DER CHRONIST
Ein Jahr, das den Kalten Krieg neu vereist, ein Kontinent, der sich befreit, und ein Nazi-Verbrecher, der seiner Vergangenheit doch nicht entkommt: 1960 ist das Jahr, in dem die Weltordnung ins Wanken gerät. In Bagdad gründen fünf Ölstaaten die OPEC und verschieben still die wirtschaftliche Machtbalance, während in Kalifornien ein Physiker den ersten Laser zum Leuchten bringt und in den USA die Antibabypille zugelassen wird — zwei Erfindungen, die die kommenden Jahrzehnte prägen werden. Erstmals treten zwei Präsidentschaftskandidaten im US-Fernsehen gegeneinander an, Brasilien weiht mitten im Hochland seine neue Hauptstadt Brasília ein, und der jahrelang verdeckte Bruch zwischen Moskau und Peking wird offen ausgetragen. Während all das die Weltordnung neu ordnet, sucht Wuppertal zwischen Schwebebahn und Strukturwandel unbeirrt seinen eigenen Weg.
Massaker von Sharpeville erschüttert die Welt

Seit 1952 zwingen Südafrikas Passgesetze jeden Schwarzafrikaner über 16 Jahre, jederzeit einen sogenannten „Dompas" mitzuführen — ein Ausweisheft mit Arbeitserlaubnis, Aufenthaltsgenehmigung und Personaldaten, ohne das jeder Gang durch weiße Wohnviertel zur Straftat wird. Unter Premierminister Hendrik Verwoerd verschärft die Regierung dieses Kontrollsystem 1959/60 noch einmal und weitet die Passpflicht auch auf Frauen aus. Gegen diese Politik ruft der neu gegründete, radikalere Pan Africanist Congress (PAC) unter seinem Präsidenten Robert Sobukwe — 1959 als Abspaltung vom als zu gemäßigt empfundenen ANC entstanden — zu einer landesweiten Kampagne auf: Am 21. März sollen sich die Menschen ohne Pass bei den Polizeiwachen melden und ihre Verhaftung fordern, um das System durch schiere Masse lahmzulegen.
In der Township Sharpeville bei Vereeniging (Transvaal) folgen rund 5.000 Menschen diesem Aufruf und versammeln sich vor der Polizeistation. Am frühen Nachmittag, gegen 13.30 Uhr, eröffnet die überforderte und mit Schützenpanzerwagen aufgefahrene Polizei ohne jede Vorwarnung das Feuer auf die Menge. Binnen weniger Minuten fallen 1.344 Schüsse; viele der Opfer werden, während sie zu fliehen versuchen, in den Rücken getroffen. Nach offiziellen Angaben sterben 69 Menschen, Augenzeugenberichte sprechen von deutlich mehr Toten und über 280 Verletzten, darunter Frauen und Kinder. Die Regierung reagiert mit harter Repression: Am 30. März verhängt sie den Ausnahmezustand und lässt über 18.000 Menschen verhaften, darunter auch der noch unbekannte Nelson Mandela; am 8. April werden ANC und PAC landesweit verboten. Robert Sobukwe wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und anschließend über die eigens für ihn geschaffene „Sobukwe-Klausel" noch Jahre ohne Prozess in Haft gehalten. International macht das Massaker die Apartheidpolitik erstmals zum Thema der Weltöffentlichkeit: Der UN- Sicherheitsrat verurteilt Südafrika bereits am 1. April mit Resolution 134 — die erste UN-Resolution überhaupt gegen die Apartheid —, ausländisches Kapital flieht in großem Umfang aus dem Land, und der 21. März wird später zum internationalen Tag gegen Rassismus.
Abgeschossener Spionageflieger lässt den Gipfel platzen

Seit 1956 fliegt die CIA mit dem eigens entwickelten Höhenaufklärer U-2 regelmäßig Spionagemissionen tief über sowjetisches Territorium — für die Radartechnik jener Jahre eigentlich unerreichbar hoch. Am 1. Mai startet Pilot Francis Gary Powers in Peshawar (Pakistan) zu einem Flug über den Ural bis nach Bodø in Norwegen, der Aufnahmen sowjetischer Raketenanlagen liefern soll. Nahe der Industriestadt Sverdlovsk trifft ihn eine sowjetische S-75-Boden-Luft-Rakete; Powers kann sich mit dem Fallschirm retten und wird lebend gefangen genommen, während eine der verfolgenden sowjetischen Abfangjäger versehentlich von der eigenen Flugabwehr mit abgeschossen wird. Washington gibt zunächst eine Legende aus, wonach ein ziviles NASA-Wetterforschungsflugzeug vom Kurs abgekommen sei — doch am 7. Mai enthüllt Nikita Chruschtschow, dass die Sowjetunion sowohl den Piloten als auch das kaum zerstörte Wrack samt Spionagekameras besitzt. Am 11. Mai muss US-Präsident Dwight D. Eisenhower die Spionageaktion einräumen — nur fünf Tage vor der Eröffnung des lange vorbereiteten Vier-Mächte-Gipfels in Paris mit Chruschtschow, Charles de Gaulle und Harold Macmillan. Chruschtschow verlangt dort eine öffentliche Entschuldigung Eisenhowers; als dieser ablehnt, platzt der Gipfel binnen weniger Stunden, und auch Eisenhowers geplanter Gegenbesuch in Moskau wird abgesagt. Im August wird Powers in Moskau der Prozess gemacht: Wegen Spionage zu drei Jahren Haft und sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt, kommt er erst am 10. Februar 1962 auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin und Potsdam im Austausch gegen den sowjetischen Spion Rudolf Abel frei. Der Zwischenfall lässt die Entspannungshoffnungen der späten fünfziger Jahre endgültig zerbrechen, kühlt den Kalten Krieg auf einen neuen Tiefpunkt ab und verschärft die Spannungen um Berlin, die 1961 im Mauerbau münden.
Mossad ergreift Adolf Eichmann in Buenos Aires

