DER CHRONIST

Ein Jahr wie kein zweites: Das „Tausendjährige Reich" geht in Trümmern unter, der Krieg endet nach fast sechs Jahren — und mitten in der Mark Brandenburg verhandeln die Sieger über Deutschlands Zukunft. Von Jalta bis Potsdam ordnen die Alliierten eine Welt neu, während im Pazifik noch um jede Insel gekämpft wird, ehe die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki auch dort den Krieg beenden. Mit Roosevelts Tod, Mussolinis Ende und Hitlers Selbstmord verschwinden binnen weniger Wochen drei Männer, die das Jahrzehnt geprägt hatten, während befreite Lager wie Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen und Dachau das Ausmaß der NS-Verbrechen offenlegen. In London wählen die Briten mitten in der Potsdamer Konferenz eine neue Regierung ab, in Nürnberg beginnt im November die juristische Aufarbeitung — und für Millionen Deutsche aus den Ostgebieten beginnt mit Flucht und Vertreibung ein neues, hartes Kapitel. Mitten in all dem liegt Luckenwalde, befreit im April, seither unter sowjetischer Besatzung.

Die Schlagzeilen des Jahres

Die „Großen Drei" ordnen die Nachkriegswelt — Konferenz von Jalta

Die Großen Drei — Churchill, Roosevelt und Stalin — in Jalta, Februar 1945
Die „Großen Drei“ — Churchill, Roosevelt und Stalin — in Jalta, Februar 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im ehemaligen Zarenpalast von Livadia bei Jalta beraten vom 4. bis 11. Februar die „Großen Drei" — Roosevelt, Churchill und Stalin, begleitet von ihren Außenministern Stettinius, Eden und Molotow — über das Schicksal des noch nicht besiegten Deutschen Reiches. Man einigt sich auf die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen unter einem gemeinsamen Alliierten Kontrollrat; erst auf Stalins Drängen wird auch Frankreich eine eigene Zone zugestanden, die aus amerikanischem und britischem Gebiet herausgeschnitten werden soll. Über Reparationen wird gestritten — Stalin fordert 20 Milliarden Dollar, zur Hälfte für die Sowjetunion —, ohne dass eine feste Summe vereinbart wird. Für Polen legt man die Ostgrenze entlang der Curzon-Linie fest, während die endgültige Westgrenze offen bleibt; freie Wahlen werden versprochen, ein Versprechen, das später nicht eingehalten wird. In einem geheimen Zusatzprotokoll sagt Stalin zu, binnen 90 Tagen nach dem Kriegsende in Europa auch gegen Japan in den Krieg einzutreten, im Gegenzug für Gebietsgewinne im Fernen Osten. Zudem verständigen sich die Drei auf die Gründung einer neuen Weltorganisation, der Vereinten Nationen, mit einem Vetorecht für die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats — ein Hauptanliegen Roosevelts, der die Frucht dieser Beschlüsse selbst nicht mehr erleben wird: Der bereits schwer kranke Präsident stirbt am 12. April, wenige Wochen vor Kriegsende. Die Beschlüsse von Jalta legen die Linien fest, entlang derer Europa für Jahrzehnte geteilt bleiben wird.

Aus heutiger Sicht

Was in Jalta als pragmatische Aufteilung von Besatzungszonen und als Kompromiss zwischen Verbündeten gedacht ist, verfestigt sich in den folgenden Jahren zur Systemgrenze des Kalten Krieges — aus vorläufigen Zonen werden zwei deutsche Staaten, aus der Curzon-Linie eine über vierzig Jahre bestehende Ostgrenze. Die in Jalta versprochenen freien Wahlen für die von der Roten Armee besetzten Länder Ost-Mitteleuropas finden nicht statt; die Konferenz gilt rückblickend zugleich als Höhepunkt der alliierten Zusammenarbeit und als Ausgangspunkt der Teilung Europas.

Feuersturm über Dresden

Blick vom Rathausturm über das zerstörte Dresden, 1945
Blick vom Rathausturm über das zerstörte Dresden, 1945 (Deutsche Fotothek / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

In der Nacht zerstören 773 britische und später amerikanische Bomber die Elbestadt fast vollständig. Dresden, bis dahin weitgehend von Luftangriffen verschont und ohne bedeutende Rüstungsindustrie, ist zu diesem Zeitpunkt hoffnungslos überfüllt mit Flüchtlingen, die vor der näher rückenden Roten Armee aus Schlesien und Ostpreußen fliehen, sowie mit Verwundeten. In zwei nächtlichen Angriffswellen des britischen Bomber Command — markiert von Pfadfinder-Verbänden — fallen Spreng- und Brandbomben, tags darauf greift auch die amerikanische Luftwaffe die Bahnanlagen an. Ein Feuersturm mit Temperaturen von teils über 1.000 Grad verschlingt weite Teile der Innenstadt; die weithin sichtbare Frauenkirche hält den Flammen noch zwei Tage stand, ehe sie am 15. Februar unter der Hitze in sich zusammenstürzt. Rund 25.000 Menschen sterben — eine Zahl, die eine 2010 von der Stadt Dresden eingesetzte Historikerkommission nach jahrzehntelangem Streit um weit höhere, propagandistisch aufgebauschte Opferzahlen ermittelt hat und die als gesichert gilt. Es ist die höchste Zahl an Toten einer einzigen Bombennacht des Krieges in Europa. Der Angriff, dessen militärischer Nutzen bis heute umstritten bleibt und selbst Winston Churchill nachträglich zu Zweifeln veranlasste, wird zum Symbol des Bombenkriegs gegen deutsche Städte, während im Osten längst sowjetische Truppen auf das Reichsgebiet vorrücken.

Luckenwalde befreit — das Kriegsende vor der eigenen Haustür

Rotarmisten vor dem Reichstag in Berlin, 1945
Rotarmisten vor dem Reichstag in Berlin, 1945 (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Was in der Ferne begann, erreicht in diesen Apriltagen die Mark: Am Morgen des 22. April rückt die Rote Armee nach nur kurzen Gefechten in Luckenwalde ein. Vorausgegangen war eine groteske Episode: Ein Luckenwalder Brauereibesitzer hatte rund 20.000 Flaschen Schnaps — eigentlich für eine „Siegesfeier" des Regimes eingelagert — freigegeben, sodass Teile des zur Verteidigung aufgebotenen Volkssturms betrunken und kampfunfähig waren, als die sowjetischen Truppen anrückten. Die deutschen Wachmannschaften des riesigen Kriegsgefangenenlagers Stalag III A am Stadtrand hatten sich zuvor gen Westen abgesetzt. Das seit September 1939 — unmittelbar nach dem Überfall auf Polen — bestehende Lager hatte im Kriegsverlauf rund 200.000 Gefangene aus zehn Nationen durchlaufen: Polen, Belgier, Niederländer, Jugoslawen, Italiener, Rumänen, Briten, Amerikaner und, seit dem Sommer 1940, bis zu 40.000 Franzosen — die größte Gruppe. Zurück bleiben bei der Befreiung zehntausende Gefangene, darunter zuletzt auch die aus dem geräumten Stalag III B Fürstenberg zusammengepferchten Männer, die unter katastrophalen hygienischen Bedingungen ausharren mussten. Während westliche Kriegsgefangene formal nach der Genfer Konvention behandelt wurden — mit Post- und Rot-Kreuz-Hilfe —, blieben sowjetische Gefangene, da die UdSSR das Abkommen nicht unterzeichnet hatte, systematisch benachteiligt: Eine Typhus-Epidemie im Winter 1941/42 allein forderte unter ihnen rund 2.500 Todesopfer. Auf den Lagerfriedhöfen ruhen insgesamt rund 5.000 sowjetische Kriegsgefangene, Opfer der besonders mörderischen Behandlung durch die deutschen Bewacher. Mit dem Eintreffen der sowjetischen Soldaten endet für Stadt und Lager der Krieg — für die Überlebenden beginnt der lange, oft wochenlange Weg nach Hause, während zugleich auch für die Luckenwalder Zivilbevölkerung mit Flucht, Einquartierung und Besatzung eine neue, ungewisse Zeit beginnt.

