DER CHRONIST

Ein Jahr des Umbruchs: Ein Diktator stirbt, ein Volk erhebt sich, ein Krieg endet — und die Menschheit erobert sich Gipfel, an die kein Blick zuvor gereicht hatte. Eine junge Königin wird gekrönt, während in Moskau der Kampf um Stalins Erbe seinen mächtigsten Widersacher am Ende das Leben kostet und in Washington zwei verurteilte Spione auf dem elektrischen Stuhl sterben. Ferne Reiche geraten in Bewegung: In Teheran stürzen fremde Geheimdienste eine gewählte Regierung, in Phnom Penh erkämpft sich ein junger König die Unabhängigkeit von einer Kolonialmacht, und in New York tritt mit Dag Hammarskjöld ein neuer Vermittler zwischen den Blöcken sein Amt an. Selbst das Alltägliche bekommt in diesem Jahr ein neues Gesicht — bis hin zu einem unscheinbaren Heftchen aus Chicago, das die bürgerliche Moral herausfordern wird. So bleibt 1953 ein Jahr der Umbrüche im Großen wie im Kleinen, dessen Nachwirkungen weit über seine zwölf Monate hinausreichen.

Die Schlagzeilen des Jahres

Stalin ist tot

Josef Stalin, gestorben am 5. März 1953
Josef Stalin, gestorben am 5. März 1953 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum 5. März stirbt Josef Stalin, seit fast drei Jahrzehnten unumschränkter Herrscher der Sowjetunion, in seiner Datscha in Kunzewo bei Moskau an den Folgen eines Schlaganfalls, den er bereits am 1. März erlitten hatte. Erst am 4. März geben sowjetische Bulletins überhaupt eine schwere Erkrankung des „Generalissimus" bekannt, sein Tod wird am Morgen des 6. März verkündet. Die Nachricht löst im gesamten Ostblock — und damit auch in der DDR — Schockstarre und öffentliche Staatstrauer aus. Am 9. März wird der einbalsamierte Leichnam nach tagelanger Aufbahrung im Moskauer Haus der Gewerkschaften unter gewaltigem Pomp auf dem Roten Platz beigesetzt und neben Lenin ins Mausoleum überführt; in den überfüllten Straßen Moskaus kommen beim Gedränge der Trauernden zahlreiche Menschen zu Schaden, offizielle Opferzahlen werden nie veröffentlicht.

Hinter den Kulissen beginnt sofort ein Machtkampf um die Nachfolge. Da niemand aus dem inneren Zirkel allein mächtig genug ist, das Erbe anzutreten, bildet sich zunächst eine „kollektive Führung" aus Georgi Malenkow (Ministerratsvorsitzender), Lawrenti Beria (Geheimdienst- und Innenminister) und Wjatscheslaw Molotow (Außenminister). Das Bündnis hält nicht lange: Bereits im Juni 1953 wird Beria, dessen Machtfülle den anderen gefährlich erscheint, verhaftet und im Dezember desselben Jahres hingerichtet. Aus dem Ringen um Stalins Erbe geht schließlich Nikita Chruschtschow als Sieger hervor, der im September 1953 zum Ersten Sekretär des ZK der KPdSU gewählt wird (siehe „Am Rande notiert") und die Sowjetunion bis 1964 führt. Zugleich lockert die neue Führung in Moskau den Kurs gegenüber den „Bruderländern" — eine Entwicklung, die noch im selben Jahr in der DDR als „Neuer Kurs" verkündet wird und über den Umweg der Normerhöhung in den Volksaufstand des 17. Juni mündet (siehe Schlagzeile 2).