Seit 1950 lebt Adolf Eichmann, der als Leiter des „Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte, unter dem Decknamen „Ricardo Klement" im argentinischen San Fernando bei Buenos Aires und arbeitet zeitweise bei Mercedes-Benz. Ein entscheidender Hinweis kommt von dem blinden, aus Deutschland emigrierten Juden Lothar Hermann, dessen Tochter mit Eichmanns Sohn Klaus befreundet ist. Mossad-Chef Isser Harel entsendet daraufhin ein Kommando unter Rafi Eitan; nach wochenlanger Beobachtung durch Zvi Aharoni überwältigt ein Greiftrupp um Peter Malkin Eichmann am Abend des 11. Mai, als dieser von der Bushaltestelle kommend zu Fuß auf sein Haus an der Garibaldi-Straße zugeht. Neun Tage halten die Agenten ihn in einem konspirativen Quartier versteckt und lassen ihn eine Erklärung unterschreiben, freiwillig nach Israel gebracht zu werden — am 20. Mai schmuggelt ihn das Kommando, betäubt und als verunglücktes Flugpersonal verkleidet, an Bord einer El-Al-Maschine außer Landes, die eine israelische Delegation von den 150-Jahr-Feiern der argentinischen Unabhängigkeit zurückbringt. Am 23. Mai verkündet Ministerpräsident David Ben Gurion der Knesset und der Weltöffentlichkeit, dass sich Eichmann in israelischer Haft befindet — Argentinien protestiert scharf gegen die Verletzung seiner Souveränität und ruft den UN-Sicherheitsrat an. Der Fall entfacht weltweit eine neue Debatte über die juristische und moralische Aufarbeitung des Holocaust — auch in der jungen Bundesrepublik, wo der für 1961 angekündigte Jerusalemer Prozess (später von Hannah Arendt mit der Formel von der „Banalität des Bösen" kommentiert) zahlreiche noch unbehelligt lebende Täter erstmals wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt.
Aus heutiger Sicht
Weltweit sorgt die Ergreifung Eichmanns für Aufsehen, doch die gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik selbst steht 1960 noch am Anfang. Frühe Nachkriegsumfragen aus den Jahren 1945/46 hatten gezeigt, dass durchschnittlich rund 47 Prozent der Befragten den Nationalsozialismus für eine im Kern gute, nur schlecht ausgeführte Idee hielten — ein Befund, der erklärt, mit welcher Zurückhaltung ein Teil der Deutschen dem für 1961 angekündigten Prozess gegen Eichmann begegnen wird.
Das „Afrikanische Jahr" — und die Kongo-Krise

1960 gilt als das „Jahr Afrikas": 17 Kolonien erlangen binnen zwölf Monaten die Unabhängigkeit — darunter fast alle französischen Besitzungen südlich der Sahara (u. a. Kamerun am 1. Januar, Togo am 27. April, Senegal und Mali als kurzlebige Mali-Föderation am 20. Juni, die Republik Kongo- Brazzaville am 15. August und Mauretanien am 28. November) sowie mit Nigeria am 1. Oktober die bevölkerungsreichste britische Kolonie des Kontinents. Am 30. Juni wird auch der belgische Kongo unabhängig: Bei der Zeremonie in Léopoldville rühmt König Baudouin noch das „Werk" seines Großonkels Leopold II., ehe der neue Ministerpräsident Patrice Lumumba in einer improvisierten Gegenrede die Leiden der Kolonialzeit anklagt. Schon am 4./5. Juli meutern kongolesische Soldaten der Force Publique gegen ihre weißen belgischen Offiziere; Belgien entsendet daraufhin ohne Zustimmung Léopoldvilles über 10.000 Soldaten, und am 11. Juli spaltet sich die rohstoffreiche Provinz Katanga unter Moïse Tshombe mit belgischer Rückendeckung vom jungen Staat ab. Die UN entsendet die Blauhelm-Mission ONUC, während der Machtkampf in Léopoldville eskaliert: Präsident Joseph Kasavubu entlässt am 5. September Lumumba, der postwendend seinerseits Kasavubus Absetzung erklärt — bis Oberst Joseph-Désiré Mobutu am 14. September mit einem Putsch beide Lager entmachtet und sowjetische Berater des Landes verweist. Lumumba, zeitweise unter Hausarrest gestellt, wird wenig später gefangen genommen und im Januar 1961 in Katanga ermordet. Die sogenannte Kongo-Krise macht den jungen Kontinent damit zu einem neuen Schauplatz des Kalten Krieges — und die vielen neuen afrikanischen Mitgliedstaaten verändern noch im selben Herbst das Stimmgewicht in der UN-Vollversammlung, vor der Chruschtschow im Oktober mit seinem Schuh auf den Tisch schlägt.
5 · Wuppertal im Umbruch — Vohwinkel will raus, die Textilstadt wandelt sich
Die Wuppertaler Schwebebahn — Wahrzeichen der Textilstadt im Wandel (Wikimedia Commons, GFDL 1.2)
Auch im Bergischen Land ist 1960 ein Jahr des Wandels. Der Stadtbezirk Vohwinkel, bis 1929 eine eigenständige Stadt, ehe er in Wuppertal aufging, beantragt bei der nordrhein-westfälischen Landesregierung seine Loslösung und die Gründung einer eigenen Kommune — mit 33.000 Einwohnern fühle man sich „schlechter als ein Stiefkind" behandelt, ohne eigenes Schwimmbad, Krankenhaus oder wichtige Behörde, während sich all das in Elberfeld und Barmen konzentriere. Treibende Kraft der eigens gegründeten „Arbeitsgemeinschaft der Bürgervereine Wuppertal-Vohwinkel" ist der pensionierte Rektor Julius Peckhaus, den seine Mitstreiter bald scherzhaft den „König von Vohwinkel" nennen; die juristischen Papiere für den beim Innenministerium eingereichten Antrag verfasst der Wuppertaler Rechtsanwalt Friedrich Boßhammer — ohne dass irgendjemand ahnt, dass dieser als ehemaliger SS-Sturmbannführer und enger Mitarbeiter Eichmanns für die Deportation von rund 3.300 italienischen Juden nach Auschwitz verantwortlich war und erst 1972, in einem Prozess mit über 200 Zeugen, zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Der Loslösungsvorstoß Vohwinkels scheitert am Ende, zeigt aber die Spannungen der noch jungen Großstadt.
Zugleich setzt sich der Strukturwandel der traditionsreichen Textilindustrie fort: Allein die Zahl der Feinstrumpf-Fabriken sinkt von 1950 bis 1960 von 150 auf 110. Weil der Wirtschaftswunder-Boom vielerorts mehr Arbeitskräfte verlangt, als der einheimische Markt hergibt, schließt die Bundesrepublik am 29. und 30. März 1960 die ersten großen Anwerbeabkommen mit Spanien und Griechenland — ein Vorbote der „Gastarbeiter"-Anwerbung, von der in den Folgejahren auch bergische Textil- und Metallbetriebe profitieren werden. Trotz des Strukturwandels wächst Wuppertal weiter auf seinen späteren Höchststand von über 420.000 Einwohnern zu — die Schwebebahn trägt Woche für Woche Zehntausende Pendler über die Wupper, während im benachbarten Ruhrgebiet mit den ersten Zechenschließungen bereits die Kohlekrise beginnt, die auch das Bergische Land in den kommenden Jahren zu spüren bekommen wird.
Kennedy gegen Nixon — das erste Fernsehduell der Geschichte