Aus heutiger Sicht

Für die befreiten Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge ist der 22. April eindeutig ein Tag der Befreiung — für große Teile der deutschen Zivilbevölkerung in der Mark Brandenburg ist er zugleich Niederlage, Besatzung und, gerade für Frauen, oft auch Gewalt: Massenvergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee sind in den Wochen um das Kriegsende in Luckenwalde wie in weiten Teilen der SBZ dokumentiert, ihre Zahl lässt sich bis heute nur schätzen. Beide Wahrheiten — Befreiung vom NS-Regime und persönlich erlittenes Leid beim Einmarsch der Sieger — schließen sich nicht aus, sondern bestehen nebeneinander; ähnlich zwiespältig ist die Lage der Millionen Deutschen, die im selben Jahr aus den Ostgebieten fliehen oder vertrieben werden.

Das Reich bricht zusammen — Berlin erobert, Hitler tot, Kapitulation

Sowjetsoldaten hissen die Flagge auf dem Reichstag, Mai 1945
Sowjetsoldaten hissen die Flagge auf dem Reichstag, Mai 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 16. April eröffnet die Rote Armee mit einem Zangenangriff die Schlacht um Berlin: Rund 2,5 Millionen sowjetische Soldaten mit über 6.000 Panzern und 7.500 Flugzeugen treffen auf etwa eine Million deutsche Verteidiger, darunter viele Volkssturm- und Hitlerjugend- Einheiten, mit nur noch rund 800 Panzern. Marschall Schukows 1. Weißrussische Front durchbricht nach verlustreichen Kämpfen die Seelower Höhen, während Marschall Konews 1. Ukrainische Front von Süden auf die Stadt vorstößt; am 25. April wird der Ring um Berlin geschlossen — am selben Tag treffen bei Torgau an der Elbe erstmals amerikanische und sowjetische Truppen aufeinander. Am 20. April zeigt sich Hitler zu seinem 56. Geburtstag letztmals öffentlich im Garten seines Bunkers. Während die Stadt noch brennt, nimmt sich Adolf Hitler am 30. April in seinem Bunker das Leben; tags zuvor hatte er Eva Braun geheiratet. Joseph Goebbels, für einen Tag Hitlers Nachfolger als Reichskanzler, lässt am 1. Mai seine sechs Kinder töten und nimmt sich mit seiner Frau Magda ebenfalls das Leben; die politische Führung geht auf Großadmiral Karl Dönitz über, der sich nach Flensburg zurückzieht. Am 2. Mai kapituliert General Helmuth Weidling, der Berliner Kampfkommandant, mit den Resten der Stadtgarnison. In der Nacht zum 7. Mai, um 2.41 Uhr, unterzeichnet Generaloberst Jodl im SHAEF-Hauptquartier zu Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht gegenüber General Bedell Smith, in Anwesenheit sowjetischer und französischer Zeugen; auf sowjetisches Drängen wird die Zeremonie tags darauf, in der Nacht zum 9. Mai, in Berlin-Karlshorst wiederholt und förmlich ratifiziert — für die Wehrmacht unterzeichnen Generalfeldmarschall Keitel und die Oberbefehlshaber von Kriegsmarine und Luftwaffe, für die Alliierten Marschall Schukow und Luftmarschall Tedder. Rückwirkend zum 8. Mai, 23.01 Uhr, schweigen die Waffen in Europa. Nach fast sechs Jahren ist der Krieg auf dem Kontinent zu Ende — Millionen Tote, zerstörte Städte und befreite Lager wie Auschwitz, das die Rote Armee am 27. Januar erreicht, und Buchenwald, das am 11. April von US-Truppen befreit wird, legen das Ausmaß der Verbrechen offen.

Von Potsdam bis Hiroshima — der Krieg endet weltweit

Die Potsdamer Konferenz auf Schloss Cecilienhof, Sommer 1945
Die Potsdamer Konferenz auf Schloss Cecilienhof, Sommer 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Kilometer von Luckenwalde entfernt richten die Sieger im Schloss Cecilienhof zu Potsdam vom 17. Juli bis 2. August über das besiegte Deutschland: Truman — seit Roosevelts Tod im April neu im Amt —, Stalin und — nach einem Regierungswechsel während der Konferenz, dem Wahlsieg der Labour Party am 26. Juli — Attlee statt Churchill beschließen die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen, Entnazifizierung, Demokratisierung, Entmilitarisierung und Dezentralisierung sowie Reparationen, die jede Besatzungsmacht vorrangig aus ihrer eigenen Zone entnehmen soll. Als vorläufige Westgrenze Polens wird die Oder-Neiße-Linie festgelegt; zugleich verständigt man sich auf die „geordnete und humane" Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn — der Beginn der großen Vertreibungen. Während in Brandenburg über Europas Neuordnung verhandelt wird, informiert Truman seinen sowjetischen Verbündeten am 24. Juli beiläufig über eine „neue Waffe von außergewöhnlicher Zerstörungskraft" — tags zuvor war in der Wüste von New Mexico der erste Atombombentest, der Trinity-Test, geglückt. Am 26. Juli ergeht von Potsdam aus die Potsdamer Erklärung mit der Forderung nach Japans bedingungsloser Kapitulation und der Drohung „prompter und völliger Zerstörung" — Tokio lässt die Frist verstreichen. Im Pazifik eskaliert daraufhin der letzte Akt des Krieges: Am 6. August wirft der amerikanische Bomber „Enola Gay" unter Pilot Paul Tibbets die Uranbombe „Little Boy" über Hiroshima ab, 70.000 bis 80.000 Menschen sterben sofort, bis Jahresende steigt die Zahl durch Verbrennungen und Strahlenkrankheit auf geschätzt bis zu 140.000. Am 8. August erklärt die Sowjetunion Japan den Krieg und fällt tags darauf in die Mandschurei ein; am 9. August wirft die „Bockscar" unter Pilot Charles Sweeney die Plutoniumbombe „Fat Man" über Nagasaki ab, wo bis Jahresende ebenfalls mehrere Zehntausend Menschen sterben. Kaiser Hirohito verkündet am 15. August in einer für die meisten Japaner ersten je gehörten Rundfunkansprache das Kriegsende, die förmliche Kapitulation Japans wird am 2. September an Bord des Schlachtschiffs USS Missouri in der Bucht von Tokio unterzeichnet. Der Zweite Weltkrieg, der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, ist nach sechs Jahren mit schätzungsweise mehr als 60 Millionen Toten weltweit vorüber.

Blutige Inseln im Pazifik — Iwojima und Okinawa

US-Marines hissen die Flagge auf dem Mount Suribachi, Iwojima, 23. Februar 1945
US-Marines hissen die Flagge auf dem Mount Suribachi, Iwojima, 23. Februar 1945 (Foto: Joe Rosenthal; Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Während in Europa der Krieg seinem Ende entgegengeht, tobt im Pazifik der bislang blutigste Abschnitt des amerikanischen Vormarsches auf Japan. Vom 19. Februar bis 26. März ringen rund 110.000 US-Marineinfanteristen um die nur acht Quadratkilometer kleine, vulkanische Insel Iwojima — strategisch wichtig als Nothafen für havarierte B-29-Bomber auf dem Weg von den Marianen nach Japan. Die rund 21.000 japanischen Verteidiger unter General Tadamichi Kuribayashi haben sich in einem Tunnelsystem verschanzt und kämpfen fast bis zum letzten Mann; nur eine Handvoll gerät in Gefangenschaft. Auf amerikanischer Seite sterben 6.821 Soldaten, fast 19.000 werden verwundet — mehr Verluste als in jeder anderen Schlacht des US Marine Corps. Weltberühmt wird ein Foto des Fotografen Joe Rosenthal vom 23. Februar, das US-Soldaten beim Hissen der Flagge auf dem Mount Suribachi zeigt.

