DER CHRONIST
Ein Jahr der Erschütterungen: Der Ostblock gerät ins Wanken, während im eigenen Land die Waffen wieder klirren — hüben wie drüben. Chruschtschows Geheimrede gegen Stalin entfacht Hoffnungen auf ein Tauwetter, die im Juni in Posen und im Herbst in Ungarn blutig erstickt werden, während zugleich in Suez die alten Kolonialmächte ihre Ohnmacht vorführen. In Deutschland rüsten beide Staaten neu auf — die DDR mit der Nationalen Volksarmee, die Bundesrepublik mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht —, während in Karlsruhe die KPD verboten wird. Doch die Welt dreht sich auch jenseits der großen Politik weiter: Nordafrika verabschiedet sich aus der Kolonialzeit, ein Seekabel verkürzt erstmals die Distanz über den Atlantik, Grace Kelly wird zur Fürstin, und ein junger Sänger aus Memphis bringt mit seinen Hüftschwüngen die Wohnzimmer der Welt in Aufruhr. Ein Jahr, das zeigt, wie nah Hoffnung und Niederschlagung, Glanz und Katastrophe beieinanderliegen können.
Chruschtschow rechnet mit Stalin ab — die Geheimrede

Zum Abschluss des XX. Parteitags der KPdSU (14.–25. Februar) hält Parteichef Nikita Chruschtschow in der Nacht zum 25. Februar vor rund 1.400 Delegierten in nichtöffentlicher Sitzung eine rund fünfstündige Geheimrede: „Über den Personenkult und seine Folgen". Erstmals rechnet die sowjetische Führung selbst mit dem 1953 verstorbenen Josef Stalin ab: Chruschtschow benennt die Schauprozesse und Massenmorde der dreißiger Jahre an alten Bolschewiki der ersten Revolutionsgeneration, den von Stalin geförderten „Personenkult" und dessen folgenschwere Fehlentscheidungen im Zweiten Weltkrieg, und fordert eine Rückkehr zu „leninistischen Normen" des Parteilebens. In der Sowjetunion selbst wird der Text nicht veröffentlicht — offiziell bleibt er dort bis 1989 unter Verschluss. Über polnische und israelische Kanäle gelangt er jedoch in den Westen; am 4. Juni druckt die New York Times ihn erstmals vollständig ab. Binnen Wochen sickert der Inhalt auch im gesamten Ostblock durch und löst Diskussionen, Hoffnungen auf ein politisches „Tauwetter" sowie erste Rehabilitierungen von Gulag-Häftlingen aus. Die aufgestaute Unruhe entlädt sich noch im selben Jahr: im Juni beim Posener Arbeiteraufstand in Polen, im Oktober beim Volksaufstand in Ungarn. Die SED-Führung um Walter Ulbricht reagiert zögerlich und tut sich schwer, die Entstalinisierung nachzuvollziehen — der Ost-Berliner Philosoph Wolfgang Harich, der offene Reformen fordert, wird noch im November 1956 verhaftet und später zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.
Die DDR rüstet auf: Gründung der Nationalen Volksarmee

Per Gesetz vom 18. Januar beschließt die Volkskammer die Aufstellung der Nationalen Volksarmee (NVA); zum 1. März nehmen das neue Ministerium für Nationale Verteidigung unter Willi Stoph sowie die Stäbe der Land- und Luftstreitkräfte und der Volksmarine ihren Dienst auf — hervorgegangen aus der seit 1952 aufgebauten Kasernierten Volkspolizei (KVP), die geschlossen in die neue Armee überführt wird. Damit stehen von Beginn an rund 100.000 Soldaten unter Waffen; am 30. April leisten die ersten Einheiten in einer öffentlichen Zeremonie ihren Fahneneid. Eine allgemeine Wehrpflicht besteht zunächst nicht — sie führt die DDR erst 1962 ein —, die NVA rekrutiert sich vorerst aus Freiwilligen und ehemaligen KVP-Angehörigen. Die DDR zieht damit nach, was ein Jahr zuvor auf der anderen Seite geschehen war: Nach dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik im Mai 1955 hatte die Sowjetunion umgehend den Warschauer Pakt gegründet, dem die DDR als Gründungsmitglied angehört — die neue Volksarmee ist nun dessen sichtbarster Ausdruck. Im Bezirk Potsdam, zu dem Luckenwalde gehört, werden Garnisonen der neuen Streitkräfte aufgebaut; junge Männer aus der Region melden sich erstmals zum Dienst in der jungen Armee. Elf Jahre nach Kriegsende besitzen damit beide deutschen Staaten wieder eigene, einander gegenüberstehende Streitkräfte.
Verbot der KPD in der Bundesrepublik

