DER CHRONIST

Ein Jahr des Umbruchs: Revolutionen stürzen Diktatoren und werfen neue Schatten, ein Volk flieht über das Dach der Welt, und die Bundesrepublik ordnet sich neu — während im Tal der Wupper der Wiederaufbau sein kühnstes Bauwerk krönt. In Paris tritt ein General als starker Präsident einer neuen Republik an. In Moskau liefern sich der amerikanische Vizepräsident und der sowjetische Parteichef vor laufenden Kameras ein Wortgefecht über Kühlschränke und Weltanschauungen. Ein tragischer Flugzeugabsturz reißt drei junge Stars des jungen Rock'n'Roll aus dem Leben, während aus einer amerikanischen Spielzeugfabrik und einem britischen Autowerk zwei kleine Dinge in die Welt kommen, die Kinderzimmer und Straßen für Jahrzehnte prägen werden. Es ist ein Jahr, in dem große Politik und kleiner Alltag gleichermaßen Geschichte schreiben — vom Bergischen Land bis in die ganz große Welt.

Die Schlagzeilen des Jahres

Sieg der kubanischen Revolution — Fidel Castro an der Macht

Fidel Castros Einzug in Havanna, Januar 1959
Fidel Castros triumphaler Einzug in Havanna, Januar 1959. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Was in dieser Neujahrsnacht endet, hatte 1953 mit einem gescheiterten Handstreich begonnen: Am 26. Juli jenes Jahres griff eine kleine Gruppe um den jungen Anwalt Fidel Castro die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba an — ein Fiasko, das ihm Gefängnis und später Exil in Mexiko einbrachte, ihm aber zugleich den Namen für seine Bewegung gab: das „26. Juli"-Movimiento. Seit Fulgencio Batista sich 1952 an die Macht geputscht hatte, regierte er Kuba als korrupter Militärdiktator, gestützt auf US-Wirtschaftsinteressen und organisierte Kriminalität in Havannas Spielkasinos. Im Dezember 1956 landete Castro mit 82 Getreuen — darunter der argentinische Arzt Che Guevara und Camilo Cienfuegos — von Mexiko aus mit der Yacht „Granma" auf Kuba und zog sich in die Sierra Maestra zurück, von wo aus eine Guerilla-Armee binnen zwei Jahren große Teile der Insel eroberte. Die Entscheidung fällt zum Jahreswechsel 1958/59: Am 29. Dezember 1958 erobert Guevaras Kolonne nach der Kapitulation eines Regierungs-Panzerzuges („Tren Blindado") die Stadt Santa Clara, während Castros Verbände im Osten auf Santiago vorrücken. In den frühen Morgenstunden des 1. Januar flieht Batista mit seinem Gefolge nach Ciudad Trujillo in die Dominikanische Republik; noch am Abend verkündet Castro von Santiago de Cuba aus den Sieg der Revolution. Nach einem tagelangen, umjubelten Zug quer über die Insel zieht er am 8. Januar in Havanna ein. Die neue Regierung unter dem zunächst nur als Oberbefehlshaber amtierenden Castro leitet rasch eine Agrarreform und die Enteignung von US-Unternehmen ein; die Beziehungen zu Washington kippen binnen Monaten. Was als Sturz eines korrupten Regimes beginnt, wird binnen weniger Jahre zum sozialistischen Kuba unter Castros Führung bis 2008 und zum Krisenherd des Kalten Krieges vor der Haustür der USA — von der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht 1961 bis zur Kubakrise 1962.

Aufstand in Lhasa — der Dalai Lama flieht nach Indien

Der Dalai Lama erreicht 1959 indischen Boden
Der 14. Dalai Lama nach seiner Flucht bei der Ankunft in Indien, 1959. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Seit chinesische Truppen 1950/51 Tibet besetzt und dem Land im „17-Punkte-Abkommen" formal Autonomie unter chinesischer Oberhoheit zugesichert hatten, war der Widerstand vor allem im Osten Tibets gewachsen: Ab 1956 formierte sich dort die Guerilla-Bewegung Chushi Gangdruk („Vier Flüsse, sechs Gebirgszüge") gegen Pekings Kollektivierungspolitik. Am 10. März 1959 verdichten sich in Lhasa Gerüchte, die chinesische Militärführung wolle den 14. Dalai Lama zu einer Theateraufführung ohne seine Leibwache in die Garnison locken und dort festsetzen — Zehntausende Tibeter umringen daraufhin seinen Sommerpalast Norbulingka, um ihn zu schützen. Der Protest wächst binnen weniger Tage von einer Solidaritätskundgebung zu offenen Rufen nach Unabhängigkeit; am 17. März beginnt die chinesische Volksbefreiungsarmee, Norbulingka und Teile Lhasas mit Artillerie zu beschießen. In derselben Nacht verlässt der 23-jährige Dalai Lama, verkleidet und von seinem Berater Phala sowie Kämpfern der Chushi Gangdruk eskortiert, heimlich den Palast. Während in Lhasa noch tagelang blutig gekämpft wird — Schätzungen gehen von mehreren Tausend Toten und Verhafteten aus —, führt die Flucht über die Region Lhoka und den Himalaya; am 31. März erreicht der Dalai Lama bei Chuthangmu indischen Boden, wo ihm Premierminister Jawaharlal Nehru Asyl gewährt. In den folgenden Monaten folgen ihm rund 80.000 Tibeter ins Exil. Tibet verliert seine Autonomie und wird direkter chinesischer Verwaltung unterstellt, der Dalai Lama begründet in Indien eine Exilregierung, die bis heute besteht.

