DER CHRONIST
Ein Jahr des Umbruchs: Berlin rückt wieder ins Zentrum der Weltpolitik, die DDR verordnet sich sozialistischen Aufbruch — und in Fernost beginnt ein Menschheitsexperiment mit ungeheurem Preis. In Paris kehrt Charles de Gaulle an die Macht zurück und begründet die Fünfte Republik, während im fernen Guinea ein „Non" im Referendum die erste Unabhängigkeit Französisch-Westafrikas erzwingt. Die Vereinigten Staaten gründen mit der NASA ihre Antwort auf den sowjetischen Sputnik-Schock, in Rom wählt ein Konklave nach dem Tod Pius XII. den neuen Papst Johannes XXIII., und ein junger Ingenieur in Texas verlötet auf einem daumennagelgroßen Germanium-Plättchen den ersten integrierten Schaltkreis der Geschichte. Und im Februar erschüttert ein Flugzeugunglück in München den europäischen Sport, als die „Busby Babes" von Manchester United zu Todesopfern werden.
Chruschtschows Berlin-Ultimatum

Seit dem Potsdamer Abkommen von 1945 steht Berlin unter der gemeinsamen Verwaltung der vier Siegermächte — eine Vier-Sektoren-Stadt mitten im sowjetisch besetzten Ostdeutschland, West-Berlin dabei eine vom Bundesgebiet getrennte Exklave. Schon 1948/49 hatte Moskau mit der Blockade der Zufahrtswege und der alliierten Luftbrücke die Verwundbarkeit der Stadt vorgeführt. Am 10. November 1958 kündigt Nikita Chruschtschow in einer Moskauer Rede an, die Vier-Mächte-Vereinbarungen über Berlin für hinfällig zu erklären; am 27. November folgt die förmliche Note an die Regierungen der USA, Großbritanniens und Frankreichs. Darin rekapituliert die sowjetische Führung die Nachkriegsentwicklung aus ihrer Sicht, wirft den Westmächten Vertragsbrüche vor und eröffnet damit die zweite Berlin-Krise. Chruschtschow fordert den Abzug der alliierten Truppen und den Übergang West-Berlins in den Status einer entmilitarisierten „Freien Stadt". Geschieht dies nicht binnen sechs Monaten — die Frist läuft auf den 27. Mai 1959 —, droht Moskau, die Kontrollrechte über die Zugangswege der DDR zu übertragen und die Westmächte damit vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die Westmächte, Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt weisen das Ultimatum geschlossen zurück. Auf der Genfer Außenministerkonferenz von Mai bis August 1959 bleibt eine Einigung aus, und die Frist verstreicht im Mai 1959 folgenlos. Der Konflikt um Berlin, nur wenige Bahnstunden von Luckenwalde entfernt, bleibt fortan das beherrschende Thema der deutschen Frage, überschattet noch das Gipfeltreffen von Camp David im September 1959 und mündet erst 1961 mit dem Mauerbau am 13. August in eine vorläufige, für die geteilte Stadt bittere Lösung.
Volkskammerwahl: Einheitsliste erhält amtlich 99,87 Prozent

Wie schon 1950 und 1954 tritt die Bevölkerung der DDR am 16. November zur Wahl der Volkskammer nicht vor eine Auswahl konkurrierender Parteien, sondern vor eine einzige Einheitsliste der Nationalen Front: SED, Blockparteien und Massenorganisationen wie FDGB und FDJ haben ihre Sitzanteile bereits vorab untereinander aufgeteilt, die Wähler können der Liste nur insgesamt zustimmen oder sie ablehnen. Wer mit „Nein" stimmen oder einzelne Namen streichen will, muss dafür sichtbar eine Wahlkabine aufsuchen — die überwiegende Mehrheit gibt ihre Stimme offen am Tisch ab. Wochen zuvor ziehen in den Städten der Republik, auch im Bezirk Potsdam, Losungen und an Stahlgerüsten aufgehängte Kandidatenporträts durch die Straßen; in Leipzig etwa wirbt die Nationale Front am Neuen Rathaus mit solcher „Sichtagitation" für den Urnengang. Nach amtlicher Verkündung stimmen 98,9 Prozent der Wahlberechtigten ab, von denen 99,87 Prozent der gültigen Stimmen der Einheitsliste zustimmen — die Sitzverteilung der neuen Volkskammer entspricht damit exakt der vorab festgelegten Quote. Ministerpräsident bleibt Otto Grotewohl, Erster Sekretär der SED weiterhin Walter Ulbricht, dessen Kurs seit dem V. Parteitag im Juli auf „Einholen und überholen" programmiert ist.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Nordrhein-Westfalen, 6. Juli — CDU 50,5 %, SPD 39,2 %, Beteiligung 76,6 %. Die CDU erobert unter Franz Meyers erstmals die absolute Mehrheit der Sitze und regiert fortan allein.
- Schleswig-Holstein, 28. September — CDU 44,4 %, SPD 35,9 %, Beteiligung 78,7 %. Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel führt eine Koalition aus CDU, FDP und BHE fort.
- Bayern, 23. November — CSU 45,6 %, SPD 30,9 %, Beteiligung 76,6 %. Hanns Seidel setzt die Koalition mit GB/BHE und FDP fort.
- Hessen, 23. November — SPD 46,9 %, CDU 32,0 %, Beteiligung 82,3 %. Ministerpräsident Georg-August Zinn regiert weiter mit dem Flüchtlingsverband BHE.
- Berlin, 7. Dezember — SPD 52,6 %, CDU 37,7 %, Beteiligung 92,9 %. Erstmals gewinnt die SPD im West-Berliner Abgeordnetenhaus die absolute Mehrheit; Regierender Bürgermeister Willy Brandt bleibt im Amt — die Wahl fällt mitten in die Berlin-Krise, zehn Tage nach Chruschtschows Ultimatum vom 27. November.
Aus heutiger Sicht
Wer in der Wahlkabine den Zettel der Einheitsliste prüfte oder strich, statt ihn ungelesen zu falten und in die Urne zu werfen, machte sich damit vor Wahlhelfern und Nachbarn verdächtig — „Falten gehen" gilt als stille Norm. Zwischen der verkündeten Zustimmung von 99,87 Prozent und dem tatsächlichen Zwangscharakter der Wahl liegt so ein tiefer Graben.
Die DDR schafft die Lebensmittelkarten ab

