DER CHRONIST

Sonderausgabe · Rückschau auf die Tage vom 5. bis 15. März 1956 · Preis 15 Pfennig

Luckenwalde, Sonnabend, den 10. März 1956Eine rückblickende Wochenschau: Was in diesen Tagen die Welt, die beiden deutschen Staaten, Berlin und die Mark und die Hutstadt am Fläming bewegte.

Zum Geleit

Diese Ausgabe erscheint zu Ehren eines an diesem 10. März 1956 in Luckenwalde geborenen Kindes. Sie sammelt die großen Schlagzeilen der Tage seiner Geburt — vom Weltgeschehen bis vor die eigene Haustür an der Nuthe. Es sind Tage zwischen zwei Jahreszeiten: Der härteste Winter seit Menschengedenken hat gerade erst nachgelassen, und im Osten wie im Westen wird in diesen Wochen die Welt neu geordnet — in Moskau das Andenken Stalins, in Bonn und Berlin das Soldatentum.


AUFMACHER · Schüsse in Tiflis — das Nachbeben der Moskauer Geheimrede

Nikita S. Chruschtschow, Erster Sekretär der KPdSU, 1956 Nikita S. Chruschtschow, Erster Sekretär des ZK der KPdSU — offizielles Porträt der Nachrichtenagentur TASS, 1956. (TASS / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Moskau/Tiflis. Zwei Wochen ist der XX. Parteitag der KPdSU nun zu Ende, und noch immer weiß die Welt nicht genau, was Nikita Chruschtschow in der Nacht zum 25. Februar hinter verschlossenen Türen den Delegierten gesagt hat. Gewiss ist nur: Es war eine Abrechnung mit Stalin — mit dem „Personenkult", mit den Säuberungen der dreißiger Jahre, mit den Fehlern des Kriegsbeginns. Der Text wird nicht gedruckt, aber in den Parteiorganisationen des ganzen Ostblocks verlesen; was von dort nach außen dringt, sind Bruchstücke, Gerüchte, Andeutungen in den Reden der heimkehrenden Delegierten.

Die erste offene Antwort kam aus Stalins Heimat. Am 5. März, dem dritten Todestag des Diktators, versammelten sich in Tiflis Tausende — Studenten voran — am Stalin-Denkmal über der Kura, legten Kränze nieder und forderten, die Kritik an dem Georgier zurückzunehmen. Aus der Trauerfeier wurde Tag für Tag mehr eine Kundgebung gegen Moskau; am Ende riefen die Demonstranten nach einem eigenen Weg für Georgien. In der Nacht zum 10. März ließ die Armee räumen und schoss in die Menge. Die sowjetischen Stellen nennen 23 Tote; Reisende, die aus dem Kaukasus kommen, sprechen von weit mehr.

Der Vorgang zeigt, wie zweischneidig Chruschtschows Schritt ist: Wer den Toten vom Sockel holt, rührt an das Fundament, auf dem die Macht der Lebenden ruht. In Warschau, Prag und Ost-Berlin liest man die Nachrichten aus Tiflis mit besonderer Aufmerksamkeit — dort weiß jeder, was von Stalin auch in der eigenen Partei noch übrig ist.


AUS DEUTSCHLAND · Bonn beschließt die Wehrverfassung — zwei deutsche Armeen

Verteidigungsminister Theodor Blank in Bonn Verteidigungsminister Theodor Blank vor den ersten freiwilligen Offizieren der Bundeswehr in Bonn, 12. November 1955. (Bundesarchiv, Bild 183-34547-0001 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bonn. Mit 390 gegen 20 Stimmen hat der Bundestag am 6. März das Grundgesetz um eine Wehrverfassung ergänzt. Die Zweidrittelmehrheit war nur mit den Sozialdemokraten zu erreichen, die die Wiederbewaffnung jahrelang bekämpft hatten und nun — nachdem sie die parlamentarische Kontrolle der Truppe durchgesetzt haben — mit Ja stimmten: Ein Verteidigungsausschuss mit den Rechten eines Untersuchungsausschusses und ein Wehrbeauftragter des Bundestages sollen darüber wachen, dass die neue Armee ein Instrument des Parlaments bleibt und nicht ein Staat im Staate wird. Am selben Tag verabschiedete das Haus das Soldatengesetz, das der Truppe erstmals ihren Namen gibt: Bundeswehr. Die Änderung soll am 22. März in Kraft treten.