Bis 1960 kennen die Amerikaner ihre Präsidentschaftskandidaten fast nur aus Zeitungsfotos und Radioreden. Das ändert sich am 26. September, als der demokratische Senator John F. Kennedy und Vizepräsident Richard Nixon im CBS-Studio in Chicago zur ersten von vier live übertragenen Fernsehdebatten antreten — rund 70 Millionen Amerikaner schalten ein. Nixon, gerade erst mit einer Knieverletzung aus der Klinik entlassen, wirkt blass, verzichtet auf professionelles Make-up und schwitzt unter den 650-Watt- Scheinwerfern sichtlich, während der braungebrannte, ausgeruhte Kennedy gelassen direkt in die Kamera blickt. Das Ergebnis wird zur Legende der Mediengeschichte: Wer die Debatte im Radio verfolgt, sieht mehrheitlich Nixon vorn, wer sie im Fernsehen sieht, hält Kennedy für den Sieger — ein frühes Lehrstück darüber, wie sehr Bildwirkung die Politik fortan prägen wird.
Die drei folgenden Debatten verlaufen inhaltlich ausgeglichener, doch der Achtungserfolg der ersten Stunde verschafft dem bis dahin weniger bekannten Kennedy die nötige Aufmerksamkeit für den Endspurt. Am 8. November gewinnt er die Wahl gegen Nixon mit einem der knappsten Vorsprünge der US-Geschichte — knapp 118.000 Stimmen von rund 68 Millionen. Für die politische Kultur des Westens markiert der Fernsehauftritt einen Wendepunkt: Von nun an gehört das Fernsehduell zum festen Ritual jeder Präsidentschaftswahl, und Auftreten, Mimik und Kamerapräsenz werden zu Machtfaktoren neben dem gesprochenen Wort.
Fünf Ölstaaten gründen die OPEC in Bagdad

Seit Jahrzehnten bestimmen westliche Ölkonzerne — die sogenannten „Sieben Schwestern" — nahezu im Alleingang Fördermengen und Preise des Erdöls in Nahost, Venezuela und anderswo, ohne die Förderländer selbst zu befragen. Als die Konzerne im August 1960 erneut die Rohölpreise senken und damit die Staatseinnahmen der Förderländer schmälern, laden Juan Pablo Pérez Alfonzo, Ölminister Venezuelas, und sein saudischer Amtskollege Abdullah al-Tariki zu einer gemeinsamen Konferenz nach Bagdad. Vom 10. bis 14. September einigen sich die Delegierten aus Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela auf die Gründung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) mit dem erklärten Ziel, Förderpolitik und Preise künftig untereinander abzustimmen und den Konzernen geeint gegenüberzutreten. Der Iraner Fuad Rouhani wird erster Generalsekretär.
Zunächst bleibt die neue Organisation politisch nahezu unbeachtet — ein Antrag auf ein Büro im als besonders angesehen geltenden Genf wird von der Schweiz abgelehnt, sodass sich die OPEC 1960 mit bescheidenen Räumen in Wien begnügt. Erst im Laufe der sechziger und siebziger Jahre, als sich der Organisation weitere Förderländer anschließen und die Mitglieder ihre Fördermengen erstmals gezielt als politisches Druckmittel einsetzen, wird aus dem unscheinbaren Bagdader Zusammenschluss jene Organisation, die mit den Ölpreisschocks der siebziger Jahre die Weltwirtschaft empfindlich treffen wird.
Erster funktionierender Laser leuchtet auf

In den Hughes Research Laboratories im kalifornischen Malibu bringt der Physiker Theodore Maiman am 16. Mai einen faustgroßen, mit einer Blitzlampe umwickelten synthetischen Rubinkristall zum Leuchten — und erzeugt damit erstmals gebündeltes, kohärentes Licht durch stimulierte Emission: den ersten funktionierenden Laser der Welt. Maiman, der mit bescheidenen Mitteln gegen weitaus größer finanzierte Forschungsteams bei Bell Labs, IBM und Columbia University antrat, hatte zuvor sogar eine Absage des Fachjournals Physical Review Letters hinnehmen müssen; erst die britische Zeitschrift Nature veröffentlicht im August seine knapp gehaltene, aber bahnbrechende Mitteilung.
Über den praktischen Nutzen der Erfindung herrscht anfangs große Unsicherheit — Maiman selbst beschreibt seinen Laser scherzhaft als „eine Lösung auf der Suche nach einem Problem". Erst die folgenden Jahrzehnte zeigen, wie weitreichend die Erfindung wirkt: von der Barcode-Kasse über die CD und die Glasfaser-Datenübertragung bis zur Augen- und Tumorchirurgie wird der Laser zu einer der folgenreichsten Technologien des 20. Jahrhunderts — ein Grundstein, der 1960 in einem eher kleinen Industrielabor gelegt wird.
USA lassen die Antibabypille Enovid zu

Nach jahrelanger Forschung der Biologen Gregory Pincus und John Rock, finanziert maßgeblich durch die Erbin Katharine McCormick und angestoßen von der Frauenrechtlerin Margaret Sanger, erteilt die US-Arzneimittelbehörde FDA am 23. Juni dem Präparat Enovid des Herstellers G. D. Searle die Zulassung als Verhütungsmittel — die erste hormonelle Antibabypille der Welt. Seit 1957 war Enovid offiziell nur gegen Menstruationsbeschwerden zugelassen, wurde aber schon damals von vielen Ärztinnen und Ärzten als Nebeneffekt auch zur Empfängnisverhütung verschrieben; die entscheidenden klinischen Studien für die neue Indikation laufen unter anderem an mehreren hundert Frauen in ärmeren Vierteln von San Juan, Puerto Rico. Ab dem 18. August kommt Enovid als Pille zur gezielten Verhütung in den regulären US-Verkauf.
Die Zulassung gilt rückblickend als einer der einschneidendsten gesellschaftlichen Umbrüche des Jahrzehnts: Erstmals können Frauen die eigene Fruchtbarkeit zuverlässig, unabhängig vom Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs und in eigener Verantwortung planen — eine Voraussetzung für die sich in den sechziger Jahren wandelnden Rollenbilder und die sogenannte sexuelle Revolution. In der Bundesrepublik, wo die katholische und protestantische Kirche dem Präparat zunächst mit erheblicher Skepsis begegnen, kommt die „Pille" erst im Jahr darauf auf den Markt.
Brasilien weiht seine neue Hauptstadt Brasília ein

