DER CHRONIST
Ein Jahr des Umbruchs: Berlin rückt wieder ins Zentrum der Weltpolitik, die DDR verordnet sich sozialistischen Aufbruch — und in Fernost beginnt ein Menschheitsexperiment mit ungeheurem Preis. In Paris kehrt Charles de Gaulle an die Macht zurück und begründet die Fünfte Republik, während im fernen Guinea ein „Non" im Referendum die erste Unabhängigkeit Französisch-Westafrikas erzwingt. Die Vereinigten Staaten gründen mit der NASA ihre Antwort auf den sowjetischen Sputnik-Schock, in Rom wählt ein Konklave nach dem Tod Pius XII. den neuen Papst Johannes XXIII., und ein junger Ingenieur in Texas verlötet auf einem daumennagelgroßen Germanium-Plättchen den ersten integrierten Schaltkreis der Geschichte. Und im Februar erschüttert ein Flugzeugunglück in München den europäischen Sport, als die „Busby Babes" von Manchester United zu Todesopfern werden.
Chruschtschows Berlin-Ultimatum

Seit dem Potsdamer Abkommen von 1945 steht Berlin unter der gemeinsamen Verwaltung der vier Siegermächte — eine Vier-Sektoren-Stadt mitten im sowjetisch besetzten Ostdeutschland, West-Berlin dabei eine vom Bundesgebiet getrennte Exklave. Schon 1948/49 hatte Moskau mit der Blockade der Zufahrtswege und der alliierten Luftbrücke die Verwundbarkeit der Stadt vorgeführt. Am 10. November 1958 kündigt Nikita Chruschtschow in einer Moskauer Rede an, die Vier-Mächte-Vereinbarungen über Berlin für hinfällig zu erklären; am 27. November folgt die förmliche Note an die Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs. Darin rekapituliert die sowjetische Führung die Nachkriegsentwicklung aus ihrer Sicht, wirft den Westmächten Vertragsbrüche vor und eröffnet damit die zweite Berlin-Krise. Chruschtschow fordert den Abzug der alliierten Truppen und den Übergang West-Berlins in den Status einer entmilitarisierten „Freien Stadt". Geschieht dies nicht binnen sechs Monaten — die Frist läuft auf den 27. Mai 1959 —, droht Moskau, die Kontrollrechte über die Zugangswege der DDR zu übertragen und die Westmächte damit vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die Westmächte, Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt weisen das Ultimatum geschlossen zurück. Auf der Genfer Außenministerkonferenz von Mai bis August 1959 bleibt eine Einigung aus, und die Frist verstreicht im Mai 1959 folgenlos. Der Konflikt um Berlin, nur wenige Bahnstunden von Luckenwalde entfernt, bleibt fortan das beherrschende Thema der deutschen Frage, überschattet noch das Gipfeltreffen von Camp David im September 1959 und mündet erst 1961 mit dem Mauerbau am 13. August in eine vorläufige, für die geteilte Stadt bittere Lösung.
Volkskammerwahl: Einheitsliste erhält amtlich 99,87 Prozent

Wie schon 1950 und 1954 tritt die Bevölkerung der DDR am 16. November zur Wahl der Volkskammer nicht vor eine Auswahl konkurrierender Parteien, sondern vor eine einzige Einheitsliste der Nationalen Front: SED, Blockparteien und Massenorganisationen wie FDGB und FDJ haben ihre Sitzanteile bereits vorab untereinander aufgeteilt, die Wähler können der Liste nur insgesamt zustimmen oder sie ablehnen. Wer mit „Nein" stimmen oder einzelne Namen streichen will, muss dafür sichtbar eine Wahlkabine aufsuchen — die überwiegende Mehrheit gibt ihre Stimme offen am Tisch ab. Wochen zuvor ziehen in den Städten der Republik, auch im Bezirk Potsdam, Losungen und an Stahlgerüsten aufgehängte Kandidatenporträts durch die Straßen; in Leipzig etwa wirbt die Nationale Front am Neuen Rathaus mit solcher „Sichtagitation" für den Urnengang. Nach amtlicher Verkündung stimmen 98,9 Prozent der Wahlberechtigten ab, von denen 99,87 Prozent der gültigen Stimmen der Einheitsliste zustimmen — die Sitzverteilung der neuen Volkskammer entspricht damit exakt der vorab festgelegten Quote. Ministerpräsident bleibt Otto Grotewohl, Erster Sekretär der SED weiterhin Walter Ulbricht, dessen Kurs seit dem V. Parteitag im Juli auf „Überholen ohne Einholen" programmiert ist.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Nordrhein-Westfalen, 6. Juli — CDU 50,5 %, SPD 39,2 %, Beteiligung 76,6 %. Die CDU erobert unter Franz Meyers erstmals die absolute Mehrheit der Sitze und regiert fortan allein.