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe erklärt die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) — zu diesem Zeitpunkt noch rund 85.000 Mitglieder stark — für verfassungswidrig und verbietet sie. Grundlage ist Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes, wonach Parteien verboten werden können, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beeinträchtigen wollen; das Gericht sieht dies durch das erklärte Ziel der KPD, eine „Diktatur des Proletariats" sowjetischen Musters zu errichten, als erfüllt an. Die Bundesregierung unter Konrad Adenauer hatte den Verbotsantrag bereits 1951 gestellt, das Verfahren zog sich über fünf Jahre hin. Nach dem Urteil werden Parteibüros geschlossen, Druckereien beschlagnahmt, Vermögen eingezogen, Ersatzorganisationen untersagt. Nach dem Verbot der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP) 1952 ist es das zweite — und bis heute letzte — Parteiverbot der jungen Bundesrepublik. In den Folgejahren bis 1968 werden mehr als 125.000 Menschen im Zusammenhang mit dem KPD-Verbot strafrechtlich verfolgt, mehrere Tausend davon verurteilt. Die DDR-Propaganda greift das Urteil sofort auf und stilisiert es zum Beweis westdeutscher „Kommunistenverfolgung" — ein Thema, das auch die Presse im Bezirk Potsdam wochenlang beschäftigt.
Landtagswahl Baden-Württemberg: CDU triumphiert, doch alle Parteien bleiben am Kabinettstisch

Nur zwei Wochen nachdem in Düsseldorf die Koalition aus CDU und FDP über der von Bundeskanzler Konrad Adenauer betriebenen Wahlrechtsreform zerbrochen war und die Liberalen zusammen mit der SPD Ministerpräsident Karl Arnold am 20. Februar per erstem „konstruktiven Misstrauensvotum" der jungen Bundesrepublik aus dem Amt stimmten, ziehen am 4. März die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg an die Urnen — die einzige Landtagswahl des Jahres. Bei einer Wahlbeteiligung von 70,3 Prozent wird die CDU unter Ministerpräsident Gebhard Müller mit 42,6 Prozent (56 von 120 Sitzen) klar stärkste Kraft; die SPD kommt auf 28,9 Prozent (36 Sitze), die FDP/DVP auf 16,6 Prozent (21 Sitze) und der Vertriebenenverband GB/BHE auf 6,3 Prozent (7 Sitze). Die KPD fällt mit 3,2 Prozent unter die Sperrklausel und bleibt ohne Mandat.
Müller setzt danach die seit der Gründung des Südweststaats 1952 bestehende Allparteienregierung fort: CDU, SPD, FDP/DVP und GB/BHE tragen das Kabinett gemeinsam, einzig die KPD bleibt außen vor. Für Bonn ist das Stuttgarter Ergebnis ein zwiespältiges Signal, wenige Wochen nach dem Zerwürfnis in Düsseldorf: Die Union bleibt im Südwesten unangefochten die stärkste Partei, regiert aber selbst hier nur im Verbund mit alten wie neuen Rivalen, während Adenauers Koalition im bevölkerungsreichsten Land des Bundes zerbrochen ist. Für den Kanzler, der im kommenden Jahr um die eigene Mehrheit bei der Bundestagswahl kämpfen muss, bleibt es die einzige Landtagswahl dieses von der Wahlrechtsfrage überschatteten Jahres.
Aufstand in Ungarn — Hoffnung und blutige Niederschlagung