Verteidigungsminister Theodor Blank hat damit den rechtlichen Boden für den Aufbau, der am 12. November vergangenen Jahres mit den ersten 101 Freiwilligen in Bonn und im Januar in Andernach begonnen hat. Das Wehrpflichtgesetz, das umstrittenste Stück des ganzen Werks, steht noch aus; die Regierung will es im Sommer einbringen. Zwölf Divisionen hat die Bundesrepublik der NATO versprochen.

Der Beschluss fällt in eine Woche, in der Kanzler Konrad Adenauer um seine Koalition kämpft. Seit die FDP in Düsseldorf gemeinsam mit der SPD den CDU-Ministerpräsidenten Karl Arnold gestürzt hat, ist die Partei gespalten: 16 Abgeordnete um die Bundesminister haben die Fraktion am 23. Februar verlassen und wurden am 15. März als eigene „Arbeitsgemeinschaft Freier Demokraten" anerkannt — sie halten Adenauer die Treue, während der Rest der FDP unter Thomas Dehler in die Opposition geht. Zum Vergleich die andere Seite der Elbe: Dort ist die Armee schon da.


HAUPTSTADT & MARK · Aus der Volkspolizei wird die Volksarmee — und Stalin ist kein Klassiker mehr

Vereidigung erster NVA-Einheiten in Oranienburg Willi Stoph übergibt die Truppenfahne: Vereidigung der ersten NVA-Einheiten in Oranienburg — hier bei der Zeremonie am 30. April 1956. (Bundesarchiv, Bild 183-37818-0004, Foto: Walter Heilig / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Berlin/Potsdam. Fünf Tage vor dem Bonner Beschluss, am 1. März, hat die Kasernierte Volkspolizei aufgehört zu bestehen. Was seit 1952 unter polizeilichem Namen in Kasernen ausgebildet wurde, heißt nun Nationale Volksarmee; das Gesetz dazu hatte die Volkskammer bereits am 18. Januar beschlossen, das neue Ministerium für Nationale Verteidigung unter Willi Stoph ist seit dem 1. März im Dienst. Die Männer tragen neue Uniformen — steingrau, mit Stiefeln und dem Schnitt, den jeder aus dem Krieg kennt, ausdrücklich nicht nach sowjetischem Muster. Die feierliche Vereidigung der ersten Verbände, darunter der im Bezirk Potsdam aufgestellten 1. Division, steht bevor. Damit haben beide deutschen Staaten binnen einer Woche das Wort „Armee" wieder in ihre Gesetzbücher geschrieben.

Das andere große Thema in den Parteiversammlungen dieser Wochen kommt aus Moskau. Im „Neuen Deutschland" vom 4. März hat Walter Ulbricht in einem langen Artikel über den XX. Parteitag beiläufig einen Satz fallen lassen, der in Betrieben und Schulen seither diskutiert wird: Stalin sei „kein Klassiker des Marxismus". Noch vor drei Jahren war sein Tod Staatstrauer, sein Name steht auf der Prachtstraße der Hauptstadt und an der Stalinstadt an der Oder. Die Berichte der Staatssicherheit über die Stimmung in der Bevölkerung, die erst heute lesbar sind, verzeichnen weniger Empörung als Ratlosigkeit — die Leute wüssten nicht, was sie nun sagen dürften. Antworten verspricht die III. Parteikonferenz der SED, die vom 24. bis 30. März in Berlin zusammentritt; sie soll auch die Richtlinien des zweiten Fünfjahrplans für 1956 bis 1960 beschließen.

Am 8. März ruhte in vielen Betrieben ab Mittag die Arbeit: Der Internationale Frauentag, seit der Gründung des Demokratischen Frauenbundes 1947 fester Bestandteil des Kalenders, wurde mit Nelken, Kaffeetafeln und Auszeichnungen begangen. Die DEFA hat den Tag für die Uraufführung ihres neuen Films gewählt: „Besondere Kennzeichen: keine" von Joachim Kunert nach dem Drehbuch von Berta Waterstradt erzählt vom Durchhalten einer Berliner Arbeiterin und Mutter in den letzten Kriegsjahren.


