DER CHRONIST

Ein Jahr wie kein zweites: Das „Tausendjährige Reich" geht in Trümmern unter, der Krieg endet nach fast sechs Jahren — und mitten in der Mark Brandenburg verhandeln die Sieger über Deutschlands Zukunft. Von Jalta bis Potsdam ordnen die Alliierten eine Welt neu, während im Pazifik noch um jede Insel gekämpft wird, ehe die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki auch dort den Krieg beenden. Mit Roosevelts Tod, Mussolinis Ende und Hitlers Selbstmord verschwinden binnen weniger Wochen drei Männer, die das Jahrzehnt geprägt hatten, während befreite Lager wie Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen und Dachau das Ausmaß der NS-Verbrechen offenlegen. In London wählen die Briten mitten in der Potsdamer Konferenz eine neue Regierung ab, in Nürnberg beginnt im November die juristische Aufarbeitung — und für Millionen Deutsche aus den Ostgebieten beginnt mit Flucht und Vertreibung ein neues, hartes Kapitel. Mitten in all dem liegt Luckenwalde, befreit im April, seither unter sowjetischer Besatzung.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die „Großen Drei" ordnen die Nachkriegswelt — Konferenz von Jalta

Die Großen Drei — Churchill, Roosevelt und Stalin — in Jalta, Februar 1945
Die „Großen Drei“ — Churchill, Roosevelt und Stalin — in Jalta, Februar 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im ehemaligen Zarenpalast von Livadia bei Jalta beraten vom 4. bis 11. Februar die „Großen Drei" — Roosevelt, Churchill und Stalin, begleitet von ihren Außenministern Stettinius, Eden und Molotow — über das Schicksal des noch nicht besiegten Deutschen Reiches. Man einigt sich auf die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen unter einem gemeinsamen Alliierten Kontrollrat; erst auf Stalins Drängen wird auch Frankreich eine eigene Zone zugestanden, die aus amerikanischem und britischem Gebiet herausgeschnitten werden soll. Über Reparationen wird gestritten — Stalin fordert 20 Milliarden Dollar, zur Hälfte für die Sowjetunion —, ohne dass eine feste Summe vereinbart wird. Für Polen legt man die Ostgrenze entlang der Curzon-Linie fest, während die endgültige Westgrenze offen bleibt; freie Wahlen werden versprochen, ein Versprechen, das später nicht eingehalten wird. In einem geheimen Zusatzprotokoll sagt Stalin zu, binnen 90 Tagen nach dem Kriegsende in Europa auch gegen Japan in den Krieg einzutreten, im Gegenzug für Gebietsgewinne im Fernen Osten. Zudem verständigen sich die Drei auf die Gründung einer neuen Weltorganisation, der Vereinten Nationen, mit einem Vetorecht für die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats — ein Hauptanliegen Roosevelts, der die Frucht dieser Beschlüsse selbst nicht mehr erleben wird: Der bereits schwer kranke Präsident stirbt am 12. April, wenige Wochen vor Kriegsende. Die Beschlüsse von Jalta legen die Linien fest, entlang derer Europa für Jahrzehnte geteilt bleiben wird.

Feuersturm über Dresden

Blick vom Rathausturm über das zerstörte Dresden, 1945
Blick vom Rathausturm über das zerstörte Dresden, 1945 (Deutsche Fotothek / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

In der Nacht zerstören 773 britische und später amerikanische Bomber die Elbestadt fast vollständig. Dresden, bis dahin weitgehend von Luftangriffen verschont und ohne bedeutende Rüstungsindustrie, ist zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos überfüllt mit Flüchtlingen, die vor der näher rückenden Roten Armee aus Schlesien und Ostpreußen fliehen, sowie mit Verwundeten. In zwei nächtlichen Angriffswellen des britischen Bomber Command — markiert von Pfadfinder-Verbänden — fallen Spreng- und Brandbomben, tags darauf greift auch die amerikanische Luftwaffe die Bahnanlagen an. Ein Feuersturm mit Temperaturen von teils über 1.000 Grad verschlingt weite Teile der Innenstadt; die weithin sichtbare Frauenkirche hält den Flammen noch zwei Tage stand, ehe sie am 15. Februar unter der Hitze in sich zusammenstürzt. Rund 25.000 Menschen sterben — eine Zahl, die eine 2010 von der Stadt Dresden eingesetzte Historikerkommission nach jahrzehntelangem Streit um weit höhere, propagandistisch aufgebauschte Opferzahlen ermittelt hat und die als gesichert gilt. Es ist die höchste Zahl an Toten einer einzigen Bombennacht des Krieges in Europa. Der Angriff, dessen militärischer Nutzen bis heute umstritten bleibt und selbst Winston Churchill nachträglich zu Zweifeln veranlasste, wird zum Symbol des Bombenkriegs gegen deutsche Städte, während im Osten längst sowjetische Truppen auf das Reichsgebiet vorrücken.

