DER CHRONIST
Ein Jahr der Erschütterungen: Der Ostblock gerät ins Wanken, während im eigenen Land die Waffen wieder klirren — hüben wie drüben. Chruschtschows Geheimrede gegen Stalin entfacht Hoffnungen auf ein Tauwetter, die im Juni in Posen und im Herbst in Ungarn blutig erstickt werden, während zugleich in Suez die alten Kolonialmächte ihre Ohnmacht vorführen. In Deutschland rüsten beide Staaten neu auf — die DDR mit der Nationalen Volksarmee, die Bundesrepublik mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht —, während in Karlsruhe die KPD verboten wird. Doch die Welt dreht sich auch jenseits der großen Politik weiter: Nordafrika verabschiedet sich aus der Kolonialzeit, ein Seekabel verkürzt erstmals die Distanz über den Atlantik, Grace Kelly wird zur Fürstin, und ein junger Sänger aus Memphis bringt mit seinen Hüftschwüngen die Wohnzimmer der Welt in Aufruhr. Ein Jahr, das zeigt, wie nah Hoffnung und Niederschlagung, Glanz und Katastrophe beieinanderliegen können.
Chruschtschow rechnet mit Stalin ab — die Geheimrede

Zum Abschluss des XX. Parteitags der KPdSU (14.–25. Februar) hält Parteichef Nikita Chruschtschow in der Nacht zum 25. Februar vor rund 1.400 Delegierten in nichtöffentlicher Sitzung eine rund fünfstündige Geheimrede: „Über den Personenkult und seine Folgen". Erstmals rechnet die sowjetische Führung selbst mit dem 1953 verstorbenen Josef Stalin ab: Chruschtschow benennt die Schauprozesse und Massenmorde der dreißiger Jahre an alten Bolschewiki der ersten Revolutionsgeneration, den von Stalin geförderten „Personenkult" und dessen folgenschwere Fehlentscheidungen im Zweiten Weltkrieg, und fordert eine Rückkehr zu „leninistischen Normen" des Parteilebens. In der Sowjetunion selbst wird der Text nicht veröffentlicht — offiziell bleibt er dort bis 1989 unter Verschluss. Über polnische und israelische Kanäle gelangt er jedoch in den Westen; am 4. Juni druckt die New York Times ihn erstmals vollständig ab. Binnen Wochen sickert der Inhalt auch im gesamten Ostblock durch und löst Diskussionen, Hoffnungen auf ein politisches „Tauwetter" sowie erste Rehabilitierungen von Gulag-Häftlingen aus. Die aufgestaute Unruhe entlädt sich noch im selben Jahr: im Juni beim Posener Arbeiteraufstand in Polen, im Oktober beim Volksaufstand in Ungarn. Die SED-Führung um Walter Ulbricht reagiert zögerlich und tut sich schwer, die Entstalinisierung nachzuvollziehen — der Ost-Berliner Philosoph Wolfgang Harich, der offene Reformen fordert, wird noch im November 1956 verhaftet und später zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.
Aus heutiger Sicht
Vollständig veröffentlicht wird Chruschtschows Rede in der Sowjetunion erst 1989 unter Gorbatschow — mehr als drei Jahrzehnte, nachdem sie im Westen längst bekannt war. Die von ihr angestoßene Entstalinisierung bleibt halbherzig: Chruschtschow selbst hält am Machtmonopol der Partei fest, und schon im Herbst desselben Jahres zeigt die blutige Niederschlagung des Ungarn-Aufstands die engen Grenzen dieses „Tauwetters".
Die DDR rüstet auf: Gründung der Nationalen Volksarmee

Per Gesetz vom 18. Januar beschließt die Volkskammer die Aufstellung der Nationalen Volksarmee (NVA); zum 1. März nehmen das neue Ministerium für Nationale Verteidigung unter Willi Stoph sowie die Stäbe der Land- und Luftstreitkräfte und der Volksmarine ihren Dienst auf — hervorgegangen aus der seit 1952 aufgebauten Kasernierten Volkspolizei (KVP), die geschlossen in die neue Armee überführt wird. Damit stehen von Beginn an rund 100.000 Soldaten unter Waffen; am 30. April leisten die ersten Einheiten in einer öffentlichen Zeremonie ihren Fahneneid. Eine allgemeine Wehrpflicht besteht zunächst nicht — sie führt die DDR erst 1962 ein —, die NVA rekrutiert sich vorerst aus Freiwilligen und ehemaligen KVP-Angehörigen. Die DDR zieht damit nach, was ein Jahr zuvor auf der anderen Seite geschehen war: Nach dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik im Mai 1955 hatte die Sowjetunion umgehend den Warschauer Pakt gegründet, dem die DDR als Gründungsmitglied angehört — die neue Volksarmee ist nun dessen sichtbarster Ausdruck. Im Bezirk Potsdam, zu dem Luckenwalde gehört, werden Garnisonen der neuen Streitkräfte aufgebaut; junge Männer aus der Region melden sich erstmals zum Dienst in der jungen Armee. Elf Jahre nach Kriegsende besitzen damit beide deutschen Staaten wieder eigene, einander gegenüberstehende Streitkräfte.
Verbot der KPD in der Bundesrepublik

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe erklärt die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) — zu diesem Zeitpunkt noch rund 85.000 Mitglieder stark — für verfassungswidrig und verbietet sie. Grundlage ist Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes, wonach Parteien verboten werden können, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beeinträchtigen wollen; das Gericht sieht dies durch das erklärte Ziel der KPD, eine „Diktatur des Proletariats" sowjetischen Musters zu errichten, als erfüllt an. Die Bundesregierung unter Konrad Adenauer hatte den Verbotsantrag bereits 1951 gestellt, das Verfahren zog sich über fünf Jahre hin. Nach dem Urteil werden Parteibüros geschlossen, Druckereien beschlagnahmt, Vermögen eingezogen, Ersatzorganisationen untersagt. Nach dem Verbot der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP) 1952 ist es das zweite — und bis heute letzte — Parteiverbot der jungen Bundesrepublik. In den Folgejahren bis 1968 werden mehr als 125.000 Menschen im Zusammenhang mit dem KPD-Verbot strafrechtlich verfolgt, mehrere Tausend davon verurteilt. Die DDR-Propaganda greift das Urteil sofort auf und stilisiert es zum Beweis westdeutscher „Kommunistenverfolgung" — ein Thema, das auch die Presse im Bezirk Potsdam wochenlang beschäftigt.
Aus heutiger Sicht
Das KPD-Verbot bleibt bis heute das bislang letzte erfolgreiche Parteiverbot der Bundesrepublik. Zwei spätere Anläufe gegen die rechtsextreme NPD scheitern: 2003 stellt das Bundesverfassungsgericht das Verfahren wegen V-Leuten des Verfassungsschutzes in der Parteiführung ein, 2017 bescheinigt es der NPD zwar Verfassungsfeindlichkeit, hält sie aber für politisch zu bedeutungslos, um die freiheitliche demokratische Grundordnung ernsthaft zu gefährden.
Landtagswahl Baden-Württemberg: CDU triumphiert, doch alle Parteien bleiben am Kabinettstisch

