DER CHRONIST
Ein Jahr der Abrechnung und der Weichenstellung: Während in Nürnberg das Urteil über die Hauptschuldigen gesprochen wird, ordnet sich die Mark Brandenburg unter sowjetischer Besatzung politisch und gesellschaftlich neu — bei knappem Brot und kaltem Ofen. Zugleich sucht die Welt jenseits der Trümmer nach neuer Ordnung: In London tritt die erste Vollversammlung der Vereinten Nationen zusammen, in Genf löst sich der gescheiterte Völkerbund auf, und mit dem Referendum in Italien und der Wahl Peróns in Argentinien verschieben sich anderswo die politischen Landkarten. Über dem Bikini-Atoll zünden die USA erstmals Atombomben vor aller Augen der Weltöffentlichkeit, während der ENIAC in Pennsylvania das Zeitalter des Digitalrechners einläutet. Das Pogrom von Kielce zeigt, dass der Hass des Krieges auch nach dessen Ende weiterwirkt, während Churchills Zürcher Rede für ein geeintes Europa erste Hoffnung auf Versöhnung weckt. Ein Jahr also, in dem sich schon die Konturen der kommenden, geteilten Welt abzeichnen.
Churchill warnt vor dem „Eisernen Vorhang"

In der Turnhalle des Westminster College im kleinen Fulton, Missouri, hält der frühere britische Premierminister Winston Churchill vor über 3.000 Zuhörern eine Rede unter dem Titel „The Sinews of Peace" (Die Muskeln des Friedens), die zum Menetekel des beginnenden Kalten Krieges wird: „Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang über den Kontinent gesenkt." Anlass ist eine Ehrendoktorwürde, die das kleine College dem prominenten Gast verleiht; Churchill, seit der Wahlniederlage vom Juli 1945 nur noch Oppositionsführer ohne Regierungsamt, spricht formal als Privatmann. Neben ihm auf dem Podium sitzt jedoch US-Präsident Harry S. Truman, gebürtiger Missourianer, der die Einladung persönlich eingefädelt und zur Bedingung gemacht hatte, selbst zu erscheinen und Churchill vorzustellen — was der Rede trotz aller offiziellen Zurückhaltung Washingtons erhebliches politisches Gewicht verleiht. Churchill warnt eindringlich vor der sowjetischen Kontrolle über Ost- und Mitteleuropa und vor kommunistischer Unterwanderung im Westen; er prägt zugleich den Begriff der „besonderen Beziehung" zwischen den USA und dem britischen Commonwealth und ruft zu deren engem Schulterschluss auf. Die Metapher vom „Eisernen Vorhang" selbst ist nicht neu — schon Propagandaminister Joseph Goebbels hatte sie im Februar 1945 in der Wochenzeitung „Das Reich" verwendet —, doch erst Churchills Rede macht sie zur festen Chiffre der Weltpolitik. Wenige Tage später antwortet Josef Stalin in einem vielbeachteten Interview der „Prawda" scharf: Er rückt Churchill in die Nähe Hitlers und wirft ihm Kriegshetze vor. Auch die von der SMAD gelenkte Presse der Sowjetischen Besatzungszone greift diese Lesart auf und brandmarkt Churchill als Kriegstreiber. Für viele Beobachter markiert der Auftritt in Fulton dennoch den Moment, in dem aus Kriegsalliierten offen Rivalen werden — mit Deutschland, und mit der Mark Brandenburg mittendrin, als Bruchlinie eines sich teilenden Kontinents.
Aus heutiger Sicht
Historiker datieren mit der Fulton-Rede rückblickend oft den informellen Beginn des Kalten Krieges. In der Mark Brandenburg konnte 1946 kaum jemand die Rede im Wortlaut lesen — die SMAD-gelenkte Presse druckte nur Stalins scharfe Erwiderung und die eigene Verurteilung Churchills als Kriegstreiber, während OMGUS-Umfragen im Westen zeigten, wie tief das Misstrauen gegenüber der Sowjetunion in der Bevölkerung bereits saß. Der von Churchill besungene „Eiserne Vorhang" fällt erst 1989/90 — fast 44 Jahre nach seiner Rede.
SED — die Zwangsvereinigung in Berlin

Im Admiralspalast in Berlin vereinigen sich SPD und KPD der Sowjetischen Besatzungszone auf einem zweitägigen Vereinigungsparteitag unter erheblichem Druck der sowjetischen Militäradministration (SMAD) zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Begründet wird der Schritt mit der historischen Spaltung der Arbeiterbewegung, die 1933 den Sieg der Nationalsozialisten mit ermöglicht habe — ein Argument, das viele Sozialdemokraten in der SBZ unter dem Druck der Besatzungsmacht nur widerwillig teilen. Otto Grotewohl, Vorsitzender des SPD-Zentralausschusses, und Wilhelm Pieck, KPD-Vorsitzender, besiegeln den Zusammenschluss mit einem Händedruck, der zum Propagandabild und Parteisymbol der neuen Einheitspartei wird. Ganz anders verläuft die Entwicklung im Westteil Berlins: Dort lässt der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, der von Hannover aus vehement gegen jede Fusion mit den Kommunisten opponiert, am 31. März eine Urabstimmung unter den Westberliner Genossen durchführen. Bei einer Beteiligung von rund 70 Prozent sprechen sich 82,3 Prozent gegen eine sofortige Vereinigung aus — die SMAD untersagt die Abstimmung in ihrem eigenen Sektor, sodass die SPD in Berlin fortan gespalten bleibt: in den Westsektoren eigenständig, in der SBZ in der SED aufgegangen. Sozialdemokraten, die sich der Vereinigung widersetzen, geraten unter Druck, Redeverbote und mancherorts Verhaftung durch die sowjetischen Behörden; Tausende fliehen in der Folge in die Westzonen. Auch in der Mark Brandenburg, deren Provinzialverwaltung unter ihrem SMAD-eingesetzten Präsidenten Karl Steinhoff fest in der SBZ verankert ist, prägt die neue Einheitspartei von nun an das politische Leben bis in die Kreise und Gemeinden hinein — Steinhoff selbst wird noch im gleichen Jahr erster Ministerpräsident des Landes Brandenburg.
Aus heutiger Sicht
Erst nach 1989 setzt sich in der historischen und politischen Aufarbeitung durchgängig der Begriff „Zwangsvereinigung" durch, den die DDR-Propaganda selbst nie verwendete — dort feierte man den 21./22. April jahrzehntelang als freiwilligen „Tag der Einheit der Arbeiterklasse". Die Verschmelzung zur SED gilt heute als Gründungsakt der SED-Diktatur, die bis 1989 ohne echten Machtwechsel regiert; ehemalige Sozialdemokraten, die 1946 unter Druck gerieten, werden erst nach der Wiedervereinigung öffentlich rehabilitiert.