AUS DER REGION · Luckenwalde — Hutstadt im Tauwetter

Die ehemalige Hutfabrik Steinberg, Herrmann & Co. in Luckenwalde Erich Mendelsohns Hutfabrik Steinberg, Herrmann & Co. (1921–23) mit der hutförmigen Färbereihalle — hier in einer Aufnahme von 2013. (Foto: Lumu / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Luckenwalde. Die Stadt, in der das Geburtstagskind dieser Ausgabe zur Welt kommt, zählt rund 30.000 Einwohner und ist seit der Kreisreform von 1952 Kreisstadt des Kreises Luckenwalde im Bezirk Potsdam. Sie lebt seit dem 19. Jahrhundert von dem, was man am Rand des Fläming aus Wolle machen kann: Hüte und Tuch. Die Hutindustrie, einst eine der bedeutendsten Deutschlands, arbeitet heute in volkseigenen Betrieben weiter; dazu kommen der VEB Volltuch, das Feuerlöschgerätewerk und ein Betriebsteil der Deutschen Piano-Union. Das berühmteste Gebäude der Stadt aber steht seit über zehn Jahren nicht mehr im Dienst der Hüte: Erich Mendelsohns Hutfabrik Steinberg, Herrmann & Co. von 1923 — mit ihrer hutförmigen Färbereihalle ein Stück Architekturgeschichte — dient seit Kriegsende den sowjetischen Streitkräften als Reparaturwerkstatt. Wann die Hallen wieder ziviler Produktion zur Verfügung stehen, ist offen.

Das Gesprächsthema dieser Tage ist das Wetter — genauer: der Winter, der gerade zu Ende geht. Der Februar 1956 war deutschlandweit der kälteste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen; die Säkularstation Potsdam maß im Mittel minus 9,3 Grad, am 9. Februar minus 23 Grad, vier Wochen Dauerfrost, die Elbe zugefroren und die Schifffahrt zum Erliegen gekommen. Seit dem 28. Februar taut es, und mit dem Tauwetter kam am 1. und 2. März ein Sturm über die Mark, der die Wege zwischen Nuthe und Fläming in Morast verwandelte; am 4. März fielen 16 Millimeter Regen und Schnee. Die Kohle war knapp, die Schulen waren kalt, und auf den Sandböden des Kreises steht die Frühjahrsbestellung unter dem Vorzeichen eines späten Jahres. Seit dem 7. März friert es nachts wieder, aber die Tage werden hell.

Sonst geht das Leben seinen Gang: Das Stadttheater, 1927 bis 1930 nach Plänen des Stadtbaumeisters erbaut, ist das kulturelle Herz der Stadt; das Heimatmuseum im Fachwerkhaus von 1828 bewahrt die Geschichte der Tuchmacher und Hutmacher. Vom Bahnhof an der Anhalter Bahn — 49,8 Kilometer vom Berliner Anhalter Bahnhof, der seit 1952 stillliegt — fahren die Züge nach Berlin und Jüterbog. Die Fußballer der BSG Motor Luckenwalde spielen in der Bezirksliga Potsdam, und die Ringer, in der Stadt seit 1897 organisiert, gelten als eine der stärksten Staffeln der Republik. Was in der „Märkischen Volksstimme", der Bezirkszeitung der SED, in ihrer Kreisausgabe an diesem Sonnabend über Luckenwalde steht, ist heute im Kreisarchiv Teltow-Fläming nachzulesen.

(Für belegte lokale Tagesmeldungen wäre die Kreisausgabe der „Märkischen Volksstimme" vom März 1956 im Kreisarchiv Teltow-Fläming einzusehen — eine Aufgabe für die nächste Recherche.)


AUS ALLER WELT · Bierut tot, Makarios verbannt, Glubb Pascha entlassen

Bolesław Bierut, Parteichef Polens Bolesław Bierut, Erster Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, um 1950. (Foto: Roman Burzyński / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Moskau/Warschau (12. März). Der polnische Parteichef Bolesław Bierut ist im Alter von 63 Jahren in Moskau gestorben, wo er als Delegierter am XX. Parteitag teilgenommen hatte. Offiziell erlag er einer Lungenentzündung und einem Herzleiden; in Warschau wird geflüstert, der Stalinist Bierut habe Chruschtschows Rede nicht überlebt. Über seine Nachfolge entscheidet das Zentralkomitee in den nächsten Tagen.

