" ist an geregelten Sport im Reich darüber hinaus kaum mehr zu denken.

MODE · 1943

Die Losung des Jahres heißt „Aus Alt mach Neu": Kurse der NS-Frauenschaft zeigen, wie aus zerschlissenen Kleidungsstücken, alten Uniformteilen und Haushaltstextilien notdürftig Tragbares geschneidert wird. Die schon 1939 eingeführte Reichskleiderkarte mit ihrem Punktesystem wird 1943 nochmals drastisch gekürzt; Wolle, Leder und Seide sind für die Zivilbevölkerung praktisch nicht mehr zu bekommen und der Rüstung vorbehalten. An ihre Stelle treten Ersatzstoffe: Zellwolle und Kunstseide aus Holzcellulose, Schuhe mit Holzsohlen statt Leder. Weil Rüstungsarbeiterinnen aus Sicherheitsgründen keine offenen Haare tragen dürfen und Friseurbesuche selten geworden sind, verbreitet sich das Kopftuch oder ein aus Stoffresten gebundener Turban als Ersatz für den Hut; Strümpfe fehlen so sehr, dass mancherorts Nahtlinien auf nackte Beine gemalt werden. Mode im eigentlichen Sinn gibt es im Reich dieses Jahr nicht mehr — geschneidert wird, was den Krieg über hält.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Hermann Hesse veröffentlicht „Das Glasperlenspiel" (18. November 1943, Zürich). Im NS-Deutschland verboten, erscheint das Alterswerk des Schriftstellers im Schweizer Exil und begründet später seinen Nobelpreis — ein Kulturwerk gegen den Totalitarismus.
  • Rosenstraßen-Protest in Berlin (27. Februar – 6. März 1943). „Arische" Ehefrauen jüdischer Männer demonstrieren tagelang öffentlich für deren Freilassung — die Gefangenen kommen frei, die größte spontane öffentliche Protestaktion im NS-Deutschland.
  • Georg Ferdinand Duckwitz warnt die dänischen Juden (September 1943). Der deutsche Diplomat in Kopenhagen informiert heimlich die dänische Regierung über die geplante Deportation; über 7.000 Menschen fliehen rechtzeitig nach Schweden.
  • „Casablanca" startet in den US-Kinos (23. Januar 1943). Der Film um Liebe, Exil und Widerstand gegen die Besatzer wird zum Sinnbild der Hoffnung im Kriegsjahr und später mehrfach mit dem Oscar ausgezeichnet — im Deutschen Reich bleibt er verboten.
  • Penicillin geht in Massenproduktion (1943, USA). Neue Fermentationsverfahren erlauben eine drastisch gesteigerte Herstellung des Antibiotikums; ab Herbst reicht der Bestand, um verwundete alliierte Soldaten flächendeckend zu behandeln — der Beginn des Antibiotika-Zeitalters in der Praxis.
  • Der Kreisauer Kreis berät über die Zeit nach Hitler (Juni 1943, Kreisau). Um Helmuth James von Moltke trifft sich die Widerstandsgruppe zu ihrer dritten großen Tagung und entwirft Pläne für eine gerechte Nachkriegsordnung sowie die Ahndung von NS-Verbrechen — mitten im Krieg wird bereits an einem anderen Deutschland gearbeitet.

DAS WETTER · 1943 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 21,8 °C, in der Nacht 12,7 °C; ein kurzer Schauer brachte 3,1 mm, die Sonne zeigte sich rund 7,0 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,3 °C — gut 0,5 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 37 °C am 21. August, kältester −16 °C am 12. Januar. 12 Hitzetage (≥30 °C), 18 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 442 mm.

Ein warmes Jahr mit zwölf Hitzetagen; am 21. August stieg das Thermometer auf 37 °C.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1943

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Sing mit mir — Marika Rökk
  2. Einen wie dich könnt' ich lieben — Zarah Leander
  3. Jede Nacht ein neues Glück — Zarah Leander
  4. Bitte an die Nacht — Zarah Leander
  5. Das Karussell — Evelyn Künneke
  6. Sing, Nachtigall, sing — Evelyn Künneke
  7. Ganz leis' erklingt Musik — Gerda Schönfelder
  8. Kauf dir einen bunten Luftballon — Rosy-Singers
  9. Es klopft mein Herz bum-bum — Heyn-Quartett
  10. Glutrote Rosen — Rudi Schuricke
  11. Capri-Fischer — Rudi Schuricke
  12. Stern von Rio — Rudi Schuricke
  13. Lili Marleen — Lale Andersen
  14. Wir machen Musik — Ilse Werner
  15. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n — Zarah Leander
  16. Davon geht die Welt nicht unter — Zarah Leander
  17. Der Wind hat mir ein Lied erzählt — Zarah Leander
  18. Mein Leben für die Liebe — Zarah Leander
  19. Ich tanze mit dir in den Himmel hinein — Lilian Harvey / Willy Fritsch
  20. Sag' beim Abschied leise Servus — Evergreen (weiterhin gespielt)

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.