DER CHRONIST

Ein Jahr der Verträge, Vertagungen und weltweiten Umbrüche: Zwei deutsche Staaten suchen ihren Platz zwischen den Blöcken — und ein Fußballspiel bringt sie für neunzig Minuten näher zusammen als jede Diplomatie. Im fernen Indochina endet mit dem Fall von Điện Biên Phủ ein Kolonialkrieg, während in Algerien am Allerheiligentag ein neuer beginnt und in Guatemala ein gewählter Präsident der Blockkonfrontation zum Opfer fällt. Wasserstoffbombe und Atom-U-Boot rücken das nukleare Zeitalter näher, während in den USA das Höchstgericht die Rassentrennung an Schulen kippt und der Senat dem Kommunistenjäger Joseph McCarthy die Rüge erteilt. In Ägypten sichert sich derweil mit Gamal Abdel Nasser ein neuer starker Mann die Alleinherrschaft. Ein Jahr, das zeigt: Auch neun Jahre nach Kriegsende bleibt die Welt in Bewegung — von der Mark Brandenburg bis in die fernsten Winkel des Globus.

Die Schlagzeilen des Jahres

Moskau erklärt die DDR für souverän

Feier zum 5. Jahrestag der DDR-Gründung, 1954
Feier zum 5. Jahrestag der DDR-Gründung, 1954 (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Der Erklärung geht eine angespannte Vorgeschichte voraus. Nach Stalins Tod im März 1953 verordnet die neue Kollektivführung in Moskau der DDR einen „Neuen Kurs" mit gelockerten Wirtschaftsauflagen — zu spät und zu zögerlich: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erschüttert die junge Republik und wird nur mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen. Auch die Berliner Außenministerkonferenz der vier Siegermächte im Januar/Februar 1954 bringt keine Einigung über eine gesamtdeutsche Lösung; die Teilung verfestigt sich. Vor diesem Hintergrund gibt die Regierung der UdSSR am 25. März ihre Erklärung ab, wonach die Deutsche Demokratische Republik künftig „nach eigenem Ermessen" über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten entscheiden kann — auch über das Verhältnis zu Westdeutschland. Die Kontrolle der DDR-Staatsorgane durch den sowjetischen Hohen Kommissar — zuletzt Wladimir Semjonow — entfällt; an seine Stelle tritt später eine sowjetische Botschaft in Ost-Berlin, während die Truppen der sowjetischen Streitkräfte weiterhin im Land stationiert bleiben. Ausgenommen bleiben Fragen der Sicherheit und die Rechte aus den Vier-Mächte-Abkommen — echte Souveränität ist das nicht, doch Moskau untermauert damit seine Zwei-Staaten-Politik und rückt die DDR enger an den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) heran. Für die SED-Führung um Walter Ulbricht ist die Erklärung ein willkommenes Argument, die DDR als eigenständigen, wenn auch fest ins sowjetische Bündnissystem eingebundenen Staat darzustellen. Bonn erkennt die DDR wenige Tage später ausdrücklich nicht an. Für Luckenwalde, seit der Kreisreform von 1952 Sitz eines Kreises im Bezirk Potsdam, bleibt es zunächst bei der vertrauten Verwaltungswirklichkeit der jungen Republik.

Aus heutiger Sicht

Die am 25. März verkündete „Souveränität" bleibt über Jahrzehnte eine Teilsouveränität: Sowjetische Truppen stehen bis zu ihrem vollständigen Abzug 1994 im Land, echte außenpolitische Bewegungsfreiheit erhält die DDR erst mit dem Vertrag über die Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR vom 20. September 1955 — tatsächliche staatliche Souveränität im Sinne des Völkerrechts erlangt sie erst mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990, wenige Monate vor ihrem Ende.

Điện Biên Phủ fällt — Frankreichs Kolonialkrieg endet

Karte der Schlacht um Điện Biên Phủ, 1954
Karte der Schlacht um Điện Biên Phủ, 1954 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Seit 1946 ringt Frankreich mit dem Vietminh Hồ Chí Minhs um seine Kolonie Indochina. Um den Gegner zur offenen Feldschlacht zu zwingen und seine Nachschubwege nach Laos zu kappen, lässt der französische Oberbefehlshaber Henri Navarre im November 1953 im abgelegenen Talkessel von Điện Biên Phủ eine Luftlandefestung errichten. General Võ Nguyên Giáp kontert, indem seine Truppen — unterstützt von Zehntausenden Trägern und mit chinesischer Hilfe — schwere Artillerie in mühevoller Handarbeit auf die umliegenden Höhen schaffen, von wo sie ab dem 13. März 1954 die Festung und ihre Landebahn unter Dauerbeschuss nehmen; Nachschub ist bald nur noch per Fallschirm möglich. Nach wochenlanger Belagerung und verlustreichen Kämpfen kapituliert Oberst Christian de Castries am 7. Mai gegen 17.30 Uhr mit den letzten Verteidigern — die schwerste Niederlage einer Kolonialmacht in Asien seit Menschengedenken. Rund 8.200 Franzosen sterben oder gelten als vermisst, über 10.000 geraten in Gefangenschaft, aus der nur ein Bruchteil zurückkehrt; auch auf vietnamesischer Seite sind die Verluste hoch. Der Fall der Festung überschattet die einen Tag später in die Indochina-Phase eintretende, seit dem 26. April in Genf laufende Indochinakonferenz, an der neben Frankreich (Außenminister Georges Bidault, später Ministerpräsident Pierre Mendès France) und dem Vietminh (Phạm Văn Đồng) auch die USA, Großbritannien (Ko-Vorsitz Anthony Eden), die Sowjetunion (Ko-Vorsitz Wjatscheslaw Molotow) und — erstmals auf großer internationaler Bühne — die Volksrepublik China (Zhou Enlai) teilnehmen. Mendès France, der sein Amt erst am 18. Juni antritt, verspricht dem Parlament, binnen 30 Tagen einen Waffenstillstand zu erreichen oder zurückzutreten — und hält Wort: In der Nacht zum 21. Juli einigt man sich, rückdatiert auf den 20. Juli, auf einen Waffenstillstand, die Teilung Vietnams entlang des 17. Breitengrads sowie die Unabhängigkeit von Laos und Kambodscha; für 1956 versprochene gesamtvietnamesische Wahlen finden nie statt. Der Indochinakrieg ist zu Ende — doch mit der Teilung in Hồ Chí Minhs Norden und einen von den USA gestützten Süden ist der Grundstein für den nächsten, ungleich größeren Konflikt in Südostasien gelegt.