Nikosia (9. März). Die britische Kolonialregierung hat den Erzbischof und Ethnarchen der griechischen Zyprer, Makarios III., verhaftet und zusammen mit dem Bischof von Kyrenia, einem Priester und einem Zeitungsredakteur auf die Seychellen im Indischen Ozean verbannt — ohne Anklage, ohne Prozess. London wirft ihm vor, die Untergrundbewegung EOKA des Obersten Grivas zu decken, die seit April 1955 für die Enosis, den Anschluss der Insel an Griechenland, kämpft; die Gespräche zwischen Gouverneur Harding und dem Erzbischof über eine Selbstverwaltung waren kurz zuvor gescheitert. Im Unterhaus musste sich die Regierung Eden am 12. und 14. März heftige Vorwürfe der Opposition anhören; die „Times" nennt das von der Regierung vorgelegte Belastungsmaterial dürftig.

Amman (1. März). König Hussein von Jordanien, 20 Jahre alt, hat den Befehlshaber seiner Arabischen Legion, den Briten John Bagot Glubb — in der ganzen arabischen Welt als Glubb Pascha bekannt —, über Nacht entlassen und des Landes verwiesen. Nach 26 Jahren im Dienst der Haschemiten musste der General binnen Stunden abreisen. In London gilt der Schritt als schwerster Schlag gegen den britischen Einfluss im Nahen Osten seit Kriegsende.

Paris/Rabat (2. März). Frankreich hat in einer gemeinsamen Erklärung mit Sultan Mohammed V. das Protektorat von 1912 für beendet erklärt: Marokko ist unabhängig. Für Tunesien verhandelt Habib Bourguiba in Paris über denselben Schritt; der Abschluss wird noch für diesen Monat erwartet. In Algerien dagegen setzt die Regierung Guy Mollet auf Gewalt: Die Nationalversammlung hat ihr am 12. März mit 455 gegen 76 Stimmen — auch mit den Stimmen der Kommunisten — Sondervollmachten für den Krieg gegen die Aufständischen erteilt.

Washington (12. März). 101 Abgeordnete und Senatoren aus den Südstaaten haben in einem „Southern Manifesto" das Urteil des Obersten Gerichts gegen die Rassentrennung in den Schulen als Machtmissbrauch verurteilt und zum Widerstand „mit allen gesetzlichen Mitteln" aufgerufen. In Montgomery, Alabama, boykottieren die Schwarzen seit gut drei Monaten die Busse; ihr Sprecher, der 27-jährige Pfarrer Martin Luther King, ist wegen des Boykotts angeklagt und soll am 19. März vor Gericht stehen.


SPORT · Lenstra schlägt die Deutschen — und im Osten beginnt die Saison im März

Düsseldorf. Vor 65.000 Zuschauern im Rheinstadion hat die Nationalmannschaft der Bundesrepublik am Mittwoch, dem 14. März, gegen die Niederlande mit 1:2 verloren. Abe Lenstra, mit 35 Jahren der Altmeister des holländischen Fußballs, erzielte beide Treffer für die Gäste; der Weltmeister von Bern hat damit seit dem Sommer 1954 mehr Spiele verloren als gewonnen, und Bundestrainer Sepp Herberger wird von der Presse gefragt, wie lange die alte Garde um Fritz Walter noch trägt. Schiedsrichter war der Engländer Reg Leafe.

Berlin. Die DDR-Oberliga hat am 11. März eine Saison begonnen, wie es sie noch nicht gab: Nach sowjetischem Vorbild wird künftig im Kalenderjahr gespielt, von März bis November, statt wie bisher — und wie überall sonst in Europa — von Herbst bis Frühjahr. Titelverteidiger ist der SC Wismut Karl-Marx-Stadt. Drei Klassen tiefer, in der Bezirksliga Potsdam, geht auch die BSG Motor Luckenwalde in die neue Spielzeit.


DAS WETTER · Ein trockener, kalter Vorfrühlingssonnabend

Vorfrühling mit Winterresten: An diesem Sonnabend, dem 10. März, lag Luckenwalde unter einem kräftigen Hoch von 1025 Hektopascal; es blieb trocken, die Sonne zeigte sich gut zweieinhalb Stunden. Das Thermometer stieg von minus 2,6 Grad in der Frühe auf plus 3,9 Grad am Nachmittag, im Mittel wurden minus 0,2 Grad gemessen. Nachtfrost und Tagestau — das ist seit dem 7. März das Muster, nachdem die Tauwetterwoche vom 28. Februar bis 6. März mit Sturm und 16 Millimetern Niederschlag am 4. März den Rekordwinter beendet hatte. Die Tage um die Geburt, vom 5. bis 15. März, blieben mit einem Mittel von minus 1,1 Grad noch deutlich zu kalt, aber der 8. und 9. März brachten je zehn Stunden Sonne.