Seit Kriegsende, ab Mai 1945, hatten die Besatzungsmächte in ihren Zonen Lebensmittelkarten ausgegeben, gestaffelt nach Schwere der Arbeit in fünf Verbrauchergruppen. Seit 1948 konnten Bürger der sowjetischen Zone Waren zusätzlich, aber deutlich teurer, kartenfrei in den Läden der Handelsorganisation (HO) kaufen — eine doppelte Preisebene, die den Alltag über ein Jahrzehnt prägte. Die Bundesrepublik hatte ihre Lebensmittelkarten bereits am 30. April 1950 endgültig abgeschafft, was in der DDR zum vielzitierten Vergleichsmaßstab und Politikum wurde. Erst gegen Ende der fünfziger Jahre übersteigt der Verbrauch wichtiger Nahrungsmittel wie Schweinefleisch, Eiern und Butter das Vorkriegsniveau — die wirtschaftliche Voraussetzung für den nächsten Schritt: Die Volkskammer beschließt auf Vorschlag von SED-Zentralkomitee, FDGB und Ministerrat das Ende der Rationierung. Zum 28. Mai fallen die Lebensmittelkarten, mit denen seit Kriegsende Fett, Fleisch, Zucker und Milch verbilligt bezogen werden konnten. Zugleich wird die doppelte Preisebene beseitigt — HO-Preise sinken, die Preise für vormals rationierte Waren steigen auf ein einheitliches, dazwischenliegendes Niveau. Beschäftigte mit einem Bruttoverdienst bis 800 Mark erhalten gestaffelte Lohnzuschläge zum Ausgleich, wobei niedrigere Einkommen stärker profitieren als mittlere und höhere. Die SED-Führung feiert den Schritt, nur wenige Wochen vor dem V. Parteitag, als Beleg für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des „Arbeiter-und-Bauern-Staates". Auch in den Geschäften von Luckenwalde und dem Bezirk Potsdam endet damit ein Stück Nachkriegsalltag.
V. Parteitag der SED — »Einholen und überholen«

Vom 10. bis 16. Juli tagt in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle der V. Parteitag der SED, zu dem rund 1.648 Delegierte ohne erkennbaren Widerspruch zusammenkommen. Erster Sekretär Walter Ulbricht verkündet den „Sieg des Sozialismus" in der DDR und ruft die Losung „Einholen und überholen" aus: Bis 1961 soll der Pro-Kopf-Verbrauch wichtiger Lebensmittel und Konsumgüter den der Bundesrepublik übertreffen — ein ehrgeiziges Wettrennen der Systeme, das sich als kaum erfüllbar erweisen wird. Zugleich proklamiert Ulbricht die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik" — in bewusster Anlehnung an die biblischen Gebote formuliert, verlangen sie unter anderem, das Vaterland zu lieben und die „Arbeiter-und-Bauern-Macht" zu verteidigen, Kinder „im Geiste des Friedens und des Sozialismus" zu erziehen und „sauber und anständig" zu leben. Das Regelwerk zur Erziehung des „sozialistischen Menschen" wird fortan in Schulen und bei der Jugendweihe verbreitet und 1963 sogar ins SED-Parteiprogramm aufgenommen. Für die Betriebe im Bezirk Potsdam bedeutet der Parteitag neue Produktionsauflagen und verschärften Wettbewerb um die Planerfüllung.
Mao Zedong startet den »Großen Sprung nach vorn«

Nach den Erfolgen des ersten, sowjetischem Vorbild folgenden Fünfjahrplans (1953–1957) sucht Mao Zedong einen eigenen, schnelleren Weg zum Sozialismus — auch im Wettstreit mit Moskaus Kurs der „friedlichen Koexistenz" unter Chruschtschow. Im Frühjahr 1958 ruft er die gewaltige Wirtschafts- und Gesellschaftskampagne des „Großen Sprungs nach vorn" aus: Binnen weniger Jahre soll China den Westen in der Industrieproduktion überholen. Landwirtschaftliche Genossenschaften werden zu riesigen Volkskommunen zusammengelegt — bis Jahresende leben praktisch alle Bauern Chinas, mehrere hundert Millionen Menschen, in rund 24.000 solcher Kommunen, die Landwirtschaft und Industrie gleichermaßen revolutionieren sollen. Millionen Bauern werden zudem angehalten, in primitiven Hinterhof-Hochöfen aus Haushaltsgegenständen und Werkzeugen Stahl zu schmelzen, um binnen kurzem den Westen in der Stahlproduktion einzuholen — meist wertloser Ausschuss. Zugleich melden lokale Kader stark übertriebene Rekordernten, woraufhin der Staat Getreide über den tatsächlichen Überschuss hinaus requiriert und sogar exportiert. Was als Sprung in die kommunistische Zukunft gepriesen wird, entpuppt sich rasch als Fehlplanung katastrophalen Ausmaßes — sie leitet die Große Chinesische Hungersnot von 1959 bis 1961 ein, der nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und 55 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Erst die offene Kritik von Verteidigungsminister Peng Dehuai auf der Lushan-Konferenz 1959 bringt Zweifel an der Kampagne in die Parteiführung, ändert an der Politik selbst aber zunächst wenig.
Weltausstellung Expo 58 in Brüssel