3 · „Junkerland in Bauernhand" — die Bodenreform verändert das Land
Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone, 1945/46 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)
Was am 2. September 1945 im brandenburgischen Kyritz mit der Verkündung Wilhelm Piecks unter der Losung „Junkerland in Bauernhand" begann, prägt 1946 das Bild der ganzen Mark. Die als Bauernkundgebung getarnte Veranstaltung war vom KPD-Bezirkssekretär Willy Sägebrecht sorgfältig vorbereitet worden; Kyritz war nicht zufällig gewählt — in der Umgebung lagen fünf, sechs große Rittergüter, die als erste Objekte der Enteignung dienen sollten. Die rechtliche und organisatorische Ausarbeitung der Reform stammt maßgeblich von Edwin Hoernle, der als Vizepräsident der Provinzialverwaltung Brandenburg und ab August 1945 als Präsident der Deutschen Zentralverwaltung für Land- und Forstwirtschaft der SBZ die Umwälzung der Landwirtschaft leitet. Auf Beschluss der sowjetischen Besatzungsmacht werden Güter über 100 Hektar sowie Land von NS-Funktionären und „Kriegsverbrechern" entschädigungslos enteignet. Zonenweit sind es über 7.000 Betriebe, rund 3,3 Millionen Hektar — etwa ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche —, die an mehr als 550.000 Neubauern, Landarbeiter und Vertriebene verteilt werden, häufig in Parzellen von nur fünf bis acht Hektar und oft ohne ausreichendes Vieh, Saatgut oder Gerät, was den Neubauern die ersten Jahre zusätzlich erschwert. Auch im Kreis Jüterbog-Luckenwalde, der im März 1946 in Landkreis Luckenwalde umbenannt wird und seine Kreisverwaltung nun in der Stadt selbst hat, wechseln Rittergüter und Herrenhäuser den Besitzer. Die Neuordnung des Bodens ist zugleich Existenzgrundlage für Hunderttausende Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und politisches Fundament, auf dem die SED in den Dörfern der SBZ ihre Vormacht aufbaut.
Aus heutiger Sicht
Nach der Wiedervereinigung entscheidet das Bundesverfassungsgericht am 23. April 1991 und endgültig am 5. Mai 1996, dass die entschädigungslosen Enteignungen der Bodenreform von 1945 bis 1949 nicht rückgängig gemacht werden — anders als spätere DDR-Enteignungen. Begründet wird dies mit einer angeblichen Bedingung der Sowjetunion für ihre Zustimmung zur deutschen Einheit; die Entscheidung bleibt bis heute politisch umstritten.
Nürnberg spricht Recht — die Urteile gegen die Hauptkriegsverbrecher

Der Internationale Militärgerichtshof, von den vier Siegermächten USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich gemeinsam getragen, hatte den Prozess am 20. November 1945 im Nürnberger Schwurgerichtssaal eröffnet; nach 218 Verhandlungstagen und fast einem Jahr Beweisaufnahme verkündet er nun sein Urteil gegen die 21 anwesenden Hauptangeklagten (ein 22., Martin Bormann, wird in Abwesenheit verurteilt). Zwölf von ihnen — darunter Hermann Göring, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Ernst Kaltenbrunner, Alfred Rosenberg, Hans Frank, Wilhelm Frick, Julius Streicher, Fritz Sauckel, Alfred Jodl und Arthur Seyß-Inquart sowie Bormann — werden zum Tode verurteilt. Rudolf Hess, Walther Funk und Erich Raeder erhalten lebenslange Haft; Karl Dönitz (10 Jahre), Konstantin von Neurath (15 Jahre) sowie Baldur von Schirach und Albert Speer (je 20 Jahre) werden zu zeitiger Haft verurteilt. Drei Angeklagte — Franz von Papen, Hjalmar Schacht und Hans Fritzsche — werden freigesprochen, was in der alliierten Öffentlichkeit auf Kritik stößt. Göring entzieht sich der Hinrichtung nur Stunden vorher durch Selbstmord mittels einer eingeschmuggelten Zyankalikapsel; die übrigen zehn zum Tode Verurteilten werden in der Nacht zum 16. Oktober in einer eigens umgebauten Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses gehenkt. Die Leichen werden anschließend nach München überführt und eingeäschert, die Asche in einen Nebenfluss der Isar gestreut, um jede Grabstätte als Kultstätte zu verhindern. Erstmals in der Geschichte müssen sich Staats- und Militärführer eines besiegten Landes vor einem internationalen Gericht für Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten; die in Nürnberg entwickelten Rechtsgrundsätze fließen später in das Völkerrecht der Vereinten Nationen ein. In der Mark Brandenburg, wo die SBZ-Presse die Urteile als gerechte Sühne feiert, wird das Fanal von Nürnberg in den Wohnstuben zugleich mit Erschütterung und stiller Verdrängung aufgenommen.
Aus heutiger Sicht
Die in Nürnberg entwickelten Grundsätze — dass es für Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit keine Immunität für Staatsführer geben darf — werden als „Nürnberger Prinzipien" zur Grundlage des modernen Völkerstrafrechts und ebnen den Weg zu den UN-Tribunalen für Jugoslawien und Ruanda sowie 1998 zum Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Zugleich bleibt die Kritik an einer „Siegerjustiz" — Kriegsverbrechen der Alliierten selbst standen nicht zur Anklage — ein bis heute diskutierter Schatten über dem Verfahren.
Brandenburg wählt seinen ersten Landtag

Vorausgegangen sind im September bereits die ersten Kommunalwahlen der Zone: Am 1. und 15. September wählen die fünf Länder ihre Gemeinde- und Kreisvertretungen, doch dürfen CDU und LDP nur in rund einem Fünftel der Gemeinden überhaupt eigene Listen aufstellen, während Papier und Druckkapazität einseitig der SED zufallen. Trotz dieser Vorteile kommt die SED gemeindeweit nur auf 57,1 Prozent — ein Ergebnis, das selbst in der eigenen Partei als Denkzettel gewertet wird. Bei den Landtagswahlen der gesamten Sowjetischen Besatzungszone tritt am 20. Oktober auch das Land Brandenburg erstmals wieder mit konkurrierenden Parteilisten an — neben SED, CDU und LDP auch die von der SED gelenkte Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe. Es sind, neben den Kommunalwahlen im September, die einzigen Wahlen dieses Jahres in der SBZ, die trotz massiver Unterstützung der Besatzungsmacht für die SED noch den Anschein einer freien, geheimen Abstimmung wahren. Das Ergebnis fällt für die SED enttäuschend aus: Mit 43,9 Prozent erzielt sie in Brandenburg ihr schwächstes Resultat aller fünf Länder der Zone, während CDU (30,6 Prozent) und LDP (20,6 Prozent) zusammen die knappe Mehrheit gegenüber SED und dem ihr nahestehenden Bauernverband erringen. Am 22. November tritt der neue Landtag im Potsdamer Landtagsgebäude zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen; Friedrich Ebert (Sohn des ersten Reichspräsidenten, SED) wird Landtagspräsident, während der bereits von der SMAD eingesetzte Karl Steinhoff als Ministerpräsident im Amt bestätigt wird. Die Abgeordneten nehmen die Arbeit an einer Landesverfassung auf, die im folgenden Frühjahr verabschiedet werden soll — ein letzter Schimmer parlamentarischer Vielfalt, bevor die SED in den Folgejahren mit Übertritten, Blockparteibildung und Wahlfälschung ihre Vormacht festigt.
Noch deutlicher fällt die Schlappe für die SED am selben 20. Oktober in Groß-Berlin aus, wo die vier Besatzungsmächte allen Parteien gleiche Startbedingungen zugestehen mussten — der einzigen gesamtstädtischen Wahl zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung. Bei einer Beteiligung von 92,3 Prozent kommt die SED dort nur auf 19,8 Prozent und landet abgeschlagen hinter SPD (48,7 Prozent) und CDU (22,2 Prozent) auf dem dritten Platz, knapp vor der LDP (9,3 Prozent). Der SPD-Spitzenkandidat Otto Ostrowski übernimmt in der Folge das Amt des Oberbürgermeisters von Groß-Berlin.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Mecklenburg-Vorpommern, 20. Oktober — SED 49,5 %, CDU 34,1 %. Wie in den übrigen SBZ-Ländern regiert die SED im „antifaschistisch-demokratischen Block" mit den bürgerlichen Parteien.