Vorausgegangen war ein Jahrzehnt stalinistischer Repression unter Mátyás Rákosi und dem Terror der Geheimpolizei ÁVH; nach Chruschtschows Geheimrede im Februar fordern reformkommunistische Intellektuelle im „Petőfi-Kreis" öffentlich Aufarbeitung und die Rückkehr des 1955 gestürzten Reformers Imre Nagy. Am 23. Oktober ziehen Studenten und Arbeiter in Budapest mit Forderungen nach Reformen, Pressefreiheit und dem Abzug sowjetischer Truppen zur Statue des Freiheitshelden József Bem; am Abend wird die riesige Stalin-Statue am Stadtpark gestürzt, vor dem Rundfunkgebäude eröffnet die ÁVH das Feuer auf Demonstranten — der Funke, der den bewaffneten Aufstand entfacht. Noch in der Nacht rücken erste sowjetische Einheiten zur Niederschlagung an, während in Budapest Arbeiterräte und bewaffnete Gruppen, etwa im Corvin-Kino-Komplex, die Kontrolle übernehmen. Am 24. Oktober wird Nagy erneut Ministerpräsident, am 25. Oktober löst János Kádár den bisherigen Parteichef Ernő Gerő ab. Ein brüchiger Waffenstillstand ab 28. Oktober weckt Hoffnung: Sowjetische Truppen ziehen sich aus Budapest zurück, Nagy bildet am 30. Oktober eine Koalitionsregierung mit nichtkommunistischen Parteien und kündigt das Ende der Einparteienherrschaft an. Am 1. November verkündet er den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns, appelliert an die UNO. Die Antwort Moskaus folgt ab dem 4. November: In einer Großoffensive rücken rund 15 sowjetische Divisionen mit etwa 2.000 Panzern und rund 200.000 Soldaten in Ungarn ein und schlagen den Aufstand binnen weniger Tage blutig nieder, mit erbittertem, teils tagelangem Häuserkampf in Budapest. Moskau installiert den zuvor heimlich übergelaufenen Kádár als Regierungschef; Nagy flüchtet in die jugoslawische Botschaft, wird trotz zugesichertem freien Geleit verhaftet und später hingerichtet. Nach offiziellen ungarischen Angaben sterben zwischen dem 23. Oktober und dem 11. November über 2.700 Menschen, andere Schätzungen zählen rund 2.500 Aufständische und 700 sowjetische Soldaten als gefallen sowie etwa 20.000 verwundete Zivilisten. Rund 200.000 Ungarn fliehen über die Grenze nach Österreich und Jugoslawien in den Westen. Der Traum vom Tauwetter des Frühjahrs endet in Blut — und zeigt der ganzen Welt die Grenzen der Entstalinisierung.
Sueskrise — Krieg um den Kanal

Vorausgegangen war die Verstaatlichung der bis dahin britisch-französisch kontrollierten Sueskanal-Gesellschaft durch Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser am 26. Juli — eine Reaktion darauf, dass die USA und Großbritannien ihm die zugesagte Finanzierung des Assuan-Staudamms entzogen hatten. In geheimen Verhandlungen im französischen Sèvres vereinbaren Großbritannien, Frankreich und Israel Ende Oktober ein abgestimmtes Vorgehen: Israel soll mit einem Angriff auf den Sinai den Vorwand liefern, damit London und Paris als vermeintliche Friedensstifter einschreiten und die Kanalzone besetzen können. In der Nacht zum 29. Oktober marschieren israelische Truppen unter Verteidigungsminister Moshe Dayan in den Sinai ein; Großbritannien und Frankreich stellen wie verabredet ein Ultimatum, das Nasser am 31. Oktober zurückweist. Noch am selben Tag beginnen britische und französische Luftangriffe, die binnen zwei Tagen die ägyptische Luftwaffe weitgehend vernichten; am 5. November landen Fallschirmjäger bei Port Said, Port Fuad und dem Flughafen Gamil, tags darauf folgen weitere Verbände von See. Unter massivem Druck vor allem der USA — Präsident Eisenhower droht mit dem Ende jeder Unterstützung für das Pfund Sterling — und scharfen Drohungen der Sowjetunion, die zeitgleich den Ungarn-Aufstand niederschlägt, stellen Großbritannien, Frankreich und Israel am 6. November die Kampfhandlungen ein. Eine neu geschaffene UN-Blauhelmtruppe (UNEF), die erste Friedenstruppe der Vereinten Nationen überhaupt, sichert den Rückzug; bis Jahresende ziehen sich Briten und Franzosen zurück, Israel folgt bis März 1957. Der britische Premierminister Anthony Eden, politisch schwer angeschlagen, tritt im Januar 1957 zurück. Die einstigen Kolonialmächte verlieren sichtbar an Macht — die Weltordnung des Kalten Krieges verschiebt sich weiter zugunsten der beiden Supermächte, während Nasser als Sieger und Symbolfigur des arabischen Nationalismus aus der Krise hervorgeht.
Blutiger Sommer in Polen: der Posener Aufstand