Unter dem Motto „Eine Bilanz der Welt für eine menschlichere Welt" öffnet auf dem Brüsseler Heysel-Plateau am 17. April die Expo 58 ihre Tore — die erste große Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der New Yorker Schau von 1939. Bis zum Ende am 19. Oktober präsentieren sich mehr als 40 Nationen in rund 45 nationalen Pavillons, dazu kommen zahlreiche belgische Pavillons und eine eigene, damals noch als Kolonie ausgestellte Abteilung für Belgisch-Kongo — deren „Kongo-Dorf" mit Bewohnern aus der Kolonie aus heutiger Sicht als koloniales Schaustück gilt. Über 41 Millionen Besucher strömen bis zum Herbst auf das Gelände. Wahrzeichen der Schau — und bis heute Wahrzeichen Brüssels — wird das gigantische Atomium des Ingenieurs André Waterkeyn: 102 Meter hoch, aus neun je 18 Meter durchmessenden, stählernen Kugeln zusammengesetzt, die eine 165-milliardenfach vergrößerte Elementarzelle eines Eisenkristalls nachbilden. Erst wenige Wochen vor der Eröffnung fertiggestellt, wird es zum Sinnbild für den Fortschrittsglauben des Atomzeitalters. Die Expo wird zugleich zur Bühne des Kalten Krieges: Die Sowjetunion zeigt in ihrem monumentalen Pavillon Modelle der Satelliten Sputnik 1 und 2 und erhält dafür den Grand Prix der Ausstellung, während der von Edward Durell Stone entworfene US-Pavillon mit Modeschau, farbigem Fernsehstudio und einem historisches Wissen demonstrierenden Rechner den amerikanischen Konsum- und Technikoptimismus vorführt. Auch die beiden deutschen Staaten tragen ihr stilles Wettrennen um die bessere Selbstdarstellung aus: Der von Egon Eiermann und Sep Ruf entworfene, betont leichte und transparente Pavillon der Bundesrepublik gilt der Weltpresse als einer der elegantesten der Schau und soll bewusst mit dem Bild des NS-Staates brechen, während die DDR ihren Pavillon für die Präsentation industrieller und kultureller Aufbauleistungen des „Arbeiter-und-Bauern-Staates" nutzt.
De Gaulle kehrt an die Macht zurück — Frankreich gründet die Fünfte Republik

Seit Ende 1956 lähmt der Algerienkrieg die politisch zersplitterte Vierte Französische Republik: Wechselnde Kabinette scheitern an der Frage, wie mit dem Unabhängigkeitskampf in der nordafrikanischen Kolonie umzugehen sei. Am 13. Mai putschen in Algier aufständische Militärs und Siedler gegen Paris und fordern die Rückkehr Charles de Gaulles — des Kriegshelden und ehemaligen Übergangsregierungschefs, der sich seit 1946 aus der aktiven Politik zurückgezogen hatte. Um einen Bürgerkrieg abzuwenden, beruft Staatspräsident René Coty de Gaulle am 1. Juni zum letzten Ministerpräsidenten der Vierten Republik; das Parlament stattet ihn mit Vollmachten zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung aus. Am 4. September stellt de Gaulle den Verfassungsentwurf öffentlich vor, der die Stellung des Staatspräsidenten und der Exekutive gegenüber dem Parlament deutlich stärkt. Am 28. September billigen die Franzosen die neue Verfassung im Referendum mit rund 79 Prozent Zustimmung; auch die überseeischen Kolonien stimmen mit ab, mit weitreichenden Folgen für einige von ihnen. Am 4. Oktober verkündet Coty die Verfassung der Fünften Republik, am 21. Dezember wählt ein Wahlmännerkollegium de Gaulle zum neuen Staatspräsidenten; sein Amt tritt er im Januar 1959 an. Die Fünfte Republik mit ihrem starken Präsidentenamt besteht bis heute fort.
Die NASA nimmt ihre Arbeit auf

Nach dem Sputnik-Schock des Oktober 1957 steht die USA unter Druck, im Wettlauf um den Weltraum nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bereits am 31. Januar gelingt mit Explorer 1 der Start des ersten amerikanischen Satelliten — entwickelt vom Team um Wernher von Braun in Zusammenarbeit mit dem Jet Propulsion Laboratory, noch unter der Regie des Heeres. Ein Instrument an Bord entdeckt die nach ihrem Erfinder benannten Van-Allen-Strahlungsgürtel der Erde. Um die bislang auf Luftfahrtbehörde NACA, Heer, Marine und Luftwaffe verstreuten amerikanischen Raumfahrtanstrengungen zu bündeln, unterzeichnet Präsident Dwight D. Eisenhower am 29. Juli den „National Aeronautics and Space Act". Am 1. Oktober nimmt die daraus hervorgegangene zivile Behörde NASA (National Aeronautics and Space Administration) offiziell ihre Arbeit auf und übernimmt Personal und Einrichtungen der aufgelösten NACA. Von nun an bündelt die neue Behörde die zivile amerikanische Raumfahrt im Wettstreit mit der Sowjetunion — einem Wettlauf, der über das folgende Jahrzehnt zu einem zentralen Schauplatz des Kalten Krieges wird und 1969 in der ersten bemannten Mondlandung gipfelt.
Flugzeugunglück von München-Riem — die „Busby Babes" sterben

Auf dem Rückflug von einem Europapokal-Viertelfinale in Belgrad gegen Roter Stern Belgrad, mit dem sich die junge Mannschaft von Manchester United unter Trainer Matt Busby für das Halbfinale qualifiziert hatte, legt die gecharterte Maschine der British European Airways (Flug 609) einen Tankstopp auf dem Flughafen München-Riem ein. Bei Schneematsch auf der Startbahn misslingen der Besatzung zwei Startversuche; beim dritten, am 6. Februar, rutscht die zweimotorige Maschine vom Typ Airspeed Ambassador über das Bahnende hinaus, kollidiert mit einem Haus und einer Baracke und zerbricht. Von 44 Insassen sterben 20 sofort, drei weitere später im Krankenhaus — insgesamt 23 Tote, darunter acht Spieler der als „Busby Babes" gefeierten, jungen Meistermannschaft: unter ihnen Roger Byrne, Tommy Taylor, David Pegg, Eddie Colman, Mark Jones, Geoff Bent und Liam Whelan; der englische Nationalspieler Duncan Edwards, gerade 21 Jahre alt, erliegt zwei Wochen später seinen Verletzungen. Trainer Busby selbst überlebt schwer verletzt und baut die Mannschaft in den Folgejahren neu auf — zehn Jahre nach dem Unglück, 1968, gewinnt Manchester United unter ihm den Europapokal der Landesmeister. Das Unglück von München-Riem, das den europäischen Fußball tief erschüttert, bleibt bis heute im kollektiven Gedächtnis des englischen Sports verankert.
Tod Pius XII. — Johannes XXIII. zum neuen Papst gewählt