Luckenwalde befreit — das Kriegsende vor der eigenen Haustür

Rotarmisten vor dem Reichstag in Berlin, 1945
Rotarmisten vor dem Reichstag in Berlin, 1945 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Was in der Ferne begann, erreicht in diesen Apriltagen die Mark: Am Morgen des 22. April rückt die Rote Armee nach nur kurzen Gefechten in Luckenwalde ein. Vorausgegangen war eine groteske Episode: Ein Luckenwalder Brauereibesitzer hatte rund 20.000 Flaschen Schnaps — eigentlich für eine „Siegesfeier" des Regimes eingelagert — freigegeben, sodass Teile des zur Verteidigung aufgebotenen Volkssturms betrunken und kampfunfähig waren, als die sowjetischen Truppen anrückten. Die deutschen Wachmannschaften des riesigen Kriegsgefangenenlagers Stalag III A am Stadtrand hatten sich zuvor gen Westen abgesetzt. Das seit September 1939 — unmittelbar nach dem Überfall auf Polen — bestehende Lager hatte im Kriegsverlauf rund 200.000 Gefangene aus zehn Nationen durchlaufen: Polen, Belgier, Niederländer, Jugoslawen, Italiener, Rumänen, Briten, Amerikaner und, seit dem Sommer 1940, bis zu 40.000 Franzosen — die größte Gruppe. Zurück bleiben bei der Befreiung zehntausende Gefangene, darunter zuletzt auch die aus dem geräumten Stalag III B Fürstenberg zusammengepferchten Männer, die unter katastrophalen hygienischen Bedingungen ausharren mussten. Während westliche Kriegsgefangene formal nach der Genfer Konvention behandelt wurden — mit Post- und Rot-Kreuz-Hilfe —, blieben sowjetische Gefangene, da die UdSSR das Abkommen nicht unterzeichnet hatte, systematisch benachteiligt: Eine Typhus-Epidemie im Winter 1941/42 allein forderte unter ihnen rund 2.500 Todesopfer. Auf den Lagerfriedhöfen ruhen insgesamt rund 5.000 sowjetische Kriegsgefangene, Opfer der besonders mörderischen Behandlung durch die deutschen Bewacher. Mit dem Eintreffen der sowjetischen Soldaten endet für Stadt und Lager der Krieg — für die Überlebenden beginnt der lange, oft wochenlange Weg nach Hause, während zugleich auch für die Luckenwalder Zivilbevölkerung mit Flucht, Einquartierung und Besatzung eine neue, ungewisse Zeit beginnt.

