DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem an allen Fronten die Welt aus den Fugen gerät: Kaum ist Rom befreit, landen die Alliierten in der Normandie und eröffnen im Westen die zweite Front, während im Osten binnen weniger Wochen mit „Bagration" eine ganze deutsche Heeresgruppe zerschlagen wird. In Berlin scheitert am 20. Juli der letzte große Versuch, den Krieg von innen zu beenden, während in Paris die Trikolore zurückkehrt und in Bukarest ein König über Nacht die Fronten wechselt. Im äußersten Osten zwingt der Fall von Saipan Japans Regierung zum Rücktritt, vor den Toren von Lublin öffnet sich mit Majdanek erstmals der Blick in die Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes, und über London gehen die ersten Raketen der Welt nieder. Bei Arnheim scheitert der Versuch eines schnellen Kriegsendes im Westen ebenso wie im Dezember Hitlers letzte große Offensive in den Ardennen. Am Ende dieses Jahres ist absehbar, dass der Krieg verloren ist — nur sein Ende lässt weiter auf sich warten.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die Landung in der Normandie — Beginn der zweiten Front

US-Truppen landen am 6. Juni 1944 in der Normandie
US-Truppen landen am 6. Juni 1944 in der Normandie (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 6. Juni setzen über 3.100 Landungsboote, geschützt von 1.200 Kriegsschiffen und 7.500 Flugzeugen, rund 150.000 amerikanische, britische, französische, polnische und kanadische Soldaten an fünf Stränden der Normandie — den Kodenamen Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword — an Land. Oberbefehlshaber der alliierten Invasionsstreitkräfte ist General Dwight D. Eisenhower; auf deutscher Seite soll Generalfeldmarschall Erwin Rommel mit dem seit 1943 ausgebauten »Atlantikwall« die Landung bereits am Strand zerschlagen. Die Täuschungsoperation »Fortitude«, die um eine fingierte amerikanische Heeresgruppe unter General George S. Patton kreist, lässt Hitler und die Wehrmachtführung noch wochenlang an einer zweiten, größeren Invasion bei Calais festhalten — dringend benötigte Verstärkungen bleiben deshalb zurückgehalten. Am schwersten umkämpften Abschnitt, Omaha Beach, sterben bereits am ersten Tag rund 2.000 amerikanische Soldaten, am Nachbarstrand Utah dagegen nur rund 210. Bis zum 12. Juni verbinden sich die Brückenköpfe zu einer 100 Kilometer langen Front, am 27. Juni fällt der wichtige Tiefwasserhafen Cherbourg. Erst am 25. Juli, nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen um die Kleinstadt Saint-Lô in der engen Hecken- und Wallandschaft der Bocage, gelingt den Amerikanern mit der Offensive »Operation Cobra« der Ausbruch aus dem Brückenkopf — der Weg nach Paris und ins Landesinnere Frankreichs ist frei. Der »D-Day« eröffnet die von Berlin lange gefürchtete zweite Front im Westen.

