DER CHRONIST

Ein Jahr, in dem an allen Fronten die Welt aus den Fugen gerät: Kaum ist Rom befreit, landen die Alliierten in der Normandie und eröffnen im Westen die zweite Front, während im Osten binnen weniger Wochen mit „Bagration" eine ganze deutsche Heeresgruppe zerschlagen wird. In Berlin scheitert am 20. Juli der letzte große Versuch, den Krieg von innen zu beenden, während in Paris die Trikolore zurückkehrt und in Bukarest ein König über Nacht die Fronten wechselt. Im äußersten Osten zwingt der Fall von Saipan Japans Regierung zum Rücktritt, vor den Toren von Lublin öffnet sich mit Majdanek erstmals der Blick in die Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes, und über London gehen die ersten Raketen der Welt nieder. Bei Arnheim scheitert der Versuch eines schnellen Kriegsendes im Westen ebenso wie im Dezember Hitlers letzte große Offensive in den Ardennen. Am Ende dieses Jahres ist absehbar, dass der Krieg verloren ist — nur sein Ende lässt weiter auf sich warten.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die Landung in der Normandie — Beginn der zweiten Front

US-Truppen landen am 6. Juni 1944 in der Normandie
US-Truppen landen am 6. Juni 1944 in der Normandie (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 6. Juni setzen über 3.100 Landungsboote, geschützt von 1.200 Kriegsschiffen und 7.500 Flugzeugen, rund 150.000 amerikanische, britische, französische, polnische und kanadische Soldaten an fünf Stränden der Normandie — den Kodenamen Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword — an Land. Oberbefehlshaber der alliierten Invasionsstreitkräfte ist General Dwight D. Eisenhower; auf deutscher Seite soll Generalfeldmarschall Erwin Rommel mit dem seit 1943 ausgebauten »Atlantikwall« die Landung bereits am Strand zerschlagen. Die Täuschungsoperation »Fortitude«, die um eine fingierte amerikanische Heeresgruppe unter General George S. Patton kreist, lässt Hitler und die Wehrmachtführung noch wochenlang an einer zweiten, größeren Invasion bei Calais festhalten — dringend benötigte Verstärkungen bleiben deshalb zurückgehalten. Am schwersten umkämpften Abschnitt, Omaha Beach, sterben bereits am ersten Tag rund 2.000 amerikanische Soldaten, am Nachbarstrand Utah dagegen nur rund 210. Bis zum 12. Juni verbinden sich die Brückenköpfe zu einer 100 Kilometer langen Front, am 27. Juni fällt der wichtige Tiefwasserhafen Cherbourg. Erst am 25. Juli, nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen um die Kleinstadt Saint-Lô in der engen Hecken- und Wallandschaft der Bocage, gelingt den Amerikanern mit der Offensive »Operation Cobra« der Ausbruch aus dem Brückenkopf — der Weg nach Paris und ins Landesinnere Frankreichs ist frei. Der »D-Day« eröffnet die von Berlin lange gefürchtete zweite Front im Westen.

2 · Attentat und Umsturzversuch des 20. Juli — gescheitert in Berlin

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Kopf des Attentats vom 20. Juli 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Kopf des Attentats vom 20. Juli 1944 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Plan geht auf einen seit 1938 wachsenden Kreis von Offizieren und Zivilisten zurück, die einen Umsturz erwägen — darunter der »Kreisauer Kreis« um Helmuth James Graf von Moltke und frühere, gescheiterte Attentatsversuche wie der von Henning von Tresckow im März 1943. Zugang zum Führerhauptquartier verschafft sich Stauffenberg über sein Amt als Stabschef des Ersatzheeres unter Generaloberst Friedrich Fromm; sein Plan sieht vor, den für den inneren Notfall vorgesehenen Alarmplan »Walküre« nach dem Attentat zum Signal für den Umsturz umzufunktionieren. Um 12:42 Uhr explodiert im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« bei Rastenburg in Ostpreußen die von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einer Aktentasche platzierte Bombe; Hitler überlebt mit leichten Verletzungen, wohl weil Oberst Heinz Brandt die Tasche kurz zuvor hinter einen massiven Tischfuß der Kartenbaracke geschoben hatte, der einen Teil der Druckwelle abfängt. General Erich Fellgiebel, als Nachrichtenchef des Heeres in den Plan eingeweiht, meldet die Explosion zwar nach Berlin, doch die vorgesehene Sperrung aller Fernmeldeverbindungen zur Wolfsschanze gelingt nur unvollständig — schon am Nachmittag erreichen Gegenbefehle die Truppe. Am Nachmittag versucht eine Gruppe von Offizieren um Stauffenberg, General Friedrich Olbricht und Generaloberst Ludwig Beck, von Berlin aus im Bendlerblock — nur wenige Bahnstunden von Luckenwalde entfernt — die Wehrmacht gegen das Regime in Bewegung zu setzen. Der Umsturz scheitert noch am selben Abend, nachdem regimetreue Offiziere um Major Otto Ernst Remer die eingesetzten Wachbataillone auf Hitlers Seite zurückholen: Stauffenberg, Oberleutnant Werner von Haeften, Olbricht und Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim werden im Hof des Bendlerblocks erschossen, Beck wählt den Freitod. Der als »Blutrichter« gefürchtete Präsident des eigens zuständigen Volksgerichtshofs, Roland Freisler, verurteilt in 55 Prozessen zwischen August 1944 und März 1945 mehr als 100 Verschwörer und Mitwisser zum Tode; die Hinrichtungen erfolgen meist binnen Stunden nach dem Urteil im Gefängnis Plötzensee durch Erhängen an einem eigens installierten Fleischerhaken — bis April 1945 sterben dort 89 Menschen aus dem Umfeld des 20. Juli. Auch Generalfeldmarschall Erwin Rommel, dessen Mitwisserschaft vermutet wird, wird am 14. Oktober zum Freitod durch Gift gezwungen und mit Staatsbegräbnis als angeblich an Kriegsverletzungen Verstorbener beigesetzt. Die anschließende Verhaftungswelle der Gestapo erfasst in den folgenden Monaten Tausende — auch Brandenburg bleibt davon nicht verschont.

Aus heutiger Sicht

Der Umsturzversuch des 20. Juli gilt heute als moralischer Fixpunkt des deutschen Widerstands, wurde aber erst Jahrzehnte nach 1945 gesellschaftlich als solcher anerkannt — in den ersten nachkriegsdeutschen Jahren überwog vielerorts noch das NS-Urteil vom „Verrat". Die geheimen SD-Stimmungsberichte aus den Tagen nach dem Attentat (siehe „Stimmen der Presse") zeigen zudem, wie gering der Rückhalt für Stauffenberg und seine Mitverschwörer in der Bevölkerung tatsächlich war — für viele Zeitgenossen war das Scheitern des Attentats „Fügung", nicht Tragödie.