2 · Der 17. Juni — Volksaufstand in der DDR, auch im Bezirk Potsdam

Sowjetischer Panzer gegenüber Demonstranten beim Aufstand des 17. Juni 1953 in Berlin Sowjetischer Panzer gegenüber Demonstranten beim Aufstand des 17. Juni 1953 in Berlin (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 9. Juni verkündet das SED-Politbüro, von Moskau gedrängt, einen „Neuen Kurs": Erleichterungen für Bauern, Mittelstand und Kirchen. Die zuvor angeordnete Erhöhung der Arbeitsnormen um zehn Prozent bleibt jedoch bestehen — und wird zum Zündfunken. Bereits am 16. Juni legen Bauarbeiter der Ost-Berliner Stalinallee die Arbeit nieder und ziehen zum Haus der Ministerien an der Leipziger Straße, um mit der Regierung zu sprechen; Walter Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl lassen sich nicht blicken, empfangen werden die Demonstranten nur von Industrieminister Fritz Selbmann und dem Physiker Robert Havemann. Über den West-Berliner Sender RIAS verbreitet sich die Nachricht binnen Stunden im ganzen Land. Am 17. Juni wird aus dem Streik ein Volksaufstand: Über eine Million Menschen beteiligen sich, betroffen sind schätzungsweise 700 Städte und Gemeinden der DDR — die Forderungen reichen von der Rücknahme der Normerhöhung bis zu freien Wahlen und dem Rücktritt der Regierung. Auch im Bezirk Potsdam, zu dem weite Teile der Mark Brandenburg von der Prignitz bis Teltow-Fläming gehören, legen Betriebe die Arbeit nieder — allen voran das Karl-Marx-Werk (Lokomotivbau Babelsberg), das zum Zentrum der regionalen Streikbewegung wird. Am Mittag rollen sowjetische Panzer mehrerer Divisionen auf, die Sowjetische Kontrollkommission verhängt im Einvernehmen mit der DDR-Regierung den Ausnahmezustand; bis zum 21. Juni nimmt allein die Stasi im Bezirk Potsdam rund 140 Personen fest, die Volkspolizei über 440. Landesweit sterben nach den Zahlen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mindestens 55 Menschen bei den Unruhen selbst, Dutzende weitere werden standrechtlich erschossen, hingerichtet oder zu langen Haftstrafen verurteilt — ältere, teils überhöhte Schätzungen aus der Zeit des Kalten Krieges nannten weit höhere Opferzahlen. Der Aufstand wird niedergeschlagen — bleibt aber die erste offene Massenerhebung gegen ein kommunistisches Regime im Ostblock. In West-Berlin wird die bisherige Charlottenburger Chaussee noch im selben Jahr in „Straße des 17. Juni" umbenannt, in der Bundesrepublik wird der Tag ab 1954 als „Tag der deutschen Einheit" gesetzlicher Feiertag.

Bundestagswahl: Adenauers Union triumphiert, die Koalition holt die Zweidrittelmehrheit

CDU-Wahlplakat 1953: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau! Darum CDU"
CDU-Wahlplakat 1953: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau! Darum CDU" (Konrad-Adenauer-Stiftung / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der Wahl zum zweiten Deutschen Bundestag am 6. September geht die Union klar als Siegerin hervor: CDU/CSU steigert sich gegenüber 1949 von 31,0 auf 45,2 Prozent und zieht mit 243 der 487 Sitze in den Bundestag ein — nur wenige Mandate von der absoluten Mehrheit entfernt. Die SPD unter Erich Ollenhauer kommt auf 28,8 Prozent (151 Sitze) und bleibt damit weit abgeschlagen. Die FDP erreicht 9,5 Prozent (48 Sitze), der Gesamtdeutsche Block/BHE, die Partei der Flüchtlinge und Vertriebenen, zieht mit 5,9 Prozent (27 Sitze) erstmals ins Parlament ein, die Deutsche Partei kommt auf 3,3 Prozent (15 Sitze), das Zentrum auf drei Mandate. Bei einer Wahlbeteiligung von 86,0 Prozent scheitert die KPD erstmals an der nun bundesweit statt landesweise geltenden Fünf-Prozent-Sperrklausel und verschwindet aus dem Bundestag. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der schon mit FDP und DP allein hätte weiterregieren können, weitet sein Bündnis auf vier Parteien aus und holt auch den GB/BHE mit ins Kabinett: Die Koalition aus Union, FDP, DP und GB/BHE verfügt damit über 333 der 487 Sitze — eine satte Zweidrittelmehrheit, mit der sich, anders als in der ersten Legislaturperiode, auch das Grundgesetz ändern ließe. Am 9. Oktober wählt der neue Bundestag Adenauer zum zweiten Mal zum Bundeskanzler. Beobachter werten das Ergebnis als Bestätigung seines Kurses der festen Bindung an den Westen — die Bundesrepublik hatte im Mai 1952 die Verträge zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unterzeichnet, über deren Ratifizierung der neue Bundestag nun mit komfortabler Mehrheit zu entscheiden hat.