- Schleswig-Holstein, 28. September — CDU 44,4 %, SPD 35,9 %, Beteiligung 78,7 %. Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel führt eine Koalition aus CDU, FDP und BHE fort.
- Bayern, 23. November — CSU 45,6 %, SPD 30,9 %, Beteiligung 76,6 %. Hanns Seidel setzt die Koalition mit GB/BHE und FDP fort.
- Hessen, 23. November — SPD 46,9 %, CDU 32,0 %, Beteiligung 82,3 %. Ministerpräsident Georg-August Zinn regiert weiter mit dem Flüchtlingsverband BHE.
- Berlin, 7. Dezember — SPD 52,6 %, CDU 37,7 %, Beteiligung 92,9 %. Erstmals gewinnt die SPD im West-Berliner Abgeordnetenhaus die absolute Mehrheit; Regierender Bürgermeister Willy Brandt bleibt im Amt — die Wahl fällt mitten in die Berlin-Krise, zehn Tage nach Chruschtschows Ultimatum vom 27. November.
Die DDR schafft die Lebensmittelkarten ab

Seit Kriegsende, ab Mai 1945, hatten die Besatzungsmächte in ihren Zonen Lebensmittelkarten ausgegeben, gestaffelt nach Schwere der Arbeit in fünf Verbrauchergruppen. Seit 1948 konnten Bürger der sowjetischen Zone Waren zusätzlich, aber deutlich teurer, kartenfrei in den Läden der Handelsorganisation (HO) kaufen — eine doppelte Preisebene, die den Alltag über ein Jahrzehnt prägte. Die Bundesrepublik hatte ihre Lebensmittelkarten bereits am 30. April 1950 endgültig abgeschafft, was in der DDR zum vielzitierten Vergleichsmaßstab und Politikum wurde. Erst gegen Ende der fünfziger Jahre übersteigt der Verbrauch wichtiger Nahrungsmittel wie Schweinefleisch, Eiern und Butter das Vorkriegsniveau — die wirtschaftliche Voraussetzung für den nächsten Schritt: Die Volkskammer beschließt auf Vorschlag von SED-Zentralkomitee, FDGB und Ministerrat das Ende der Rationierung. Zum 28. Mai fallen die Lebensmittelkarten, mit denen seit Kriegsende Fett, Fleisch, Zucker und Milch verbilligt bezogen werden konnten. Zugleich wird die doppelte Preisebene beseitigt — HO-Preise sinken, die Preise für vormals rationierte Waren steigen auf ein einheitliches, dazwischenliegendes Niveau. Beschäftigte mit einem Bruttoverdienst bis 800 Mark erhalten gestaffelte Lohnzuschläge zum Ausgleich, wobei niedrigere Einkommen stärker profitieren als mittlere und höhere. Die SED-Führung feiert den Schritt, nur wenige Wochen vor dem V. Parteitag, als Beleg für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des „Arbeiter-und-Bauern-Staates". Auch in den Geschäften von Luckenwalde und dem Bezirk Potsdam endet damit ein Stück Nachkriegsalltag.