Nach fast zwanzig Amtsjahren, die den Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsordnung und den beginnenden Kalten Krieg umspannten, stirbt Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli) am 9. Oktober in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Sein 1939 begonnenes Pontifikat bleibt bis heute von der Kontroverse um sein Schweigen zur Judenverfolgung überschattet, während Verteidiger auf stille diplomatische Hilfe für Verfolgte verweisen. Am 25. Oktober tritt das Konklave in der Sixtinischen Kapelle zusammen; nach elf Wahlgängen einigen sich die Kardinäle am 28. Oktober auf den 76-jährigen Patriarchen von Venedig, Angelo Giuseppe Roncalli, der den Namen Johannes XXIII. annimmt. Wegen seines hohen Alters gilt er zunächst vielen als „Übergangspapst" — eine Einschätzung, die sich rasch als Irrtum erweist: Bereits im Januar 1959 kündigt er die Einberufung eines Zweiten Vatikanischen Konzils an, das die katholische Kirche in den folgenden Jahren grundlegend erneuern wird. Gekrönt wird Johannes XXIII. am 4. November; seine Wahl markiert für viele Katholiken, auch die wenigen im überwiegend evangelisch und atheistisch geprägten Bezirk Potsdam, den Beginn einer neuen, offeneren Epoche der Kirche.
Jack Kilby erfindet den integrierten Schaltkreis

Im Sommer 1958 ist der Ingenieur Jack Kilby erst wenige Monate bei Texas Instruments in Dallas beschäftigt und hat deshalb noch keinen Anspruch auf die üblichen Werksferien, während der die Kollegen das Labor für zwei Wochen räumen. Allein zurückgeblieben, arbeitet er an einer Lösung für die sogenannte „Tyrannei der Zahlen": Je komplexer elektronische Schaltungen werden, desto mehr einzeln verlötete Transistoren, Widerstände und Kondensatoren braucht man — mit wachsender Fehleranfälligkeit. Kilbys Idee: sämtliche Bauteile aus demselben Halbleitermaterial auf einem einzigen Chip zu fertigen. Am 12. September demonstriert er seinen Vorgesetzten den ersten funktionierenden Prototyp — einen Phasenschieberoszillator auf einem nur 11 mal 1,6 Millimeter kleinen Stück Germanium, notdürftig mit feinen Golddrähten verbunden. Die Erfindung des integrierten Schaltkreises gilt als eine der folgenreichsten Techniken des 20. Jahrhunderts und legt den Grundstein für Mikroprozessor und Computerchip; im Februar 1959 meldet Kilby ein Patent an, kurz bevor der Kalifornier Robert Noyce bei Fairchild Semiconductor unabhängig eine praktikablere Silizium-Variante entwickelt. Für seine Pionierleistung erhält Kilby erst im Jahr 2000 den Nobelpreis für Physik.
Guinea sagt „Non" — erste Unabhängigkeit in Französisch-Westafrika

Im selben Referendum vom 28. September, mit dem die Franzosen die neue Verfassung der Fünften Republik billigen, stimmen auch die Bewohner der französischen Kolonien über den Beitritt zur neu geschaffenen Französischen Gemeinschaft ab — einem losen Staatenbund unter Pariser Führung, der den Kolonien innere Autonomie, aber keine volle Souveränität zugesteht. Einzig in der westafrikanischen Kolonie Guinea ruft der charismatische Gewerkschaftsführer Ahmed Sékou Touré mit seiner Partei PDG unter der Losung „Lieber Armut in Freiheit als Reichtum in Sklaverei" zum „Non" auf. Mit überwältigender Mehrheit — rund 1,13 Millionen Nein- gegen nur 57.000 Ja-Stimmen — lehnt Guinea als einzige Kolonie den Verbleib in der Gemeinschaft ab. Präsident Charles de Gaulle reagiert brüskiert: Frankreich zieht binnen Wochen sein Personal, seine Ausrüstung und selbst Aktenschränke und Telefonleitungen aus dem Land ab. Am 2. Oktober proklamiert Sékou Touré in Conakry die unabhängige Republik Guinea — die erste Kolonie Französisch-Westafrikas, die volle Souveränität erlangt — und wird deren erster Präsident. Isoliert von der ehemaligen Kolonialmacht, sucht Guinea rasch Unterstützung sowohl im Ostblock als auch im Westen und wird so früh zum Schauplatz des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden.
Ein Zufall macht Geschichte: Rudolf Mößbauer entdeckt den Mößbauer-Effekt

Am Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung in Heidelberg promoviert der junge Physiker Rudolf Mößbauer bei Heinz Maier-Leibnitz über die Absorption von Gammastrahlung in Kristallen. Bei seinen Messungen an Iridium-191 stößt er 1958 auf einen Effekt, den die bisherige Theorie nicht erklärt: Unter bestimmten Bedingungen wird die Gammastrahlung von Atomkernen im Kristallgitter rückstoßfrei absorbiert und emittiert — eine Kernresonanzabsorption von bislang unerreichter Schärfe. Nach eigener Aussage ist der Nachweis ein Zufallsfund, der sich aus einer scheinbaren Unstimmigkeit in seinen Messdaten ergibt. Der 1929 in München geborene Mößbauer hatte seine Dissertation 1955 begonnen; der nun nach ihm benannte Mößbauer-Effekt eröffnet der Physik ein neues, hochpräzises Werkzeug, mit dem sich kleinste Energieverschiebungen messen lassen.
Aus heutiger Sicht
Für den 1958 in Heidelberg erstmals direkt nachgewiesenen Effekt erhält Rudolf Mößbauer 1961 gemeinsam mit dem Amerikaner Robert Hofstadter den Nobelpreis für Physik — mit nur 32 Jahren einer der jüngsten Nobelpreisträger seines Fachs.
Der erste eigene Wagen: Trabant-Serienstart in Zwickau