Heinrich Lübke wird zweiter Bundespräsident

Bundespräsident Heinrich Lübke
Heinrich Lübke, 1959 zum zweiten Bundespräsidenten gewählt. (Bundesarchiv / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Die 3. Bundesversammlung — 1.038 Mitglieder aus Bundestag und den Länderparlamenten — wählt in der Ostpreußenhalle auf dem Berliner Messegelände den 65-jährigen Bundesernährungsminister Heinrich Lübke (CDU) zum zweiten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Im ersten Wahlgang verfehlt er mit 517 von nötigen 520 Stimmen die absolute Mehrheit knapp; erst im zweiten Wahlgang setzt er sich mit 526 gegen 386 Stimmen für den SPD-Kandidaten Carlo Schmid durch, während der FDP-Bewerber Max Becker 99 Stimmen erhält. Zuvor hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer selbst mit einer Kandidatur geliebäugelt und dies am 8. April in einer Rundfunkansprache angekündigt, den Plan aber im Juni wieder fallen gelassen — aus Sorge, mit dem Wechsel ins repräsentative Präsidentenamt Platz für seinen ungeliebten Wunschnachfolger Ludwig Erhard im Kanzleramt zu machen. Lübke tritt die Nachfolge des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss am 13. September an; die Bundesrepublik gewinnt an Kontinuität, während sich die Machtfrage in Bonn neu stellt.

Die übrigen Wahlgänge des Jahres:

  • Niedersachsen, 19. April — SPD 39,5 %, CDU 30,8 % (Wahlbeteiligung 78,0 %). Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) bleibt im Amt.
  • Rheinland-Pfalz, 19. April — CDU 48,4 %, SPD 34,9 % (Wahlbeteiligung 77,2 %). Trotz absoluter Mehrheit führt Ministerpräsident Peter Altmeier (CDU) die Koalition mit der FDP fort.
  • Bremen, 11. Oktober — SPD 54,9 %, CDU 14,8 % (Wahlbeteiligung 79,2 %). Die SPD erringt die absolute Mehrheit, die CDU scheidet aus dem Senat aus; Bürgermeister Wilhelm Kaisen regiert mit der FDP weiter.

SPD wandelt sich in Bad Godesberg zur Volkspartei

SPD-Plakat zum Godesberger Programm 1959
Zeitgenössisches SPD-Plakat zum Godesberger Programm, 1959. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Auf einem außerordentlichen Parteitag vom 13. bis 15. November im Stadthaus von Bad Godesberg beschließen 324 gegen 16 Delegiertenstimmen das Godesberger Programm — das erste neue Grundsatzprogramm der SPD seit dem Heidelberger Programm von 1925, das noch marxistischer Klassenkampfrhetorik verpflichtet war. Vorbereitet über Jahre unter Parteivorsitzendem Erich Ollenhauer, treibt vor allem der frühere Kommunist Herbert Wehner den Wandel voran; sein Bekenntnis der Partei zur Landesverteidigung und zur westlichen Bündnispolitik samt NATO-Mitgliedschaft begründet er mit dem Satz, man solle „einem Gebrannten" glauben. Die Partei verabschiedet sich von marxistischer Rhetorik, bekennt sich zur sozialen Marktwirtschaft — nach der von Karl Schiller geprägten Formel „Soviel Wettbewerb wie möglich, soviel Planung wie nötig" —, zu den Kirchen und zur Bundeswehr und öffnet sich als Volkspartei für Wähler jenseits der Arbeiterschaft, statt allein deren Interessen zu vertreten. Der Kurswechsel, mitten im eigenen Bundesland NRW gefasst, kostet die Partei manchen altgedienten Funktionär, legt aber das programmatische Fundament, auf dem später Willy Brandt als Kanzlerkandidat und ab 1966 die Große Koalition sowie 1969 die sozialliberale Regierung aufbauen können.

Aus heutiger Sicht

Öffentlich wird das Godesberger Programm mit dem überwältigenden Ergebnis von 324 gegen 16 Stimmen als nahezu geschlossener Aufbruch der SPD zur Volkspartei gefeiert. Hinter der glatten Zahl steht jedoch eine reale innerparteiliche Verwerfung: Die 16 unterlegenen Delegierten geben aus Protest ihre Parteibücher ab, und Teile der Parteilinken fühlen sich von Herbert Wehner „überrascht", der entgegen mancher Erwartung für das neue Programm stimmte.

Charles de Gaulle wird erster Präsident der Fünften Republik

Präsident Charles de Gaulle bei einer Werksbesichtigung, Frühjahr 1959
Charles de Gaulle als Staatspräsident bei einer Betriebsbesichtigung, Frühjahr 1959. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Die Rückkehr Charles de Gaulles an die Macht im Mai 1958 war eine Reaktion auf die schwere Staatskrise, in die der Algerienkrieg die Vierte Republik gestürzt hatte: Aufständische Militärs und Siedler in Algier erzwangen mit der Drohung eines Staatsstreichs die Rückkehr des Generals, der Frankreich bereits 1944–46 als Übergangsregierungschef geführt hatte. Als letzter Regierungschef der Vierten Republik ließ de Gaulle eine neue Verfassung ausarbeiten, die den Präsidenten deutlich stärkte und am 28. September 1958 in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde — die Geburtsstunde der Fünften Republik. Am 21. Dezember 1958 wählte ein Kollegium aus Parlamentariern und Kommunalpolitikern de Gaulle mit 78 Prozent der Stimmen zum Staatspräsidenten; am 8. Januar 1959 tritt er sein Amt an und ernennt seinen langjährigen Weggefährten Michel Debré zum Premierminister. Die von de Gaulle geprägte Verfassung, die dem Präsidenten weitreichende Vollmachten gegenüber Parlament und Regierung einräumt, bleibt bis heute die Grundordnung Frankreichs. Für die Bundesrepublik, die mit Adenauer und de Gaulle bald eine enge deutsch-französische Männerfreundschaft entwickeln wird, markiert der Amtsantritt den Beginn einer neuen Ära der Aussöhnung zwischen den einstigen Erzfeinden.