Nach nur 41 Monaten Bauzeit mitten im menschenleeren zentralbrasilianischen Hochland weiht Präsident Juscelino Kubitschek am 21. April die neue, am Reißbrett entworfene Hauptstadt Brasília ein — ein Prestigeprojekt, mit dem Brasilien die wirtschaftliche und politische Entwicklung von der überfüllten Küste ins bislang vernachlässigte Landesinnere verlagern will. Den städtebaulichen Gesamtplan liefert Lúcio Costa in Form eines kreuz- beziehungsweise flugzeugförmigen Grundrisses, die spektakulären öffentlichen Bauten — Kongresspalast, Kathedrale, Präsidentenpalast — entwirft der Architekt Oscar Niemeyer in expressiv geschwungenen Betonformen, während Roberto Burle Marx die Grünanlagen gestaltet. Rio de Janeiro verliert damit nach rund zwei Jahrhunderten seinen Rang als Hauptstadt.
Für viele Zeitgenossen ist Brasília der sichtbarste Beweis, dass ein Land der „Dritten Welt" mit modernster Architektur und kühnem Städtebau international Maßstäbe setzen kann; Kritiker bemängeln von Beginn an die riesigen, fußgängerfeindlichen Abstände zwischen den monumentalen Regierungsbauten und die notdürftigen Behausungen der Bauarbeiter am Stadtrand, aus denen sich rasch eigene Satellitenstädte entwickeln. Die gewaltigen Kosten des Projekts heizen zudem die brasilianische Inflation weiter an — ein Problem, das die Nachfolgeregierungen noch lange beschäftigen wird.
Der chinesisch-sowjetische Bruch wird öffentlich

Was sich seit Chruschtschows Entstalinisierungskurs und seinem Zusammentreffen mit Mao Zedong 1958 schon lange angebahnt hatte, bricht 1960 offen aus: Auf dem Parteitag der Rumänischen Kommunistischen Partei in Bukarest geraten im Juni Nikita Chruschtschow und der chinesische Delegationsleiter Peng Zhen vor den versammelten kommunistischen Bruderparteien unverhohlen aneinander — Chruschtschow nennt Mao einen „Abenteurer" und „Abweichler", während die Chinesen dem Kreml-Chef „revisionistisches", geradezu selbstherrliches Verhalten vorwerfen. Im Kern geht es um die von Moskau verfolgte „friedliche Koexistenz" mit dem Westen, die Peking als Verrat am revolutionären Anspruch des Kommunismus brandmarkt, sowie um die sowjetische Zurückhaltung im chinesisch-indischen Grenzkonflikt. Kurz darauf zieht die Sowjetunion im Sommer sämtliche noch verbliebenen technischen Berater und Ingenieure aus China ab und lässt zahlreiche Industrie- und Infrastrukturprojekte unvollendet zurück — ein Bruch, der die bis dahin enge brüderliche Rhetorik der beiden größten kommunistischen Mächte nachhaltig zerstört.
Bei einem Treffen von 81 kommunistischen Parteien im November in Moskau gelingt es beiden Seiten zwar noch einmal, eine förmliche Spaltung mit einem vage gehaltenen Kompromisspapier zu vermeiden — die grundlegenden ideologischen und machtpolitischen Gegensätze bleiben jedoch bestehen. In den folgenden Jahren weitet sich der Riss zwischen Moskau und Peking zum offenen, weltweit ausgetragenen Führungsstreit innerhalb der kommunistischen Bewegung aus und verändert das strategische Gefüge des Kalten Krieges nachhaltig, da sich der Westen fortan nicht mehr einem geschlossenen kommunistischen Block, sondern zwei rivalisierenden Zentren gegenübersieht.
Landtagswahl: CDU verteidigt Stuttgart, SPD verlässt die Allparteienregierung

Kein Bundestag wird 1960 gewählt, doch zwei Landtage sorgen für politische Bewegung im Bund. Am 15. Mai wählt Baden-Württemberg seinen dritten Landtag; bei einer Wahlbeteiligung von 59,0 Prozent bleibt die CDU von Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger mit 39,5 Prozent stärkste Kraft, knapp vor der SPD, die auf 35,3 Prozent zulegt und ihr bislang bestes Ergebnis im jungen Südweststaat einfährt. Die FDP/DVP kommt auf 15,8 Prozent, der Gesamtdeutsche Block/BHE auf 6,6 Prozent. Trotz ihres Zugewinns zieht sich die SPD aus der seit Gründung des Landes 1952 amtierenden Allparteienregierung zurück und geht erstmals in die Opposition; Kiesinger bildet eine neue Koalition aus CDU, FDP/DVP und GB/BHE und bleibt Regierungschef in Stuttgart.
Die übrigen Wahlgänge des Jahres:
- Saarland, 4. Dezember — CDU 36,6 %, SPD 30,0 % bei einer Wahlbeteiligung von 79,1 %. Ministerpräsident Franz-Josef Röder bildet trotz Stimmverlusten seiner CDU erneut eine Koalition mit der liberalen DPS.
Armin Hary holt Olympia-Gold über 100 Meter

Bereits am 21. Juni hatte der Frankfurter Sprinter Armin Hary in Zürich mit 10,0 Sekunden als erster Mensch die 100 Meter in glatten zehn Sekunden bewältigt — ein Weltrekord, der ihn zum Favoriten für die Olympischen Spiele in Rom macht. Am 1. September löst der „Blitzstarter" dieses Versprechen ein: Im Finale über 100 Meter gewinnt Hary in 10,2 Sekunden Gold — als erster deutscher Olympiasieger über die Kurzstrecke überhaupt. Eine Woche später, am 8. September, setzt er mit der deutschen 4-mal-100-Meter-Staffel an der Seite von Bernd Cullmann, Walter Mahlendorf und Martin Lauer nach und holt in Weltrekordzeit ein zweites Gold hinzu.
VW-Gesetz macht Volkswagen zur „Volksaktie"