2 · Attentat und Umsturzversuch des 20. Juli — gescheitert in Berlin

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Kopf des Attentats vom 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Kopf des Attentats vom 20. Juli 1944 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Plan geht auf einen seit 1938 wachsenden Kreis von Offizieren und Zivilisten zurück, die einen Umsturz erwägen — darunter der »Kreisauer Kreis« um Helmuth James Graf von Moltke und frühere, gescheiterte Attentatsversuche wie der von Henning von Tresckow im März 1943. Zugang zum Führerhauptquartier verschafft sich Stauffenberg über sein Amt als Stabschef des Ersatzheeres unter Generaloberst Friedrich Fromm; sein Plan sieht vor, den für den inneren Notfall vorgesehenen Alarmplan »Walküre« nach dem Attentat zum Signal für den Umsturz umzufunktionieren. Um 12:42 Uhr explodiert im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« bei Rastenburg in Ostpreußen die von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einer Aktentasche platzierte Bombe; Hitler überlebt mit leichten Verletzungen, wohl weil Oberst Heinz Brandt die Tasche kurz zuvor hinter einen massiven Tischfuß der Kartenbaracke geschoben hatte, der einen Teil der Druckwelle abfängt. General Erich Fellgiebel, als Nachrichtenchef des Heeres in den Plan eingeweiht, meldet die Explosion zwar nach Berlin, doch die vorgesehene Sperrung aller Fernmeldeverbindungen zur Wolfsschanze gelingt nur unvollständig — schon am Nachmittag erreichen Gegenbefehle die Truppe. Am Nachmittag versucht eine Gruppe von Offizieren um Stauffenberg, General Friedrich Olbricht und Generaloberst Ludwig Beck, von Berlin aus im Bendlerblock — nur wenige Bahnstunden von Luckenwalde entfernt — die Wehrmacht gegen das Regime in Bewegung zu setzen. Der Umsturz scheitert noch am selben Abend, nachdem regimetreue Offiziere um Major Otto Ernst Remer die eingesetzten Wachbataillone auf Hitlers Seite zurückholen: Stauffenberg, Oberleutnant Werner von Haeften, Olbricht und Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim werden im Hof des Bendlerblocks erschossen, Beck wählt den Freitod. Der als »Blutrichter« gefürchtete Präsident des eigens zuständigen Volksgerichtshofs, Roland Freisler, verurteilt in 55 Prozessen zwischen August 1944 und März 1945 mehr als 100 Verschwörer und Mitwisser zum Tode; die Hinrichtungen erfolgen meist binnen Stunden nach dem Urteil im Gefängnis Plötzensee durch Erhängen an einem eigens installierten Fleischerhaken — bis April 1945 sterben dort 89 Menschen aus dem Umfeld des 20. Juli. Auch Generalfeldmarschall Erwin Rommel, dessen Mitwisserschaft vermutet wird, wird am 14. Oktober zum Freitod durch Gift gezwungen und mit Staatsbegräbnis als angeblich an Kriegsverletzungen Verstorbener beigesetzt. Die anschließende Verhaftungswelle der Gestapo erfasst in den folgenden Monaten Tausende — auch Brandenburg bleibt davon nicht verschont.

Operation Bagration — die Wehrmacht verliert die Ostfront

Karte der sowjetischen Operation Bagration, Sommer 1944
Karte der sowjetischen Operation Bagration, Sommer 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der Zusage Stalins auf der Konferenz von Teheran Ende 1943, im Sommer 1944 eine Großoffensive im Osten mit der westalliierten Invasion abzustimmen, koordinieren die Marschälle Georgi Schukow und Alexander Wassilewski als Vertreter des sowjetischen Oberkommandos Stawka vier Fronten — unter den Generälen Iwan Bagramjan, Iwan Tschernjachowski, Georgi Sacharow und Konstantin Rokossowski —, die am 22. Juni, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion, in Weißrussland zur Großoffensive »Bagration« antreten. Innerhalb weniger Tage werden bei Witebsk das gesamte LIII. Armeekorps mit rund 28.000 Mann sowie bei Bobruisk sechs weitere deutsche Divisionen eingekesselt und vernichtet; als der verantwortliche Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall Ernst Busch, Hitler vergeblich um den rechtzeitigen Rückzug hinter den Dnjepr bittet, wird er am 28. Juni durch Generalfeldmarschall Walter Model ersetzt — zu spät, um die Katastrophe noch abzuwenden. Minsk fällt bereits Anfang Juli, wobei rund 100.000 Soldaten der deutschen 4. und 9. Armee östlich der Stadt eingeschlossen werden. Von den 38 Divisionen der Heeresgruppe Mitte gehen 28 verloren; nach deutschen Angaben werden rund 26.000 Gefallene, 110.000 Verwundete und 263.000 Vermisste oder Gefangene gemeldet — die schwerste Niederlage der deutschen Militärgeschichte, die die Verluste von Stalingrad noch übertrifft. In die entstandene, mehrere hundert Kilometer breite Lücke stößt die sowjetische Offensive bis Ende Juli über Polen bis an die Weichsel vor Warschau und an die Grenze Ostpreußens vor. Die Ostfront, jahrelang Bollwerk der Propaganda, bricht in diesem Sommer endgültig zusammen.