Nur zwei Wochen nachdem in Düsseldorf die Koalition aus CDU und FDP über der von Bundeskanzler Konrad Adenauer betriebenen Wahlrechtsreform zerbrochen war und die Liberalen zusammen mit der SPD Ministerpräsident Karl Arnold am 20. Februar per erstem „konstruktiven Misstrauensvotum" der jungen Bundesrepublik aus dem Amt stimmten, ziehen am 4. März die Wählerinnen und Wähler in Baden-Württemberg an die Urnen — die einzige Landtagswahl des Jahres. Bei einer Wahlbeteiligung von 70,3 Prozent wird die CDU unter Ministerpräsident Gebhard Müller mit 42,6 Prozent (56 von 120 Sitzen) klar stärkste Kraft; die SPD kommt auf 28,9 Prozent (36 Sitze), die FDP/DVP auf 16,6 Prozent (21 Sitze) und der Vertriebenenverband GB/BHE auf 6,3 Prozent (7 Sitze). Die KPD fällt mit 3,2 Prozent unter die Sperrklausel und bleibt ohne Mandat.
Müller setzt danach die seit der Gründung des Südweststaats 1952 bestehende Allparteienregierung fort: CDU, SPD, FDP/DVP und GB/BHE tragen das Kabinett gemeinsam, einzig die KPD bleibt außen vor. Für Bonn ist das Stuttgarter Ergebnis ein zwiespältiges Signal, wenige Wochen nach dem Zerwürfnis in Düsseldorf: Die Union bleibt im Südwesten unangefochten die stärkste Partei, regiert aber selbst hier nur im Verbund mit alten wie neuen Rivalen, während Adenauers Koalition im bevölkerungsreichsten Land des Bundes zerbrochen ist. Für den Kanzler, der im kommenden Jahr um die eigene Mehrheit bei der Bundestagswahl kämpfen muss, bleibt es die einzige Landtagswahl dieses von der Wahlrechtsfrage überschatteten Jahres.
Aufstand in Ungarn — Hoffnung und blutige Niederschlagung

Vorausgegangen war ein Jahrzehnt stalinistischer Repression unter Mátyás Rákosi und dem Terror der Geheimpolizei ÁVH; nach Chruschtschows Geheimrede im Februar fordern reformkommunistische Intellektuelle im „Petőfi-Kreis" öffentlich Aufarbeitung und die Rückkehr des 1955 gestürzten Reformers Imre Nagy. Am 23. Oktober ziehen Studenten und Arbeiter in Budapest mit Forderungen nach Reformen, Pressefreiheit und dem Abzug sowjetischer Truppen zur Statue des Freiheitshelden József Bem; am Abend wird die riesige Stalin-Statue am Stadtpark gestürzt, vor dem Rundfunkgebäude eröffnet die ÁVH das Feuer auf Demonstranten — der Funke, der den bewaffneten Aufstand entfacht. Noch in der Nacht rücken erste sowjetische Einheiten zur Niederschlagung an, während in Budapest Arbeiterräte und bewaffnete Gruppen, etwa im Corvin-Kino-Komplex, die Kontrolle übernehmen. Am 24. Oktober wird Nagy erneut Ministerpräsident, am 25. Oktober löst János Kádár den bisherigen Parteichef Ernő Gerő ab. Ein brüchiger Waffenstillstand ab 28. Oktober weckt Hoffnung: Sowjetische Truppen ziehen sich aus Budapest zurück, Nagy bildet am 30. Oktober eine Koalitionsregierung mit nichtkommunistischen Parteien und kündigt das Ende der Einparteienherrschaft an. Am 1. November verkündet er den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns, appelliert an die UNO. Die Antwort Moskaus folgt ab dem 4. November: In einer Großoffensive rücken rund 15 sowjetische Divisionen mit etwa 2.000 Panzern und rund 200.000 Soldaten in Ungarn ein und schlagen den Aufstand binnen weniger Tage blutig nieder, mit erbittertem, teils tagelangem Häuserkampf in Budapest. Moskau installiert den zuvor heimlich übergelaufenen Kádár als Regierungschef; Nagy flüchtet in die jugoslawische Botschaft, wird trotz zugesichertem freien Geleit verhaftet und später hingerichtet. Nach offiziellen ungarischen Angaben sterben zwischen dem 23. Oktober und dem 11. November über 2.700 Menschen, andere Schätzungen zählen rund 2.500 Aufständische und 700 sowjetische Soldaten als gefallen sowie etwa 20.000 verwundete Zivilisten. Rund 200.000 Ungarn fliehen über die Grenze nach Österreich und Jugoslawien in den Westen. Der Traum vom Tauwetter des Frühjahrs endet in Blut — und zeigt der ganzen Welt die Grenzen der Entstalinisierung.
Aus heutiger Sicht
Erst 1989, im Zuge der ungarischen Wende, wird Imre Nagy öffentlich rehabilitiert und am 16. Juni symbolisch neu beigesetzt — ein Ereignis, das dem Land noch im selben Jahr den Weg zu freien Wahlen ebnet. János Kádár, 1956 von Moskaus Gnaden ins Amt gehoben, regiert Ungarn bis 1988 und prägt mit vorsichtigen Wirtschaftsreformen den vergleichsweise liberaleren „Gulaschkommunismus" des Ostblocks.
Sueskrise — Krieg um den Kanal