Am 21. Juli tritt das VW-Gesetz in Kraft und wandelt die bisherige Volkswagenwerk GmbH in eine Aktiengesellschaft um. 60 Prozent des Kapitals werden als sogenannte „Volksaktien" zum Ausgabekurs von 350 DM an breite Bevölkerungsschichten verkauft — mit einem Gesamtnennwert von 360 Millionen DM eines der größten Aktienangebote der jungen Bundesrepublik. Die übrigen 40 Prozent teilen sich Bund und Land Niedersachsen zu je 20 Prozent. Das Gesetz schreibt zugleich eine Höchststimmrechtsklausel fest: Kein Aktionär darf mehr als 20 Prozent der Stimmrechte auf sich vereinen — ein Schutz vor Übernahmeversuchen. Die Erlöse und Gewinnansprüche aus dem verbleibenden Bundesanteil sollen im kommenden Jahr die neue Stiftung Volkswagenwerk begründen.
Aus heutiger Sicht
Die Erzählung von 1960 lautet „Wohlstand für alle" und breite Kapitalbeteiligung der kleinen Sparer. Ein Kabinettsbericht von 1971 zieht jedoch eine ernüchternde Bilanz: Die Teilprivatisierungen von Preussag, Volkswagen und Veba gelten darin als gescheitert, weil viele Kleinaktionäre ihre Volksaktien schon nach kurzer Zeit mit Gewinn wieder verkauften, statt sie langfristig zu halten.
Adenauer und Ben-Gurion treffen sich in New York

Bundeskanzler Konrad Adenauer und der israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion treffen sich am 14. März zu einem rund zweistündigen Gespräch im New Yorker Hotel Waldorf Astoria — beide Delegationen hatten sich bewusst im selben Haus, nur zwei Stockwerke voneinander getrennt, einquartiert, um am Rande anderer New-York-Termine ein informelles Treffen zu ermöglichen. In dem Gespräch sagen sich beide Seiten gegenseitige Zusammenarbeit zu; verhandelt wird unter anderem über die Verwendung deutscher Kreditmittel für israelische Aufbauprojekte. Die Begegnung gilt als einer der Grundsteine der sich erst langsam entwickelnden deutsch-israelischen Beziehungen.
Aus heutiger Sicht
In der westdeutschen Bevölkerung selbst ist die Stimmung gegenüber der Aussöhnung mit Israel gespalten: Eine Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1951 hatte gezeigt, dass sich nur etwa die Hälfte der Befragten für Wiedergutmachungszahlungen an Israel aussprach, während rund ein Drittel dagegen war — ein Stimmungsbild, das die offizielle Versöhnungsgeste Adenauers 1960 nicht ohne Weiteres widerspiegelt.
Lufthansa startet ins Düsenzeitalter mit der Boeing 707