Operation Bagration — die Wehrmacht verliert die Ostfront

Karte der sowjetischen Operation Bagration, Sommer 1944
Karte der sowjetischen Operation Bagration, Sommer 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach der Zusage Stalins auf der Konferenz von Teheran Ende 1943, im Sommer 1944 eine Großoffensive im Osten mit der westalliierten Invasion abzustimmen, koordinieren die Marschälle Georgi Schukow und Alexander Wassilewski als Vertreter des sowjetischen Oberkommandos Stawka vier Fronten — unter den Generälen Iwan Bagramjan, Iwan Tschernjachowski, Georgi Sacharow und Konstantin Rokossowski —, die am 22. Juni, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion, in Weißrussland zur Großoffensive »Bagration« antreten. Innerhalb weniger Tage werden bei Witebsk das gesamte LIII. Armeekorps mit rund 28.000 Mann sowie bei Bobruisk sechs weitere deutsche Divisionen eingekesselt und vernichtet; als der verantwortliche Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall Ernst Busch, Hitler vergeblich um den rechtzeitigen Rückzug hinter den Dnjepr bittet, wird er am 28. Juni durch Generalfeldmarschall Walter Model ersetzt — zu spät, um die Katastrophe noch abzuwenden. Minsk fällt bereits Anfang Juli, wobei rund 100.000 Soldaten der deutschen 4. und 9. Armee östlich der Stadt eingeschlossen werden. Von den 38 Divisionen der Heeresgruppe Mitte gehen 28 verloren; nach deutschen Angaben werden rund 26.000 Gefallene, 110.000 Verwundete und 263.000 Vermisste oder Gefangene gemeldet — die schwerste Niederlage der deutschen Militärgeschichte, die die Verluste von Stalingrad noch übertrifft. In die entstandene, mehrere hundert Kilometer breite Lücke stößt die sowjetische Offensive bis Ende Juli über Polen bis an die Weichsel vor Warschau und an die Grenze Ostpreußens vor. Die Ostfront, jahrelang Bollwerk der Propaganda, bricht in diesem Sommer endgültig zusammen.

Paris ist frei

Jubel auf den Champs-Élysées zur Befreiung von Paris, August 1944
Jubel auf den Champs-Élysées zur Befreiung von Paris, August 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bereits Mitte August, während sich die alliierten Truppen der Stadt nähern, tritt die Pariser Bevölkerung in einen Generalstreik; ab dem 19. August erhebt sich der Widerstand der FFI (Forces Françaises de l'Intérieur) offen gegen die deutsche Besatzung und errichtet Barrikaden in den Straßen. Auf Vermittlung des schwedischen Generalkonsuls Raoul Nordling vereinbart Choltitz mit Vertretern der Résistance noch am selben Abend eine Feuerpause bis zum 23. August, um seinen Truppen den Abzug nach Osten zu ermöglichen; als die Waffenruhe ausläuft, lässt Choltitz am 23. August auf FFI-Stellungen am Grand Palais und auf Barrikaden in der Stadt feuern. Nach über vier Jahren deutscher Besatzung kapituliert der Stadtkommandant General Dietrich von Choltitz am 25. August gegen 14:45 Uhr vor den Truppen der französischen 2. Panzerdivision unter General Leclerc und den Widerstandskämpfern um Oberst Rol-Tanguy. Choltitz widersetzt sich damit Hitlers wiederholtem Befehl, die Stadt vor der Übergabe in Schutt zu legen — die zur Sprengung vorbereiteten Brücken und Bauwerke bleiben unversehrt. Am Folgetag zieht General Charles de Gaulle unter dem Jubel der Bevölkerung über die Champs-Élysées und weiter zur Kathedrale Notre-Dame, wo während des Te Deums Schüsse unbekannter Herkunft kurzzeitig für Panik sorgen, ohne den symbolträchtigen Auftritt noch aufzuhalten. Die von de Gaulle in Algier geführte provisorische Regierung gewinnt mit der Befreiung von Paris entscheidend an Autorität gegenüber dem untergegangenen Vichy-Regime. Für das besetzte Westeuropa ist der Krieg auf dem Rückzug.

Die Ardennenoffensive — letzter deutscher Vorstoß im Westen

US-Fallschirmjäger der 101. Airborne bei Bastogne, Weihnachten 1944
US-Fallschirmjäger der 101. Airborne bei Bastogne, Weihnachten 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Geplant hat Hitler den Vorstoß bereits seit September in strengster Geheimhaltung: Ziel des Unternehmens ist es, mit den letzten verfügbaren Reserven — nach unterschiedlichen Angaben rund 200.000 bis 290.000 Mann und etwa 1.800 Panzern, darunter schwere »Königstiger« — einen Keil zwischen die amerikanischen und britischen Armeen zu treiben, den Nachschubhafen Antwerpen zurückzuerobern und die Westalliierten so zu einem Sonderfrieden zu zwingen. Im Morgengrauen des 16. Dezember um 5:30 Uhr tritt die Wehrmacht unter dem Decknamen »Wacht am Rhein« mit drei Armeen an — der 6. SS-Panzerarmee unter Sepp Dietrich im Norden, der 5. Panzerarmee unter General Hasso von Manteuffel in der Mitte und der 7. Armee unter General Erich Brandenberger im Süden. Dichter Nebel hält zunächst die überlegene alliierte Luftwaffe am Boden, sodass der Angriff durch die dünn besetzte Frontlinie in den belgisch-luxemburgischen Ardennen anfangs überraschend Geländegewinne erzielt — Berlins Propaganda feiert ihn als Wende. Am 17. Dezember erschießt eine SS-Kampfgruppe unter Joachim Peiper bei Malmedy rund 84 amerikanische Kriegsgefangene, ein Kriegsverbrechen, das später vor einem US-Militärgericht verhandelt wird. Die Kleinstadt Bastogne, ein wichtiger Straßenknotenpunkt, wird ab dem 20./21. Dezember von deutschen Verbänden eingeschlossen; die belagerte 101. US-Luftlandedivision unter Brigadegeneral Anthony McAuliffe beantwortet die deutsche Kapitulationsaufforderung am 22. Dezember mit dem später berühmten, einsilbigen »Nuts!«. Sobald sich am 23. Dezember der Himmel aufklart, greift die alliierte Luftwaffe wieder massiv ein, und General George S. Pattons 3. US-Armee durchbricht am 26. Dezember von Süden den Belagerungsring um Bastogne. Doch schon in den letzten Dezembertagen gerät der Vorstoß endgültig ins Stocken; das Kriegsjahr endet mit einem letzten, verzweifelten Kraftakt, der die letzten deutschen Reserven im Westen aufzehrt und dessen Scheitern sich bereits abzeichnet.

Aus heutiger Sicht

Dass die deutsche Propaganda die Ardennenoffensive noch als „Wende" feiert, ist typisch für die Sprache der letzten Kriegsjahre: Rückzüge werden zu „planmäßigen Frontbegradigungen", hoffnungslose Vorstöße zu „Wunderwaffen"-Erfolgen umgedeutet. Diese Sprachverschleierung, mit der das Regime bis zuletzt Niederlagen kaschiert, ist selbst ein Stück Zeitgeschichte — und ein Grund, warum Zeitzeugenberichte und Frontbriefe jener Monate stets gegen die zeitgenössische Presse gegengelesen werden müssen.