Kaum ist Iwojima gefallen, beginnt am 1. April die noch größere Schlacht um Okinawa, die bis in den Juni dauert. Erstmals rücken amerikanische Truppen auf japanisches Kernland vor; die Verteidiger setzen massenhaft Kamikaze-Flugzeuge gegen die US-Flotte ein. Mehr als 12.000 amerikanische und rund 66.000 japanische Soldaten sterben, dazu vermutlich über 100.000 Zivilisten — viele durch Kampfhandlungen, andere durch von japanischem Militär befohlenen Massenselbstmord. Die verlustreichen Kämpfe um Iwojima und Okinawa bestärken die amerikanische Führung in der Furcht vor noch höheren Opferzahlen bei einer Invasion der japanischen Hauptinseln — ein Kalkül, das im August in die Entscheidung über den Einsatz der Atombombe einfließt.

Roosevelts Tod in Warm Springs

Franklin D. Roosevelt am Arbeitstisch im „Little White House“, Warm Springs, April 1945
Franklin D. Roosevelt am Arbeitstisch im „Little White House“, Warm Springs, April 1945 — wenige Tage vor seinem Tod aufgenommen (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Nur zwei Monate nach Jalta stirbt Franklin D. Roosevelt unerwartet in seinem Ferienhaus, dem „Little White House" in Warm Springs, Georgia. Der bereits schwer kranke Präsident sitzt der Malerin Elizabeth Shoumatoff für ein Porträt, als er die Hand an die Schläfe hebt und sagt: „Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen" — wenig später verliert er das Bewusstsein und stirbt an einer Hirnblutung. Er wird 63 Jahre alt und war seit 1933 im Amt, länger als jeder andere amerikanische Präsident vor oder nach ihm; erst wenige Wochen zuvor hatte er in Jalta über die Nachkriegsordnung mitverhandelt, deren Umsetzung er nun nicht mehr erlebt. Das Porträt bleibt unvollendet und hängt bis heute so in Warm Springs.

Noch am selben Tag wird Vizepräsident Harry S. Truman im Weißen Haus vereidigt — ein bis dahin außenpolitisch kaum eingeweihter Mann, dem nun binnen weniger Monate die Entscheidungen über Deutschlands Kapitulation, die Potsdamer Konferenz und den Einsatz der Atombombe zufallen. Roosevelt, der die Vereinigten Staaten durch die Weltwirtschaftskrise und den Krieg geführt hatte, gilt vielen Zeitgenossen als der Architekt des alliierten Sieges; sein Tod mitten im letzten Kriegsjahr erschüttert die Weltöffentlichkeit und macht schlagartig deutlich, wie sehr der scheinbar gesicherte Ausgang des Krieges noch von einzelnen Menschen abhing.

Mussolinis Ende am Comer See

Die Leichen Mussolinis und Clara Petaccis auf dem Piazzale Loreto in Mailand, 1945
Die Leichen Mussolinis und Clara Petaccis auf dem Piazzale Loreto in Mailand, 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf der Flucht vor dem Zusammenbruch seiner „Republik von Salò" versucht Benito Mussolini, sich in einem deutschen Militärkonvoi Richtung Schweiz abzusetzen; in Dongo am Comer See wird er von italienischen Partisanen erkannt, obwohl er eine deutsche Uniform trägt. Zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci wird er festgesetzt und am 28. April ohne Gerichtsverfahren bei der Villa Belmonte im Weiler Giulino di Mezzegra erschossen — mutmaßlich auf Befehl eines Partisanenkommandeurs, der unter dem Decknamen „Colonnello Valerio" auftritt. Am Abend werden die Leichen Mussolinis, Petaccis und weiterer 16 erschossener Faschisten nach Mailand gebracht und am Morgen des 29. April auf dem Piazzale Loreto zur Schau gestellt — kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt, von einer aufgebrachten Menge bespuckt und geschlagen. Die Wahl des Platzes ist kein Zufall: Dort hatten die deutschen Besatzer und italienische Faschisten im Jahr zuvor die Leichen 15 erschossener Partisanen zur Abschreckung liegen lassen.

Mussolinis Tod, zwei Tage vor Hitlers Selbstmord in Berlin, markiert das endgültige Ende des italienischen Faschismus, den er seit 1922 als „Duce" verkörpert hatte. Die Bilder vom Piazzale Loreto gehen um die Welt und werden zum Sinnbild für den Zusammenbruch der europäischen Diktaturen in diesen letzten Kriegswochen.

Befreiung des KZ Dachau

Übergabe des KZ Dachau an amerikanische Truppen der 42. Infanteriedivision, 29. April 1945
Übergabe des KZ Dachau an amerikanische Truppen der 42. Infanteriedivision, 29. April 1945 (Wikimedia Commons, CC BY 2.0)

Am 29. April erreichen Soldaten der 7. US-Armee, darunter Einheiten der 45. und der 42. „Rainbow"-Infanteriedivision, das Konzentrationslager Dachau nordwestlich von München — das erste, bereits 1933 eröffnete NS-Konzentrationslager und Vorbild für das gesamte Lagersystem des Regimes. Sie finden rund 32.000 überlebende Häftlinge sowie, auf den Gleisen vor dem Lager abgestellt, einen Zug mit Leichen: den sogenannten Todeszug aus dem KZ Buchenwald, der am 7. April mit 4.500 Häftlingen aufgebrochen war und nach 21 Tagen ohne ausreichende Verpflegung mit nur 2.385 registrierten Überlebenden in Dachau eintraf. Allein zwischen Ende 1944 und dem Tag der Befreiung sterben in Dachau schätzungsweise 15.000 Häftlinge an Hunger, Krankheit und Gewalt — die Gesamtzahl der Todesopfer des Lagers seit 1933 liegt bei über 41.500.

Beim Anblick der Zustände erschießen amerikanische Soldaten und teils auch befreite Häftlinge in den Stunden nach der Befreiung nach Schätzungen zwischen 50 und 100 SS-Wachmänner ohne Verfahren — ein bis heute in der Forschung diskutierter Vorgang, der nichts an der Tatsache ändert, dass die große Mehrheit der SS-Bewacher zuvor geflohen war. Die Befreiung Dachaus, wenige Tage vor Kriegsende, gehört neben Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen zu den Bildern, die das Ausmaß der NS-Verbrechen der Weltöffentlichkeit vor Augen führen.

Labours Erdrutschsieg — Attlee löst Churchill ab

Clement Attlee trifft König George VI. vor Buckingham Palace nach Labours Wahlsieg, 26. Juli 1945
Clement Attlee trifft König George VI. vor Buckingham Palace nach Labours Wahlsieg, 26. Juli 1945 (Imperial War Museums / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 5. Juli wählt Großbritannien erstmals seit zehn Jahren ein neues Unterhaus; um auch die im Ausland stationierten Soldaten abstimmen zu lassen, werden die Stimmen aber erst drei Wochen später, am 26. Juli, ausgezählt. Das Ergebnis überrascht die Welt: Die Labour Party unter Clement Attlee gewinnt mit 393 von 640 Sitzen eine überwältigende Mehrheit, die Konservativen von Kriegspremier Winston Churchill stürzen auf 197 Sitze ab — eine der größten Wahlschlappen der britischen Geschichte trotz Churchills Heldenstatus als Kriegsführer. Viele Wähler, darunter zahlreiche Soldaten, verbinden mit Churchill zwar den Sieg über Hitler, trauen aber Labours Versprechen von Sozialreformen, Vollbeschäftigung und einem staatlichen Gesundheitswesen den Wiederaufbau des Landes eher zu als einer Rückkehr zur Vorkriegsordnung.

Die Auszählung fällt mitten in die laufende Potsdamer Konferenz: Churchill, der die Verhandlungen mit Truman und Stalin begonnen hatte, muss noch während der Konferenz nach London zurückkehren und übergibt die britische Delegation an seinen Nachfolger Attlee — ein für die internationale Diplomatie ungewöhnlicher Regierungswechsel mitten im Verhandeln über Deutschlands Zukunft. Für Churchill, der den Krieg maßgeblich mitentschieden hatte, ist die Abwahl ein persönlicher Schock; für Attlee der Auftakt zu einer Regierung, die in den kommenden Jahren mit Verstaatlichungen und dem Aufbau des britischen Sozialstaats das Land grundlegend verändern wird.