Am 28. Juni legen Tausende Arbeiter der Lokomotiv- und Waggonfabrik Cegielski (damals „ZISPO") in Posen (poln. Poznań) die Arbeit nieder, um höhere Löhne, niedrigere Normen und bessere Versorgung einzufordern. Aus dem Streik wird binnen Stunden ein Massenaufstand: Rund 100.000 Menschen ziehen zum Stadtzentrum, stürmen das Gebäude der Staatssicherheit, ein Gefängnis wird geöffnet, Waffen erbeutet. Die Staatsführung unter Edward Ochab setzt Armee und Panzer ein; nach Straßenkämpfen mit Maschinengewehren und Artillerie ist der Aufstand noch am selben Tag niedergeschlagen. Die Opferzahlen schwanken je nach Quelle zwischen rund 73 und weit über hundert Toten, mehrere hundert Menschen werden verletzt, es folgen Verhaftungen und Prozesse. Anders als in Ungarn im Herbst mündet der Posener Sommer nicht in eine sowjetische Militärintervention: Die Unruhen beschleunigen vielmehr einen innerparteilichen Machtwechsel — im Oktober übernimmt der Reformkommunist Władysław Gomułka die Parteiführung und verspricht einen „polnischen Weg zum Sozialismus" mit mehr nationaler Eigenständigkeit. Für die SED-Führung in Ost-Berlin, die den Vorgang genau beobachtet, ist Posen ein Menetekel dessen, was wenige Monate später in Budapest eskalieren wird.
Elvis Presley erobert Amerika

Am 27. Januar erscheint bei RCA Victor die erste Single des 21-jährigen Sängers aus Memphis nach seinem Wechsel vom kleinen Label Sun Records: „Heartbreak Hotel". Binnen Wochen erklimmt der Titel die US-Charts und wird zu Elvis Presleys erstem Nummer-eins-Hit; im Laufe des Jahres folgen mit „Don't Be Cruel"/„Hound Dog" und „Love Me Tender" weitere Millionenseller, die ihn zum meistverkauften Interpreten des Jahres machen. Fernsehauftritte in der „Milton Berle Show" und der „Steve Allen Show" sorgen im Frühjahr für erste Empörung konservativer Eltern über seine hüftschwingende Bühnenshow; als Presley am 9. September in der „Ed Sullivan Show" debütiert, verfolgen ihn rund 60 Millionen Zuschauer — über 80 Prozent aller an diesem Abend eingeschalteten Fernsehgeräte in den USA. Aus Rücksicht auf die öffentliche Moral filmen die Kameras ihn bei späteren Auftritten in der Sendung nur noch von der Hüfte aufwärts. Der „Rock ’n’ Roll", den Presley einem Millionenpublikum bekannt macht, gilt vielen Erwachsenen als Bedrohung, der Jugend als Befreiung — ein Kulturbruch, der binnen eines Jahres auch nach Europa und in die deutschsprachigen Charts dieser Ausgabe hinüberschwappt.
Traumhochzeit in Monaco: Grace Kelly wird Fürstin

Die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly, wenige Monate zuvor noch mit einem Oscar für „Das Mädchen vom Lande" ausgezeichnet, heiratet in Monaco Fürst Rainier III. Am 18. April findet die standesamtliche Trauung im Thronsaal des Fürstenpalasts statt, am 19. April die kirchliche Zeremonie in der Kathedrale Notre-Dame-Immaculée vor rund 600 geladenen Gästen und einer weltweiten Fernseh- und Presseöffentlichkeit von schätzungsweise 30 Millionen Menschen. Das Brautkleid aus Seide und altem Brüsseler Spitzenstoff entwirft die MGM-Kostümbildnerin Helen Rose; mit der Hochzeit beendet Kelly ihre Filmkarriere — ihr letzter Kinofilm, „High Society", läuft erst später im Jahr in den Kinos an. Die Verbindung der amerikanischen Filmikone mit dem europäischen Fürstenhaus wird international als „Märchenhochzeit des Jahrhunderts" gefeiert und prägt, wie an anderer Stelle dieser Ausgabe vermerkt, mit dem zurückhaltend-eleganten „Grace-Kelly-Look" noch monatelang die Mode diesseits wie jenseits des Atlantiks.
Unabhängigkeit für Marokko und Tunesien