Rom befreit — die erste Hauptstadt der Achsenmächte fällt

US-Truppen ziehen am 5. Juni 1944 in Rom ein
US-Truppen ziehen am 5. Juni 1944 in Rom ein (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Seit dem 11. Mai durchbricht die alliierte Offensive »Diadem« mit der britischen 8. Armee und der amerikanischen 5. Armee unter Generalleutnant Mark W. Clark endlich die seit Monaten blutig umkämpfte deutsche Verteidigungslinie am Monte Cassino, den »Gustav-Riegel«; am 25. Mai gibt Generalfeldmarschall Albert Kesselring, Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien, die Stellung endgültig auf. Rom selbst, seit Herbst 1943 von deutschen Truppen besetzt, war zur »offenen Stadt« erklärt worden — Kesselring zieht seine Verbände lieber kampflos nach Norden zurück, als um die Hauptstadt zu kämpfen. Am 4. Juni, einem Sonntag, marschieren amerikanische Truppen unter dem Jubel der römischen Bevölkerung in die Stadt ein; am Folgetag rückt Clark selbst mit einer Kolonne bis zum Kapitol vor. Rom ist damit die erste besetzte Hauptstadt einer Achsenmacht, die von den Alliierten befreit wird. Der Erfolg bleibt der Weltöffentlichkeit jedoch nur zwei Tage lang Schlagzeile: Schon am 6. Juni überschattet die Landung in der Normandie jede andere Kriegsnachricht.

Fall von Saipan und Rücktritt Tojos

US-Marineinfanteristen im unwegsamen Gelände von Saipan, 1944
US-Marineinfanteristen im unwegsamen Gelände von Saipan, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom 15. Juni bis zum 9. Juli ringen amerikanische Marineinfanteristen unter Generalleutnant Holland M. Smith, gedeckt von der 5. Flotte unter Admiral Raymond Spruance und den Trägerverbänden Admiral Marc Mitschers, der japanischen Garnison unter General Saitō Yoshitsugu und Vizeadmiral Chūichi Nagumo um die Insel Saipan in den Marianen. Die Kämpfe enden in einem der blutigsten Kapitel des Pazifikkriegs: Rund 30.000 japanische Soldaten fallen, Zehntausende Zivilisten sterben, viele durch Massenselbstmord, nachdem die Propaganda ihnen die Gefangennahme als Schande dargestellt hat; auf amerikanischer Seite sterben rund 3.500 Soldaten. Mit Saipan gerät erstmals das japanische Kernland in Reichweite der neuen amerikanischen Langstreckenbomber vom Typ B-29 — ein strategischer Wendepunkt, der später auch die Atombombenabwürfe ermöglicht. Der Verlust der als uneinnehmbar geltenden Insel erschüttert Tokio so sehr, dass Premierminister General Hideki Tōjō am 18. Juli mit seinem gesamten Kabinett zurücktritt — er gibt damit sowohl das Amt des Regierungschefs als auch das des Heeresgeneralstabschefs auf. Am 22. Juli bildet der frühere Generalgouverneur Koreas, General Kuniaki Koiso, eine neue Regierung. Für Japan ist der Sommer 1944 der Anfang vom Ende.

Majdanek befreit — erstes großes NS-Lager fällt in alliierte Hand

Krematorium des KZ Majdanek nach der Befreiung 1944
Krematorium des KZ Majdanek nach der Befreiung 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Sog der sowjetischen Großoffensive »Bagration« erreicht die Rote Armee im Juli auch das polnische Lublin. Angesichts des schnellen Vormarsches der 2. Panzerarmee unter General Semjon Bogdanow, Teil der 1. Weißrussischen Front unter Marschall Konstantin Rokossowski, räumt die SS das nahegelegene Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek überstürzt: Dokumente werden verbrannt, ein Teil der Gebäude gesprengt oder angezündet — doch in der Eile bleiben die Gaskammern und ein Großteil der Häftlingsbaracken nahezu unversehrt zurück. Am 23. Juli löst die SS das Lager endgültig auf, am 24. Juli erreichen sowjetische Truppen das Gelände und finden ein noch weitgehend intaktes Vernichtungslager vor — mit schätzungsweise 78.000 bis 80.000 Ermordeten das erste große NS-Lager, das den Alliierten in die Hände fällt. Ende August berichtet das amerikanische Magazin »Life« ausführlich und mit Fotografien über die Funde, lange bevor die Öffentlichkeit im Westen den vollen Umfang des Menschheitsverbrechens hinter Lagernamen wie Auschwitz begreift. Majdanek liefert damit den ersten unumstößlichen, von der Weltpresse dokumentierten Beweis für die systematische Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes.

Aus heutiger Sicht

Die überstürzte Räumung Majdaneks im Juli 1944 ist der Auftakt zu einer Serie von Lagerevakuierungen, die sich im letzten Kriegswinter zu den berüchtigten Todesmärschen ausweiten: Ab Januar 1945 werden Hunderttausende KZ-Häftlinge — allen voran aus Auschwitz — bei Frost und ohne Verpflegung zu Fuß Richtung Westen getrieben, Zehntausende sterben unterwegs an Erschöpfung oder werden erschossen. Majdanek zeigt bereits 1944 das Muster, das sich wenige Monate später massenhaft wiederholt: Die SS versucht panisch, Spuren zu verwischen, während die Opfer der Vernichtungsmaschinerie noch auf dem Rückzug schutzlos bleiben.

Königsputsch in Bukarest — Rumänien wechselt die Fronten

König Michael I. von Rumänien im Jeep, 1944
König Michael I. von Rumänien im Jeep, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als die Rote Armee am 20. August mit der Operation »Jassy-Kischinew« die deutsch-rumänische Front in Bessarabien durchbricht, handelt König Michael I. von Rumänien: Er lädt Marschall Ion Antonescu, seit 1940 Militärdiktator des Landes und engster Verbündeter Hitlers auf dem Balkan, zu einer Audienz in den Bukarester Königspalast. Als Antonescu sich weigert, sofort einen Waffenstillstand mit den Alliierten zu suchen, lässt der König ihn noch im Palast verhaften; auch Außenminister Mihai Antonescu wird festgesetzt. Am Abend des 23. August verkündet Michael im Rundfunk den Bruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland und den Waffenstillstand mit den Alliierten — Rumänien wechselt damit von einem Tag auf den anderen die Seiten. Für die Wehrmacht sind die Folgen verheerend: Ohne die bislang mitkämpfenden rumänischen Verbände kann die Rote Armee die 21 Divisionen der deutschen Heeresgruppe Südukraine, rund 600.000 Mann, binnen weniger Tage fast vollständig einschließen und zerschlagen; nur einigen zehntausend Soldaten gelingt die Flucht. Mit dem Umsturz in Bukarest verliert das Reich zudem seinen wichtigsten Rohstofflieferanten — die rumänischen Ölfelder von Ploiești — und einen ganzen Frontabschnitt auf einen Schlag.

Operation »Market Garden« — Scheitern bei Arnheim

Die Rheinbrücke bei Arnheim, nachdem die britischen Fallschirmjäger zurückgeschlagen wurden
Die Rheinbrücke bei Arnheim, nachdem die britischen Fallschirmjäger zurückgeschlagen wurden (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Feldmarschall Bernard Montgomery plant den kühnsten alliierten Vorstoß des Jahres: In einer beispiellosen Kombination aus Luftlande- und Bodenoperation sollen drei Luftlandedivisionen eine Kette von Brücken in den besetzten Niederlanden im Handstreich nehmen, während das britische XXX. Korps am Boden nachstößt — Endziel ist die Rheinbrücke bei Arnheim, die einen direkten Weg ins Ruhrgebiet öffnen würde. Zwischen dem 17. und 23. September springen rund 39.600 alliierte Fallschirm- und Luftlandetruppen über Eindhoven, Nijmegen und Arnheim ab; britischen Fallschirmjägern unter Oberstleutnant John Frost gelingt es sogar, das Nordende der Arnheimer Brücke zu erreichen und tagelang zu halten. Doch der von Generalfeldmarschall Walter Model befehligte deutsche Widerstand — allen voran das gerade zur Auffrischung in der Gegend liegende II. SS-Panzerkorps unter SS-Obergruppenführer Wilhelm Bittrich — bremst den Landvorstoß des XXX. Korps so stark, dass die Verstärkung Frosts ausbleibt. Nach erbitterten Kämpfen müssen die eingeschlossenen Reste der 1. britischen Luftlandedivision am 25./26. September über den Rhein zurückgezogen werden. Eisenhower bilanziert die Operation später nüchtern als »fifty percent success« — bei über 15.000 alliierten Verlusten bleibt der erhoffte schnelle Vorstoß ins Reichsgebiet aus.