Vorausgegangen war die Verstaatlichung der bis dahin britisch-französisch kontrollierten Sueskanal-Gesellschaft durch Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser am 26. Juli — eine Reaktion darauf, dass die USA und Großbritannien ihm die zugesagte Finanzierung des Assuan-Staudamms entzogen hatten. In geheimen Verhandlungen im französischen Sèvres vereinbaren Großbritannien, Frankreich und Israel Ende Oktober ein abgestimmtes Vorgehen: Israel soll mit einem Angriff auf den Sinai den Vorwand liefern, damit London und Paris als vermeintliche Friedensstifter einschreiten und die Kanalzone besetzen können. In der Nacht zum 29. Oktober marschieren israelische Truppen unter Verteidigungsminister Moshe Dayan in den Sinai ein; Großbritannien und Frankreich stellen wie verabredet ein Ultimatum, das Nasser am 31. Oktober zurückweist. Noch am selben Tag beginnen britische und französische Luftangriffe, die binnen zwei Tagen die ägyptische Luftwaffe weitgehend vernichten; am 5. November landen Fallschirmjäger bei Port Said, Port Fuad und dem Flughafen Gamil, tags darauf folgen weitere Verbände von See. Unter massivem Druck vor allem der USA — Präsident Eisenhower droht mit dem Ende jeder Unterstützung für das Pfund Sterling — und scharfen Drohungen der Sowjetunion, die zeitgleich den Ungarn-Aufstand niederschlägt, stellen Großbritannien, Frankreich und Israel am 6. November die Kampfhandlungen ein. Eine neu geschaffene UN-Blauhelmtruppe (UNEF), die erste Friedenstruppe der Vereinten Nationen überhaupt, sichert den Rückzug; bis Jahresende ziehen sich Briten und Franzosen zurück, Israel folgt bis März 1957. Der britische Premierminister Anthony Eden, politisch schwer angeschlagen, tritt im Januar 1957 zurück. Die einstigen Kolonialmächte verlieren sichtbar an Macht — die Weltordnung des Kalten Krieges verschiebt sich weiter zugunsten der beiden Supermächte, während Nasser als Sieger und Symbolfigur des arabischen Nationalismus aus der Krise hervorgeht.
Blutiger Sommer in Polen: der Posener Aufstand

Am 28. Juni legen Tausende Arbeiter der Lokomotiv- und Waggonfabrik Cegielski (damals „ZISPO") in Posen (poln. Poznań) die Arbeit nieder, um höhere Löhne, niedrigere Normen und bessere Versorgung einzufordern. Aus dem Streik wird binnen Stunden ein Massenaufstand: Rund 100.000 Menschen ziehen zum Stadtzentrum, stürmen das Gebäude der Staatssicherheit, ein Gefängnis wird geöffnet, Waffen erbeutet. Die Staatsführung unter Edward Ochab setzt Armee und Panzer ein; nach Straßenkämpfen mit Maschinengewehren und Artillerie ist der Aufstand noch am selben Tag niedergeschlagen. Die Opferzahlen schwanken je nach Quelle zwischen rund 73 und weit über hundert Toten, mehrere hundert Menschen werden verletzt, es folgen Verhaftungen und Prozesse. Anders als in Ungarn im Herbst mündet der Posener Sommer nicht in eine sowjetische Militärintervention: Die Unruhen beschleunigen vielmehr einen innerparteilichen Machtwechsel — im Oktober übernimmt der Reformkommunist Władysław Gomułka die Parteiführung und verspricht einen „polnischen Weg zum Sozialismus" mit mehr nationaler Eigenständigkeit. Für die SED-Führung in Ost-Berlin, die den Vorgang genau beobachtet, ist Posen ein Menetekel dessen, was wenige Monate später in Budapest eskalieren wird.
Aus heutiger Sicht
Der von Posen ausgehende Kurswechsel hält nicht auf Dauer: Gomułkas Versprechen eines „polnischen Wegs" verliert binnen weniger Jahre an Substanz, 1968 geht seine Regierung selbst gegen Studentenproteste und in einer antisemitischen Kampagne gegen jüdische Bürger vor. Erst die Streiks der Danziger Werftarbeiter 1980 und die Gründung der Gewerkschaft Solidarność knüpfen wieder an den Aufbruchsgeist von 1956 an.
Elvis Presley erobert Amerika

Am 27. Januar erscheint bei RCA Victor die erste Single des 21-jährigen Sängers aus Memphis nach seinem Wechsel vom kleinen Label Sun Records: „Heartbreak Hotel". Binnen Wochen erklimmt der Titel die US-Charts und wird zu Elvis Presleys erstem Nummer-eins-Hit; im Laufe des Jahres folgen mit „Don't Be Cruel"/„Hound Dog" und „Love Me Tender" weitere Millionenseller, die ihn zum meistverkauften Interpreten des Jahres machen. Fernsehauftritte in der „Milton Berle Show" und der „Steve Allen Show" sorgen im Frühjahr für erste Empörung konservativer Eltern über seine hüftschwingende Bühnenshow; als Presley am 9. September in der „Ed Sullivan Show" debütiert, verfolgen ihn rund 60 Millionen Zuschauer — über 80 Prozent aller an diesem Abend eingeschalteten Fernsehgeräte in den USA. Aus Rücksicht auf die öffentliche Moral filmen die Kameras ihn bei späteren Auftritten in der Sendung nur noch von der Hüfte aufwärts. Der „Rock ’n’ Roll", den Presley einem Millionenpublikum bekannt macht, gilt vielen Erwachsenen als Bedrohung, der Jugend als Befreiung — ein Kulturbruch, der binnen eines Jahres auch nach Europa und in die deutschsprachigen Charts dieser Ausgabe hinüberschwappt.
Traumhochzeit in Monaco: Grace Kelly wird Fürstin

Die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly, wenige Monate zuvor noch mit einem Oscar für „Das Mädchen vom Lande" ausgezeichnet, heiratet in Monaco Fürst Rainier III. Am 18. April findet die standesamtliche Trauung im Thronsaal des Fürstenpalasts statt, am 19. April die kirchliche Zeremonie in der Kathedrale Notre-Dame-Immaculée vor rund 600 geladenen Gästen und einer weltweiten Fernseh- und Presseöffentlichkeit von schätzungsweise 30 Millionen Menschen. Das Brautkleid aus Seide und altem Brüsseler Spitzenstoff entwirft die MGM-Kostümbildnerin Helen Rose; mit der Hochzeit beendet Kelly ihre Filmkarriere — ihr letzter Kinofilm, „High Society", läuft erst später im Jahr in den Kinos an. Die Verbindung der amerikanischen Filmikone mit dem europäischen Fürstenhaus wird international als „Märchenhochzeit des Jahrhunderts" gefeiert und prägt, wie an anderer Stelle dieser Ausgabe vermerkt, mit dem zurückhaltend-eleganten „Grace-Kelly-Look" noch monatelang die Mode diesseits wie jenseits des Atlantiks.
Unabhängigkeit für Marokko und Tunesien