V. Parteitag der SED — »Überholen ohne einzuholen«

Vom 10. bis 16. Juli tagt in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle der V. Parteitag der SED, zu dem rund 1.648 Delegierte ohne erkennbaren Widerspruch zusammenkommen. Erster Sekretär Walter Ulbricht verkündet den „Sieg des Sozialismus" in der DDR und ruft die Losung „Überholen ohne einzuholen" aus: Bis 1961 soll der Pro-Kopf-Verbrauch wichtiger Lebensmittel und Konsumgüter den der Bundesrepublik übertreffen — ein ehrgeiziges Wettrennen der Systeme, das sich als kaum erfüllbar erweisen wird. Zugleich proklamiert Ulbricht die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik" — in bewusster Anlehnung an die biblischen Gebote formuliert, verlangen sie unter anderem, das Vaterland zu lieben und die „Arbeiter-und-Bauern-Macht" zu verteidigen, Kinder „im Geiste des Friedens und des Sozialismus" zu erziehen und „sauber und anständig" zu leben. Das Regelwerk zur Erziehung des „sozialistischen Menschen" wird fortan in Schulen und bei der Jugendweihe verbreitet und 1963 sogar ins SED-Parteiprogramm aufgenommen. Für die Betriebe im Bezirk Potsdam bedeutet der Parteitag neue Produktionsauflagen und verschärften Wettbewerb um die Planerfüllung.
Mao Zedong startet den »Großen Sprung nach vorn«

Nach den Erfolgen des ersten, sowjetischem Vorbild folgenden Fünfjahrplans (1953–1957) sucht Mao Zedong einen eigenen, schnelleren Weg zum Sozialismus — auch im Wettstreit mit Moskaus Kurs der „friedlichen Koexistenz" unter Chruschtschow. Im Frühjahr 1958 ruft er die gewaltige Wirtschafts- und Gesellschaftskampagne des „Großen Sprungs nach vorn" aus: Binnen weniger Jahre soll China den Westen in der Industrieproduktion überholen. Landwirtschaftliche Genossenschaften werden zu riesigen Volkskommunen zusammengelegt — bis Jahresende leben praktisch alle Bauern Chinas, mehrere hundert Millionen Menschen, in rund 24.000 solcher Kommunen, die Landwirtschaft und Industrie gleichermaßen revolutionieren sollen. Millionen Bauern werden zudem angehalten, in primitiven Hinterhof-Hochöfen aus Haushaltsgegenständen und Werkzeugen Stahl zu schmelzen, um binnen kurzem den Westen in der Stahlproduktion einzuholen — meist wertloser Ausschuss. Zugleich melden lokale Kader stark übertriebene Rekordernten, woraufhin der Staat Getreide über den tatsächlichen Überschuss hinaus requiriert und sogar exportiert. Was als Sprung in die kommunistische Zukunft gepriesen wird, entpuppt sich rasch als Fehlplanung katastrophalen Ausmaßes — sie leitet die Große Chinesische Hungersnot von 1959 bis 1961 ein, der nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und 55 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Erst die offene Kritik von Verteidigungsminister Peng Dehuai auf der Lushan-Konferenz 1959 bringt Zweifel an der Kampagne in die Parteiführung, ändert an der Politik selbst aber zunächst wenig.
Weltausstellung Expo 58 in Brüssel

Unter dem Motto „Eine Bilanz der Welt für eine menschlichere Welt" öffnet auf dem Brüsseler Heysel-Plateau am 17. April die Expo 58 ihre Tore — die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der New Yorker Schau von 1939. Bis zum Ende am 19. Oktober präsentieren sich mehr als 40 Nationen in rund 45 nationalen Pavillons, dazu kommen zahlreiche belgische Pavillons und eine eigene, damals noch als Kolonie ausgestellte Abteilung für Belgisch-Kongo — deren „Kongo-Dorf" mit Bewohnern aus der Kolonie aus heutiger Sicht als koloniales Schaustück gilt. Über 41 Millionen Besucher strömen bis zum Herbst auf das Gelände. Wahrzeichen der Schau — und bis heute Wahrzeichen Brüssels — wird das gigantische Atomium des Ingenieurs André Waterkeyn: 102 Meter hoch, aus neun je 18 Meter durchmessenden, stählernen Kugeln zusammengesetzt, die eine 165-milliardenfach vergrößerte Elementarzelle eines Eisenkristalls nachbilden. Erst wenige Wochen vor der Eröffnung fertiggestellt, wird es zum Sinnbild für den Fortschrittsglauben des Atomzeitalters. Die Expo wird zugleich zur Bühne des Kalten Krieges: Die Sowjetunion zeigt in ihrem monumentalen Pavillon Modelle der Satelliten Sputnik 1 und 2 und erhält dafür den Grand Prix der Ausstellung, während der von Edward Durell Stone entworfene US-Pavillon mit Modeschau, farbigem Fernsehstudio und einem historisches Wissen demonstrierenden Rechner den amerikanischen Konsum- und Technikoptimismus vorführt. Auch die beiden deutschen Staaten tragen ihr stilles Wettrennen um die bessere Selbstdarstellung aus: Der von Egon Eiermann und Sep Ruf entworfene, betont leichte und transparente Pavillon der Bundesrepublik gilt der Weltpresse als einer der elegantesten der Schau und soll bewusst mit dem Bild des NS-Staates brechen, während die DDR ihren Pavillon für die Präsentation industrieller und kultureller Aufbauleistungen des „Arbeiter-und-Bauern-Staates" nutzt.