Das Reich bricht zusammen — Berlin erobert, Hitler tot, Kapitulation

Sowjetsoldaten hissen die Flagge auf dem Reichstag, Mai 1945
Sowjetsoldaten hissen die Flagge auf dem Reichstag, Mai 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 16. April eröffnet die Rote Armee mit einem Zangenangriff die Schlacht um Berlin: Rund 2,5 Millionen sowjetische Soldaten mit über 6.000 Panzern und 7.500 Flugzeugen treffen auf etwa eine Million deutsche Verteidiger, darunter viele Volkssturm- und Hitlerjugend- Einheiten, mit nur noch rund 800 Panzern. Marschall Schukows 1. Weißrussische Front durchbricht nach verlustreichen Kämpfen die Seelower Höhen, während Marschall Konews 1. Ukrainische Front von Süden auf die Stadt vorstößt; am 25. April wird der Ring um Berlin geschlossen — am selben Tag treffen bei Torgau an der Elbe erstmals amerikanische und sowjetische Truppen aufeinander. Am 20. April zeigt sich Hitler zu seinem 56. Geburtstag letztmals öffentlich im Garten seines Bunkers. Während die Stadt noch brennt, nimmt sich Adolf Hitler am 30. April in seinem Bunker das Leben; tags zuvor hatte er Eva Braun geheiratet. Joseph Goebbels, für einen Tag Hitlers Nachfolger als Reichskanzler, lässt am 1. Mai seine sechs Kinder töten und nimmt sich mit seiner Frau Magda ebenfalls das Leben; die politische Führung geht auf Großadmiral Karl Dönitz über, der sich nach Flensburg zurückzieht. Am 2. Mai kapituliert General Helmuth Weidling, der Berliner Kampfkommandant, mit den Resten der Stadtgarnison. In der Nacht zum 7. Mai, um 2.41 Uhr, unterzeichnet Generaloberst Jodl im SHAEF-Hauptquartier zu Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht gegenüber General Bedell Smith, in Anwesenheit sowjetischer und französischer Zeugen; auf sowjetisches Drängen wird die Zeremonie tags darauf, in der Nacht zum 9. Mai, in Berlin-Karlshorst wiederholt und förmlich ratifiziert — für die Wehrmacht unterzeichnen Generalfeldmarschall Keitel und die Oberbefehlshaber von Kriegsmarine und Luftwaffe, für die Alliierten Marschall Schukow und Luftmarschall Tedder. Rückwirkend zum 8. Mai, 23.01 Uhr, schweigen die Waffen in Europa. Nach fast sechs Jahren ist der Krieg auf dem Kontinent zu Ende — Millionen Tote, zerstörte Städte und befreite Lager wie Auschwitz, das die Rote Armee am 27. Januar erreicht, und Buchenwald, das am 11. April von US-Truppen befreit wird, legen das Ausmaß der Verbrechen offen.

Von Potsdam bis Hiroshima — der Krieg endet weltweit

Die Potsdamer Konferenz auf Schloss Cecilienhof, Sommer 1945
Die Potsdamer Konferenz auf Schloss Cecilienhof, Sommer 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Kilometer von Luckenwalde entfernt richten die Sieger im Schloss Cecilienhof zu Potsdam vom 17. Juli bis 2. August über das besiegte Deutschland: Truman — seit Roosevelts Tod im April neu im Amt —, Stalin und — nach einem Regierungswechsel während der Konferenz, dem Wahlsieg der Labour Party am 26. Juli — Attlee statt Churchill beschließen die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen, Entnazifizierung, Demokratisierung, Entmilitarisierung und Dezentralisierung sowie Reparationen, die jede Besatzungsmacht vorrangig aus ihrer eigenen Zone entnehmen soll. Als vorläufige Westgrenze Polens wird die Oder-Neiße-Linie festgelegt; zugleich verständigt man sich auf die „geordnete und humane" Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn — der Beginn der großen Vertreibungen. Während in Brandenburg über Europas Neuordnung verhandelt wird, informiert Truman seinen sowjetischen Verbündeten am 24. Juli beiläufig über eine „neue Waffe von außergewöhnlicher Zerstörungskraft" — tags zuvor war in der Wüste von New Mexico der erste Atombombentest, der Trinity-Test, geglückt. Am 26. Juli ergeht von Potsdam aus die Potsdamer Erklärung mit der Forderung nach Japans bedingungsloser Kapitulation und der Drohung „prompter und völliger Zerstörung" — Tokio lässt die Frist verstreichen. Im Pazifik eskaliert daraufhin der letzte Akt des Krieges: Am 6. August wirft der amerikanische Bomber „Enola Gay" unter Pilot Paul Tibbets die Uranbombe „Little Boy" über Hiroshima ab, 70.000 bis 80.000 Menschen sterben sofort, bis Jahresende steigt die Zahl durch Verbrennungen und Strahlenkrankheit auf geschätzt bis zu 140.000. Am 8. August erklärt die Sowjetunion Japan den Krieg und fällt tags darauf in die Mandschurei ein; am 9. August wirft die „Bockscar" unter Pilot Charles Sweeney die Plutoniumbombe „Fat Man" über Nagasaki ab, wo bis Jahresende ebenfalls mehrere Zehntausend Menschen sterben. Kaiser Hirohito verkündet am 15. August in einer für die meisten Japaner ersten je gehörten Rundfunkansprache das Kriegsende, die förmliche Kapitulation Japans wird am 2. September an Bord des Schlachtschiffs USS Missouri in der Bucht von Tokio unterzeichnet. Der Zweite Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, ist nach sechs Jahren mit schätzungsweise mehr als 60 Millionen Toten weltweit vorüber.