Die erste V2 trifft London

Abschussstellung einer V2-Rakete, 1944
Abschussstellung einer V2-Rakete, 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Monatelang in strengster Geheimhaltung im Raketenversuchszentrum Peenemünde unter Wernher von Braun entwickelt, im unterirdischen Mittelwerk bei Nordhausen unter mörderischen Bedingungen von KZ-Häftlingen zusammengebaut, schlägt am 8. September die erste im Kriegseinsatz abgefeuerte Rakete des Typs »Aggregat 4« — von der NS-Propaganda als »Vergeltungswaffe 2«, kurz V2, bezeichnet — im Londoner Stadtteil Chiswick ein. Mit rund 5.500 km/h, mehr als der fünffachen Schallgeschwindigkeit, und einer Reichweite von über 300 Kilometern trifft die Rakete ihr Ziel völlig ohne Vorwarnung; anders als bei den seit Juni fliegenden, tieffliegenden und hörbaren V1-Marschflugkörpern gibt es gegen die aus der Stratosphäre einschlagende V2 keinerlei Abwehrmöglichkeit. Bis Kriegsende werden rund 3.200 V2 abgefeuert, gut 1.350 davon treffen London, über 1.600 das inzwischen von den Alliierten als Nachschubhafen genutzte Antwerpen — dort fordert allein ein Treffer auf das Kino »Rex« am 16. Dezember 567 Menschenleben, das schwerste Einzelunglück der gesamten Raketenoffensive. Insgesamt kostet der V2-Einsatz mehr als 8.000 Menschen das Leben, während allein im Mittelwerk noch mehr Zwangsarbeiter durch die mörderischen Produktionsbedingungen sterben, als die Waffe selbst je an Opfern fordert.

Größte Seeschlacht der Geschichte — Leyte-Golf und der erste Kamikaze-Einsatz

Amerikanische Kriegsschiffe während der Schlacht im Golf von Leyte, Oktober 1944
Amerikanische Kriegsschiffe während der Schlacht im Golf von Leyte, Oktober 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Als amerikanische Truppen ab dem 17. Oktober auf der Philippineninsel Leyte landen, wirft die japanische Marine ihre letzten großen Flottenverbände in die Schlacht, um die Invasion noch zu stoppen: Aus dem Norden stößt Vizeadmiral Jisaburō Ozawas Trägerflotte als Ablenkungsmanöver vor, während die Schlachtschiffverbände der Vizeadmirale Takeo Kurita und Shōji Nishimura von Westen und Süden auf die Landungsflotte zusteuern. Zwischen dem 23. und 26. Oktober liefern sich in den Gewässern um die Philippinen amerikanische Flotten unter den Admiralen William Halsey und Thomas Kinkaid und die japanische Marine die größte Seeschlacht der Geschichte — nach Tonnage und Zahl der beteiligten Schiffe übertrifft sie jedes vorangegangene Seegefecht. Japan verliert vier Flugzeugträger, drei Schlachtschiffe und mehr als ein Dutzend Kreuzer und Zerstörer sowie rund 10.000 Mann; die eigene Flotte ist damit als organisierte Kampfkraft praktisch vernichtet. Am 25. Oktober ordnet Vizeadmiral Takijirō Ōnishi vor Samar erstmals einen organisierten Selbstmordangriff an: Sechs mit Sprengladungen beladene Zero-Jäger der neu aufgestellten »Sondereinheit Göttlicher Wind« stürzen sich auf amerikanische Geleitträger und versenken die USS St. Lô — der Beginn der Kamikaze-Angriffe, mit denen Japan bis Kriegsende versucht, die materielle Übermacht der Alliierten auszugleichen.

Die „Ghost Army" — eine Phantomarmee täuscht die Wehrmacht

Aufblasbarer Scheinpanzer der US-Tarneinheit 23rd Headquarters Special Troops, 1944
Aufblasbarer Scheinpanzer der US-Tarneinheit 23rd Headquarters Special Troops, 1944 (NARA / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Kaum 1.100 Mann stark, doch mit dem Auftrag, ganze Divisionen vorzutäuschen: Die amerikanische 23rd Headquarters Special Troops — unter GIs bald „Ghost Army" genannt — folgt ab August 1944 den alliierten Armeen durch Frankreich, Belgien und Luxemburg und täuscht mit aufblasbaren Gummipanzern, Pappattrappen von Lastwagen und Geschützen sowie gefälschtem Funkverkehr die Präsenz kompletter Kampfverbände vor. Von den Bell Laboratories eigens entwickelte Lautsprecherwagen spielen kilometerweit hörbaren Kettenfahrzeug- und Motorenlärm ab, während Funker fingierte Divisionsgespräche senden und Fahrzeuge mit falschen Einheitsabzeichen durch besetzte Städte rollen, um die deutsche Aufklärung gezielt in die Irre zu führen. Zu den rund 1.100 Soldaten der Einheit zählen auffällig viele spätere Künstler und Designer — unter ihnen der Modeschöpfer Bill Blass und der Maler Ellsworth Kelly —, deren Gespür für Illusion im Kriegseinsatz zur Tarnwaffe wird. Mehrfach, etwa am Rhein und an der Mosel, lenkt die Phantomarmee deutsche Aufmerksamkeit und Artilleriefeuer gezielt von echten Truppenbewegungen ab. Die Existenz der Einheit bleibt militärisches Geheimnis — erst 1996 wird sie in den USA offiziell deklassifiziert.

Das „Great Panjandrum" — eine außer Kontrolle geratene Wunderwaffe der Alliierten

Testlauf des „Great Panjandrum" am Strand von Westward Ho!, England, Januar 1944
Testlauf des „Great Panjandrum" am Strand von Westward Ho!, England, Januar 1944 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Um die massiven Betonbunker des deutschen „Atlantikwalls" vor der geplanten Invasion zu durchbrechen, entwickelt die britische Marineforschungsabteilung Directorate of Miscellaneous Weapons Development ein bizarres Gerät: Zwei etwa drei Meter hohe Holzräder, verbunden durch eine mit rund 1,8 Tonnen Sprengstoff gefüllte Trommel, sollen — angetrieben von ringsum montierten Feststoffraketen — mit hoher Geschwindigkeit auf den Strand rollen und sich in die Bunkerwände bohren. Bei einer öffentlichen Vorführung am 6. Januar vor Militärs und Presse am Strand von Westward Ho! in Devon gerät das „Great Panjandrum" jedoch außer Kontrolle: Eine der Raketen löst sich vorzeitig, das Gerät schlägt Haken, rast auf die Zuschauer zu und explodiert unkontrolliert am Strand, während Beobachter — unter ihnen hochrangige Offiziere — in Deckung fliehen müssen. Weitere Tests scheitern ähnlich kläglich; das Projekt wird noch vor der Landung in der Normandie im Juni endgültig eingestellt und nie im Kriegseinsatz erprobt. Das „Panjandrum" bleibt bis heute eines der kuriosesten Kapitel alliierter Waffenentwicklung im Zweiten Weltkrieg.

