DER CHRONIST

Ein Jahr der Verträge und der Vertreibungen, aber auch der weltpolitischen Zäsuren. Im Westen rücken sechs Staaten zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammen, während der Osten mit dem sowjetischen Sputnik nach den Sternen greift und zugleich seine Grenzen fester schließt. In Bonn sichert sich Konrad Adenauer die absolute Mehrheit, und in London übernimmt nach der Suez-Krise ein neuer Premierminister das Ruder. In Accra feiert Ghana als erster Staat Schwarzafrikas seine Unabhängigkeit, während in Little Rock der Kampf um die Gleichberechtigung eskaliert. Ein Reaktorbrand in Windscale und die neue eigenständige Notenbank der Bundesrepublik zeigen, wie eng Fortschritt und Risiko in diesem Jahr beieinanderliegen — und im Osten Deutschlands wird die Flucht in den Westen fortan unter Strafe gestellt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Das Saarland kehrt heim ins Bundesgebiet

Das Alte Rathaus in Saarbrücken — das Saarland kehrt 1957 heim
Das Alte Rathaus in Saarbrücken — das Saarland kehrt 1957 heim (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Zum Jahresauftakt vollzieht sich die „kleine Wiedervereinigung": Das Saarland wird als zehntes Bundesland politisch in die Bundesrepublik eingegliedert. Vorausgegangen war ein jahrelanges Ringen um die staatliche Zugehörigkeit des Landes an der Saar, das seit 1947 unter französischer Verwaltung eine eigene, wirtschaftlich eng an Frankreich gebundene Teilstaatlichkeit besaß. Ein von Paris betriebener Plan, das Saarland zu „europäisieren" und ihm einen international kontrollierten Sonderstatus zu geben, scheiterte am 23. Oktober 1955: In einer Volksabstimmung lehnten 67,7 Prozent der Saarländer das sogenannte Saarstatut ab und votierten damit faktisch für die Rückkehr zu Deutschland.

Grundlage der politischen Rückgliederung ist der Vertrag von Luxemburg (Saarvertrag) vom 27. Oktober 1956, den Bundesaußenminister Heinrich von Brentano und sein französischer Amtskollege Christian Pineau unterzeichnen. Frankreich stimmt der Rückgliederung zu — im Gegenzug sichert die Bundesrepublik weitreichende Zugeständnisse zu: eine Mitfinanzierung des Ausbaus der Mosel zur Großschifffahrtsstraße zwischen Thionville und Koblenz sowie langfristige Abbau- und Nutzungsrechte an den saarländischen Kohlevorkommen.

Zum 1. Januar 1957 wird das Saarland formal zehntes Land der Bundesrepublik. In Saarbrücken begrüßt Bundeskanzler Konrad Adenauer das neue Bundesland. Die wirtschaftliche Angleichung bleibt jedoch zunächst aus: Das Saarland verbleibt vorerst im französischen Wirtschafts- und Währungsgebiet, der Franc gilt weiter. Erst am „Tag X", dem 6. Juli 1959, folgt mit der Einführung der D-Mark und dem Anschluss an das bundesdeutsche Zollgebiet auch die wirtschaftliche Wiedervereinigung.

Rom: Sechs Staaten gründen die EWG

Der Saal degli Orazi e Curiazi im Kapitol, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet werden
Der Saal „degli Orazi e Curiazi“ im Kapitol, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet werden (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Konservatorenpalast auf dem Kapitol unterzeichnen am Abend, gegen 18 Uhr, im Saal „degli Orazi e Curiazi" Vertreter von Belgien, der Bundesrepublik, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden die Römischen Verträge. Für die Bundesrepublik setzen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatssekretär Walter Hallstein ihre Unterschrift, für Frankreich Außenminister Christian Pineau und Staatssekretär Maurice Faure, für Belgien Außenminister Paul-Henri Spaak, für Italien Ministerpräsident Antonio Segni, für Luxemburg Premierminister Joseph Bech und für die Niederlande Außenminister Joseph Luns.

Vorausgegangen waren die Konferenz von Messina 1955, auf der die sechs Montanunion-Staaten — schon seit 1951 durch die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl verbunden — eine engere wirtschaftliche Integration verabredeten, sowie der von Spaak geleitete Expertenbericht („Spaak-Bericht") von 1956, der die Verhandlungsgrundlage lieferte.

