DER CHRONIST

Ein Jahr der Verträge und der Vertreibungen, aber auch der weltpolitischen Zäsuren. Im Westen rücken sechs Staaten zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zusammen, während der Osten mit dem sowjetischen Sputnik nach den Sternen greift und zugleich seine Grenzen fester schließt. In Bonn sichert sich Konrad Adenauer die absolute Mehrheit, und in London übernimmt nach der Suez-Krise ein neuer Premierminister das Ruder. In Accra feiert Ghana als erster Staat Schwarzafrikas seine Unabhängigkeit, während in Little Rock der Kampf um die Gleichberechtigung eskaliert. Ein Reaktorbrand in Windscale und die neue eigenständige Notenbank der Bundesrepublik zeigen, wie eng Fortschritt und Risiko in diesem Jahr beieinanderliegen — und im Osten Deutschlands wird die Flucht in den Westen fortan unter Strafe gestellt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Das Saarland kehrt heim ins Bundesgebiet

Das Alte Rathaus in Saarbrücken — das Saarland kehrt 1957 heim
Das Alte Rathaus in Saarbrücken — das Saarland kehrt 1957 heim (Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Zum Jahresauftakt vollzieht sich die „kleine Wiedervereinigung": Das Saarland wird als zehntes Bundesland politisch in die Bundesrepublik eingegliedert. Vorausgegangen war ein jahrelanges Ringen um die staatliche Zugehörigkeit des Landes an der Saar, das seit 1947 unter französischer Verwaltung eine eigene, wirtschaftlich eng an Frankreich gebundene Teilstaatlichkeit besaß. Ein von Paris betriebener Plan, das Saarland zu „europäisieren" und ihm einen international kontrollierten Sonderstatus zu geben, scheiterte am 23. Oktober 1955: In einer Volksabstimmung lehnten 67,7 Prozent der Saarländer das sogenannte Saarstatut ab und votierten damit faktisch für die Rückkehr zu Deutschland.

Grundlage der politischen Rückgliederung ist der Vertrag von Luxemburg (Saarvertrag) vom 27. Oktober 1956, den Bundesaußenminister Heinrich von Brentano und sein französischer Amtskollege Christian Pineau unterzeichnen. Frankreich stimmt der Rückgliederung zu — im Gegenzug sichert die Bundesrepublik weitreichende Zugeständnisse zu: eine Mitfinanzierung des Ausbaus der Mosel zur Großschifffahrtsstraße zwischen Thionville und Koblenz sowie langfristige Abbau- und Nutzungsrechte an den saarländischen Kohlevorkommen.

Zum 1. Januar 1957 wird das Saarland formal zehntes Land der Bundesrepublik. In Saarbrücken begrüßt Bundeskanzler Konrad Adenauer das neue Bundesland. Die wirtschaftliche Angleichung bleibt jedoch zunächst aus: Das Saarland verbleibt vorerst im französischen Wirtschafts- und Währungsgebiet, der Franc gilt weiter. Erst am „Tag X", dem 6. Juli 1959, folgt mit der Einführung der D-Mark und dem Anschluss an das bundesdeutsche Zollgebiet auch die wirtschaftliche Wiedervereinigung.

Rom: Sechs Staaten gründen die EWG

Der Saal degli Orazi e Curiazi im Kapitol, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet werden
Der Saal „degli Orazi e Curiazi“ im Kapitol, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet werden (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Im Konservatorenpalast auf dem Kapitol unterzeichnen am Abend, gegen 18 Uhr, im Saal „degli Orazi e Curiazi" Vertreter von Belgien, der Bundesrepublik, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden die Römischen Verträge. Für die Bundesrepublik setzen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatssekretär Walter Hallstein ihre Unterschrift, für Frankreich Außenminister Christian Pineau und Staatssekretär Maurice Faure, für Belgien Außenminister Paul-Henri Spaak, für Italien Ministerpräsident Antonio Segni, für Luxemburg Premierminister Joseph Bech und für die Niederlande Außenminister Joseph Luns.

Vorausgegangen waren die Konferenz von Messina 1955, auf der die sechs Montanunion-Staaten — schon seit 1951 durch die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl verbunden — eine engere wirtschaftliche Integration verabredeten, sowie der von Spaak geleitete Expertenbericht („Spaak-Bericht") von 1956, der die Verhandlungsgrundlage lieferte.

Die Verträge gründen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). Vorgesehen sind der schrittweise Abbau der Binnenzölle über eine Übergangszeit von zwölf bis fünfzehn Jahren, ein gemeinsamer Außenzoll, freier Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr sowie gemeinsame Institutionen — Kommission, Ministerrat, Parlamentarische Versammlung und Gerichtshof — für einen Markt von rund 170 Millionen Menschen. Euratom soll die zivile Nutzung der Kernenergie der sechs Staaten bündeln und den technologischen Rückstand gegenüber den USA und der Sowjetunion verringern.

Nach der Ratifizierung durch die nationalen Parlamente treten die Verträge zum 1. Januar 1958 in Kraft; Walter Hallstein wird erster Präsident der EWG-Kommission. Aus der 1957 begründeten Wirtschaftsgemeinschaft der Sechs entwickeln sich über die Einheitliche Europäische Akte (1986) und den Vertrag von Maastricht (1993) später die Europäische Union — die Römischen Verträge gelten seither als deren Gründungsurkunde.

Adenauer holt die absolute Mehrheit

CDU-Wahlplakat zur Bundestagswahl 1957
CDU-Wahlplakat zur Bundestagswahl 1957 (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Bei der dritten Bundestagswahl zum 3. Deutschen Bundestag, bei einer Wahlbeteiligung von 87,8 Prozent, erzielen CDU und CSU mit 50,2 Prozent der Stimmen und 269 von 497 Mandaten die absolute Mehrheit — bis heute einmalig in der deutschen Wahlgeschichte. Die SPD kommt mit Kanzlerkandidat Erich Ollenhauer auf 31,8 Prozent und 169 Sitze, die FDP enttäuscht mit nur 7,7 Prozent (41 Sitze). Die Deutsche Partei (DP) erreicht nur 3,4 Prozent der Stimmen, zieht aber dank Direktmandaten — die CDU hatte ihr in etlichen Wahlkreisen keine eigenen Kandidaten entgegengestellt — mit 17 Abgeordneten in den Bundestag ein. Für das erst im Januar heimgekehrte Saarland ist es die erste Teilnahme an einer Bundestagswahl überhaupt; eine eigene Landtagswahl gibt es dort im Beitrittsjahr nicht, der bereits 1955 gewählte Saar-Landtag bleibt bis 1960 im Amt.