Volkskammerwahl: Einheitsliste der Nationalen Front erhält amtlich 99,46 Prozent

Festschmuck zur Volkskammerwahl in der Ost-Berliner Stalinallee, Oktober 1954
Festschmuck zur Volkskammerwahl in der Ost-Berliner Stalinallee, Oktober 1954 (Bundesarchiv, Fotograf Günter Weiß / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Am 17. Oktober ist auch Luckenwalde zur Wahl der zweiten Volkskammer aufgerufen. Zur Auswahl steht, wie schon 1950, nur eine einzige Liste: die Einheitsliste der Nationalen Front des demokratischen Deutschland, auf der SED, die Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und DBD sowie FDGB, FDJ, DFD und Kulturbund mit einer vorab zwischen den Parteien ausgehandelten, festen Sitzverteilung antreten — welche Partei wie viele Sitze erhält, steht damit schon vor der Stimmabgabe fest. Wer die Liste ablehnen will, muss in der Wahlkabine einzeln um einen Zettel bitten und ihn dort sichtbar durchstreichen; die weitaus meisten Wähler falten ihren Stimmzettel dagegen ungeöffnet und werfen ihn, ohne die Kabine zu betreten, als Zeichen der Zustimmung in die Urne. Wer bis zum späten Nachmittag nicht im Wahllokal erschienen ist, bekommt Besuch von Agitatoren der Nationalen Front, die ihn zur Stimmabgabe abholen. Am Abend meldet das amtliche Endergebnis 99,46 Prozent Ja-Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 98,4 Prozent — Zahlen, mit denen die SED-Führung um Walter Ulbricht eine überwältigende Bestätigung ihres Kurses reklamiert.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Nordrhein-Westfalen, 27. Juni — CDU 41,3 %, SPD 34,5 %. Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) bleibt im Amt.
  • Bundespräsidentenwahl, 17. Juli — die Bundesversammlung wählt Theodor Heuss (FDP) mit großer Mehrheit für eine zweite Amtszeit.
  • Schleswig-Holstein, 12. September — SPD 33,2 %, CDU 32,2 %. Trotz SPD-Vorsprungs regiert weiter ein bürgerliches Bündnis aus CDU, GB/BHE und FDP; am 11. Oktober wählt der Landtag Kai-Uwe von Hassel (CDU) zum Nachfolger von Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke.
  • Bayern, 28. November — CSU 38,0 %, SPD 28,1 %. Eine „Viererkoalition" aus SPD, Bayernpartei, FDP und GB/BHE löst die CSU-Regierung ab; Wilhelm Hoegner (SPD) wird erneut Ministerpräsident.
  • Hessen, 28. November — SPD 42,6 %, CDU 24,1 %. Ministerpräsident Georg-August Zinn (SPD) bleibt im Amt.
  • Berlin (West), 5. Dezember — SPD 44,6 %, CDU 30,4 %. Die SPD wird stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus, die Regierungsbildung steht zum Jahresende noch aus.
Aus heutiger Sicht

Am Muster der vorab feststehenden Sitzverteilung und der amtlichen Zustimmungsraten von regelmäßig über 99 Prozent ändert sich in der DDR bis zu ihrem Ende nichts — erst die Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989, deren gefälschtes Ergebnis Bürgerrechtler öffentlich dokumentieren, und die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 brechen mit diesem Ritual.

»Das Wunder von Bern« — Deutschland wird Fußballweltmeister

Die deutsche Elf beim Wunder von Bern, Fußball-WM 1954
Die deutsche Elf beim „Wunder von Bern“, Fußball-WM 1954 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Berner Wankdorfstadion schlägt die westdeutsche Nationalelf unter Bundestrainer Sepp Herberger und Kapitän Fritz Walter im WM-Finale das hoch favorisierte Ungarn der „Goldenen Elf" um Ferenc Puskás und Sándor Kocsis, das zuvor 32 Spiele in Folge gewonnen und die Deutschen schon in der Vorrunde 8:3 geschlagen hatte, mit 3:2. Nach frühem 0:2-Rückstand durch zwei frühe ungarische Tore verkürzt Max Morlock in der 10. Minute, Helmut Rahn gleicht nach einer Ecke Fritz Walters in der 18. Minute zum 2:2 aus. Bei strömendem Regen — im Volksmund seither „Fritz-Walter-Wetter" — wechselt die deutsche Elf zur Pause auf die neuen Adidas-Schraubstollen von Adi Dassler, die auf dem aufgeweichten Rasen besseren Halt geben. In der 84. Minute erzielt Rahn aus dem Hintergrund den Siegtreffer; ein späteres Tor Puskás' wird vom walisischen Linienrichter Mervyn Griffiths wegen Abseits nicht gegeben, ehe der englische Schiedsrichter William Ling abpfeift. Herbert Zimmermanns Rundfunkreportage — „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen — Rahn schießt — Tor! Tor! Tor! Tor!" — verfolgen an diesem Sonntag Millionen, über Grenzen hinweg auch in der DDR am Radio. Die Rückfahrt der Mannschaft mit dem Zug durch die Bundesrepublik gerät zum spontanen Volksfest; Historiker sehen im Sieg von Bern später die eigentliche Geburtsstunde eines neuen westdeutschen Selbstbewusstseins jenseits von Kriegsniederlage und Trümmerjahren.

Aus heutiger Sicht

Zur nationalen Gründungserzählung wächst der Sieg von Bern erst Jahrzehnte später heran — in den Wochen nach dem Finale würdigen ihn westdeutsche Zeitungen zwar als sportliche Sensation, doch von einem identitätsstiftenden „Wunder" ist noch kaum die Rede, und die DDR-Presse berichtet über die westdeutschen Reaktionen gar nicht erst. Erst mit der Wiedervereinigung und vollends mit Sönke Wortmanns Kinofilm „Das Wunder von Bern" (2003) setzt sich die heutige Deutung als Geburtsstunde eines neuen westdeutschen Selbstbewusstseins durch. Seit der Entdeckung leerer Glasampullen im alten Wankdorfstadion 2004 und späteren Aussagen von Spielern ist zudem belegt, dass die Mannschaft vor dem Finale Injektionen erhielt, die offiziell als Vitamin C deklariert wurden; eine 2010 vom Sporthistoriker Erik Eggers vorgelegte Studie hält eine leistungssteigernde Wirkung des Weckmittels Pervitin für plausibel, ohne sie zweifelsfrei zu belegen.

Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft scheitert in Paris

Das Palais Bourbon in Paris, Sitz der Nationalversammlung
Das Palais Bourbon in Paris, Sitz der Nationalversammlung (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Plan reicht bis 1950 zurück: Unter dem Eindruck des Korea-Kriegs und der Furcht vor einer erneuten eigenständigen deutschen Armee schlägt der französische Ministerpräsident René Pleven eine supranationale europäische Streitmacht vor, in die auch bundesdeutsche Kontingente eingebunden würden, ohne dass Bonn ein eigenes Wehrministerium erhält. Im Mai 1952 unterzeichnen Frankreich, die Bundesrepublik, Italien und die Beneluxstaaten den EVG-Vertrag; der Bundestag ratifiziert bereits im März 1953, ebenso die Benelux-Staaten — nur die Ratifizierung in Paris bleibt aus. Dort formiert sich eine ungewöhnliche Koalition aus Gaullisten und Kommunisten gegen den Verlust nationaler Souveränität über die eigene Armee und gegen jede Form deutscher Wiederbewaffnung. Der neue Ministerpräsident Pierre Mendès France, gerade erst mit der Beendigung des Indochinakriegs befasst, bringt den Vertrag am 30. August zwar vor die Nationalversammlung, lässt aber zunächst über einen Vertagungsantrag abstimmen: Mit 319 zu 264 Stimmen votiert eine Mehrheit dafür, die Beratung über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) auf unbestimmte Zeit zu vertagen — über den eigentlichen Vertragstext wird so nie mehr abgestimmt. Das Parlament weigert sich, die französische Armee einem europäischen Oberkommando zu unterstellen; die Furcht vor einer wiederbewaffneten Bundesrepublik sitzt tief. Der Plan für eine gemeinsame europäische Armee unter Einschluss deutscher Truppen ist gescheitert — die Krise in den Beziehungen zwischen Paris, Bonn und Washington ist beträchtlich. Binnen weniger Wochen entwirft der britische Außenminister Anthony Eden auf einer Neun-Mächte-Konferenz in London (28. September bis 3. Oktober) einen Ausweg: die Erweiterung des Brüsseler Pakts von 1948 um die Bundesrepublik und Italien zur Westeuropäischen Union — und öffnet damit den Weg für eine andere Lösung: den direkten Beitritt der Bundesrepublik zu NATO und Westeuropäischer Union.

Aus heutiger Sicht

Das französische Nein vom 30. August verzögert die westdeutsche Wiederbewaffnung nur um wenige Monate: Bereits am 5. Mai 1955 tritt die Bundesrepublik im Rahmen der Pariser Verträge der NATO bei und erhält mit der Bundeswehr just jene eigenständige nationale Armee, die die supranationale EVG ursprünglich verhindern sollte — ein Ergebnis, das den Bedenken der EVG-Gegner in mancher Hinsicht mehr Nahrung gibt, als sie 1954 ahnen.

Die Pariser Verträge — Westintegration der Bundesrepublik

Konrad Adenauer spricht im Bundestag zu den Pariser Verträgen
Konrad Adenauer spricht im Bundestag zu den Pariser Verträgen (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Als Ausweg aus dem EVG-Debakel unterzeichnen Bundeskanzler Konrad Adenauer, die drei Westmächte, Italien und die Staaten des Brüsseler Pakts in Paris ein ganzes Bündel von Vertragswerken: den revidierten Deutschlandvertrag, der das Besatzungsstatut beendet und der Bundesrepublik weitgehende staatliche Souveränität zusichert; den Vertrag zur Erweiterung des Brüsseler Pakts zur Westeuropäischen Union (WEU); sowie das Protokoll zum Beitritt der Bundesrepublik zur NATO. Im Gegenzug verzichtet Bonn vertraglich auf die Herstellung atomarer, biologischer und chemischer Waffen sowie bestimmter schwerer Waffensysteme — überwacht durch ein Rüstungskontrollamt der WEU. Die Saarfrage, weiterhin strittig zwischen Paris und Bonn, wird in einem gesonderten Saarstatut geregelt, über das die Saarbevölkerung erst im Oktober 1955 abstimmen und es mehrheitlich ablehnen wird. In Kraft treten die Pariser Verträge erst am 5. Mai 1955; vier Tage später tritt die Bundesrepublik als 15. Mitglied der NATO bei — Moskau antwortet umgehend mit der Gründung des Warschauer Pakts. Doch die Weichenstellung fällt bereits jetzt, im Herbst 1954: Zwei deutsche Staaten festigen ihre gegensätzliche Einbindung in die Militärblöcke des Kalten Krieges.

Die „Nautilus" läuft vom Stapel — Ära des Atom-U-Boots beginnt

Die USS Nautilus gleitet am 21. Januar 1954 in den Thames River, Groton
Die USS Nautilus gleitet am 21. Januar 1954 in den Thames River, Groton (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Werft von General Dynamics Electric Boat in Groton, Connecticut, läuft am 21. Januar die USS Nautilus vom Stapel — das erste atomgetriebene U-Boot der Welt. Präsidentengattin Mamie Eisenhower tauft das Boot mit einer Flasche Champagner; berühmt wird es später mit dem knappen Funkspruch „Underway on nuclear power" nach seiner Indienststellung am 30. September. Der kleine Druckwasserreaktor an Bord löst ein altes Problem der U-Boot-Fahrt: Statt nach wenigen Stunden zum Aufladen der Batterien auftauchen zu müssen, kann die Nautilus wochenlang getaucht bleiben und mit über 20 Knoten Fahrt aufnehmen. Entwickelt unter der treibenden Kraft von Admiral Hyman G. Rickover, gilt das gut 97 Meter lange Boot als Meilenstein der Marinetechnik und als Prestigeobjekt im atomaren Wettrüsten der Supermächte — die Sowjetunion zieht mit einem eigenen Atom-U-Boot erst 1958 nach. Für die Öffentlichkeit beiderseits des Eisernen Vorhangs ist der Stapellauf ein weiteres Zeichen, dass Kernenergie nicht nur zerstörerisch — wie die Wasserstoffbombe —, sondern auch als Antriebstechnik der Zukunft zu verstehen ist.

Der „Glückliche Drache" — Fallout einer Wasserstoffbombe trifft japanische Fischer

Der Thunfischkutter Daigo Fukuryū Maru („Glücklicher Drache Nr. 5“)
Der Thunfischkutter Daigo Fukuryū Maru („Glücklicher Drache Nr. 5“) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Beim Test Castle Bravo auf dem Bikini-Atoll unterschätzen die amerikanischen Militärs die Sprengkraft ihrer neuen Wasserstoffbombe gewaltig: Statt der erwarteten rund 6 Megatonnen detoniert die Ladung mit etwa 15 Megatonnen — das Tausendfache der Hiroshima-Bombe und der stärkste je von den USA gezündete Kernwaffentest. Radioaktiver Fallout regnet weit über die vorab festgelegte Sperrzone hinaus nieder und trifft auch den japanischen Thunfischkutter Daigo Fukuryū Maru („Glücklicher Drache Nr. 5"), der außerhalb dieser Zone kreuzt. Alle 23 Fischer an Bord erleiden Strahlenkrankheit; der Funker Aikichi Kuboyama stirbt am 23. September an den Folgen — als eines der ersten bekannten Todesopfer einer Wasserstoffbombe. Der kontaminierte Fang löst in Japan eine Panik um radioaktiven Fisch aus und heizt eine breite Anti-Atom-Bewegung an; das japanische Kino verarbeitet den Schock noch im selben Jahr im Monsterfilm „Godzilla". International wächst nach Bekanntwerden des Vorfalls die Sorge vor der neuen Waffengattung, deren Zerstörungskraft die bisherigen Vorstellungen sprengt — ein Thema, das auch in der geteilten deutschen Öffentlichkeit, Ost wie West, zunehmend diskutiert wird.