„The Day the Music Died" — Flugzeugabsturz reißt drei Rock'n'Roll-Stars in den Tod

Buddy Holly, Rock'n'Roll-Musiker
Buddy Holly, hier auf einem Promotionfoto seines Labels Brunswick Records. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

In den frühen Morgenstunden des 3. Februar 1959 stürzt nahe Clear Lake im US-Bundesstaat Iowa eine gecharterte einmotorige Beechcraft Bonanza kurz nach dem Start bei schlechter Sicht ab — an Bord der 22-jährige Rock'n'Roll-Musiker Buddy Holly („That'll Be the Day", „Peggy Sue"), der 17-jährige Ritchie Valens („La Bamba") und der 28-jährige J. P. „The Big Bopper" Richardson („Chantilly Lace") sowie der junge Pilot Roger Peterson. Alle vier sterben beim Aufprall. Die Musiker befanden sich auf der strapaziösen „Winter Dance Party"-Tournee durch den US-amerikanischen Mittleren Westen und hatten den klapprigen Tourbus für einen Nachtflug zum nächsten Auftrittsort in Moorhead, Minnesota, gegen ein gemietetes Flugzeug getauscht, um der klirrenden Kälte zu entkommen; als Unglücksursache gilt ein Orientierungsfehler des unerfahrenen Piloten. Der Unfall, der drei der prägendsten jungen Stars des jungen Rock'n'Roll auslöscht, erschüttert die noch junge Musikszene diesseits und jenseits des Atlantiks und geht 1971 durch Don McLeans Song „American Pie" als „The Day the Music Died" in die Popkultur ein — ein früher, schmerzhafter Einschnitt in der Geschichte einer Musik, die gerade erst begonnen hatte, auch deutsche Jugendliche zu erobern.

Mattel bringt die Barbie-Puppe auf den Markt

Frühe Barbie- und Ken-Puppen von Mattel
Barbie- und Ken-Puppen aus den ersten Produktionsjahren nach dem Marktstart 1959. (Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Auf der American Toy Fair in New York stellt die noch junge Spielwarenfirma Mattel am 9. März 1959 eine neuartige Puppe vor: Barbie, benannt nach der Tochter der Firmenmitgründerin Ruth Handler. Die Idee dazu war Handler gekommen, als sie beobachtete, wie ihre Tochter lieber mit erwachsen aussehenden Papierpuppen als mit Babypuppen spielte; auf einer Europareise entdeckte sie zudem die deutsche „Bild-Lilli"-Puppe, eine Scherzfigur nach einer Comicfigur der Boulevardzeitung „Bild", die ihr als unmittelbares Vorbild für Konstruktion und Proportionen diente. Anders als die bis dahin üblichen Baby- und Kinderpuppen zeigt Barbie erstmals eine erwachsene, schlanke Frauenfigur mit wechselbarer Garderobe — ein Konzept, das zunächst auf Skepsis bei Spielwarenhändlern stößt, sich in den USA aber binnen kurzem zum Verkaufsschlager entwickelt. In den folgenden Jahrzehnten wird die Puppe zum weltweit meistverkauften Spielzeug ihrer Art und zugleich zur Projektionsfläche für Debatten über Frauenbilder und Schönheitsideale; auch in westdeutschen Kinderzimmern hält Barbie ab den sechziger Jahren Einzug und verdrängt allmählich die heimischen Puppenmarken.

Küchendebatte in Moskau: Nixon und Chruschtschow streiten vor der Musterküche

Nixon und Chruschtschow vor der amerikanischen Musterküche, Moskau 1959
Die „Küchendebatte" zwischen Vizepräsident Nixon und Parteichef Chruschtschow, Moskau, Juli 1959. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Bei der Eröffnung der American National Exhibition in Moskau, einer von der US-Regierung ausgerichteten Leistungsschau amerikanischen Wohlstands im Rahmen eines Kulturaustauschabkommens, gerät US-Vizepräsident Richard Nixon am 24. Juli 1959 vor laufenden Fernsehkameras mit dem sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow in einen improvisierten Schlagabtausch — ausgerechnet vor dem Modell einer amerikanischen Einbauküche mit Geschirrspüler und Kühlschrank. Nixon preist die technischen Errungenschaften des Kapitalismus, die dem einfachen amerikanischen Arbeiter ein komfortables Leben ermöglichten; Chruschtschow kontert spöttisch, die Sowjetunion werde den Westen bald überholen, und packt Nixon während des Wortgefechts so fest am Arm, dass dieser sich kaum befreien kann. Die als „Küchendebatte" bekannt gewordene Konfrontation, die Nixon zusicherte, unzensiert im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt zu werden, wird zu einem der einprägsamsten Bilder des Kalten Krieges: ein Streit nicht um Raketen oder Panzer, sondern um Kühlschränke und Waschmaschinen als Symbole der Systemkonkurrenz. Der öffentlichkeitswirksame Auftritt trägt maßgeblich zu Nixons politischem Profil bei und geht dem Gegenbesuch Chruschtschows in den USA im September desselben Jahres voraus.

Der Mini feiert Premiere — BMC bringt den Kleinwagen der Zukunft

Morris Mini-Minor, Baujahr 1959
Ein Morris Mini-Minor aus dem Premierenjahr 1959. (Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

Als Antwort auf die Suezkrise von 1956, die mit Treibstoffknappheit und rasant steigenden Benzinpreisen in ganz Westeuropa die Nachfrage nach sparsamen Kleinwagen hatte explodieren lassen, bringt der britische Automobilkonzern British Motor Corporation (BMC) am 18. August 1959 ein ungewöhnliches Modell auf den Markt: den Mini, zunächst unter den Doppelnamen Austin Seven und Morris Mini-Minor verkauft. Entworfen hat ihn der Ingenieur Alec Issigonis, der seinen ersten Entwurf der Legende nach auf einer Tischdecke skizzierte; sein quer eingebauter Frontmotor mit Frontantrieb schafft auf kleinstem Raum ungewöhnlich viel Platz für Insassen und Gepäck — ein Konstruktionsprinzip, das den Kleinwagenbau der folgenden Jahrzehnte weltweit prägen wird. Mit einer Länge von nur rund drei Metern avanciert der Wagen rasch zum Kultobjekt, das gleichermaßen von Arbeiterfamilien wie von Prominenten und Modeschöpfern der aufkommenden „Swinging Sixties" gefahren wird. In der Bundesrepublik, wo Kleinwagen wie der Käfer und die Isetta den Markt beherrschen, bleibt der britische Winzling zunächst eine Randerscheinung — doch als Design- und Technikikone setzt der Mini von diesem Sommer an Maßstäbe, an denen sich Kleinwagenbauer bis heute messen.