Blutige Inseln im Pazifik — Iwojima und Okinawa

US-Marines hissen die Flagge auf dem Mount Suribachi, Iwojima, 23. Februar 1945
US-Marines hissen die Flagge auf dem Mount Suribachi, Iwojima, 23. Februar 1945 (Foto: Joe Rosenthal; Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Während in Europa der Krieg seinem Ende entgegengeht, tobt im Pazifik der bislang blutigste Abschnitt des amerikanischen Vormarsches auf Japan. Vom 19. Februar bis 26. März ringen rund 110.000 US-Marineinfanteristen um die nur acht Quadratkilometer kleine, vulkanische Insel Iwojima — strategisch wichtig als Nothafen für havarierte B-29-Bomber auf dem Weg von den Marianen nach Japan. Die rund 21.000 japanischen Verteidiger unter General Tadamichi Kuribayashi haben sich in einem Tunnelsystem verschanzt und kämpfen fast bis zum letzten Mann; nur eine Handvoll gerät in Gefangenschaft. Auf amerikanischer Seite sterben 6.821 Soldaten, fast 19.000 werden verwundet — mehr Verluste als in jeder anderen Schlacht des US Marine Corps. Weltberühmt wird ein Foto des Fotografen Joe Rosenthal vom 23. Februar, das US-Soldaten beim Hissen der Flagge auf dem Mount Suribachi zeigt.

Kaum ist Iwojima gefallen, beginnt am 1. April die noch größere Schlacht um Okinawa, die bis in den Juni dauert. Erstmals rücken amerikanische Truppen auf japanisches Kernland vor; die Verteidiger setzen massenhaft Kamikaze-Flugzeuge gegen die US-Flotte ein. Mehr als 12.000 amerikanische und rund 66.000 japanische Soldaten sterben, dazu vermutlich über 100.000 Zivilisten — viele durch Kampfhandlungen, andere durch von japanischem Militär befohlenen Massenselbstmord. Die verlustreichen Kämpfe um Iwojima und Okinawa bestärken die amerikanische Führung in der Furcht vor noch höheren Opferzahlen bei einer Invasion der japanischen Hauptinseln — ein Kalkül, das im August in die Entscheidung über den Einsatz der Atombombe einfließt.

Roosevelts Tod in Warm Springs

Franklin D. Roosevelt am Arbeitstisch im „Little White House“, Warm Springs, April 1945
Franklin D. Roosevelt am Arbeitstisch im „Little White House“, Warm Springs, April 1945 — wenige Tage vor seinem Tod aufgenommen (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Nur zwei Monate nach Jalta stirbt Franklin D. Roosevelt unerwartet in seinem Ferienhaus, dem „Little White House" in Warm Springs, Georgia. Der bereits schwer kranke Präsident sitzt der Malerin Elizabeth Shoumatoff für ein Porträt, als er die Hand an die Schläfe hebt und sagt: „Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen" — wenig später verliert er das Bewusstsein und stirbt an einer Hirnblutung. Er wird 63 Jahre alt und war seit 1933 im Amt, länger als jeder andere amerikanische Präsident vor oder nach ihm; erst wenige Wochen zuvor hatte er in Jalta über die Nachkriegsordnung mitverhandelt, deren Umsetzung er nun nicht mehr erlebt. Das Porträt bleibt unvollendet und hängt bis heute so in Warm Springs.