Oskar Schindler bewahrt seine Arbeiter vor Auschwitz

Oskar Schindler, Fabrikant und Retter von mehr als 1.000 jüdischen Zwangsarbeitern
Oskar Schindler, Fabrikant und Retter von mehr als 1.000 jüdischen Zwangsarbeitern (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der sudetendeutsche Fabrikant Oskar Schindler, seit 1939 NSDAP-Mitglied und Betreiber einer Emaillewarenfabrik im besetzten Krakau, beschäftigt dort seit Kriegsbeginn jüdische Zwangsarbeiter — offiziell als „kriegswichtig" deklariert, tatsächlich zunehmend zu ihrem Schutz vor der Deportation. Als im Oktober 1944 das nahegelegene Konzentrationslager Płaszów aufgelöst wird und seine Insassen nach Auschwitz-Birkenau abtransportiert werden sollen, erwirkt Schindler mit hohen Bestechungssummen an SS-Funktionäre die Verlegung von rund 1.000 jüdischen Arbeitern in eine neue Fabrik im sudetenländischen Brünnlitz. Gemeinsam mit seinem jüdischen Buchhalter Itzhak Stern stellt er die Namensliste der zu Rettenden zusammen — später als „Schindlers Liste" bekannt. Fast alle auf der Liste Verzeichneten überleben den Krieg; Schindler selbst gibt sein gesamtes Vermögen für Bestechungen und die Versorgung der Arbeiter aus und steht bei Kriegsende vor dem finanziellen Ruin. Die Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn 1993 postum als „Gerechten unter den Völkern"; im selben Jahr macht Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste" seine Geschichte weltbekannt.

Die „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau" — jüdischer Widerstand aus Luckenwalde

Werner Scharff (1912–1945), Kopf der Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau"
Werner Scharff (1912–1945), Kopf der Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau" (Gedenkstätte Deutscher Widerstand, CC BY-SA 4.0)

Im September 1943 trifft der Amtsgerichtsrat Hans Winkler in Luckenwalde auf Werner Scharff, einen aus dem Ghetto Theresienstadt geflohenen jüdischen Elektriker, der seither als „U-Boot" untergetaucht lebt. Auf Scharffs Initiative entsteht die Widerstandsgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau", der rund 20 Mitglieder angehören. In Berlin und Luckenwalde verstecken couragierte Nichtjuden bis zu zehn untergetauchte Juden; gemeinsam entwerfen, vervielfältigen und verbreiten die Mitglieder 1944 im gesamten Reichsgebiet Flugblätter. In den Wochen nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli verschickt und verteilt die Gruppe hunderte Exemplare eines Flugblatts, das Soldaten zur Waffenniederlegung aufruft — eine der wenigen bekannten Widerstandsaktionen dieser Wochen aus der Mark Brandenburg selbst. Im Oktober 1944 gelingt der Gestapo der Zugriff: Scharff wird am 14. Oktober verhaftet, nach Wochen im Polizeigefängnis am Alexanderplatz ins KZ Sachsenhausen überstellt und dort am 16. März 1945 erschossen. Winkler überlebt die Haft im Zuchthaus Bayreuth bis zur Befreiung.

Aus heutiger Sicht

Anders als die Offiziere des 20. Juli gerieten Werner Scharff, Hans Winkler und die übrigen Mitglieder der „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau" nach 1945 kaum ins öffentliche Bewusstsein — ihr Widerstand aus der Illegalität, getragen von einem untergetauchten Juden und einfachen Bürgern ohne Rang und Namen, passte nicht in die frühen westdeutschen Erinnerungsnarrative, die sich lange auf Militärs und Adel konzentrierten. Erst die regionale Aufarbeitung, etwa durch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, hat diese Luckenwalder Geschichte wieder sichtbar gemacht.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • In Luckenwalde hält derweil das Stalag III-A Industrie und Landwirtschaft am Laufen: Über das Jahr sind an die 40.000 Kriegsgefangene im Lagerbereich registriert, auf über tausend Arbeitskommandos in ganz Brandenburg verteilt. Sowjetische und italienische Gefangene — Letztere seit dem Waffenstillstand Italiens im Herbst 1943 zu Tausenden eingeliefert — werden weit schlechter behandelt als westliche Kriegsgefangene.
  • Nach dem 20. Juli greift die Verhaftungswelle der Gestapo weit über Berlin hinaus — auch in der Provinz wächst die Angst vor Denunziation und Sippenhaft.
  • Am 25. September ordnet Hitler die Aufstellung des Volkssturms an: Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die noch nicht zum Wehrdienst eingezogen sind, werden zum „letzten Aufgebot" verpflichtet — die Erfassungslisten reichen bis in die Kreise um Luckenwalde.
  • Nach 63 Tagen erbitterten Kampfes kapituliert die polnische Heimatarmee am 2. Oktober im Warschauer Aufstand; auf Hitlers Befehl wird die polnische Hauptstadt in den folgenden Wochen systematisch gesprengt und niedergebrannt.
  • Ab Juni 1944 beschlagnahmt eine Rüstungsfirma das Gebäudeensemble aus Luckenwalder Stadttheater und ehemaliger Hindenburg-Schule — Kultur und Bildung weichen endgültig der Kriegsproduktion.
  • Ab dem 3. November lässt Japan Tausende mit Wasserstoff gefüllte Fu-Go-Ballonbomben in den Jetstream steigen, die binnen weniger Tage über den Pazifik nach Nordamerika treiben sollen — eine der kuriosesten Waffenentwicklungen des Krieges, die trotz Tausender gestarteter Ballons kaum militärischen Schaden anrichtet.
  • Im befreiten Neapel beendet die alliierte Besatzung Anfang Januar mit einer beispiellosen Massenentlausung — über eine Million Einwohner werden mit dem neuen Insektenpulver DDT eingestäubt — erstmals eine Fleckfieber-Epidemie fast vollständig binnen weniger Wochen.

WIRTSCHAFT · 1944

Der 1936 verhängte Reichspreisstopp hält die amtlichen Preise für Grundnahrungsmittel auch im fünften Kriegsjahr nominell nahezu unverändert — regelmäßig verfügbar sind sie für die Zivilbevölkerung dennoch nur gegen Lebensmittelkarten, deren Rationen von Jahr zu Jahr weiter sinken: Im Oktober 1944 stehen einem „Normalverbraucher" pro Woche noch rund 2.225 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch und 218 Gramm Fett zu — spürbar weniger als in den ersten Kriegsjahren. Wer mehr will oder Waren jenseits der Rationen sucht, muss auf den Schwarzmarkt ausweichen, wo die Preise die amtlichen Sätze um ein Vielfaches übersteigen — Kaffee, Butter und Zigaretten avancieren zur inoffiziellen Zweitwährung.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 0,37 RM amtlich
  • Butter (1 kg) — 7,20 RM amtlich, auf dem Schwarzmarkt zeitweise das 30- bis 60-Fache
  • Eier (1 Stück) — 0,11 RM amtlich
  • Milch (1 Liter) — 0,30 RM amtlich
  • Schweinefleisch (1 kg) — 1,83 RM amtlich
  • Zucker (1 kg) — 0,77 RM amtlich
  • Kartoffeln (1 kg) — 0,12 RM amtlich
  • Zigaretten (1 Stück) — vor dem Krieg rund 0,04 RM, auf dem Schwarzmarkt zuletzt 5 bis 10 RM

(Amtliche Preise nach Reichspreisstopp, weitgehend unverändert von 1939 bis Kriegsende; Schwarzmarktspannen nach zeitgenössischen und unmittelbar nachkriegszeitlichen Quellen — für 1944 punktgenau nicht durchgängig belegt, aber der Größenordnung nach bereits während des Krieges dokumentiert.)