Wuppertal krönt den Wiederaufbau: die Blombachtalbrücke

Die Blombachtalbrücke bei Wuppertal-Ronsdorf
Die Blombachtalbrücke bei Ronsdorf mit ihrer Bogenspannweite, eingeweiht 1959. (Bundesarchiv B 145 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de)

Auch im Bergischen Land zeigt sich 1959, wie weit der Wiederaufbau nach den schweren Kriegszerstörungen im Wuppertal fortgeschritten ist: Nordöstlich von Ronsdorf wird die neue Blombachtalbrücke eingeweiht — eine zehnfeldrige Stahlbeton-Bogenbrücke nach Plänen von Hellmut Homberg, gemeinsam mit Josef Pirlet und unter architektonischer Beratung von Gerd Lohmer für die Beton- und Monierbau errichtet, die seit 1957 über dem Tal des Blombachs, über die Bundesautobahn 1 und die Bahnstrecke Wuppertal–Opladen entsteht. Bei einer Gesamtlänge von 296 Metern spannt sich ihr Hauptbogen 150 Meter weit und 27 Meter hoch über das bis zu 50 Meter tiefe Tal — für rund zwei Jahrzehnte, bis zur Fertigstellung der Neckarburgbrücke, die weiteste Stützweite einer Stahlbeton-Bogenbrücke in Deutschland. Von soviel Ingenieurskunst unbeeindruckt zeigten sich im August die Bauarbeiter selbst: Verärgert darüber, dass ihnen kein Richtfest ausgerichtet wurde, errichteten sie am 7. August kurzerhand einen Galgen mit Strohpuppe auf der Brücke. Während die Textilstädte des Bergischen Landes im Wirtschaftswunder wieder zu alter Stärke finden und Bayer in Elberfeld seine Pharmaforschung ausbaut, steht die neue Brücke sinnbildlich für ein Wuppertal, das sein zerstörtes Tal endgültig hinter sich lässt.

Günter Grass veröffentlicht „Die Blechtrommel"

Einband der Erstausgabe „Die Blechtrommel", 1959
Die Erstausgabe von Günter Grass' „Die Blechtrommel", erschienen 1959 im Luchterhand Verlag. (Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 11. September erscheint im Luchterhand Verlag der erste Roman des 31-jährigen Danziger Bildhauers und Schriftstellers Günter Grass: „Die Blechtrommel" — die Lebensgeschichte des Oskar Matzerath, der sich im Alter von drei Jahren aus Protest gegen die Erwachsenenwelt entschließt, nicht mehr zu wachsen, und der auf seiner Blechtrommel die Schrecken von Danzig, Nationalsozialismus und Krieg begleitet. Das Echo der Kritik geht schon in den ersten Monaten auseinander: Am 18. November bespricht Hans Magnus Enzensberger den Roman im Süddeutschen Rundfunk und prophezeit ihm „Schreie der Freude und der Empörung"; einen Monat später, am 18. Dezember, stellt der Schweizer Kritiker Walter Widmer in den Basler Nachrichten das Werk „als Prototyp des neuen Romans" neben Goethes „Wilhelm Meister". Mit seiner unbequemen Wahl eines wachstumsverweigernden Zwerges als Erzähler und der schonungslosen Rückschau auf die jüngste deutsche Vergangenheit setzt sich Grass' Debüt deutlich von der bisherigen westdeutschen Nachkriegsliteratur ab.

Aus heutiger Sicht

Die Kontroverse um Grass' Debüt geht über das Jahresende hinaus weiter: Eine unabhängige Jury spricht ihm im Januar 1960 den Bremer Literaturpreis zu, doch der Bremer Senat verweigert die Auszeichnung — Bremens Jugendsenatorin Annemarie Mevissen hält das Werk gar für reif „auf den Index jugendgefährdender Schriften". Große Teile der Jury treten daraufhin aus Protest zurück, während „Die Blechtrommel" zum international meistübersetzten Roman der jungen westdeutschen Nachkriegsliteratur wird.

Mercedes-Benz stellt den W111 „Heckflosse" mit Sicherheits-Fahrgastzelle vor

Mercedes-Benz W111 220S, Baujahr 1959
Ein Mercedes-Benz W111 220S aus dem Vorstellungsjahr 1959. (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Foto: Damian B Oh)

Mercedes-Benz bringt im August die neue Oberklasse-Baureihe W111, im Volksmund wegen ihrer markanten Heckflügel bald „Heckflosse" genannt, auf den Markt — und mit ihr eine technische Neuheit, die den Automobilbau grundlegend verändern soll: erstmals verbaut ein Serienfahrzeug die starre Fahrgastzelle mit gezielt verformbaren Knautschzonen vorn und hinten, die der Ingenieur Béla Barényi bereits 1951 zum Patent angemeldet hatte. Am 10. September beginnt Mercedes-Benz mit systematischen Crashtests am W111; zuvor war bereits ein Vorserienwagen der Baureihe W110 mit 55 Stundenkilometern gegen ein 17-Tonnen-Hindernis gefahren worden, um die Energieaufnahme der neuen Knautschzone zu prüfen. Während Karosseriebauer bislang vor allem auf möglichst steife, unnachgiebige Wagenkörper setzten, verfolgt Barényis Prinzip den umgekehrten Gedanken: gezielt nachgebende Zonen sollen den Aufprall abfangen, während die Fahrgastzelle selbst starr bleibt.

Aus heutiger Sicht

Barényis Prinzip der starren Fahrgastzelle mit gezielten Knautschzonen, 1959 erstmals in einem Serienfahrzeug verbaut, wird in den folgenden Jahrzehnten zum Grundprinzip der passiven Sicherheitstechnik im gesamten Automobilbau — heute findet es sich, in immer weiter verfeinerter Form, in praktisch jedem neu gebauten Pkw weltweit.