Noch am selben Tag wird Vizepräsident Harry S. Truman im Weißen Haus vereidigt — ein bis dahin außenpolitisch kaum eingeweihter Mann, dem nun binnen weniger Monate die Entscheidungen über Deutschlands Kapitulation, die Potsdamer Konferenz und den Einsatz der Atombombe zufallen. Roosevelt, der die Vereinigten Staaten durch die Weltwirtschaftskrise und den Krieg geführt hatte, gilt vielen Zeitgenossen als der Architekt des alliierten Sieges; sein Tod mitten im letzten Kriegsjahr erschüttert die Weltöffentlichkeit und macht schlagartig deutlich, wie sehr der scheinbar gesicherte Ausgang des Krieges noch von einzelnen Menschen abhing.

Mussolinis Ende am Comer See

Die Leichen Mussolinis und Clara Petaccis auf dem Piazzale Loreto in Mailand, 1945
Die Leichen Mussolinis und Clara Petaccis auf dem Piazzale Loreto in Mailand, 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der Flucht vor dem Zusammenbruch seiner „Republik von Salò" versucht Benito Mussolini, sich in einem deutschen Militärkonvoi Richtung Schweiz abzusetzen; in Dongo am Comer See wird er von italienischen Partisanen erkannt, obwohl er eine deutsche Uniform trägt. Zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci wird er festgesetzt und am 28. April ohne Gerichtsverfahren bei der Villa Belmonte im Weiler Giulino di Mezzegra erschossen — mutmaßlich auf Befehl eines Partisanenkommandeurs, der unter dem Decknamen „Colonnello Valerio" auftritt. Am Abend werden die Leichen Mussolinis, Petaccis und weiterer 16 erschossener Faschisten nach Mailand gebracht und am Morgen des 29. April auf dem Piazzale Loreto zur Schau gestellt — kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt, von einer aufgebrachten Menge bespuckt und geschlagen. Die Wahl des Platzes ist kein Zufall: Dort hatten die deutschen Besatzer und italienische Faschisten im Jahr zuvor die Leichen 15 erschossener Partisanen zur Abschreckung liegen lassen.

Mussolinis Tod, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord in Berlin, markiert das endgültige Ende des italienischen Faschismus, den er seit 1922 als „Duce" verkörpert hatte. Die Bilder vom Piazzale Loreto gehen um die Welt und werden zum Sinnbild für den Zusammenbruch der europäischen Diktaturen in diesen letzten Kriegswochen.

Befreiung des KZ Dachau

Übergabe des KZ Dachau an amerikanische Truppen der 42. Infanteriedivision, 29. April 1945
Übergabe des KZ Dachau an amerikanische Truppen der 42. Infanteriedivision, 29. April 1945 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Am 29. April erreichen Soldaten der 7. US-Armee, darunter Einheiten der 45. und der 42. „Rainbow"-Infanteriedivision, das Konzentrationslager Dachau nordwestlich von München — das erste, bereits 1933 eröffnete NS-Konzentrationslager und Vorbild für das gesamte Lagersystem des Regimes. Sie finden rund 32.000 überlebende Häftlinge sowie, auf den Gleisen vor dem Lager abgestellt, einen Zug mit Leichen: den sogenannten Todeszug aus dem KZ Buchenwald, der am 7. April mit 4.500 Häftlingen aufgebrochen war und nach 21 Tagen ohne ausreichende Verpflegung mit nur 2.385 registrierten Überlebenden in Dachau eintraf. Allein zwischen Ende 1944 und dem Tag der Befreiung sterben in Dachau schätzungsweise 15.000 Häftlinge an Hunger, Krankheit und Gewalt — die Gesamtzahl der Todesopfer des Lagers seit 1933 liegt bei über 41.500.

Beim Anblick der Zustände erschießen amerikanische Soldaten und teils auch befreite Häftlinge in den Stunden nach der Befreiung nach Schätzungen zwischen 50 und 100 SS-Wachmänner ohne Verfahren — ein bis heute in der Forschung diskutierter Vorgang, der nichts an der Tatsache ändert, dass die große Mehrheit der SS-Bewacher zuvor geflohen war. Die Befreiung Dachaus, wenige Tage vor Kriegsende, gehört neben Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen zu den Bildern, die das Ausmaß der NS-Verbrechen der Weltöffentlichkeit vor Augen führen.