Paris ist frei

Jubel auf den Champs-Élysées zur Befreiung von Paris, August 1944
Jubel auf den Champs-Élysées zur Befreiung von Paris, August 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bereits Mitte August, während sich die alliierten Truppen der Stadt nähern, tritt die Pariser Bevölkerung in einen Generalstreik; ab dem 19. August erhebt sich der Widerstand der FFI (Forces Françaises de l'Intérieur) offen gegen die deutsche Besatzung und errichtet Barrikaden in den Straßen. Auf Vermittlung des schwedischen Generalkonsuls Raoul Nordling vereinbart Choltitz mit Vertretern der Résistance noch am selben Abend eine Feuerpause bis zum 23. August, um seinen Truppen den Abzug nach Osten zu ermöglichen; als die Waffenruhe ausläuft, lässt Choltitz am 23. August auf FFI-Stellungen am Grand Palais und auf Barrikaden in der Stadt feuern. Nach über vier Jahren deutscher Besatzung kapituliert der Stadtkommandant General Dietrich von Choltitz am 25. August gegen 14:45 Uhr vor den Truppen der französischen 2. Panzerdivision unter General Leclerc und den Widerstandskämpfern um Oberst Rol-Tanguy. Choltitz widersetzt sich damit Hitlers wiederholtem Befehl, die Stadt vor der Übergabe in Schutt zu legen — die zur Sprengung vorbereiteten Brücken und Bauwerke bleiben unversehrt. Am Folgetag zieht General Charles de Gaulle unter dem Jubel der Bevölkerung über die Champs-Élysées und weiter zur Kathedrale Notre-Dame, wo während des Te Deums Schüsse unbekannter Herkunft kurzzeitig für Panik sorgen, ohne den symbolträchtigen Auftritt noch aufzuhalten. Die von de Gaulle in Algier geführte provisorische Regierung gewinnt mit der Befreiung von Paris entscheidend an Autorität gegenüber dem untergegangenen Vichy-Regime. Für das besetzte Westeuropa ist der Krieg auf dem Rückzug.

Die Ardennenoffensive — letzter deutscher Vorstoß im Westen

US-Fallschirmjäger der 101. Airborne bei Bastogne, Weihnachten 1944
US-Fallschirmjäger der 101. Airborne bei Bastogne, Weihnachten 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Geplant hat Hitler den Vorstoß bereits seit September in strengster Geheimhaltung: Ziel des Unternehmens ist es, mit den letzten verfügbaren Reserven — nach unterschiedlichen Angaben rund 200.000 bis 290.000 Mann und etwa 1.800 Panzern, darunter schwere »Königstiger« — einen Keil zwischen die amerikanischen und britischen Armeen zu treiben, den Nachschubhafen Antwerpen zurückzuerobern und die Westalliierten so zu einem Sonderfrieden zu zwingen. Im Morgengrauen des 16. Dezember um 5:30 Uhr tritt die Wehrmacht unter dem Decknamen »Wacht am Rhein« mit drei Armeen an — der 6. SS-Panzerarmee unter Sepp Dietrich im Norden, der 5. Panzerarmee unter General Hasso von Manteuffel in der Mitte und der 7. Armee unter General Erich Brandenberger im Süden. Dichter Nebel hält zunächst die überlegene alliierte Luftwaffe am Boden, sodass der Angriff durch die dünn besetzte Frontlinie in den belgisch-luxemburgischen Ardennen anfangs überraschend Geländegewinne erzielt — Berlins Propaganda feiert ihn als Wende. Am 17. Dezember erschießt eine SS-Kampfgruppe unter Joachim Peiper bei Malmedy rund 84 amerikanische Kriegsgefangene, ein Kriegsverbrechen, das später vor einem US-Militärgericht verhandelt wird. Die Kleinstadt Bastogne, ein wichtiger Straßenknotenpunkt, wird ab dem 20./21. Dezember von deutschen Verbänden eingeschlossen; die belagerte 101. US-Luftlandedivision unter Brigadegeneral Anthony McAuliffe beantwortet die deutsche Kapitulationsaufforderung am 22. Dezember mit dem später berühmten, einsilbigen »Nuts!«. Sobald sich am 23. Dezember der Himmel aufklart, greift die alliierte Luftwaffe wieder massiv ein, und General George S. Pattons 3. US-Armee durchbricht am 26. Dezember von Süden den Belagerungsring um Bastogne. Doch schon in den letzten Dezembertagen gerät der Vorstoß endgültig ins Stocken; das Kriegsjahr endet mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt, der die letzten deutschen Reserven im Westen aufzehrt und dessen Scheitern sich bereits abzeichnet.