Im Bezirk Potsdam, wo im Juni der Volksaufstand des 17. Juni niedergeschlagen worden war (siehe Schlagzeile oben), gibt es 1953 keine Wahl — die nächste Volkskammerwahl der DDR steht erst 1954 an. Während in der Bundesrepublik die Wähler im September frei über ihr Parlament entscheiden, bleibt den Bürgern der DDR nach den Erschießungen und Urteilen des Sommers nur die Erinnerung an einen Aufstand, der ohne Wahlzettel und ohne Ergebnis blieb.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hamburg, 1. November — Der neu gegründete bürgerliche Hamburg-Block (CDU, FDP, DP und BHE auf gemeinsamer Liste) erreicht 50,0 % der Stimmen und 62 der 120 Bürgerschaftssitze, die SPD bleibt mit 45,2 % und 58 Sitzen zwar stärkste Einzelfraktion, verliert aber nach zwei Legislaturperioden die Regierungsmehrheit. Erstmals seit Kriegsende stellt mit Kurt Sieveking (CDU) ein Bürgerlicher den Ersten Bürgermeister, getragen von einem Senat aus CDU, FDP und DP.

Waffenstillstand beendet den Koreakrieg

Ehrenwache vor dem Verhandlungsgebäude in Panmunjom
Ehrenwache vor dem Verhandlungsgebäude in Panmunjom (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Seit dem Überfall Nordkoreas auf den Süden am 25. Juni 1950 hatte der Koreakrieg nach Schätzungen rund drei Millionen Tote gefordert, darunter zehntausende Soldaten aus den UN-Staaten und aus China. Nach mehr als drei Jahren Krieg und mehr als zwei Jahren zäher Verhandlungen — zunächst in Kaesong, dann in Panmunjom — unterzeichnen am 27. Juli um 10 Uhr Ortszeit der amerikanische Generalleutnant William K. Harrison Jr. für das UN-Kommando und General Nam Il für die nordkoreanische Volksarmee und die chinesischen Volksfreiwilligen binnen zehn Minuten achtzehn Ausfertigungen des Waffenstillstandsabkommens. Südkoreas Präsident Syngman Rhee, der eine Teilung seines Landes ablehnt, verweigert die Unterschrift und hatte die Verhandlungen zuvor sogar durch die eigenmächtige Freilassung von rund 27.000 kommunistischen Kriegsgefangenen zu sprengen versucht; das Abkommen bleibt deshalb bis heute ein rein militärisches Dokument ohne Unterschrift eines Staates. Stalins Tod im März hatte den diplomatischen Stillstand aufgebrochen: Seine Nachfolger drängten Peking und Pjöngjang zum Einlenken. Um 22 Uhr desselben Abends schweigen die Waffen. Die Kampfhandlungen enden entlang einer neuen, gut vier Kilometer breiten entmilitarisierten Zone nahe dem 38. Breitengrad, in den Wochen danach tauschen beide Seiten in der „Operation Big Switch" ihre Kriegsgefangenen aus — ein Friedensvertrag folgt bis heute nicht, formal befinden sich Nord- und Südkorea also weiterhin im Kriegszustand. Korea bleibt geteilt, ein weiterer Krisenherd des beginnenden Kalten Krieges.

Hillary und Tenzing bezwingen den Mount Everest

Edmund Hillary und Tenzing Norgay, Erstbesteiger des Mount Everest
Edmund Hillary und Tenzing Norgay, Erstbesteiger des Mount Everest (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Es ist bereits die neunte britische Everest-Expedition, geleitet von Oberst John Hunt und finanziert vom Joint Himalayan Committee. Ein erster Gipfelversuch von Tom Bourdillon und Charles Evans muss am 26. Mai kurz unterhalb des Südgipfels erschöpft abgebrochen werden. Zwei Tage später bricht das zweite Gipfelteam von Lager IX über die Südsattel-Route auf und steigt mit Sauerstoffgeräten weiter auf. Um 11:30 Uhr Ortszeit erreichen der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay aus Nepal als erste Menschen den 8.849 Meter hohen Gipfel des Mount Everest, des höchsten Berges der Erde — Expeditionsleiter Hunt selbst war zuvor bewusst im Basislager geblieben, um die Verantwortung für die Logistik der gesamten Unternehmung zu tragen. Die Nachricht erreicht London am 2. Juni — passend zum Krönungstag von Königin Elisabeth II. — und wird als britischer Triumph gefeiert; Hillary wird wenig später zum Ritter geschlagen, Tenzing erhält die George-Medaille. Für die Welt ist die Besteigung ein Symbol: Nach Krieg und Entbehrung reicht der menschliche Wagemut nun bis in die letzten weißen Flecken der Landkarte.