Binnen weniger Wochen entlässt Frankreich zwei seiner nordafrikanischen Protektorate in die Selbstständigkeit. Am 2. März erkennt Paris die Unabhängigkeit Marokkos an; Sultan Mohammed V., der 1953 von den Franzosen noch ins Exil verbannt worden war, kehrt als Staatsoberhaupt eines souveränen Königreichs zurück, dem sich im April auch die kleinere spanische Protektoratszone anschließt. Nur 18 Tage später, am 20. März, unterzeichnen der tunesische Regierungschef Tahar Ben Ammar und der französische Außenminister Christian Pineau das Protokoll zur Unabhängigkeit Tunesiens; treibende politische Kraft ist Habib Bourguiba, der die tunesische Nationalbewegung seit Jahrzehnten anführt und 1957 mit der Abschaffung der Monarchie Staatspräsident wird. Beide Schritte reihen sich in die rasch fortschreitende Entkolonialisierung Nordafrikas ein — und stehen in scharfem Kontrast zu Algerien, wo Frankreich im selben Jahr einen immer härteren Kolonialkrieg gegen die dortige Unabhängigkeitsbewegung führt.
Der Sudan wird unabhängig

Zum Jahresbeginn endet im Sudan das seit 1899 bestehende anglo-ägyptische Kondominium: Am 1. Januar erklärt das Parlament in Khartum unter Ministerpräsident Ismail al-Azhari die volle Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten, die beide zuvor gemeinsam über das Land geherrscht hatten. Der neue Staat zählt zu den ersten afrikanischen Ländern, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Kolonialherrschaft abschütteln. Der politische Neuanfang ist von Beginn an belastet: Bereits im August 1955 hatten sich Soldaten im überwiegend christlich-animistischen Süden des Landes gegen die von Norden dominierte Übergangsregierung erhoben („Torit-Meuterei") — ein Konflikt, der in den folgenden Jahren zum ersten sudanesischen Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd eskaliert und das Land noch jahrzehntelang beschäftigen wird.
Erstes transatlantisches Telefonkabel geht in Betrieb

Mit einer Eröffnungsfeier nimmt am 25. September das Kabel TAT-1 seinen Dienst auf — die erste funktionsfähige Telefonverbindung zwischen Europa und Nordamerika, die nicht auf Funk, sondern auf einem Unterseekabel beruht. Die rund 3.600 Kilometer lange, zwischen 1955 und 1956 verlegte Leitung verbindet Gallanach Bay in Schottland mit Clarenville in Neufundland, Kanada, und wird gemeinsam von der amerikanischen AT&T, der britischen Post sowie der kanadischen Telefongesellschaft betrieben. Anfangs ermöglicht es 36 gleichzeitige Ferngespräche zwischen der Alten und der Neuen Welt — zuvor mussten Interkontinentalgespräche über störanfällige Kurzwellenfunkverbindungen geführt werden, die nur wenige Verbindungen gleichzeitig zuließen und wetterabhängig waren. Die rund 50 Millionen Dollar teure Investition macht Ferngespräche über den Atlantik erstmals alltagstauglich und gilt als Meilenstein auf dem Weg zur globalen Kommunikationsgesellschaft; TAT-1 bleibt bis 1978 in Betrieb, ehe Satelliten und neuere Kabel es ablösen.
Schiffskatastrophe vor Nantucket: der Untergang der „Andrea Doria"