Obwohl die Union allein regieren könnte, bildet sie nach der Wahl erneut eine Koalition mit der DP; sie hält bis zum Übertritt der beiden DP-Minister zur CDU im September 1960. Am 22. Oktober wird Konrad Adenauer vom Bundestag zum dritten Mal zum Bundeskanzler gewählt; „Keine Experimente" lautet der Wahlspruch, mit dem er die Bundesrepublik durch das Jahr der Verträge und des von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard verantworteten Wirtschaftswunders führt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Hamburg, 10. November — SPD 53,9 %, CDU 32,2 %. Die Sozialdemokraten gewinnen die absolute Mehrheit der Sitze in der Bürgerschaft zurück; Max Brauer löst Kurt Sieveking als Ersten Bürgermeister ab.
Aus heutiger Sicht

Der Wahlerfolg unter dem Slogan „Keine Experimente" fällt in dasselbe Jahr, in dem der Bundestag mit den Stimmen auch der oppositionellen SPD die sozialpolitisch weitreichende dynamische Rentenreform beschließt — gegen den eigenen wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung. Der Kontrast zwischen dem konservativen Wahlversprechen und der Substanz der Reform bleibt ein oft zitiertes Beispiel für die Widersprüche der Ära Adenauer.

Sputnik-Schock — die Sowjetunion erobert das All

Nachbau des Satelliten Sputnik 1
Nachbau des Satelliten Sputnik 1 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Mit einem einfachen Metallball von 83 Kilogramm eröffnet die Sowjetunion das Weltraumzeitalter: Sputnik 1 umkreist als erster künstlicher Satellit die Erde, alle 96 bis 98 Minuten einmal, auf einer elliptischen Bahn zwischen etwa 215 und 939 Kilometern Höhe. Gestartet wird die nur 58 Zentimeter durchmessende, polierte Aluminiumkugel vom Kosmodrom Baikonur (damals Tjuratam) in der Kasachischen SSR, mit einer umgebauten Interkontinentalrakete vom Typ R-7. Chefkonstrukteur ist Sergei Koroljow, dessen Namen die sowjetische Führung aus Geheimhaltungsgründen jahrelang unter Verschluss hält — im Westen kennt man ihn zunächst nur als „Chefkonstrukteur" oder „Mister X".

Über vier Antennen sendet der Satellit auf 20,005 und 40,002 Megahertz ein charakteristisches Piepsen, das Funkamateure und Rundfunkstationen rund um den Globus empfangen und das binnen Tagen zum Symbol des sowjetischen Vorsprungs im Weltraum wird. Der Erfolg trifft die USA, die selbst am eigenen Satellitenprogramm Vanguard arbeiten, unvorbereitet und löst dort einen Schock aus, der im Juli 1958 zur Gründung der Weltraumbehörde NASA und zu verstärkten Bildungsinvestitionen in den Naturwissenschaften führt. Bereits am 3. November 1957 legt Moskau mit Sputnik 2 nach: An Bord befindet sich mit der Hündin Laika das erste Lebewesen in einer Erdumlaufbahn — sie stirbt binnen weniger Stunden an Überhitzung. Sputnik 1 selbst verglüht nach rund drei Monaten im Orbit am 4. Januar 1958 in der Erdatmosphäre. Für die Sowjetunion ist der Start ein propagandistischer Triumph mitten im Kalten Krieg und der Auftakt zum Wettlauf ins All, den die USA erst mit dem Start von Explorer 1 am 31. Januar 1958 beantworten.

Aus heutiger Sicht

Die euphorische Schlagzeile des Neuen Deutschland vom 5. Oktober fällt in dasselbe Jahr, in dem SED-Chef Walter Ulbricht die internen Stimmungsberichte des Ministeriums für Staatssicherheit an die Parteiführung erstmals spürbar beschneiden lässt. Veröffentlichter Jubel über den sowjetischen Erfolg und der Umgang mit der tatsächlichen Stimmungslage der Bevölkerung laufen in diesem Jahr bereits merklich auseinander.

Die DDR stellt die Flucht unter Strafe

Ein Schild an der innerdeutschen Grenze
Ein Schild an der innerdeutschen Grenze (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Mit dem verschärften Passgesetz — einer Novelle des bereits 1954 erlassenen Gesetzes — stellt die DDR-Volkskammer in Paragraph 8 jede unerlaubte Ausreise unter Strafe: Bis zu drei Jahre Gefängnis drohen künftig für „Republikflucht", ausdrücklich auch für deren Vorbereitung und den bloßen Versuch. Eine Direktive der Behörden stellt zugleich klar, dass wer die DDR bis zum Stichtag 11. Dezember 1957 bereits illegal verlassen hatte, straffrei bleibt — von nun an aber gilt jeder unerlaubte Grenzübertritt als Straftat. Bereits im Folgejahr leiten die DDR-Behörden rund 10.000 Verfahren wegen Republikflucht ein.

Das Gesetz reagiert auf eine Fluchtbewegung, die 1957 mit 261.622 im Notaufnahmeverfahren registrierten Übersiedlern aus der DDR und Ost-Berlin einen der höchsten Stände seit Gründung der beiden deutschen Staaten erreicht. Für die Menschen im Bezirk Potsdam, zu dem der Kreis Luckenwalde gehört, bedeutet das Gesetz: Wer in den Westen will, riskiert nun offen die Freiheit. Die meisten Fluchtwege führen weiterhin über das noch offene Berlin — bis zum Mauerbau sind es noch vier Jahre.