Binnen weniger Wochen entlässt Frankreich zwei seiner nordafrikanischen Protektorate in die Selbstständigkeit. Am 2. März erkennt Paris die Unabhängigkeit Marokkos an; Sultan Mohammed V., der 1953 von den Franzosen noch ins Exil verbannt worden war, kehrt als Staatsoberhaupt eines souveränen Königreichs zurück, dem sich im April auch die kleinere spanische Protektoratszone anschließt. Nur 18 Tage später, am 20. März, unterzeichnen der tunesische Regierungschef Tahar Ben Ammar und der französische Außenminister Christian Pineau das Protokoll zur Unabhängigkeit Tunesiens; treibende politische Kraft ist Habib Bourguiba, der die tunesische Nationalbewegung seit Jahrzehnten anführt und 1957 mit der Abschaffung der Monarchie Staatspräsident wird. Beide Schritte reihen sich in die rasch fortschreitende Entkolonialisierung Nordafrikas ein — und stehen in scharfem Kontrast zu Algerien, wo Frankreich im selben Jahr einen immer härteren Kolonialkrieg gegen die dortige Unabhängigkeitsbewegung führt.
Der Sudan wird unabhängig

Zum Jahresbeginn endet im Sudan das seit 1899 bestehende anglo-ägyptische Kondominium: Am 1. Januar erklärt das Parlament in Khartum unter Ministerpräsident Ismail al-Azhari die volle Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten, die beide zuvor gemeinsam über das Land geherrscht hatten. Der neue Staat zählt zu den ersten afrikanischen Ländern, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Kolonialherrschaft abschütteln. Der politische Neuanfang ist von Beginn an belastet: Bereits im August 1955 hatten sich Soldaten im überwiegend christlich-animistischen Süden des Landes gegen die von Norden dominierte Übergangsregierung erhoben („Torit-Meuterei") — ein Konflikt, der in den folgenden Jahren zum ersten sudanesischen Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd eskaliert und das Land noch jahrzehntelang beschäftigen wird.
Erstes transatlantisches Telefonkabel geht in Betrieb

Mit einer Eröffnungsfeier nimmt am 25. September das Kabel TAT-1 seinen Dienst auf — die erste funktionsfähige Telefonverbindung zwischen Europa und Nordamerika, die nicht auf Funk, sondern auf einem Unterseekabel beruht. Die rund 3.600 Kilometer lange, zwischen 1955 und 1956 verlegte Leitung verbindet Gallanach Bay in Schottland mit Clarenville in Neufundland, Kanada, und wird gemeinsam von der amerikanischen AT&T, der britischen Post sowie der kanadischen Telefongesellschaft betrieben. Anfangs ermöglicht es 36 gleichzeitige Ferngespräche zwischen der Alten und der Neuen Welt — zuvor mussten Interkontinentalgespräche über störanfällige Kurzwellenfunkverbindungen geführt werden, die nur wenige Verbindungen gleichzeitig zuließen und wetterabhängig waren. Die rund 50 Millionen Dollar teure Investition macht Ferngespräche über den Atlantik erstmals alltagstauglich und gilt als Meilenstein auf dem Weg zur globalen Kommunikationsgesellschaft; TAT-1 bleibt bis 1978 in Betrieb, ehe Satelliten und neuere Kabel es ablösen.
Schiffskatastrophe vor Nantucket: der Untergang der „Andrea Doria"

In dichtem Nebel rund 45 Seemeilen südlich der Insel Nantucket rammt in der Nacht zum 25. Juli der schwedische Passagierdampfer MS Stockholm das italienische Luxusschiff „Andrea Doria" auf hoher See in die Steuerbordseite. Mehrere der elf wasserdichten Abteilungen werden aufgerissen, das Schiff legt sich binnen Minuten bedrohlich auf die Seite. Dank sofort herbeieilender Schiffe — allen voran der französische Liner „Ile de France" — gelingt die Rettung von rund 1.660 Passagieren und Besatzungsmitgliedern, ehe die „Andrea Doria" am Morgen des 26. Juli sinkt. 51 Menschen kommen ums Leben, 46 von der „Andrea Doria" und fünf von der „Stockholm". Das Unglück, eines der meistfotografierten Schiffsunglücke der Geschichte, wird international als Lehrstück für die Tücken der Radarnavigation und mangelnde Kommunikation zwischen den Brücken beider Schiffe diskutiert — trotz modernster Technik an Bord hatten beide Kapitäne den Kurs des jeweils anderen fatal falsch eingeschätzt.
Stuttgarts Fernsehturm geht in Betrieb

Auf dem Hohen Bopser oberhalb von Stuttgart nimmt am 5. Februar der neue Fernsehturm des Süddeutschen Rundfunks den Betrieb auf — mit rund 217 Metern Höhe (Antenne eingerechnet) der erste freistehende Fernsehturm der Welt, der komplett aus Stahlbeton errichtet ist. Entworfen hat ihn der Bauingenieur Fritz Leonhardt, der mit dem schlanken, sich nach oben verjüngenden Schaftrohr eine Bauweise erprobt, an der sich in den folgenden Jahrzehnten Fernsehtürme rund um den Globus orientieren, vom Ostblock bis nach Übersee. Neben der Sendetechnik beherbergt der Turm von Anfang an eine öffentlich zugängliche Aussichtsplattform und ein Restaurant, das binnen kurzer Zeit zur meistbesuchten Attraktion der Stadt wird. Für den Süddeutschen Rundfunk verbessert die neue Sendeanlage vor allem die Fernsehversorgung der Region — ein westdeutsches Pendant zu den Fernsehausbauplänen, die zur selben Zeit auch im Sender Deutscher Rundfunk der DDR verfolgt werden, wenngleich ohne vergleichbares Bauwerk.
Erste Fernsehwerbung im deutschen Programm

Nachdem der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks bereits am 4. Mai der Einführung von Fernsehwerbung zugestimmt hatte, ist es am 3. November so weit: In der Sendung „Zwischen halb und acht" strahlt der BR den ersten Werbespot des deutschen Fernsehens aus — 55 Sekunden lang, für das Waschmittel „Persil", mit den bayerischen Volksschauspielern Liesl Karlstadt und Beppo Brem. Was Zuschauern zwischen Milton Berle und dem heimischen Wohnzimmersessel wie eine amerikanische Marotte erscheinen mag, setzt sich binnen weniger Jahre auch bei den übrigen Landesrundfunkanstalten durch: Werbeblöcke vor und nach den Hauptsendungen werden zur festen Einnahmequelle des westdeutschen Fernsehens, ganz anders als im DDR-Fernsehen, das ohne Werbewirtschaft auskommt und stattdessen auf staatliche Finanzierung setzt.
„Halbstarken"-Krawalle nach Rock-’n’-Roll-Filmen