Die Verträge gründen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). Vorgesehen sind der schrittweise Abbau der Binnenzölle über eine Übergangszeit von zwölf bis fünfzehn Jahren, ein gemeinsamer Außenzoll, freier Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr sowie gemeinsame Institutionen — Kommission, Ministerrat, Parlamentarische Versammlung und Gerichtshof — für einen Markt von rund 170 Millionen Menschen. Euratom soll die zivile Nutzung der Kernenergie der sechs Staaten bündeln und den technologischen Rückstand gegenüber den USA und der Sowjetunion verringern.

Nach der Ratifizierung durch die nationalen Parlamente treten die Verträge zum 1. Januar 1958 in Kraft; Walter Hallstein wird erster Präsident der EWG-Kommission. Aus der 1957 begründeten Wirtschaftsgemeinschaft der Sechs entwickeln sich über die Einheitliche Europäische Akte (1986) und den Vertrag von Maastricht (1993) später die Europäische Union — die Römischen Verträge gelten seither als deren Gründungsurkunde.

Adenauer holt die absolute Mehrheit

CDU-Wahlplakat zur Bundestagswahl 1957
CDU-Wahlplakat zur Bundestagswahl 1957 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der dritten Bundestagswahl zum 3. Deutschen Bundestag, bei einer Wahlbeteiligung von 87,8 Prozent, erzielen CDU und CSU mit 50,2 Prozent der Stimmen und 269 von 497 Mandaten die absolute Mehrheit — bis heute einmalig in der deutschen Wahlgeschichte. Die SPD kommt mit Kanzlerkandidat Erich Ollenhauer auf 31,8 Prozent und 169 Sitze, die FDP enttäuscht mit nur 7,7 Prozent (41 Sitze). Die Deutsche Partei (DP) erreicht nur 3,4 Prozent der Stimmen, zieht aber dank Direktmandaten — die CDU hatte ihr in etlichen Wahlkreisen keine eigenen Kandidaten entgegengestellt — mit 17 Abgeordneten in den Bundestag ein. Für das erst im Januar heimgekehrte Saarland ist es die erste Teilnahme an einer Bundestagswahl überhaupt; eine eigene Landtagswahl gibt es dort im Beitrittsjahr nicht, der bereits 1955 gewählte Saar-Landtag bleibt bis 1960 im Amt.

Obwohl die Union allein regieren könnte, bildet sie nach der Wahl erneut eine Koalition mit der DP; sie hält bis zum Übertritt der beiden DP-Minister zur CDU im September 1960. Am 22. Oktober wird Konrad Adenauer vom Bundestag zum dritten Mal zum Bundeskanzler gewählt; „Keine Experimente" lautet der Wahlspruch, mit dem er die Bundesrepublik durch das Jahr der Verträge und des von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verantworteten Wirtschaftswunders führt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hamburg, 10. November — SPD 53,9 %, CDU 32,2 %. Die Sozialdemokraten gewinnen die absolute Mehrheit der Sitze in der Bürgerschaft zurück; Max Brauer löst Kurt Sieveking als Ersten Bürgermeister ab.

Sputnik-Schock — die Sowjetunion erobert das All

Nachbau des Satelliten Sputnik 1
Nachbau des Satelliten Sputnik 1 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit einem einfachen Metallball von 83 Kilogramm eröffnet die Sowjetunion das Weltraumzeitalter: Sputnik 1 umkreist als erster künstlicher Satellit die Erde, alle 96 bis 98 Minuten einmal, auf einer elliptischen Bahn zwischen etwa 215 und 939 Kilometern Höhe. Gestartet wird die nur 58 Zentimeter durchmessende, polierte Aluminiumkugel vom Kosmodrom Baikonur (damals Tjuratam) in der Kasachischen SSR, mit einer umgebauten Interkontinentalrakete vom Typ R-7. Chefkonstrukteur ist Sergei Koroljow, dessen Namen die sowjetische Führung aus Geheimhaltungsgründen jahrelang unter Verschluss hält — im Westen kennt man ihn zunächst nur als „Chefkonstrukteur" oder „Mister X".