Aus heutiger Sicht

Die Bezirke Berlin, Potsdam und Rostock — und damit auch der Kreis Luckenwalde — liegen bei der Republikflucht über dem DDR-Durchschnitt und gelten als Schwerpunkte der Fluchtbewegung. Nach der Verschärfung des Passgesetzes sinkt der Anteil der Fluchten über die „grüne Grenze" unmittelbar in die Bundesrepublik von rund 60 auf 8,5 Prozent — wer von nun an flieht, tut dies fast nur noch über das noch offene West-Berlin.

Ghana wird erster unabhängiger Staat Schwarzafrikas

Porträt von Kwame Nkrumah, Premierminister des unabhängigen Ghana
Kwame Nkrumah, Premierminister Ghanas, das am 6. März 1957 als erste Kolonie Schwarzafrikas unabhängig wird (Wikimedia Commons, OGL v1.0)

Um Mitternacht wird auf dem alten Poloplatz in Accra vor rund einer halben Million Menschen die britische Fahne eingeholt und durch die rot-gelb-grüne Flagge mit dem schwarzen Stern ersetzt: Die bisherige Kronkolonie Goldküste erklärt ihre Unabhängigkeit und nimmt den Namen Ghana an — nach dem mittelalterlichen Reich im Westen Afrikas. Premierminister Kwame Nkrumah, Anführer der Convention People's Party, verkündet die Unabhängigkeit mit den Worten, Ghana sei „für immer frei", und erhält dafür Glückwünsche ausländischer Delegationen, unter ihnen der Duke of Gloucester als Vertreter der britischen Krone. Als Dominion bleibt Ghana zunächst Mitglied des Commonwealth; erst 1960 wird es Republik mit Nkrumah als Staatspräsidenten.

Ghana ist damit die erste Kolonie südlich der Sahara, die sich von einer europäischen Kolonialmacht löst — ein Fanal, dem in den folgenden Jahren zahlreiche weitere afrikanische Staaten folgen, allein 1960 mehr als ein Dutzend. Nkrumahs Unabhängigkeitsrede wird über die Landesgrenzen hinaus zum Symbol der afrikanischen Emanzipationsbewegung und macht Accra für Jahre zu einem Zentrum der panafrikanischen Politik.

Schulkrise von Little Rock erschüttert die USA

Bundessoldaten der 101. Luftlandedivision eskortieren die Little Rock Nine zur Central High School
Bundessoldaten der 101. US-Luftlandedivision eskortieren die „Little Rock Nine" zur Central High School, 1957 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In Little Rock, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Arkansas, eskaliert der Widerstand gegen die Aufhebung der Rassentrennung an öffentlichen Schulen. Am 3. September lässt Gouverneur Orval Faubus die Nationalgarde vor der Central High School aufmarschieren, um neun schwarze Schüler — später als „Little Rock Nine" bekannt — am Betreten des Gebäudes zu hindern. Als am 23. September ein rund tausendköpfiger weißer Mob vor der Schule randaliert, muss die Polizei die Schüler aus Sicherheitsgründen wieder herausbringen.

Präsident Dwight D. Eisenhower reagiert mit einer im Nachkriegs-Amerika beispiellosen Machtdemonstration: Per Executive Order 10730 unterstellt er die Nationalgarde von Arkansas der Bundesgewalt und entzieht sie damit Faubus' Befehlsgewalt, zugleich entsendet er rund tausend Fallschirmjäger der 101. US-Luftlandedivision nach Little Rock. Am 25. September eskortieren Bundessoldaten die neun Schüler erstmals in das Schulgebäude. Die Bilder aus Little Rock gehen um die Welt und machen die Schulkrise zu einem der prägenden Wendepunkte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Harold Macmillan wird britischer Premierminister

Porträt von Harold Macmillan
Harold Macmillan, der nach dem Rücktritt Anthony Edens am 10. Januar 1957 britischer Premierminister wird (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Nach dem außenpolitischen Debakel der Suez-Krise von 1956, in deren Folge sich Großbritannien und Frankreich unter internationalem Druck aus Ägypten zurückziehen mussten, tritt Premierminister Anthony Eden am 9. Januar 1957 aus gesundheitlichen und politischen Gründen zurück. Königin Elisabeth II. beruft am folgenden Tag, dem 10. Januar, den bisherigen Schatzkanzler Harold Macmillan zu Edens Nachfolger — er setzt sich in den Sondierungen der Konservativen Partei gegen seinen Rivalen Rab Butler durch und wird wenig später auch offiziell zum Parteivorsitzenden gewählt.

Macmillan, der selbst zu den Befürwortern des Suez-Einsatzes gehört hatte, sich später aber für dessen rasches Ende einsetzte, führt Großbritannien in eine Phase wirtschaftlicher Erholung und beginnender Entspannung im Kalten Krieg. Zugleich treibt seine Regierung die Entkolonialisierung des britischen Weltreichs voran — ein Prozess, der sich mit der Unabhängigkeit Ghanas im selben Jahr bereits ankündigt.

Reaktorbrand von Windscale — Großbritanniens schwerster Atomunfall

Die Schornsteine der Plutoniumfabrik Windscale an der englischen Nordwestküste
Die Schornsteine der Plutoniumfabrik Windscale, Schauplatz von Großbritanniens schwerstem Reaktorunfall 1957 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei einem routinemäßigen Ausheizvorgang zum Abbau der sogenannten Wigner-Energie im Graphitkern des militärisch genutzten Reaktors „Windscale Pile 1" an der englischen Nordwestküste (Grafschaft Cumberland, heute Sellafield) gerät der Reaktorkern am 7. Oktober außer Kontrolle. Am 10. Oktober stehen zehn Tonnen Uran und ein 2.000 Tonnen schwerer Graphitblock in Flammen; erst nach drei Tagen gelingt es der Betriebsmannschaft, den Brand mit Wasser zu löschen. Der Reaktor, der seit 1950 waffenfähiges Plutonium für das britische Atomwaffenprogramm erbrütet, wird bei dem Unfall irreparabel beschädigt und danach endgültig stillgelegt.