Mit dem Kinostart des amerikanischen Films „Außer Rand und Band" (Originaltitel „Rock Around the Clock") um Bill Haleys gleichnamigen Song erreicht die Rock-’n’-Roll-Welle im Spätherbst auch die westdeutschen Lichtspielhäuser — und mit ihr eine Welle von Jugendunruhen, die die Presse rasch unter dem Schlagwort „Halbstarke" verhandelt. In Dortmund ziehen nach einer Vorführung im Kino „Capitol" rund 4.000 Jugendliche randalierend durch die Innenstadt, belästigen Passanten und beschädigen mehrere Fahrzeuge durch Steinwürfe, ehe die Polizei mit Schlagstöcken und Wasserwerfern einschreitet. Auch in Bremen und mehreren anderen westdeutschen Großstädten muss die Polizei Wasserwerfer einsetzen, um anhaltende Krawalle vor den Kinos zu beenden; in manchen Sälen reißen tanzende Jugendliche ganze Sitzreihen aus der Verankerung, bewerfen die Leinwand oder blockieren nach der Vorstellung die Straße, sodass Betreiber den Ton abstellen oder die Vorführung ganz abbrechen. Für die einen ist der neue Musikstil aus Amerika bloße Mode, für viele besorgte Eltern und Ordnungshüter dagegen ein Sittenverfall, der eine ganze Generation zu verschlingen droht.
Werner Forßmann erhält den Medizin-Nobelpreis