Labours Erdrutschsieg — Attlee löst Churchill ab

Clement Attlee trifft König George VI. vor Buckingham Palace nach Labours Wahlsieg, 26. Juli 1945
Clement Attlee trifft König George VI. vor Buckingham Palace nach Labours Wahlsieg, 26. Juli 1945 (Imperial War Museums / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 5. Juli wählt Großbritannien erstmals seit zehn Jahren ein neues Unterhaus; um auch die im Ausland stationierten Soldaten abstimmen zu lassen, werden die Stimmen aber erst drei Wochen später, am 26. Juli, ausgezählt. Das Ergebnis überrascht die Welt: Die Labour Party unter Clement Attlee gewinnt mit 393 von 640 Sitzen eine überwältigende Mehrheit, die Konservativen von Kriegspremier Winston Churchill stürzen auf 197 Sitze ab — eine der größten Wahlschlappen der britischen Geschichte trotz Churchills Heldenstatus als Kriegsführer. Viele Wähler, darunter zahlreiche Soldaten, verbinden mit Churchill zwar den Sieg über Hitler, trauen aber Labours Versprechen von Sozialreformen, Vollbeschäftigung und einem staatlichen Gesundheitswesen den Wiederaufbau des Landes eher zu als einer Rückkehr zur Vorkriegsordnung.

Die Auszählung fällt mitten in die laufende Potsdamer Konferenz: Churchill, der die Verhandlungen mit Truman und Stalin begonnen hatte, muss noch während der Konferenz nach London zurückkehren und übergibt die britische Delegation an seinen Nachfolger Attlee — ein für die internationale Diplomatie ungewöhnlicher Regierungswechsel mitten im Verhandeln über Deutschlands Zukunft. Für Churchill, der den Krieg maßgeblich mitentschieden hatte, ist die Abwahl ein persönlicher Schock; für Attlee der Auftakt zu einer Regierung, die in den kommenden Jahren mit Verstaatlichungen und dem Aufbau des britischen Sozialstaats das Land grundlegend verändern wird.

Flucht und Vertreibung der Deutschen

Deutsche Flüchtlinge auf dem Treck Richtung Westen, 1945
Deutsche Flüchtlinge auf dem Treck Richtung Westen, 1945 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Schon vor der offiziellen Beschlussfassung von Potsdam sind Millionen Deutsche aus den Ostgebieten des Reiches auf der Flucht — vor der heranrückenden Roten Armee waren seit dem Winter 1944/45 lange Trecks aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern gen Westen gezogen, viele davon auch durch die Mark Brandenburg und an Luckenwalde vorbei. Mit Kriegsende beginnen zusätzlich, ohne zentrale Steuerung, die sogenannten „wilden Vertreibungen": Polnische und tschechoslowakische Behörden sowie lokale Milizen treiben deutsche Bewohner unter oft harten, teils gewaltsamen Bedingungen aus ihren Dörfern und Städten. Die Potsdamer Konferenz billigt im August rückwirkend diese Entwicklung und beschließt die „geordnete und humane" Aussiedlung der verbliebenen deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn — auch wenn die tatsächlichen Umstände der Vertreibungen diesem Anspruch oft nicht gerecht werden. Die organisierten, von den Alliierten koordinierten Transporte beginnen erst 1946; im Jahr 1945 aber sind es vor allem Flucht, Chaos und improvisierte Aussiedlung, die das Schicksal von Millionen Menschen bestimmen.

Insgesamt sind bis zum Ende des Jahrzehnts schätzungsweise zwölf bis vierzehn Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten und aus Ost-Mitteleuropa betroffen; die Zahl der Todesopfer durch Flucht, Vertreibung, Hunger und Gewalt ist bis heute Gegenstand historischer Forschung und wird unterschiedlich beziffert. In der Mark Brandenburg und auch in Luckenwalde prägen die ankommenden Flüchtlingstrecks, überfüllte Notunterkünfte und die Konkurrenz um knappen Wohnraum und Nahrung die zweite Jahreshälfte ebenso wie die neue sowjetische Besatzung.