De Gaulle kehrt an die Macht zurück — Frankreich gründet die Fünfte Republik

Seit Ende 1956 lähmt der Algerienkrieg die politisch zersplitterte Vierte Französische Republik: Wechselnde Kabinette scheitern an der Frage, wie mit dem Unabhängigkeitskampf in der nordafrikanischen Kolonie umzugehen sei. Am 13. Mai putschen in Algier aufständische Militärs und Siedler gegen Paris und fordern die Rückkehr Charles de Gaulles — des Kriegshelden und ehemaligen Übergangsregierungschefs, der sich seit 1946 aus der aktiven Politik zurückgezogen hatte. Um einen Bürgerkrieg abzuwenden, beruft Staatspräsident René Coty de Gaulle am 1. Juni zum letzten Ministerpräsidenten der Vierten Republik; das Parlament stattet ihn mit Vollmachten zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung aus. Am 4. September stellt de Gaulle den Verfassungsentwurf öffentlich vor, der die Stellung des Staatspräsidenten und der Exekutive gegenüber dem Parlament deutlich stärkt. Am 28. September billigen die Franzosen die neue Verfassung im Referendum mit rund 79 Prozent Zustimmung; auch die überseeischen Kolonien stimmen mit ab, mit weitreichenden Folgen für einige von ihnen. Am 4. Oktober verkündet Coty die Verfassung der Fünften Republik, am 21. Dezember wählt ein Wahlmännerkollegium de Gaulle zum neuen Staatspräsidenten; sein Amt tritt er im Januar 1959 an. Die Fünfte Republik mit ihrem starken Präsidentenamt besteht bis heute fort.
Die NASA nimmt ihre Arbeit auf

Nach dem Sputnik-Schock des Oktober 1957 steht die USA unter Druck, im Wettlauf um den Weltraum nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bereits am 31. Januar gelingt mit Explorer 1 der Start des ersten amerikanischen Satelliten — entwickelt vom Team um Wernher von Braun in Zusammenarbeit mit dem Jet Propulsion Laboratory, noch unter der Regie des Heeres. Ein Instrument an Bord entdeckt die nach ihrem Erfinder benannten Van-Allen-Strahlungsgürtel der Erde. Um die bislang auf Luftfahrtbehörde NACA, Heer, Marine und Luftwaffe verstreuten amerikanischen Raumfahrtanstrengungen zu bündeln, unterzeichnet Präsident Dwight D. Eisenhower am 29. Juli den „National Aeronautics and Space Act". Am 1. Oktober nimmt die daraus hervorgegangene zivile Behörde NASA (National Aeronautics and Space Administration) offiziell ihre Arbeit auf und übernimmt Personal und Einrichtungen der aufgelösten NACA. Von nun an bündelt die neue Behörde die zivile amerikanische Raumfahrt im Wettstreit mit der Sowjetunion — einem Wettlauf, der über das folgende Jahrzehnt zu einem zentralen Schauplatz des Kalten Krieges wird und 1969 in der ersten bemannten Mondlandung gipfelt.