Rom befreit — die erste Hauptstadt der Achsenmächte fällt

US-Truppen ziehen am 5. Juni 1944 in Rom ein
US-Truppen ziehen am 5. Juni 1944 in Rom ein (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Seit dem 11. Mai durchbricht die alliierte Offensive »Diadem« mit der britischen 8. Armee und der amerikanischen 5. Armee unter Generalleutnant Mark W. Clark endlich die seit Monaten blutig umkämpfte deutsche Verteidigungslinie am Monte Cassino, den »Gustav-Riegel«; am 25. Mai gibt Generalfeldmarschall Albert Kesselring, Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien, die Stellung endgültig auf. Rom selbst, seit Herbst 1943 von deutschen Truppen besetzt, war zur »offenen Stadt« erklärt worden — Kesselring zieht seine Verbände lieber kampflos nach Norden zurück, als um die Hauptstadt zu kämpfen. Am 4. Juni, einem Sonntag, marschieren amerikanische Truppen unter dem Jubel der römischen Bevölkerung in die Stadt ein; am Folgetag rückt Clark selbst mit einer Kolonne bis zum Kapitol vor. Rom ist damit die erste besetzte Hauptstadt einer Achsenmacht, die von den Alliierten befreit wird. Der Erfolg bleibt der Weltöffentlichkeit jedoch nur zwei Tage lang Schlagzeile: Schon am 6. Juni überschattet die Landung in der Normandie jede andere Kriegsnachricht.

Fall von Saipan und Rücktritt Tojos

US-Marineinfanteristen im unwegsamen Gelände von Saipan, 1944
US-Marineinfanteristen im unwegsamen Gelände von Saipan, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 15. Juni bis zum 9. Juli ringen amerikanische Marineinfanteristen unter Generalleutnant Holland M. Smith, gedeckt von der 5. Flotte unter Admiral Raymond Spruance und den Trägerverbänden Admiral Marc Mitschers, der japanischen Garnison unter General Saitō Yoshitsugu und Vizeadmiral Chūichi Nagumo um die Insel Saipan in den Marianen. Die Kämpfe enden in einem der blutigsten Kapitel des Pazifikkriegs: Rund 30.000 japanische Soldaten fallen, Zehntausende Zivilisten sterben, viele durch Massenselbstmord, nachdem die Propaganda ihnen die Gefangennahme als Schande dargestellt hat; auf amerikanischer Seite sterben rund 3.500 Soldaten. Mit Saipan gerät erstmals das japanische Kernland in Reichweite der neuen amerikanischen Langstreckenbomber vom Typ B-29 — ein strategischer Wendepunkt, der später auch die Atombombenabwürfe ermöglicht. Der Verlust der als uneinnehmbar geltenden Insel erschüttert Tokio so sehr, dass Premierminister General Hideki Tōjō am 18. Juli mit seinem gesamten Kabinett zurücktritt — er gibt damit sowohl das Amt des Regierungschefs als auch das des Heeresgeneralstabschefs auf. Am 22. Juli bildet der frühere Generalgouverneur Koreas, General Kuniaki Koiso, eine neue Regierung. Für Japan ist der Sommer 1944 der Anfang vom Ende.