STIMMEN DER PRESSE · 1944

Eine freie Presse gibt es im NS-Staat nicht mehr: Zeitungen sind seit 1933 „gleichgeschaltet" und unterliegen der täglichen Sprachregelung durch das Reichspropagandaministerium — ihre Berichterstattung taugt nicht als Stimmungsbild der Bevölkerung. Ein unverstelltes Bild liefern stattdessen die geheimen „Meldungen aus dem Reich" des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, die intern — nicht zur Veröffentlichung — die tatsächliche Stimmung nach dem Attentat vom 20. Juli protokollieren:

„Ein großer Teil des Volkes betrachtet es als sichtbaren Beweis für das Walten der Vorsehung . . . Kennzeichnend die Äußerung einer Frau: ‚Gott wollte es nicht haben'." — SD-Bericht, 21. Juli 1944

„So sei z. B. in Halle eine Frau festgenommen worden, die ihr Bedauern über das mißlungene Attentat ausgesprochen hat." In Wien habe sich eine Frau geäußert: „Der Krieg dauert halt schon zu lange, darum mußte so etwas kommen." — SD-Bericht, 24. Juli 1944

Die Berichte zeigen ein gespaltenes Bild: Neben der von der Propaganda geschürten „Vorsehungs"-Deutung des Attentatsscheiterns dokumentiert der SD auch vereinzelte, mit Verhaftung geahndete Sympathiebekundungen für die Attentäter — ein seltener, wenn auch nur intern zirkulierender Blick hinter die propagandistisch geglättete Fassade der „Volksgemeinschaft".

SPORT · 1944

Auch die für dieses Jahr geplanten Olympischen Spiele — Winterspiele in Cortina d'Ampezzo, Sommerspiele in London — fallen wie schon 1940 dem Krieg zum Opfer; das Internationale Olympische Komitee sagt beide Termine ersatzlos ab. Im Reich selbst bricht der geregelte Ligabetrieb zusehends zusammen: Weil immer mehr Spieler zur Wehrmacht eingezogen werden und Sportplätze durch Luftangriffe beschädigt sind, schließen sich zahlreiche Fußballvereine notgedrungen zu sogenannten »Kriegsspielgemeinschaften« zusammen, um überhaupt noch spielfähige Mannschaften stellen zu können. Auch die von der NS-Organisation »Kraft durch Freude« getragenen Massen- und Breitensportveranstaltungen der Vorkriegsjahre finden praktisch nicht mehr statt, während an allen Fronten Niederlagen und Rückzüge die Kriegslage bestimmen.

MODE · 1944

Materialnot bestimmt weiterhin jede Anschaffung: Alte Kleidung wird gewendet, aufgetrennt und neu zusammengesetzt, echte Stoffe sind für die Zivilbevölkerung kaum mehr erhältlich. Seit 1939 regelt die Reichskleiderkarte mit einem Punktesystem, wie viel Textilien und Schuhe pro Jahr überhaupt noch gekauft werden dürfen — die zugeteilte Punktzahl wird von Jahr zu Jahr weiter gekürzt, sodass 1944 kaum noch Spielraum für Neuanschaffungen bleibt. Leder wird durch Ersatzstoffe und Holz ersetzt: Schuhe mit Holzsohlen gehören ebenso zum Straßenbild wie aus Vorhangstoff oder alten Uniformteilen geschneiderte Kleidung. Frauen, die zunehmend in Rüstungsbetrieben und in der Landwirtschaft arbeiten, greifen aus praktischen Gründen häufiger zu Hosen und Kopftüchern statt zu den mondänen Hüten der Vorkriegsmode. Von Mode im eigentlichen Sinn kann im fünften Kriegsjahr keine Rede mehr sein.

KINO & FUNK · 1944

Am 28. Januar feiert im Berliner Tauentzien-Palast die Komödie „Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle Premiere — die von der Filmzensur zunächst wegen „Respektlosigkeit vor der Autorität" beanstandete Schülergeschichte darf dank Rühmanns guter Beziehungen zur Regimespitze doch noch anlaufen und wird trotz Kriegsnot zum Kassenerfolg. Ganz anders ergeht es Regisseur Helmut Käutners Hamburg-Drama „Große Freiheit Nr. 7" mit Hans Albers: Wegen der im zerbombten Hamburg spielenden, melancholischen Milieustudie um Liebe und Entwurzelung im Rotlichtviertel der Reeperbahn verbietet Goebbels persönlich die Aufführung im Reichsgebiet als „unideologisch" — der Film läuft, fertiggestellt unter Ausweichbedingungen in Prag, dort nur im besetzten Protektorat, in Deutschland erst nach Kriegsende. Albers' Interpretation des Seemannslieds „La Paloma" wird dennoch, über Rundfunk und Mundpropaganda verbreitet, zu einem der großen Hits des Jahres. Das deutsche Kinoprogramm bleibt im fünften Kriegsjahr ein Balanceakt zwischen Ablenkung und Propaganda — und zwischen dem, was das Regime noch zu zeigen erlaubt.

GESTORBEN · 1944

  • Edvard Munch (80), norwegischer Maler („Der Schrei") — 23. Januar, Ekely bei Oslo.
  • Antoine de Saint-Exupéry (44), französischer Schriftsteller und Aufklärungsflieger („Der kleine Prinz") — 31. Juli, verschollen über dem Mittelmeer.
  • Glenn Miller (40), amerikanischer Bigband-Leader und Komponist — 15. Dezember, verschollen über dem Ärmelkanal.
  • Wassily Kandinsky (77), russisch-französischer Maler, Mitbegründer der abstrakten Kunst — 13. Dezember, Neuilly-sur-Seine.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Fritz Kolbe im Widerstand des Auswärtigen Amts (1943/44). Der deutsche Beamte liefert dem amerikanischen Geheimdienst OSS Tausende geheime Dokumente und hilft, den Spion „Cicero" in Ankara zu enttarnen — aktiver Widerstand aus dem Innersten des Regimes.
  • Otto Hahn erhält den Nobelpreis für Chemie 1944 (November 1944). Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften zeichnet den Berliner Chemiker rückwirkend für die 1938 gemeinsam mit Lise Meitner und Fritz Strassmann entdeckte Kernspaltung aus — mitten im Krieg ein Silberstreif für die deutsche Wissenschaft; die Verleihung selbst muss kriegsbedingt bis 1945 warten.
  • Rotkreuz-Post erreicht weiterhin westliche Kriegsgefangene im Stalag III-A (ganzjährig 1944). Amerikanischen, britischen und französischen Gefangenen in Luckenwalde kommt die Genfer Konvention noch zugute: Briefe und Hilfspakete des Internationalen Roten Kreuzes treffen regelmäßig ein — ein schmaler Rest von Menschlichkeit, der den sowjetischen und italienischen Mitgefangenen weitgehend verwehrt bleibt.