Flucht und Vertreibung der Deutschen

Deutsche Flüchtlinge auf dem Treck Richtung Westen, 1945
Deutsche Flüchtlinge auf dem Treck Richtung Westen, 1945 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Schon vor der offiziellen Beschlussfassung von Potsdam sind Millionen Deutsche aus den Ostgebieten des Reiches auf der Flucht — vor der heranrückenden Roten Armee waren seit dem Winter 1944/45 lange Trecks aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern gen Westen gezogen, viele davon auch durch die Mark Brandenburg und an Luckenwalde vorbei. Mit Kriegsende beginnen zusätzlich, ohne zentrale Steuerung, die sogenannten „wilden Vertreibungen": Polnische und tschechoslowakische Behörden sowie lokale Milizen treiben deutsche Bewohner unter oft harten, teils gewaltsamen Bedingungen aus ihren Dörfern und Städten. Die Potsdamer Konferenz billigt im August rückwirkend diese Entwicklung und beschließt die „geordnete und humane" Aussiedlung der verbliebenen deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn — auch wenn die tatsächlichen Umstände der Vertreibungen diesem Anspruch oft nicht gerecht werden. Die organisierten, von den Alliierten koordinierten Transporte beginnen erst 1946; im Jahr 1945 aber sind es vor allem Flucht, Chaos und improvisierte Aussiedlung, die das Schicksal von Millionen Menschen bestimmen.

Insgesamt sind bis zum Ende des Jahrzehnts schätzungsweise zwölf bis vierzehn Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten und aus Ost-Mitteleuropa betroffen; die Zahl der Todesopfer durch Flucht, Vertreibung, Hunger und Gewalt ist bis heute Gegenstand historischer Forschung und wird unterschiedlich beziffert. In der Mark Brandenburg und auch in Luckenwalde prägen die ankommenden Flüchtlingstrecks, überfüllte Notunterkünfte und die Konkurrenz um knappen Wohnraum und Nahrung die zweite Jahreshälfte ebenso wie die neue sowjetische Besatzung.

Prozessauftakt in Nürnberg

Die Angeklagten Göring, Dönitz und Heß im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, November 1945
Die Angeklagten Göring, Dönitz und Heß im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, November 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 20. November eröffnet der Internationale Militärgerichtshof im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes — erstmals in der Geschichte müssen sich die politische und militärische Führung eines besiegten Staates vor einem internationalen Gericht verantworten. Angeklagt sind 24 noch lebende oder erreichbare führende Nationalsozialisten, unter ihnen Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop und Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel; Hitler, Himmler und Goebbels haben sich dem Verfahren durch Selbstmord entzogen, Martin Bormann wird in Abwesenheit verhandelt. Richter und Ankläger stellen die vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich, die sich im „Nürnberger Statut" auf gemeinsame Tatbestände geeinigt haben: Verschwörung zum Angriffskrieg, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und — neu im Völkerrecht — Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Prozess, der bis in den Oktober 1946 dauern wird, stützt sich auf Berge beschlagnahmter Akten und auf Zeugenaussagen von Überlebenden der Konzentrationslager; Filmaufnahmen aus den befreiten Lagern werden im Gerichtssaal gezeigt und erschüttern selbst hartgesottene Beobachter. Für die Alliierten ist Nürnberg zugleich Anspruch und Wagnis: der Versuch, staatliches Unrecht dieser Dimension erstmals nach rechtsstaatlichen Regeln statt durch Rache zu ahnden — ein Präzedenzfall, auf den sich spätere Kriegsverbrechertribunale bis zum Internationalen Strafgerichtshof berufen werden.

Aus heutiger Sicht

Nürnberg begründet den Anspruch, staatliche Gewaltverbrechen völkerrechtlich zu ahnden statt sie mit dem Sieg der einen Seite einfach ruhen zu lassen — ein Maßstab, an dem sich internationale Strafgerichtsbarkeit bis heute misst. Zugleich bleibt der Prozess Stückwerk: Nur ein Bruchteil der Täter wird je zur Verantwortung gezogen, viele Mitläufer und auch belastete Fachleute aus Justiz, Verwaltung und Wirtschaft setzen ihre Karrieren in beiden deutschen Nachkriegsstaaten fort — die juristische Aufarbeitung des NS-Unrechts zieht sich über Jahrzehnte hin und bleibt bis heute unvollständig.

Die Befreiung von Auschwitz

Überlebende Kinder von Auschwitz-Birkenau kurz nach der Befreiung
Überlebende Kinder von Auschwitz-Birkenau kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee, Ende Januar 1945 (USHMM / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 27. Januar erreichen Soldaten der Roten Armee — Einheiten der 322. Schützendivision im Verband der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front — das Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau in Oberschlesien, das größte Vernichtungslager des NS-Regimes. Die SS hatte das Lager Tage zuvor überstürzt geräumt: Rund 56.000 bis 60.000 noch gehfähige Häftlinge waren seit Mitte Januar auf sogenannte Todesmärsche Richtung Westen getrieben worden, Tausende von ihnen kommen dabei durch Erschöpfung, Kälte und Erschießungen um. Die vorrückenden sowjetischen Soldaten finden rund 7.000 zurückgelassene, meist schwerkranke Überlebende sowie Berge von Habseligkeiten, Kleidung und Haaren der Ermordeten — Beweise des fabrikmäßig organisierten Massenmords. Im Kampf um das Lagergelände und die umliegenden Außenlager sterben 231 Soldaten der Roten Armee; sowjetische Feldlazarette versorgen in den folgenden Wochen etwa 4.500 der Befreiten. Seit der Errichtung des Stammlagers 1940 sind in Auschwitz-Birkenau schätzungsweise 1,1 Millionen Menschen ermordet worden, die übergroße Mehrheit von ihnen europäische Juden.

Aus heutiger Sicht

Die Befreiung von Auschwitz-Birkenau markiert für die historische Erinnerung den zentralen Ort des industriellen Massenmords an den europäischen Juden; der 27. Januar wird Jahrzehnte später zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust. 1945 selbst nimmt die Weltöffentlichkeit das Ausmaß nur langsam und bruchstückhaft wahr — die vollständigen Opferzahlen, die Systematik der Vernichtung und der Kreis der Verantwortlichen werden erst in den folgenden Jahrzehnten durch Forschung, Prozesse und die Aussagen Überlebender rekonstruiert.

Otto Hahn erhält den Chemie-Nobelpreis

Otto Hahn in einer Aufnahme aus den 1950er Jahren
Otto Hahn in einer Aufnahme von 1954 als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft — ein zeitgenössisches Foto aus der Internierung in Farm Hall 1945 ist nicht frei lizenziert verfügbar (Bundesarchiv Bild 183-46019-0001 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Am 6. August erfährt der Chemiker Otto Hahn im englischen Landhaus Farm Hall bei Cambridge, wo er mit neun weiteren deutschen Atomphysikern — darunter Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker — seit Juli interniert und heimlich abgehört wird („Operation Epsilon"), aus einer BBC-Rundfunkmeldung vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Hahn, der 1938 gemeinsam mit Fritz Straßmann in Berlin die Kernspaltung des Urans entdeckt hatte — die physikalische Deutung lieferten die ins Exil getriebene Lise Meitner und ihr Neffe Otto Frisch —, reagiert nach Zeugenaussagen der Mitinternierten zutiefst erschüttert; Kollegen befürchten zeitweise, er könne sich etwas antun, und lassen ihn in den folgenden Tagen nicht allein. Im November, noch immer in Farm Hall interniert, erreicht Hahn die Nachricht, dass ihm das Nobelkomitee rückwirkend den Chemie-Nobelpreis für 1944 zuerkannt hat — eine Würdigung seiner vor dem Krieg geleisteten Grundlagenforschung, die 1944 selbst wegen des Krieges nicht vergeben worden war. Die Ehrung nimmt Hahn erst 1946 in Stockholm persönlich entgegen; nach seiner Freilassung aus Farm Hall setzt er sich in den Nachkriegsjahren wiederholt gegen eine militärische Nutzung der Kernspaltung ein.