Majdanek befreit — erstes großes NS-Lager fällt in alliierte Hand

Krematorium des KZ Majdanek nach der Befreiung 1944
Krematorium des KZ Majdanek nach der Befreiung 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Sog der sowjetischen Großoffensive »Bagration« erreicht die Rote Armee im Juli auch das polnische Lublin. Angesichts des schnellen Vormarsches der 2. Panzerarmee unter General Semjon Bogdanow, Teil der 1. Weißrussischen Front unter Marschall Konstantin Rokossowski, räumt die SS das nahegelegene Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek überstürzt: Dokumente werden verbrannt, ein Teil der Gebäude gesprengt oder angezündet — doch in der Eile bleiben die Gaskammern und ein Großteil der Häftlingsbaracken nahezu unversehrt zurück. Am 23. Juli löst die SS das Lager endgültig auf, am 24. Juli erreichen sowjetische Truppen das Gelände und finden ein noch weitgehend intaktes Vernichtungslager vor — mit schätzungsweise 78.000 bis 80.000 Ermordeten das erste große NS-Lager, das den Alliierten in die Hände fällt. Ende August berichtet das amerikanische Magazin »Life« ausführlich und mit Fotografien über die Funde, lange bevor die Öffentlichkeit im Westen den vollen Umfang des Menschheitsverbrechens hinter Lagernamen wie Auschwitz begreift. Majdanek liefert damit den ersten unumstößlichen, von der Weltpresse dokumentierten Beweis für die systematische Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes.

Königsputsch in Bukarest — Rumänien wechselt die Fronten

König Michael I. von Rumänien im Jeep, 1944
König Michael I. von Rumänien im Jeep, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als die Rote Armee am 20. August mit der Operation »Jassy-Kischinew« die deutsch-rumänische Front in Bessarabien durchbricht, handelt König Michael I. von Rumänien: Er lädt Marschall Ion Antonescu, seit 1940 Militärdiktator des Landes und engster Verbündeter Hitlers auf dem Balkan, zu einer Audienz in den Bukarester Königspalast. Als Antonescu sich weigert, sofort einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu suchen, lässt der König ihn noch im Palast verhaften; auch Außenminister Mihai Antonescu wird festgesetzt. Am Abend des 23. August verkündet Michael im Rundfunk den Bruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland und den Waffenstillstand mit den Alliierten — Rumänien wechselt damit von einem Tag auf den anderen die Seiten. Für die Wehrmacht sind die Folgen verheerend: Ohne die bislang mitkämpfenden rumänischen Verbände kann die Rote Armee die 21 Divisionen der deutschen Heeresgruppe Südukraine, rund 600.000 Mann, binnen weniger Tage fast vollständig einschließen und zerschlagen; nur einigen zehntausend Soldaten gelingt die Flucht. Mit dem Umsturz in Bukarest verliert das Reich zudem seinen wichtigsten Rohstofflieferanten — die rumänischen Ölfelder von Ploiești — und einen ganzen Frontabschnitt auf einen Schlag.