Der Brand setzt eine radioaktive Wolke frei, die sich über Großbritannien und Teile des europäischen Festlands verteilt; allein an Jod-131 werden rund 20.000 Curie freigesetzt. Aus Sorge vor verstrahlter Milch verbietet die Regierung für einen Monat den Verkauf von Milch aus einem rund 500 Quadratkilometer großen Gebiet um die Anlage. Nach der bis heute gültigen Bewertungsskala INES gilt der Vorfall als „ernster Unfall" (Stufe 5) — der Untersuchungsbericht bleibt auf Weisung des neuen Premierministers Harold Macmillan noch mehr als drei Jahrzehnte unter Verschluss.

Die Deutsche Bundesbank nimmt ihre Arbeit auf

Wilhelm Vocke, erster Präsident der Deutschen Bundesbank
Wilhelm Vocke, erster Präsident der zum 1. August 1957 gegründeten Deutschen Bundesbank (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Mit dem Inkrafttreten des Bundesbankgesetzes verschmelzen zum 1. August die bisherige Bank deutscher Länder — 1948 von den westlichen Besatzungsmächten als zweistufiges Zentralbanksystem gegründet — und die Landeszentralbanken der Bundesländer zu einer einzigen Notenbank: der Deutschen Bundesbank mit Sitz in Frankfurt am Main. Die Landeszentralbanken werden fortan zu bloßen Hauptverwaltungen der neuen Bundesbank. Erster Präsident wird Wilhelm Vocke, der bereits seit 1948 an der Spitze der Bank deutscher Länder gestanden hatte; ihm folgt bereits zum Jahreswechsel Karl Blessing nach.

Gesetzlich verankert ist von Beginn an die Unabhängigkeit der Bundesbank von Weisungen der Bundesregierung bei der Sicherung der Währung — eine für die Zeit ungewöhnliche Konstruktion, die dem Institut internationales Ansehen als Hüterin der D-Mark einbringt und maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität der jungen Bundesrepublik im Wirtschaftswunder-Jahrzehnt beiträgt.

Die ersten Wehrpflichtigen rücken in die Bundeswehr ein

Verteidigungsminister Franz Josef Strauß besucht 1957 eine Kaserne der Bundeswehr
Verteidigungsminister Franz Josef Strauß besucht im Februar 1957 die Kaserne der Heeresflugabwehrschule Rendsburg (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Nach monatelangem, kontrovers geführtem Ringen im Bundestag — nach zweitägiger Debatte votieren am 7. Juli 1956 269 Abgeordnete für, 166 gegen das Gesetz bei 20 Enthaltungen — tritt das Wehrpflichtgesetz in Kraft und schreibt für junge Männer einen zwölfmonatigen Wehrdienst vor. Zum 1. April 1957, gut anderthalb Jahre nach Gründung der Bundeswehr im November 1955, rücken rund 10.000 Wehrpflichtige des Geburtsjahrgangs 1937 erstmals in die Kasernen ein — unter der Verantwortung von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der das Amt im Oktober 1956 von Theodor Blank übernommen hatte.

Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht bleibt in der noch jungen Bundesrepublik umstritten: Teile der Öffentlichkeit, organisiert etwa in der „Ohne mich"-Bewegung, lehnen eine erneute Bewaffnung Deutschlands nur zwölf Jahre nach Kriegsende ab. Für die Bundesregierung ist der Aufbau einer wehrpflichtigen Armee dagegen ein zentraler Baustein der 1955 vollzogenen NATO-Mitgliedschaft und der westlichen Verteidigungsintegration im Kalten Krieg.

Frankfurt richtet den Grand Prix Eurovision de la Chanson aus

Birthe Wilke und Gustav Winckler, dänisches Debüt-Duo beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1957
Birthe Wilke und Gustav Winckler, das dänische Debüt-Duo beim Grand Prix Eurovision de la Chanson 1957 in Frankfurt (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main richtet die Bundesrepublik den zweiten Grand Prix Eurovision de la Chanson aus — die erste derartige Veranstaltung überhaupt auf deutschem Boden. Zehn Länder schicken ihre Beiträge ins Rennen, darunter mit Österreich, Dänemark und Großbritannien drei Debütanten. Am Ende setzt sich die Niederländerin Corry Brokken mit ihrem Chanson „Net als toen" gegen die Konkurrenz durch und holt den Sieg damit zum zweiten Mal in Folge in die Niederlande.

Für den Hessischen Rundfunk und die noch junge bundesdeutsche Fernsehlandschaft ist die Ausrichtung ein Prestigeerfolg — ein Abend unbeschwerter internationaler Geselligkeit, live in mehrere europäische Länder übertragen, mitten in einem Jahr, das politisch von Verträgen, Wahlen und dem Sputnik-Schock geprägt wird.

Fangios Husarenritt auf dem Nürburgring sichert den fünften WM-Titel

Juan Manuel Fangio wird nach seinem Sieg auf dem Nürburgring auf Schultern getragen
Juan Manuel Fangio wird nach seinem Sieg beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring auf Schultern getragen, 1957 (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring liegt der argentinische Altmeister Juan Manuel Fangio nach einem Reifenwechsel um 48 Sekunden zurück — scheinbar aussichtslos gegen die beiden Ferrari von Mike Hawthorn und Peter Collins. Doch in den letzten zehn Runden bricht Fangio den Rundenrekord der Nordschleife immer wieder aufs Neue, holt beide Kontrahenten ein und überquert die Ziellinie mit 3,6 Sekunden Vorsprung.

Mit diesem Sieg sichert sich Fangio rechnerisch, zwei Rennen vor Saisonende, bereits seinen fünften Weltmeistertitel. Kenner der noch jungen Formel 1 sprechen von der größten Fahrleistung, die der Nürburgring je gesehen hat.

Moorleiche „Rosalinde" im oberbayerischen Moor entdeckt

Die als „Frau von Peiting“ bekannte Moorleiche in der Dauerausstellung der Archäologischen Staatssammlung München
Die als „Frau von Peiting" bekannte Moorleiche in der Dauerausstellung der Archäologischen Staatssammlung München (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Beim Torfstich im Moor „Weiter Filz" zwischen Peiting und Hohenpeißenberg in Oberbayern stoßen Arbeiter auf einen Holzsarg mit einer außergewöhnlich gut erhaltenen Moorleiche — Kleidung und Schuhwerk sind nahezu vollständig überliefert. Über das Alter des Fundes, den die Presse rasch „Rosalinde" tauft, herrscht unter den hinzugezogenen Experten keine Einigkeit; die Schätzungen reichen vom hohen bis ins späte Mittelalter.