Watson und Crick entschlüsseln die DNA-Doppelhelix

Modell der DNA-Doppelhelix, 1953 von Watson und Crick beschrieben
Modell der DNA-Doppelhelix, 1953 von Watson und Crick beschrieben (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Im britischen Fachblatt „Nature" veröffentlichen James Watson und Francis Crick vom Cavendish-Laboratory in Cambridge ihren nur einseitigen Aufsatz „A Structure for Deoxyribose Nucleic Acid" — die Beschreibung der DNA als Doppelhelix. Entscheidenden Anstoß liefert eine Röntgenaufnahme aus dem King's College London, die als „Photo 51" bekannt gewordene Beugungsaufnahme der Chemikerin Rosalind Franklin: Ihr Kollege Maurice Wilkins zeigt sie Watson, ohne dass Franklin davon weiß, und liefert damit die entscheidenden Maße für das Modell aus Draht und Metallplatten. Die Entdeckung erklärt erstmals, wie Erbinformation kopiert und weitergegeben wird, und wird — unscheinbar publiziert, in derselben Nature-Ausgabe flankiert von Begleitartikeln Wilkins' sowie Franklins und ihres Kollegen Raymond Goslings — zum Grundstein der modernen Genetik und Molekularbiologie. 1962 erhalten Watson, Crick und Wilkins dafür den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin; Rosalind Franklin, ohne deren Röntgendaten die Entdeckung kaum möglich gewesen wäre, war 1958 an Eierstockkrebs gestorben und blieb so von der Ehrung ausgeschlossen — eine stille Revolution neben den lauten Umwälzungen dieses Jahres.

Dag Hammarskjöld wird UN-Generalsekretär

Dag Hammarskjöld, 1953 zum UN-Generalsekretär gewählt
Dag Hammarskjöld, 1953 zum UN-Generalsekretär gewählt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 7. April wählt die UN-Generalversammlung den schwedischen Diplomaten Dag Hammarskjöld mit 57 von 60 Stimmen zum zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen; sein Amt tritt er am 10. April an. Die Wahl kommt überraschend: Die Großmächte hatten sich zuvor auf prominentere Namen wie den scheidenden Amtsinhaber, den Norweger Trygve Lie, oder den Kanadier Lester B. Pearson nicht einigen können und griffen schließlich zu dem 47-jährigen Kompromisskandidaten aus Schwedens Außenministerium — dem ersten UN-Generalsekretär, der auch von der Sowjetunion mitgetragen wird.

Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen Ministerpräsidenten, tritt sein Amt in einer Weltlage an, die von Koreakrieg, Kaltem Krieg und den ersten Rissen im Kolonialsystem geprägt ist, und versteht die Rolle des Generalsekretärs von Beginn an als aktiven Vermittler zwischen den Blöcken, nicht als bloße Verwaltungsfunktion — ein Verständnis, das die Vereinten Nationen in den kommenden Jahren nachhaltig prägen wird. 1957 wird er einstimmig für eine zweite Amtszeit bestätigt; sein Wirken endet erst 1961 durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz während einer Friedensmission im Kongo.