Über vier Antennen sendet der Satellit auf 20,005 und 40,002 Megahertz ein charakteristisches Piepsen, das Funkamateure und Rundfunkstationen rund um den Globus empfangen und das binnen Tagen zum Symbol des sowjetischen Vorsprungs im Weltraum wird. Der Erfolg trifft die USA, die selbst am eigenen Satellitenprogramm Vanguard arbeiten, unvorbereitet und löst dort einen Schock aus, der im Juli 1958 zur Gründung der Weltraumbehörde NASA und zu verstärkten Bildungsinvestitionen in den Naturwissenschaften führt. Bereits am 3. November 1957 legt Moskau mit Sputnik 2 nach: An Bord befindet sich mit der Hündin Laika das erste Lebewesen in einer Erdumlaufbahn — sie stirbt binnen weniger Stunden an Überhitzung. Sputnik 1 selbst verglüht nach rund drei Monaten im Orbit am 4. Januar 1958 in der Erdatmosphäre. Für die Sowjetunion ist der Start ein propagandistischer Triumph mitten im Kalten Krieg und der Auftakt zum Wettlauf ins All, den die USA erst mit dem Start von Explorer 1 am 31. Januar 1958 beantworten.

Die DDR stellt die Flucht unter Strafe

Ein Schild an der innerdeutschen Grenze
Ein Schild an der innerdeutschen Grenze (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Mit dem verschärften Passgesetz — einer Novelle des bereits 1954 erlassenen Gesetzes — stellt die DDR-Volkskammer in Paragraph 8 jede unerlaubte Ausreise unter Strafe: Bis zu drei Jahre Gefängnis drohen künftig für „Republikflucht", ausdrücklich auch für deren Vorbereitung und den bloßen Versuch. Eine Direktive der Behörden stellt zugleich klar, dass wer die DDR bis zum Stichtag 11. Dezember 1957 bereits illegal verlassen hatte, straffrei bleibt — von nun an aber gilt jeder unerlaubte Grenzübertritt als Straftat. Bereits im Folgejahr leiten die DDR-Behörden rund 10.000 Verfahren wegen Republikflucht ein.

Das Gesetz reagiert auf eine Fluchtbewegung, die 1957 mit 261.622 im Notaufnahmeverfahren registrierten Übersiedlern aus der DDR und Ost-Berlin einen der höchsten Stände seit Gründung der beiden deutschen Staaten erreicht. Für die Menschen im Bezirk Potsdam, zu dem der Kreis Luckenwalde gehört, bedeutet das Gesetz: Wer in den Westen will, riskiert nun offen die Freiheit. Die meisten Fluchtwege führen weiterhin über das noch offene Berlin — bis zum Mauerbau sind es noch vier Jahre.

Ghana wird erster unabhängiger Staat Schwarzafrikas

Porträt von Kwame Nkrumah, Premierminister des unabhängigen Ghana
Kwame Nkrumah, Premierminister Ghanas, das am 6. März 1957 als erste Kolonie Schwarzafrikas unabhängig wird (Wikimedia Commons, OGL v1.0)

Um Mitternacht wird auf dem alten Poloplatz in Accra vor rund einer halben Million Menschen die britische Fahne eingeholt und durch die rot-gelb-grüne Flagge mit dem schwarzen Stern ersetzt: Die bisherige Kronkolonie Goldküste erklärt ihre Unabhängigkeit und nimmt den Namen Ghana an — nach dem mittelalterlichen Reich im Westen Afrikas. Premierminister Kwame Nkrumah, Anführer der Convention People's Party, verkündet die Unabhängigkeit mit den Worten, Ghana sei „für immer frei", und erhält dafür Glückwünsche ausländischer Delegationen, unter ihnen der Duke of Gloucester als Vertreter der britischen Krone. Als Dominion bleibt Ghana zunächst Mitglied des Commonwealth; erst 1960 wird es Republik mit Nkrumah als Staatspräsidenten.

Ghana ist damit die erste Kolonie südlich der Sahara, die sich von einer europäischen Kolonialmacht löst — ein Fanal, dem in den folgenden Jahren zahlreiche weitere afrikanische Staaten folgen, allein 1960 mehr als ein Dutzend. Nkrumahs Unabhängigkeitsrede wird über die Landesgrenzen hinaus zum Symbol der afrikanischen Emanzipationsbewegung und macht Accra für Jahre zu einem Zentrum der panafrikanischen Politik.

Schulkrise von Little Rock erschüttert die USA

Bundessoldaten der 101. Luftlandedivision eskortieren die Little Rock Nine zur Central High School
Bundessoldaten der 101. US-Luftlandedivision eskortieren die „Little Rock Nine" zur Central High School, 1957 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Little Rock, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Arkansas, eskaliert der Widerstand gegen die Aufhebung der Rassentrennung an öffentlichen Schulen. Am 3. September lässt Gouverneur Orval Faubus die Nationalgarde vor der Central High School aufmarschieren, um neun schwarze Schüler — später als „Little Rock Nine" bekannt — am Betreten des Gebäudes zu hindern. Als am 23. September ein rund tausendköpfiger weißer Mob vor der Schule randaliert, muss die Polizei die Schüler aus Sicherheitsgründen wieder herausbringen.