Operation »Market Garden« — Scheitern bei Arnheim

Die Rheinbrücke bei Arnheim, nachdem die britischen Fallschirmjäger zurückgeschlagen wurden
Die Rheinbrücke bei Arnheim, nachdem die britischen Fallschirmjäger zurückgeschlagen wurden (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Feldmarschall Bernard Montgomery plant den kühnsten alliierten Vorstoß des Jahres: In einer beispiellosen Kombination aus Luftlande- und Bodenoperation sollen drei Luftlandedivisionen eine Kette von Brücken in den besetzten Niederlanden im Handstreich nehmen, während das britische XXX. Korps am Boden nachstößt — Endziel ist die Rheinbrücke bei Arnheim, die einen direkten Weg ins Ruhrgebiet öffnen würde. Zwischen dem 17. und 23. September springen rund 39.600 alliierte Fallschirm- und Luftlandetruppen über Eindhoven, Nijmegen und Arnheim ab; britischen Fallschirmjägern unter Oberstleutnant John Frost gelingt es sogar, das Nordende der Arnheimer Brücke zu erreichen und tagelang zu halten. Doch der von Generalfeldmarschall Walter Model befehligte deutsche Widerstand — allen voran das gerade zur Auffrischung in der Gegend liegende II. SS-Panzerkorps unter SS-Obergruppenführer Wilhelm Bittrich — bremst den Landvorstoß des XXX. Korps so stark, dass die Verstärkung Frosts ausbleibt. Nach erbitterten Kämpfen müssen die eingeschlossenen Reste der 1. britischen Luftlandedivision am 25./26. September über den Rhein zurückgezogen werden. Eisenhower bilanziert die Operation später nüchtern als »fifty percent success« — bei über 15.000 alliierten Verlusten bleibt der erhoffte schnelle Vorstoß ins Reichsgebiet aus.

Die erste V2 trifft London

Abschussstellung einer V2-Rakete, 1944
Abschussstellung einer V2-Rakete, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Monatelang in strengster Geheimhaltung im Raketenversuchszentrum Peenemünde unter Wernher von Braun entwickelt, im unterirdischen Mittelwerk bei Nordhausen unter mörderischen Bedingungen von KZ-Häftlingen zusammengebaut, schlägt am 8. September die erste im Kriegseinsatz abgefeuerte Rakete des Typs »Aggregat 4« — von der NS-Propaganda als »Vergeltungswaffe 2«, kurz V2, bezeichnet — im Londoner Stadtteil Chiswick ein. Mit rund 5.500 km/h, mehr als der fünffachen Schallgeschwindigkeit, und einer Reichweite von über 300 Kilometern trifft die Rakete ihr Ziel völlig ohne Vorwarnung; anders als bei den seit Juni fliegenden, tieffliegenden und hörbaren V1-Marschflugkörpern gibt es gegen die aus der Stratosphäre einschlagende V2 keinerlei Abwehrmöglichkeit. Bis Kriegsende werden rund 3.200 V2 abgefeuert, gut 1.350 davon treffen London, über 1.600 das inzwischen von den Alliierten als Nachschubhafen genutzte Antwerpen — dort fordert allein ein Treffer auf das Kino »Rex« am 16. Dezember 567 Menschenleben, das schwerste Einzelunglück der gesamten Raketenoffensive. Insgesamt kostet der V2-Einsatz mehr als 8.000 Menschen das Leben, während allein im Mittelwerk noch mehr Zwangsarbeiter durch die mörderischen Produktionsbedingungen sterben, als die Waffe selbst je an Opfern fordert.