Krönung Elisabeths II. in der Westminster Abbey

Elisabeth II. und Prinz Philip im Krönungsornat, Buckingham Palace 1953
Elisabeth II. und Prinz Philip im Krönungsornat, Buckingham Palace 1953 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 2. Juni wird Elisabeth II. in der Westminster Abbey in London zur Königin des Vereinigten Königreichs sowie mehrerer weiterer Reiche des Commonwealth gekrönt — mehr als ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Georg VI. am 6. Februar 1952, dessen Trauerzeit und die aufwendigen Vorbereitungen der Zeremonie die Verzögerung erklären. Der Erzbischof von Canterbury, Geoffrey Fisher, salbt die 27-jährige Königin mit heiligem Öl, überreicht ihr die Reichsinsignien und setzt ihr die Krone auf; rund 7.500 geladene Gäste verfolgen den Gottesdienst, während die Königin anschließend in der goldenen Staatskutsche, gezogen von acht Grauschimmeln, durch die Straßen Londons fährt.

Erstmals überhaupt wird eine Krönung im Fernsehen übertragen: Mehr als 30 Millionen Zuschauer in Europa verfolgen die Zeremonie live, ein technischer wie gesellschaftlicher Meilenstein, der dem noch jungen Medium Fernsehen zum Durchbruch verhilft. Für das kriegsmüde Britannien wird der Tag zum Symbol eines neuen „elisabethanischen Zeitalters" und beflügelt, wie das Modejahr zeigt, einen regelrechten Krönungs-Glamour weit über die Insel hinaus (siehe Rubrik Mode). Zufällig erreicht am selben Wochenende auch die Nachricht von der Everest-Besteigung London — ein doppelter Tag des nationalen Stolzes (siehe Schlagzeile 4).

Hinrichtung der Rosenbergs

Julius und Ethel Rosenberg beim Verlassen des Gerichtsgebäudes, getrennt durch ein Gitter
Julius und Ethel Rosenberg beim Verlassen des Gerichtsgebäudes, getrennt durch ein Gitter (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Kurz nach acht Uhr abends sterben Julius und Ethel Rosenberg im Staatsgefängnis Sing Sing in Ossining, New York, auf dem elektrischen Stuhl — als erste US-Bürger, die in Friedenszeiten wegen Spionage hingerichtet werden. Ein New Yorker Bundesgericht hatte das Ehepaar 1951 der Verschwörung zur Weitergabe amerikanischer Atomgeheimnisse an die Sowjetunion für schuldig befunden; Julius stirbt nach dem ersten Stromstoß, bei Ethel sind drei Stromstöße nötig. Trotz weltweiter Gnadengesuche — auch von Papst Pius XII. und Wissenschaftlern wie Albert Einstein — lehnt Präsident Dwight D. Eisenhower eine Begnadigung ab.

Der Fall spaltet die öffentliche Meinung bis heute: Während sich die US-Behörden auf abgehörte sowjetische Geheimdienstdepeschen (das später bekannt gewordene „Venona-Projekt") stützten, bezweifeln Kritiker von Beginn an vor allem Ethel Rosenbergs Tatbeteiligung. Für die kommunistische Propaganda werden die Rosenbergs zu Märtyrern eines angeblichen amerikanischen Klassenjustiz-Prozesses stilisiert, im Westen gilt der Fall als Beleg für die Bedrohung durch sowjetische Spionage mitten im beginnenden atomaren Wettrüsten des Kalten Krieges. Die beiden Söhne des Ehepaars, Michael und Robert, wachsen fortan als Waisen unter neuem Namen bei Adoptiveltern auf.

Sturz und Hinrichtung Berijas

Lawrenti Beria, sowjetischer Geheimdienstchef, 1953 gestürzt und hingerichtet
Lawrenti Beria, sowjetischer Geheimdienstchef, 1953 gestürzt und hingerichtet (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nur wenige Monate nach Stalins Tod endet die Karriere des mächtigsten Mannes hinter dem sowjetischen Sicherheitsapparat: Am 26. Juni lässt Nikita Chruschtschow gemeinsam mit Verbündeten im Präsidium des Zentralkomitees Lawrenti Beria, Geheimdienstchef und zeitweiliger Innenminister, mitten in einer Sitzung durch Militärs verhaften — offenbar aus Furcht, Beria könne mit dem Rückhalt des von ihm kontrollierten Sicherheitsapparats die Alleinherrschaft an sich reißen. Der Vorgang wird der Öffentlichkeit erst Tage später und in stark beschönigter Form bekannt.