Sowjetische Sonde „Lunik/Luna 2" erreicht als erstes von Menschen gebautes Objekt den Mond

Modell der sowjetischen Mondsonde Lunik/Luna 2
Modell einer sowjetischen Lunik/Luna-Sonde des Typs, der 1959 auf dem Mond einschlug. (Wikimedia Commons, gemeinfrei, NASA/NSSDCA)

Am 12. September startet die Sowjetunion die Sonde „Lunik", im Westen meist „Luna 2" genannt — und kurz nach Mitternacht Moskauer Zeit am 14. September schlägt die 390 Kilogramm schwere Sonde auf der Mondoberfläche ein: das erste von Menschenhand gebaute Objekt, das je einen anderen Himmelskörper erreicht. Ausgestattet mit Antenne, Geigerzähler und weiteren Messinstrumenten, widerlegt Lunik unterwegs ein lange vermutetes starkes Magnetfeld sowie einen nennenswerten Strahlungsgürtel des Mondes; an Bord führt die Sonde außerdem sowjetische Wimpel mit dem Staatswappen der UdSSR mit, die auf dem Mond zurückbleiben. Nach dem Schock des Sputnik-Starts vor zwei Jahren setzt Moskau mit dem geglückten Mondtreffer einen weiteren Meilenstein im Wettlauf der beiden Supermächte ins All — noch bevor amerikanische Sonden dem Erdtrabanten auch nur nahekommen.

Martin Lauer stellt in Zürich binnen einer Stunde zwei Hürden-Weltrekorde auf

Martin Lauer, Hürdenläufer des Kölner ASV
Martin Lauer, Hürdenläufer des Kölner ASV. (Wikimedia Commons, gemeinfrei, Mondadori-Archiv)

Im Zürcher Letzigrund-Stadion läuft der 22-jährige Kölner Martin Lauer am 7. Juli vor 10.842 Zuschauern zunächst 13,2 Sekunden über 110 Meter Hürden — Weltrekord. Rund zwei Stunden später stellt er sich über die selten gelaufene Distanz von 200 Meter Hürden erneut an den Start und läuft auch dort in 22,5 Sekunden Weltrekordzeit. Es sind die ersten Weltrekorde in der Geschichte des traditionsreichen Zürcher Leichtathletik-Meetings, aufgestellt binnen einer einzigen Stunde von demselben Läufer — eine Leistung, die Lauer mit einem Schlag zu einem der gefeiertsten Namen der westdeutschen Leichtathletik macht.

Aus den Ressorts

AM RANDE NOTIERT

  • Auch der bergische Fußball macht 1959 Schlagzeilen: Horst Szymaniak, Star des Wuppertaler SV, wechselt zum Karlsruher SC — gegen ein für damalige Verhältnisse stattliches Handgeld von 30.000 DM, eine der aufsehenerregendsten Ablösen der jungen Bundesrepublik.
  • Am 3. Januar werden Alaska, im August auch Hawaii, als 49. und 50. Bundesstaat in die USA aufgenommen — die Vereinigten Staaten erreichen ihre bis heute gültige Flächenausdehnung.
  • Am 4. Oktober startet die sowjetische Sonde Luna 3; ihre am 18. Oktober zur Erde übertragenen Aufnahmen zeigen erstmals die erdabgewandte Mondrückseite — ein Prestigeerfolg im beginnenden Wettlauf ins All.
  • Am 1. Dezember unterzeichnen zwölf Staaten in Washington den Antarktis-Vertrag: Die Antarktis bleibt ausschließlich friedlicher Nutzung und wissenschaftlicher Forschung vorbehalten — der erste Rüstungskontrollvertrag des Kalten Krieges.
  • Beim Grand Prix Eurovision am 11. März in Cannes vertreten die Zwillinge Alice und Ellen Kessler die Bundesrepublik mit dem Lied „Heute abend woll'n wir tanzen geh'n" — als sechster von elf Beiträgen belegen sie mit fünf Punkten Platz acht.
  • In München wird am 15. Oktober der ukrainische Exilpolitiker Stepan Bandera tot in seiner Wohnung aufgefunden — Todesursache eine Blausäurevergiftung, der Täter unbekannt; die Münchner Polizei tappt im Dunkeln.
  • In Erbendorf in der Oberpfalz baut der Kaufmann Ludwig A. Meister den elterlichen Laden nach amerikanischem Vorbild zu einem der ersten Selbstbedienungsläden der Bundesrepublik um — Kunden greifen nun selbst ins Regal, statt am Ladentisch bedient zu werden.

WIRTSCHAFT · 1959

Die Bundesrepublik steckt mitten im Wirtschaftswunder-Jahrzehnt: ungetrübter Konjunkturoptimismus, praktisch Vollbeschäftigung und Aktienkurse auf Höchstständen diesseits und jenseits des Atlantiks. Das Bruttoinlandsprodukt ist von 1949 bis 1959 im Schnitt um rund 7,4 % jährlich gewachsen. Ein Hilfsarbeiter verdient monatlich rund 350 DM, ein Facharbeiter bis zu 490 DM. Der Fiskus gewährt einen Grundfreibetrag von 1.680 DM, der Eingangssteuersatz liegt bei 20 %, der Spitzensteuersatz bei 53 % ab einem Jahreseinkommen von 110.040 DM; die Reichsbank-Nachfolgerin, die Bank deutscher Länder, hält den Diskontsatz zum Jahresende bei 4,00 %.