Nach einer Nullserie von 50 Fahrzeugen im Vorjahr geht im Sommer 1958 in Zwickau die Serienproduktion eines neuen Kleinwagens an den Start: des AWZ P50, im Volksmund bald nur noch „Trabant" genannt. Zum 1. Mai waren dazu das VEB Automobilwerk „Audi" Zwickau und die VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerke Zwickau zu einem Betrieb fusioniert worden, um die Produktion zu steigern. Der Wagen mit selbsttragender Kunststoff-Karosserie aus dem in der DDR entwickelten Duroplast und Zweitakt-Zweizylindermotor gilt als Antwort auf den chronischen Mangel an Stahlblech — und als lang ersehnte Gelegenheit für DDR-Bürger, endlich ein eigenes, erschwingliches Auto zu bestellen. Bis August läuft er offiziell noch unter der Typenbezeichnung „AWZ P50 Trabant", danach nur noch als „Trabant".
Der King wird Gefreiter: Elvis Presley tritt seinen Wehrdienst in Friedberg an

Am 24. März wird der amerikanische Rock’n’Roll-Star Elvis Presley zum Wehrdienst der US Army einberufen — mitten auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Nach der Grundausbildung in Fort Hood, Texas, verschifft ihn die USS General Randall über den Atlantik; am 1. Oktober legt der Truppentransporter in Bremerhaven an. Bereits am 11. September war er offiziell dem 1. Bataillon des 32. Panzerregiments der 3. US-Panzerdivision zugeteilt worden, stationiert in den Ray Barracks in Friedberg (Hessen). Presley bezieht zunächst mit seinem Vater und seiner Großmutter Quartier im Hotel Grunewald im nahen Bad Nauheim. Auf ausdrücklichen Wunsch des Sängers und seines Managers Colonel Tom Parker gibt es keinen Promi-Sonderstatus: Presley durchläuft die reguläre Wehrpflicht wie jeder andere Rekrut, teilt die Kaserne mit seinen Kameraden und übt den gewöhnlichen Dienst des Panzerregiments.
Der Reifen erobert die Republik: die Hula-Hoop-Welle erreicht Deutschland