„Brown v. Board of Education" — US-Höchstgericht verbietet Rassentrennung an Schulen

Die NAACP-Anwälte George E. C. Hayes, Thurgood Marshall und James Nabrit nach dem gewonnenen Brown-Urteil, 1954
Die NAACP-Anwälte George E. C. Hayes, Thurgood Marshall und James Nabrit nach dem gewonnenen Brown-Urteil, 1954 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten unter dem neuen Chief Justice Earl Warren entscheidet einstimmig: Die gesetzlich vorgeschriebene Trennung von schwarzen und weißen Schülern an öffentlichen Schulen ist verfassungswidrig. Das Urteil in der Sammelklage Brown v. Board of Education of Topeka, benannt nach der Klägerfamilie um Oliver Brown aus Topeka, Kansas, und erstritten vom Anwalt der Bürgerrechtsorganisation NAACP, Thurgood Marshall (später selbst Verfassungsrichter), kippt die seit 1896 geltende Doktrin „separate but equal" aus dem Fall Plessy v. Ferguson. „Getrennte Bildungseinrichtungen sind von Natur aus ungleich", heißt es in der Urteilsbegründung. Praktisch bleibt die Entscheidung zunächst folgenlos: Vor allem in den Südstaaten formiert sich massiver Widerstand, Schulbehörden verzögern die Integration jahrelang, manche Bundesstaaten schließen sogar öffentliche Schulen, um sie zu umgehen. Dennoch gilt der 17. Mai 1954 rückblickend als einer der Wendepunkte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Auch in der westdeutschen und ostdeutschen Presse wird das Urteil aufmerksam registriert — als Prüfstein für den von beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg jeweils für sich beanspruchten moralischen Vorbildcharakter.

CIA-Putsch in Guatemala — Präsident Árbenz gestürzt

Der guatemaltekische Präsident Jacobo Árbenz
Der guatemaltekische Präsident Jacobo Árbenz (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Unter dem Decknamen PBSUCCESS organisiert der amerikanische Geheimdienst CIA mit Billigung von Präsident Dwight D. Eisenhower den Sturz des demokratisch gewählten guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Árbenz. Dessen Landreform hatte brachliegende Großgrundbesitze enteignet und gegen Entschädigung umverteilt — darunter auch Flächen der amerikanischen United Fruit Company, die in Washington einflussreiche Fürsprecher hat. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges gilt Árbenz, der auch die guatemaltekische Kommunistische Partei legal agieren lässt, in Washington als Sicherheitsrisiko im „eigenen Hinterhof". Ab dem 18. Juni überschwemmt die CIA das Land mit Propagandasendungen über einen Piratensender, während eine kleine, von ihr ausgerüstete Söldnertruppe unter Oberst Carlos Castillo Armas von Honduras aus einmarschiert und symbolische Bombenangriffe fliegt. Militärisch unbedeutend, entfaltet die Aktion doch psychologische Wirkung: Die guatemaltekische Armee verweigert Árbenz die Gefolgschaft, am 27. Juni tritt er zurück und geht ins Exil. Castillo Armas übernimmt die Macht und leitet eine jahrzehntelange Folge autoritärer, US-gestützter Regierungen ein. Der Putsch gilt heute als Lehrbuchbeispiel verdeckter amerikanischer Interventionspolitik in Lateinamerika.

Nasser sichert sich die Alleinherrschaft in Ägypten

Gamal Abdel Nasser, 1954
Gamal Abdel Nasser, 1954 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zwei Jahre nach dem Sturz von König Faruq durch die „Freien Offiziere" entscheidet sich 1954 der Machtkampf innerhalb der ägyptischen Militärführung endgültig zugunsten von Gamal Abdel Nasser. Im Juli erreicht seine Regierung mit London ein Abkommen über den Abzug der letzten britischen Truppen aus der Suezkanalzone binnen 20 Monaten — ein außenpolitischer Erfolg, der Nassers Popularität im In- und Ausland stark hebt. Am 26. Oktober überlebt er in Alexandria ein Attentat eines Mitglieds der Muslimbruderschaft, die sich vom einstigen Verbündeten der Offiziere zunehmend verraten fühlt, da Nasser ihre Vorstellung eines islamischen Staates nicht teilt. Nasser nutzt den Anschlag, um mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen gegen die Bruderschaft vorzugehen — und um seinem populäreren, aber politisch zurückhaltenderen Rivalen, Staatspräsident Muhammad Nagib, eine Mitverantwortung anzulasten. Am 14. November setzt der Revolutionsrat Nagib endgültig ab und stellt ihn unter Hausarrest, aus dem er erst 1972 entlassen wird. Nasser vereint fortan als Ministerpräsident und starker Mann die Macht in seiner Person, ehe er sich 1956 offiziell zum Präsidenten wählen lässt. Sein Aufstieg macht Ägypten in den Folgejahren zum Zentrum eines arabischen Nationalismus, der die Weltpolitik des Nahen Ostens auf Jahrzehnte prägt.

„Toussaint Rouge" — Beginn des Algerienkriegs

Sechs Anführer der neu gegründeten FLN, 1954
Sechs Anführer der neu gegründeten FLN, 1954 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Nacht zum Allerheiligenfest verüben Kämpfer der neu gegründeten Front de Libération Nationale (FLN) rund 70 koordinierte Anschläge auf Kasernen, Polizeiposten und Infrastruktur in ganz Französisch-Algerien — von den Kabylischen Bergen bis zur Hauptstadt Algier. Der Tag geht als „Toussaint Rouge" („Roter Allerheiligen") in die Geschichte ein und gilt als Beginn des Algerienkriegs, der bis 1962 andauert. Die Anschläge selbst sind militärisch von begrenzter Wirkung, doch ihr politisches Signal ist unmissverständlich: Eine neue, radikalere Kraft beansprucht die Führung im Unabhängigkeitskampf gegenüber älteren, auf Verhandlungen setzenden algerischen Bewegungen. Der französische Innenminister François Mitterrand — später Staatspräsident — erklärt im Parlament unmissverständlich: „Algerien, das ist Frankreich", und schließt jede Verhandlung über die Zukunft der drei nordafrikanischen Départements aus, die staatsrechtlich als integraler Bestandteil Frankreichs gelten, anders als die Protektorate Marokko und Tunesien. Paris verstärkt daraufhin seine Truppen in Algerien massiv. Was zunächst als Kolonialaufstand abgetan wird, entwickelt sich in den Folgejahren zu einem der blutigsten Entkolonialisierungskriege der Nachkriegszeit, der schließlich 1958 die Vierte Französische Republik zu Fall bringt und General Charles de Gaulle an die Macht zurückführt.