Der Preisspiegel:

  • Brot (1 kg) — 0,84 DM
  • Butter (500 g) — 3,80 DM
  • Milch (1 l) — 0,44 DM
  • Eier (1 Stück) — 0,21 DM
  • Kaffee (1 kg) — 19,70 DM
  • Benzin, Normal (1 l) — 0,63 DM
  • Bier (1 Maß, Oktoberfest) — 1,90 DM
  • Bild-Zeitung — 0,10 DM

STIMMEN DER PRESSE · 1959

Zur Uraufführung von „Der Frosch mit der Maske" schreibt das Hamburger Abendblatt zurückhaltend:

„Einer der bekanntesten Kriminalromane von Edgar Wallace auf die Leinwand gebracht: das Gesicht hinter einer Maske verborgen, aus der zwei riesige Glotzaugen drohen, terrorisiert der Frosch mit seiner Bande ganz London. […] Die Spannung des Lesers wird indessen nicht ganz erreicht." — Hamburger Abendblatt, 11. November 1959

Noch knapper fällt das Urteil des Tagesspiegel aus:

„Kriminalistische Hausmannskost mit ein paar drolligen kleinen Rosinen." — Der Tagesspiegel, 1959

SPORT · 1959

Ein ruhiges Sportjahr ohne Weltmeisterschaft oder Olympia: Im westdeutschen Fußball krönt sich Eintracht Frankfurt am 28. Juni im Berliner Olympiastadion vor 75.000 Zuschauern zum deutschen Meister — im rein-hessischen Finale bezwingt sie Kickers Offenbach erst nach Verlängerung mit 5:3, nachdem es nach 90 Minuten 2:2 gestanden hatte (Tore für Frankfurt durch István Sztáni und Eckehard Feigenspan, für Offenbach durch Berti Kraus und Helmut Preisendörfer). Der Titel qualifiziert die Eintracht für das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister im Jahr darauf, das sie im Mai 1960 in Glasgow dem großen Real Madrid um Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás mit 3:7 überlassen muss — bis heute eines der torreichsten Endspiele der Wettbewerbsgeschichte. Eine bundesweite Bundesliga gibt es noch nicht — der Titel wird weiterhin in einer Endrunde der Meister aus den regionalen Oberligen ausgespielt, aus der auch der Wuppertaler SV aus der Oberliga West in dieser Saison ausscheidet.

MODE · 1959

Die Petticoat-Mode erreicht 1959 ihren Zenit — weite, aus mehreren Lagen Tüll oder steifem Nylon genähte Unterröcke lassen die weiten Glockenröcke junger Frauen abstehen, wie sie die Rock'n'Roll- und Rockabilly-Tanzflächen seit Mitte der fünfziger Jahre prägen: ein letztes Aufbäumen kindlich-verspielter Eleganz vor der kommenden Jugendrevolution der Sechziger. Zugleich hält ein neues Kleidungsstück Einzug in die Kaufhäuser, auch in Wuppertal: die Strumpfhose. Erfunden hat sie der Amerikaner Allen Gant sen., Chef der Textilfirma Glen Raven Mills in North Carolina — der Legende nach angeregt durch seine schwangere Frau, die eine bequemere Alternative zu Strumpfhalter und Hüftgürtel suchte. Unter dem Namen „Panti-Legs" bringt die Firma 1959 erstmals Strumpf und Schlüpfer als ein einziges Kleidungsstück auf den Markt — ein Vorbote dafür, dass der traditionelle Strumpf mit Strumpfhalter in den kommenden Jahren, während Röcke kürzer werden, allmählich verschwinden wird. Für die Strick- und Wirkwarenbetriebe des Bergischen Landes, seit jeher ein Zentrum der deutschen Textilindustrie, kündigt sich damit ein neues Marktsegment an.

KULTUR · 1959

Ein Wintermärchen auf Kufen erobert die Welt. Die amerikanische Eisrevue Holiday on Ice — 1943 in Toledo im US-Staat Ohio auf einer tragbaren Kunsteisbahn aus der Taufe gehoben — ist am Ende der fünfziger Jahre zum erfolgreichsten Wanderspektakel des Showgeschäfts aufgestiegen: ein Heer aus Eiskunstläufern, Kostümen und Scheinwerfern, das von Halle zu Halle reist. In diesem Jahr sorgt die Truppe für Aufsehen weit über den Sport hinaus — acht Wochen lang gastiert sie ausverkauft in Moskau, als erste westliche Unterhaltungsproduktion hinter dem Eisernen Vorhang, was in Ost wie West Schlagzeilen macht. In der Bundesrepublik, wo die Show seit ihrer Deutschland-Premiere am 10. Dezember 1951 in Frankfurt am Main regelmäßig tourt, füllt das glitzernde Eisballett die großen Hallen — auch dem rheinisch-bergischen Publikum ist der farbenfrohe Abend auf dem Eis ein willkommener Glanzpunkt in einer noch grauen Nachkriegszeit.

KINO & FERNSEHEN · 1959

Größter Kassenerfolg des Kriminalfilmgenres wird „Der Frosch mit der Maske": Am 4. September feiert im Stuttgarter Universum-Kino der erste deutschsprachige Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit Premiere — eine Rialto-Film-Produktion unter der Regie von Harald Reinl, gedreht in Kopenhagen, Umgebung und London. Über 3,2 Millionen Kinobesucher machen den Film, dessen Kritiken durchwachsen ausfallen (siehe STIMMEN DER PRESSE), zum meistgesehenen deutschen Krimi des Jahres. Auch am literarischen Stoff der eigenen Autoren orientiert sich das Kino: Am 11. November wird im Lübecker Rathaus in Anwesenheit von Katia Mann, der Witwe Thomas Manns, die Verfilmung der „Buddenbrooks" uraufgeführt — Regie Alfred Weidenmann, mit Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy und Nadja Tiller in den Hauptrollen; Teil 1 startet am 12. November in Kassel, Teil 2 folgt am 20. November. Der Film gewinnt noch im selben Jahr zwei Deutsche Filmpreise, für Hanns Lothar als besten Nebendarsteller und für Robert Herlth für die Ausstattung. Im jungen Fernsehen verfilmt der WDR mit „Der Andere" — Regie Fritz Umgelter, nach einem Drehbuch von Francis Durbridge — erstmals einen mehrteiligen Durbridge-Kriminalfilm fürs deutsche Fernsehen und erzielt damit einen beträchtlichen Erfolg beim Publikum. Beim Grand Prix Eurovision der Chanson in Cannes vertreten die Kessler-Zwillinge die Bundesrepublik (siehe AM RANDE NOTIERT).