Flugzeugunglück von München-Riem — die „Busby Babes" sterben

Auf dem Rückflug von einem Europapokal-Viertelfinale in Belgrad gegen Roter Stern Belgrad, mit dem sich die junge Mannschaft von Manchester United unter Trainer Matt Busby für das Halbfinale qualifiziert hatte, legt die gecharterte Maschine der British European Airways (Flug 609) einen Tankstopp auf dem Flughafen München-Riem ein. Bei Schneematsch auf der Startbahn misslingen der Besatzung zwei Startversuche; beim dritten, am 6. Februar, rutscht die zweimotorige Maschine vom Typ Airspeed Ambassador über das Bahnende hinaus, kollidiert mit einem Haus und einer Baracke und zerbricht. Von 44 Insassen sterben 20 sofort, drei weitere später im Krankenhaus — insgesamt 23 Tote, darunter acht Spieler der als „Busby Babes" gefeierten, jungen Meistermannschaft: unter ihnen Roger Byrne, Tommy Taylor, David Pegg, Eddie Colman, Mark Jones, Geoff Bent und Liam Whelan; der englische Nationalspieler Duncan Edwards, gerade 21 Jahre alt, erliegt zwei Wochen später seinen Verletzungen. Trainer Busby selbst überlebt schwer verletzt und baut die Mannschaft in den Folgejahren neu auf — zehn Jahre nach dem Unglück, 1968, gewinnt Manchester United unter ihm den Europapokal der Landesmeister. Das Unglück von München-Riem, das den europäischen Fußball tief erschüttert, bleibt bis heute im kollektiven Gedächtnis des englischen Sports verankert.
Tod Pius XII. — Johannes XXIII. zum neuen Papst gewählt

Nach fast zwanzig Amtsjahren, die den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsordnung und den beginnenden Kalten Krieg umspannten, stirbt Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli) am 9. Oktober in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Sein 1939 begonnenes Pontifikat bleibt bis heute von der Kontroverse um sein Schweigen zur Judenverfolgung überschattet, während Verteidiger auf stille diplomatische Hilfe für Verfolgte verweisen. Am 25. Oktober tritt das Konklave in der Sixtinischen Kapelle zusammen; nach elf Wahlgängen einigen sich die Kardinäle am 28. Oktober auf den 76-jährigen Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, der den Namen Johannes XXIII. annimmt. Wegen seines hohen Alters gilt er zunächst vielen als „Übergangspapst" — eine Einschätzung, die sich rasch als Irrtum erweist: Bereits im Januar 1959 kündigt er die Einberufung eines Zweiten Vatikanischen Konzils an, das die katholische Kirche in den folgenden Jahren grundlegend erneuern wird. Gekrönt wird Johannes XXIII. am 4. November; seine Wahl markiert für viele Katholiken, auch die wenigen im überwiegend evangelisch und atheistisch geprägten Bezirk Potsdam, den Beginn einer neuen, offeneren Epoche der Kirche.
Jack Kilby erfindet den integrierten Schaltkreis

Im Sommer 1958 ist der Ingenieur Jack Kilby erst wenige Monate bei Texas Instruments in Dallas beschäftigt und hat deshalb noch keinen Anspruch auf die üblichen Werksferien, während der die Kollegen das Labor für zwei Wochen räumen. Allein zurückgeblieben, arbeitet er an einer Lösung für die sogenannte „Tyrannei der Zahlen": Je komplexer elektronische Schaltungen werden, desto mehr einzeln verlötete Transistoren, Widerstände und Kondensatoren braucht man — mit wachsender Fehleranfälligkeit. Kilbys Idee: sämtliche Bauteile aus demselben Halbleitermaterial auf einem einzigen Chip zu fertigen. Am 12. September demonstriert er seinen Vorgesetzten den ersten funktionierenden Prototyp — einen Phasenschieberoszillator auf einem nur 11 mal 1,6 Millimeter kleinen Stück Germanium, notdürftig mit feinen Golddrähten verbunden. Die Erfindung des integrierten Schaltkreises gilt als eine der folgenreichsten Techniken des 20. Jahrhunderts und legt den Grundstein für Mikroprozessor und Computerchip; im Februar 1959 meldet Kilby ein Patent an, kurz bevor der Kalifornier Robert Noyce bei Fairchild Semiconductor unabhängig eine praktikablere Silizium-Variante entwickelt. Für seine Pionierleistung erhält Kilby erst im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physik.