Erstes Nachkriegskonzert der Berliner Philharmoniker

Die zerstörte Alte Philharmonie an der Bernburger Straße
Die zerstörte Alte Philharmonie an der Bernburger Straße — Aufnahme einer Gedenktafel-Reproduktion des Ruinenfotos von 1945 (Foto Horst Siegmann / Wikimedia Commons, GFDL/CC BY-SA)

Am 26. Mai spielen die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Dirigenten Leo Borchard im Kino Titania-Palast in Berlin-Steglitz ihr erstes Konzert nach dem Krieg — die eigentliche Philharmonie an der Bernburger Straße liegt seit einem Bombenangriff vom November 1943 in Trümmern. Auf dem Programm stehen Mendelssohns Ouvertüre zum „Sommernachtstraum", ein Violinkonzert von Mozart und Tschaikowskys Vierte Sinfonie — mitten in der zerstörten Stadt ein erstes Zeichen kulturellen Lebens nach Kriegsende. Borchard, der das Orchester erst wenige Wochen zuvor übernommen hatte, wird die Wiederbelebung nicht lange begleiten: Am 23. August wird er an einer alliierten Kontrollstelle in Berlin erschossen, als der Wagen, in dem er mitfährt, nicht rechtzeitig anhält — ein amerikanischer Wachposten eröffnet das Feuer, Borchard ist sofort tot. Die Leitung des Orchesters übernimmt der 33-jährige, bis dahin weitgehend unbekannte Sergiu Celibidache, der es in den folgenden Jahren zu neuer internationaler Geltung führt.

Die Weißen Busse — Rettung in letzter Minute

Männer des Schwedischen Roten Kreuzes vor ihren Rettungsbussen
Männer des Schwedischen Roten Kreuzes vor ihren Rettungsbussen, Frühjahr 1945 (Schwedisches Rotes Kreuz / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Ab dem 19. Februar verhandelt der schwedische Diplomat Graf Folke Bernadotte, Vizepräsident des Schwedischen Roten Kreuzes, in mehreren Treffen mit Heinrich Himmler über die Freilassung von KZ-Häftlingen — zunächst nur skandinavischer Staatsangehöriger, später, mit dem nahenden Kriegsende, auch weiterer Nationalitäten. Ab März fahren weiß gestrichene, mit rotem Kreuz gekennzeichnete Omnibusse des Schwedischen und Dänischen Roten Kreuzes — die „Weißen Busse" — Häftlinge aus deutschen Lagern wie Ravensbrück und Neuengamme über Dänemark nach Schweden in Sicherheit; unterwegs geraten die Kolonnen wiederholt unter alliierten Beschuss, da sie aus der Luft nicht eindeutig als Rettungsfahrzeuge erkennbar sind. Je nach Zählweise und Zeitraum werden bis Kriegsende zwischen rund 15.000 und 21.000 Menschen durch die Aktion gerettet, mit den Nachfolgetransporten nach Kriegsende steigt die Gesamtzahl der Geretteten nach manchen Schätzungen auf über 30.000. Für Bernadotte, der später auch bei den Kapitulationsverhandlungen der deutschen Nordfront vermittelt, wird die Aktion zum Auftakt einer weiteren diplomatischen Laufbahn im Dienst der Vereinten Nationen — im September 1948 wird er als UN-Vermittler in Palästina ermordet.

Die Zigarette als Währung

Schwarzmarkthandel am Brandenburger Tor, Berlin 1945
Schwarzmarkthandel am Brandenburger Tor, Berlin 1945 (Foto Otto Donath, Bundesarchiv Bild 183-M1205-332 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE)

Während die Reichsmark offiziell weiter gilt, verliert sie im Verlauf des Jahres praktisch jede Kaufkraft: Wer Brot, Fleisch oder Kohle will, tauscht auf dem Schwarzmarkt — und die inoffizielle Leitwährung dieses Tauschhandels ist die Zigarette. Schon vor Kriegsende war ihr Wert stetig gestiegen: Kostete eine Zigarette im August 1939 noch rund 0,04 Reichsmark, sind es im April 1945 bereits 6 bis 8 Reichsmark; für zehn Zigaretten bekommt man rechnerisch 1,5 Kilogramm Brot oder 100 bis 150 Gramm Fleisch. Mit dem Kriegsende und dem völligen Zusammenbruch der regulären Versorgung beschleunigt sich diese Entwicklung: Amerikanische „Ami-Zigaretten", von Besatzungssoldaten mitgebracht oder auf dem Schwarzmarkt gehandelt, gelten als härtere und begehrtere „Währung" als deutsche Marken. Auf improvisierten Tauschbörsen — in Berlin etwa rund um das Brandenburger Tor — wechseln neben Zigaretten auch Schmuck, Uhren, Kleidung und Alkohol gegen Lebensmittel die Hand; die Behörden der Besatzungszonen dulden den Tauschhandel weitgehend, da er die einzige funktionierende Verteilung knapper Güter darstellt. Erst die Währungsreform von 1948 wird der Zigarettenwährung ein Ende setzen — bis dahin bleibt sie drei Jahre lang das eigentliche Zahlungsmittel des Alltags.

Der Berliner Zoo in Trümmern

Notunterkunft auf dem Gelände des zerstörten Zoologischen Gartens Berlin, Mai 1945
Schutzraum auf dem Gelände des zerstörten Zoologischen Gartens Berlin, Mai 1945 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Vom einst mit 3.715 Tieren artenreichsten Zoo Europas sind nach den schweren Bombenangriffen und den Kämpfen um den nahen Flakturm Tiergarten bei Kriegsende nur rund 90 Tiere übrig — Gehege, Aquarium und die meisten Gebäude liegen in Trümmern. Unter den Überlebenden ist das Flusspferd Knautschke, das die Bombennächte in seinem beschädigten, notdürftig gegen Frost geschützten Becken überstanden hat und in den Nachkriegsjahren zum bekanntesten Bewohner des Zoos wird. Bereits am 1. Juli öffnet der Zoo, kaum mehr als eine Ruinenlandschaft, notdürftig wieder seine Tore; am 3. August übernimmt die Ornithologin Katharina Heinroth kommissarisch die Leitung — als erste Frau an der Spitze eines deutschen Zoos. Sie organisiert in den folgenden Monaten Ersatztiere, unter anderem von durchziehenden Zirkussen, und lässt provisorische Gehege errichten; bis zum Herbst wächst der Bestand wieder auf rund 240 Tiere. Der Wiederaufbau der zerstörten Anlagen wird sich über Jahre hinziehen — Schutzräume auf dem Zoogelände, in denen sich während der Kämpfe Zivilisten und Tierpfleger gleichermaßen in Sicherheit brachten, stehen zu Jahresende noch als Ruinen.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Am 26. Juni unterzeichnen 50 Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen; sie tritt am 24. Oktober in Kraft — eine neue Weltorganisation für den Frieden.
  • Mit dem Kriegsende beginnt in Luckenwalde und der Mark zugleich eine neue, harte Zeit: sowjetische Besatzung, Flüchtlingstrecks aus dem Osten und Ernährungsnot prägen die zweite Jahreshälfte.
  • Am 2./3. September beginnt im brandenburgischen Kyritz die Bodenreform der sowjetischen Besatzungszone: Großgrundbesitz über 100 Hektar wird entschädigungslos enteignet — unter der Losung „Junkerland in Bauernhand" wechselt auch in der Mark Land den Besitzer.
  • Am 27. Dezember treten die Bretton-Woods-Abkommen in Kraft: Internationaler Währungsfonds und Weltbank nehmen ihre Arbeit auf — ein neues Fundament für die Weltwirtschaft der Nachkriegszeit.
  • Beim Kampf um die Stadt im April wird das Gebäude der Luckenwalder Museumssammlung zerstört und anschließend geplündert; nur einzelne Stücke werden gerettet.
  • Am 25. April treffen sich bei Torgau an der Elbe — keine 100 Kilometer von Luckenwalde entfernt — erstmals Soldaten der US-Armee und der Roten Armee: der „Elbe Day", ikonisches Bild der Begegnung der Alliierten mitten in Deutschland.
  • Weil die reichsweite Postorganisation zusammengebrochen ist, geben rund 50 deutsche Städte und Gemeinden 1945 eigene Notmarken heraus — meist geschwärzte oder überdruckte Hitler-Briefmarken; Sammler zählen bis heute rund 560 verschiedene dieser „Lokalausgaben".