- Sachsen, 20. Oktober — SED 49,1 %, LDP 24,7 %. Auch hier bleibt die absolute Mehrheit der SED verwehrt.
- Sachsen-Anhalt, 20. Oktober — SED 45,8 %, LDP 29,9 %. Nach Brandenburg das zweitschwächste SED-Ergebnis der Zone.
- Thüringen, 20. Oktober — SED 49,3 %, LDP 28,5 %. Blockregierung unter SED-Führung.
- Bayern, 30. Juni und 1. Dezember — CSU 58,3 % / 52,3 %, SPD 28,8 % / 28,6 %. Erst wählt die US-Zone eine Verfassunggebende Landesversammlung, im Dezember dann den ersten ordentlichen Landtag; Hans Ehard (CSU) wird Ministerpräsident.
- Hessen, 30. Juni und 1. Dezember — SPD 44,3 % / 42,7 %, CDU 37,3 % / 31,0 %. Gleiches zweistufiges Verfahren; Christian Stock (SPD) bildet eine Koalition mit der CDU.
- Württemberg-Baden, 30. Juni und 24. November — CDU 40,9 % / 38,4 %, SPD 32,3 % / 31,9 %. Obwohl die CDU stärkste Kraft wird, bleibt der Liberale Reinhold Maier Ministerpräsident.
- Bremen und Hamburg (Britische Zone), 13. Oktober — SPD 47,6 % bzw. 43,1 %, CDU 18,9 % bzw. 26,7 %. Beide Hansestädte bleiben fest in sozialdemokratischer Hand.
Aus heutiger Sicht
Die Wahlen vom 20. Oktober 1946 bleiben, trotz aller Vorteile für die SED, die letzten mit echter Auswahl zwischen konkurrierenden Parteien, die die Menschen in der SBZ und späteren DDR bis 1990 erleben — von 1950 an tritt die SED nur noch mit „Einheitslisten" der Nationalen Front an, bei denen es formal nichts mehr zu entscheiden gibt. Dass schon 1946 das Ergebnis knapper ausfiel, als die SED-Führung erhofft hatte, deckt sich mit den zeitgleichen amerikanischen OMGUS-Umfragen im Westen, die ein tiefes Misstrauen gegenüber kommunistisch dominierten Parteien belegen — ein früher Hinweis darauf, wie weit veröffentlichte Zuversicht und tatsächliche Stimmung schon 1946 auseinanderklafften.
Erste Vollversammlung der Vereinten Nationen tritt zusammen

In der von Blindgängern und Bombensplittern gezeichneten Westminster Central Hall in London eröffnen Delegierte aus 51 Gründungsstaaten die erste Vollversammlung der neu gegründeten Vereinten Nationen — ein gutes halbes Jahr nach der Unterzeichnung der UN-Charta in San Francisco. Zum ersten Präsidenten der Generalversammlung wählen die Delegierten den belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak, der sich knapp mit 28 zu 23 Stimmen gegen den norwegischen Kandidaten Trygve Lie durchsetzt; noch während der Sitzungswoche tagt erstmals auch der neue Sicherheitsrat mit seinen fünf ständigen Mitgliedern USA, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und der Republik China. Am 1. Februar wählt die Vollversammlung dann eben jenen Trygve Lie zum ersten UN-Generalsekretär — einen Kompromisskandidaten, auf den sich die Vetomächte nach zähem Ringen einigen. Deutschland, gerade erst besiegt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt, ist von der neuen Weltorganisation zunächst ausgeschlossen und wird ihr erst Jahrzehnte später — 1973, in Gestalt zweier deutscher Staaten — beitreten. Für die Siegermächte markiert London dennoch den institutionellen Neubeginn, den der gescheiterte Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg nicht hatte leisten können: ein ständiges Forum, das Kriege künftig verhindern soll, wo Diplomatie und Mächtegleichgewicht zuvor versagt hatten.
Der ENIAC — eine Rechenmaschine verändert die Welt

An der University of Pennsylvania stellen Armee und Universität in der Moore School of Electrical Engineering der Öffentlichkeit den ENIAC (Electronic Numerical Integrator and Computer) vor, seit 1942 im Auftrag der US-Armee entwickelt von den Ingenieuren John Presper Eckert und John Mauchly. Die Presse feiert die rund 30 Tonnen schwere, mit 17.468 Elektronenröhren bestückte Maschine als „elektronisches Superhirn", das Rechenaufgaben, für die ein Mensch 20 Stunden benötigt, in etwa 30 Sekunden löst; der New-York-Times-Reporter T. R. Kennedy jr. berichtet an diesem Tag erstmals öffentlich über das zuvor geheime Rüstungsprojekt. Programmiert wird der ENIAC in mühevoller Handarbeit über Kabel und Schalter, überwiegend von einem sechsköpfigen Team junger Frauen — Kay McNulty, Betty Jennings, Betty Snyder, Marlyn Meltzer, Fran Bilas und Ruth Lichterman —, die als „ENIAC Women" später zu den ersten Programmiererinnen der Computergeschichte gezählt werden, zu ihrer Zeit aber kaum öffentliche Anerkennung finden. Ursprünglich zur Berechnung von Artillerie-Feuertafeln gedacht, kommt die Maschine wegen des Kriegsendes zu spät für ihren militärischen Zweck, wird aber noch im selben Jahrzehnt auch für Berechnungen zum Bau der Wasserstoffbombe genutzt. Mit dem ENIAC beginnt das Zeitalter des elektronischen Digitalrechners — eine Revolution, deren Tragweite 1946 kaum jemand erahnt.
Perón zum Präsidenten Argentiniens gewählt

Bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen Argentiniens nach Jahren der Militärherrschaft setzt sich der frühere Arbeits- und Kriegsminister Juan Domingo Perón mit rund 55,8 Prozent der Stimmen klar gegen den Kandidaten der oppositionellen „Demokratischen Union", José Tamborini, durch. Perón, der sich im Wahlkampf als Anwalt der Arbeiterschaft gegen Großgrundbesitzer, US-Botschaft und traditionelle Eliten inszeniert, stützt seine Bewegung auf die Gewerkschaften und auf seine populäre Frau Eva Perón (Evita), die als Rundfunksprecherin und spätere Sozialministerin zur eigenständigen politischen Figur wird. Am 4. Juni wird Perón vereidigt und tritt sein Amt an, das er bis zu seinem Sturz 1955 ausüben wird; seine Politik der Industrialisierung, staatlichen Umverteilung und eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus geht als „Peronismus" in die Geschichte Lateinamerikas ein. International sorgt Perón für Kontroversen, da sein Wahlkampf offene Sympathien für die besiegten Achsenmächte erkennen lässt; Argentinien wird in den Folgejahren zudem zum Zufluchtsort für zahlreiche NS-Täter, die der Strafverfolgung in Europa entkommen. Für die einstigen Kriegsgegner Deutschland und die Sowjetunion bleibt Argentinien 1946 vor allem eines: ein fernes Land, in dem sich die alten Fronten des Weltkriegs neu und unübersichtlich mischen.