Präsident Dwight D. Eisenhower reagiert mit einer im Nachkriegs-Amerika beispiellosen Machtdemonstration: Per Executive Order 10730 unterstellt er die Nationalgarde von Arkansas der Bundesgewalt und entzieht sie damit Faubus' Befehlsgewalt, zugleich entsendet er rund tausend Fallschirmjäger der 101. US-Luftlandedivision nach Little Rock. Am 25. September eskortieren Bundessoldaten die neun Schüler erstmals in das Schulgebäude. Die Bilder aus Little Rock gehen um die Welt und machen die Schulkrise zu einem der prägenden Wendepunkte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Harold Macmillan wird britischer Premierminister

Porträt von Harold Macmillan
Harold Macmillan, der nach dem Rücktritt Anthony Edens am 10. Januar 1957 britischer Premierminister wird (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem außenpolitischen Debakel der Suez-Krise von 1956, in deren Folge sich Großbritannien und Frankreich unter internationalem Druck aus Ägypten zurückziehen mussten, tritt Premierminister Anthony Eden am 9. Januar 1957 aus gesundheitlichen und politischen Gründen zurück. Königin Elisabeth II. beruft am folgenden Tag, dem 10. Januar, den bisherigen Schatzkanzler Harold Macmillan zu Edens Nachfolger — er setzt sich in den Sondierungen der Konservativen Partei gegen seinen Rivalen Rab Butler durch und wird wenig später auch offiziell zum Parteivorsitzenden gewählt.

Macmillan, der selbst zu den Befürwortern des Suez-Einsatzes gehört hatte, sich später aber für dessen rasches Ende einsetzte, führt Großbritannien in eine Phase wirtschaftlicher Erholung und beginnender Entspannung im Kalten Krieg. Zugleich treibt seine Regierung die Entkolonialisierung des britischen Weltreichs voran — ein Prozess, der sich mit der Unabhängigkeit Ghanas im selben Jahr bereits ankündigt.

Reaktorbrand von Windscale — Großbritanniens schwerster Atomunfall

Die Schornsteine der Plutoniumfabrik Windscale an der englischen Nordwestküste
Die Schornsteine der Plutoniumfabrik Windscale, Schauplatz von Großbritanniens schwerstem Reaktorunfall 1957 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei einem routinemäßigen Ausheizvorgang zum Abbau der sogenannten Wigner-Energie im Graphitkern des militärisch genutzten Reaktors „Windscale Pile 1" an der englischen Nordwestküste (Grafschaft Cumberland, heute Sellafield) gerät der Reaktorkern am 7. Oktober außer Kontrolle. Am 10. Oktober stehen zehn Tonnen Uran und ein 2.000 Tonnen schwerer Graphitblock in Flammen; erst nach drei Tagen gelingt es der Betriebsmannschaft, den Brand mit Wasser zu löschen. Der Reaktor, der seit 1950 waffenfähiges Plutonium für das britische Atomwaffenprogramm erbrütet, wird bei dem Unfall irreparabel beschädigt und danach endgültig stillgelegt.

Der Brand setzt eine radioaktive Wolke frei, die sich über Großbritannien und Teile des europäischen Festlands verteilt; allein an Jod-131 werden rund 20.000 Curie freigesetzt. Aus Sorge vor verstrahlter Milch verbietet die Regierung für einen Monat den Verkauf von Milch aus einem rund 500 Quadratkilometer großen Gebiet um die Anlage. Nach der bis heute gültigen Bewertungsskala INES gilt der Vorfall als „ernster Unfall" (Stufe 5) — der Untersuchungsbericht bleibt auf Weisung des neuen Premierministers Harold Macmillan noch mehr als drei Jahrzehnte unter Verschluss.

Die Deutsche Bundesbank nimmt ihre Arbeit auf

Wilhelm Vocke, erster Präsident der Deutschen Bundesbank
Wilhelm Vocke, erster Präsident der zum 1. August 1957 gegründeten Deutschen Bundesbank (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Mit dem Inkrafttreten des Bundesbankgesetzes verschmelzen zum 1. August die bisherige Bank deutscher Länder — 1948 von den westlichen Besatzungsmächten als zweistufiges Zentralbanksystem gegründet — und die Landeszentralbanken der Bundesländer zu einer einzigen Notenbank: der Deutschen Bundesbank mit Sitz in Frankfurt am Main. Die Landeszentralbanken werden fortan zu bloßen Hauptverwaltungen der neuen Bundesbank. Erster Präsident wird Wilhelm Vocke, der bereits seit 1948 an der Spitze der Bank deutscher Länder gestanden hatte; ihm folgt bereits zum Jahreswechsel Karl Blessing nach.