Der US-Senat zensiert Joseph McCarthy

Senator Joseph McCarthy während der Army-McCarthy-Hearings, März 1954
Senator Joseph McCarthy während der Army-McCarthy-Hearings, März 1954 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach Jahren, in denen der republikanische Senator Joseph McCarthy aus Wisconsin mit unbelegten Vorwürfen kommunistischer Unterwanderung Regierung, Militär und Kulturbetrieb der USA in Angst versetzt hat, stimmt der Senat mit 67 zu 22 Stimmen für eine förmliche Rüge („censure") gegen ihn. Den Ausschlag geben nicht zuletzt die im Frühjahr landesweit im Fernsehen übertragenen Army-McCarthy-Hearings, in denen McCarthys aggressiver Umgangston und seine haltlosen Anschuldigungen gegen das Militär einem Millionenpublikum erstmals ungefiltert vor Augen geführt werden — der Anwalt der Armee, Joseph Welch, bringt mit seiner Frage „Haben Sie denn gar kein Schamgefühl?" die öffentliche Stimmung endgültig gegen den Senator. Republikanische Kollegen wie Ralph Flanders, Arthur Watkins und Margaret Chase Smith treiben das Rügeverfahren voran; der Vorwurf lautet, McCarthy habe sich „senatsunwürdig" verhalten und das Ansehen der Kammer beschädigt. Die Rüge selbst enthält keine Sanktion, bedeutet politisch aber das Ende von McCarthys Einfluss: Fortan wird er von Kollegen und Presse gemieden, sein Name steht seither als Synonym — „McCarthyismus" — für unbegründete politische Verfolgung und Rufmord im Namen der Kommunistenjagd. Zwei Jahre später, 1957, stirbt er, gesundheitlich gezeichnet und weitgehend isoliert.

Heinz Fütterer läuft in Yokohama Weltrekord über 100 Meter

Heinz Fütterer (links) mit Manfred Steinbach
Heinz Fütterer (links) mit Manfred Steinbach (Bundesarchiv Bild 183-41708-0008 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei einem Sportfest im japanischen Yokohama läuft der 22-jährige Karlsruher Sprinter Heinz Fütterer die 100 Meter handgestoppt in 10,2 Sekunden und stellt damit den seit 1936 gehaltenen Weltrekord des US-Amerikaners Jesse Owens ein — als erster Europäer überhaupt. In der Presse wird der „Weiße Blitz" aus Baden fortan als schnellster Mann der alten Welt gefeiert; den Rekord hält er knapp zwei Jahre, ehe ihn 1956 zwei US-Sprinter in Berlin unterbieten. Fütterer, zugleich Europameister über 100 und 200 Meter des Jahres 1954, gilt als erster deutscher Sprinter, der sich international mit den dominierenden amerikanischen Läufern messen kann.

Der „Wigomat" — die erste elektrische Filterkaffeemaschine wird patentiert

Der Wigomat, die erste elektrische Filterkaffeemaschine
Der Wigomat, die erste elektrische Filterkaffeemaschine (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der Schwenninger Unternehmer Gottlob Widmann lässt 1954 mit dem „Wigomat" die erste elektrische Kaffeemaschine mit Filteraufsatz patentieren, die anders als frühere Percolatoren das Wasser ohne Kochen auf konstanter Brühtemperatur hält und den Kaffeesatz gleichmäßig durchfeuchtet — das Grundprinzip, nach dem Filterkaffeemaschinen bis heute arbeiten. Das Gerät seiner Firma Gottlob Widmann & Söhne aus dem Schwarzwald verbreitet sich binnen weniger Jahre in Westeuropa und Nordamerika und macht die Filterkaffeemaschine erstmals massentauglich für den privaten Haushalt — zuvor bleibt Kaffeekochen in deutschen Küchen weitgehend Handarbeit mit Kanne, Sieb oder Percolator.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Im März zünden die USA auf dem Bikini-Atoll die erste einsatzfähige Wasserstoffbombe — Beginn eines neuen, ungleich zerstörerischeren Rüstungswettlaufs.
  • Zum 1. Oktober wechselt die Gemeinde Kummersdorf-Gut vom Kreis Luckenwalde in den Nachbarkreis Zossen — eine kleine Randnotiz der Kreisreformen, die den Bezirk Potsdam auch in den Folgejahren immer wieder neu zuschneiden.
  • Am 8. September gründen acht Staaten in Manila die SEATO, den Südostasienpakt gegen kommunistische Einflussnahme in Südostasien — ein weiterer Baustein im globalen Blocksystem des Kalten Krieges, das auch die deutsche Teilung prägt.
  • Der Bahnhof Luckenwalde, Kreuzungspunkt der Bahnstrecke Berlin–Halle mit mehreren Nebenlinien, bleibt 1954 einer der wichtigeren Eisenbahnknoten südlich Berlins — eine unscheinbare geografische Randnotiz, die den Kreis fest ins Verkehrsnetz des Bezirks Potsdam einbindet.
  • Neun Jahre nach der Zerstörung seines Gebäudes wird das Heimatmuseum Luckenwalde 1954 neu gegründet und im Stadtzentrum untergebracht.
  • Am 19. März eröffnet im schweizerischen Ascona eine der ersten öffentlichen Minigolf-Anlagen Europas — ein neuer Freizeittrend, der in den Folgejahren auch in westdeutschen Städten Anklang findet.
  • Am 23. Oktober gründet sich in Ost-Berlin der Deutsche Anglerverband der DDR — einer von zahlreichen zentralisierten Massenverbänden, mit denen die SED-Führung Freizeit- und Vereinsleben in ihre Organisationsstruktur einbindet.
  • Am 12. Dezember werden Sprinter Heinz Fütterer und Schwimmerin Ursula Happe zu Sportlern des Jahres gekürt — Happe hatte bei der Schwimm-Europameisterschaft 1954 Gold über 200 Meter Brust und Bronze über 100 Meter Brust gewonnen.