In Stockholm nimmt der Chirurg Werner Forßmann, seit 1950 Chefarzt der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses in Bad Kreuznach, am 10. Dezember gemeinsam mit den US-Amerikanern André Cournand und Dickinson Richards den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin entgegen — geehrt für die Entwicklung der Herzkatheterisierung. Den entscheidenden Schritt hatte Forßmann bereits 1929 als 25-jähriger Assistenzarzt in Eberswalde gewagt: Ohne Zustimmung seiner Vorgesetzten schob er sich selbst einen Harnleiterkatheter durch eine Armvene bis ins rechte Herz vor und ließ sich anschließend zur Kontrolle röntgen — ein halsbrecherischer Selbstversuch, der ihm zunächst vor allem Ärger mit der Klinikleitung einbrachte und seine Karriere als Herzchirurg in Deutschland eher behinderte als beförderte. Erst die amerikanischen Kollegen Cournand und Richards entwickeln das Verfahren in den folgenden zwei Jahrzehnten zu einem festen diagnostischen Werkzeug der Kardiologie weiter; ihr gemeinsamer Nobelpreis holt Forßmanns fast vergessene Pioniertat nun nach 27 Jahren aus der Versenkung.
AM RANDE NOTIERT
- Bereits im Juni proben Arbeiter im polnischen Posen den Aufstand gegen Versorgungsnot und Normendruck; die Armee schlägt blutig zurück (mindestens 73 Tote) — ein Vorbeben zum Ungarn-Herbst.
- In Ungarn wie in Polen wird derselbe Ruf laut: weniger Moskau, mehr Eigenständigkeit — eine Frage, die auch die SED in Ost-Berlin und im Bezirk Potsdam nervös verfolgt.
- Am 21. Juli beschließt der Bundestag das Wehrpflichtgesetz: Auch die Bundesrepublik führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein — die Wiederbewaffnung vollzieht sich damit beiderseits der deutsch-deutschen Grenze, nur wenige Monate nach der NVA-Gründung.
- Im Bezirk Potsdam läuft mit dem Jahr 1956 der zweite Fünfjahrplan an: Auch für die Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe werden neue, höhere Produktionsziele ausgegeben — während zugleich Facharbeiter und Söhne der Region zur frisch gegründeten NVA einrücken.
- Am 26. August wird im Luckenwalder Stadtpark ein kleiner Tierpark eingeweiht — ein neues Ausflugsziel für die Familien der Kreisstadt.
- Am 14. März führt die Bundesrepublik neue Kfz-Kennzeichen mit schwarzer Schrift auf weißem Grund ein — die Grundform, die bis heute gilt; die alten Blechschilder bleiben noch bis 1958 gültig.
- Nach vierjähriger Prüfung erklärt das Amtsgericht Berchtesgaden am 25. Oktober den seit elf Jahren toten Adolf Hitler amtlich für tot — ein Verfahren, das vor allem der Klärung seines Nachlasses dient und Raum für allerlei Gerüchte über sein angebliches Überleben gelassen hatte.
- Dem Bürstenvertreter Walter Knoblauch aus Wittmund in Ostfriesland beschert das Zahlenlotto im Dezember einen Gewinn von 500.000 DM; als „Lottokönig" plant er bereits eine Hochzeit mit Mercedes-Vorfahrt und einer 3,5 Meter langen Schleppe am Brautkleid — der Bürstenhandel, mit dem er sein Geld verdiente, dürfte für ihn fürs Erste erledigt sein.
WIRTSCHAFT · 1956
Mit dem Jahreswechsel läuft in der DDR der zweite Fünfjahrplan an, der höhere Produktionsziele in fast allen Zweigen vorschreibt — auch für die Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe, wie an anderer Stelle vermerkt. Noch immer regelt die Lebensmittelkarte den Bezug von Fleisch, Fisch, Eiern, Milch, Fett und Zucker; erst 1958 werden die Marken abgeschafft. Wer ohne Bezugsschein einkauft, zahlt in den Läden der staatlichen Handelsorganisation (HO) deutlich höhere Preise für dieselbe Ware. Im Frühsommer meldet die Versorgungslage Lücken: Ende Juni klagen mehrere Bezirke über knappe Butter- und Margarinebestände, vielerorts sind die Marken schon zur Monatsmitte aufgebraucht. Gegenläufig beschließt die Regierung zum 4. Juni spürbare Preissenkungen von 16 bis 50 Prozent auf Textilien, Schuhe und andere Industriewaren — ein Ausgleich, der die Kritik an Löhnen und Versorgung dämpfen soll, wie es in mehreren Betrieben, darunter der Brauerei Jena und dem Werkzeugbaubetrieb IKA Annaberg, aus internen Stimmungsberichten hervorgeht.
Der Preisspiegel (EVP-Festpreise; sie bleiben über weite Strecken der DDR-Geschichte nahezu unverändert und dürften 1956 in ähnlicher Größenordnung gegolten haben, unrationierte HO-Ware kostet spürbar mehr; zum Vergleich der Westpreis für Brot):
- Roggenmischbrot (1 kg) — 0,52 M (EVP)
- Tafelbutter (250 g) — 2,40 M (EVP; auf Marke, HO-Preis deutlich höher)
- Milch (1 l) — 0,70 M (EVP)
- Bier, Pils (0,5 l) — 0,92 M (EVP)
- Kaffee, gemahlen (125 g) — 8,75 M (EVP; oft „Bückware")
- Tageszeitung — 0,10–0,15 M
- Wohnungsmiete (58 m²) — 70,00 M/Monat
- Zum Vergleich, Bundesrepublik: Brot (1 kg) — 0,69 DM (1956)
STIMMEN DER PRESSE · 1956
Zum Ungarn-Aufstand meldet sich naturgemäß nur die gleichgeschaltete SED-Presse zu Wort — eine eigenständige Berichterstattung existiert in der DDR nicht. Das Zentralorgan Neues Deutschland titelt am 25. Oktober, während in Budapest die Kämpfe noch andauern:
„Im Laufe des Mittwoch wurde in der ungarischen Hauptstadt ein Putsch konterrevolutionärer Elemente niedergeschlagen." — Neues Deutschland, 25. Oktober 1956
Nach der zweiten sowjetischen Intervention vom 4. November feiert das Blatt den „Sieg der Volksmacht" und druckt eine Erklärung des SED-Zentralkomitees an die neue ungarische Regierung ab:
„Klassenbewußte Arbeiter, fortschrittlich gesinnte Bauern, aufrichtige Patrioten Ungarns haben mit brüderlicher Hilfe der Soldaten des ersten sozialistischen Staates der Welt die grausam wütende Konterrevolution in der Volksrepublik Ungarn aufs Haupt geschlagen." — Neues Deutschland, 6. November 1956
Eine Gegenstimme aus der DDR-Presse selbst ist nicht zu erwarten und auch nicht zu belegen; die Diskrepanz zwischen dieser Sprachregelung und der tatsächlichen Stimmung im eigenen Land behandelt die Anmerkung zum Ungarn-Aufstand an anderer Stelle dieser Ausgabe.
SPORT · 1956
Die gesamtdeutsche Olympiamannschaft bei den Spielen in Cortina d'Ampezzo und Melbourne ist bereits unter den Lichtblicken dieser Ausgabe gewürdigt. Die Winterspiele vom 26. Januar bis 5. Februar in Cortina d'Ampezzo bleiben von der Weltpolitik noch unberührt: Mit 32 teilnehmenden Nationen wird ein neuer Teilnehmerrekord aufgestellt, erstmals ist auch die Sowjetunion bei Winterspielen dabei. Zum Star der Spiele wird der Österreicher Toni Sailer, der als erster Alpinskifahrer alle drei Goldmedaillen gewinnt — im Riesenslalom siegt er mit 6,2 Sekunden Vorsprung, dem größten in der olympischen Geschichte des alpinen Skisports. Ganz anders die Sommerspiele vom 22. November bis 8. Dezember im australischen Melbourne, die erstmals auf der Südhalbkugel stattfinden und wegen strenger australischer Quarantänebestimmungen ihre Reiterwettbewerbe Monate zuvor gesondert in Stockholm austragen müssen. Überschattet werden sie vom politischen Weltgeschehen: Wegen der sowjetischen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands bleiben die Niederlande, Spanien und die Schweiz den Spielen fern, wegen der Sueskrise boykottieren Ägypten, Irak und Libanon, die Volksrepublik China wiederum aus Protest gegen die Teilnahme Taiwans. Mitten in diese angespannte Stimmung platzt am 6. Dezember im Wasserballbecken das Halbfinale zwischen Ungarn und der UdSSR: Nach Rangeleien und Fouls schlägt ein sowjetischer Spieler dem Ungarn Ervin Zádor eine blutende Platzwunde über dem Auge, das Spiel wird unter Tumulten abgebrochen — als „Blut im Wasser" geht die Partie in die Sportgeschichte ein, ein Spiegel der Krisen dieses Jahres, mitten im olympischen Fest ausgetragen.
MODE · 1956
In der DDR erscheint im Herbst dieses Jahres erstmals die Zeitschrift „Sibylle" — herausgegeben vom Modeinstitut der DDR im Leipziger Verlag für die Frau und benannt nach der DEFA-Kostümbildnerin Sibylle Boden-Gerstner, auf deren Initiative das Blatt zurückgeht. Sechsmal im Jahr erscheint es künftig in einer Auflage von rund 200.000 Exemplaren und zeigt trotz Materialmangels und Devisenknappheit ambitionierte, aufwendig fotografierte Schnitte — bald als „Vogue des Ostens" gerühmt und zum Sehnsuchtsobjekt vieler Frauen auch im Bezirk Potsdam. Im Westen prägt unterdessen der zurückhaltend-elegante „Grace-Kelly-Look" das Straßenbild — taillierte Kostüme, Kopftuch und Handschuhe statt Petticoat-Überfluss —, wenige Monate nachdem die Schauspielerin im April dieses Jahres in Monaco tatsächlich zur Fürstin geworden ist.
KINO & FERNSEHEN · 1956
An den deutschen Kinokassen dominiert 1956 der Heimatfilm: „Die Trapp-Familie" von Regisseur Wolfgang Liebeneiner, die Chronik einer österreichischen Sängerfamilie auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus, wird mit rund 26 Millionen verkauften Kinokarten zu einem der größten deutschen Kassenerfolge überhaupt. Auch die Komödie „Charleys Tante" mit Heinz Rühmann in der Titelrolle füllt die Säle, ebenso wie im Dezember die zweite Folge der Sissi-Trilogie mit Romy Schneider, an anderer Stelle dieser Ausgabe gewürdigt. Im Osten setzt die DEFA auf politisches Kabarett: Am 7. Dezember läuft Slatan Dudows Satire „Der Hauptmann von Köln" im Ost-Berliner Babylon-Kino an, eine Abrechnung mit alten Wehrmachtsseilschaften in der Bundesrepublik, die noch im selben Jahr mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet wird. Auf dem noch jungen Bildschirm zeigt sich die Kluft zwischen den beiden deutschen Staaten: In Adlershof bei Berlin geht der Deutsche Fernsehfunk am 3. Januar — dem 80. Geburtstag von Staatspräsident Wilhelm Pieck — vom Probe- in den regulären Sendebetrieb über, während die westdeutsche ARD ihr seit November 1954 laufendes Gemeinschaftsprogramm ausbaut, das zum Jahresende gerade einmal rund 620.000 angemeldete Fernsehteilnehmer zählt — verschwindend wenig gegenüber den mehr als 800 Millionen Kinobesuchen des Jahres. Das Kino bleibt 1956 diesseits wie jenseits der Grenze das Leitmedium, der Fernseher noch ein teures Möbelstück der Ausnahme.
GESTORBEN · 1956
- Alexander Korda (62), britischer Filmproduzent und Regisseur — 23. Januar, London.
- Emil Nolde (88), deutscher Maler — 13. April, Seebüll.
- Gottfried Benn (70), deutscher Arzt und Dichter — 7. Juli, Berlin.
- Jackson Pollock (44), US-amerikanischer Maler — 11. August, East Hampton, New York.
- Bertolt Brecht (58), Dramatiker und Regisseur — 14. August, Ost-Berlin.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1956
- Eine Mannschaft, zwei deutsche Staaten (Winter 1956). Bei den Olympischen Spielen in Cortina d'Ampezzo und Melbourne treten Sportler aus Bundesrepublik und DDR erstmals unter gemeinsamer Flagge an — ein seltenes Zeichen deutsch-deutscher Verständigung mitten im Kalten Krieg.
- Der Transistor bringt den Physik-Nobelpreis (10. Dezember). John Bardeen, Walter Brattain und William Shockley werden für die Entdeckung des Transistoreffekts geehrt — die Erfindung, die binnen weniger Jahrzehnte Radios, Rechner und schließlich die ganze Elektronik revolutionieren wird.
- Romy Schneider verzaubert als junge Kaiserin (18. Dezember). Mit „Sissi – Die junge Kaiserin" startet die zweite Folge der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmreihe der Nachkriegszeit in den Kinos — Eskapismus und Trost für ein Publikum, das im Jahr der Krisen genug von Politik hat.
- Facharbeiter aus dem Bezirk Potsdam übererfüllen den Plan (Jahresende 1956). Mehrere Brigaden der Luckenwalder Tuch- und Metallbetriebe melden zum Jahreswechsel, die Ziele des neu angelaufenen Fünfjahrplans erfüllt oder übertroffen zu haben — ein kleiner wirtschaftlicher Achtungserfolg in einem politisch stürmischen Jahr.
DAS WETTER · 1956 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 28,8 °C, in der Nacht 12,7 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 14,4 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 7,2 °C — rund 1,6 Grad unter dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 31 °C am 31. Mai, kältester −23 °C am 9. Februar. 1 Hitzetage (≥30 °C), 42 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 721 mm.
Der Februar 1956 brachte eine der schärfsten Kältewellen des Jahrhunderts: bis −23 °C — der tiefste Wert dieser drei Jahrzehnte. Der Sommer blieb kühl (nur ein einziger Hitzetag).
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1956
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Rosalie — Freddy Quinn
- Heimweh (Dort wo die Blumen blühn) — Freddy Quinn
- Weißer Holunder — Lolita
- Verdammt in alle Ewigkeit — Heinz Schachtner
- Mack the Knife — Louis Armstrong
- Steig in das Traumboot der Liebe — Caterina Valente
- Tiritomba — Margot Eskens
- Come prima — Helmut Zacharias
- Sie hieß Mary-Ann — Freddy Quinn
- Mamma di Mandolin — Peter Alexander
- Geisterreiter — Die Playboys
- Wenn die Sonne scheint in Texas — Bruce Low
- Wie wär's — Club Italia
- Bonjour Kathrin — Caterina Valente
- Rock Around the Clock — Bill Haley & His Comets
- Heartbreak Hotel — Elvis Presley
- Memories Are Made of This — Dean Martin
- Blue Suede Shoes — Carl Perkins
- Tweedle Dee — Frankie Vaughn
- Sixteen Tons — Tennessee Ernie Ford
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Die Marine kommt zurück: Schnellboote in Friedrichsort