Gesetzlich verankert ist von Beginn an die Unabhängigkeit der Bundesbank von Weisungen der Bundesregierung bei der Sicherung der Währung — eine für die Zeit ungewöhnliche Konstruktion, die dem Institut internationales Ansehen als Hüterin der D-Mark einbringt und maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität der jungen Bundesrepublik im Wirtschaftswunder-Jahrzehnt beiträgt.

Die ersten Wehrpflichtigen rücken in die Bundeswehr ein

Verteidigungsminister Franz Josef Strauß besucht 1957 eine Kaserne der Bundeswehr
Verteidigungsminister Franz Josef Strauß besucht im Februar 1957 die Kaserne der Heeresflugabwehrschule Rendsburg (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach monatelangem, kontrovers geführtem Ringen im Bundestag — nach zweitägiger Debatte votieren am 7. Juli 1956 269 Abgeordnete für, 166 gegen das Gesetz bei 20 Enthaltungen — tritt das Wehrpflichtgesetz in Kraft und schreibt für junge Männer einen zwölfmonatigen Wehrdienst vor. Zum 1. April 1957, gut anderthalb Jahre nach Gründung der Bundeswehr im November 1955, rücken rund 10.000 Wehrpflichtige des Geburtsjahrgangs 1937 erstmals in die Kasernen ein — unter der Verantwortung von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der das Amt im Oktober 1956 von Theodor Blank übernommen hatte.

Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht bleibt in der noch jungen Bundesrepublik umstritten: Teile der Öffentlichkeit, organisiert etwa in der „Ohne mich"-Bewegung, lehnen eine erneute Bewaffnung Deutschlands nur zwölf Jahre nach Kriegsende ab. Für die Bundesregierung ist der Aufbau einer wehrpflichtigen Armee dagegen ein zentraler Baustein der 1955 vollzogenen NATO-Mitgliedschaft und der westlichen Verteidigungsintegration im Kalten Krieg.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Göttinger Manifest: 18 Atomphysiker, darunter Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg, warnen am 12. April öffentlich vor einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr.
  • Die Bundeswehr beruft im Jahresverlauf die ersten Wehrpflichtigen ein — rund anderthalb Jahre nach ihrer Gründung.
  • Verwaltungsnotiz aus der Heimat: Zum 1. Januar wechseln die Gemeinden Niebendorf und Heinsdorf vom Kreis Jüterbog in den Kreis Luckenwalde.
  • Die Asiatische Grippe, im März in China ausgebrochen, erreicht im August die Bundesrepublik; im Herbst schließen vielerorts die Schulen, rund 30.000 Menschen sterben bis Jahresende an der Pandemie.
  • Ab dem 1. Oktober verkauft die Firma Grünenthal das Schlafmittel Contergan rezeptfrei — als harmloses Beruhigungsmittel für Nerven und Schwangerschaft angepriesen, offenbart sich seine Gefahr erst Jahre später.
  • Auch in Luckenwalde, traditionell Zentrum der brandenburgischen Tuchindustrie, schreitet die Überführung privater Betriebe in Volkseigentum voran — die Zahl der VEB im Bezirk Potsdam wächst weiter.
  • Am 1. Oktober nimmt der VEB Wälzlagerwerk Luckenwalde die Arbeit auf — ausgerechnet auf dem Gelände des einstigen Rüstungswerks, das nach 1945 der Roten Armee als Panzer-Reparaturwerkstatt gedient hatte.
  • An der Ecke Dimitroffstraße/Ackerstraße öffnet am 12. März der erste „BIWA"-Laden für Billigwaren — ein neues Gesicht des Einzelhandels in der Stadt.