Größte Seeschlacht der Geschichte — Leyte-Golf und der erste Kamikaze-Einsatz

Amerikanische Kriegsschiffe während der Schlacht im Golf von Leyte, Oktober 1944
Amerikanische Kriegsschiffe während der Schlacht im Golf von Leyte, Oktober 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als amerikanische Truppen ab dem 17. Oktober auf der Philippineninsel Leyte landen, wirft die japanische Marine ihre letzten großen Flottenverbände in die Schlacht, um die Invasion noch zu stoppen: Aus dem Norden stößt Vizeadmiral Jisaburō Ozawas Trägerflotte als Ablenkungsmanöver vor, während die Schlachtschiffverbände der Vizeadmirale Takeo Kurita und Shōji Nishimura von Westen und Süden auf die Landungsflotte zusteuern. Zwischen dem 23. und 26. Oktober liefern sich in den Gewässern um die Philippinen amerikanische Flotten unter den Admiralen William Halsey und Thomas Kinkaid und die japanische Marine die größte Seeschlacht der Geschichte — nach Tonnage und Zahl der beteiligten Schiffe übertrifft sie jedes vorangegangene Seegefecht. Japan verliert vier Flugzeugträger, drei Schlachtschiffe und mehr als ein Dutzend Kreuzer und Zerstörer sowie rund 10.000 Mann; die eigene Flotte ist damit als organisierte Kampfkraft praktisch vernichtet. Am 25. Oktober ordnet Vizeadmiral Takijirō Ōnishi vor Samar erstmals einen organisierten Selbstmordangriff an: Sechs mit Sprengladungen beladene Zero-Jäger der neu aufgestellten »Sondereinheit Göttlicher Wind« stürzen sich auf amerikanische Geleitträger und versenken die USS St. Lô — der Beginn der Kamikaze-Angriffe, mit denen Japan bis Kriegsende versucht, die materielle Übermacht der Alliierten auszugleichen.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • In Luckenwalde hält derweil das Stalag III-A Industrie und Landwirtschaft am Laufen: Über das Jahr sind an die 40.000 Kriegsgefangene im Lagerbereich registriert, auf über tausend Arbeitskommandos in ganz Brandenburg verteilt. Sowjetische und italienische Gefangene — Letztere seit dem Waffenstillstand Italiens im Herbst 1943 zu Tausenden eingeliefert — werden weit schlechter behandelt als westliche Kriegsgefangene.
  • Nach dem 20. Juli greift die Verhaftungswelle der Gestapo weit über Berlin hinaus — auch in der Provinz wächst die Angst vor Denunziation und Sippenhaft.
  • Am 25. September ordnet Hitler die Aufstellung des Volkssturms an: Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die noch nicht zum Wehrdienst eingezogen sind, werden zum „letzten Aufgebot" verpflichtet — die Erfassungslisten reichen bis in die Kreise um Luckenwalde.
  • Nach 63 Tagen erbitterten Kampfes kapituliert die polnische Heimatarmee am 2. Oktober im Warschauer Aufstand; auf Hitlers Befehl wird die polnische Hauptstadt in den folgenden Wochen systematisch gesprengt und niedergebrannt.
  • Ab Juni 1944 beschlagnahmt eine Rüstungsfirma das Gebäudeensemble aus Luckenwalder Stadttheater und ehemaliger Hindenburg-Schule — Kultur und Bildung weichen endgültig der Kriegsproduktion.

SPORT · 1944

Auch die für dieses Jahr geplanten Olympischen Spiele — Winterspiele in Cortina d'Ampezzo, Sommerspiele in London — fallen wie schon 1940 dem Krieg zum Opfer; das Internationale Olympische Komitee sagt beide Termine ersatzlos ab. Im Reich selbst bricht der geregelte Ligabetrieb zusehends zusammen: Weil immer mehr Spieler zur Wehrmacht eingezogen werden und Sportplätze durch Luftangriffe beschädigt sind, schließen sich zahlreiche Fußballvereine notgedrungen zu sogenannten »Kriegsspielgemeinschaften« zusammen, um überhaupt noch spielfähige Mannschaften stellen zu können. Auch die von der NS-Organisation »Kraft durch Freude« getragenen Massen- und Breitensportveranstaltungen der Vorkriegsjahre finden praktisch nicht mehr statt, während an allen Fronten Niederlagen und Rückzüge die Kriegslage bestimmen.