Der Fund gilt als einer der wenigen dokumentierten Moorleichenfunde Bayerns überhaupt und wird der Archäologischen Staatssammlung München übergeben.

Mord an Rosemarie Nitribitt erschüttert Frankfurt

Altes Polizeipräsidium Frankfurt, Ermittlungsort im Mordfall Nitribitt
Das Alte Polizeipräsidium Frankfurt am Main, wo die Frankfurter Polizei im Mordfall Nitribitt ermittelt (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Nachdem sich vor ihrer Wohnungstür in der Stiftstraße 36 drei Tage lang Brötchentüten gestapelt hatten und ihr Pudel unablässig geheult hatte, wird die Frankfurter Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt (24) tot in ihrer Wohnung aufgefunden — Todesursache vermutlich Strangulation und eine Kopfverletzung, zugefügt womöglich mit einem gläsernen Aschenbecher. Weil die herbeigerufenen Beamten wegen des Verwesungsgeruchs sofort die Fenster öffnen, ohne zuvor die Raumtemperatur zu messen, lässt sich der genaue Todeszeitpunkt später nicht mehr bestimmen.

Zum Kundenkreis der Toten sollen nach Polizeiangaben auch hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft gezählt haben. Der Fall entwickelt sich zum größten Gesellschaftsskandal der jungen Bundesrepublik; der Täter ist zum Jahresende noch nicht gefasst.

Erster Wankelmotor der Welt läuft bei NSU in Neckarsulm rund

Porträt Felix Wankel
Der Erfinder Felix Wankel, dessen Konstruktionsprinzip 1957 erstmals im Versuchsmotor rund läuft (Aufnahme aus späteren Jahren) (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In der Versuchsabteilung TX der NSU Motorenwerke in Neckarsulm läuft der Versuchsmotor DKM 54 erstmals rund — nach Anpassung von Gemisch und Zündung dreht der Drehkolbenmotor sauber und gleichmäßig. Es ist weltweit der erste funktionierende Kreiskolbenmotor: 21 PS leistet das Aggregat, wobei anders als bei später gebauten Serienmotoren sowohl Kolben als auch Gehäuse rotieren.

Schon nach 15 Betriebsstunden zeigen sich erste Dichtungsprobleme. NSU-Ingenieur Hanns-Dieter Paschke entwickelt daraufhin im Laufe des Jahres eine vereinfachte Bauart, die zunächst auch vor dem Namensgeber Wankel selbst geheim gehalten wird.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Göttinger Manifest: 18 Atomphysiker, darunter Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg, warnen am 12. April öffentlich vor einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr.
  • Die Bundeswehr beruft im Jahresverlauf die ersten Wehrpflichtigen ein — rund anderthalb Jahre nach ihrer Gründung.
  • Verwaltungsnotiz aus der Heimat: Zum 1. Januar wechseln die Gemeinden Niebendorf und Heinsdorf vom Kreis Jüterbog in den Kreis Luckenwalde.
  • Die Asiatische Grippe, im März in China ausgebrochen, erreicht im August die Bundesrepublik; im Herbst schließen vielerorts die Schulen, rund 30.000 Menschen sterben bis Jahresende an der Pandemie.
  • Ab dem 1. Oktober verkauft die Firma Grünenthal das Schlafmittel Contergan rezeptfrei — als harmloses Beruhigungsmittel für Nerven und Schwangerschaft angepriesen, offenbart sich seine Gefahr erst Jahre später.
  • Auch in Luckenwalde, traditionell Zentrum der brandenburgischen Tuchindustrie, schreitet die Überführung privater Betriebe in Volkseigentum voran — die Zahl der VEB im Bezirk Potsdam wächst weiter.
  • Am 1. Oktober nimmt der VEB Wälzlagerwerk Luckenwalde die Arbeit auf — ausgerechnet auf dem Gelände des einstigen Rüstungswerks, das nach 1945 der Roten Armee als Panzer-Reparaturwerkstatt gedient hatte.
  • An der Ecke Dimitroffstraße/Ackerstraße öffnet am 12. März der erste „BIWA"-Laden für Billigwaren — ein neues Gesicht des Einzelhandels in der Stadt.
  • Am 15. Dezember überschreitet München die Millionengrenze und wird zur ersten Millionenstadt der Bundesrepublik außerhalb Berlins.
  • Das benachbarte Jüterbog begeht 1957 gleich drei Jubiläen auf einmal: 950 Jahre urkundliche Ersterwähnung, 800 Jahre Zugehörigkeit zum Deutschen Reich und 650 Jahre Nikolaikirche.

WIRTSCHAFT · 1957

Der 2. Fünfjahrplan (1956–1960) ist zum Jahresende noch nicht verabschiedet — die DDR-Wirtschaft arbeitet 1957 auf Grundlage provisorischer Zielvorgaben, die endgültige Fassung folgt erst im Januar 1958. In der Landwirtschaft entstehen im Jahresverlauf 75 neue LPG, deren Mitgliederzahl um 27.800 wächst — die Kollektivierung der Landwirtschaft schreitet damit weiter voran. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zählt die DDR-Statistik gesamtwirtschaftlich rund 7,7 Millionen Erwerbstätige, davon 2,1 bis 2,3 Millionen in der sozialistischen Industrie.

Der Preisspiegel (staatlich festgesetzte Einheitspreise EVP, über längere Zeit hinweg weitgehend stabil, hier zum Preisstand der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre):

  • Mischbrot, Weizen (1 kg) — 0,62 Mark
  • Milch (0,5-l-Beutel) — 0,34 Mark
  • Butter (250 g) — 2,40 Mark
  • Bier, hell (0,33 l) — 0,48 Mark
  • Zucker, Würfel (500 g) — 0,85 Mark

Zum Vergleich im Westen: Ein Kilo Brot kostet 1957 in der Bundesrepublik 0,72 DM.