WIRTSCHAFT · 1945

Die Reichsmark gilt formal das ganze Jahr über als gesetzliches Zahlungsmittel, die amtlichen Höchstpreise für Lebensmittel bleiben auf dem Papier in Kraft — mit dem realen Wirtschaftsleben haben beide kaum noch etwas zu tun. Wer auf Bezugschein kauft, zahlt Cent-Beträge; wer tatsächlich satt werden will, zahlt ein Vielfaches auf dem Schwarzmarkt oder tauscht gegen Zigaretten. In Luckenwalde wie andernorts bestimmen Trümmerbeseitigung, Ernährungsnot und der Wiederanlauf einzelner Betriebe — etwa der alten Tuchfabriken — den wirtschaftlichen Alltag, während die neue sowjetische Besatzungsmacht ab September mit der Bodenreform auch die Eigentumsverhältnisse auf dem Land grundlegend verändert.

Preisspiegel — Kartenpreis vs. Schwarzmarkt:

  • Brot: 0,37 RM/kg (Kartenpreis) — 20–60 RM/kg (Schwarzmarkt)
  • Butter: 7,82 RM/kg (Kartenpreis) — rund 250 RM/kg (Schwarzmarkt)
  • Schweinefleisch: 1,84 RM/kg (Kartenpreis) — 20–120 RM/kg (Schwarzmarkt)
  • Zucker: 0,88 RM/kg (Kartenpreis) — 170–250 RM/kg (Schwarzmarkt)
  • Eier: 0,12 RM/Stück (Kartenpreis)
  • Kartoffeln: 0,13 RM/kg (Kartenpreis)
  • Kaffee: auf dem Schwarzmarkt über 2.000 RM je Pfund
  • Zigarette: 5–20 RM (Schwarzmarkt, regional stark schwankend; im April bei 6–8 RM)

STIMMEN DER PRESSE · 1945

Bis zum Kriegsende erscheint nur die gleichgeschaltete NS-Presse, deren Zitate hier bewusst ausgespart bleiben. Erst mit der Zulassung einer lizenzierten Presse durch die Besatzungsmächte ab dem Sommer — kontrolliert, aber nicht mehr im Sinne des NS-Regimes gelenkt — entstehen wieder Zeitungen, die eigenständig Stellung beziehen. Zwei Beispiele aus dieser jungen Nachkriegspresse:

„Eine neue Zeitung in Frankfurt am Main. Eine Zeitung, die man bei der Post oder beim Träger bestellt, bezahlt und zugestellt erhält." — Frankfurter Rundschau, 1. August 1945

„Zum ersten Male in unserer Geschichte ist reiner Tisch gemacht worden." — Der Tagesspiegel, 27. September 1945

„Der Mut zum Bekenntnis gehört zu den demokratischen Pflichten." — Der Tagesspiegel, 30. Oktober 1945

SPORT · 1945

Mit dem Zusammenbruch des Reiches liegt auch der organisierte Sportbetrieb in Trümmern — Vereine sind aufgelöst, Sportplätze zerstört oder besetzt. Der Reichsbund für Leibesübungen, seit 1933 die einzige, dem Regime gleichgeschaltete Dachorganisation des deutschen Sports, existiert nicht mehr; mit ihm verschwinden auch die paramilitärisch geprägten Sportprogramme der Hitlerjugend. Sportplätze dienen vielerorts als Trümmerablagerung, Flüchtlingsunterkunft oder Kaserne der Besatzungstruppen. Erst mit Kriegsende beginnt unter alliierter Aufsicht, auch in der sowjetisch besetzten Mark Brandenburg, der mühsame Wiederaufbau: Zunächst finden sich nur lose, informelle Mannschaften auf notdürftig freigeräumten Plätzen zusammen, ehe unter behördlicher Kontrolle allmählich wieder feste Vereine entstehen — in der Sowjetischen Besatzungszone zunehmend als neu ausgerichtete, „antifaschistische" Sportgemeinschaften, ein Vorbote der späteren ostdeutschen Sportstrukturen. Der Alliierte Kontrollrat verbietet noch im Dezember die alten, NS-belasteten Vereinsstrukturen endgültig — ein Neustart von Grund auf.

MODE · 1945

In den Trümmern des Kriegsendes wird improvisierte Notmode zur Regel: Nach sechs Jahren Bezugscheinen und Reichskleiderkarte, dazu zerstörten Textilfabriken, gibt es kaum noch neuen Stoff zu kaufen. Aus Uniformstoffen, Fallschirmseide und Vorhängen entstehen behelfsmäßige Blusen und Kleider — selbst Brautkleider werden, mangels Seide, aus dem leichten, glänzenden Gewebe erbeuteter oder abgestürzter Fallschirme genäht. Alte Kleidungsstücke werden aufgetrennt, gewendet und umgeschneidert, Uniformtuch eingefärbt; Schuhe mit Holzsohlen ersetzen das knappe Leder. Materialnot bleibt allgegenwärtig. Von der einstigen Trachten- und Uniform-Ästhetik des Regimes ist nichts geblieben — geblieben ist allein der Mangel, während in Luckenwalde die alten Tuchfabriken erst im Sommer zögerlich die Produktion wieder aufnehmen.

KINO & FUNK · 1945

Bis Kriegsende bleiben Kinos vielerorts geschlossen oder zerstört; in Berlin ordnet der sowjetische Stadtkommandant Nikolai Bersarin bereits am 28. April, mitten in den letzten Kämpfen, die Wiedereröffnung von Kulturbetrieben an. Das erste neue Filmprogramm der Nachkriegszeit läuft am 19. Juli in Berlin — zunächst vor allem alte, unpolitische Unterhaltungsfilme, dazu Wochenschauen der Alliierten mit Aufnahmen aus den befreiten Lagern, die im Rahmen der Umerziehungspolitik gezielt gezeigt werden. Der Rundfunk kommt schneller wieder in Gang als das Kino: Radio Hamburg sendet ab dem 4. Mai, wenige Tage vor der Kapitulation, der Berliner Rundfunk folgt Mitte Mai unter sowjetischer Kontrolle, Radio Frankfurt im April unter amerikanischer und Radio München im Juni unter amerikanischer Lizenz — ein Flickenteppich zonal kontrollierter Sender, der die spätere föderale Rundfunklandschaft vorprägt.

GESTORBEN · 1945

  • Dietrich Bonhoeffer (39), Theologe und Widerstandskämpfer — hingerichtet am 9. April im KZ Flossenbürg, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers.
  • Anne Frank (15), Tagebuchschreiberin — gestorben an Typhus im KZ Bergen-Belsen; offiziell am 31. März verzeichnet, nach neueren Forschungen des Anne-Frank-Hauses (2015) vermutlich bereits im Februar.
  • Heinrich Himmler (44), Reichsführer SS — Suizid durch Zyankali am 23. Mai in britischer Gefangenschaft bei Lüneburg.
  • Robert Ley (57), Leiter der Deutschen Arbeitsfront — Suizid am 25. Oktober in seiner Zelle im Nürnberger Gefängnis, kurz vor Prozessbeginn.
  • Béla Bartók (64), ungarischer Komponist — gestorben am 26. September im New Yorker Exil an Leukämie.

LICHTBLICKE · Menschlichkeit, Mut und Wissenschaft

  • Befreiung des KZ Bergen-Belsen (15. April 1945). Britische Truppen befreien das überfüllte Lager und retten rund 60.000 Überlebende vor dem Tod durch Hunger und Seuchen.
  • Otto Frank erhält Anne Franks Tagebuch (Juli 1945). Nach seiner Rückkehr aus Auschwitz übergibt ihm Miep Gies die geretteten Aufzeichnungen seiner Tochter, die er später veröffentlicht — Bewahrung eines Zeugnisses.
  • Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geht an die Penicillin-Forscher (Oktober 1945). Alexander Fleming, Ernst Boris Chain und Howard Florey werden für die Entdeckung und Entwicklung des Penicillins geehrt — ein Durchbruch, der schon während des Krieges Abertausenden Verwundeten das Leben rettete.
  • Luckenwalder Tuchfabriken nehmen die Produktion wieder auf (Sommer 1945). In der traditionsreichen Tuchmacherstadt kehrt nach dem Kriegsende schrittweise der Betrieb in die Textilwerke zurück — ein erstes Zeichen wirtschaftlichen Wiederaufbaus in der befreiten Stadt.