Am 2. März trifft die erste Boeing 707-430 der Lufthansa in Hamburg-Fuhlsbüttel ein — der Einstieg der Fluggesellschaft ins Düsenzeitalter. Ab dem 17. März setzt die Lufthansa die vierstrahlige Maschine im Liniendienst über den Nordatlantik ein und verkürzt die Flugzeit zwischen Europa und Nordamerika erheblich gegenüber den bisherigen Propellermaschinen. Am 16. September tauft der Regierende Bürgermeister Willy Brandt eine der neuen Boeing 707 erstmals auf den Namen „Berlin".
AM RANDE NOTIERT
- John F. Kennedy gewinnt am 8. November hauchdünn die US-Präsidentschaftswahl gegen Richard Nixon — sein Amt tritt er erst im Januar 1961 an.
- In den USA erhält die Antibabypille Enovid am 23. Juni die behördliche Zulassung als Verhütungsmittel; in der Bundesrepublik kommt die „Pille" erst 1961 auf den Markt.
- Am 16. Mai bringt Theodore Maiman in Kalifornien den ersten funktionierenden Laser zum Leuchten — der Beginn einer neuen Technikepoche.
- In Wuppertal nimmt am 1. August eine Polizei-Hubschrauberstaffel ihren Dienst auf — ein kleines Zeichen der Modernisierung im Wiederaufbau- Jahrzehnt.
- Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela gründen am 14. September in Bagdad die OPEC — ein neues Bündnis der Erdöl-Förderländer, das die Weltwirtschaft der kommenden Jahrzehnte mitprägen wird.
- Bei einer hitzigen UN-Debatte über die Entkolonialisierung schlägt der sowjetische Regierungschef Chruschtschow am 12. Oktober vor der UN-Vollversammlung mit seinem Schuh auf den Tisch — eine der denkwürdigsten Szenen der Vereinten Nationen.
- Die Deutsche Bundesbank verschärft 1960 mehrfach ihre Geldpolitik und erhöht die Mindestreserven, um die überhitzte Konjunktur der Wirtschaftswunder-Jahre zu bremsen.
- Im Zoologischen Garten Wuppertal entsteht 1960 ein neues Vogelhaus — ein kleiner, aber sichtbarer Baustein im stetigen Ausbau des beliebten Zoos im Zooviertel.
- Die noch unbekannte Liverpooler Band The Beatles gibt am 17. August ihren ersten Auftritt im Hamburger Indra Club auf der Großen Freiheit — vor einer Handvoll Gäste, engagiert von Club-Betreiber Bruno Koschmider für 48 Abende.
- Der deutsche Weinjahrgang 1960 geht als „Überläufer" in die Annalen ein: Die Winzer verbuchen eine Rekordernte, doch der verregnete Sommer liefert vor allem dünnen, wenig lagerfähigen Wein.
- Ein Autoradio der Marke Blaupunkt kostet 1960 stolze 495 DM — mehr, als mancher Arbeiter im Monat verdient.
WIRTSCHAFT · 1960
Die Bundesrepublik erlebt 1960 den Höhepunkt des Wirtschaftswunders: Die Arbeitslosenquote sinkt auf 1,3 Prozent — ein historisches Rekordtief und der Beginn einer Vollbeschäftigungsphase, die bis zur Ölkrise 1973 anhalten wird (1950 lag die Quote noch bei 10,4 Prozent). Das Bruttoinlandsprodukt ist seit 1949 von rund 79 Milliarden DM auf knapp 300 Milliarden DM gewachsen, die realen Löhne haben sich im selben Jahrzehnt verdoppelt. Um den wachsenden Arbeitskräftebedarf der Industrie und Landwirtschaft zu decken, schließt die Bundesrepublik am 29. März ein Anwerbeabkommen mit Spanien und am 30. März eines mit Griechenland — nach dem Abkommen mit Italien von 1955 weitere Bausteine der gezielten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte.
Der Preisspiegel:
- Brot (1 kg) — 0,85 DM
- Butter (1 kg) — 6,50 DM
- Milch (1 l) — 0,45 DM
- Eier (1 Stück) — 0,21 DM
- Kaffee (1 kg) — 18,60 DM
- Benzin (1 l) — 0,57 DM
- Tageszeitung (BILD-Zeitung) — 10 Pfennig
SPORT · 1960
1960 ist ein großes Olympia-Jahr: Nach den Winterspielen im kalifornischen Squaw Valley ziehen vom 25. August bis 11. September die Sommerspiele nach Rom — die ersten Spiele, die live ins europäische Fernsehen übertragen werden. Dort holt — wie bereits vermeldet — der „Blitzstarter" Armin Hary aus Frankfurt über 100 Meter Gold und gewinnt mit der deutschen Staffel (Bernd Cullmann, Walter Mahlendorf, Martin Lauer) zudem in Weltrekordzeit von 39,5 Sekunden Gold über 4 × 100 Meter — der erste und bis heute einzige deutsche Olympiasieg über die Kurzstrecke. Auch die US-Sprinterin Wilma Rudolph sorgt mit drei Goldmedaillen für Furore, obwohl sie als Kind an Kinderlähmung erkrankt war und lange Beinschienen tragen musste. Weltweit macht zudem der äthiopische Läufer Abebe Bikila Schlagzeilen: Barfuß gewinnt er den Marathon durch die nächtlichen Straßen Roms und wird als erster Schwarzafrikaner überhaupt Olympiasieger, während der erst 18-jährige Boxer Cassius Clay — der spätere Muhammad Ali — im Halbschwergewicht triumphiert. Wie schon 1956 in Melbourne tritt in Rom erneut ein gesamtdeutsches Team aus Sportlern der Bundesrepublik und der DDR gemeinsam an: Weil sich beide deutsche Staaten auf keine gemeinsame Flagge und Hymne einigen können, läuft die Mannschaft unter Schwarz-Rot-Gold mit den Olympischen Ringen ein, und bei Siegerehrungen erklingt als Kompromiss die Melodie von Beethovens „Ode an die Freude" aus der 9. Sinfonie — ein Arrangement, das bis zur endgültigen deutsch-deutschen Olympia-Trennung 1968 Bestand hat.
MODE · 1960
Auch modisch markiert das neue Jahrzehnt einen eleganten Übergang: Mit dem Wahlkampf und Wahlsieg von John F. Kennedy rückt dessen Ehefrau Jacqueline Kennedy ins Rampenlicht der internationalen Mode. Ihr schlichter, hoch angesetzter Pillbox-Hut — oft mit den kastigen, tailliert geschnittenen Kostümen des amerikanischen Designers Oleg Cassini kombiniert — und der klare, unaufgeregte „Jackie-Look" werden zum Vorbild einer jungen, kultivierten Weiblichkeit, die sich sichtbar vom strengen, figurbetonten New-Look Christian Diors aus den späten vierziger und fünfziger Jahren löst: weniger Petticoat und Wespentaille, dafür gerade Linien, schlichte Farben und ein aufgeräumter, fast sachlicher Chic. In den Wuppertaler Kaufhäusern und Modehäusern — nicht zuletzt in einer Stadt, die mit ihrer traditionsreichen Textilindustrie selbst jahrzehntelang für den deutschen Markt produziert hat — hält dieser gepflegte, klare Stil ebenso Einzug wie erste, noch zaghafte Vorboten einer jugendlicheren, lässigeren Mode, die das kommende Jahrzehnt prägen wird.
KULTUR · 1960