Am 23. Dezember verhandelt der Oberste Gerichtshof der Sowjetunion in einer geheimen Sondersitzung ohne Verteidiger und ohne Berufungsrecht gegen Beria und sechs Mitangeklagte; die Anklage lautet unter anderem auf Spionage für Großbritannien und Verschwörung gegen die Sowjetmacht. Noch am selben Tag wird das Todesurteil verkündet und vollstreckt: Beria stirbt gesondert von den übrigen Verurteilten durch Erschießen. Der Sturz Berijas markiert das endgültige Ende der „kollektiven Führung" der ersten Nachfolgemonate und ebnet Chruschtschows Weg an die Spitze der Partei (siehe Schlagzeile 1 und „Am Rande notiert").

Operation Ajax — Sturz Mossadeghs im Iran

Mohammad Mossadegh, iranischer Ministerpräsident, um 1952/53
Mohammad Mossadegh, iranischer Ministerpräsident, um 1952/53 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach einem zunächst gescheiterten ersten Versuch am 15./16. August, bei dem Ministerpräsident Mohammad Mossadegh rechtzeitig gewarnt worden war und mehrere Verschwörer verhaftet wurden, gelingt es dem US-Geheimdienst CIA und dem britischen MI6 am 19. August mit der von Winston Churchill und Dwight D. Eisenhower im Juli genehmigten „Operation Ajax", die iranische Regierung zu stürzen. Vom CIA bezahlte Mobs inszenieren Straßenunruhen, während dem General Fazlollah Zahedi treu ergebene Militäreinheiten zentrale Regierungsgebäude stürmen; Mossadeghs Wohnhaus wird beschossen, er selbst wenig später verhaftet. Der zuvor ins Ausland geflohene Schah Mohammad Reza Pahlavi kehrt daraufhin nach Teheran zurück und übergibt Zahedi die Regierungsgeschäfte.

Auslöser des Konflikts war Mossadeghs Verstaatlichung der von britischen Interessen dominierten iranischen Ölindustrie 1951, die London wirtschaftlich empfindlich traf; Washington fürchtete zugleich, politische Instabilität könnte sowjetischem Einfluss Tür und Tor öffnen. Der von Grund auf geheim gehaltene Umsturz gilt Jahrzehnte später als Schulbeispiel verdeckter Interventionen des Kalten Krieges — mit Spätfolgen: Die 1979 gestürzte Herrschaft des von den Westmächten gestützten Schahs und die anschließende islamische Revolution werden von vielen Historikern direkt auf das Erbe dieses Augusttages von 1953 zurückgeführt.

Kambodscha erlangt die Unabhängigkeit

König Norodom Sihanouk von Kambodscha, Studioporträt
König Norodom Sihanouk von Kambodscha, Studioporträt von 1948 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 9. November wird Kambodscha nach jahrelangem diplomatischem Ringen vollständig von Frankreich unabhängig. König Norodom Sihanouk hatte dafür seit Anfang des Jahres eine als „Kreuzzug für die Unabhängigkeit" bekannt gewordene Kampagne über drei Kontinente geführt: Nachdem ihm Frankreichs Staatspräsident Vincent Auriol im März in Paris eine Unabhängigkeit noch verweigert hatte, erklärte Sihanouk zunächst das Kriegsrecht und löste das gewählte Parlament auf, warb anschließend auf einer Pressereise durch Kanada, die USA und Japan öffentlich für sein Anliegen und ging schließlich sogar ins selbstgewählte Exil nach Thailand, um Paris unter Druck zu setzen. Da Frankreich zugleich im benachbarten Vietnam gegen die kommunistische Vietminh kämpft und keinen zweiten Konfliktherd in Indochina riskieren will, lenkt die französische Regierung im Sommer 1953 ein.

Kambodscha wird damit — anders als das benachbarte Vietnam — der erste Staat Indochinas, der seine Souveränität auf dem Verhandlungsweg statt durch bewaffneten Aufstand erringt; die vollständige völkerrechtliche Bestätigung liefert erst die Genfer Indochinakonferenz im Juli 1954. Für Sihanouk, der 1941 mit gerade 18 Jahren auf Betreiben der französischen Kolonialverwaltung auf den Thron gesetzt worden war, wird der Novembertag von 1953 zum Gründungsmythos seiner jahrzehntelangen, wechselvollen Herrschaft über das Land.