Die Bundesmarine hat in Kiel ihren ersten Verband. Am 1. April wurde das Schnellboot-Lehrgeschwader unter Korvettenkapitän Hans-Helmut Klose aufgestellt, Standort ist der Hafen Stickenhörn in Friedrichsort. Seine ersten drei Boote gehören zur Silbermöwe-Klasse und taten zuvor beim British Baltic Fishery Protection Service Dienst; gebaut wurden die Boote dieser Klasse seit 1952 bei Lürssen nach den Plänen der Schnellboote vom Typ S 38.
Am 29. Mai stellte Vizeadmiral Friedrich Ruge, Leiter der Abteilung Marine im Bundesministerium für Verteidigung, die drei Boote offiziell in Dienst. Am 1. Juli stießen Eismöwe und Raubmöwe dazu, die ursprünglich für den inzwischen aufgelösten Seegrenzschutz bestellt worden waren. Im November übernahm Korvettenkapitän Jens Matzen die Führung des Geschwaders von Klose.
Kiel ist damit mehr als ein Schnellbootstandort: Ein Ausbildungsgeschwader mit den Korvetten Eider und Trave unternahm im November seine erste Auslandsfahrt, über Den Helder und Portsmouth nach Ostende. Oberbürgermeister Hans Müthling hatte schon als Kandidat 1954 Marineeinheiten für Kiel gefordert.
Metaller im Streik: Kampf um den Krankenlohn
In den Kieler Metallbetrieben wird seit dem 24. Oktober nicht mehr gearbeitet. Gestreikt wird im ganzen Land zwischen Flensburg und Lauenburg; in Kiel stehen unter anderem die Kieler Howaldtswerke und die MaK still, seit November auch kleinere Betriebe.
Vorausgegangen war am 8. Oktober eine Großkundgebung der IG Metall in der Ostseehalle; in der Urabstimmung am 11. und 12. Oktober stimmten 77,7 Prozent der Metaller für den Streik. Es geht um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Wer als Arbeiter krank wird, erhält bisher für die ersten drei Tage gar keinen Lohn und danach nur einen Bruchteil. Die Gewerkschaft verlangt die Gleichstellung mit den Angestellten; hinzu kommen Forderungen nach zusätzlichem Urlaubsgeld und 18 Urlaubstagen.
Das Gewerkschaftshaus in der Legienstraße ist das Zentrum der Streikbewegung.
Aus heutiger Sicht
Der Streik dauerte 114 Tage, bis zum 14. Februar 1957, und endete mit einem Kompromiss: 90 Prozent des Nettolohns im Krankheitsfall. Im Juni 1957 verbesserte der Bundestag per Gesetz die Lage kranker Arbeiter; die volle Lohnfortzahlung kam erst 1970.
Heuss segelt im Olympiahafen: 62. Kieler Woche