WIRTSCHAFT · 1954

In der DDR beherrscht die zweite Hälfte des Fünfjahrplans (1951–1955) das Wirtschaftsgeschehen: Trotz des „Neuen Kurses" nach dem Volksaufstand von 1953, der Konsumgüter und Lebensstandard stärker in den Vordergrund rückt, bleibt die Versorgung angespannt — Grundnahrungsmittel gibt es je nach Bezugsschein weiterhin zu subventionierten Kartenpreisen oder, ohne Karte, zu deutlich höheren HO-Preisen in den Läden der staatlichen Handelsorganisation; die vollständige Abschaffung der Lebensmittelkarten und Vereinheitlichung der Preise (Einheitliche Verkaufspreise, EVP) folgt erst am 28. Mai 1958. Die anhaltende Unzufriedenheit zeigt sich in der Republikflucht: 1954 verlassen amtlichen Zahlen zufolge 173.279 Menschen die DDR in Richtung Westen — nach 270.440 im Vorjahr ein Rückgang, aber weiterhin eine der höchsten Zahlen der fünfziger Jahre. Am 15. September verschärft die Volkskammer mit dem Passgesetz der DDR die Strafandrohung: „Wer ohne Genehmigung das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland verläßt [...], wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft" (§ 8 Abs. 1) — die Flucht selbst wird damit erstmals ausdrücklich zur Straftat.

Was die Ostmark noch wert war (Preisstand 1958, unmittelbar nach der Aufhebung der Lebensmittelkarten — die EVP-Grundpreise bleiben danach über Jahre nahezu unverändert, während 1954 selbst niedrigere Kartenpreise noch neben höheren HO-Preisen bestehen):

  • Brot (1 kg) — 0,52 M
  • Butter (250 g) — 2,40 M
  • Milch (1 l) — 0,66 M
  • Bier (0,5 l) — 0,72 M
  • Kartoffeln (5 kg) — 0,85 M
  • Eier (12 Stück) — 4,68 M

STIMMEN DER PRESSE · 1954

Die deutsche Presselandschaft bleibt 1954 geteilt: Während Ost-Berlins Neues Deutschland, Zentralorgan der SED, das Jahr überwiegend mit Erfolgsmeldungen zu Fünfjahrplan und Volkskammerwahl füllt, kommentiert die Presse der Bundesrepublik freier — am ausführlichsten den Fußballsieg von Bern:

„Deutsche Elf so gut wie noch nie. Die elf Männer im Adlertrikot erzwangen das Wunder der Fußballweltmeisterschaft 1954!" — Bild-Zeitung, 1. Juli 1954

„Die deutsche Elf vollbringt in Bern das Fußball-Wunder." — Süddeutsche Zeitung, 5. Juli 1954

Auch die österreichische Presse revidiert nach dem Finale ihr Bild vom deutschen Spiel:

„Der in Österreich weit verbreitete Irrtum, die Deutschen könnten nur durch großen Kampfgeist und unerbittliche Härte Wirkung erzielen, wurde diesmal klar widerlegt. Die Mannschaft bot eine hochklassige Leistung." — Welt am Montag (Wien), 2. Juli 1954

Eine eigenständige DDR-Pressestimme zum Ereignis lässt sich nicht auffinden: Neues Deutschland und Berliner Zeitung schweigen zum Wunder von Bern und damit auch zur gesamtdeutschen Fußballbegeisterung jenseits der Zonengrenze.

SPORT · 1954

Das sportliche Jahr gehört Deutschland: Der WM-Titel von Bern (siehe Schlagzeile 3) — 3:2 gegen Ungarn — überstrahlt alles. Eine Olympiade findet 1954 nicht statt; die Winterspiele lagen 1952 in Oslo, die Sommerspiele in Helsinki, die nächsten folgen 1956 in Cortina d'Ampezzo und Melbourne. Über den Fußball hinaus fällt eine für unmöglich gehaltene Grenze: Am 6. Mai läuft der Brite Roger Bannister, gepacet von seinen Landsleuten Chris Chataway und Chris Brasher, auf der Aschenbahn von Iffley Road in Oxford als erster Mensch die Meile unter vier Minuten (3:59,4) — eine Marke, die zuvor als physiologisch unerreichbar galt. Auch im Motorsport setzt sich 1954 mit der neuen 2,5-Liter-Formel ein neues Zeitalter durch: Der Argentinier Juan Manuel Fangio gewinnt die ersten Rennen der Saison noch für Maserati, ehe Mercedes-Benz mit dem revolutionären Silberpfeil W196 in die Formel 1 zurückkehrt — Fangio sichert sich damit seine zweite Fahrer-Weltmeisterschaft. Bei der Tour de France siegt der Franzose Louison Bobet zum zweiten Mal in Folge.

MODE · 1954

In Paris öffnet die 71-jährige Coco Chanel am 5. Februar nach 15 Jahren Pause ihr Modehaus wieder. Die erste Kollektion fällt bei Presse und Kritik zunächst durch — man spricht von einem „Fiasko" und einer melancholischen Rückschau einer Frau von gestern. Doch gegen die betonte Wespentaille von Diors „New Look" setzt Chanel das bequeme, gerade geschnittene Chanel-Kostüm aus grobem Tweed, das sich vor allem in den USA gut verkauft und bis zum Herbst zum vielkopierten Bestseller wird, der die Damenmode der folgenden Jahre prägt. Noch aber dominiert Christian Dior die Salons: Im Herbst überrascht er mit der schlichten, geraden H-Linie, die die Taille zugunsten einer verlängerten, knabenhaften Silhouette fast verschwinden lässt und ebenfalls für Diskussionen sorgt. In der DDR bleibt modische Auswahl derweil Mangelware: Getragen wird, was Handel (HO) und Hausschneiderin hergeben — die staatliche Modezeitschrift Sibylle erscheint erst ab 1956.

KINO & FERNSEHEN · 1954

An den westdeutschen Kinokassen erholt sich das Geschäft von den Nachkriegseinbrüchen: 1954 laufen rund 142 abendfüllende Spielfilme aus bundesdeutscher Produktion an, die Besucherzahlen steigen von 555 Millionen (1951) in Richtung der später erreichten 817 Millionen (1957) — Kino bleibt das mit Abstand wichtigste Massenunterhaltungsmedium beider deutscher Staaten. Bei der DEFA in Ost-Berlin läuft am 27. August mit „Alarm im Zirkus" von Regisseur Gerhard Klein einer der bekannteren DEFA-Kriminalfilme des Jahres an, gedreht mit Straßenszenen im noch unbewachten geteilten Berlin. Das Fernsehen selbst steckt hüben wie drüben noch in den Kinderschuhen: In der DDR sendet das Fernsehzentrum Berlin-Adlershof seit Dezember 1952 im Testbetrieb, Ende 1954 zählt die Statistik erst 2.300 angemeldete Fernsehgeräte im ganzen Land. Im Westen nimmt die ARD am 1. November mit dem „Deutschen Fernsehen" ein regelmäßiges Gemeinschaftsprogramm zwischen Hamburg und München auf — auch hier bleibt der Fernseher 1954 noch ein seltenes, teures Luxusgerät, und Wochenschau wie Spielfilm im Kino bestimmen den Alltag der Zuschauer weit stärker als das neue Medium.