In dichtem Nebel rund 45 Seemeilen südlich der Insel Nantucket rammt in der Nacht zum 25. Juli der schwedische Passagierdampfer MS Stockholm das italienische Luxusschiff „Andrea Doria" auf hoher See in die Steuerbordseite. Mehrere der elf wasserdichten Abteilungen werden aufgerissen, das Schiff legt sich binnen Minuten bedrohlich auf die Seite. Dank sofort herbeieilender Schiffe — allen voran der französische Liner „Ile de France" — gelingt die Rettung von rund 1.660 Passagieren und Besatzungsmitgliedern, ehe die „Andrea Doria" am Morgen des 26. Juli sinkt. 51 Menschen kommen ums Leben, 46 von der „Andrea Doria" und fünf von der „Stockholm". Das Unglück, eines der meistfotografierten Schiffsunglücke der Geschichte, wird international als Lehrstück für die Tücken der Radarnavigation und mangelnde Kommunikation zwischen den Brücken beider Schiffe diskutiert — trotz modernster Technik an Bord hatten beide Kapitäne den Kurs des jeweils anderen fatal falsch eingeschätzt.
AM RANDE NOTIERT
- Bereits im Juni proben Arbeiter im polnischen Posen den Aufstand gegen Versorgungsnot und Normendruck; die Armee schlägt blutig zurück (mindestens 73 Tote) — ein Vorbeben zum Ungarn-Herbst.
- In Ungarn wie in Polen wird derselbe Ruf laut: weniger Moskau, mehr Eigenständigkeit — eine Frage, die auch die SED in Ost-Berlin und im Bezirk Potsdam nervös verfolgt.
- Am 21. Juli beschließt der Bundestag das Wehrpflichtgesetz: Auch die Bundesrepublik führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein — die Wiederbewaffnung vollzieht sich damit beiderseits der deutsch-deutschen Grenze, nur wenige Monate nach der NVA-Gründung.
- Im Bezirk Potsdam läuft mit dem Jahr 1956 der zweite Fünfjahrplan an: Auch für die Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe werden neue, höhere Produktionsziele ausgegeben — während zugleich Facharbeiter und Söhne der Region zur frisch gegründeten NVA einrücken.
- Am 26. August wird im Luckenwalder Stadtpark ein kleiner Tierpark eingeweiht — ein neues Ausflugsziel für die Familien der Kreisstadt.
SPORT · 1956
Die gesamtdeutsche Olympiamannschaft bei den Spielen in Cortina d'Ampezzo und Melbourne ist bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe gewürdigt. Die Winterspiele vom 26. Januar bis 5. Februar in Cortina d'Ampezzo bleiben von der Weltpolitik noch unberührt: Mit 32 teilnehmenden Nationen wird ein neuer Teilnehmerrekord aufgestellt, erstmals ist auch die Sowjetunion bei Winterspielen dabei. Zum Star der Spiele wird der Österreicher Toni Sailer, der als erster Alpinskifahrer alle drei Goldmedaillen gewinnt — im Riesenslalom siegt er mit 6,2 Sekunden Vorsprung, dem größten in der olympischen Geschichte des alpinen Skisports. Ganz anders die Sommerspiele vom 22. November bis 8. Dezember im australischen Melbourne, die erstmals auf der Südhalbkugel stattfinden und wegen strenger australischer Quarantänebestimmungen ihre Reiterwettbewerbe Monate zuvor gesondert in Stockholm austragen müssen. Überschattet werden sie vom politischen Weltgeschehen: Wegen der sowjetischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands bleiben die Niederlande, Spanien und die Schweiz den Spielen fern, wegen der Sueskrise boykottieren Ägypten, Irak und Libanon, die Volksrepublik China wiederum aus Protest gegen die Teilnahme Taiwans. Mitten in diese angespannte Stimmung platzt am 6. Dezember im Wasserballbecken das Halbfinale zwischen Ungarn und der UdSSR: Nach Rangeleien und Fouls schlägt ein sowjetischer Spieler dem Ungarn Ervin Zádor eine blutende Platzwunde über dem Auge, das Spiel wird unter Tumulten abgebrochen — als „Blut im Wasser" geht die Partie in die Sportgeschichte ein, ein Spiegel der Krisen dieses Jahres, mitten im olympischen Fest ausgetragen.
MODE · 1956