Der Völkerbund besiegelt sein Ende

Im Genfer Palais des Nations tritt zum letzten Mal die Vollversammlung des 1920 gegründeten Völkerbunds zusammen. Die noch 34 verbliebenen Mitgliedstaaten beschließen einstimmig die Selbstauflösung der Organisation mit Wirkung zum folgenden Tag, dem 19. April; der britische Diplomat Lord Robert Cecil, einer der Gründungsväter, hält die letzte Rede und mahnt: „Der Völkerbund ist tot — es lebe die Organisation der Vereinten Nationen." Vermögen, Archive, der Genfer Gebäudekomplex und zahlreiche technische Kommissionen (etwa zu Gesundheit, Flüchtlingsfragen und Arbeitsrecht) gehen an die erst wenige Monate zuvor gegründeten Vereinten Nationen über, die sich ausdrücklich als deren Nachfolgeorganisation versteht — mit dem Anspruch, es besser zu machen als die Vorgängerin, die weder die japanische Mandschurei-Invasion 1931 noch Italiens Überfall auf Abessinien 1935 noch am Ende Hitlers Aggression hatte verhindern können. Deutschland war dem Völkerbund 1926 beigetreten und bereits 1933 unter Hitler wieder ausgetreten — ein früher Schritt auf dem Weg in die außenpolitische Isolation und den Krieg. Mit der Selbstauflösung in Genf endet 1946 endgültig das Kapitel einer Weltordnung, deren Scheitern die Katastrophen der Zwischenkriegszeit erst ermöglicht hatte.
Italien wird Republik

In einem gleichzeitigen Referendum über die Staatsform und der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung stimmen die Italiener erstmals in ihrer Geschichte auch mit Beteiligung der Frauen ab — und entscheiden sich mit 54,3 Prozent der Stimmen knapp für die Republik, gegen 45,7 Prozent für den Erhalt der Monarchie. Das Ergebnis offenbart einen tiefen Nord-Süd-Graben: Während der industrialisierte Norden mehrheitlich die Abschaffung der Monarchie verlangt, votieren der agrarische Süden sowie die Inseln Sizilien und Sardinien für ihren Erhalt. König Umberto II., erst im Mai desselben Jahres nach der Abdankung seines im Faschismus kompromittierten Vaters Viktor Emanuel III. auf den Thron gelangt und daher als „Maikönig" (Re di Maggio) verspottet, geht wenige Tage nach der Verkündung des Ergebnisses ins portugiesische Exil, ohne es formell anzuerkennen. Am 13. Juni wird die Republik offiziell ausgerufen; Enrico De Nicola übernimmt als vorläufiges Staatsoberhaupt die Amtsgeschäfte, während die neu gewählte Versammlung unter Führung von Christdemokraten, Sozialisten und Kommunisten mit der Ausarbeitung einer demokratischen Verfassung beginnt, die 1948 in Kraft tritt. Für das nach 20 Jahren Mussolini-Diktatur und Krieg am Boden liegende Land ist der 2. Juni bis heute als „Festa della Repubblica" Italiens Nationalfeiertag.
Pogrom von Kielce erschüttert die jüdischen Überlebenden

In der polnischen Stadt Kielce ermorden aufgehetzte Bewohner, Soldaten und Milizionäre im Zuge einer antisemitischen Ritualmordlegende — dem Gerücht, ein verschwundener christlicher Junge sei von Juden entführt worden — 42 jüdische Überlebende des Holocaust sowie zwei ihnen zu Hilfe eilende Polen; über 40 weitere Menschen werden verletzt. Anlass ist die Rückkehr des angeblich vermissten Kindes, das unversehrt wieder auftaucht — doch das aufgehetzte Gerücht hat sich da bereits zu einem tagelangen Gewaltexzess gegen die im örtlichen jüdischen Komitee versammelten Überlebenden ausgewachsen, denen kaum ein Jahr zuvor Konzentrationslager und Vernichtung entkommen waren. Das Pogrom, eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im Nachkriegseuropa, löst eine Fluchtwelle aus: Zehntausende der noch in Polen verbliebenen jüdischen Überlebenden verlassen in den folgenden Monaten das Land in Richtung der westlichen Besatzungszonen Deutschlands und Österreichs sowie Palästinas — für viele die endgültige Bestätigung, dass ein jüdisches Leben in Polen nach dem Holocaust keine Zukunft mehr hat. In den überfüllten „Displaced Persons"-Lagern der amerikanischen und britischen Zone, weit entfernt von der Mark Brandenburg, wächst die Zahl der jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa in der Folge sprunghaft an — ein bitteres Nachspiel des Krieges, das sich noch Jahre hinzieht.
Atombombentests im Pazifik — Operation Crossroads

Vor den Augen hunderter Journalisten, Politiker und internationaler Beobachter sowie rund 42.000 beteiligter Militärs und Wissenschaftler zünden die USA im Rahmen der „Operation Crossroads" über dem Bikini-Atoll in den Marshallinseln zwei Atombomben — die ersten Kernwaffentests nach Hiroshima und Nagasaki und die ersten überhaupt, die öffentlich vor Publikum stattfinden. Test „Able" detoniert am 1. Juli, von einem B-29-Bomber über eine Flotte von 95 ausgemusterten und erbeuteten Kriegsschiffen abgeworfen; Test „Baker" folgt am 25. Juli als Unterwasserexplosion, die eine radioaktiv verseuchte Wassersäule weit in den Himmel aufwirft und zu einem der bekanntesten Bilder des beginnenden Atomzeitalters wird. Ziel der Versuchsreihe ist die Erprobung der Wirkung von Kernwaffen auf Kriegsschiffe — und, kaum verhohlen, eine machtpolitische Demonstration der neuen amerikanischen Vormachtstellung gegenüber der Sowjetunion. Für die rund 167 Bewohner des Bikini-Atolls, die im Vorfeld der Tests von der US-Marine zur „Umsiedlung im Dienst der Menschheit" bewogen und auf das entlegene Rongerik-Atoll verbracht werden, bedeutet Crossroads den unwiderruflichen Verlust ihrer Heimat: Schon Anfang 1948 leiden sie dort Hunger, und wegen der radioaktiven Verseuchung können sie bis heute nicht dauerhaft zurückkehren. Die Bilder aus der Südsee prägen fortan das öffentliche Bewusstsein vom Atomzeitalter — Jahre bevor auch die Sowjetunion 1949 zur Nuklearmacht wird.
Churchill wirbt in Zürich für die „Vereinigten Staaten von Europa"

Nur ein gutes halbes Jahr nach seiner Rede vom „Eisernen Vorhang" tritt Winston Churchill erneut mit einer weltpolitisch folgenreichen Rede hervor: An der Universität Zürich entwirft der britische Oppositionsführer vor akademischem Publikum die Vision einer Art „Vereinigten Staaten von Europa", die den vom Krieg zerstörten Kontinent aus Armut, Angst und neuerlichem Hass befreien soll. Kernpunkt seiner Rede ist ein Vorschlag, der viele Zuhörer überrascht: Die „Erbfeinde" Frankreich und Deutschland müssten sich versöhnen und gemeinsam die Führung eines geeinten Europas übernehmen — nur so lasse sich dauerhafter Friede sichern. Churchill selbst sieht Großbritannien dabei zunächst eher als Förderer und Partner denn als Teil dieses kontinentaleuropäischen Bündnisses, ein Vorbehalt, der die britische Europapolitik noch jahrzehntelang begleiten wird. In Belgien, der Schweiz und auch in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands stößt der Appell auf breite, teils euphorische Zustimmung und beflügelt die entstehende europäische Einigungsbewegung, aus der in den folgenden Jahren Institutionen wie der Europarat (1949) und später die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1951) hervorgehen. Für ein besiegtes, in Besatzungszonen zerschnittenes Deutschland ist Churchills Zürcher Rede ein frühes, ermutigendes Signal, dass der einstige Kriegsgegner es dereinst nicht als Paria, sondern als gleichberechtigten Partner in einem neuen Europa sehen könnte.