GESTORBEN · 1954

  • Frida Kahlo (47), mexikanische Malerin — 13. Juli, Mexiko-Stadt.
  • Alan Turing (41), britischer Mathematiker und Kryptoanalytiker — 7. Juni, Wilmslow.
  • Getúlio Vargas (72), Präsident Brasiliens (Suizid im Amt) — 24. August, Rio de Janeiro.
  • Henri Matisse (84), französischer Maler — 3. November, Nizza.
  • Enrico Fermi (53), italienisch-amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger — 28. November, Chicago.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1954

  • Max Born und Walther Bothe erhalten den Physik-Nobelpreis (1954). Born wird für die statistische Deutung der Wellenfunktion geehrt, Bothe für die Koinzidenzmethode — gleich zwei deutsche Physiker auf einmal.
  • Gründung des Sender Freies Berlin (1. Juni). Der neue West-Berliner Rundfunksender tritt im September der ARD bei — unabhängiger Rundfunk für das isolierte West-Berlin.
  • Gründung von CERN mit deutscher Beteiligung (29. September). Zwölf Staaten, darunter die Bundesrepublik, gründen die Europäische Organisation für Kernforschung — Westdeutschlands Rückkehr in die internationale Wissenschaft als Gründungsmitglied.
  • Die Kinotrilogie „08/15" startet einen der größten deutschen Filmerfolge der Nachkriegszeit (1954). Nach den Romanen von Hans Hellmut Kirst verarbeitet der Film den Soldatenalltag der Wehrmacht mit bitterer Komik — ein Publikumserfolg, der vielen Kriegsheimkehrern beim Verarbeiten hilft.
  • Ernest Hemingway erhält den Nobelpreis für Literatur (28. Oktober). Die Schwedische Akademie würdigt sein erzählerisches Meisterwerk „Der alte Mann und das Meer" — ein Höhepunkt für den amerikanischen Schriftsteller mitten in gesundheitlich schwerer Zeit.
  • Volle Auftragsbücher in den Luckenwalder VEB-Textilbetrieben (Winter 1954/55). Die Tuchfabriken, neben der Metallindustrie tragende Säule der Kreisstadt, melden zum Jahreswechsel gute Auslastung — ein kleines Hoffnungszeichen im dritten Jahr des Fünfjahrplans.

DAS WETTER · 1954 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 23,2 °C, in der Nacht 14,0 °C; ein kurzer Schauer brachte 2,2 mm, die Sonne zeigte sich rund 5,8 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,1 °C — rund 0,7 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 34 °C am 20. Juni, kältester −20 °C am 1. Februar. 6 Hitzetage (≥30 °C), 41 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 696 mm.

Ein nasser, sonnenarmer Sommer in einem insgesamt kühlen Jahr (fast 700 mm Niederschlag).

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1954

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Zehn Whiskys und ein Soda / Wir, wir, wir haben ein Klavier — Jupp Schmitz
  2. Schweden-Mädel — Lys Assia mit Fred Weyrich & die Peheiros
  3. Heideröslein — Friedel Hensch und die Cyprys
  4. Wodka-Fox (Gib mir den Wodka, Anuschka) — Hans-Arno Simon mit Blaskapelle Sepp Vierlinger
  5. Schuster, bleib' bei deinen Leisten — Werner Dies mit Willy Berking
  6. Am 30. Mai ist der Weltuntergang — Kurt-Adolf Thelen, Sunshine-/Golgowsky-Quartett, Will Glahé
  7. Anneliese — Hans-Arno Simon
  8. Glaube mir — Wolfgang Sauer
  9. Ganz Paris träumt von der Liebe — Caterina Valente
  10. Deinen Namen, den hab' ich vergessen — René Carol
  11. Herr Kapellmeister — Evelyn Künneke
  12. Man müßte nochmal 20 sein — Willy Schneider
  13. O Baiao Bongo — Caterina Valente
  14. Der Mann am Klavier — Paul Kuhn
  15. Das alte Försterhaus — Friedel Hensch & Die Cyprys
  16. Du hast ja Tränen in den Augen — Wolfgang Sauer
  17. Wenn es Nacht wird in Paris — Caterina Valente
  18. Bella Bimba — Bibi Johns
  19. Bonsoir Bonsoir — Vico Torriani
  20. Malagueña — Caterina Valente

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Oberbürgermeister Andreas Gayk gestorben, Neue Straße trägt seinen Namen

Kiel hat seinen Oberbürgermeister verloren: Andreas Gayk (SPD) ist am 1. Oktober in Kiel gestorben, er wurde 60 Jahre alt. Gayk stand seit 1946 an der Spitze der Stadt; die Ratsversammlung hatte ihn am 18. Oktober 1946 gewählt, und seine Amtszeit wäre noch bis 1959 gelaufen. Er hat die Stadt durch die Jahre des Wiederaufbaus geführt.

Die Stadt ehrt ihn keine drei Wochen nach seinem Tod: Am 21. Oktober wird die Neue Straße in Andreas-Gayk-Straße umbenannt.

Einen Tag später, am 22. Oktober, wählt die Ratsversammlung Hans Müthling (SPD) mit 26 von 37 Stimmen zum neuen Oberbürgermeister; sein Amt soll er im neuen Jahr antreten. Müthling ist in Kiel kein Unbekannter. Von 1946 bis 1950 war er hier Erster Landesdirektor, seit 1951 ist er Stadtkämmerer in Hannover. Im Juni war er als Gast beim Segeln der Kieler Woche dabei.

Heuss wird Ehrenbürger der Stadt Kiel

Bundespräsident Theodor Heuss beim Prominentensegeln im Olympiahafen
Bundespräsident Theodor Heuss (vorn links) beim Prominentensegeln des Kieler Yacht-Clubs im Olympiahafen, Juni 1954. Schräg hinter ihm Hans Müthling, Stadtkämmerer von Hannover (Georg Gasch, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Bundespräsident Theodor Heuss ist Ehrenbürger der Stadt Kiel. Die Würde wurde ihm am 21. Juni verliehen, am zweiten Tag der 60. Kieler Woche, die vom 20. bis 27. Juni dauerte.