Prozessauftakt in Nürnberg

Die Angeklagten Göring, Dönitz und Heß im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, November 1945
Die Angeklagten Göring, Dönitz und Heß im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, November 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 20. November eröffnet der Internationale Militärgerichtshof im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes — erstmals in der Geschichte müssen sich die politische und militärische Führung eines besiegten Staates vor einem internationalen Gericht verantworten. Angeklagt sind 24 noch lebende oder erreichbare führende Nationalsozialisten, unter ihnen Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel; Hitler, Himmler und Goebbels haben sich dem Verfahren durch Selbstmord entzogen, Martin Bormann wird in Abwesenheit verhandelt. Richter und Ankläger stellen die vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich, die sich im „Nürnberger Statut" auf gemeinsame Tatbestände geeinigt haben: Verschwörung zum Angriffskrieg, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und — neu im Völkerrecht — Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Prozess, der bis in den Oktober 1946 dauern wird, stützt sich auf Berge beschlagnahmter Akten und auf Zeugenaussagen von Überlebenden der Konzentrationslager; Filmaufnahmen aus den befreiten Lagern werden im Gerichtssaal gezeigt und erschüttern selbst hartgesottene Beobachter. Für die Alliierten ist Nürnberg zugleich Anspruch und Wagnis: der Versuch, staatliches Unrecht dieser Dimension erstmals nach rechtsstaatlichen Regeln statt durch Rache zu ahnden — ein Präzedenzfall, auf den sich spätere Kriegsverbrechertribunale bis zum Internationalen Strafgerichtshof berufen werden.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 26. Juni unterzeichnen 50 Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen; sie tritt am 24. Oktober in Kraft — eine neue Weltorganisation für den Frieden.
  • Mit dem Kriegsende beginnt in Luckenwalde und der Mark zugleich eine neue, harte Zeit: sowjetische Besatzung, Flüchtlingstrecks aus dem Osten und Ernährungsnot prägen die zweite Jahreshälfte.
  • Am 2./3. September beginnt im brandenburgischen Kyritz die Bodenreform der sowjetischen Besatzungszone: Großgrundbesitz über 100 Hektar wird entschädigungslos enteignet — unter der Losung „Junkerland in Bauernhand" wechselt auch in der Mark Land den Besitzer.
  • Am 27. Dezember treten die Bretton-Woods-Abkommen in Kraft: Internationaler Währungsfonds und Weltbank nehmen ihre Arbeit auf — ein neues Fundament für die Weltwirtschaft der Nachkriegszeit.
  • Beim Kampf um die Stadt im April wird das Gebäude der Luckenwalder Museumssammlung zerstört und anschließend geplündert; nur einzelne Stücke werden gerettet.

SPORT · 1945

Mit dem Zusammenbruch des Reiches liegt auch der organisierte Sportbetrieb in Trümmern — Vereine sind aufgelöst, Sportplätze zerstört oder besetzt. Der Reichsbund für Leibesübungen, seit 1933 die einzige, dem Regime gleichgeschaltete Dachorganisation des deutschen Sports, existiert nicht mehr; mit ihm verschwinden auch die paramilitärisch geprägten Sportprogramme der Hitlerjugend. Sportplätze dienen vielerorts als Trümmerablagerung, Flüchtlingsunterkunft oder Kaserne der Besatzungstruppen. Erst mit Kriegsende beginnt unter alliierter Aufsicht, auch in der sowjetisch besetzten Mark Brandenburg, der mühsame Wiederaufbau: Zunächst finden sich nur lose, informelle Mannschaften auf notdürftig freigeräumten Plätzen zusammen, ehe unter behördlicher Kontrolle allmählich wieder feste Vereine entstehen — in der Sowjetischen Besatzungszone zunehmend als neu ausgerichtete, „antifaschistische" Sportgemeinschaften, ein Vorbote der späteren ostdeutschen Sportstrukturen. Der Alliierte Kontrollrat verbietet noch im Dezember die alten, NS-belasteten Vereinsstrukturen endgültig — ein Neustart von Grund auf.