Im Juli bringt die amerikanische Firma Wham-O einen einfachen Kunststoffreifen zum Umschwingen der Hüften in den US-Handel — binnen nur vier Monaten verkaufen sich Millionen Exemplare des Hula-Hoop-Reifens. Noch im selben Jahr schwappt die Mode über den Atlantik auch in die beiden deutschen Staaten: Die Firma geobra Brandstätter, später bekannt als Hersteller von Playmobil, fertigt die Reifen erstmals in Lizenz für den deutschen Markt. Das populäre Kreiseln um die Hüfte wird rasch zum Straßen- und Schulhofvergnügen von Kindern und Jugendlichen — und liefert prompt den Stoff für Schlager: Angèle Durand besingt die deutsche Fassung „Hula Hopp", Ted Herold antwortet mit „Hula Rock". Auch im Bezirk Potsdam ist der schwingende Reifen bald aus keinem Schulhof mehr wegzudenken.
AM RANDE NOTIERT
- Am 6. Februar stirbt beim Flugzeugunglück von München-Riem ein Teil der Mannschaft von Manchester United — die „Busby Babes" erschüttern den europäischen Sport.
- In den USA entsteht im Juli/Oktober die NASA, gegründet als Antwort auf den sowjetischen Sputnik-Schock des Vorjahres.
- In Frankreich übernimmt Charles de Gaulle die Macht; im September billigt eine Volksabstimmung die neue Verfassung der Fünften Republik.
- Am 28. Oktober wählt das Konklave in Rom den Patriarchen von Venedig, Angelo Roncalli, zum neuen Papst Johannes XXIII. — Nachfolger des im Vorjahr verstorbenen Pius XII.
- Zum Jahresende, am 29. Dezember, wird die D-Mark zusammen mit anderen westeuropäischen Währungen voll konvertibel: Die Bundesrepublik hebt letzte Beschränkungen im Devisenverkehr auf — ein Meilenstein für Handel und Wirtschaftswunder.
- Auch im Bezirk Potsdam treibt die SED 1958 die Kollektivierung der Landwirtschaft voran: Immer mehr Bauern der Mark Brandenburg werden in neu gegründete LPGs gedrängt.
- In Luckenwalde wird das neue Kinderkrankenhaus fertiggestellt — ein weiterer Baustein des Gesundheitswesens der Kreisstadt.
- Der Luckenwalder Oberschüler Rudi Dutschke legt sein Abitur ab; weil er sich zuvor öffentlich gegen Wehrpflicht und Wiederbewaffnung der DDR gestellt hatte, verweigern ihm die Behörden das gewünschte Sportstudium.
- 24. Februar — Physiker Werner Heisenberg präsentiert bei einer Feier der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin seine „Weltformel", eine angeblich fast fertige einheitliche Feldtheorie. Kollege Wolfgang Pauli antwortet postwendend mit einer Postkarte, die nur ein leeres Rechteck zeigt: „Das zeigt der Welt, dass ich malen kann wie Tizian: Es fehlen nur ein paar technische Details." Die Fachwelt verwirft die Theorie in der Folge weitgehend.
- 28. Januar — In Dänemark meldet Godtfred Christiansen den kleinen Kunststoff-Klemmbaustein seiner Firma Lego zum Patent an; die deutsche Anmeldung folgt am 4. April. Sein Vater und Firmengründer Ole Kirk Christiansen erlebt den Erfolg nur noch kurz — er stirbt am 11. März im Alter von 66 Jahren.
- 3.–5. Juli — Auf der 2. Filmkonferenz der SED in Berlin wird DEFA-Chefdramaturg Rudolf Böhm wegen zu „liberaler" Filmauswahl abgelöst; Nachfolger wird Konrad Schwalbe — ein Vorgeschmack auf die kulturpolitische Verschärfung nach dem V. Parteitag.
WIRTSCHAFT · 1958
Der 2. Fünfjahrplan (1956–1960) der DDR setzt weiterhin auf den Ausbau von Schwer-, Energie-, Bau-, Chemie- und Elektroindustrie. 1958 läuft dazu das neue Chemieprogramm unter der Losung „Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit" an: Bis 1960 soll sich die Chemieproduktion verdoppeln, die Konsumgüterproduktion um 40 Prozent steigen. Das durchschnittliche Bruttoentgelt liegt 1958 bei rund 404 Mark im Monat, der Mindestlohn für Vollbeschäftigte bei 220 Mark. Zum 28. Mai fallen die letzten Lebensmittelkarten für Fleisch, Fett und Zucker — HO- und Kartenpreise verschmelzen zu einem einheitlichen Niveau, während gestaffelte Lohnzuschläge vor allem niedrigere Einkommen entlasten sollen.
Der Preisspiegel [DDR, EVP/HO, Preisstand 1958]:
- Mischbrot (1 kg) — 62 Pfennig
- Landbrot (1 kg) — 88–95 Pfennig
- Butter „frei" (HO, 1 Pfund) — 10,00 Mark
- Miete — 0,80–1,25 Mark je m² Wohnfläche
- Kinokarte (Abendvorstellung) — 70–95 Pfennig + 5 Pf „Kulturfünfer"
- Brötchen (Vergleich Frankfurt a. M./Hessen, DM, Jan. 1958) — 8 Pfennig
STIMMEN DER PRESSE · 1958
Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland — als gleichgeschaltete Parteizeitung ohne unabhängige Redaktion — richtet den Blick auch 1958 gern kontrastierend nach Westen. Unter Berufung auf eine ADN-Meldung aus Frankfurt vermerkt es zu Jahresbeginn steigende Brotpreise in Hessen:
„Die Brotpreise sind in Frankfurt (Main) und in ganz Hessen seit Montag fast ausnahmslos heraufgesetzt worden. Auch Spezialbrote und viele andere Backwaren wurden teurer." — Neues Deutschland, 10. Januar 1958
Selten, aber nicht ganz verstummt, ist in derselben Zeitung auch leise Sachkritik am eigenen System zu lesen — ein Leserbrief beklagt Ende Januar die schleppende Freigabe fertiger DEFA-Filme:
„Tausende von Mark werden für diese Filme ausgegeben, und dann schmoren sie in den Schränken der HV Film oder sie werden erst so unfrisiert, dass dann bestimmt nichts Gescheites rauskommt." — Neues Deutschland, 28. Januar 1958
Abseits der gedruckten Presse zeichnet die tatsächliche Wahlpraxis bei der Volkskammerwahl im November ein eigenes Stimmungsbild: Wer die Wahlkabine benutzt, um den Einheitslisten-Zettel zu prüfen oder zu streichen, statt ihn ungelesen zu falten und in die Urne zu werfen, macht sich damit vor Wahlhelfern verdächtig — „Falten gehen" gilt als stille Norm.
Aus heutiger Sicht
Neues Deutschland ist 1958 das Zentralorgan der SED und unterliegt strikter Parteikontrolle; kritische Töne wie der zitierte Leserbrief bleiben seltene Ausnahmen in einer ansonsten gleichgeschalteten Presselandschaft, die West-Themen wie die hessische Brotpreiserhöhung gezielt als Kontrastfolie zur eigenen Systempropaganda einsetzt.
SPORT · 1958
Fußballerisch beherrscht 1958 die Weltmeisterschaft in Schweden die Schlagzeilen. Titelverteidiger Bundesrepublik Deutschland scheidet im Halbfinale gegen den Gastgeber aus: Am 24. Juni unterliegt die Mannschaft um Fritz Walter in Göteborg vor 49.471 Zuschauern mit 1:3 — nach einer Roten Karte gegen Erich Juskowiak in einer Rudelbildung geht das Spiel als „Schlacht von Göteborg" in die Fußballgeschichte ein. Im Spiel um Platz drei unterliegt Deutschland auch Frankreich deutlich mit 3:6, wobei der Franzose Just Fontaine allein vier Tore erzielt und mit insgesamt 13 Turniertoren einen bis heute ungebrochenen WM-Rekord aufstellt. Am 29. Juni gewinnt Brasilien im Finale von Solna mit 5:2 gegen Gastgeber Schweden und wird zum ersten Mal Weltmeister außerhalb Amerikas. Zum Star des Turniers wird der gerade 17-jährige Pelé, der im Finale zwei und im Halbfinale gegen Frankreich drei Tore erzielt — mit seinen Toren läutet er eine neue Fußball-Ära ein und wird zum jüngsten Weltmeister der Turniergeschichte. Auch in der Mark Brandenburg verfolgen viele Fans das Turnier am Rundfunk — eine eigene DDR-Auswahl, die sich für die Endrunde nicht qualifiziert hatte, bleibt von der Fußball-Weltspitze noch weit entfernt.