Die ersten CARE-Pakete erreichen Deutschland

Am 15. Juli läuft der Frachter „American Ranger" in Bremerhaven ein und bringt 37.500 CARE-Pakete für die amerikanische Besatzungszone — die ersten, die offiziell für Deutschland selbst bestimmt sind, nachdem der Versand an die einstigen Kriegsgegner erst am 5. Juni von der US-Regierung freigegeben und am folgenden Tag von General Lucius D. Clay per Vertrag besiegelt worden war; bereits im Mai war eine erste Lieferung ins französische Le Havre gegangen. Jedes nach der amerikanischen Hilfsorganisation „Cooperative for American Remittances to Europe" (CARE) benannte Paket enthält getrocknete Aprikosen, Kaffee, Schokolade und weitere haltbare Lebensmittel für drei bis vier Wochen — für viele Empfänger die erste vollwertige Mahlzeit seit Monaten. Die meisten Pakete verschicken amerikanische Bürger gezielt an Verwandte oder über kirchliche Vermittlung an ihnen unbekannte deutsche Familien; wer keine Verbindung in die USA hat, geht meist leer aus. In der Mark Brandenburg, weit von den amerikanischen Häfen entfernt und unter sowjetischer Verwaltung, bleibt das CARE-Paket 1946 noch eine Seltenheit — ein Vorgeschmack auf eine Hilfe, von der die östliche Besatzungszone nur in kleinem Umfang profitieren wird.
15 · Der Feind im Kartoffelfeld — Sammelpflicht gegen den Kartoffelkäfer
Ausgewachsener Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)
In den Kartoffeläckern der Sowjetischen Besatzungszone breitet sich 1946 der aus Nordamerika eingeschleppte Kartoffelkäfer explosionsartig aus — eine Bedrohung, die angesichts der knappen Ernte und des nahenden Hungerwinters existenziell wird, denn die Kartoffel bleibt neben Brot das wichtigste Grundnahrungsmittel. Wie schon unter der NS-Herrschaft, die den gefräßigen Käfer propagandistisch gern als „Amikäfer" und angebliches Sabotage-Werkzeug feindlicher Mächte brandmarkte, greifen die Behörden zum altbewährten Mittel der Pflichtarbeit in Reih und Glied: Die gesamte Landbevölkerung, Kinder ab zehn Jahren eingeschlossen, wird zum „Kartoffelkäfersammeln" auf den Feldern verpflichtet, „böswillige Verweigerung" soll der Polizei gemeldet werden. Schulklassen ziehen mit Gläsern und Blechdosen durch die Furchen, um die gestreiften Käfer und ihre rötlichen Larven abzusammeln und in Petroleum oder kochendem Wasser zu vernichten, ehe sie ganze Bestände kahlfressen können. Auch im Landkreis Luckenwalde, tief in der agrarisch geprägten Mark Brandenburg, gehört die Käferjagd 1946 zu den festen Terminen des Schuljahres — eine mühsame, oft ungeliebte Pflicht, die den ohnehin kargen Herbst über die Felder der Neubauern begleitet.
16 · Die Zigarette regiert — Schwarzmarkt und Tauschwährung
Zigarettenhandel auf dem Berliner Schwarzmarkt, hier auf einer
Bundesarchiv-Aufnahme von 1949 — die Praxis reicht bis in die Hungerjahre
1945/46 zurück (Bundesarchiv Bild 183-19000-3293 / Wikimedia Commons, CC
BY-SA 3.0 de)
Auf den großen Berliner Schwarzmärkten — etwa am Alexanderplatz oder im Tiergarten, offiziell verboten und doch von niemandem wirklich unterbunden — hat sich 1946 längst eine zweite Währung durchgesetzt: die Zigarette. Weil die Reichsmark durch die Kriegsjahre entwertet und mangels Waren kaum noch etwas wert ist, weichen Käufer und Verkäufer auf Tauschhandel aus, bei dem „Ami-Zigaretten" der Marken Lucky Strike oder Camel als verlässlichster Wertmaßstab gelten: Eine amerikanische Zigarette bringt auf dem Schwarzmarkt umgerechnet fünf bis zehn Reichsmark, eine deutsche „Bosco" etwa 2,50 Mark, ein Pfund Butter kostet in Bargeld-Äquivalent rund 250 Reichsmark. Wer eine Stange Zigaretten besitzt, kann damit Handwerkerleistungen bezahlen, Möbel erwerben oder sich Bezugscheine erschleichen; selbst Ärzte und Anwälte nehmen mitunter Zigaretten als Honorar. Die Behörden gehen offiziell scharf gegen das „Schieberunwesen" vor, mit Bußgeldern und Zwangsarbeit für ertappte Schwarzhändler, doch angesichts der schieren Not bleibt die Zigarettenwährung 1946 der eigentliche Motor des Alltagshandels — vom Kurfürstendamm im Westen bis in die Hinterhöfe der sowjetischen Zone.
AM RANDE NOTIERT
- Bereits am 10. Januar tritt in London die erste Vollversammlung der Vereinten Nationen zusammen — Vertreter aus 51 Staaten beraten über eine Weltordnung nach dem Krieg.
- Im Juli testen die USA im Rahmen der „Operation Crossroads" erstmals Atombomben über dem Bikini-Atoll im Pazifik — vor aller Augen der Weltöffentlichkeit.
- Der erste Nachkriegswinter 1945/46 und die schmale Ernte lassen auch in Luckenwalde und der Mark Brandenburg Hunger, Kälte und Schwarzmarkt zum Alltag werden — die stille, unerzählte Schlagzeile dieses Jahres.
- Am 4. Juli werden die Philippinen nach fast einem halben Jahrhundert US-Herrschaft in die Unabhängigkeit entlassen — der erste Fall einer von den USA nach dem Krieg gewährten Dekolonisierung in Asien.
- Am 29. Oktober zählt der Alliierte Kontrollrat erstmals gemeinsam in allen vier Besatzungszonen und in Berlin die Bevölkerung: Die Volks- und Berufszählung ergibt rund 65,9 Millionen Einwohner, darunter fast 9,7 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge.
- Auch die Luckenwalder Tuchindustrie, einst Rückgrat der Stadt, verliert 1946 im Zuge der sowjetischen Demontagen Maschinen und Anlagen als Reparationsleistung — ein Aderlass, von dem sich die Branche nur langsam erholt.
- Durch den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen erreicht Luckenwalde 1946 mit rund 31.000 Einwohnern seinen historischen Bevölkerungshöchststand.
- Am 15. September wird das Deutsche Derby erstmals nach dem Krieg wieder ausgetragen — mangels intakter Rennbahn in Hamburg-Horn weicht der Hamburger Renn-Club nach München-Riem aus.
- Im Berliner Zoo gehört das Flusspferd Knautschke, eines von nur 91 Tieren, die dort den Krieg überlebt haben, 1946 zu den größten Publikumslieblingen — von Anwohnern trotz eigener knapper Rationen mit Futter versorgt.