DAS WETTER · 1945 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 27,9 °C, in der Nacht 17,7 °C; ein kurzer Schauer brachte 0,7 mm, die Sonne zeigte sich rund 8,5 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C — gut 0,6 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 33 °C am 16. Juli, kältester −16 °C am 10. Dezember. 8 Hitzetage (≥30 °C), 22 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 607 mm.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1945

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Lili Marleen — Marlene Dietrich (AFN-Version) / Lale Andersen (Original)
  2. Ich trag's im Herzen drin — Hans Moser
  3. In die schönste der Frauen hab' ich mich heute verliebt — Herbert Ernst Groh
  4. Ich bin heute frei, meine Herr'n — Kirsten Heiberg
  5. Am Himmel zieh'n die Wolken in die Ferne — Magda Hain
  6. Traumorchester — Rudi Schuricke
  7. Einen wie dich könnte ich lieben — Zarah Leander
  8. So glücklich wie du und so selig wie ich — Zarah Leander
  9. Ein Stern ist vom Himmel gefallen — Willy Berking
  10. Du bist mein Geheimnis — Willy Berking
  11. Kauf dir einen bunten Luftballon — Willy Berking
  12. Du und ich im Mondenschein — Ilse Werner
  13. Ich weiß, daß ich dich lieben muß — Ilse Werner
  14. Oh Susanna — Evelyn Künneke
  15. Rum and Coca-Cola — Andrews Sisters (via AFN)
  16. Sentimental Journey — Doris Day / Les Brown Orchestra
  17. In the Mood — Glenn Miller
  18. Moonlight Serenade — Glenn Miller
  19. An der schönen roten Donau — Hermann Leopoldi
  20. Heute macht die ganze Welt Musik für mich — Benny de Weille

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

„Offene Stadt“: Kiel wird ohne Kampf besetzt

Britische Offiziere bei einer Rundfahrt im Kieler Hafen
Generalleutnant E. H. Barker (8. Korps), Konteradmiral H. T. Baillie-Grohman (Hafenkommandant Kiel) und Generalleutnant Sir Miles Dempsey (2. Armee) bei einer Hafenrundfahrt in Kiel, 19. Mai 1945 (britischer Fotograf, Imperial War Museum, gemeinfrei)

Am 2. Mai um 21.30 Uhr teilt das Marineoberkommando Ostsee mit, dass Kiel nicht verteidigt wird. Am 3. Mai wird Kiel zur „offenen Stadt“ erklärt, zugleich ergeht der Befehl, Munition und Kriegsmaterial zu vernichten. Von morgens an wird überall geschossen und gesprengt, der Kreuzer Admiral Hipper, die Emden und alle nicht fahrklaren U-Boote werden von ihren eigenen Besatzungen gesprengt. Das Wirtschaftsamt erlaubt, Lebensmittel und Bekleidung aus Verpflegungsämtern und Lagerhäusern ohne Karten und Bezugsscheine zu verkaufen. Ein Teil der Bevölkerung schleppt heraus, was zu holen ist, zuerst in Körben, dann mit Blockwagen, Pferdefuhrwerken und Lastautos.

In der Nacht zum 3. Mai schlägt eine Bombe durch den Mittelbau des Rathauses bis in den Keller; der Turm bleibt stehen. In der Nacht zum 4. Mai folgt der 633. und letzte Fliegeralarm, einige Sprengbomben fallen in Holtenau und am Kanal. Am 4. Mai um 16 Uhr übergibt eine kleine britische Abordnung Oberbürgermeister Walter Behrens im Rathaus die ersten Befehle, die Übergabe verläuft unauffällig. Am 5. Mai vormittags sichern britische Marinesoldaten die Walter-Werke, Elac und die Deutschen Werke in Friedrichsort. Am 6. Mai trifft Brigadier Gail Patrick Henderson in Kiel ein, der zwei Tage später die Provinzial-Militärregierung übernimmt; am 7. Mai gilt die Stadt als vollständig besetzt: Panzer rollen durch die Straßen, die ersten Häuser werden beschlagnahmt.

Aus heutiger Sicht

Die Übergabe verlief ohne Kampf; noch bis in die letzten Apriltage hatte die Gestapo im Lager an der Rendsburger Landstraße Häftlinge erschießen lassen. Bei Kriegsende lagen rund 80 Prozent der Innenstadt in Trümmern, etwa 35 Prozent aller Gebäude der Stadt waren zerstört.

„Arbeitserziehungslager Nordmark“: die letzten Wochen

An der Rendsburger Landstraße in Hassee, nahe dem Russee, unterhält die Gestapo seit Juni 1944 das „Arbeitserziehungslager Nordmark“. Kommandant ist Johannes Post. In zwölf Monaten sind rund 5000 Häftlinge durch das Lager gegangen, zu 85 Prozent ausländische Zwangsarbeiter, mehr als die Hälfte davon Russen und Polen. Mitte April sind es etwa 900 Häftlinge; durch Evakuierungsmärsche aus anderen Lagern und Gefängnissen steigt die Zahl auf 1800.

Zwischen dem 16. und dem 26. April verzeichnet das Register des Friedhofs Eichhof 119 Bestattungen von Opfern des Lagers, darunter mehr als 60 Erschossene. Viele von ihnen gehörten der Widerstandsgruppe um Bernhard Scoor an, einen in Gaarden geborenen Beschäftigten des städtischen Maschinenamts; im Oktober 1944 waren 150 bis 200 Menschen aus diesem Kreis verhaftet worden.

Die Wachmannschaften vernichten Akten und fliehen in Zivil in Richtung Dänemark. Am 4. Mai erreichen britische Truppen das Lager, finden einige hundert Häftlinge in erbärmlichem Zustand vor und entdecken Massengräber.

Aus heutiger Sicht

Insgesamt starben im Lager fast 600 Menschen, etwa 300 von ihnen wurden in den beiden Wochen vor Kriegsende erschossen. Kommandant Post wurde 1947 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt, wegen der Erschießung von vier alliierten Fliegeroffizieren bei Rotenhahn am 29. März 1944; Fritz Schmidt erhielt dafür 1968 zwei Jahre Haft wegen Beihilfe, das Verfahren wegen des Lagers wurde eingestellt. Gedenksteine wurden 1971 und 1985 gesetzt, der Gedenkort wurde am 4. Mai 2003 eingeweiht.

Admiral Scheer kentert im Bauhafen

Gekenterter Schwerer Kreuzer Admiral Scheer
Die gekenterte Admiral Scheer im Kieler Hafen, Gemälde von Charles Cundall (Imperial War Museum, gemeinfrei)

Am Nachmittag des 3. April trifft bei schönem Wetter ein schwerer Luftangriff die Stadt. Vom Rathausturm werden 42 Bombenteppiche gezählt, besonders getroffen sind die Werften und Neumühlen-Dietrichsdorf; Gas, Wasser und Licht fallen aus. Eine Sprengbombe verschüttet den Eingang des Moltke-Stollens, rund 230 Menschen kommen dort ums Leben. Im Lessing-Bunker sterben 20 Menschen durch einen Volltreffer. Zwölf Schiffe werden versenkt, darunter das Wohnschiff „New York“ und das Lazarettschiff „Monte Olivia“.

Am 4. April um 8.34 Uhr folgt Großalarm. Die Bomben fallen in 34 Teppichen auf alle drei Werften sowie auf Gaarden und Ellerbek; 26 Menschen sterben. Die Lutherkirche am Schrevenpark wird zerstört. Viele Sirenen sind ausgefallen, in den letzten Kriegswochen warnen Sirenenwagen.

In der Nacht zum 10. April greifen über 300 Flugzeuge der Royal Air Force den Hafen an. Der Schwere Kreuzer Admiral Scheer kentert nach fünf Bombentreffern im äußeren Bauhafen der Deutschen Werke. Das Schiff war am 18. März mit Flüchtlingen von Swinemünde in Kiel eingetroffen; die Besatzung war überwiegend an Land. Auch das Wohnschiff „General Osorio“ wird erneut getroffen und versenkt, das Ellerbeker Fischerhaus im Werftpark wird zerstört, die Vicelinkirche in der Harmsstraße getroffen.