MODE · 1945

In den Trümmern des Kriegsendes wird improvisierte Notmode zur Regel: Nach sechs Jahren Bezugscheinen und Reichskleiderkarte, dazu zerstörten Textilfabriken, gibt es kaum noch neuen Stoff zu kaufen. Aus Uniformstoffen, Fallschirmseide und Vorhängen entstehen behelfsmäßige Blusen und Kleider — selbst Brautkleider werden, mangels Seide, aus dem leichten, glänzenden Gewebe erbeuteter oder abgestürzter Fallschirme genäht. Alte Kleidungsstücke werden aufgetrennt, gewendet und umgeschneidert, Uniformtuch eingefärbt; Schuhe mit Holzsohlen ersetzen das knappe Leder. Materialnot bleibt allgegenwärtig. Von der einstigen Trachten- und Uniform-Ästhetik des Regimes ist nichts geblieben — geblieben ist allein der Mangel, während in Luckenwalde die alten Tuchfabriken erst im Sommer zögerlich die Produktion wieder aufnehmen.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Otto Hahn erhält den Chemie-Nobelpreis für 1944 (November 1945). Für die 1938 entdeckte Kernspaltung wird der Chemiker nachträglich geehrt — Würdigung einer wissenschaftlichen Pionierleistung nach dem Ende des Regimes.
  • Befreiung des KZ Bergen-Belsen (15. April 1945). Britische Truppen befreien das überfüllte Lager und retten rund 60.000 Überlebende vor dem Tod durch Hunger und Seuchen.
  • Otto Frank erhält Anne Franks Tagebuch (Juli 1945). Nach seiner Rückkehr aus Auschwitz übergibt ihm Miep Gies die geretteten Aufzeichnungen seiner Tochter, die er später veröffentlicht — Bewahrung eines Zeugnisses.
  • Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht an die Penicillin-Forscher (Oktober 1945). Alexander Fleming, Ernst Boris Chain und Howard Florey werden für die Entdeckung und Entwicklung des Penicillins geehrt — ein Durchbruch, der schon während des Krieges Abertausenden Verwundeten das Leben rettete.
  • Erstes Nachkriegskonzert der Berliner Philharmoniker (26. Mai 1945). Unter der Leitung des Dirigenten Leo Borchard spielt das Orchester inmitten der Trümmer der Hauptstadt erstmals wieder öffentlich — ein früher Farbtupfer kulturellen Lebens nach Kriegsende.
  • Luckenwalder Tuchfabriken nehmen die Produktion wieder auf (Sommer 1945). In der traditionsreichen Tuchmacherstadt kehrt nach dem Kriegsende schrittweise der Betrieb in die Textilwerke zurück — ein erstes Zeichen wirtschaftlichen Wiederaufbaus in der befreiten Stadt.

DAS WETTER · 1945 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 27,9 °C, in der Nacht 17,7 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne zeigte sich rund 8,5 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C — gut 0,6 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 33 °C am 16. Juli, kältester −16 °C am 10. Dezember. 8 Hitzetage (≥30 °C), 22 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 607 mm.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1945

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Lili Marleen — Marlene Dietrich (AFN-Version) / Lale Andersen (Original)
  2. Ich trag's im Herzen drin — Hans Moser
  3. In die schönste der Frauen hab' ich mich heute verliebt — Herbert Ernst Groh
  4. Ich bin heute frei, meine Herr'n — Kirsten Heiberg
  5. Am Himmel zieh'n die Wolken in die Ferne — Magda Hain
  6. Traumorchester — Rudi Schuricke
  7. Einen wie dich könnte ich lieben — Zarah Leander
  8. So glücklich wie du und so selig wie ich — Zarah Leander
  9. Ein Stern ist vom Himmel gefallen — Willy Berking
  10. Du bist mein Geheimnis — Willy Berking
  11. Kauf dir einen bunten Luftballon — Willy Berking
  12. Du und ich im Mondenschein — Ilse Werner
  13. Ich weiß, daß ich dich lieben muß — Ilse Werner
  14. Oh Susanna — Evelyn Künneke
  15. Rum and Coca-Cola — Andrews Sisters (via AFN)
  16. Sentimental Journey — Doris Day / Les Brown Orchestra
  17. In the Mood — Glenn Miller
  18. Moonlight Serenade — Glenn Miller
  19. An der schönen roten Donau — Hermann Leopoldi
  20. Heute macht die ganze Welt Musik für mich — Benny de Weille

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.