In der DDR erscheint im Herbst dieses Jahres erstmals die Zeitschrift „Sibylle" — herausgegeben vom Modeinstitut der DDR im Leipziger Verlag für die Frau und benannt nach der DEFA-Kostümbildnerin Sibylle Boden-Gerstner, auf deren Initiative das Blatt zurückgeht. Sechsmal im Jahr erscheint es künftig in einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren und zeigt trotz Materialmangels und Devisenknappheit ambitionierte, aufwendig fotografierte Schnitte — bald als „Vogue des Ostens" gerühmt und zum Sehnsuchtsobjekt vieler Frauen auch im Bezirk Potsdam. Im Westen prägt unterdessen der zurückhaltend-elegante „Grace-Kelly-Look" das Straßenbild — taillierte Kostüme, Kopftuch und Handschuhe statt Petticoat-Überfluss —, wenige Monate nachdem die Schauspielerin im April dieses Jahres in Monaco tatsächlich zur Fürstin geworden ist.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1956
- Herzkatheter-Pionier erhält den Nobelpreis (10. Dezember). Der Chirurg Werner Forßmann, der die Herzkatheterisierung 1929 im halsbrecherischen Selbstversuch an sich selbst erprobte, wird mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt — eine späte, verdiente Würdigung deutscher Forschung.
- Eine Mannschaft, zwei deutsche Staaten (Winter 1956). Bei den Olympischen Spielen in Cortina d'Ampezzo und Melbourne treten Sportler aus Bundesrepublik und DDR erstmals unter gemeinsamer Flagge an — ein seltenes Zeichen deutsch-deutscher Verständigung mitten im Kalten Krieg.
- Stuttgarts Fernsehturm wird zum Weltvorbild (5. Februar). In Stuttgart geht der erste freistehende Fernsehturm aus Stahlbeton der Welt in Betrieb, entworfen vom Ingenieur Fritz Leonhardt — eine westdeutsche Bauleistung, der bald Nachahmer rund um den Globus folgen.
- Der Transistor bringt den Physik-Nobelpreis (10. Dezember). John Bardeen, Walter Brattain und William Shockley werden für die Entdeckung des Transistoreffekts geehrt — die Erfindung, die binnen weniger Jahrzehnte Radios, Rechner und schließlich die ganze Elektronik revolutionieren wird.
- Romy Schneider verzaubert als junge Kaiserin (18. Dezember). Mit „Sissi – Die junge Kaiserin" startet die zweite Folge der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmreihe der Nachkriegszeit in den Kinos — Eskapismus und Trost für ein Publikum, das im Jahr der Krisen genug von Politik hat.
- Facharbeiter aus dem Bezirk Potsdam übererfüllen den Plan (Jahresende 1956). Mehrere Brigaden der Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe melden zum Jahreswechsel, die Ziele des neu angelaufenen Fünfjahrplans erfüllt oder übertroffen zu haben — ein kleiner wirtschaftlicher Achtungserfolg in einem politisch stürmischen Jahr.
DAS WETTER · 1956 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 28,8 °C, in der Nacht 12,7 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 14,4 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 7,2 °C — rund 1,6 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 31 °C am 31. Mai, kältester −23 °C am 9. Februar. 1 Hitzetage (≥30 °C), 42 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 721 mm.
Der Februar 1956 brachte eine der schärfsten Kältewellen des Jahrhunderts: bis −23 °C — der tiefste Wert dieser drei Jahrzehnte. Der Sommer blieb kühl (nur ein einziger Hitzetag).
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1956
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Rosalie — Freddy Quinn
- Heimweh (Dort wo die Blumen blühn) — Freddy Quinn
- Weißer Holunder — Lolita
- Verdammt in alle Ewigkeit — Heinz Schachtner
- Mack the Knife — Louis Armstrong
- Steig in das Traumboot der Liebe — Caterina Valente
- Tiritomba — Margot Eskens
- Come prima — Helmut Zacharias
- Sie hieß Mary-Ann — Freddy Quinn
- Mamma di Mandolin — Peter Alexander
- Geisterreiter — Die Playboys
- Wenn die Sonne scheint in Texas — Bruce Low
- Wie wär's — Club Italia
- Bonjour Kathrin — Caterina Valente
- Rock Around the Clock — Bill Haley & His Comets
- Heartbreak Hotel — Elvis Presley
- Memories Are Made of This — Dean Martin
- Blue Suede Shoes — Carl Perkins
- Tweedle Dee — Frankie Vaughn
- Sixteen Tons — Tennessee Ernie Ford
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.