STIMMEN DER PRESSE · 1957

„Sowjetischer Erdtrabant kreist seit Freitag um den Erdball – Ein jahrtausendealter Traum der Menschheit wurde Wirklichkeit." — Neues Deutschland, 5. Oktober 1957 — SED-Parteiorgan

SPORT · 1957

Der westdeutsche Fußball spielt noch in fünf regionalen Oberligen (Nord, West, Südwest, Süd, Berlin) um die deutsche Meisterschaft — eine bundesweite Liga gibt es erst ab 1963 mit Gründung der Bundesliga. In der Endrunde 1956/57 setzt sich Borussia Dortmund mit 4:1 gegen den Hamburger SV durch und verteidigt damit als erster Verein seit dem Dresdner SC 1943/44 seinen Meistertitel — mit nahezu derselben Stammelf wie im Vorjahr; Torschützenkönig der Oberliga West wird Dortmunds Alfred Kelbassa mit 30 Treffern. In dieser Zeit prägen Vereine wie Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 die sportliche Szene des Ruhrgebiets. In der DDR-Oberliga verteidigt derweil der SC Wismut Karl-Marx-Stadt (heute Aue) seinen erst im Vorjahr errungenen ersten offiziellen Meistertitel — auch hier tragen Betriebssportgemeinschaften wie üblich den sportlichen Wettstreit aus. Olympische oder WM-Höhepunkte bietet das Jahr nicht — der Fußball bleibt Vereinssache.

MODE · 1957

Cristóbal Balenciaga zeigt in seiner Pariser Kollektion die „Sack-Linie" — ein gerade, vom Schulter herabfallendes Kleid ohne Taille, das mit der einengenden Wespentaille von Christian Diors „New Look" bricht. Presse und Kundschaft begegnen der radikalen Silhouette zunächst mit Befremden; in den Folgejahren mildert Balenciaga die Fülle des Schnitts etwas ab, doch der Bruch mit der Taille weist bereits den Weg zur schlankeren, geradlinigeren Mode der Sechziger. Chanel bringt derweil ihre legendäre 2.55-Tasche heraus, deren Name auf ihren Entstehungsmonat Februar 1955 verweist. Solche Pariser Avantgarde erreicht die DDR-Provinz allenfalls über Zeitschriften wie „Sibylle" — im Bezirk Potsdam, wo Kleidung vielerorts noch selbst geschneidert oder nach Schnittmustern angefertigt wird, bleibt praktische Konfektion weiterhin die Norm.

KINO & FERNSEHEN · 1957

Die DEFA bringt 1957 22 Premieren in die Kinos der DDR. Am 30. August feiert im Berliner Babylon-Kino „Berlin – Ecke Schönhauser…" von Regisseur Gerhard Klein Premiere, ein Jugenddrama aus Ost-Berlin, das binnen zwölf Wochen über 1,5 Millionen Zuschauer in die Säle lockt. Am 4. Januar läuft mit „Die Abenteuer des Till Ulenspiegel", mit und unter Mitwirkung des Franzosen Gérard Philipe, die erste deutsch-französische Co-Produktion der DEFA an, am 15. November wird „Vergesst mir meine Traudel nicht" unter der Regie von Kurt Maetzig zum Kassenerfolg, und am 13. Dezember eröffnet im Studio Babelsberg mit „Das singende, klingende Bäumchen" ein Märchenfilm, der beim Publikum begeistert ankommt.

Der Deutsche Fernsehfunk (DFF) der DDR muss seinen Sendebetrieb ab September von reduziertem auf durchgehenden Betrieb an sieben Wochentagen umstellen. Am 7. Oktober übernehmen erstmals auch Sender der ČSR, Polens, Ungarns, Rumäniens und der Sowjetunion DFF-Programm, und am 22. Dezember feiert der DFF mit einer Großsendung aus Berlin-Adlershof sein fünfjähriges Bestehen.

GESTORBEN · 1957

  • Humphrey Bogart (57), US-amerikanischer Schauspieler — 14. Januar, Los Angeles.
  • Arturo Toscanini (89), italienischer Dirigent — 16. Januar, New York.
  • Alfred Döblin (78), deutscher Schriftsteller und Arzt („Berlin Alexanderplatz") — 26. Juni, Emmendingen bei Freiburg.
  • Jean Sibelius (91), finnischer Komponist — 20. September, Järvenpää.
  • Christian Dior (52), französischer Modeschöpfer — 24. Oktober, Montecatini Terme.
  • Diego Rivera (70), mexikanischer Maler — 24. November, Mexiko-Stadt.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1957

  • Dynamische Rente sichert Millionen Ruheständler (21. Januar). Der Bundestag der Bundesrepublik koppelt die Renten an die Lohnentwicklung — eine sozialpolitische Reform, die Millionen westdeutsche Rentner aus der Armut hebt.
  • Erster Forschungsreaktor der Bundesrepublik geht in Betrieb (Oktober). In Garching bei München nimmt unter Heinz Maier-Leibnitz der Reaktor „Atomei" seinen Betrieb auf — Beginn der zivilen Kernforschung im westdeutschen Nachbarstaat.
  • Erste Nobelpreisträger chinesischer Herkunft (10. Dezember). Die Physiker Tsung-Dao Lee und Chen Ning Yang erhalten in Stockholm den Nobelpreis für Physik — für den Nachweis, dass die Parität in der schwachen Wechselwirkung verletzt wird.
  • DEFA-Film aus Babelsberg begeistert über 1,5 Millionen Kinogänger (30. August). „Berlin – Ecke Schönhauser…", gedreht im DEFA-Studio Potsdam-Babelsberg mitten im Bezirk Potsdam, feiert im Berliner Babylon Premiere und wird zu einem der erfolgreichsten DDR-Filme des Jahres.