DAS WETTER · 1944 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 18,9 °C, in der Nacht 10,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 1,5 mm, die Sonne zeigte sich rund 3,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 34 °C am 21. August, kältester −14 °C am 26. Dezember. 17 Hitzetage (≥30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 535 mm.

Ein sommerbetontes Jahr mit gleich 17 Hitzetagen (≥30 °C).

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1944

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine — Marika Rökk
  2. Mach' dir nichts daraus — Marika Rökk & Walter Müller
  3. Alles ist noch wie ein Traum für mich — Marika Rökk / Rudi Schuricke
  4. Ich warte auf dich — Marika Rökk
  5. Beim ersten Mal, da tut's noch weh — Hans Albers
  6. La Paloma — Hans Albers
  7. Frauenaugen — Herbert Ernst Groh
  8. Möwe, du fliegst in die Heimat — Magda Hain
  9. Leise erklingen die Glocken vom Campanile — Rudi Schuricke
  10. Das Karussell — Johannes Heesters
  11. Lili Marleen — Lale Andersen
  12. Capri-Fischer — Rudi Schuricke
  13. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n — Zarah Leander
  14. Sing, Nachtigall, sing — Evelyn Künneke
  15. Wir machen Musik — Ilse Werner
  16. Der Wind hat mir ein Lied erzählt — Zarah Leander
  17. Davon geht die Welt nicht unter — Zarah Leander
  18. Sing mit mir — Marika Rökk
  19. Stern von Rio — Rudi Schuricke
  20. Es geht alles vorüber — Durchhalteschlager (weiterhin populär)

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Der schwerste Angriff auf Kiel: 2066 Wohnhäuser zerstört

Am späten Sonnabendabend beginnt der bislang schwerste Luftangriff auf Kiel. Mehrere hundert Bomber der Royal Air Force werfen in rund einer halben Stunde etwa 300 Luftminen, 1000 Sprengbomben und 100 000 Brandbomben ab.

2066 Wohnhäuser sind total zerstört, rund 2200 weitere beschädigt. Rund 100 bis 134 Menschen kommen ums Leben, mehr als 900 werden verletzt. Die Gelehrtenschule an der Dammstraße, 1868 erbaut, brennt aus. Nach Mitternacht werden auch etliche Einrichtungen der Kieler Stadtmission zerstört, im Fleethörn, in der Gellertstraße, am Hasseldieksdammer Weg, am Kronshagener Weg und in der Muhliusstraße.

Die Stadt war schon vorher geschwächt: Seit den Angriffen im Juli ist Kiel ohne Gas, teilweise auch ohne Strom und Wasser. Am Mittwochnachmittag, dem 30. August, folgt der nächste Schlag. Hunderte amerikanische Bomber greifen die Wik, das Gebiet von Hassee bis Schulensee, Ellerbek und Dietrichsdorf an. In der Brommystraße bleibt bis auf ein Haus nichts stehen, das Gut Schrevenborn bei Heikendorf brennt ab, und das Wohnschiff St. Louis gerät nach mehreren Bombentreffern in Brand und brennt teilweise aus.

„Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Russee entsteht

An der Rendsburger Landstraße in Russee entsteht im Auftrag der Kieler Gestapo ein „Arbeitserziehungslager“. Den Antrag stellte der Leiter der Dienststelle, Regierungsrat und SS-Sturmbannführer Fritz Schmidt. Der Architekt Steinfaß erhält den Bauauftrag am 1. Mai; im Mai und Juni führen die Nord-Süd-Bau GmbH und die Firma G. Schlüter aus Preetz die Arbeiten aus. Die Firmen stellen nur Facharbeiter; zu den Hilfsarbeiten werden Gestapo-Häftlinge aus der Polizeibaracke „Drachensee“ in Hassee gezwungen.

Im Juni nimmt das Lager den Betrieb auf. Kommandant ist SS-Sturmbannführer Johannes Post. Die Häftlinge sind Zwangsarbeiter, überwiegend aus der Sowjetunion und aus Polen. Sie räumen Trümmer in Kiel, legen Blindgänger frei und bauen an den Bunkern in Schulensee und am Schützenwall. Außerdem werden sie an Firmen verliehen, darunter die Holsten-Brauerei, die Land- und See-Leichtbau GmbH, Ohle & Lovisa und die Nordland Fisch-Fabrik.

Der Arbeitstag beginnt um fünf Uhr früh und dauert zehn Stunden; im Lager selbst müssen die Häftlinge weitere Baracken errichten und die Wege anlegen.

Aus heutiger Sicht

Das Lager bestand bis zum 4. Mai 1945 und umfasste zuletzt über 20 Baracken, zwei Wachtürme und einen halb unterirdischen Arrestbunker mit 48 lichtlosen Einzelzellen. Augenzeugen berichteten, dass die Häftlinge bis zur Erschöpfung zur Arbeit getrieben, geprügelt und willkürlich erschossen wurden. In dieser Zeit waren dort rund 5.000 Menschen inhaftiert, zwischen 570 und 600 von ihnen starben. Nach Gedenksteinen von 1971 und 1985 wurde am 4. Mai 2003 auf dem Gelände der Gedenkort „Arbeitserziehungslager Nordmark“ mit Informationstafeln eingeweiht.

Todesurteil gegen U-Boot-Kommandanten Oskar Kusch

Oberleutnant zur See Oskar Kusch, 25 Jahre alt, Kommandant von U 154, wird am 26. Januar in Kiel zum Tode verurteilt. Sein I. Wachoffizier hatte ihn am 12. Januar bei der 3. Unterseebootslehrdivision gemeldet. Am 16. Januar leitete der Führer der U-Boote West, Rösing, ein Ermittlungsverfahren wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ ein; am 20. Januar wurde Kusch in Lorient verhaftet und später in das Marine-Untersuchungsgefängnis Kiel-Wik gebracht.

Verhandelt wird vor dem Gericht des Höheren Kommandos der Unterseebootausbildung. Der Verteidiger erhält erst am Vorabend Einsicht in die Akten. Am Abend ergeht das Urteil: der Tod wegen fortgesetzter „Zersetzung der Wehrkraft“ und wegen Abhörens von Auslandssendern, dazu ein Jahr Zuchthaus. Der Anklagevertreter hatte nur zehneinhalb Jahre Zuchthaus beantragt.

Großadmiral Dönitz lehnt die Begnadigung ab, auch nach der Fürsprache von Kuschs Freund Gustav-Adolf Janssen. Am 12. Mai wird Kusch in Kiel erschossen. Die Hinrichtung wird nicht öffentlich bekanntgegeben.

Aus heutiger Sicht

Der vorsitzende Marinerichter Karl-Heinrich Hagemann, der das Todesurteil gesprochen hatte, wurde im September 1950 vom Landgericht Kiel freigesprochen. Kusch wurde erst 1996 rehabilitiert. 1998 wurde die Straße an seiner Hinrichtungsstätte in Oskar-Kusch-Straße umbenannt, 2021 wurde die Scheermole im Marinestützpunkt Kiel in Oskar-Kusch-Mole umbenannt.