In der Westfalenhalle Dortmund gastiert in dieser Saison wieder die Eisrevue Holiday on Ice mit ihrem neuen Programm „Wizard" — ein Zauberer-Thema voller funkelnder Kostüme und artistischer Pirouetten. Seit 1952 ist die Dortmunder Halle fester Spielort der amerikanischen Show, die seit ihrer Europapremiere 1951 in Frankfurt am Main auch die deutschen Zuschauer verzaubert. Für viele Familien aus dem Bergischen Land lohnt sich die Fahrt ins Ruhrgebiet, um einmal im Jahr dem Winterspektakel auf Kufen beizuwohnen.
KINO & FERNSEHEN · 1960
An den deutschen Kinokassen dominiert weiterhin die US-Großproduktion „Ben Hur" mit 13,5 Millionen Besuchern, doch gleich dahinter behauptet sich der heimische Film: „Der brave Soldat Schwejk" (10,85 Millionen), „Das Spukschloss im Spessart" (9,25 Millionen), „Im weißen Rößl" (7,1 Millionen) und „Ich zähle täglich meine Sorgen" mit Peter Alexander (6,4 Millionen) füllen die Säle im ganzen Land. Insgesamt hält der deutsche Film 1960 einen Marktanteil von 58,1 Prozent — 58 Produktionen locken rund 156,7 Millionen Besucher in die Kinos. Doch der Boom der fünfziger Jahre bröckelt bereits: Immer mehr Zuschauer bleiben dem Kino fern, das Fernsehen beginnt, dem Lichtspielhaus Publikum abzujagen. Im Fernsehen selbst sorgt der vom WDR produzierte mehrteilige Fernsehroman „Am grünen Strand der Spree" unter der Regie von Fritz Umgelter für Aufsehen — ein mehrteiliges Format, das ganze Familien Woche für Woche vor die Empfangsgeräte holt.
GESTORBEN · 1960
- Victor Klemperer (78), Romanist, Tagebuch-Chronist des NS-Alltags — 11. Februar.
- Max von Laue (80), Physiker, Nobelpreisträger — 24. April, Berlin.
- Hans Albers (68), Schauspieler und Sänger („Große Freiheit Nr. 7") — 24. Juli.
- Liesl Karlstadt (67), Soubrette und Kabarettistin, langjährige Bühnenpartnerin Karl Valentins — 27. Juli.
- Wilhelm Pieck (84), Präsident der DDR — 7. September, Berlin (Ost).
LICHTBLICKE · Gutes aus dem Jahr 1960
- Sirimavo Bandaranaike wird zur weltweit ersten gewählten Regierungschefin (21. Juli). Die Ceylonesin übernimmt als Premierministerin die Amtsgeschäfte und durchbricht damit erstmals die reine Männerdomäne an der Spitze einer demokratisch gewählten Regierung.
- Hans Günter Winkler holt mit dem deutschen Team Springreiter-Gold in Rom (11. September). Der gebürtige Wuppertaler aus Barmen gewinnt auf seiner Stute Halla gemeinsam mit Fritz Thiedemann und Alwin Schockemöhle die Mannschaftswertung — ein weiterer Höhepunkt seiner beispiellosen Olympia-Karriere.
- Anwerbeabkommen mit Spanien und Griechenland (29./30. März). Um den wachsenden Arbeitskräftebedarf der boomenden Industrie und Landwirtschaft zu decken, schließt die Bundesrepublik nach dem Vorbild des Abkommens mit Italien von 1955 weitere Anwerbeverträge — ein Baustein des ungebrochenen Wirtschaftswunders.
- Arbeitslosenquote fällt auf Rekordtief von 1,3 Prozent (1960). Die Bundesrepublik erreicht damit faktisch Vollbeschäftigung — ein Jahrzehnt zuvor, 1950, lag die Quote noch bei 10,4 Prozent.
DAS WETTER · 1960 im Bergischen Land
An diesem 13. Juli war es im Raum Wuppertal ein milder Sommertag: Höchstwert 20,5 °C, in der Nacht 10,7 °C; kein Tropfen Regen fiel, die Sonne zeigte sich rund 5,6 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 9,8 °C — nahe dem langjährigen Essener Mittel (~9,6 °C). Wärmster Tag 29 °C am 23. Juni, kältester −12 °C am 13. Januar. 0 Hitzetage (≥30 °C), 9 Eistage (Dauerfrost); Jahresniederschlag rund 1026 mm.
Ein außergewöhnlich nasses Jahr mit über 1000 mm Niederschlag — und keinem einzigen Hitzetag.
(Messwerte der Station Essen-Bredeney, rund 25 km westlich von Wuppertal — die nächstgelegene durchgehend messende Station; Quelle: Meteostat / DWD.)
DIE HITS DES JAHRES · Top 20 1960
Die 20 erfolgreichsten Titel des Jahres in Deutschland nach den Single-Jahrescharts (amtliche Charts ab 1959).
- Banjo Boy — Jan & Kjeld
- Wir wollen niemals auseinandergehn — Heidi Brühl
- Marina — Rocco Granata / Will Brandes
- Seemann, deine Heimat ist das Meer — Lolita
- Milord — Edith Piaf / Dalida
- Unter fremden Sternen — Freddy Quinn
- Hohe Tannen — Hellberg-Duo
- Moonlight — Ted Herold
- Kein Land kann schöner sein — René Carol
- Schlafe, mein Prinzchen — Papa Bue's Viking Jazzband
- Red River Rock / Komm zurück in das Tal — Johnny & The Hurricanes / Friedel Hensch
- Ich zähle täglich meine Sorgen — Peter Alexander
- Mustafa — Leo Leandros
- Kalkutta liegt am Ganges — Vico Torriani
- Melodie der Nacht — Freddy Quinn
- Gitarren klingen leise durch die Nacht — Jimmy Makulis
- Morgen — Ivo Robic / Billy Vaughn
- It's Now or Never / Ich komme wieder — Elvis Presley / Gerd Böttcher
- Die Liebe ist ein seltsames Spiel — Connie Francis
- Itsy Bitsy Teenie Weenie — Club Honolulu / Brian Hyland
Quelle: Single-Jahrescharts Deutschland (chartsurfer.de / offizielle Charts).
Gold im Achter: Ratzeburger Ruderclub und Kieler Ditmarsia siegen in Rom
Am Albaner See bei Castel Gandolfo ist am Sonnabend um 18 Uhr die Entscheidung im Achter gefallen: Das Boot der Renngemeinschaft aus Ratzeburger Ruderclub und Akademischem Turnverein Ditmarsia Kiel hat im olympischen Finale gesiegt. Es startete für die gesamtdeutsche Mannschaft und siegte in 5:57,18 Minuten vor Kanada und der Tschechoslowakei. Der Achter der Vereinigten Staaten, der von 1920 bis 1956 jedes olympische Rennen in dieser Bootsklasse gewonnen hatte, kam nur als Fünfter ins Ziel. Es ist die erste Niederlage der Amerikaner im Achter nach acht Olympiasiegen in Folge, und es ist das erste olympische Gold für einen deutschen Achter überhaupt.
In dem Boot sitzt mit Klaus Bittner ein Mann der Kieler Ditmarsia. Neben ihm rudern Karl-Heinz Hopp, Hans Lenk, Manfred Rulffs, Frank und Kraft Schepke, Walter Schröder und Karl-Heinrich von Groddeck; am Steuer sitzt Willi Padge. Trainer Karl Adam hat die Mannschaft zusammengeführt, die kein Neuling auf dem Wasser ist: Schon 1959 wurde der Achter Deutscher Meister und Europameister und von den Sportjournalisten zur „Mannschaft des Jahres“ gewählt. Die Rom-Regatta lief vom 30. August bis zum 3. September; das Finale bildete den Abschluss der Ruderwettbewerbe.
Im Dezember soll Bittner das Silberne Lorbeerblatt erhalten, die höchste Sportauszeichnung der Bundesrepublik.
Fackeln auf dem Rathausturm: 66. Kieler Woche eröffnet