DAS WETTER · 1957 in der Mark

An diesem 13. Juli war es in der Mark ein warmer Sommertag: Höchstwert 27,3 °C, in der Nacht 16,6 °C; ein kurzer Schauer brachte 3,5 mm, die Sonne zeigte sich rund 11,6 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,0 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 35 °C am 4. Juli, kältester −16 °C am 17. Dezember. 7 Hitzetage (≥30 °C), 8 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 570 mm.

Ein mildes Jahr mit warmem, gewittrigem Hochsommer.

(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1957

Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.

  1. Cindy, oh Cindy — Margot Eskens
  2. Das tu ich alles aus Liebe — Peter Alexander
  3. Tipitipitipso — Caterina Valente
  4. Liechtensteiner Polka — Will Glahé
  5. Casetta in Canada — Willy Hagara
  6. Grüß mir die Damen aus der Bar — Vico Torriani
  7. Bambino — Dalida
  8. Eventuell, Eventuell — Caterina Valente & Peter Alexander
  9. Weißer Holunder — Gitta Lind
  10. Einmal in Tampico — Freddy Quinn
  11. Ich wünsch dir einen schlaflosen Abend — Eddie Constantine
  12. The Breeze and I — Caterina Valente
  13. Ich weiß, was dir fehlt — Peter Alexander
  14. Sie hieß Mary-Ann — Ralf Bendix
  15. Que Sera, Sera — Doris Day
  16. Banana Boat Song (Day-O) — Harry Belafonte
  17. All Shook Up — Elvis Presley
  18. Jailhouse Rock — Elvis Presley
  19. Rock-A-Billy — Guy Mitchell
  20. Diana — Paul Anka

Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Der Streik ist aus: 114 Tage Metallarbeiter-Ausstand enden

Auszählung einer Urabstimmung im Kieler Gewerkschaftshaus
Stimmenauszählung einer Urabstimmung im Gewerkschaftshaus, Legienstraße 20–24, Januar 1957 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Nach 114 Tagen ist der Streik der schleswig-holsteinischen Metallarbeiter zu Ende. Am 13. Februar stimmte in der Urabstimmung über die am 9. Februar in Kiel erzielte Schlichtungseinigung zwar eine Mehrheit der Mitglieder für die Fortsetzung des Ausstands; nötig gewesen wären aber 75 Prozent. Damit war die Einigung angenommen: Die Arbeiter bekommen im Krankheitsfall nun tariflich ihren Lohn weitergezahlt, dazu mehr Urlaub und ein besseres Urlaubsgeld. Der Streik war beendet, am 15. Februar wurde die Arbeit wieder aufgenommen, auch bei der Kieler Howaldtswerke AG. Es ist der längste Streik, den die Bundesrepublik bisher erlebt hat.

Der Weg dorthin war zäh. Am 7. Januar hatten die Mitglieder den Schlichtungsvorschlag mit 97,38 Prozent abgelehnt. Auch der am 25. Januar in Bonn ausgehandelte Tarifvertrag fand am 30. Januar keine Mehrheit: 76,24 Prozent stimmten dagegen. Die Stimmen wurden im Gewerkschaftshaus in der Legienstraße ausgezählt.

Gestritten wurde seit dem 24. Oktober um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Wer als Arbeiter krank wurde, bekam bisher für die ersten drei Tage keinen Lohn und danach nur einen Bruchteil. Rund 34.000 Metallarbeiter im ganzen Land legten die Arbeit nieder. Während des Streiks lief in der Ostseehalle eine große Streik-Revue. Der Bundestag zog nach: Seit dem 1. Juli gilt das Arbeiterkrankheitsgesetz, nach dem die Arbeitgeber das Krankengeld vom dritten Krankheitstag an auf 90 Prozent des Lohns aufstocken.

75 Jahre Kieler Woche: Heuss an Bord der „Zukunft“

Diplomatensegeln beim Kieler Yacht-Club zur Kieler Woche 1957
Diplomatensegeln beim Kieler Yacht-Club am 29. Juni 1957: Bundespräsident Theodor Heuss, Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel, Stadtpräsident Wilhelm Sievers und Oberbürgermeister Hans Müthling an Bord der Segelyacht „Zukunft“ (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Seit der ersten Regatta 1882 sind 75 Jahre vergangen; vom 23. bis 30. Juni lief die 63. Kieler Woche. Eröffnet wurde sie schon am 22. Juni auf dem Rathausplatz, wo eine schwedische Gymnastikgruppe auftrat.

Am 24. Juni besuchten Oberbürgermeister Hans Müthling und Stadtpräsident Wilhelm Sievers den amerikanischen Zerstörer „Manley“ an der Tirpitzmole. Zwei Tage später hieß es im Tirpitzhafen „Open Ship“: Das britische U-Boot-Versorgungsschiff „Adamant“ und der Leichte Kreuzer „Jamaica“ lagen zur Besichtigung bereit.

Am 29. Juni lud der Kieler Yacht-Club zum Diplomatensegeln. Bundespräsident Theodor Heuss und Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel gingen zusammen mit Sievers und Müthling an Bord der Segelyacht „Zukunft“ im Alten Olympiahafen am Hindenburgufer.

Den Abschluss machten am 30. Juni ein internationales Vespa-Treffen mit Korso ab Rathausplatz und das Abschlussfeuerwerk.

Erste Hallenmeisterschaft: THW Kiel schlägt Göppingen 7:5

Handballspiel THW Kiel gegen Frisch Auf Göppingen in der Ostseehalle
Das Endspiel um die Deutsche Hallenhandball-Meisterschaft in der Ostseehalle, 10. März 1957: THW Kiel gegen Frisch Auf Göppingen, 7:5 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Der THW Kiel ist Deutscher Hallenhandballmeister. Im Endspiel in der Ostseehalle setzte sich die Mannschaft am 10. März gegen den TC Frisch Auf Göppingen mit 7:5 durch. Göppingen war Meister von 1954 und 1955.

Für den THW ist es der erste Titel in der Halle. Deutscher Meister war der Verein bisher nur im Feldhandball, 1948 und 1950. Die Endrunde der sechs besten Mannschaften lief am 9. und 10. März vor 7.000 Zuschauern; schon in der Vorrunde hatte der THW Göppingen 8:6 geschlagen, im Halbfinale den SV Westerholt 7:6.