MODE · 1958
Die Mode steht 1958 im Zeichen eines Wechsels an der Spitze von Paris: Nach dem plötzlichen Herztod Christian Diors im Oktober 1957 in Italien übernimmt dessen bisheriger, erst 21-jähriger Assistent Yves Saint Laurent die künstlerische Leitung des Modehauses Dior — der jüngste Couturier an der Spitze eines großen Pariser Hauses. Am 30. Januar zeigt er seine erste eigene Kollektion, die Trapez-Linie: ein taillenloser, vom Körper wegschwingender Schnitt — ein Bruch mit der strengen Wespentaille des „New Look", mit dem Dior selbst in den späten vierziger Jahren die Mode revolutioniert hatte. Die Schau wird umjubelt gefeiert und sichert dem Haus Dior wirtschaftlich wie ideell die Nachfolge. In der DDR bleibt solcher Pariser Chic vorerst Vision statt Alltag: Zwischen Mangelwirtschaft und volkseigener Konfektion orientiert man sich noch an bescheideneren Vorbildern.
KINO & FERNSEHEN · 1958
Die DEFA bringt 1958 mehrere neue Filme heraus, etwa „Die Welt horcht auf" (7. Februar), „Nur eine Frau" (6. März) und „Meine Frau macht Musik" (3. April); im November folgt „Das Lied der Matrosen". Kulturpolitisch geht es zugleich enger zu: Auf der 2. Filmkonferenz der SED (3.–5. Juli in Berlin) greift Funktionär Anton Ackermann den DEFA-Film „Berlin – Ecke Schönhauser" scharf an und nennt Konrad Wolfs „Sonnensucher" den „größten Fehlschlag, den die DEFA seit ihrer Existenz aufzuweisen hat" — ein Funktionär der ZK-Kulturabteilung spricht sogar von „ideologischer Vorbereitung des konterrevolutionären Aufstandes". Im West-Berliner Kino-Betrieb locken derweil vom 27. Juni bis 8. Juli die 8. Internationalen Filmfestspiele Berlin internationales Publikum. Auf dem noch jungen Feld des Fernsehens verdoppelt sich unterdessen die Zahl der beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) angemeldeten Empfangsgeräte in der DDR binnen Jahresfrist: von 159.500 Ende 1957 auf 317.600 Ende 1958 — gut fünf Prozent der Haushalte besitzen damit bereits ein eigenes Fernsehgerät.
Aus heutiger Sicht
Der noch 1958 fertiggestellte DEFA-Film „Sonnensucher" von Konrad Wolf, der die Wismut-Uranförderung im Erzgebirge realistisch zeigt, wird auf Intervention der sowjetischen Botschaft verboten — erst am 20. Juli 1971, zum Wismut-Jubiläum in Ronneburg, kommt er zur Uraufführung. Ein Beispiel dafür, wie eng die Grenzen der „Tauwetter"-Phase nach 1956/57 tatsächlich gezogen sind.
GESTORBEN · 1958
- Wilhelm Zaisser (64), erster Minister für Staatssicherheit der DDR (1950–1953) — 3. März, DDR.
- Enno Littmann (82), Orientalist und Germanist, Übersetzer von „Tausendundeine Nacht" — 4. Mai, Tübingen.
- Kurt Alder (55), Chemiker, Nobelpreisträger 1950 für die Diels-Alder-Reaktion — 20. Juni, Köln.
- Johannes R. Becher (67), Schriftsteller, DDR-Kulturminister, Textdichter der Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen" — 11. Oktober, Berlin.
- Lion Feuchtwanger (74), Schriftsteller im US-Exil („Jud Süß", „Erfolg") — 21. Dezember, Los Angeles.
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1958
- Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft (1. Juli). In der Bundesrepublik endet die rechtliche Letztentscheidungsmacht des Ehemanns; Frauen erhalten erstmals ein eigenes Bankkonto und eigene Vermögensverwaltung — Umsetzung der 1949 im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung.
- Vollbeschäftigung im westdeutschen Wirtschaftswunderland. Die Arbeitslosenquote der Bundesrepublik sinkt unter drei Prozent — Höhepunkt eines Aufschwungs, der bis Mitte der sechziger Jahre anhält.
- Nobelpreis für Chemie an Frederick Sanger (10. Dezember). Der britische Biochemiker erhält die Auszeichnung als Erster für die komplette Entschlüsselung der Aminosäuresequenz des Insulins — ein Meilenstein der Molekularbiologie.
- Erste Kaufhallen erreichen die Mark Brandenburg (ab Sommer 1958). Nach Leipziger Vorbild eröffnen in Städten des Bezirks Potsdam die ersten Selbstbedienungsläden der Handelsorganisation (HO) — ein kleiner Schritt zu modernerem Einkaufen, auch für Luckenwalder Kundschaft.
DAS WETTER · 1958 in der Mark
An diesem 13. Juli war es in der Mark ein heißer Hochsommertag: Höchstwert 30,7 °C, in der Nacht 16,4 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 9,0 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,6 °C — nahe dem langjährigen Potsdamer Mittel (~8,8 °C). Wärmster Tag 32 °C am 16. Juli, kältester −14 °C am 4. Januar. 4 Hitzetage (≥30 °C), 10 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 711 mm.
(Messwerte der Säkularstation Potsdam, rund 30 km nördlich von Luckenwalde — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1958
Amtliche Musikcharts gab es in Deutschland erst ab 1959. Diese Liste versammelt die 20 populärsten Schlager und Lieder des Jahres — rekonstruiert aus Notenabsatz, Rundfunk und Filmerfolg, keine offizielle Rangfolge.
- Bambina — Peter Alexander
- Mexicano — Lolita
- Roter Wein und Musik in Toskanien — Caterina Valente & Silvio Francesco
- Ich bin ein Vagabund — Freddy Quinn
- Musik liegt in der Luft — Caterina Valente
- Sugar Baby — Peter Kraus
- Eine blaue Zauberblume — Lolita
- Der Legionär — Freddy Quinn
- Spiel noch einmal für mich Habanero — Caterina Valente
- Schokoladeneis — Gabriele
- Chanson vom Wirtschaftswunder — Wolfgang Neuss
- O Josefin, die Nacht in Napoli — Peter Alexander
- Ricky-Tick — Bibi Johns
- River Kwai March — Mitch Miller & His Orchestra
- Tammy — Debbie Reynolds
- Wake Up Little Susie — Everly Brothers
- Hard Headed Woman — Elvis Presley
- Tequila — The Champs
- When — Kalin Twins
- Witch Doctor — David Seville
Quellen: Schlager-Chroniken (musikhimmel.de · spectre-media.com · was-war-wann.de) — rekonstruierte Popularität, kein amtliches Ranking.
Suchsdorf wird Kieler Stadtteil
Mit dem 1. April gehört Suchsdorf zu Kiel. Bis dahin war der Ort eine eigene Gemeinde im Kreis Rendsburg; am 14. Februar hatte der Kreistag Rendsburg der Eingemeindung zugestimmt.
Auch Suchsdorfer Straßennamen wurden in diesem Jahr angepasst: Der Wiker Weg ging im Steenbeker Weg auf, und die Dorfstraße heißt nun Alte Dorfstraße.
Segelschulschiff „Gorch Fock“ für die Bundesmarine in Dienst gestellt
Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ ist am 17. Dezember in den Dienst der Bundesmarine gestellt worden. Gebaut wurde die Dreimastbark bei Blohm + Voss in Hamburg: Am 24. Februar wurde der Kiel gelegt (Baunummer 804), am 23. August lief das Schiff vom Stapel.
Getauft wurde es von der 14-jährigen Ulli Kinau, einer Nichte des Dichters Gorch Fock. Die Taufrede hielt auf Plattdeutsch Rudolf Kinau, der Bruder des Autors Gorch Fock.
Das Schiff ist 89,32 Meter lang über alles und 12,0 Meter breit und verdrängt 2006 Tonnen. An Bord sind 222 Mann. Die Baukosten betragen 8,5 Millionen DM. Erster Kommandant ist Wolfgang Erhardt.
Aus heutiger Sicht
Kiel wurde der Heimathafen der „Gorch Fock“ (Gorch-Fock-Mole). Die erste Auslandsreise begann am 3. August 1959 in Kiel.
Richtfest für das neue Modehaus C&A in der Andreas-Gayk-Straße