Erste Ausgabe des „Playboy" erscheint

Marilyn Monroe, 1953 — ihr Foto zierte die Mittelseiten der ersten „Playboy"-Ausgabe
Marilyn Monroe, 1953 — ihr Foto zierte die Mittelseiten der ersten „Playboy"-Ausgabe (Symbolfoto, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Chicago bringt der 27-jährige Hugh Hefner mit geliehenem Geld die erste Ausgabe seines neuen Männermagazins „Playboy" heraus — 44 Seiten stark, gedruckt in einer Auflage von gut 70.000 Exemplaren, von denen sich gut 54.000 zum Preis von je 50 Cent verkaufen. Weil Hefner selbst nicht sicher ist, ob es je eine zweite Ausgabe geben wird, trägt das Heft demonstrativ kein Erscheinungsdatum auf dem Titel. Zugkräftigstes Element ist ein Aktfoto der Schauspielerin Marilyn Monroe als Mittelseiten-Beilage — aufgenommen bereits 1949 für einen Kalender und ohne Monroes Zutun von Hefner bei einem Drucker erworben, der zu diesem Zeitpunkt bereits einer der bekanntesten Filmstars Hollywoods ist.

Hefners Konzept, Fotografie, Reportagen, Belletristik und Interviews zu einem eigenen, betont urbanen Lebensstil-Magazin für Männer zu bündeln, trifft einen Nerv im prüden Nachkriegs-Amerika der Eisenhower-Jahre und begründet binnen weniger Jahre ein millionenschweres Verlagsimperium. Für die konservative öffentliche Moral der Zeit — diesseits wie jenseits des Eisernen Vorhangs — bleibt das Heft zunächst ein Tabubruch, dessen kulturelle Wirkung weit über die USA hinausreichen wird.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • London, 2. Juni: Elisabeth II. wird in der Westminster Abbey zur Königin des Vereinigten Königreichs gekrönt — erstmals weltweit im Fernsehen übertragen.
  • Der von der SED verkündete „Neue Kurs" bleibt Stückwerk: Die Rücknahme einzelner Härten kommt zu spät, um den Unmut über die Normerhöhung zu dämpfen — und liefert doch keinen echten Kurswechsel für die Menschen in Brandenburg und der übrigen DDR.
  • Moskau, 7. September: Nikita Chruschtschow wird zum Ersten Sekretär des ZK der KPdSU gewählt — im Nachfolgestreit um das Erbe Stalins setzt er sich vorerst durch, endgültig entschieden ist die Machtfrage in Moskau damit aber noch nicht.
  • Im Bezirk Potsdam schreitet die Verstaatlichung der Wirtschaft voran: Auch Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe werden zunehmend in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt — Alltag zwischen neuer Betriebsordnung und altem Handwerk.
  • Am 1. September nimmt in Luckenwalde die Ernst-Thälmann-Kindersportschule — eine der ersten Kinder- und Jugendsportschulen der DDR — mit rund 50 Schülern den Betrieb auf; wenige Tage später öffnet dafür das renovierte Hallenschwimmbad.

SPORT · 1953

Ein sportlich ruhiges Jahr ohne Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele — doch mit bemerkenswerten Einzelerfolgen. Im Fußball krönt sich 1. FC Kaiserslautern am 21. Juni, nur vier Tage nach dem Volksaufstand, im Berliner Olympiastadion mit einem 4:1 gegen VfB Stuttgart zum Deutschen Meister; Kapitän Fritz Walter wird mit 38 Treffern Torschützenkönig der Saison. In der DDR-Oberliga setzt sich die SG Dynamo Dresden erst im Entscheidungsspiel am 5. Juli mit 3:2 gegen die BSG Wismut Aue durch und gewinnt damit ihre erste Meisterschaft — der zentral gelenkte Sportbetrieb der DDR nimmt mit eigenen Sportclubs und Trainingszentren weiter Gestalt an. Bei der Tour de France siegt im Juli erstmals der Franzose Louison Bobet — der Auftakt zu drei Titeln in Folge —, und in der Formel 1 sichert sich Alberto Ascari auf Ferrari zum zweiten Mal die Fahrerweltmeisterschaft. Die großen sportlichen Schlagzeilen des Jahres liefert ohnehin ein anderer Schauplatz: der Himalaya, wo Hillary und Tenzing den Everest bezwingen (siehe Schlagzeile 4).