Heuss kennt die Kieler Woche: Schon 1950 war er zu Gast. Diesmal geht er selbst aufs Wasser: Beim Prominentensegeln des Kieler Yacht-Clubs im Olympiahafen ist der Bundespräsident dabei.

Der „Geistkämpfer“ steht wieder in Kiel

Ernst Barlachs Bronzeplastik „Geistkämpfer“ ist am 19. Juni vor der Nikolaikirche enthüllt worden. Es ist die zweite Enthüllung: Ende 1928 war die Figur an der Heiligengeistkirche am Kieler Kloster aufgestellt worden, im Auftrag des Magistrats vom 16. August 1927.

Am 20. April 1937 wurde sie abgebaut und im Thaulow-Museum gezeigt. 1939 beschlagnahmten staatliche Stellen sie als „Verfallskunst“ und planten, sie ins Ausland zu verkaufen. Ein früherer Mitarbeiter Barlachs kaufte sie; die Bronze wurde in vier Teile zerlegt und auf dem Grundstück von Hugo Körtzinger in Schnega im Wendland versteckt.

Nach dem Krieg zogen sich die Verhandlungen über das Eigentum hin. Am Ende kaufte die Stadt die vier Teile für 20.900 DM zurück. Die Berliner Gießerei Hermann Noack setzte die Plastik im Rathaushof wieder instand. Die Ratsversammlung beschloss am 18. Februar, sie an der Nikolaikirche aufzustellen.

Aus heutiger Sicht

Der Geistkämpfer blieb an der Nikolaikirche am Alten Markt.

Aus der Fregatte wird die Yacht „Christina“

Auf der Ostsee hat am 13. Juni die Probefahrt eines Schiffes stattgefunden, das als Kriegsfregatte begann: Die Howaldtswerke Kiel haben für den Reeder Aristoteles Onassis eine Luxusyacht namens „Christina“ fertiggestellt.

Onassis hatte 1948 die kanadische Fregatte „Stormont“ der River-Klasse, gebaut 1942/43, für 34.000 US-Dollar gekauft. Der Umbau in Kiel dauerte von Ende 1952 bis Mitte 1954 und kostete rund 4 Millionen US-Dollar.

Das Schiff ist gut 99 Meter lang und 11,12 Meter breit; die Einrichtung hat der Hamburger Architekt Cäsar Pinnau entworfen, angetrieben wird es weiter von den Dampfmaschinen der Fregatte.

Marine-Ehrenmal Laboe geht an den Deutschen Marinebund

Das Marine-Ehrenmal in Laboe ist am 30. Mai an den Deutschen Marinebund übergeben worden. Seit 1945 hatte es die britische Besatzungsmacht beschlagnahmt, der Marinebund war aufgelöst worden. 1946 wurde erwogen, das Ehrenmal zu sprengen; man verwarf den Gedanken, weil es den Krieg nicht verherrliche, und der Bürgermeister von Laboe wurde als geschäftsführender Treuhänder eingesetzt. 1952 hat sich der Marinebund neu gegründet.

Mit der Rückgabe erhält das Ehrenmal eine neue Widmung: „Dem Gedenken aller toten deutschen Seefahrer beider Weltkriege und unserer toten Gegner.“ Sie soll der Versöhnung mit den früheren Gegnern dienen.

Zur Übergabe, auf den Tag 18 Jahre nach der Einweihung von 1936, kamen Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke, Landtagspräsident Ratz und der Architekt des Ehrenmals, Professor Gustav August Munzer. Für die Marinen des Auslands waren Commodore Moore (USA), Lieutenant-Commander Ramsay (Großbritannien) und Capitano Di Rocco (Italien) vertreten.

KURZ NOTIERT · Kiel 1954

  • 14. Januar — Die MaK übergibt die erste von 20 bestellten Dieselloks an einen schwedischen Auftraggeber.
  • 26. Januar — Richtfest für den Neubau der Landesbank und Girozentrale am Martensdamm.
  • 15. März / 12. Dezember — Der Abbruch der kriegszerstörten St.-Jürgen-Kirche am Sophienblatt beginnt; die Grundsteinlegung für die neue Kirche am Königsweg folgt am 3. Juli, die Einweihung am 12. Dezember.
  • 1. April — Die Stadtbücherei wird an der Ecke Falckstraße/Dänische Straße neu eröffnet.
  • 19. Juli — Der Seegrenzschutz übernimmt die ehemalige Marineschule in der Wik, Arkonastraße 1.
  • 31. August — Die Levensauer Hochbrücke wird nach der Verbreiterung, für die die historischen Brückentürme weichen mussten, wieder freigegeben.
  • 12. September — Landtagswahl in Schleswig-Holstein: In Kiel gewinnt die SPD vier der fünf Direktmandate (Kiel-Nord, -Ost, -Süd und -West), die CDU mit Emmy Lüthje Kiel-Mitte. Andreas Gayk holt Kiel-Ost mit 52,0 Prozent. Die Regierung aus CDU, BHE und FDP bleibt dennoch im Amt; Kai-Uwe von Hassel wird am 11. Oktober zum Ministerpräsidenten gewählt.
  • 5. Dezember — Am zweiten Adventssonntag und an den beiden folgenden Sonntagen haben die Kieler Einzelhandelsgeschäfte geöffnet.

RUND UM DIE FÖRDE · 1954

  • 1. Juli, Schönberg — Die Züge der Kleinbahnen aus Schönberg und Bad Segeberg fahren jetzt bis zum Kieler Hauptbahnhof; Endstation war bisher der Kleinbahnhof Kiel-Süd.

SPORT AN DER FÖRDE · 1954

  • Holstein Kiel — In der Oberliga Nord beenden die Störche die Saison 1953/54 auf Platz neun mit 29:31 Punkten und 50:68 Toren; im Schnitt sehen 6.034 Zuschauer die Heimspiele.
  • THW Kiel — Im Feldhandball wird der THW Norddeutscher Meister vor dem SV Polizei Hamburg; in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft reicht es in der Gruppe hinter Frisch Auf Göppingen und dem SV Harleshausen nur zu Platz drei.

DAS WETTER · 1954 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein trüber, kühler Julitag: Höchstwert 19,8 °C, Tiefstwert 11,7 °C, Tagesmittel 15,3 °C. Es fielen 1,4 mm Regen, die Sonne schien nur rund 1,9 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,2 °C. Wärmster Tag 31,7 °C am 20. Juni, kältester Tiefstwert −12,1 °C am 1. Februar. 1 Hitzetag (≥30 °C), 6 Sommertage (≥25 °C), 24 Eistage (Dauerfrost) und 75 Frosttage. Jahresniederschlag 904 mm, Sonnenscheindauer 1555 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)