Am 1. August ist an der Andreas-Gayk-Straße 1–5 das Richtfest für den Neubau des Modehauses C&A Brenninkmeyer gefeiert worden. Am 25. September öffnete das Haus an der Ecke zum Bootshafen.
Am 9. September wurde in der Gneisenaustraße Richtfest für Kiels erstes mehrstöckiges Parkhaus gefeiert. Am 13. Oktober wurde das neue Hauptpostamt am Stresemannplatz, Ecke Andreas-Gayk-Straße, eröffnet, und drei Tage später, am 16. Oktober, feierte die Oberpostdirektion Richtfest für ihr neues Verwaltungsgebäude am Stresemannplatz.
64. Kieler Woche: Radrennen um den Kleinen Kiel

Vom 22. bis 29. Juni wurde an der Förde die 64. Kieler Woche gefeiert.
Zum Programm gehörte auch ein Radrennen. Am letzten Tag, dem 29. Juni, ging es „Rund um den Kleinen Kiel“. Am Start waren unter anderen die Radrennfahrer Herbert Thau und Hans Kloppmann.
Am 23. Juni, während der Kieler Woche, öffnete der neue Diederichsenpark in Düsternbrook für die Öffentlichkeit.
KURZ NOTIERT · Kiel 1958
- 14. Januar — Die ersten vierachsigen Großraumwagen fahren auf der Straßenbahnlinie 1.
- 18.–19. März — Beim bundesweiten ÖTV-Warnstreik stehen in Kiel Straßenbahnen und Obusse still, die Stromversorgung ist gestört.
- 12. April — Die Hebbelschule bezieht ihren Neubau in der Feldstraße.
- 23. April — Zum 100. Geburtstag des in Kiel geborenen Max Planck wird in der Küterstraße ein Gedenkstein enthüllt.
- 13. Mai — Die Hans-Christian-Andersen-Schule wird eröffnet, die erste neue Schule in Gaarden seit dem Krieg.
- 16. Mai — Der Paternoster im Rathaus fährt nach zwei Monaten Umbau wieder, nun über fünf Etagen.
- 18. September — Das Schauspielhaus in der Holtenauer Straße ist nach Jahren als Kino wieder ein Theater.
- 9. November — Die wiederaufgebaute Lutherkirche am Schrevenpark wird geweiht.
RUND UM DIE FÖRDE · 1958
- 31. Mai, Eckernförde — Auf der 1889 eröffneten Meterspurstrecke Eckernförde–Kappeln der Eckernförder Kreisbahnen fährt der letzte Zug bis Kappeln; am 10. September folgt der letzte Zug bis Loose.
- 19. Juni, Friedrichsort — Ein schwedisches Geschwader, das zur Kieler Woche einläuft, wird vor Friedrichsort zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg mit Salutschüssen begrüßt; die Bundeswehr nutzt seit 1957 die Gebäude der alten Festung und unterhält dort eine Salutbatterie.
SPORT AN DER FÖRDE · 1958
- Holstein Kiel — Die Saison 1957/58 in der Oberliga Nord beendete Holstein Kiel auf Platz 8 von 16 Mannschaften: 30:30 Punkte, 11 Siege, 8 Unentschieden, 11 Niederlagen, Tore 48:46. Meister wurde der Hamburger SV mit 43 Punkten; abgestiegen sind der VfB Lübeck und Göttingen 05. Die Saison 1958/59 läuft.
- THW Kiel — In der Endrunde um die Deutsche Feldhandball-Meisterschaft schied der THW schon im Achtelfinale aus: Am 1. Juni unterlag er den Kickers Offenbach mit 13:17.
- THW Kiel — Den Hallentitel des Vorjahres konnte der THW nicht verteidigen: Zur Endrunde fuhr als Norddeutscher Meister der VfL Wolfsburg, Deutscher Meister wurde am 23. März der TC Frisch Auf Göppingen mit 8:5 gegen den Berliner SV 1892.
DAS WETTER · 1958 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder, trüber Julitag: Höchstwert 23,6 °C, Tiefstwert 17,1 °C, Tagesmittel 18,6 °C. Es fielen 6,0 mm Regen, die Sonne schien nur rund 3,1 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,3 °C. Wärmster Tag 26,6 °C am 17. Juni, kältester Tiefstwert −10,0 °C am 25. Januar. Kein Hitzetag (≥30 °C), 4 Sommertage (≥25 °C), 15 Eistage (Dauerfrost) und 85 Frosttage. Jahresniederschlag 740 mm, Sonnenscheindauer 1557 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)