Vom 17. bis 24. Juni lief die 62. Kieler Woche. Bundespräsident Theodor Heuss, der die Woche schon 1950 als erster Bundespräsident besucht hatte, war wieder an die Förde gekommen. Beim Prominentensegeln des Kieler Yacht-Clubs im Olympiahafen war er mit Stadtpräsident Dr. Wilhelm Sievers, Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und Oberbürgermeister Hans Müthling dabei.
Auf der Förde segelten Drachen und Stars ihre Regatten. Zu Gast war unter anderem der amerikanische Zerstörer „Ault“; am Bahnhofskai lag das Seebäderschiff „Wappen von Hamburg“.
Im Rathaus wurde am 21. Juni ein Porträt des Bundespräsidenten übergeben, das der Maler Karl Kluth in Öl auf Leinwand geschaffen hat.
Kiel baut weiter: Kaufhäuser, Feuerwache, Straßen
Der Wiederaufbau der Stadt geht weiter. Im Juni zog die Berufsfeuerwehr in die neue Hauptfeuerwache am Westring 325; die alte Wache am Martensdamm, seit 1887 in Betrieb, wurde geräumt. Am 28. Juni eröffnete Horten & Co. das Kaufhaus Merkur im früheren Jacobsen-Gebäude an der Ecke Preußerstraße und Holtenauer Straße.
Auf dem Bau ging es Schlag auf Schlag: Am 5. Juli feierte man Richtfest an der Gablenzbrücke, die in diesem Jahr verbreitert wurde, und an der Karstadt-Erweiterung in der Holstenstraße, die am 31. Oktober eingeweiht wurde. Am 17. September folgte das Richtfest für die neue Hebbelschule in der Feldstraße, am 29. Oktober wurde bei Schackendorf der Schlussstein der B 404 von Kiel nach Bad Segeberg gesetzt.
KURZ NOTIERT · Kiel 1956
- 2. Januar — In der Holtenauer Straße eröffnen die Regina-Lichtspiele.
- 22. Januar — Die Howaldtswerke liefern das Kühlschiff „Ahrensburg“ (Baunummer 1035) an die Reederei H. Schuldt & Co. in Hamburg.
- 28. Januar — Bei Meimersdorf fährt ein Personenzug auf einen haltenden Zug auf; mehrere Reisende werden verletzt.
- 27. Juni — Die Universität enthüllt die Bronze „Römischer Jüngling“ von Hermann Blumenthal als Mahnmal; erworben hatte sie die Plastik im Vorjahr im Gedenken an die Opfer des Dritten Reiches.
- 17. August — Am Tag des KPD-Verbots durch das Bundesverfassungsgericht erscheint die in Kiel herausgegebene KPD-Zeitung „Norddeutsches Echo“ zum letzten Mal; wenige Stunden später besetzt die Polizei Verlag und Druckerei.
- 10. November — Im Rathaus feiert man 100 Jahre Kieler Gasversorgung.
- 15. November — Kiel und die Gemeinde Suchsdorf im Kreis Rendsburg unterzeichnen den Eingemeindungsvertrag.
RUND UM DIE FÖRDE · 1956
- 1956, Kreis Plön — Der Trakehnerverband hat das Gut Rantzau bei Plön gepachtet und will es zum Hauptgestüt für die Trakehner ausbauen. Auf dem Gut stehen 81 Pferde, der Bestand soll auf 123 steigen; bei der letzten Auktion brachten in Rantzau gezogene Trakehner 6000 bis 7000 DM.
- 1. Juni, Eckernförde — Das Marinemusikkorps Ostsee wird in Eckernförde aufgestellt. Noch fehlen Personal und Instrumente; spielfähig ist es vorerst nur zusammen mit dem gleichzeitig aufgestellten Marinemusikkorps Nordsee.
SPORT AN DER FÖRDE · 1956
- THW Kiel — Bei der Hallenhandball-Endrunde im Berliner Sportpalast am 3. und 4. März schlägt der THW als Regionalverbandsmeister Nord die TSG Haßloch 8:5, unterliegt dem Berliner SV 1892 4:5 und setzt sich im Halbfinale nach Verlängerung 7:5 gegen Titelverteidiger Frisch Auf Göppingen durch. Im Finale führt Kiel zur Halbzeit 2:0 und verliert doch 2:3 nach Verlängerung gegen den Berliner SV 1892.
- THW Kiel, Feldhandball — Als Norddeutscher Meister schlägt der THW in der Vorrunde am 10. Juni den TSV 1860 Ansbach 13:11 und scheidet am 17. Juni in der Zwischenrunde mit 8:10 beim VfL Gummersbach aus. Deutscher Meister wird Bayer 04 Leverkusen.
- Holstein Kiel — Die Oberliga Nord 1955/56 beendet Holstein auf Platz 4 von 16: 30 Spiele, 13 Siege, 9 Unentschieden, 8 Niederlagen, 51:37 Tore, 35:25 Punkte. Meister ist der Hamburger SV.
- Olympia Melbourne — Im 5,5-m-R-Boot „Tilly“ der Vereinten Mannschaft Deutschlands segeln die Kieler-Yacht-Club-Mitglieder Hans Lubinus (Skipper), Adolf Stein und Ludwig Bielenberg auf Platz 10 von 10.
DAS WETTER · 1956 in Kiel
An diesem 13. Juli blieb es an der Förde trocken und sonnig: Höchstwert 23,3 °C, in der Nacht 13,3 °C, im Mittel 18,4 °C; es fiel kein Tropfen Regen, die Sonne schien rund 11,5 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 7,5 °C. Wärmster Tag 26,1 °C am 10. Juli, kältester Tiefstwert −20,7 °C am 15. Februar. Keine Hitzetage (≥30 °C), 4 Sommertage (≥25 °C), 34 Eistage (Dauerfrost) und 90 Frosttage; Jahresniederschlag 689 mm, Sonnenscheindauer 1732 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)