Bundestagswahl: Kiel wählt ohne seinen Abgeordneten

Wähler bei der Stimmabgabe in Kiel
Wähler bei der Stimmabgabe, 15. September 1957 (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Im Bundestagswahlkreis 6, Kiel – Wik und Ravensberg wählen im Wahlkreis Rendsburg mit –, gewinnt Hans-Carl Rüdel (CDU) das Direktmandat; er kommt auf 50,0 Prozent der Erststimmen. Rüdel, Jahrgang 1906, ist Apotheker und führt die Kieler Hof-Apotheke in vierter Generation; seit 1951 gehört er der Kieler Ratsversammlung an.

Der bisherige Abgeordnete Walter Brookmann (CDU) war am 31. August in Kiel gestorben, 15 Tage vor dem Wahltag. Seit 1949 hatte er den Kieler Wahlkreis stets direkt gewonnen.

Feuerschiff „Kiel“ gerammt und vor Bülk auf Grund gesetzt

Das gerammte Feuerschiff Kiel am 4. Januar 1957, rechts Schlepper und Seenotrettungsboot
Das Feuerschiff „Kiel“ nach dem Rammen durch den finnischen Frachter „Satu“, 4. Januar 1957; rechts der Schlepper „Flemhude“ und das Seenotrettungsboot „Spiekeroog“ (Friedrich Magnussen, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Das Feuerschiff „Kiel“, das draußen vor der Förde die Einfahrt markiert, ist am Morgen des 4. Januar im dichten Nebel vom finnischen Frachter „Satu“ (2359 BRT) mittschiffs gerammt worden und schlug leck. Als Schlepper und das Seenotrettungsboot „Spiekeroog“ eintrafen, war schon viel Wasser eingedrungen. Auf der Schleppfahrt zum Kieler Hafen sank das Achterdeck unter Wasser; um den Untergang zu verhindern, wurde das Feuerschiff nordöstlich von Bülk an der Fördemündung auf Grund gesetzt. Die 14 Mann Besatzung blieben unverletzt. Die „Satu“ setzte ihre Fahrt nach Stettin mit geringen Schäden fort.

Neun Tage später, am 13. Januar, wurde das Feuerschiff gehoben und zur Reparatur nach Kiel geschleppt; instand gesetzt und modernisiert wird es in der Staatswerft Rendsburg-Saatsee.

Es ist nicht der erste Zwischenfall: Schon am 24. November 1955 war das Feuerschiff von einem dänischen Motorschiff gerammt worden. Gebaut wurde es 1906 in Bremen als Reservefeuerschiff, das andere Feuerschiffe während ihrer Werftzeiten vertrat.

Aus heutiger Sicht

Das Feuerschiff übernahm 1959 wieder die Position „Kiel“. Als Bark „Alexander von Humboldt“ wurde es am 20. Mai 1988 getauft.

KURZ NOTIERT · Kiel 1957

  • 19. Februar — Richtfest für das Allianz-Haus an der Holstenbrücke 8–10; es schließt die letzte Lücke an der Holstenbrücke.
  • 22. Februar — In der Neuen Mensa der Universität in der Olshausenstraße wird die „Miss Kiel“ gekürt: Die Siegerin kommt aus Lübeck.
  • 1. April — An der Christian-Albrechts-Universität wird das Institut für Reine und Angewandte Kernphysik gegründet; die Leitung übernimmt Professor Erich Bagge.
  • 28. Mai — Bei der Kieler Howaldtswerke AG läuft im Werk Gaarden der norwegische Tanker „Hoegh Fair“ vom Stapel.
  • 28. Juni — Richtfest für das neue Dach der Nikolaikirche.
  • 10. September — Der Tanker „Pacificator“ unter liberianischer Flagge läuft bei der Kieler Howaldtswerke AG vom Stapel.
  • 18. November — Am Dreiecksplatz wird der Umbau des Kaufhauses Jacobsen gefeiert, der 211 Tage gedauert hat.
  • 1. Dezember — Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Lutherkirche; die Architekten sind Peter Neve und Klaus von Spreckelsen.

RUND UM DIE FÖRDE · 1957

  • Frühjahr, Eckernförde — Per Erlass wird die Erprobungsstelle 71 für Marinewaffen eingerichtet; sie wird auf dem Gelände der früheren Torpedoversuchsanstalt aufgestellt.
  • 26. Mai, Strande — Vor Strande gehen Drachen und Starboote zu einer Segelregatta an den Start; unter den Drachen ist die „Gustel XII“ (Segelnummer G 157) von Tommi Thomsen.

SPORT AN DER FÖRDE · 1957

  • Ostseehalle — Am 16. Februar findet in der Ostseehalle das Sportpressefest statt.
  • Holstein Kiel — In der Oberliga Nord 1956/57 wird Holstein mit 39:21 Punkten und 46:38 Toren Zweiter hinter dem Hamburger SV (41:19 Punkte, 86:34 Tore) und spielt als Vizemeister um den Einzug in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft.
  • Holstein Kiel — Das Qualifikationsspiel am 25. Mai in Düsseldorf verliert Holstein gegen die Offenbacher Kickers 2:3 nach Verlängerung; Offenbach ist damit der achte Endrundenteilnehmer.
  • Holstein Kiel — Am 16. Oktober weiht Holstein auf dem Holstein-Platz seine neue Flutlichtanlage ein, eine der ersten in Norddeutschland: ein Freundschaftsspiel gegen Fortuna Düsseldorf, das 0:0 endet.

DAS WETTER · 1957 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder, sonniger Julitag: Höchstwert 22,9 °C, in der Nacht 16,4 °C, im Mittel 18,7 °C; es fielen nur 0,6 mm Regen, die Sonne schien rund 11,1 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 8,9 °C. Wärmster Tag 33,4 °C am 1. Juli, kältester Tiefstwert −11,9 °C am 17. Dezember. 1 Hitzetag (≥30 °C), 9 Sommertage (≥25 °C), 5 Eistage (Dauerfrost) und 55 Frosttage; Jahresniederschlag 722 mm, Sonnenscheindauer 1771 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)