WIRTSCHAFT · 1946
Auch im zweiten Jahr nach Kriegsende bestimmt der Mangel die Wirtschaft der Besatzungszonen: Die tägliche Lebensmittelration liegt in der amerikanischen Zone im Januar bei rund 1.500 Kilokalorien und sinkt zur Jahresmitte auf nur noch 1.180, in der britischen und französischen Zone mit 1.216 bzw. 1.045 Kilokalorien liegt sie noch tiefer — weit unter den für einen Erwachsenen nötigen rund 2.600 Kilokalorien. Offizielle Beschäftigungsstatistiken für die Mark Brandenburg fehlen, doch binden Trümmerräumung, Bodenreform und die von den Besatzungsmächten verordnete Arbeitspflicht für ehemalige NSDAP-Mitglieder große Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung. Die Reichsmark selbst verliert im Alltag zusehends an Bedeutung: Bis zum Jahresende liegen die Preise auf dem Schwarzmarkt im Schnitt beim Vierzigfachen der amtlichen Preise — ein Missverhältnis, das die eigentliche Kaufkraft der Währung 1946 längst infrage stellt.
Der Preisspiegel (amtliche Reichsmark-Preise, auf Bezugschein):
- Brot (1 kg) — 0,40 RM
- Butter (1 kg) — 7,82 RM
- Zucker (1 kg) — 0,88 RM
- Eier (1 Stück) — 0,12 RM
- Kinokarte — 0,80–2,00 RM
- Tageszeitung — 15 Reichspfennig (Lausitzer Rundschau, Erstausgabe Mai 1946)
Auf dem Schwarzmarkt zahlt, wer kann:
- Zigarette (US-Marke) — 5–10 RM
- Butter (1 kg) — rund 250 RM
STIMMEN DER PRESSE · 1946
Zu den Urteilen des Nürnberger Militärgerichtshofs Ende September/Anfang Oktober kommentiert der Berliner Tagesspiegel, erst ein Jahr zuvor lizenziert:
„Hier wird Geschichte in eine Form gebracht, die es ermöglichen soll, ihren künftigen Lauf von den Gesetzen allgemeiner Moral und Menschlichkeit bestimmen zu lassen." — Der Tagesspiegel, 1. Oktober 1946
In einem weiteren Leitartikel derselben Ausgabe mahnt das Blatt zugleich, welche Lehre Deutschland aus dem Prozess für seine eigene Zukunft ziehen müsse:
„Keine Verfassung ist für Deutschland brauchbar, die nicht das Recht des Bürgers vor das Recht des Staates setzt." — Der Tagesspiegel, 1.10.1946
SPORT · 1946
Grundlage der Neuordnung ist die Direktive Nr. 23 des Alliierten Kontrollrats vom 17. Dezember 1945: Sie verlangt Entmilitarisierung und Einschränkung des deutschen Sportwesens, verbietet die Fortführung der alten, NS-belasteten Vereine und lässt nur noch unpolitische Sportorganisationen örtlichen Charakters bis hinauf zur Kreisebene zu — jede Neugründung bedarf der Genehmigung der Besatzungsbehörde. Während in den Westzonen rasch wieder Vereine entstehen, legt die sowjetische Militäradministration die Direktive besonders streng aus: In der SBZ, auch im Landkreis Luckenwalde, dürfen sich Sportlerinnen und Sportler zunächst nur zu lockeren, meist auf den eigenen Stadt- oder Ortsteil beschränkten „Sportgemeinschaften" ohne feste Ligastruktur zusammenschließen, eigenständige Vereine mit Vermögen und Tradition bleiben untersagt. Im August 1946 überträgt die SED die Zuständigkeit für den Sport der erst am 7. März gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) unter ihrem Vorsitzenden Erich Honecker. Ein geregelter Nachkriegs-Spielbetrieb, wie ihn andere Zonen im Folgejahr aufnehmen, lässt in der Mark Brandenburg noch auf sich warten.
MODE · 1946
Auch im zweiten Nachkriegsjahr bleibt Not die bestimmende Mode: Neue Textilien sind knapp und werden weiterhin über die aus NS-Zeit fortgeführte Reichskleiderkarte und behördliche Bezugscheine zugeteilt, die meist nur für einzelne, dringend benötigte Stücke reichen. Schneiderinnen und Näherinnen leben vom Umarbeiten: Aus Uniformstoffen der Wehrmacht, erbeuteter Fallschirmseide, alten Vorhängen und Bettwäsche entstehen Mäntel, Kleider und Kinderkleidung, während Genossenschaften und private Haushalte Reste und Flicken zu „Neuem" verarbeiten. Wer keine Bezugsscheine hat, weicht auf den Schwarzmarkt aus, wo Zigaretten und Naturalien oft mehr gelten als Reichsmark. Von Paris, wo im kommenden Jahr mit Christian Dior ein „New Look" die Silhouette revolutionieren wird, ist in der Mark Brandenburg noch nichts zu spüren.
KINO & FUNK · 1946
In den Kinosälen der Sowjetischen Besatzungszone gibt seit Sommer 1945 die sowjetische Verleihgesellschaft „Sojusintorgkino" den Ton an: Sie kontrolliert sämtliche noch erhaltenen früheren Ufa-Lichtspielhäuser und bringt 1946 bereits 51 eigene Kinos in der Zone unter ihre Regie, in denen neben Wiederaufführungen entnazifizierter älterer deutscher Filme zunehmend auch sowjetische Produktionen laufen. Das Kinoereignis des Jahres aber kommt aus Berlin selbst: Am 15. Oktober feiert im Filmtheater am Kurfürstendamm „Die Mörder sind unter uns" Premiere, der erste deutsche Nachkriegsspielfilm und die erste Produktion der neu gegründeten DEFA — mit Hildegard Knef in der Hauptrolle als Symbol für einen Neuanfang des deutschen Films nach Jahren der NS-Propaganda. Im Äther beherrscht der Berliner Rundfunk, bereits seit Mai 1945 auf Sendung und im August 1946 unter der neu geschaffenen „Generalintendanz des demokratischen Rundfunks" der SBZ-Kulturverwaltung zusammengefasst, das Programm der Zone mit Nachrichten, Unterhaltung und zunehmend auch parteinaher politischer Erziehung; ein eigenes Radiogerät gilt in Luckenwalde 1946 noch immer als kostbarer Besitz, der oft von mehreren Haushalten gemeinsam genutzt wird.
GESTORBEN · 1946
- Gerhart Hauptmann (83), Dichter und Nobelpreisträger — 6. Juni, Agnetendorf (Schlesien).
- John Maynard Keynes (62), britischer Ökonom — 21. April, Firle, East Sussex.
- Gertrude Stein (72), US-amerikanische Schriftstellerin — 27. Juli, Neuilly-sur-Seine.
- H. G. Wells (79), britischer Schriftsteller — 13. August, London.
- John Logie Baird (57), Fernsehpionier — 14. Juni, Bexhill-on-Sea.
- William Joyce („Lord Haw-Haw", 39), NS-Rundfunkpropagandist — 3. Januar, London (hingerichtet).
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1946
- Hermann Hesse erhält den Literaturnobelpreis (10. Dezember). Der in Calw geborene deutschsprachige Schriftsteller wird als erster Deutscher nach dem Krieg mit der höchsten literarischen Auszeichnung geehrt — ein Achtungserfolg der deutschsprachigen Literatur inmitten von Trümmern und Mangel.