GESTORBEN · 1959

  • Hans Bredow (fast 80), Rundfunkpionier, „Vater des deutschen Rundfunks" — 9. Januar, Wiesbaden.
  • Adolf Windaus (82), Chemiker, Nobelpreisträger für Chemie 1928 — 9. Juni, Göttingen.
  • George Grosz (65), deutsch-amerikanischer Maler und Karikaturist der Neuen Sachlichkeit — 6. Juli, West-Berlin.
  • Raymond Chandler (70), US-amerikanischer Kriminalschriftsteller („Der große Schlaf") — 26. März, La Jolla, Kalifornien.
  • Frank Lloyd Wright (91), US-amerikanischer Architekt — 9. April, Phoenix, Arizona.
  • Gérard Philipe (36), französischer Filmschauspieler — 22. November, Paris.

LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1959

  • Kornberg und Ochoa erhalten den Nobelpreis für Medizin (10. Dezember). In Stockholm werden der US-Amerikaner Arthur Kornberg und der spanisch-amerikanische Biochemiker Severo Ochoa für die Entdeckung der Mechanismen der biologischen Synthese von RNA und DNA geehrt — ein Meilenstein auf dem Weg zum Verständnis des Erbguts.
  • Vorwerk aus Wuppertal-Barmen bringt die erste Elektro-Teppichbürste auf den Markt (1959). Mit der „ET1" erweitert das aus dem bergischen Teppichreinigungshandel hervorgegangene Unternehmen sein Kobold-Sortiment um ein elektrisches Zubehörgerät — ein kleiner „Erster" der Haushaltstechnik aus dem Tal der Wupper.
  • Kessler-Zwillinge vertreten Deutschland beim Grand Prix Eurovision (11. März, Cannes). Alice und Ellen Kessler singen „Heute abend woll'n wir tanzen geh'n" und belegen unter elf Beiträgen Platz acht — ein munterer Auftritt der jungen Bundesrepublik auf der internationalen Bühne.
  • „Buddenbrooks"-Verfilmung gewinnt zwei Deutsche Filmpreise (1959). Für die Literaturverfilmung nach Thomas Mann werden Hanns Lothar als bester Nebendarsteller und Robert Herlth für die Ausstattung ausgezeichnet — ein Erfolg für das deutsche Nachkriegskino.

DAS WETTER · 1959 im Bergischen Land

An diesem 13. Juli war es im Raum Wuppertal ein milder Sommertag: Höchstwert 21,5 °C, in der Nacht 12,3 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 8,2 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 10,8 °C — gut 1,2 Grad über dem langjährigen Essener Mittel (~9,6 °C). Wärmster Tag 34 °C am 9. Juli, kältester −6 °C am 8. Februar. 4 Hitzetage (≥30 °C), 9 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 573 mm.

Der Dürre- und Hitzesommer 1959 gilt bis heute als einer der großen Weinjahrgänge des Jahrhunderts — auch im Rheinland heiß und trocken; der Geburtstag selbst blieb dagegen mild.

(Messwerte der Station Essen-Bredeney, rund 25 km westlich von Wuppertal — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)

DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1959

1959 gab es in Deutschland erstmals amtliche Single-Charts. Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres nach den Jahrescharts.

  1. Die Gitarre und das Meer — Freddy Quinn
  2. Am Tag, als der Regen kam (Regenballade) — Dalida
  3. Tom Dooley — Nilsen Brothers
  4. Petite Fleur (Little Flower) — Chris Barber
  5. Das hab' ich in Paris gelernt — Chris Howland
  6. Ihr zartes Lächeln — Fred Bertelmann
  7. Eine Handvoll Heimaterde — Tom & Tommy
  8. Sugar Baby — Peter Kraus
  9. Ave Maria No Morro — Trio San Jose
  10. My Happiness (Immer will ich treu dir sein) — Gitta Lind & Christa Williams
  11. Blue Hawaii — Billy Vaughn & Orchestra
  12. Charly Brown — Hans Blum
  13. Tom Dooley — The Kingston Trio
  14. Tschau Tschau Bambina — Caterina Valente
  15. Aloha-Oe — Billy Vaughn & Orchestra
  16. Onkel Satchmo's Lullaby — Louis Armstrong & Gabriele
  17. La Paloma — Billy Vaughn & Orchestra
  18. Morgen — Ivo Robic
  19. Lonely Boy — Paul Anka
  20. Nur du, du, du allein — Melitta Berg

Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).

Lokalteil Kiel / Schleswig-Holstein

Kiels SPD gewinnt bei der Kommunalwahl die absolute Mehrheit

Bei der Gemeindewahl in Schleswig-Holstein hat die Kieler SPD am Sonntag die Mehrheit im Rathaus zurückgewonnen. Sie kam in der Landeshauptstadt auf 50,2 Prozent der Stimmen und stellt künftig 26 der 49 Mitglieder der Ratsversammlung. Die CDU erreichte 37,6 Prozent und 20 Sitze, die FDP 6,7 Prozent und 3 Sitze. Die Wahlbeteiligung lag in Kiel bei 74,9 Prozent.

Im ganzen Land sah das Bild anders aus: Dort lag die CDU mit 39,9 Prozent vor der SPD mit 36,9 Prozent, bei einer Beteiligung von 76,1 Prozent.

Das neue Gemeinde- und Kreiswahlgesetz brachte zwei Änderungen. Listen durften nur noch Parteien einreichen; Wählergruppen, die sogenannten Rathausparteien, konnten nur noch Einzelbewerber aufstellen. Und erstmals konnten Wähler auf Antrag und mit Begründung per Brief wählen.

Am 27. November wählte die Ratsversammlung den Magistrat. Oberbürgermeister bleibt Hans Müthling (SPD). Stadtpräsident ist seit dem 19. November Hermann Köster (SPD); im Juni hatte Hans-Carl Rüdel (CDU) das Amt von Wilhelm Sievers (CDU) übernommen.