Zum Vergleich der Februar: Monatsmittel minus 9,3 Grad, Tiefstwert minus 23,0 Grad am 9. Februar, nur der Schalttag ohne Frost — einer der kältesten Monate in der Potsdamer Messreihe seit 1893 und deutschlandweit der kälteste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Aussicht: Nach einem letzten Schneeschauer am 14. und 15. März setzt sich Hochdruck durch; die zweite Märzhälfte bleibt völlig trocken und wird von Tag zu Tag wärmer, bis am 30. März 18,3 Grad erreicht sind. Der März schließt mit 2,6 Grad im Mittel und 44 Millimetern Niederschlag ab — ein Monat, der als Winter begann und als Frühling endete.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam (WMO 10379), rund 30 Kilometer nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station. Quelle: Meteostat / DWD.)


VERMISCHTES & TECHNIK

Die Fairey Delta 2 WG774 im Flug Die Fairey Delta 2 WG774, mit der Peter Twiss am 10. März 1956 den Geschwindigkeitsweltrekord flog. (U.S. Navy / Wikimedia Commons, gemeinfrei)

  • Chichester (10. März): Am Tag der Geburt unseres Kindes ist der Schallmauer-Rekord gefallen — und wie. Der britische Testpilot Peter Twiss flog die Fairey Delta 2, ein deltaflügeliges Versuchsflugzeug, über der Küste von Sussex in 11.600 Metern Höhe mit 1.822 Kilometern in der Stunde (1.132 Meilen) und übertraf den amerikanischen Rekord des Obersten Horace Hanes in der F-100 Super Sabre (1.323 km/h) um fast 500 Kilometer — der größte Sprung, den der Geschwindigkeitsweltrekord je gemacht hat. Erstmals hat ein Flugzeug im Horizontalflug die Marke von 1.000 Meilen in der Stunde überschritten.
  • Leipzig (Anfang März): Die Frühjahrsmesse, am 26. Februar eröffnet, ist zu Ende gegangen; rund 9.500 Firmen aus 41 Ländern hatten ausgestellt.
  • Köln (2.–10. März): Auf der Eisenwarenmesse zeigten 1.155 Aussteller aus elf Ländern, was die Hausfrau und der Handwerker im Wirtschaftswunder brauchen.
  • Moskau (10. März): Die Sowjetunion kauft in Kanada 400.000 Tonnen Weizen — ein Handelsabkommen, das mehr über die sowjetische Ernte sagt als jede Statistik.
  • Phnom Penh (6. März): Norodom Suramarit ist zum König von Kambodscha gekrönt worden; sein Sohn Norodom Sihanouk hatte im Vorjahr zu seinen Gunsten abgedankt, um als Ministerpräsident regieren zu können.
  • Berlin (März): Die Staatssicherheit hat die Ausgabe des katholischen „St.-Hedwigsblatts" beschlagnahmt, in der ein Hirtenbrief der westdeutschen Bischöfe gegen den staatlich verordneten Materialismus abgedruckt war.

AUCH AN EINEM 10. MÄRZ GEBOREN

Das Kind, dem diese Ausgabe gilt, tritt in eine ansehnliche Reihe von Geburtstagsgefährten:

  • Ferdinand I. (1503–1564) — römisch-deutscher Kaiser, Bruder Karls V., der 1529 die Türken vor Wien abwehrte.
  • Marcello Malpighi (1628–1694) — italienischer Anatom, der mit dem Mikroskop die Kapillaren entdeckte.
  • Friedrich Schlegel (1772–1829) — Philosoph und Kritiker, Wortführer der Frühromantik.
  • Joseph von Eichendorff (1788–1857) — Dichter des „Taugenichts" und des „Mondnacht"-Gedichts, der Romantiker schlechthin.
  • Pablo de Sarasate (1844–1908) — spanischer Geigenvirtuose und Komponist der „Zigeunerweisen".
  • Tamara Karsawina (geb. 1885) — Primaballerina der Ballets Russes, Partnerin Nijinskys.
  • Arthur Honegger (1892–1955) — Schweizer Komponist („Pacific 231", „Jeanne d'Arc au bûcher"), im November vergangenen Jahres in Paris gestorben.
  • Kurt Hirschfeld (geb. 1902) — Dramaturg und Regisseur, der am Zürcher Schauspielhaus Brecht zur Uraufführung brachte.
  • Bix Beiderbecke (1903–1931) — amerikanischer Jazzkornettist, mit 28 Jahren gestorben und schon Legende.
  • Clare Boothe Luce (geb. 1903) — amerikanische Schriftstellerin und Botschafterin in Rom.
  • Günther Rall (geb. 1918) — Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs, in diesen Wochen als Freiwilliger auf dem Weg in die neue Bundeswehr.
  • Boris Vian (geb. 1920) — französischer Schriftsteller, Chansonnier und Jazztrompeter.
  • Sepp Blatter (geb. 1936) — Schweizer, heute zwanzig Jahre alt (später Präsident des Weltfußballverbands FIFA).
  • Chuck Norris (geb. 1940) — Amerikaner, heute sechzehn (später Kampfsportler und Filmschauspieler).
  • Marianne Rosenberg (geb. 1955) — Berlinerin, heute ein Jahr alt (später Schlagersängerin).