MODE · 1944

Materialnot bestimmt weiterhin jede Anschaffung: Alte Kleidung wird gewendet, aufgetrennt und neu zusammengesetzt, echte Stoffe sind für die Zivilbevölkerung kaum mehr erhältlich. Seit 1939 regelt die Reichskleiderkarte mit einem Punktesystem, wie viel Textilien und Schuhe pro Jahr überhaupt noch gekauft werden dürfen — die zugeteilte Punktzahl wird von Jahr zu Jahr weiter gekürzt, sodass 1944 kaum noch Spielraum für Neuanschaffungen bleibt. Leder wird durch Ersatzstoffe und Holz ersetzt: Schuhe mit Holzsohlen gehören ebenso zum Straßenbild wie aus Vorhangstoff oder alten Uniformteilen geschneiderte Kleidung. Frauen, die zunehmend in Rüstungsbetrieben und in der Landwirtschaft arbeiten, greifen aus praktischen Gründen häufiger zu Hosen und Kopftüchern statt zu den mondänen Hüten der Vorkriegsmode. Von Mode im eigentlichen Sinn kann im fünften Kriegsjahr keine Rede mehr sein.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Oskar Schindler rettet seine Arbeiter nach Brünnlitz (Oktober 1944). Der deutsche Fabrikant erwirkt die Verlegung von 1.000 jüdischen Zwangsarbeitern aus dem aufgelösten KZ Płaszów in seine Fabrik und bewahrt sie so vor Auschwitz.
  • Fritz Kolbe im Widerstand des Auswärtigen Amts (1943/44). Der deutsche Beamte liefert dem amerikanischen Geheimdienst OSS Tausende geheime Dokumente und hilft, den Spion „Cicero" in Ankara zu enttarnen — aktiver Widerstand aus dem Innersten des Regimes.
  • Otto Hahn erhält den Nobelpreis für Chemie 1944 (November 1944). Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften zeichnet den Berliner Chemiker rückwirkend für die 1938 gemeinsam mit Lise Meitner und Fritz Strassmann entdeckte Kernspaltung aus — mitten im Krieg ein Silberstreif für die deutsche Wissenschaft; die Verleihung selbst muss kriegsbedingt bis 1945 warten.
  • Rotkreuz-Post erreicht weiterhin westliche Kriegsgefangene im Stalag III-A (ganzjährig 1944). Amerikanischen, britischen und französischen Gefangenen in Luckenwalde kommt die Genfer Konvention noch zugute: Briefe und Hilfspakete des Internationalen Roten Kreuzes treffen regelmäßig ein — ein schmaler Rest von Menschlichkeit, der den sowjetischen und italienischen Mitgefangenen weitgehend verwehrt bleibt.

DAS WETTER · 1944 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 18,9 °C, in der Nacht 10,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 1,5 mm, die Sonne zeigte sich rund 3,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 34 °C am 21. August, kältester −14 °C am 26. Dezember. 17 Hitzetage (≥30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 535 mm.

Ein sommerbetontes Jahr mit gleich 17 Hitzetagen (≥30 °C).

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1944

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine — Marika Rökk
  2. Mach' dir nichts daraus — Marika Rökk & Walter Müller
  3. Alles ist noch wie ein Traum für mich — Marika Rökk / Rudi Schuricke
  4. Ich warte auf dich — Marika Rökk
  5. Beim ersten Mal, da tut's noch weh — Hans Albers
  6. La Paloma — Hans Albers
  7. Frauenaugen — Herbert Ernst Groh
  8. Möwe, du fliegst in die Heimat — Magda Hain
  9. Leise erklingen die Glocken vom Campanile — Rudi Schuricke
  10. Das Karussell — Johannes Heesters
  11. Lili Marleen — Lale Andersen
  12. Capri-Fischer — Rudi Schuricke
  13. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n — Zarah Leander
  14. Sing, Nachtigall, sing — Evelyn Künneke
  15. Wir machen Musik — Ilse Werner
  16. Der Wind hat mir ein Lied erzählt — Zarah Leander
  17. Davon geht die Welt nicht unter — Zarah Leander
  18. Sing mit mir — Marika Rökk
  19. Stern von Rio — Rudi Schuricke
  20. Es geht alles vorüber — Durchhalteschlager (weiterhin populär)

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.