MODE · 1953

Die Krönung Elisabeths II. im Juni beflügelt einen regelrechten „Coronation-Glamour": Ihr Krönungskleid, entworfen vom Hofschneider Norman Hartnell und mit den floralen Emblemen der Commonwealth-Staaten bestickt, inspiriert Tiara-Optik, edle Stoffe und höfische Eleganz auch in bürgerlichen Garderoben im Westen. Der Pariser Couturier Christian Dior prägt das Modejahr mit seiner Frühjahrskollektion „Tulip": Nach den weichen Linien der Vorjahre kehrt wieder mehr Taillenbetonung und Rundung zurück, ein Silhouetten-Wechsel, der die Dior-Kollektionen bis 1955 bestimmen wird. Die Petticoat-Welle hält weiter an, mehrlagige, oft aus Nylon gefertigte Unterröcke sorgen für den gewünschten voluminösen Faltenwurf der Röcke. In der DDR, wo an diesem 17. Juni die Straße statt der Mode Schlagzeilen macht (siehe Schlagzeile 2), bleibt der Blick auf solchen Glamour ein Blick über die Grenze.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1953

  • Hermann Staudinger erhält den Chemie-Nobelpreis (10. Dezember). Der Freiburger Chemiker wird für die Begründung der makromolekularen Chemie geehrt — als „Vater" dieses Forschungszweigs legt er die Grundlage der modernen Polymerforschung.
  • VW gründet erste Auslandsgesellschaft in Brasilien (23. März). Die erste Montage außerhalb Deutschlands markiert den Beginn der internationalen Expansion der deutschen Autoindustrie.
  • Jonas Salk meldet erste Erfolge im Kampf gegen die Kinderlähmung (26. März). Der US-Mediziner berichtet über erfolgreiche Tests seines Polio-Impfstoffs an sich selbst und seiner Familie — der Grundstein für die spätere Massenimpfung ist gelegt.
  • SED erlässt Amnestie für geflüchtete Bauern (11. Juni). Im Zuge des „Neuen Kurses" dürfen auch in der Mark Brandenburg zuvor in den Westen geflohene Landwirte straffrei auf ihre Höfe zurückkehren — für etliche Familien im Bezirk Potsdam ein Wiedersehen nach Jahren der Trennung.

DAS WETTER · 1953 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein milder Sommertag: Höchstwert 22,2 °C, in der Nacht 12,9 °C; ein kurzer Schauer brachte 2,0 mm, die Sonne zeigte sich rund 0,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,9 °C — gut 1,1 Grad über dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 32 °C am 21. Mai, kältester −18 °C am 9. Februar. 14 Hitzetage (≥30 °C), 16 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 483 mm.

Auffällig früh: Der heißeste Tag des Jahres fiel schon auf den 21. Mai (32 °C).

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1953

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Spiel mir eine alte Melodie — Rita Paul
  2. La bella musica — Peter Alexander
  3. Diesmal muß es Liebe sein — Willy Hagara
  4. Frauen und Wein — Rudi Schuricke
  5. Bella Bella Donna — Vico Torriani
  6. Pappi's Wiegenlied — Heinz Erhardt
  7. Lebe wohl, du schwarze Rose — Gerhard Wendland
  8. Mandolinen der Liebe erklingen — René Carol
  9. Mucki-Boogie — Friedel Hensch & Die Cyprys
  10. Plim-Plim! Plum-Plum! — Peter Alexander
  11. Sag warum willst du von mir gehen — Bruce Low
  12. Fernweh — Lale Andersen
  13. Am Kai bei der alten Laterne — Lale Andersen
  14. Bella Bimba — Bibi Johns
  15. Domino — Gerhard Wendland
  16. Du schwarzer Zigeuner — Vico Torriani
  17. Optimisten-Boogie (Junge, Junge, Junge) — Peter Alexander, Erni Bieler & Erwin Halletz
  18. Auf dem blauen Meer — Willy Hagara
  19. Es wird ja alles wieder gut — Detlev Lais
  20. Granada — Vico Torriani

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.