- Premiere von „Die Mörder sind unter uns" (15. Oktober, Berlin). Mit Hildegard Knef in der Hauptrolle läuft der erste deutsche Nachkriegs-Spielfilm und die erste DEFA-Produktion an — der Beginn eines neuen deutschen Kinos nach Jahren der NS-Propagandafilme.
- Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen (23. August). Die britische Militärregierung vereint Rheinprovinz und Westfalen zu einem neuen Land — Grundstein eines der später bevölkerungsreichsten deutschen Länder.
- Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Hermann Joseph Muller (10. Dezember). Der US-Genetiker wird für den Nachweis geehrt, dass Röntgenstrahlen Genmutationen auslösen können — eine Grundlage der modernen Strahlengenetik und des Strahlenschutzes.
- Wiedereröffnung der Berliner Universität Unter den Linden (29. Januar). Trotz schwerster Kriegszerstörungen nimmt die spätere Humboldt-Universität als erste deutsche Hochschule nach dem Krieg wieder den Lehrbetrieb auf — ein Hoffnungszeichen für Bildung und Wissenschaft inmitten der Trümmer.
- Brandenburgisches Landestheater Potsdam nimmt Spielbetrieb wieder auf (1946). Nur wenige Kilometer von Luckenwalde entfernt eröffnet im Theatersaal des Neuen Palais die neue Bühne noch im selben Jahr mit Goethes „Iphigenie auf Tauris" — der Vorläufer des späteren Hans-Otto-Theaters bringt Kulturleben zurück in die brandenburgische Provinz.
DAS WETTER · 1946 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 25,9 °C, in der Nacht 11,3 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 10,7 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,8 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 36 °C am 5. Juli, kältester −16 °C am 21. Dezember. 6 Hitzetage (≥30 °C), 31 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 539 mm.
Nach einem noch frostigen Nachkriegswinter ein warmer Hochsommer (bis 36 °C Anfang Juli).
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1946
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Drei kleine Geschichten — Evelyn Künneke
- Wochenend und Sonnenschein — Hans Bardeleben und die Cherokees
- Mondnacht auf Cuba — Hans Bardeleben und die Cherokees
- Das Lied vom Leierkastenmann — Willi Kollo
- Kötzschenbroda-Express — Bully Buhlan
- Ich mach Musik — Bully Buhlan
- Ja, wenn ich ein Tänzer wär — Bully Buhlan
- Rosemary — Bully Buhlan
- Capri-Fischer — Rudi Schuricke
- Lili Marleen — Lale Andersen
- The Gypsy — Ink Spots
- Rumors Are Flying — Frankie Carle & His Orchestra
- Air Mail Special — Lionel Hampton
- The Old Lamp-Lighter — Sammy Kaye
- South America, Take It Away — Bing Crosby & The Andrews Sisters
- Sentimental Journey — Doris Day / Les Brown
- Symphonie — Marlene Dietrich
- Traumorchester — Rudi Schuricke
- Ein Stern ist vom Himmel gefallen — Willy Berking
- An der schönen roten Donau — Hermann Leopoldi
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Aus der Provinz wird das Land Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein ist seit dem 23. August keine preußische Provinz mehr, sondern ein Land: Die Militärregierung hat es mit ihrer Verordnung Nr. 46 gebildet. Kiel, seit September 1945 Sitz der einheitlichen Landesverwaltung, ist damit Landeshauptstadt.
Begleitet wird der Weg dorthin seit Februar von einem ernannten Gremium. Eine Verordnung vom 7. Februar richtet den Provinzialbeirat mit 60 ernannten Mitgliedern ein, darunter 21 Vertreter der Kreise, 5 der Frauen und 4 der Gewerkschaften. Am 26. Februar tritt er im Kieler Stadttheater in der Holtenauer Straße zusammen. Es sprechen der britische Oberkommandierende Evelyn Barker, Gouverneur Henderson und Oberpräsident Theodor Steltzer, der seit November 1945 im Amt ist; die britische Flagge hängt am Bühnenvorhang. Wahlen lassen die Briten noch nicht zu.
Am 11. April wählt das Gremium Paul Husfeldt zu seinem Präsidenten. Ab Mai nennt es sich Provinziallandtag. Am 12. Juni stimmt es einer „Vorläufigen Verfassung“ zu, die die Militärregierung nicht anerkennt. Mit der Landesgründung am 23. August ernennt die Militärregierung Theodor Steltzer zum Ministerpräsidenten, aus dem Provinziallandtag wird der Landtag. Seit dem 2. Dezember amtiert ein neu ernannter Landtag, dessen Sitze die Briten nach den Ergebnissen der Herbstwahlen auf die Parteien verteilt haben.
Kiel demonstriert gegen die Demontage
Vor dem Kieler Rathaus findet am 13. Juni eine Demonstration gegen die Demontage von Werften und Hafenanlagen und gegen die mangelnde Versorgung statt. Bürgermeister Andreas Gayk hält die Rede. Mit Oberbürgermeister Willi Koch und Oberstadtdirektor Walther Lehmkuhl führt er den Widerstand über die Parteigrenzen hinweg; Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Kirchen tragen den Aufruf mit.
Im Mittelpunkt steht die Germaniawerft. Für sie sehen die Demontagepläne vor, Helgen, Krananlagen und Werkstätten ab 1946 zu sprengen. In zähen Verhandlungen und unter dem Eindruck der Proteste wird im Juni statt der Sprengung der Schiffbauhelgen eine geordnete Demontage der Helgengerüste vereinbart. Schon im Mai hatte Gayk die Linie der Stadt vorgegeben: „Kiel ist keine sterbende, Kiel ist eine kämpfende Stadt.“ Am 10. Mai hatte die Stadt der Militärregierung Pläne für den Wiederaufbau des Ostufers und der Industrien vorgelegt, am 13. Mai riefen Oberbürgermeister Willi Koch und Gayk zu einer Großkundgebung vor dem Rathaus auf, zu der viele Tausend Kieler kamen, und am 15. Mai beschloss die Stadtvertretung, die Zukunft Kiels auf eine Friedensindustrie zu gründen.
Aus heutiger Sicht
Die Germaniawerft wurde nicht wiederbelebt; ihre Anlagen wurden ab Anfang 1949 gesprengt. Die Howaldtswerke blieben erhalten.
Wechsel im Rathaus: Vier Namen in einem Jahr, dann die erste Wahl
Vier Männer führen 1946 die Kieler Stadtspitze. Max Emcke, seit Mai 1945 kommissarischer Oberbürgermeister, muss am 15. Februar auf Weisung der Besatzungsbehörden gehen. Am 16. Februar übernimmt der Sozialdemokrat Otto Tschadek kommissarisch das Amt. Die Österreicher haben ihn schon am 25. November 1945 ohne sein Wissen in den Nationalrat gewählt; das Mandat ruft ihn in die Heimat zurück. Am 11. März gibt er das Amt nach nur 23 Tagen ab und wird am selben Tag Ehrenbürger der Stadt, für seine Verdienste beim Wiederaufbau und bei der Einrichtung einer demokratischen Selbstverwaltung. Die ernannte Stadtvertretung wählt noch am 11. März Willi Koch (CDU) zum Oberbürgermeister und Andreas Gayk zum Bürgermeister, zuständig für Stadtplanung und Wiederaufbau.