Guinea sagt „Non" — erste Unabhängigkeit in Französisch-Westafrika

Im selben Referendum vom 28. September, mit dem die Franzosen die neue Verfassung der Fünften Republik billigen, stimmen auch die Bewohner der französischen Kolonien über den Beitritt zur neu geschaffenen Französischen Gemeinschaft ab — einem losen Staatenbund unter Pariser Führung, der den Kolonien innere Autonomie, aber keine volle Souveränität zugesteht. Einzig in der westafrikanischen Kolonie Guinea ruft der charismatische Gewerkschaftsführer Ahmed Sékou Touré mit seiner Partei PDG unter der Losung „Lieber Armut in Freiheit als Reichtum in Sklaverei" zum „Non" auf. Mit überwältigender Mehrheit — rund 1,13 Millionen Nein- gegen nur 57.000 Ja-Stimmen — lehnt Guinea als einzige Kolonie den Verbleib in der Gemeinschaft ab. Präsident Charles de Gaulle reagiert brüskiert: Frankreich zieht binnen Wochen sein Personal, seine Ausrüstung und selbst Aktenschränke und Telefonleitungen aus dem Land ab. Am 2. Oktober proklamiert Sékou Touré in Conakry die unabhängige Republik Guinea — die erste Kolonie Französisch-Westafrikas, die volle Souveränität erlangt — und wird deren erster Präsident. Isoliert von der ehemaligen Kolonialmacht, sucht Guinea rasch Unterstützung sowohl im Ostblock als auch im Westen und wird so früh zum Schauplatz des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden.
AM RANDE NOTIERT
- Am 6. Februar stirbt beim Flugzeugunglück von München-Riem ein Teil der Mannschaft von Manchester United — die „Busby Babes" erschüttern den europäischen Sport.
- In den USA entsteht im Juli/Oktober die NASA, gegründet als Antwort auf den sowjetischen Sputnik-Schock des Vorjahres.
- In Frankreich übernimmt Charles de Gaulle die Macht; im September billigt eine Volksabstimmung die neue Verfassung der Fünften Republik.
- Am 28. Oktober wählt das Konklave in Rom den Patriarchen von Venedig, Angelo Roncalli, zum neuen Papst Johannes XXIII. — Nachfolger des im Vorjahr verstorbenen Pius XII.
- Zum Jahresende, am 29. Dezember, wird die D-Mark zusammen mit anderen westeuropäischen Währungen voll konvertibel: Die Bundesrepublik hebt letzte Beschränkungen im Devisenverkehr auf — ein Meilenstein für Handel und Wirtschaftswunder.
- Auch im Bezirk Potsdam treibt die SED 1958 die Kollektivierung der Landwirtschaft voran: Immer mehr Bauern der Mark Brandenburg werden in neu gegründete LPGs gedrängt.
- In Luckenwalde wird das neue Kinderkrankenhaus fertiggestellt — ein weiterer Baustein des Gesundheitswesens der Kreisstadt.
- Der Luckenwalder Oberschüler Rudi Dutschke legt sein Abitur ab; weil er sich zuvor öffentlich gegen Wehrpflicht und Wiederbewaffnung der DDR gestellt hatte, verweigern ihm die Behörden das gewünschte Sportstudium.
SPORT · 1958
Fußballerisch beherrscht 1958 die Weltmeisterschaft in Schweden die Schlagzeilen. Titelverteidiger Bundesrepublik Deutschland scheidet im Halbfinale gegen den Gastgeber aus: Am 24. Juni unterliegt die Mannschaft um Fritz Walter in Göteborg vor 49.471 Zuschauern mit 1:3 — nach einer Roten Karte gegen Erich Juskowiak in einer Rudelbildung geht das Spiel als „Schlacht von Göteborg" in die Fußballgeschichte ein. Im Spiel um Platz drei unterliegt Deutschland auch Frankreich deutlich mit 3:6, wobei der Franzose Just Fontaine allein vier Tore erzielt und mit insgesamt 13 Turniertoren einen bis heute ungebrochenen WM-Rekord aufstellt. Am 29. Juni gewinnt Brasilien im Finale von Solna mit 5:2 gegen Gastgeber Schweden und wird zum ersten Mal Weltmeister außerhalb Amerikas. Zum Star des Turniers wird der gerade 17-jährige Pelé, der im Finale zwei und im Halbfinale gegen Frankreich drei Tore erzielt — mit seinen Toren läutet er eine neue Fußball-Ära ein und wird zum jüngsten Weltmeister der Turniergeschichte. Auch in der Mark Brandenburg verfolgen viele Fans das Turnier am Rundfunk — eine eigene DDR-Auswahl, die sich für die Endrunde nicht qualifiziert hatte, bleibt von der Fußball-Weltspitze noch weit entfernt.