65. Kieler Woche: Ein Sechzehnjähriger segelt die olympische Jolle

Feuerwerk am Seegarten
Feuerwerk am Seegarten während der Kieler Woche, Juni 1959 (Georg Gasch, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Vom 21. bis 28. Juni ist an der Förde die 65. Kieler Woche gesegelt worden. Am Seegarten gab es ein Feuerwerk.

Im olympischen Finn-Dinghi segelte in diesem Jahr ein Sechzehnjähriger: Willi Kuhweide vom Verein Seglerhaus am Wannsee in Berlin. Bei der Europameisterschaft auf dem Silsersee in der Schweiz wurde er Ende August Vierter.

Schilksee gibt die Selbständigkeit auf und wird Kieler Stadtteil

Seit dem 1. April gehört Schilksee zu Kiel. Die Gemeindevertretung hatte dem Eingemeindungsvertrag am 31. Januar zugestimmt, unterzeichnet wurde er am 11. März. Der Ort ist nun ein Stadtteil mit eigenem Ortsbeirat.

Für die Stadt bringt der Zuwachs eine Besonderheit: Schilksee ist der einzige Ort im Stadtgebiet, der unmittelbar an die offene Ostsee grenzt. Kiel zählte Ende 1958 insgesamt 266.089 Einwohner.

Aus heutiger Sicht

Im Jahr 1972 wurden die olympischen Segelwettbewerbe im Olympiazentrum Schilksee ausgetragen.

Zwei Riesentanker bei den Howaldtswerken: „Olympic Challenger“ abgeliefert

Stapellauf des Tankers Olympic Champion
Stapellauf des Tankers „Olympic Champion“ bei den Howaldtswerken, Blick vom Schloss; Aufnahme vom Juni 1959 (Georg Gasch, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de)

Die Kieler Howaldtswerke AG hat in Gaarden den Turbinentanker „Olympic Challenger“ (Bau-Nr. 1081) für den griechischen Reeder Aristoteles Onassis abgeliefert. Er hat rund 66.000 Tonnen. Im selben Monat lief sein Schwesterschiff „Olympic Champion“ (Bau-Nr. 1083) auf der Werft vom Stapel.

Am 19. Februar wurde in Gaarden Richtfest für ein 100.000-Tonnen-Dock gefeiert. Daneben liefen kleinere Aufträge: Am 8. April ging das Kühlmotorschiff „Brunseck“ (Bau-Nr. 1075) vom Stapel, das am 15. Juni an die Hamburger Reederei W. Bruns & Co. übergeben wurde. Am 29. September folgte im Werk Dietrichsdorf der Stapellauf des Kühlschiffs „Cap Valiente“ (Bau-Nr. 1112).

KURZ NOTIERT · Kiel 1959

  • 15. Februar — Dichter Nebel führt zu zwei Schiffsunfällen: Bei Friedrichsort stoßen zwei Schiffe zusammen, beim Feuerschiff läuft ein Schiff auf Grund.
  • 11. Mai — Zwischen Projensdorfer Straße und Hanssenstraße errichtet die Neue Heimat 296 Wohnungen.
  • 1. Juni — Der Ausbau des Hindenburgufers zur Fußgängerpromenade bis zur Reventloubrücke beginnt.
  • 25. Juli — Die KVAG nimmt das Fördeschiff „Düsternbrook“ in Dienst, das Schwesterschiff der „Schilksee“.
  • 3. August — Das Segelschulschiff „Gorch Fock“, seit dem 17. Dezember 1958 in Dienst, läuft zu seiner ersten Auslandsreise aus Kiel aus.
  • 17. September — Die Ratsversammlung lehnt die Fünftagewoche für die Stadtverwaltung ab.
  • 29. September — Das Kaufhaus Merkur am Dreiecksplatz eröffnet einen Supermarkt.

RUND UM DIE FÖRDE · 1959

  • 1. August, Eckernförde — Die Bundesmarine stellt in Eckernförde die Ubootlehrgruppe auf; sie soll einzelne Soldaten und ganze Besatzungen für den Dienst auf U-Booten ausbilden.
  • 8. Oktober, Laboe — Wappen und Flagge der Gemeinde Laboe im Kreis Plön sind genehmigt: ein auffliegender Schwan über Wellen, dazu ein gestürzter goldener Anker.

SPORT AN DER FÖRDE · 1959

  • Holstein Kiel — Die Oberliga-Nord-Saison 1958/59 beendeten die Kieler auf Platz 10 mit 12 Siegen, 3 Unentschieden und 15 Niederlagen, 57:54 Toren und 27:33 Punkten. Meister wurde der Hamburger SV.
  • Polizei SV Kiel — Die Polizisten erreichten die Endrunde um die deutsche Feldhandball-Meisterschaft, schieden aber am 4. Oktober in der Vorrunde mit 9:11 gegen die Kickers Offenbach aus.
  • THW Kiel — Der TV Hassee-Winterbek stellt 1959 getrennte Mannschaften für Feld- und Hallenhandball auf und legt den Schwerpunkt auf die Halle. 1957 war der Verein Deutscher Hallenmeister, im Endspiel siegte er 7:5 gegen Frisch Auf Göppingen.

DAS WETTER · 1959 in Kiel

An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder, sonniger Julitag: Höchstwert 21,0 °C, Tiefstwert 14,9 °C, Tagesmittel 16,0 °C. Es fielen nur 0,1 mm Regen, die Sonne schien rund 9,4 Stunden.

Das Jahr über: Im Mittel 9,4 °C. Wärmster Tag 33,2 °C am 9. Juli, kältester Tiefstwert −13,9 °C am 16. Januar. 3 Hitzetage (≥30 °C), 24 Sommertage (≥25 °C), 18 Eistage (Dauerfrost) und 54 Frosttage. Jahresniederschlag 454 mm, Sonnenscheindauer 2115 Stunden.

(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)