Das Kieler Schloss brennt aus: Angriffe Anfang Januar

Ausgebrannte Schlossruine nach dem Luftangriff
Ruine des Kieler Schlosses nach dem Luftangriff, Aufnahme vom Januar 1944 (Urheber unbekannt, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Mit einem Doppelangriff beginnt das Jahr für Kiel: Am 4. Januar fliegt die amerikanische Luftwaffe am Tag, in der Nacht zum 5. Januar folgt die Royal Air Force. Es folgen weitere Angriffe am Mittag des 5. und nach Mitternacht zum 6. Januar.

Das Kieler Schloss brennt bis auf die Grundmauern aus, seine Möbelsammlung, die zum Teil aus holsteinischen Schlössern wie Plön stammte, ist vernichtet. Das Kollegiengebäude der Universität im Schlossgarten wird mehrfach getroffen, ebenso die Matrosenkasernen in der Karlstraße. Die Nord-Ostsee-Halle, das Messegebäude von 1925 an der Gutenbergstraße, ist schwer beschädigt, das Hansahotel gegenüber dem Hauptbahnhof ein Trümmerhaufen. Das Thaulow-Museum und die Nikolaikirche erhalten Volltreffer; der Westbahnhof wird schwer getroffen.

In der Schule am Philosophengang, wo die Menschen wegen überfüllter Bunker Schutz gesucht hatten, sterben zwischen 30 und 45 Menschen. In der Wik und rund um die Ringstraße stehen am Mittag des 5. Januar große Gebiete in Flammen. Zerstört werden auch Teile der Brunswiker und der Dänischen Straße sowie die Buchhandlung Lipsius & Tischer in der Falckstraße.

KZ-Außenlager Hohwacht: Häftlinge sollen Kreiselkompasse für die V2 bauen

Am Strand von Hohwacht, östlich von Lütjenburg im Kreis Plön, nimmt ein neues Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme seinen Betrieb auf. Am 16. November treffen dort 200 männliche Häftlinge ein. Sie wurden aus Buchenwald zunächst nach Neuengamme gebracht und dort in Quarantäne gehalten.

Untergebracht sind sie in einem ehemaligen Barackenlager der Luftwaffe unmittelbar an der Ostsee. Drei Baracken dienen als Unterkunft, vier weitere als Werkstätten. Dort sollen die Häftlinge im ausgelagerten Werksteil der Kieler Firma Anschütz & Co. Kreiselkompasse bauen, Navigationsgeräte für die V2-Rakete, die die NS-Propaganda zur „Wunderwaffe“ erklärt.

Bewacht wird das Lager von älteren Wehrmachtssoldaten, die zur SS versetzt wurden. Lagerführer ist SS-Hauptscharführer Jonny Gätjens. Im selben Lager leben außerdem mehrere hundert Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter verschiedener Nationen.

Aus heutiger Sicht

Das Lager wurde am 19. April 1945 geräumt; die Häftlinge wurden nach Rathmannsdorf am Nord-Ostsee-Kanal gebracht. Am 5. Mai marschierten sie Richtung Kiel, wo ihre Wachen sie zurückließen.

KURZ NOTIERT · Kiel 1944

  • 29. März — Bei Rotenhahn nahe Kiel erschießt ein Kommando der Kieler Gestapo vier Flieger, die nach der Flucht aus dem Stalag Luft III in Sagan wieder ergriffen worden sind. Gestapo-Chef Fritz Schmidt hatte den Auftrag am selben Tag erteilt und alle Beteiligten zur Verschwiegenheit verpflichtet.
  • 18. Mai — Das Museum Vaterländischer Altertümer in der Kattenstraße wird vollständig zerstört. Das Nydamboot, rund 23 Meter lang und um 320 n. Chr. gebaut, war bereits am 25. September 1941 ausgelagert worden und liegt seitdem bei Mölln unter einem notdürftigen Wetterschutz im Ziegelsee; ein Zimmermann wacht dort über das Boot.
  • 19. und 22. Mai — Bei Tagesangriffen brennen das Café Hagen in der Brunswiker Straße 23 und die Kieler Spar- und Leihkasse am Lorentzendamm aus; der Schwertträger-Brunnen, die Kinderkliniken am Lorentzendamm und die Persianischen Häuser am Markt werden zerstört. Die schon unbenutzbare Nikolaikirche brennt vollständig aus, ebenso verbrennen die beiden ältesten Kieler Apotheken, die Hof-Apotheke Rüdel am Markt und die Alte Ratsapotheke in der oberen Holstenstraße.
  • 28. Mai — Die ersten Kieler O-Busse fahren vom Hauptbahnhof über die Sophienhöhe nach Elmschenhagen und Toweddern. Es sind 13 gebrauchte italienische Wagen: vier Alfa Romeo aus Rom und neun FIAT aus Mailand.
  • 24. Juli — Bei einem Luftangriff sterben der Direktor des Instituts für Meereskunde der Universität in Kitzeberg, der Meereschemiker Hermann Wattenberg, und mehrere Mitarbeiter; die Villa Niemeyer zwischen Mönkeberg und Kitzeberg, Sitz des Instituts, wird zerstört.
  • 25. Juli — In Kiel entsteht ein Außenkommando des KZ Neuengamme mit 50 bis 60 männlichen Häftlingen, die im Auftrag der Stadt Trümmer räumen müssen. Es besteht bis Ende September.
  • 16./17. August — Die Nachbargemeinde Suchsdorf im Kreis Rendsburg wird bei einem Luftangriff auf Kiel zu 80 Prozent zerstört.

RUND UM DIE FÖRDE · 1944

  • Frühjahr, Eckernförde — Die Torpedoversuchsanstalt baut die ersten Einheiten des bemannten Torpedos „Marder“, einer Weiterentwicklung des Vorgängermodells, das sie seit 1943 entwickelt hat.
  • 16. September, Heikendorf — Die Gemeinde am Ostufer erlebt ihren dritten Großangriff nach denen vom 24. Juli und 26. August. Neben Spreng- und Phosphorbomben fallen auf Heikendorf vor allem Luftminen.

SPORT AN DER FÖRDE · 1944

  • Holstein Kiel — Die Mannschaft wird Meister der Gauliga Schleswig-Holstein 1943/44 mit 15 Siegen und 3 Niederlagen, 105:22 Toren und 30:6 Punkten.
  • Deutsche Meisterschaft — In der ersten Runde der Endrunde schlägt Holstein am 16. April auf dem Holstein-Platz den SV Dessau 05 nach Verlängerung 3:2 (2:2). Im Achtelfinale am 7. Mai unterliegt der Verein im Stadion am Gesundbrunnen in Berlin Hertha BSC mit 2:4 (1:3).
  • Gauliga 1944/45 — Die Spiele werden wegen möglicher Luftangriffe in die Morgenstunden gelegt. Holstein gewinnt am 13. August noch mit 7:2 gegen den VfB Kiel; im September wird die Gauliga nach insgesamt nur acht ausgetragenen Begegnungen kriegsbedingt abgebrochen.
  • Kieler Woche — Wie seit 1940 findet auch 1944 keine Kieler Woche statt.

DAS WETTER · 1944 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein kühler, trüber Julitag: Höchstwert 15,5 °C, Tiefstwert 9,5 °C, Tagesmittel 13,9 °C. Es fielen 1,2 mm Regen, die Sonne schien nur rund 0,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,6 °C. Wärmster Tag 31,1 °C am 20. August, kältester Tiefstwert −8,0 °C am 25. Dezember. 2 Hitzetage (≥30 °C), 20 Sommertage (≥25 °C), 4 Eistage (Dauerfrost) und 73 Frosttage. Jahresniederschlag 836 mm.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)