MODE · 1958
Die Mode steht 1958 im Zeichen eines Wechsels an der Spitze von Paris: Nach dem plötzlichen Herztod Christian Diors im Oktober 1957 in Italien übernimmt dessen bisheriger, erst 21-jähriger Assistent Yves Saint Laurent die künstlerische Leitung des Modehauses Dior — der jüngste Couturier an der Spitze eines großen Pariser Hauses. Am 30. Januar zeigt er seine erste eigene Kollektion, die Trapez-Linie: ein taillenloser, vom Körper wegschwingender Schnitt — ein Bruch mit der strengen Wespentaille des „New Look", mit dem Dior selbst in den späten vierziger Jahren die Mode revolutioniert hatte. Die Schau wird umjubelt gefeiert und sichert dem Haus Dior wirtschaftlich wie ideell die Nachfolge. In der DDR bleibt solcher Pariser Chic vorerst Vision statt Alltag: Zwischen Mangelwirtschaft und volkseigener Konfektion orientiert man sich noch an bescheideneren Vorbildern.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1958
- Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft (1. Juli). In der Bundesrepublik endet die rechtliche Letztentscheidungsmacht des Ehemanns; Frauen erhalten erstmals ein eigenes Bankkonto und eigene Vermögensverwaltung — Umsetzung der 1949 im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung.
- Vollbeschäftigung im westdeutschen Wirtschaftswunderland. Die Arbeitslosenquote der Bundesrepublik sinkt unter drei Prozent — Höhepunkt eines Aufschwungs, der bis Mitte der sechziger Jahre anhält.
- Nobelpreis für Chemie an Frederick Sanger (10. Dezember). Der britische Biochemiker erhält die Auszeichnung als Erster für die komplette Entschlüsselung der Aminosäuresequenz des Insulins — ein Meilenstein der Molekularbiologie.
- Erste Kaufhallen erreichen die Mark Brandenburg (ab Sommer 1958). Nach Leipziger Vorbild eröffnen in Städten des Bezirks Potsdam die ersten Selbstbedienungsläden der Handelsorganisation (HO) — ein kleiner Schritt zu modernerem Einkaufen, auch für Luckenwalder Kundschaft.
DAS WETTER · 1958 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 30,7 °C, in der Nacht 16,4 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 9,0 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,6 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 32 °C am 16. Juli, kältester −14 °C am 4. Januar. 4 Hitzetage (≥30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 711 mm.
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1958
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Bambina — Peter Alexander
- Mexicano — Lolita
- Roter Wein und Musik in Toskanien — Caterina Valente & Silvio Francesco
- Ich bin ein Vagabund — Freddy Quinn
- Musik liegt in der Luft — Caterina Valente
- Sugar Baby — Peter Kraus
- Eine blaue Zauberblume — Lolita
- Der Legionär — Freddy Quinn
- Spiel noch einmal für mich Habanero — Caterina Valente
- Schokoladeneis — Gabriele
- Chanson vom Wirtschaftswunder — Wolfgang Neuss
- O Josefin, die Nacht in Napoli — Peter Alexander
- Ricky-Tick — Bibi Johns
- River Kwai March — Mitch Miller & His Orchestra
- Tammy — Debbie Reynolds
- Wake Up Little Susie — Everly Brothers
- Hard Headed Woman — Elvis Presley
- Tequila — The Champs
- When — Kalin Twins
- Witch Doctor — David Seville
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.