Vorlesung in der Fabrik: Universität wieder eröffnet

Ruine des Kollegienhauses der Universität
Ruine des Kollegiengebäudes der Christian-Albrechts-Universität im Schlossgarten, Aufnahme aus den Jahren 1945 bis 1949 (Gotthold Sommer, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Am 27. November eröffnet die Christian-Albrechts-Universität wieder den Lehrbetrieb. Vom Kollegienhaus stehen nur noch Mauerreste, nach dem Sommersemester 1944 ruhten Lehre und Forschung; die Einrichtungen waren über 18 Orte in Schleswig-Holstein verstreut. Neues Quartier sind 13 Gebäude der Elac am Westring, die am 10. Juli begutachtet wurden. Der Geograph Karl Gripp hatte bei Rektor Gerhard Creutzfeldt und der Militärregierung für den Standort geworben; die Sprengung der Anlage unterblieb.

Gewohnt wird auf Schiffen: Die Wohnschiffe „Sofia“, „Barbara“, „Orla“ und „Hamburg“ an der Seeburg beherbergen rund 1000 Studenten und 50 Hochschullehrer; auf der „Sofia“ finden unter Deck auch Vorlesungen und Seminare statt. Am 21. November hatte die Militärregierung schriftlich zugestimmt. Zunächst sind 1800 Studenten zugelassen, dann 2500, ehemalige Wehrmachtoffiziere dürfen höchstens ein Zehntel stellen, und die Studenten beteiligen sich an der Trümmerbeseitigung.

Um 9.30 Uhr tagt der Senat, um 10.30 Uhr beginnt die Feier in der Mensa, die zugleich als Aula dient. Es sprechen Brigadier Henderson, Oberpräsident Theodor Steltzer und der Rektor. Schon in den Wochen davor haben Studienwillige mit Eimern und Schaufeln das Zoologische Institut in der Hegewischstraße freigeräumt; weil Gestühl fehlt, sind Bänke aus Luftschutzbunkern zugesagt, und die Studenten sollen eigene Sitzgelegenheiten mitbringen. Die Germanisten bleiben am Niemannsweg: In der „Fabrik“ lasse sich keine Lyrik vermitteln.

Dönitz in Plön: Nachricht vom Tod Hitlers

Im Kreis Plön hat Großadmiral Karl Dönitz mit Teilen der Reichsregierung Quartier genommen, in einem Barackenlager bei Plön. Am 30. April hatte ihm Martin Bormann mitgeteilt, er sei zum Nachfolger Hitlers bestimmt; dass Hitler nicht mehr lebte, hatte er verschwiegen. Am 1. Mai um 15.18 Uhr geht in Plön das Telegramm ein, das den Tod meldet. Am späten Abend spricht Dönitz über den Reichssender Hamburg: Hitler sei „gefallen“; dass er sich das Leben genommen hatte, sagt er nicht.

Nach einer Kabinettssitzung am 2. Mai in Eutin zieht sie wegen des Vormarschs der Alliierten nach Flensburg weiter und bezieht am 3. Mai die Marinesportschule in Mürwik. Plön wird „offene Stadt“. Am 4. Mai unterzeichnet Hans-Georg von Friedeburg im Auftrag von Dönitz die Teilkapitulation für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande; am 8. Mai endet der Krieg in Europa.

KURZ NOTIERT · Kiel 1945

  • April — Bei den Luftangriffen auf Kiel wird das Gebäude der Holsatiamühle an der Schwentinemündung in Neumühlen zerstört.
  • 1. Mai — Weiß gestrichene Busse und Krankenwagen mit Rotkreuz-Zeichen fahren durch das Tor des Lagers Kiel-Hassee und nehmen Häftlinge auf; die Fahrt geht nach Schweden, Teil der Rettungsaktion des Schwedischen Roten Kreuzes unter Graf Folke Bernadotte.
  • 14./15. Mai — Die Briten setzen Oberbürgermeister Walter Behrens ab und verhaften ihn; am 15. Mai ernennt die Militärregierung Dr. Max Emcke zum kommissarischen Oberbürgermeister. Am 14. Mai ernennt die Militärregierung Otto Hoevermann zum kommissarischen Oberpräsidenten der Provinz.
  • 4. Juni — Das Nachrichtenblatt der Militärregierung erscheint erstmals. Emcke schreibt: „Wir sind eine Notgemeinschaft … Lassen Sie uns arbeiten und nicht verzweifeln.“ Feldmarschall Montgomery nennt als Ziele Nahrung, Obdach und Freisein von Krankheit.
  • 10. Juni — Die Admiralität der Royal Navy entscheidet, dass in Kiel nur die Howaldtswerke als Werft arbeiten dürfen, als Reparaturbetrieb.
  • 25. Juni — Der Kaiser-Wilhelm-Kanal ist erstmals nach dem Krieg wieder in voller Länge befahrbar.
  • 21. Juli — Die Straßenbahn fährt wieder, zunächst die Linie 4 zwischen dem Depot Gaarden und der Knorrstraße in der Wik; seit dem 4. April stand der Verkehr still.
  • 20. September — Die Humboldt-Schule öffnet als eine der ersten höheren Schulen der Provinz wieder. Die Lehrer müssen unterschreiben, den Militarismus nicht zu verherrlichen; das Nibelungenlied soll wegen seines blutrünstigen Charakters aussortiert werden.
  • 15. November — Theodor Steltzer wird Oberpräsident. Am 6. Dezember ernennt die Militärregierung die Stadtvertreterversammlung mit 22 Mitgliedern der CDU, 16 der SPD und 11 der KPD; gewählt wird nicht.

RUND UM DIE FÖRDE · 1945

  • 1945, Eckernförde — Die Einwohnerzahl der Stadt wächst im Lauf des Jahres von etwa 16.000 auf mehr als 26.000, vor allem durch Flüchtlinge.
  • Nach Kriegsende, Laboe — Die britische Besatzungsmacht beschlagnahmt das Marine-Ehrenmal; die Bauten sind vergleichsweise wenig beschädigt, viele Ausstellungsstücke aber zerstört oder entwendet.

SPORT AN DER FÖRDE · 1945

  • Holstein Kiel — Die Kieler Staffel, seit dem vergangenen Herbst Ersatz für die abgebrochene Gauliga Schleswig-Holstein, kann nicht zu Ende gespielt werden; beim letzten Tabellenstand im März führt Holstein Kiel. Eine Meisterschaft wird nicht ausgespielt.
  • Holstein Kiel — Am 1. September findet das erste Fußballspiel in Kiel seit Kriegsende statt: Holstein schlägt den VfB Kiel auf der Waldwiese 3:2 vor 5000 Zuschauern, unter den Torschützen ist Franz Linken. Der Holsteinplatz an der Projensdorfer Straße ist durch Bomben zerstört, Tribüne und Spielfeld sind zerstört, die drei Nebenplätze nur eingeschränkt nutzbar.
  • Segeln — Die britische Besatzung veranstaltet vom 31. August bis 4. September eine „Kiel Week“ ohne deutsche Teilnehmer, mit Regatten in mehreren Klassen, Leichtathletik, Fußball, Cricket, Hockey, Reiten und Schwimmen, dazu ein Symphoniekonzert, drei Tanzveranstaltungen und zwei Feuerwerke. Den Briten stehen rund 45 Segelschiffe zur Verfügung; der Yacht-Club von Deutschland ist aufgelöst, Klubhaus und die meisten Boote sind beschlagnahmt.
  • THW Kiel — Der Turnverein Hassee-Winterbek, 1944 Gaumeister im Feldhandball, spielt wenige Monate nach Kriegsende wieder Freundschaftsspiele.

DAS WETTER · 1945 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein trockener, milder Julitag: Höchstwert 19,8 °C, in der Nacht 14,0 °C, im Mittel 17,5 °C; es fiel kein Niederschlag.

Das Jahr über: Wärmster Tag 27,0 °C am 15. Juli, kältester Tiefstwert −10,3 °C am 10. Dezember.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)