Am 13. Oktober dürfen die Kieler erstmals seit Kriegsende wieder wählen; die Stadtvertretung war bisher von der Militärregierung ernannt. Die SPD gewinnt 28 der 45 Sitze. Am 18. Oktober tritt die neue Ratsversammlung zusammen und wählt Gayk zum Oberbürgermeister; Walter Breitenstein wird Bürgermeister. Der Oberbürgermeister führt den Vorsitz im Rat, die Verwaltung leitet seit Februar Oberstadtdirektor Walther Lehmkuhl.
Aus heutiger Sicht
Otto Tschadek war von 1940 bis 1945 bei der Kriegsmarine, zuletzt als Oberstabsrichter am Marinegericht Kiel. Aktenfunde, die der Historiker Thomas Geldmacher 2010 veröffentlichte, belegen, dass er Todesurteile fällte; ein 1942 wegen Fahnenflucht verhängtes Urteil wurde vollstreckt.
Schutt räumen, Stadt planen: Trümmerräumung am Knooper Weg

Im Mai ruft die Stadtvertretung zum „Ehrenamtlichen Aufräumungsdienst“ auf: Wer kann, soll beim Schuttbeseitigen anpacken. Am 29. Mai beschließt sie den Generalbebauungsplan für den Wiederaufbau. Bürgermeister Gayk ruft die Kieler auf, an Sonn- und Feiertagen freiwillig Trümmer zu räumen.
Im Juli beginnt die Räumung in dem am schwersten getroffenen Gebiet, am Knooper Weg, in der Holtenauer Straße und in der Adolfstraße. Der Schutt wird weiterverwendet: Schon seit April verlädt eine Schuttverladebrücke am Langemarckufer Trümmer auf Schiffe, und mit Aufschüttungen entsteht Land an der Wasserallee am Düsternbrooker Weg. Vor dem Ufer liegt das Wohnschiff BARBARA. Für den Wiederaufbau braucht die Stadt Material, und es ist knapp. Am 2. November ordnet die Ratsversammlung auf Grundlage des Reichsleistungsgesetzes an, dass Baumaterialien und Hauseinrichtungsgegenstände zugunsten der Stadt beschlagnahmt werden.
KURZ NOTIERT · Kiel 1946
- 26. Januar — In den Räumen der Elac wird die Kieler SPD neu gegründet.
- 5. Februar — Für 22.000 Kieler Schulkinder beginnt die Schulspeisung aus sieben Großküchen.
- 2. März — Der Maler Richard Grune eröffnet im Haus der Landwirte am Sophienblatt 32–34 mit Unterstützung der Stadt seine Ausstellung „Die Ausgestoßenen“ mit Zeichnungen, die er heimlich im Konzentrationslager angefertigt hat. In der Nacht zum 1. April brechen Unbekannte in die Räume ein und zerstören die ausgestellten Werke vollständig; die Tat bleibt unaufgeklärt.
- 3. April — Die ersten Ausgaben der „Kieler Nachrichten“ erscheinen, ebenso die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung und das Norddeutsche Echo; die Militärregierung hatte die Lizenzen am 25. März vergeben. Die Kieler Nachrichten starten als Lizenzzeitung um Oberbürgermeister Willi Koch. Der „Kieler Kurier“ der britischen Militärverwaltung erscheint noch bis zum 30. Juni.
- 11. Mai — Der wöchentliche Strom-Spartag für Gewerbebetriebe wird aufgehoben.
- Mai — Der Kaiser-Wilhelm-Kanal geht von der Royal Navy an den Alliierten Kontrollrat über.
- 8. August — Das Zoologische Museum öffnet nach den Kriegsschäden einen Teil der Ausstellung wieder; Mitarbeiter und Studenten haben das Haus hergerichtet.
- Oktober — Die ersten zivilen Betriebe siedeln sich im Verwaltungsgebäude der Howaldtswerke an.
RUND UM DIE FÖRDE · 1946
- 1. Januar, Lütjenburg — Mit einem Flüchtlingspfarrer entsteht in Lütjenburg eine katholische Kirchengemeinde; die Gottesdienste für die Vertriebenen aus Ermland, Westpreußen und Schlesien finden zunächst in der evangelisch-lutherischen Kirche St. Michaelis statt, die Miete zahlt das Generalvikariat Osnabrück.
- 18. Juni, Kreis Plön — Auf Antrag der SPD-Fraktion bittet der Kreistag den Landrat, sich bei der Militärregierung für den Erhalt des von den Briten beschlagnahmten Marine-Ehrenmals in Laboe einzusetzen; die Kontrollratsdirektive Nr. 30 vom 13. Mai ordnet die Beseitigung von Denkmälern militärischen und nationalsozialistischen Charakters an. Im selben Jahr verwerfen die Briten eine Sprengung, weil das Ehrenmal ein „persönlicher Tribut“ an die gefallenen Marineangehörigen sei, und der Laboer Bürgermeister wird geschäftsführender Treuhänder.
SPORT AN DER FÖRDE · 1946
- Holstein Kiel — In der Saison 1945/46 spielt der Verein in der Bezirksstaffel Ost A, der höchsten zugelassenen Spielklasse im Kieler Raum, und wird Zweiter hinter dem Eckernförder SV. Das Stadion ist durch Bomben schwer beschädigt; seit Dezember 1945 läuft der Spielbetrieb wieder zaghaft an.
- Sperre für Holstein — Der Kieler Verband für Leibesübungen nominiert wegen der beständigen Leistung den Vizemeister Holstein statt des Bezirksmeisters Eckernförder SV für die Endrunde um die norddeutsche Meisterschaft. Nach einem nicht genehmigten Entscheidungsspiel, das Holstein mit 4:2 gewinnt, mit zwei Gastspielern aus Südwestdeutschland, sperrt die Militärregierung den Holstein-Vorstand auf Lebenszeit, löst den Verband auf und sperrt Kiel bis zum 1. Oktober als Spielort. Die für den 14. Juli geplanten Kieler Spiele fallen aus.
- Segeln — Die zweite „Kiel Week“ der britischen Besatzung endet am 5. August; die Segelwettbewerbe sind ausschließlich britischen Besatzungssoldaten vorbehalten. Eine Kieler Woche gibt es nicht.
- Neue Saison — Nach dem Ende der Sperre im Oktober spielt Holstein wieder um Punkte in der Bezirksmeisterschaft.
- THW Kiel — Wenige Monate nach Kriegsende finden wieder Freundschaftsspiele im Handball statt; der Verein verzeichnet starken Mitgliederzulauf.
DAS WETTER · 1946 in Kiel
An diesem 13. Juli meldete die Wetterstation Arnis an der Schlei einen Höchstwert von 24,8 °C, in der Nacht sank das Thermometer auf 12,0 °C, das Tagesmittel lag bei 19,8 °C; Niederschlag fiel keiner (0,0 mm).
Das Jahr über: Im Mittel 8,5 °C. Wärmster Tag 27,5 °C am 4. Juli, kältester Tiefstwert −12,7 °C am 22. Dezember. Kein Hitzetag (≥30 °C), 4 Sommertage (≥25 °C), 24 Eistage (Dauerfrost) und 81 Frosttage; Jahresniederschlag rund 773 mm.
(Messwerte der DWD-Station Arnis an der Schlei, rund 35 km nördlich von Kiel – für 1946 liegen aus Kiel-Kronshagen keine Tageswerte vor. Quelle: DWD Climate Data Center.)