SPORT · 1957

Der westdeutsche Fußball spielt noch in fünf regionalen Oberligen (Nord, West, Südwest, Süd, Berlin) um die deutsche Meisterschaft — eine bundesweite Liga gibt es erst ab 1963 mit Gründung der Bundesliga. In der Endrunde 1956/57 setzt sich Borussia Dortmund mit 4:1 gegen den Hamburger SV durch und verteidigt damit als erster Verein seit dem Dresdner SC 1943/44 seinen Meistertitel — mit nahezu derselben Stammelf wie im Vorjahr; Torschützenkönig der Oberliga West wird Dortmunds Alfred Kelbassa mit 30 Treffern. In dieser Zeit prägen Vereine wie Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 die sportliche Szene des Ruhrgebiets. In der DDR-Oberliga verteidigt derweil der SC Wismut Karl-Marx-Stadt (heute Aue) seinen erst im Vorjahr errungenen ersten offiziellen Meistertitel — auch hier tragen Betriebssportgemeinschaften wie üblich den sportlichen Wettstreit aus. Olympische oder WM-Höhepunkte bietet das Jahr nicht — der Fußball bleibt Vereinssache.

MODE · 1957

Cristóbal Balenciaga zeigt in seiner Pariser Kollektion die „Sack-Linie" — ein gerade, vom Schulter herabfallendes Kleid ohne Taille, das mit der einengenden Wespentaille von Christian Diors „New Look" bricht. Presse und Kundschaft begegnen der radikalen Silhouette zunächst mit Befremden; in den Folgejahren mildert Balenciaga die Fülle des Schnitts etwas ab, doch der Bruch mit der Taille weist bereits den Weg zur schlankeren, geradlinigeren Mode der Sechziger. Chanel bringt derweil ihre legendäre 2.55-Tasche heraus, deren Name auf ihren Entstehungsmonat Februar 1955 verweist. Solche Pariser Avantgarde erreicht die DDR-Provinz allenfalls über Zeitschriften wie „Sibylle" — im Bezirk Potsdam, wo Kleidung vielerorts noch selbst geschneidert oder nach Schnittmustern angefertigt wird, bleibt praktische Konfektion weiterhin die Norm.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1957

  • Dynamische Rente sichert Millionen Ruheständler (21. Januar). Der Bundestag der Bundesrepublik koppelt die Renten an die Lohnentwicklung — eine sozialpolitische Reform, die Millionen westdeutsche Rentner aus der Armut hebt.
  • Erster Forschungsreaktor der Bundesrepublik geht in Betrieb (Oktober). In Garching bei München nimmt unter Heinz Maier-Leibnitz der Reaktor „Atomei" seinen Betrieb auf — Beginn der zivilen Kernforschung im westdeutschen Nachbarstaat.
  • Erste Nobelpreisträger chinesischer Herkunft (10. Dezember). Die Physiker Tsung-Dao Lee und Chen Ning Yang erhalten in Stockholm den Nobelpreis für Physik — für den Nachweis, dass die Parität in der schwachen Wechselwirkung verletzt wird.
  • DEFA-Film aus Babelsberg begeistert über 1,5 Millionen Kinogänger (30. August). „Berlin – Ecke Schönhauser…", gedreht im DEFA-Studio Potsdam-Babelsberg mitten im Bezirk Potsdam, feiert im Berliner Babylon Premiere und wird zu einem der erfolgreichsten DDR-Filme des Jahres.

DAS WETTER · 1957 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 27,3 °C, in der Nacht 16,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 3,5 mm, die Sonne zeigte sich rund 11,6 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 35 °C am 4. Juli, kältester −16 °C am 17. Dezember. 7 Hitzetage (≥30 °C), 8 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 570 mm.

Ein mildes Jahr mit warmem, gewittrigem Hochsommer.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1957

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Cindy, oh Cindy — Margot Eskens
  2. Das tu ich alles aus Liebe — Peter Alexander
  3. Tipitipitipso — Caterina Valente
  4. Liechtensteiner Polka — Will Glahé
  5. Casetta in Canada — Willy Hagara
  6. Grüß mir die Damen aus der Bar — Vico Torriani
  7. Bambino — Dalida
  8. Eventuell, Eventuell — Caterina Valente & Peter Alexander
  9. Weißer Holunder — Gitta Lind
  10. Einmal in Tampico — Freddy Quinn
  11. Ich wünsch dir einen schlaflosen Abend — Eddie Constantine
  12. The Breeze and I — Caterina Valente
  13. Ich weiß, was dir fehlt — Peter Alexander
  14. Sie hieß Mary-Ann — Ralf Bendix
  15. Que Sera, Sera — Doris Day
  16. Banana Boat Song (Day-O) — Harry Belafonte
  17. All Shook Up — Elvis Presley
  18. Jailhouse Rock — Elvis Presley
  19. Rock-A-Billy — Guy Mitchell
  20. Diana — Paul Anka

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.