Mit bengalischem Feuer auf dem Rathausturm hat die Stadt am Sonntagabend die 66. Kieler Woche eröffnet. Bis zum 26. Juni werden auf der Förde die Wettfahrten gesegelt; an Land ist die Woche das Volksfest am Hafen.
Auf dem Wasser sorgt ein alter Bekannter für die Schlagzeilen: Der Däne Paul Elvstrøm gewinnt die Wertung der Finn-Dinghis, nachdem im Vorjahr Wilhelm Kuhweide aus der Bundesrepublik die Finn-Klasse für sich entschieden hatte. In der Nordischen Folkeboot-Klasse trägt sich Christian Lageri-Schmidt, ebenfalls aus Dänemark, in die Siegerliste ein. Die besten Plätze gehen in diesem Jahr nach Norden.
„Main“ läuft vom Stapel: erster Kieler Kriegsschiffneubau seit 1945

Auf der Lindenau-Werft in Friedrichsort ist am Sonnabend der Tender „Main“ vom Stapel gelaufen, mit Kennung A 63 ein Schiff der Klasse 401. Es ist der erste Kriegsschiffneubau in Kiel seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Kiellegung liegt knapp ein Jahr zurück: Am 1. August 1959 begannen die Arbeiten auf dem Helgen.
Die Tender der Klasse 401 sind als Mutterschiffe für Schnellboote gedacht. Acht Einheiten sind vorgesehen, das Typschiff heißt „Rhein“. Die „Main“ soll für das 5. Schnellbootgeschwader in Dienst gestellt werden.
Für Kiel ist der Stapellauf mehr als eine Werftnachricht. Die Stadt, die nach 1945 ihre Kriegsmarine verloren hatte, ist wieder Marinestandort. Seit März 1956 liegen in Kiel die ersten drei Schnellboote der Bundesmarine; schon 1954 hatte Hans Müthling Marineeinheiten für Kiel gefordert. Im Januar dieses Jahres erst traf als Leihgabe der Vereinigten Staaten der Zerstörer „Z 2“ ein, ehemals USS „Ringgold“, der seit 1959 der Bundesmarine zur Verfügung steht.
Spatenstich für den Oslokai: Fähre nach Norwegen soll 1961 fahren

An der Kieler Förde haben am 8. Juni die Vorarbeiten für einen neuen Fähranleger begonnen. Der norwegische Reeder Anders Jahre hat der Stadt bereits 1959 den Vorschlag gemacht, eine regelmäßige Fährlinie zwischen Oslo und Kiel einzurichten, und die Verbindung soll im Jahr 1961 aufgenommen werden. Dafür braucht das Schiff einen Platz, an dem Reisende und Fahrzeuge von Bord gehen können.
Die Stadtverwaltung entschied sich für einen Neubau nördlich des Seegartens. Veranschlagt sind 5,2 Millionen DM; die Fläche soll 25 000 bis 30 000 Quadratmeter umfassen. Die Magistratsversammlung hat den Namen für die Anlage gleich mitbeschlossen: Sie soll „Oslokai“ heißen, als Dank an den Reeder, der den Anstoß gegeben hat.
Aus heutiger Sicht
Der Oslokai wurde am 3. Mai 1961 eröffnet, als die „Kronprins Harald“ erstmals anlegte und am selben Tag nach Oslo zurückfuhr. Später ist aus der Anlage der Ostseekai geworden, mit einem 300-Meter-Liegeplatz für Kreuzfahrtschiffe.
KURZ NOTIERT · Kiel 1960
- 18. Januar — Der Onassis-Tanker „Olympic Challenger“ verlässt Kiel, nachdem er fast ein halbes Jahr gegenüber dem Bahnhof gelegen hat. Die Anwohner am Bahnhofsplatz müssen sich an einen neuen Ausblick gewöhnen.
- 22. Januar — Der Zerstörer „Z 2“, eine Leihgabe der Vereinigten Staaten an die Bundesmarine, trifft in Kiel ein.
- 15. Februar — Erster Spatenstich für das Hochhaus der Universität an der Olshausenstraße; das Scheibenhochhaus nach einem Entwurf von Ellen Krotz soll in den nächsten Jahren entstehen.
- 29. April — Das Hotel Astor am Holstenplatz wird eröffnet. Als Hotel dienen zunächst nur die Etagen sieben bis neun mit 48 Einzel- und 7 Doppelzimmern; im Dachgeschoss liegt die Astor Bar.
- 14. Mai — Das Kieler Fernsprechnetz wird an den Selbstwählferndienst angeschlossen. Das Fräulein vom Amt hat damit weniger zu tun.
- 1. August — Neues Tarifsystem bei der KVAG: Die Straßenbahnfahrt kostet 40 Pf., Streifenkarten haben 24 Stempelfelder.
- 24. August — Eine Löwin aus einem Privatzoo in der Neumühlener Straße entweicht und hält Wellingdorf drei Stunden in Atem, ehe sie von sich aus in ihren Käfig zurückkehrt.
- 20. Oktober — Die Ratsversammlung beschließt den Bau einer Schwimmhalle auf dem Ostufer.
RUND UM DIE FÖRDE · 1960
- 22. August, Heikendorf — Die Gemeinde Heikendorf erhält die Genehmigung für ihr Wappen, entworfen vom Brunsbütteler Heraldiker Willy Lippert: Ein blauer Fisch steht für das Fischerdorf Möltenort, ein goldenes Pflugeisen für die alten Bauerndörfer Alt und Neu Heikendorf.
- September, Plön — Die Marineunteroffizierschule bezieht die Ruhleben-Kaserne in Plön. Die Ausbildung der Unteroffiziere der Bundesmarine hatte 1956 in Cuxhaven begonnen und lief seit 1957 in Eckernförde.
SPORT AN DER FÖRDE · 1960
- THW Kiel — Bei der Hallenhandball-Endrunde in Stuttgart (Killesberghalle) erreicht der Nordmeister am 6. März das Finale: Vorrunde 9:9 gegen Haßloch und 6:1 gegen Ansbach, Halbfinale 4:3 gegen den Berliner SV 1892. Im Endspiel unterliegen die Kieler Frisch Auf Göppingen 3:6 (Halbzeit 2:3) und werden Vizemeister.
- Feldhandball — Der THW steht in der Endrunde, scheidet aber im Achtelfinale aus; seit 1959 führt der Verein getrennte Feld- und Hallenmannschaften.
- Holstein Kiel — Die Störche beenden die Oberliga-Nord-Saison 1959/60 in der höchsten Spielklasse auf Platz neun: 8 Siege, 11 Unentschieden, 11 Niederlagen, Tore 50:52, 27 Punkte. Meister wird der Hamburger SV mit 45 Punkten.
DAS WETTER · 1960 in Kiel
An diesem 13. Juli war es an der Förde ein milder Sommertag: Höchstwert 20,6 °C, Tiefstwert 12,4 °C, Tagesmittel 15,6 °C. Es fielen nur 0,7 mm Regen, die Sonne schien rund 11,0 Stunden.
Das Jahr über: Im Mittel 8,5 °C. Wärmster Tag 28,4 °C am 30. Juli, kältester Tiefstwert −10,2 °C am 17. Januar. Kein Hitzetag (≥30 °C), 3 Sommertage (≥25 °C), 14 Eistage (Dauerfrost) und 69 Frosttage. Jahresniederschlag 924 mm, Sonnenscheindauer 1554 Stunden.
(Messwerte der DWD-Station Kiel-Kronshagen. Quelle: DWD Climate Data Center.)