Und ebenfalls an einem 10. März: 1814 entdeckte Joseph von Fraunhofer die dunklen Linien im Sonnenspektrum, die seinen Namen tragen; 1831 trat in Frankreich das Dekret zur Gründung der Fremdenlegion in Kraft; 1876 sprach Alexander Graham Bell in Boston den ersten Satz durch ein Telefon — „Mr. Watson, kommen Sie her, ich brauche Sie"; 1906 starben im Grubenunglück von Courrières in Nordfrankreich 1.099 Bergleute, das schwerste Unglück im europäischen Bergbau; und 1948 wurde in Prag der tschechoslowakische Außenminister Jan Masaryk tot unter dem Fenster seiner Dienstwohnung gefunden — zwei Wochen nach der kommunistischen Machtübernahme.

Nachtrag der Redaktion (2026): Später berühmte Geburtstagskinder

Am selben Tag wie das Kind dieser Ausgabe, dem 10. März 1956, kommt in Wien der Modeschöpfer Helmut Lang zur Welt. Weitere spätere Geburtstagskinder: Sharon Stone (1958), Schauspielerin; Prinz Edward (1964), jüngster Sohn der englischen Königin; Olivia Wilde (1984), Schauspielerin und Regisseurin.


MONATSKUNDE · Woher der März seinen Namen hat

Der März trägt den Namen des römischen Kriegsgottes MarsMartius — und war im ältesten Kalender Roms der erste Monat des Jahres: Mit ihm begann die Zeit, in der man wieder ins Feld ziehen konnte. Daran erinnern bis heute die Monate September bis Dezember, die vom März aus gezählt der siebte bis zehnte sind. 31 Tage hat er seit alters.

Karl der Große soll ihn Lenzing oder Lenzmond genannt haben, nach dem Lenz, dem alten Wort für den Frühling, der in diesem Monat beginnt: Am 20. März um 22.20 Uhr steht die Sonne senkrecht über dem Äquator, Tag und Nacht sind gleich lang. Die Bauern haben ihre eigenen Regeln: „Märzenstaub bringt Gras und Laub" — ein trockener März gilt als gutes Zeichen —, aber auch „Märzenschnee tut der Saat weh" und „Wenn der März wie ein Löwe kommt, geht er wie ein Lamm." Alle drei passen auf diesen März 1956, der mit Sturm und Schneeregen begann, um in Staub und Sonne zu enden.

Am Rand des Fläming ist der März der Monat, in dem auf den leichten Sandböden das Sommergetreide bestellt wird, sobald der Frost aus dem Boden ist, und in dem die Kiefernwälder um Luckenwalde zum ersten Mal wieder nach Harz riechen. Die Fastenzeit läuft — Aschermittwoch war am 15. Februar —, Ostern fällt in diesem Jahr auf den 1. April. Bei Nachtfrost und knapp vier Grad am Tag, wie an diesem 10. März, ist vom Lenz allerdings noch wenig zu spüren.


NOTIERT

Ein Sonnabend mit Reif am Morgen und Sonne am Mittag, ein Rekordwinter, der gerade erst loslässt, ein Erster Sekretär, der den Toten vom Sockel holt, und zwei deutsche Parlamente, die in derselben Woche wieder Soldaten beschließen. Dazwischen, in einer Stadt, die Hüte macht und deren berühmteste Fabrik einer fremden Armee dient, wird an diesem 10. März in Luckenwalde ein Kind geboren, das diese Welt noch lange begleiten wird — an einem Tag, an dem über Sussex zum ersten Mal ein Mensch mit über 1.800 Stundenkilometern geflogen ist.


Quellen